Ein Diwan

Part 4

Chapter 43,731 wordsPublic domain

Wer singen und dichten konnte, war im schönen Andalusien nimmer verloren. Der Verbrecher, der zum Tode geführt wurde, konnte sich noch am Fuße seines Galgens befreien, wenn er einige anmutige Schmeichelworte in gereimter Rede zu sprechen vermochte. Der Bettler, der heute am Straßenrande lag, konnte morgen Wesir sein, wenn er, vom Emir in Versen angesprochen, in Versen antworten konnte. So wurde Ibn Ammâr von Al Motamid aus dem Staube erhoben, so hat derselbe Fürst auf der Gasse von Sevilla seine süße I'timâd, die Sklavin Romaikija, gefunden, das reizende Spielzeug seines Lebens bis zum Tage, da er nach Agmât wandern mußte in den Kerker seines Feindes.

Hand in Hand mit dieser tiefen Liebe zur Dichtung, dem höchsten Stolz des feingesitteten Andalusiers, ging die Pflege der Wissenschaften. Ueberall im Lande, in Cordova, Sevilla, Toledo, Valenzia, Almeriga, Malaga, Jaen, wuchsen islamische Akademien empor, denen umfangreiche Bibliotheken angegliedert waren, aufgesucht von den lernbegierigen Jünglingen der ganzen arabischen Welt. Hier wurde Philosophie, Grammatik, Lexikographie, Medizin gelehrt, und wie die andalusischen Jünglinge hinauszogen bis nach Bagdad, um die großen Lehrer des Islams zu hören, so kamen sie auch aus Syrien und dem Irak nach Cordova, um Schüler berühmter Meister genannt zu werden.

Dieses heiße Streben nach Bildung und Gesittung erhielt aber seinen höchsten Glanz durch die unerhörte Pracht, den maßlosen Reichtum, der sich in Städten wie Cordova, Sevilla, Toledo entfaltete. Bis in die dunkle Klause sächsischer Klöster drang die Kunde von diesem Reichtum: -- »O Cordova, die helle Zierde der Welt, die junge, herrliche Stadt, stolz auf ihre Wehrkraft, berühmt durch ihre Wonnen, strahlend im Vollbesitz aller Dinge!« sang die Nonne Hroswitha von Gondersheim. In der Tat, man kann sich heute kaum eine Vorstellung von dem Zauber machen, der damals diese Stadt erfüllte. Wer sie besuchte, mußte erst einen dichten Kranz marmorner Sommerpaläste durchwandern, die aus dem von Tausenden von Olivenbäumen bekränzten Ufer des in goldgrünen Wellen hinströmenden Guadalquivir emporragten und schon um das Jahr 950 achtundzwanzig Vorstädte bildeten. Kam er dann in die Stadt selbst mit ihren 113000 Häusern, 300 Bädern und 3000 Moscheen und betrat gar die große Moschee mit ihren »1300 Riesensäulen unter der gewaltigen Kuppel«, so mochte er sich schon dem Eindruck dieser stolzen Größe beugen, wenn ihm nicht schon vorher die Herrlichkeit dieser Welt überkommen war, da er die berühmte Brücke Abderrahmâns über den Guadalquivir, das Werk seines Lebens, zagend überschritten hatte. Aehnlich wirkte das lachende Sevilla mit seinen belebten Gassen inmitten der fruchtbaren Ebene, in der es lag, ähnlich das nördliche Toledo, das auf der natürlichen Feste eines hochragenden Felsens am Ufer des gelben Tajo gegründet war, Toledo, in dem Orient und Okzident am frühesten in innige Verbindung traten. Hier strömte das bildungsfähige Abendland zusammen, um in die Geheimnisse arabischer Weisheit einzudringen, hier bildeten sich schon im zwölften Jahrhundert förmliche Uebersetzungsschulen, welche die aristotelische Philosophie im arabischen Gewande der lernbegierigen Christenheit vermittelten.

Der Orient war es, der hier den blühenden Baum in den Garten des Okzidents gepflanzt hat. Er hat die Schönheit Andalusiens erst geschaffen. Die Schönheit der natürlichen ebenso wie der geistigen Kultur. Die Hände der Wüstensöhne hatten das ganze Land mit Kanälen und Wasserwerken durchzogen und dem Boden seine Fruchtbarkeit abgerungen, ihr Lied und Sang, ihr Denken und Forschen war es, was auch die Menschen des Landes eroberte. Es war eine starke Besitzergreifung. So stark, daß durch die Vermählung von Land und Menschen bald ein neues Volk geboren war, eine jungfräuliche Nation mit neuem, bald im ganzen Orient berühmtem Namen: -- El Andalus.

III

An der Wende dieses glücklichen und reichen Zeitalters, in den letzten Strahlen seiner untergehenden Sonne, wurde zu Toledo um das Jahr 1083 Jehuda ben Samuel ben Samuel Halevi, oder, wie er arabisch hieß, Abul Hasan Allâwi, geboren. Die Familie, der er entstammte, war unbekannt, aber nicht arm. Wenn er auch im zartesten Alter die Belagerung Toledos (1085) und die Judenverfolgung in derselben Stadt (1090) erlebt hat, scheint doch seine Jugend glücklich gewesen zu sein, um so glücklicher, als er aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Kind seiner Eltern war. Bald aber entwöhnte ihn das rauhe Schicksal dieser »Milch der Jugendtage«. Der Vater muß frühzeitig gestorben sein. Er ließ den Knaben mit der Mutter zurück, welche seine ersten bitteren Enttäuschungen noch miterleben mußte.

Nach der Sitte der Zeit wurde der Knabe mit den schwarzen Locken und den dunklen feurigen Augen, die über braunen, gesunden Wangen leuchteten, früh in die Sprache und Lehre seiner Väter eingeweiht. Mit dreizehn Jahren sprach und schrieb er ein vollendetes Hebräisch und war gleichzeitig tief in die Kenntnis der arabischen Literatur wie der ganzen Zeitkultur eingedrungen. Er hat also seine erste Jugend, obgleich im christlichen Spanien, doch an der Grenze der mohammedanischen Kultur zugebracht. Dort hat er die arabische Kasside singen gelernt, das Preisgedicht, die poetische Epistel, sowie die kunstvollen Gürtel- und Kettenlieder, die damals in Spanien aufkamen.

Um jene Zeit erfüllte der Name Abû Harûn Mose ibn Esras, des religiösen Dichters, die jüdische Welt Spaniens. Dieser kaum mehr als fünfundzwanzig Jahre alte Dichter lebte wie die meisten Ibn Esras in Granada, jener Stadt im Süden Spaniens, die damals so viel Juden hatte, daß man sie schlechthin die »Stadt der Juden« nannte. Da erhielt er eines Tages aus dem fernen Norden eine poetische Epistel. Von der Hand eines Kindes. Und las. Und war erschüttert. Dann setzte er sich nieder und schrieb die Antwort:

Ein Kind noch jung, ein Knabe zart, Will Geistesfelsen rücken? Stößt Helden in den Staub hinab Und läßt als rot und weißer Knab' Schon volle Blüten blicken?

So ist's: Vom Norden strahlt er auf Und füllt mit Licht die Auen. Die ganze Weite ist erhellt, Noch höher als das Sternenzelt Könnt seine Hand ihr schauen.

Mose ibn Esra hat das Verdienst, Jehuda Halevi »entdeckt« zu haben. Er tat es im guten Sinne des Wortes. Er gewann eine vollständige Herrschaft über den jungen Dichter, der sich ihm mit ganzer überschwenglicher Seele hingab. Der junge Jehuda war eine zarte, deutlich feminine Natur. Bei einem ausgesprochen genialen Selbstbewußtsein war er die Demut selbst vor seinen Freunden, die er fast immer überschätzte. Er vergötterte sie. Er dichtete ihnen die Eigenschaften an, die ihm selber fehlten. Oft erzürnte er sich mit ihnen, immer aber war er derjenige, der um Verzeihung bat. Es ist rührend zu sehen, wie häufig er in seinen Episteln an die erzürnten Freunde nach einer Schuld sucht, die nicht vorhanden ist. Von keinem aber ließ er sich so beherrschen, wie von Mose ibn Esra. Als er sich schon dem Gipfel seines Ruhmes nähert, fühlt er sich noch als sein Jünger. Wenn er dem Meister seine Verse schickt, ist es ihm, als schickte er Boten an den Gesalbten Gottes, den König. Und er läßt sie zum Könige sprechen:

Herr, o trage unsre Last, Laß uns selbst nicht Sünde tragen, Wenn in unbeholfner Hast Wir dein Lob zu singen wagen.

Was wir bringen, ist ja noch Keine Blüte, Knospe eben, Aber einstmals soll es doch Hier auch Frucht und Blüte geben.

Mose ibn Esra war ihm der, welcher berufen war, ihn zu läutern, »das Gold zu scheiden von seiner Schlacke«. Er war ihm dichterisches und menschliches Ideal, das Urbild der Demut und Selbstbeherrschung. Welch trauriger Irrtum: Mose ibn Esra führte ein wilderes, zerfahreneres Leben als Jehuda Halevi, dem aller Jammer, dessen sein Leben voll war, von einem herrlichen Frohgemüt übersonnt war, während der andere an seinen eigenen Launen zerschellte.

Am Ende des Lebens entfremdeten sich die Freunde, wofür die Schuld wohl eher in Mose ibn Esra zu suchen sein wird, den der strahlende Ruhm des Jüngeren seinem Charakter nach kränken mußte. Als er 1138 starb, sang ihm Halevi dennoch das Grablied: -- »Mose, Mose, mein Bruder, Licht meines Mondes, meine Sonne, meine Leuchte, meines Glanzes Quell von alten Tagen her!« --

IV

Vom Norden her sandte Jehuda Halevi seine ersten Verse nach dem schönen Granada. Dann aber kam er selbst nach dem Süden. Warum? -- Wir wissen es nicht. So klar uns der Lebens- und Stimmungsgehalt der nun folgenden Epoche ist, so dunkel und tatsachenarm ist sie. Um 1100, also mit ungefähr siebzehn Jahren, befand sich der Dichter schon im Süden Spaniens, und zwar zunächst im Südwesten. Die allgemein verbreitete Annahme, daß er die Hochschule des berühmtesten jüdischen Gesetzlehrers jener Zeit, Isak Alfasi, in Lucena besucht habe, ist nichts als eine leere Vermutung, die sich auf die Tatsache stützt, daß er beim Tode Alfasis (1103) sechs Zeilen schrieb und die Einsetzung des jungen, ihm befreundeten Josef ibn Migasch in den erledigten Lehrstuhl dieses Meisters in einem Hymnus feierte. Jehuda Halevi zeigt in allen seinen Werken keineswegs mehr, eher weniger als die talmudische Durchschnittsbildung seiner Zeit. Vielmehr ist anzunehmen, daß dem herangewachsenen Jüngling die einfache materielle Sorge nach dem an Existenzmöglichkeiten reicheren Süden trieb. Mit seiner Ankunft in Andalusien beginnt eine Zeit der Kämpfe und Irrfahrten für ihn. Von Stadt zu Stadt wanderte er, ohne einen festen Halt zu gewinnen. Der Kampf um den Bissen Brot jagte ihn durchs Land. Sevilla, Granada, Guadix, Malaga, Lucena waren die Städte, in denen er sich aufhielt, doch immer nur kurze Zeit. Den Arztberuf, dem er später oblag, scheint er hier noch nicht ausgeübt zu haben. Vielmehr lebte er allem Anschein nach von seiner Feder. Er dichtete Hochzeitslieder und erhielt Honorare dafür. Er besang die Koryphäen seiner Zeit, die ihm ihrerseits Ehrensolde übersandten, oder ihn, wie es Sitte war, in ihrem Hause wohnen, an ihrem Tische essen ließen. Zeitweise ging es ihm so erbärmlich, daß er an reiche Leute Bettelgedichte richten mußte, um sein Leben zu fristen. Es war nur zu verständlich, daß sich in dieser Zeit seiner im tiefsten Grunde heiteren und lebensfrohen Seele recht oft die verzweifeltsten Stimmungen bemächtigten. Er fühlte sich von allen verlassen und es war ihm, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen. Einsam und verwaist nannte er sich. Dabei wuchs natürlich sein Bedürfnis nach Freundschaft, noch mehr aber seine Empfindlichkeit. So geriet er immer tiefer in eine Stimmung hinein, welche der Kulturstimmung jener Zeit ähnlich war: Weltschmerz und Lebensverachtung.

V

Auf die Epoche des Glanzes war in Andalusien eine Epoche der tiefsten Erniedrigung gefolgt. Der Stern des Islam war im Verblassen. Vom Norden her bohrte das Königreich Kastilien seinen Stachel den Mauren immer tiefer ins Fleisch. Nachdem Ferdinand (1037-1067) gestorben war, bestieg sein Sohn Alfons VI. den Thron von Kastilien. Dieser übernahm den Kampf gegen den Islam als heiliges Vermächtnis von seinem Vater, und es gelang ihm infolge der Zersplitterung des mohammedanischen Spaniens, die kleinen Territorialfürsten Andalusiens zum Tribut zu zwingen. 1085 wagte er den ersten großen Vorstoß, dem der wichtigste Verteidigungspunkt der Mauren, der Turm am Tore Andalusiens, Toledo, zum Opfer fiel. Ganz Südspanien erbebte unter diesem Schlage. Die Verwirrung und Angst wuchs von Tag zu Tag. Da tat der Emir von Sevilla, der schon mehrfach genannte Al Motamid, den verhängnisvollsten Schritt, den er überhaupt tun konnte. Er rief den in Nordafrika regierenden Almoraviden Jussuf ibn Taschfîn mit seinen Berberscharen zu Hilfe. Dieser kam und erfocht gegen die Christen in der furchtbaren Schlacht von Sallaka (1086) einen vollen Sieg. Der Süden schien gerettet. Nach der Schlacht ließ Jussuf aus den gefallenen Christenleibern einen Riesenturm aufschichten, von dessen Spitze der Muezzin nach allen vier Winden ausrufen mußte, daß es keinen Gott gebe außer Allah: lâ allâh ill' allâh. Trotzdem blieb der Sieg unausgenutzt, und als Jussuf nach Nordafrika zurückgekehrt war, stand alles wie vorher. Wieder stieg die Not aufs Höchste. Da erschien Motamid selbst in Nordafrika, um Jussuf persönlich zu veranlassen, noch einmal der Retter zu sein. Jussuf kam. Aber er ging nicht wieder, ohne sich seinen Lohn genommen zu haben. Er machte dem Zaunkönigtum in Andalusien mit einem Schlage ein Ende, Granada und Malaga fielen, dann Cordova und Carmona. Al Motamid mit seinen Söhnen wehrte sich tapfer. Aber es half ihm nichts. Er mußte den schrecklichen Tod seiner Söhne erleben, um schließlich in den Kerker zu Adschmât zu wandern, wo er nach vier Jahren schwerer innerer Leiden, gebrochen an Leib und Herzen, seine königliche Dichterseele aushauchte. Das war im Jahre 1095.

Jussuf ibn Taschfîn hatte Andalusien unterworfen. Geholfen aber hatten ihm dabei nicht nur seine wilden Berbern, sondern auch als unversöhnlichste Truppe die orthodoxen Gelehrten des Islam, die Fakîhs. Sie begannen jetzt das Regiment zu führen. An Stelle der früheren Schönheit und Leichtigkeit des Lebens machte sich der bigotte Geist dieser orthodoxen Emporkömmlinge breit. Frömmelei und Beterei vernichteten alle Blüten der früheren Freiheit. Die graziöse Geste der Lebensfreude wurde erstickt in dem Buchstabenknäuel des koranischen Gesetzes. Ketzerriecherei und Angebertum schlossen den fröhlich leichtsinnigen Mund des gebildeten Volkes. Als gar Jussuf das Zeitliche gesegnet hatte (1106), und sein bigotter, unbedeutender Sohn Alî an seine Stelle trat, stieg die innere Not Andalusiens auf den Gipfel. Niemand fühlte sich im Lande wohl außer den Fakîhs und dem Pöbel. Die Philosophen schwiegen, denn Philosophie war verpönt. Die Freigeisterei wurde verfolgt. In den Städten spielten die brutalen, unsauberen Berbern die Hauptrolle. Die Dichter, noch vor zwanzig Jahren die Lieblinge des Volkes, gerieten in tiefste Armut. Sie hatten keine Beschützer mehr. Wer von ihnen nichts auf sich hielt, lief den Fakîhs nach und sang ihr Lob, um von ihnen Geld zu erhalten. Die Spekulation auf die Eitelkeit dieser frommen Leute war auch richtig, aber sie bezahlten schlecht, und wer seine Kunst in Ehren hielt, mochte sie nicht besingen. Ibn Bakî, einer der begabtesten Dichter, welche Andalusien überhaupt hatte, irrte wie ein Landstreicher von Stadt zu Stadt.

Es ist kein Wunder, daß unter diesen Umständen der bessere Teil der andalusischen Bevölkerung in dumpfe Verzweiflung geriet. Die meisten von ihnen hatten die schönen Tage der Freiheit noch gesehen. Um so tiefer deuchte ihnen jetzt ihr Fall. Es war alles so schnell gekommen. Was früher unten war, war jetzt oben, die Verachtetsten waren die Mächtigsten geworden. So wurde dem Volke damals mehr denn je das Wechselspiel des Lebens klar. Und da der Druck immer unleidlicher wurde, so kam es, daß im Lande die alten Lebenswerte entwertet wurden, und die Sehnsucht nach etwas Neuem, Höherem erwachte.

VI

So war in Andalusien der Boden beackert für die Saat eines neuen Wissens, das gerade damals in Spanien seinen Einzug hielt. Es war die Inbrunst des Persers Al Gazzâlî, welche den Samen auswarf. Dieser wundersame Mann, der im Jahre 1059 in dem kleinen zu Tus gehörigen Städtchen Gazzâlah geboren ward, war nach mannigfachem Suchen und Forschen an allem irre geworden, was seine Zeit ihm bot. Die islamische Theologie, die an der Schale haftend ihre ganze Kraft an kalten Rechtsfragen halb und ganz ritueller Natur vergeudete, ekelte ihn an. Die Philosophie, die im Geiste die vollkommenste Macht gefunden zu haben glaubte, befriedigte ihn nicht, sondern brachte ihn nach langem Studium zu verzweifelter Skepsis. Hier wie dort erfror ihm die Seele. Die Spekulation war ebenso kalt wie die Dogmatik. Dies wird ihm zum schwersten Kampfe seines Lebens. Tiefe religiöse Erschütterungen machen ihn an Leib und Seele siech. So erfolgt im Jahre 1095 sein aufsehenerregender Abgang von der Bagdader Akademie, an der er ein bedeutendes Lehramt innehatte. Er ging, um sich ganz dem beschaulich einsamen Leben eines Sûfî[1] hinzugeben. Aus dieser Einsamkeit heraus, die im Jahre 1111 mit seinem Tode endete, predigte er der Welt seine neue Lehre.

Es ist eine tiefe, inbrünstige und leidenschaftliche Religion, die er vom Menschen verlangt. Eine Religion, in deren Mittelpunkt die Seele steht. Sie ist die Macht aller Mächte. Aber diese Macht ist gebunden, gebunden in des Leibes irdischer Leidenschaft. Zwei Welten gibt es, el mulk und el malkût, die Welt des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Zwei Tore hat die Seele den Welten entsprechend: Das Tor nach außen und das Tor nach innen. Glaube aber nicht, daß du das Tor nach innen wirst öffnen können, wenn du den Riegel des Leibes nicht zu sprengen vermagst. Befreie dich vom Leibe, vom irdischen Hang, so wird dein inneres Auge schauen, was nie dein äußeres sah. So wird der Aufstieg nach el malkût gelingen, und Auge in Auge wirst du schauen den Herrn. Ewig aber wird er dir verborgen sein, wenn du nicht zur Reue dringen kannst, wenn dein Herz des Irdischen sich nicht zu entschlagen vermag. Ein Kelch ist dein Herz: Solange der noch voll Wasser ist, hat er für den Wein keinen Platz. Laß das Wasser auslaufen, o Herz! Die Liebe wird es vollbringen, deine Liebe zu Gott. Die Welt ist ein Kerker, der dich hindert, den ewig Geliebten zu schaun. In der Stunde des Todes springt der Kerker auf, die Fesseln fallen, du bist bei deinem Geliebten. Und vorher nicht? Erst der Tod ist das Erwachen? Ruhig, Seele! Du kannst das Erwachen vorwegnehmen. Läutere dich durch die gute Tat. Sie ist die Brücke, die hinüberführt zu el malkût. Reue und Zerknirschung, Andacht und Inbrunst, Versenkung und Kasteiung tragen dich zu ihm, dem Einzigen, den du suchst. Mit Schleiern bedeckt ist heute deine Seele, so du aber Gott deine Inbrunst gibst, so wird er einen Schleier nach dem anderen von dir nehmen, bis du ihm nahe bist, ihn im klarsten Lichte zu schaun wie einst die Propheten. Dann hast du den Frieden. --

Es war die Religion seines Lebens, die Gazzâlî lehrte. Es war nur natürlich, daß sie wirkte wie das Leben. Als das berühmte Buch des Philosophen über »die Belebung der Religionswissenschaften« nach Andalusien kam, rief es eine ungeheure Aufregung hervor. Während die ernsteren Geister, die unter dem Drucke der almoravidischen Fakîhs seelisch zugrunde gingen, das Erlösende der Lehre nur zu tief verspürt haben mögen, entfesselte sie bei den Theologen helle Wut. Obwohl das Buch keineswegs heterodox war, fühlten diese doch, daß der Geist ihnen im innersten fremd war. So verketzerten sie das Buch und setzten durch, daß es nicht bloß in Cordova und allen anderen Städten des Reiches verbrannt, sondern sogar der Besitz eines Exemplars bei Todesstrafe verboten wurde.

VII

Damals lernte auch Jehuda Halevi die Schriften Gazzâlîs kennen. Das wurde ihm Ereignis. Was alle damals bewegte, mußte auch ihn bewegen. Ja, mußte ihn tiefer bewegen als alle, weil er Jude war und doppeltes Leid trug. Mit dem Eindringen der Almoraviden in Spanien hatte für die Juden eine schlimme Zeit begonnen. Während ihre Edlen früher an den heiteren Höfen von Malaga, Sevilla und Cordova hohe Stellungen einnahmen, und das Volk unter ihrem Schutze ein freies Leben führen durfte, so daß auch in seiner Mitte Kunst und Wissenschaft blühten, lösten jetzt Verfolgungen, Erpressungen und fanatische Bekehrungsversuche einander ab. Jehuda Halevi litt entsetzlich. Der von König Jussuf an den Juden Lucenas geübte Gewaltstreich (1107), der vielfache Frauenraub berberischer Horden, die Ermordung seines Freundes Salomo ibn Farusal (1108), warfen dunkle Schatten in sein Gemüt. Dazu kam sein damals auf den Gipfel gestiegenes persönliches Elend: Hunger, vielfach erfahrener Undank, das Bewußtsein, andere minder Befähigte erfolgreich, sich selbst aber immer »in des Lebens letzter Reihe« zu sehen, all das wirkte zusammen, seine Lebensanschauung bestimmend zu gestalten. Was war ihm das Leben? -- Ewige Versagung. Was war ihm die Welt? -- Eitel Schaum.

So kam er zu Stunden tiefster Verzweiflung, die ihn an sein Leben mit der letzten Frage herantreten ließen. Ein ergreifendes Zeugnis solcher Stunden blieb uns in jenem herrlichen Gedicht aufbewahrt, in dem er im Traume die tröstenden Freunde zu sich kommen sieht. Was soll ihm ihr Trost? Muß er nicht bei ihnen volle Garben und bei sich die ewig dürren Halme sehen?

Ich von allen meinen Lieben Bin allein in meiner Kammer Heimgesucht von allem Jammer, Aller Nöte Kind geblieben.

Was noch kann die Zeit mir geben? Such' ich, was ich _nie_ erworben? -- Ach, ich bin schon längst gestorben, Und ich hab' kein Recht zu leben!

Daß der junge Dichter solchen Stimmungen anheimfallen konnte, zeugt von der tiefen seelischen Not, die ihn oftmals gedrückt haben muß. Diese Not muß um so tiefer vorgestellt werden, als er von Natur eine glückhelle Seele war. Der geringste Sonnenstrahl, der in sein Elend fiel, half ihm über ewige Nächte hinweg. Wie leicht wäre er zufrieden gewesen! Er war kein Weltfeind, und nichts war ihm fremder als Menschenmäkelei. Gern hätte er mit der Welt in Frieden gelebt. Aber immer wieder mußte er ihr Dirnentum erkennen:

Wenn ein Mann schon mit ihr leben will, Sie zur Gattin sich erheben will, Muß er sich mit einer Dirne plagen.

So kam er schließlich dahin, daß er sich vollständig zu verlieren drohte und an das Glück nicht einmal zu glauben vermochte, wenn es an seinem Halse lag. Es kamen frohe Stunden, Stunden der Liebe, der Freundschaft, der Anerkennung, der materiellen Sicherheit. Da wußte er sie nicht zu genießen: »Nur wenn es mir schlecht geht, bin ich stark,« so klagt er, »und zittere, wenn mir das Glück lächelt; denn morgen wird es nicht mehr sein.« Oft war er nahe daran, seinen Jammer zu vergessen und sich des Heute zu freuen, das so schön war und so voll Trostes, da traf es ihn plötzlich wie ein Stich in die Brust: Alles Lüge, alles Lüge! »Die Welt will mich einlullen, ihr Elend zu vergessen. Fast gelingt es ihr. Aber ich kenne ihr schlimmes Tun, ich kenne es.« Sein ursprünglich heiteres Gemüt war verdunkelt. Seine Seele war müde geworden.

Und doch sollte die Verzweiflung ihn nicht haben. In seiner schlimmsten Zeit scheint es gewesen zu sein, als ihm die Persönlichkeit Gazzâlîs entgegentrat und ihm den Rückweg zu sich selber zeigte. Hier war einer, der all das für verachtenswert erklärte, was ihm selbst, Jehuda Halevi, versagt war, all das für ewigen Reichtum, was er bei sich trug. Einer, der die Eitelkeit alles Irdischen, die Hohlheit des Lebens, die Nichtigkeit des Denkens an sich selber erlebt hatte. Und dem aus dem Chaos der Triebe, Wünsche, Sehnsuchten, aus den Trümmern, die er, selbst geschlagen, nur ein einziges Wertvolles sich gesondert hatte, ein Diamant unter den Scherben seines Lebens: Die Seele. Die Seele, die aus Gott kam, zu Gott will, in Gott ist. Jehuda Halevi fand sich in Gazzâlî wieder. Der brachte ihm den Sieg über sich selbst, die Begründung seiner Religion fürs ganze Leben. Der Einfluß ist unverkennbar. Jene geheimnisvollen Lieder Jehuda Halevis an die Seele sind ein tiefgehender Beweis. Es ist dieselbe vibrierende Stimme, die aus ihnen und dem religiösen Bekenntnis des arabischen Meisters spricht. Das Leben ein Traum, ein Erwachen der Tod, aber die hingegebene Seele findet den Weg zu ihm schon vor dem Tode, vermag sich selbst die Pforten aufzubrechen, den Kelch sich zu füllen aus dem Brunnen der Ewigkeiten. O Seele, du liegst im Sarge deiner Sinne, du moderst bei Lebzeiten, wenn du die Welt nicht zu verachten vermagst. Wirf hin, was du hast, so hast du ewigen Reichtum. Laß hinter dir die Erde, steig empor zu ihm, zu seinem Throne, siehe, er kommt dir entgegen, sein Geheimstes vermagst du zu schauen: