Ein Diwan

Part 3

Chapter 33,640 wordsPublic domain

Auf ein Leuchten will ich blicken, Aus der Hand voll Glanz und Schimmer: O wer weiß, sie kann noch immer Ihre Morgenröte schicken! Tragen will ich, alles tragen, Meinen Kummer unterjochen; Denn ein einzig starkes Nu: Und die Kette ist gebrochen! Wecken wird mich meine Stunde, Meines Jammers jüngstes Tagen: Und so harre ich der Kunde, Gönne meinen Wimpern nimmer, Daß sich ihnen Schlummer böte, Immer an der Morgenröte Wimpern lasse ich sie hängen: Seelen, die sich selbst erheben, Seelen, die in Hoffnung leben, Gott wird ihre Tore sprengen!

Sie besuchten mich im Traume, Wollten trösten, wollten laben; Doch versiegelt und vergraben Blieb ihr Trost im dunklen Raume.

Und von allen ihren Lehren Hatt' ich nichts als Herzensdarben, Sah bei ihnen volle Garben Und bei mir die dürren Aehren.

Ich von allen meinen Lieben Bin allein in meiner Kammer Heimgesucht von allem Jammer Aller Nöte Kind geblieben. -- --

Was noch kann die Zeit mir geben? Such' ich, was ich nie erworben? -- Ach, ich bin schon längst gestorben, Und ich hab' kein Recht zu leben!

Und als nun alle war mein Gold, Hat sich der Freund davongetrollt. Ich lief ihm nach: O hab' Geduld! Was zürnst du mir? Was schuld ich dir? Da rief er lachend: Deine Schuld Ist klar: Bist du nicht arm? --

Siehe, Menschensohn, siehe: Alles ist Tand! Ziehe aus, ja, ziehe Die bunten Kleider der Freude, Schlag um die Schultern das Trauergewand! Das wird zerfallen, Und wie's zerfällt, So du: Das ist von allen Den Mühn der Welt Dein letzter Teil -- Die Ruh'!

Kann dich Reichtum locken, Herz? Jagst du nach dem Glücke? Kennst du nicht der Zeiten Trug, All die falsche Tücke?

Wer sich lange Schleppen macht, Kürzt sich seine Schritte, Strauchelt bei der schönsten Pracht Auf des Weges Mitte.

Liegt denn nicht die schlimme Zeit Deinem Auge offen? Und du hoffst? -- O folge mir: Höre auf zu hoffen!

Freue dich vor deinem Nächsten, Ueble Laune lasse schwinden, Und du wirst das Herz der Weisen Und den Rat der Klugen finden!

Sei nicht schlecht und sei nicht dumm, Auch nicht allzusehr gerecht, Und erreichen wirst du alles, Was dein Herz sich wünschen möcht.

Weh der Kunde, die im Ohre gellt: -- Keine Wahrheit gibt's in dieser Welt, Dieser schlimmen Welt der falschen Wagen:

Wenn ein Mann schon mit ihr leben will, Sie zur Gattin sich erheben will, Muß er sich mit einer Dirne plagen!

Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? -- Lebendig faßt dein gutes Wort mich an; Doch sag' ich: Nein! Was je mir Freude schuf, War nur der Tropfen, der vom Eimer rann.

Das Naschwerk nur, das ich am Herde fand, Das liebte ich, das hab' ich mir erwählt, Doch zu des Geistes Kränzen, die ich wand, Hab' ich mein leichtes Dichten nie gezählt.

Und ist die Weisheit wie ein Meer so weit, Mein Lied ist nur der Schaum, der drüber weht: Nicht Mauern will ich türmen als Poet, Mein leichtes Ziel ist: Liebenswürdigkeit.

Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! -- Zur letzten Reihe stellte ihn das Leben; Und als es endlich seine Reihe fand, War alles Glück der Welt schon längst vergeben.

Auch er gehört zu der Berufenen Schar, Hat niemand seinen Namen auch geschrieben: Und wenn er selbst der Edelste nicht war, Er ist im Kreis der Edlen doch geblieben.

Seh' ich, wie Narren Sich glücklich preisen, Seh' ich die Weisen Hungern und harren: -- Schnell möcht' ich laufen, Den Verstand versaufen!

BECHERSPRUCH

Augen auf, mein Liebster traut, Was im Kelche blinkt: Schaue, eh' der Nachbar schaut! Trinke, eh' er trinkt!

ZWEI RÄTSEL

I

Die Stirne von Eisen, Daß Brüder sich schieden; Die Zunge zu preisen: Sie macht wieder Frieden.

(_Die Wage._)

II

's ist ein Gefäß von ungemeßnen Tiefen, Doch faßt die kleinste Hand es gut; Und dennoch kann die Hand nicht prüfen, So nah sie kommt, was in ihm ruht.

(_Der Handspiegel._)

VI. ZION

Zion, willst du nimmer wieder Die verbannten Kinder grüßen, Sie, die letzten deiner Herde, Die dich immer wieder grüßen? Osten, Westen, Süden, Norden, Alle Nähen, alle Weiten -- Horch, von allen fernsten Borden Grüßt es dich: Höre sie, Zion! Höre auch mich!

Armer Gefangener ich, Ich mit meinem Sehnen, Hermonstau meine Tränen! Hermonstau? -- O wären sie's nur, Daß ihrer Tropfen Spur Deine ewigen Höhen benetze!

Ich aber, ein Tier der Wüste, Kann nur heulen ob deinem Falle; Nur, wenn im Traume die Zukunft mich grüßte: Heimwallende Scharen -- zum Liedeshalle Meine Schmerzen alle, Zur jubelnden Harfe waren.

Um Bethel stöhnt mein Herz, Um Peniël muß ich weinen, Um Machanaïm und die reinen Stätten alter Gottesschau!

Dort ließ der Herr sich finden Und wohnte im lichten Flor, Dort ließ dein Schöpfer münden Deine Tore ins schimmernde Wolkentor Hoch oben in ewiger Ferne: Und war deine Fackel und Leuchte und Licht, Und Sonne und Mond, sie leuchteten nicht, Und ach, wie bleichten die Sterne! Sein ewiger Geist ergoß sich dort Auf herrliche Kinder der Wahl: O könnte an jenem heiligen Ort Auch meine Seele immerfort Ergießen ihre Qual! O Königshaus! O Gottesthron! Wie darf ein Knecht und Knechtessohn Auf Heldenthronen prahlen?

Könnte ich wandern über die Stellen, Wo der Herr sich so herrlich gezeigt, Wo er in Flammen sich, strahlenden, hellen, Deinen Priestern und Sehern geneigt! Flügel, wer gibt mir mächtige Flügel, Daß ich mich schwänge zum Lande der Lust, In eure Risse, ihr zackigen Hügel, Trüge die Risse der leidenden Brust. Oh, dann stürzte ich jubelnd nieder, Meine Arme griffen das Land, Streicheln würd' ich die Steine, die kalten, Schmeichelnd würd' ich dich fassen und halten --

Du, der Heimat glühender Sand! Wie erst, stünd' ich dort an den Grüften, Die mir künden der Väter Gruß, Könnte durchwandern in Hebrons Lüften Stolzeste Gräber mein zagender Fuß! Oh, dann schritt' ich durch deinen Garten, Ginge waldüber nach Gilead, An deinen Bergen und Felsenwarten Staunt' ich die durstige Seele mir satt. Hor, Abarim, o ewige Wonnen! Mose und Aaron, begrabene Sonnen, Leuchten und Lehrer, wo finde ich euch?

Seelenlabe sind deine Lüfte, O du hochgesegnetes Land, Deine Ströme sind Honigdüfte, Myrrhe spendet dein wirbelnder Sand. Doch das süßeste Sehnen für immer Bleibt bei deinen Hallen stehn, Zion, über deine Trümmer Möchte ich nackt und barfuß gehn: Sehen, wo die heilige Lade Am geheimsten Orte stand, Wo im stolzesten Flügelrade Man die goldenen Engel fand!

Herunter das Haar vom lockigen Haupt, Herunter dir von der Stirne geraubt Des Reifes goldene Bande!

Fluch dem Geschicke, Fluch der Zeit, Die heilige Häupter so schmählich entweiht In schmacherfülltem Lande!

Essen und Trinken, wie kann es mir munden? Deine Löwen seh' ich zerbissen von Hunden, Deine Aare zerrissen von gierigen Raben -- Licht des Tages, wie kannst du mich laben?

Ha, du Becher des Grams, Fort mit dir, lasse mich los! Angefüllt ist meines Leibes Schoß Schon längst mit bitteren Gallen! Um Israel hob ich den Kelch zum Mund, Um Juda leert' ich ihn bis zum Grund, Kein Tropfen der Hefe gefallen!

Zion, Zion, du Krone der Zeit, Schönheit und Liebe sind dein Kleid, So hältst du die Kinder gefangen; Sie lachen mit dir zur Lachenszeit, Sie stöhnen um dein bitteres Leid, Um dein Ende tropfen die Wangen.

Sie schmachten aus Kerkersnöten empor, Sie neigen sich deinem ewigen Tor, Wenn ihre Gebete trauern. Deine irrenden Herden allzumal, Verjagt vom Berg ins dunkle Tal, Ach, sehn nur deine Mauern! Sie klammern sich fest an deinen Saum, Und hoch in den schwankenden Wipfelraum Deiner Palmen greifen die Hände: -- O Sehnsucht sonder Ende! Wohlan, wer will sich messen? Ha, Patros, Schinear, Wagt ihr's? Habt ihr vergessen, Vergessen ganz und gar Das heilige Zionpriesterkleid? O über eure Nichtigkeit, Und eure morsche Größe!

Nein, neben dich kann niemand treten, Kein König kommt den deinen gleich: Was sind die Allerweltspropheten Vor deinem heil'gen Priesterreich? Ach, alles stürzt von seinen Thronen, Es sinkt der falschen Götter Recht, Doch ewig bleiben deine Kronen, Dein Schatz ins tausendste Geschlecht! Du Gottessehnsucht, Menschensehnen! -- Wem deine Mauer wieder Heimat bot, Heil ihm, und wer durch Sehnsuchtstränen Erblickt dein ew'ges Morgenrot! Dein Morgenrot, da alle Wolken fallen, Und hundertfacher Glanz vom Himmel bricht, Da deine Kinder jauchzend heimwärts wallen, Und in des Jauchzens Heil und Widerhallen Aufstrahlt dein altes königliches Licht! --

Im Orient ist mein Herz, im Okzident, Am letzten Saum, verträume ich die Stunden. Kann Trank und Speise, noch so süß, mir munden? Kann ich Gelübde, kann ich Schwüre halten, Solange Zion liegt in Roms Gewalten? Läßt mich Arabien nicht im Kerker kümmern? Und was ist Spaniens reichste Flur, Was ist sie vor dem Staube nur Auf Zions, -- Zions Trümmern? --

Komm mit mir gen Zoan, Zum Schilfmeer und Horeb; Wandeln will ich nach Silo, Zu gesunkenen Tempels Trümmern. Wo die Lade einst zog, Da will ich ziehen, Wo sie begraben ist, Da will ich knien; Küssen den Staub Süßer als Seim, Schauen die Auen, Die schönen, daheim, Schauen das öde, Vergessene Nest; -- Oh, wenn ihr wüßtet: Die Täublein zerstoben, Rabenbrut nistet Dort oben.

Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll, Und kam mich doch ein Zittern an: Nach Zion mir die Sehnsucht schwoll, Da gabest du mir liebevoll Ermutigung, Berater!

Und gabst mir deinen Namen her, Als Stab daran zu wallen; Nun schreit' ich hin, doch ist es mir, Als müßt' ich Schritt um Schritt vor dir In meine Kniee fallen.

VII. DAS MEER

DER STURM

1

In Wolkenräumen Dort richtet er, Der Gnaden Säume Wallen aufs Meer.

Der Mensch alleine, Wenn Gott ihm fehlt, Dient er dem Scheine Vom Trug beseelt.

Aus Alltagsgrüften Steht froh er auf, Eilt übers Meer Den Heldenlauf.

Doch ach, in Banden Der Schuld gefällt, Muß östlich landen, Wer westlich hält.

Und er gesteht: Nicht seine Kraft Weist ihm den Weg Der Wanderschaft.

Dann muß verzagen Das arme Herz Und klagen und fragen In Angst und Schmerz:

Vor dir, dem Einen, Wo soll ich ziehn? Wohin vor deinem Geiste fliehn?

2

Wie donnernde Räder rasen die Wogen In mächtigem Sturz übers brausende Meer, Es finstert der Himmel, von Wolken umzogen, Es schäumen die Fluten dahin und daher.

Da hebt sich der Abgrund und steigt in die Lüfte, Sein Brüllen bis hoch an die Wolken hallt, Es kochen die Tiefen, es schreien die Grüfte, Und keiner bändigt die tolle Gewalt.

Es sinken die Helden! die Stürme zerjagen Zu Bergen und Tälern den donnernden Schlund: Turmhoch das Schiff in die Lüfte getragen Saust es hinab in den gähnenden Grund.

Da suchen die Augen nach Schiffern und Knechten: -- O schweige mir, Herz, und hoffe auf ihn, Der einst uns an Moses gewaltiger Rechten Durch Schlünde des Meeres ließ ruhevoll ziehn.

So ruf' ich ihn an, den Herrn aller Herren! Und fürchte nur eins: Meiner Sünden Gewalt. Ach, wenn sie nur jetzt nicht den Weg mir versperren, Nur jetzt nicht mein Jammern, mein Flehen verhallt!

3

Ha, das Meer! Wie rast es wieder! Ha, der Ost! Wie schmettert er nieder Mächtig den stolzen zedernen Mast! Schüttet herab den Sturm seiner Grimme, Daß sich der Nacken der Stolzen krümme, Und der Schiffsherr zitternd erblaßt.

Kraftlos hängen dem Maste die Schwingen, Kann sie nicht heben, weiter zu dringen, Feuerlos siedet die Flut im Föhn. O wie verzweifeln die Herzen und stöhnen, Da sie die Ruderer hilflos frönen Und die Ruder sinken sehn.

Armer Schiffsherr, Steuermann schlechter, Dumme Ruderer, blinde Wächter, Wo, wo ist nun euer Mut? Trunken tanzt das Schiff im Winde Und verschleudert an die Gründe Alle euch als feiles Gut.

Seht, schon regt der Leviathan die Flossen, Kommt durchs tosende Meer geschossen, Ruft wie ein Bräut'gam die Gäste zum Schmaus; Und das Weltmeer mit gierigem Munde Schlingt seine Beute zum untersten Grunde: -- Alles verloren, alles aus!

4

Nun schmachtet nach den Höhen Zu dir mein Augenpaar Und bringet dir mein Flehen Als ernste Gabe dar.

Nun zittr' ich meiner Zeiten Und bebe, wo ich bin, Wie Jona muß ich breiten Die Arme nach dir hin.

Laß mich ans Schilfmeer denken Und träumen immerzu, Laß mich die Sehnsucht senken Im Liede nun zur Ruh!

Der Jordanwunderzeiten Erfreu' sich meine Brust, Das Herze mag sich weiten Als wie von Edens Lust;

Bis es zu ihm getragen, Der Bitteres versüßt, Und der des Grimmes Tagen Als Tag der Hilfe grüßt.

Ja, meine Augen hellen Zu ihm sich himmelan: Er legt durch Meer und Wellen Uns eine sichre Bahn.

Und endlich auch sein Toben Uns Menschenkindern frommt, Da Winter uns und Sommer Aus seinem Odem kommt.

5

So hat er seinen Zorn gewandt Vom niedern Sohne seiner Magd, Befreite aus dem Totenland Die arme Seele, die verzagt.

Nun eilen schon die goldnen Höhn Hernieder auf den wilden Grund Und bringen den erregten Seen Hinab den schönsten Friedensbund.

Da schweigt denn ganz der Schreckenslaut, Es ruht wie Oel das wilde Meer, Und keiner bebt und keinem graut, Und Freudenstimme rings umher.

An die verzagten Herzen dringt Der Liebe Engelstimme schon, Ihr Schreiten aus den Höhen klingt, Ein tief geheimnisvoller Ton.

So wird die Botschaft ausgesandt Dem Volk, das lang im Joche rang, Und das so hart des Drängers Hand, Des Leides Faust in Ketten zwang.

Du wildbewegtes Volk der Wahl, Du gleichst dem Schiff in Sturmesnot, Doch naht gewiß auch dir einmal Das liederweckende Gebot:

Heraus, heraus aus finstrer Nacht, O liebes Kind, zum Sonnenfirn, Sieh, Gottes himmelhohe Pracht Strahlt herrlich über deiner Stirn.

Holder Zephyr, deiner Lüfte Schwingen tragen Nardendüfte, Duft vom Apfelblütenstrauß! Wo des Krämers Würzen liegen, Dort begann dein frisches Fliegen, Nimmer in des Sturmes Haus.

Schwalbenflügel schwingst du leise, Freiheit lautet deine Weise, Myrrhen streust du hin und her. Ach, wie freuen sich die Scharen, Die auf lockrer Planke fahren Mit dir übers weite Meer.

Laß das Schiff nicht aus der Rechten, Nicht am Tage, nicht in Nächten, Brich durchs Meer ihm seine Bahn! Banne fest die tiefen Gründe, Bis, die Ruhstatt deiner Winde, Gottes heil'ge Berge nahn!

Schilt den Ost, den Meeresstürmer, Flutenkocher, Wogentürmer: Hab' ich denn noch freie Bahn? Ich Gefangner von Gewalten, Die noch jetzt im Zaum gehalten, Losgerissen schon mir nahn?

Das Geheimnis meiner Flehen Bleibt bei Gottes Händen stehen, Der es mir verborgen hält: Er, der Höchste, schuf die Höhen, Er hat auch der Winde Wehen Heute gnädig mir bestellt.

Kommt die große Flut mit einem Mal? Läßt kein Land sich schauen in der Runde? Mensch und Tier und Vogel flohn die Stunde: Ist's das Ende? Kommt die Todesqual?

Säh' ich einen Berg, ein Tal allein, Würde meine Seele ruhig werden, Und ein wüstes Fleckchen dieser Erden, Würde jetzt mir süße Labe sein.

Ach, die Augen gehen um im Kreise: Nichts als Himmel, Flut, des Schiffes Knochen, Der Leviathan macht die Tiefe kochen, Und die Wellen schaun wie wilde Greise.

Und das Meer verbirgt uns in den Wogen Wie der Räuber sein gestohlenes Gut: -- -- -- Mag es rasen! Fröhlich ist mein Mut: Näher kommt die Heimat schon gezogen!

VIII. LETZTE TAGE

IN ÄGYPTEN

Die Städte sieh und sieh den Strand, Wo einst ihr heimisch wart: So ehre auch das fremde Land Und tritt es nicht zu hart.

Mach deine Sohle sanft und weich, Die durch die Straßen geht, Denn einst durch dieser Straßen Reich Schritt Gottes Majestät.

Er neigte sich an Tür und Tor Nach deinem Bundesblut, Und jeder sah's: Er schritt euch vor In Wolke und in Glut.

Aus dieses Landes Felsen kam Dein Bundeshort heraus, Und deine Quadern, alter Stamm, Die waren hier zu Haus!

Hat die Zeit das Kleid des Leides Ausgezogen und das Kleid des Lachens endlich angelegt? Sieh die Welt im Byssuskleide Hingelehnt in Gold und Seide, Wie sie ihre Glieder regt!

Sieh am Strome das Gefilde, Das mit Gozens schönem Schilde Seine bunten Ufer hüllt; Und der Steppe Blumenbeete Und die alten Trümmerstädte, Die ein goldnes Leuchten füllt;

Und am Strand die süßen Frauen, Gleich Gazellen anzuschauen, Nur nicht so geschwind zu Fuß: Denn an ihren Armen hängen Spangen, und den Schritt beengen Güldner Ketten Klingegruß.

Ach, schon ist das Herz gefangen, Und des Alters bleiche Wangen Sind vergessen auf der Flur: In Aegyptens Paradiese, An dem Strome, auf der Wiese, Denk ich meiner Jugend nur!

TODESAHNEN

Wollt ihr Liebes mir vergelten, Sendet meinem Herrn mich zu! Eh' ich unter seinem Zelte Glücklich nicht das meine stellte, Find' ich Armer keine Ruh'.

Haltet mich nicht auf zu eilen, Da mich schon die Angst erfaßt: Unter seinem Flügel weilen Und der Väter Ruhe teilen Bleibt doch meine einz'ge Rast.

Dein Wunder geht durch alle Zeit Und kündet uns, was Väter sahn: Des Stromes Wasser wurde Blut, Da war kein Spruch, kein Zauber gut, Dein Name hat's getan!

Dein Name und der Wunderstab, Den legtest du in Moses Hand: O führ' auch meinen frommen Mut, -- Das geht so schnell, das geht so gut -- In deiner Wunder Land.

JEHUDA HALEVI, seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen

von Emil Bernhard

I

Das Land Spanien breitet nach Süden seine Arme aus. Durch die Geradlinigkeit des Pyrenäenrückens von Europa getrennt, vermag es keinen regeren Verkehr mit den Völkern nördlich des Gebirges zu erzeugen, zumal die Stämme, welche am Fuße der bergigen Mauer wohnen, jenseits und diesseits einander zu ähnlich sind, um durch gegenseitige Bekanntschaft angeregt und bereichert zu werden. Darum wendet Spanien dem übrigen Europa den Rücken zu. Wie es aber im Norden verriegelt ist, so hält es im Süden die Tore offen. Während bis zum Guadalquivir hinab sich jenes weite zusammenhängende Hochland der iberischen Meseta erstreckt, das ein echt kontinentales Klima extremer Sommer- und Wintertemperaturen aufweist, beginnt nach Osten, Süden und Südwesten hin ein ganz anderes und wundervolles Bild. Ein Armausbreiten in der Tat: Als wenn das ganze Land in Liebe sich ergösse, treibt es die volle Herrlichkeit des Südens hervor. Es ist die Sonne der Mittelmeerländer, die hier scheint, ihre Blume ist es, die hier blüht, ihr Regen, der hier rauscht. Hier haben wir die wilden Gewitter, die im Nu kommen, und im Nu vergehen, den feinen Sonnenregen zurücklassend über der perlenbesäten Flur. Hier wandeln wir durch die lichten Wälder, die Maquidickichte, die Huertas und Vegas, jene herrlichen Gartenoasen, von Bächen durchrauscht hierhin und dorthin, wo die Granate flammt, und der Apfelbaum schimmert in der lichten Pracht seiner Blüten. Hier rauschen die Morgen- und Abendwinde über taubedeckte Täler und künden die Nacht an, die nirgends emporsteigt wie hier, so träumerisch erhaben, so schlummernd wach, so einsam und so beredt. Das ist das Land Andalusien, von dem der alte arabische Dichter einst sang: »Da es emportauchte aus des Meeres Flut, ward es wie eine Perle aus der Muschel gehoben. Da erbebten die Wogen vor Entzücken, als sie sich legten wie eine Kette um seinen Hals. Darum lächeln noch immer in ihm wonneerbebende Blüten, darum schmettern in ihm die Nachtigallen auf lauschenden Zweigen. Hier ist die Heimat meiner Lust. Weh mir, wenn ich je sie verlassen müßte! Hier nur ist ein Garten, die ganze Welt eine Wüste.« Und als der unglückliche Emir von Sevilla, Al Motamid, im fernen Marokko eingekerkert saß und seine wundervollen Elegien sang, da bebte die Schönheit Andalusiens durch sein Lied: »O wie gerne möchte ich wissen, ob ich meinen Garten und meinen See wiedersehen werde in jenem stolzen Lande, wo die Oliven grünen, wo die Tauben girren, wo die Vögel ihr liebliches Gezwitscher ertönen lassen.«

II

Das Land Spanien breitet seine Arme nach Süden aus. Und der Süden stürzte in seine Arme. Nachdem die Halbinsel manche ethnische Revolution erlebt hatte, nachdem Kelten, Karthager, Phönizier, Römer, Vandalen schwere Erschütterungen über sie gebracht hatten, erhob sich im Anfang des achten Jahrhunderts die ganze, junge, unberührte Gewalt der Atlasländer und ergoß den heißen Strom ihrer Stämme übers Meer in die herrlich blühenden Fluren Andalusiens und weiter bis in den Norden hinein. Der Orient vermählte sich dem Okzident und brachte ihm als Morgengabe eine neue, kaum hundertjährige Kultur mit, die, eingepflanzt in die bunten Gärten Südspaniens, eine herrliche Blütezeit erlebte.

Nach der machtvollen Regierung der Ommajaden, vor allem der fünfzigjährigen des glänzenden Abderrahmân III. (912-961), der in der Millionenstadt Cordova, ein zweiter Salomo, alle Pracht und Bildung der Welt um sich sammelte, ward die arabische Herrschaft zwar bald durch lange Bürgerkriege in viele kleine Staaten zerschlagen, die Kultur aber erhielt sich in ihrer vollen, zauberhaften Schönheit. Im Gegenteil: Die Kleinstaaterei diente noch ihrer Förderung. All die Emire von Sevilla, Cordova, Granada, Malaga, Murcia waren zu schwach, als daß sie ihren Ehrgeiz in großen kriegerischen Unternehmungen befriedigen konnten. So suchten sie sich den Ruhm ihrer Vorgänger als Förderer und Pfleger der Künste und Wissenschaften zu erhalten und zu mehren. Und nie hat in einem Lande die Dichtkunst so geblüht wie in Andalusien.

Es war, als hätte diese gesegnete Erde nur darauf gewartet, von den Sohlen der freien, sangesfrohen Wüstensöhne, den Hütern der lauteren Sprache, den Schatzmeistern des reinen Arabisch berührt zu werden, um zu ewigen Jubeltönen zu erwachen. Da begann die Laute zu klingen vor den Balkonen in der Nacht zu feinen arabischen Sequidillas zum Lobe der Schönen: -- »Zum Monde blickte ich, o Geliebte, und seinen Strahlen. Da nahm er einen Schleier und verhüllte sich: Er schämte sich, o Geliebte, als er dein holdes Antlitz sah. Deine Schönheit überwand ihn, er mußte sich verbergen.« -- Da tanzte und sang das Volk auf der Silberwiese von Sevilla, am grünen Ufer des Guadalquivir; sie warfen sich freundliche Worte in gereimter Rede zu, und hin und wider scholl das Lachen; und verkleidet unter ihnen wandelten die Fürsten und Prinzen und verlustierten sich im süßen Nichtstun. In der wundervollen Landschaft Silves hatte jeder Bauer das Talent, zu improvisieren. Wie sollte er auch nicht: Silves war die Perle in der silbernen Muschel Andalusiens. Als der genannte Al Motamid seinen Freund Ibn Ammâr als Statthalter nach Silves sandte, da brach er in Erinnerung an seine dort verlebten Jugendtage aus dem Stegreif in die Verse aus: -- »Ach, wie oft haben dort die jungen, weißen und braunen Mädchen mir das Herz mit ihren süßen Blicken durchbohrt, als ob ihre Augen Dolche wären oder Lanzen! Und welche Nächte habe ich in jenem Tale am Ufer des Flusses mit der schönen Sängerin zugebracht, deren Armband dem zunehmenden Monde glich! Sie machte mich trunken durch Blicke, trunken durch Wein, trunken durch ihre Küsse!«