Ein Diwan

Part 2

Chapter 23,542 wordsPublic domain

So wie ein Knecht nach Schatten lechzt, Lechzt Israel: Erlös' es nun! Und ruf' ihm zu: Wie lange noch Willst du im düstern Hause ruhn? Sag' an, wie lang? Sag' an, wie weit? Auf, leuchte! Denn es kommt die Zeit: Dein Leuchten kommt!

In deinem Haus zu ruhen, Gibt es wohl süßre Rast Dem Volk, in dessen Reihen Du deine Ruhe hast?

Du, der auf Weltenhöhen So unermeßlich thront Und doch im Herz des Armen Und des Gebeugten wohnt:

Dich faßt nicht Himmelshöhe, Die dich zu fassen wähnt, Und wenn sie bis zum Horeb Die ewgen Kreise dehnt.

Dein Weg, der ist so nahe Und doch so fernehin: Und alles, was du bildest, Hat seinen Zweck und Sinn.

Selbst meiner Seele Trachten, Das sendet mir mein Hort, Und wenn die Lippe redet, So ist's ein Gotteswort.

Fauler, wirst du nicht erröten? Schläfst bis in den Tag hinein? Hörst du nicht aus tiefsten Nöten Fremde Völker zu ihm schrein?

Schon mit ganzem Herzen dienen Ihm, die nie ihn noch gekannt: Und die ihm die Liebsten schienen, Die verstecken sich im Land?

Auf, schon tagt es fern im Osten, Auf, du Schläfer, aus der Ruh! Fremde stehen auf dem Posten, Und da träumest du? --

Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort, Gott Elijahus, wo ist dein Ort? Wir hörten dein Wort, wir schrieen empor, Schon tausend Jahre ist taub dein Ohr: -- Gott Elijahus, wo bist du?

Schloß Elijahu des Himmels Trauf', Riß Elijahu den Himmel auf: Wasser und Feuer fiel von den Höh'n, Karmel und Kison haben's gesehn: Gott Elijahus, wo bist du?

Sprach Elijahu zum Krügelein, Setzte er quellenden Segen darein; Ließ er den Toten vom Bette stehn: Wer hat es gehört? Wer hat es gesehn? -- Gott Elijahus, wo bist du?

Spritzt' Elijahu in feindliche Reih'n Flammendes Feuer und Funken hinein, Sechs Wochen fastet' er Tag und Nacht, -- Dann haben die Raben ihm Brot gebracht: -- Gott Elijahus, wo bist du?

Fuhr Elijahu im Sturme auf, Feurig raste der Räder Lauf: »Vater, Vater!« Elisa schrie, Elijahu war fort, man sah ihn nie: -- Gott Elijahus, wo bist du?

Elisa blieb und ging fürbaß, Er ging durch den Jordan und wurde nicht naß. Die Männer sahen's und staunten da: Elisa wie Elijahu geschah. -- Gott Elijahus, wo bist du?

Elijahu ist fort, doch -- -- wir sind da, Dulden und leiden ferne und nah; Versprochene Zeichen neben uns stehn: -- Wann werden wir deine Wunder sehn? Gott Elijahus, wo bist du?

III. LIEBE

Ofra wäscht ihre Kleider In meiner Tränen Flut, Ofra trocknet die Kleider An ihres Auges Glut.

Ofra braucht keine Bronnen Bei meines Auges Quell, Ofra braucht keine Sonnen, Denn ihr Auge ist hell.

Ich wiegt' auf dem Schoße Den Liebsten so schön, Da sah er sein Bildchen Im Auge mir stehn.

Der Schelm! Sieh, da küßt' er Mein Auge so wild: Mein Auge nicht küßt' er, Er küßte sein Bild.

Das Mädchen spricht: Was drängt ihr mich also, Ihr Frager, ihr flinken, Im Meere der Liebe Da sollt' ich versinken.

Da trat seine Sohle Zum donnernden Strande: -- Da ging ich im Meere, Als ging ich im Lande.

Der Knabe spricht: Im Garten der Schönheit Erwarbst du ein Land, Das grenzenlos reicht Bis zum ewigen Strand.

Und wolltest die Sterne Zum Schmucke du han, Sie sprängen dir gerne Von himmlischer Bahn.

ABSCHIEDSVERSE

1

Mein Lieb, wir müssen uns schicken, Nun scheid' ich aus dem Tal: Laß dir ins Auge blicken Zum allerletzten Mal!

Ich fürcht', ich kann nicht zwingen Das Herz in sein Revier: Heraus wird es mir springen Und laufen hinter dir.

2

Gedenke der Tage liebender Lust, Und ich will denken der Nächte: Wie du mir ziehst durch die träumende Brust, Auch ich, auch ich Durch deine Träume möchte.

3

Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt, Ich kann nicht hinübereilen; Doch wenn deine Liebe herüber wollt', -- Die Wogen würden sich teilen.

4

Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen Den Ton des Glöckleins über mir erlauschte, Das leise klingt an deinen Kleidersäumen!

Ach, daß ich noch im Tode mich berauschte, Wenn du mich grüßt und fragst in meinen Träumen, Und ich dann Gruß und Frage mit dir tauschte!

5

Du hast einen Mord begangen, Darum verklag' ich dich: Deine roten Lippen und Wangen Die sollen zeugen für mich!

Deine roten Lippen und Wangen, Was sind sie denn so rot? -- Nun mußt du schweigen und bangen: Mein Blut auf deinen Wangen, Das zeugt von meinem Tod.

6

Willst du wirklich meinen Tod? Ach, ich bete nur um Leben, Um es jung und frisch und rot Deinen Jahren zuzugeben.

Ach, du raubtest mir die Ruh' Meiner Nächte, süße Fraue! Leg' sie dir auf deine Braue: Schlummre, schlummre du!

7

All' meine Tränen blieben Im Feuer deiner Lust, All' deine Tränen zerrieben Die Steine in meiner Brust.

Durch Feuer und Wasser zusammen Schritt mein zitterndes Herz: Das waren deine Flammen, Das war mein weinender Schmerz.

8

Zwischen Bittre, zwischen Süße Muß mein Herz sich jetzt bequemen: Honig sind mir deine Küsse, Bitter ist das Abschiednehmen!

9

Aller Reichtum dieser Welt Ist mir eitel Trug, Deiner Lippen rote Schnur, Deiner Lenden Gürtel nur Wäre mir genug.

All mein süßer Honig fließt Dort, wo ich dich küßte, Meiner Narde sich ergießt, Alle meine Myrrhe sprießt Rund um deine Brüste.

10

Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun, Doch alles Tun veredelt sich durch dich.

11

Viel tausend Garben stehen Wohl in der Liebe Tal: Vor deiner Garbe beugen, Vor deiner Garbe neigen Sich alle allzumal.

12

Unter deinen leichten Füßen Heimlich süße Keime sprießen, Balsamknospe, Myrrhenblüt': Möchte doch mein Leben glücken Nur so lange, bis ich pflücken, Sehen kann, wie alles blüht.

13

Deine Stimme hör' ich nimmer, Aber leise hör' ich immer Klingen wie ein fernes Grüßen In den Tiefen meiner Seele Deine Kettchen an den Füßen.

14

Mein Herz wird bitter, Da es gedenkt: -- Noch hängt ja, hängt An den Lippen die Süße, Noch fühl' ich die Küsse, Die du mir geschenkt. --

Wach doch auf aus deiner Ruh; Daß ich mich an deinem Bilde labe! Träumest du von Küssen, süßer Knabe? -- Ich kann Träume deuten, du!

Wie die Sonne über Sphären schreitet, Herrschst du in der Welt mit Kraft und Mut: Deine Augen wilde Pfeile schießen, Männerherzen Ströme Blutes fließen: Mädchen, deine Pfeile treffen gut.

Wilde Blumen stehn in deinem Garten, Rote Blumen, die das Pflücken wert: Doch du stelltest zu des Gartens Schutze, An die Pforte stelltest du zum Trutze Hin das zuckende, das Flammenschwert.

ZUM RUHME DER BRAUT

I

Das Silber läßt sich gründen Im Schachte des Gesteins, Wer aber wollte finden Ein Liebchen so wie meins?

Wie Städte fest verbündet Mit Mauern und Gestämm: Wie Tirza hochgegründet Und wie Jerusalem!

II

Was wendet sie sich allerwärts, Zu suchen ein Gezelt, Da doch mein großes, weites Herz Das Tor ihr offen hält?

III

Dein Gesicht voll Rosen eine Küste: Meine Augen knicken sie; Aepfel der Granate deine Brüste: Meine Hände pflücken sie. Hoch auf deinem Lippenpaare Lodern wilde Feuerschlangen: Meiner Küsse Feuerzangen Reißen sie mir vom Altare.

IV

Wie zwei Abendwölfe fahren Aus des Waldes dunklen Nächten, Also steigen aus den Haaren Dir zwei rabenschwarze Flechten.

Doch da ist ein Licht, ein schnelles, Von der Wange eingedrungen, Und dein Antlitz steht wie helles Morgenlicht in Dämmerungen.

V

Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte, Und ihr Licht erlöscht in keinem Dunkeln: Leuchtet es im Tagesangesichte, Wächst es an zu siebenfachem Funkeln.

Zeigte Liebchen mir die Wangen, -- Mitternächt'ge Stunde war's --: Um die zarten Schläfen hangen Tief die Schleier ihres Haars.

Von Rubinen hell umgossen Ihre frohe Wange war, Und vom klarsten Licht umflossen Schien die dunkle Locke gar.

Wie die Sonne, wenn im holden Morgenstrahl die Flamme loht: -- Dunkle Wolken werden golden, Dunkle Wolken werden rot.

Liebe Sänger, singt den Trauten Holde Lieder zu den Lauten In dem schönsten Wechselsang! Singet den verhüllten Blicken, Die verstohlen schaun und nicken Durch des Fensters Seidenhang.

Sie, die Keuschen hinter Gittern, Die da lernten von den Müttern Rein zu halten Herz und Leib; Und die doch mit Pfeilen spielen, Kindlich mit dem Bogen zielen Ahnungslosen Zeitvertreib.

Weh, geschossen und getroffen! Klaffend steht die Wunde offen: Ach, sie ahnten keinen Harm; Sie, die nie an Schwerter rührten Und als einz'ge Waffe führten Ihren Alabasterarm.

Sie, die Schwachen, Müden, Süßen, Die das Kettlein an den Füßen, Allzu schwer das Ringlein drückt; Deren Auge bei den Lasten Ihrer seidnen Wimperquasten Kaum ein stiller Aufschlag glückt.

Aber wenn es einmal blicken Und empor zur Sonne schicken Seine heißen Flammen wollt', Schwarz verbrennen in der Ferne Würd' an diesem Feuersterne All der Sonne rotes Gold.

»Werde Licht!« so spricht die Wange, »Werde Nacht!« die Lockenschlange Dieser holdgeliebten Schar. Ihre weißen Kleider hüllet Licht der Liebe, Nacht erfüllet, Leidesnacht ihr dunkles Haar.

O ihr Leuchten meines Lebens, Ist mein Herz nicht eures Schwebens Firmamentisch Himmelszelt? Rollt ihr nicht in ew'gen Gleisen Und in immer neuen Kreisen Durch dies Herze, diese Welt?

Ach, ihr zarten, freudereichen, Traubenschwerem Weine gleichen, Wie er Zweig und Wurzel trägt! Ach, ihr Lippen, Schönheitsboten, Wie ihr eure doppelt roten Polster um die Perlen legt!

Zürne, Herze, nicht den Kecken, Wenn gar ihres Auges Necken Falsch aus falschem Fenster schaut: Diese Aepfel, wie sie hangen, Diese Lilien auf den Wangen Sind ein süßes Heilekraut.

Sieh den Wuchs gleich einer Palme, Der gleich windbewegtem Halme Lieblich seine Hüften wiegt! Jedes Herze, mußt du wissen, Kaum gefangen, schon zerrissen Blutend ihr zu Füßen liegt.

Soll man sie nun schuldig sprechen, Da sie nur, um sich zu rächen, Gegen unsre Herzen gehn? Für die Blumen, die wir Frechen Täglich von den Beeten brechen, Die in Wangenblüte stehn?

Auf, zum Richter will ich schreiten: Seine Schwingen, seine weiten, Sind der Weisheit Schutz und Hort. Er, der über Tod und Leben Richtet, soll die Antwort geben: Still, er kündet Gottes Wort! -- -- -- -- -- --

Was geht noch auf die Sonne, Was leuchtet sie uns noch? Der Mädchen Allerschönste Verdunkelte sie doch.

Magst, Sonne, du erröten Vor ihrem holden Glanz, Mag aus den Bahnen treten Der Sterne lichter Kranz!

Was braucht die süße Taube Noch eure hohe Welt? -- Sie macht die Myrtenlaube Sich selbst zum Himmelszelt.

ZUR HOCHZEIT

Mög' des Paares holder Bund Israel zum Segen frommen! Tu' das nächste Jahr uns kund, Daß ein neuer Stern entglommen.

Daß in ihren Tagen dann Froh man meinem Volke kündet: -- Des Erlösers Leuchte hat Gott dir angezündet.

IV. FREUNDSCHAFT

Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz; Zürnst du noch lang, so bricht mein Herz.

Bist du nicht Arzt? Was willst du noch? Unheilbar Weh, du heilst es doch!

Trink Milch und Wein von meinem Mund, Um Wein und Milch mach' mich gesund.

Mein ganzes Herz ist dir bestimmt: Greif zu, eh es ein andrer nimmt!

»Sehnt sich deine Seele noch Nach der Jugend Borden, Da die dunkle Locke doch Lang schon weiß geworden? Soll das Leben für den Rest Dich noch lachen lehren, Da es reichlich dir entpreßt Bitterste der Zähren?

Täglich gibst den Scheidebrief Du der Welt im Schmerze, Aber täglich widerrief Ihn dein schwaches Herze. Ob sie dir ins Antlitz spie Und verwarf dein Minnen, Stets durch neue Gaben sie Willst du dir gewinnen.

Schon die weiße Taube küßt Dir den müden Scheitel; Fort der Rabe, und noch ist Jugend dir nicht eitel? Sag', wer soll die arme Brust Wieder dir verjüngen, Wird die lang verwehte Lust Noch einmal gelingen?

Wer soll wieder deinem Fuß Güldne Kettlein geben, Deine Hand zum Freudengruß Auf die Zimbel heben?« -- -- -- So fragt mancher, aber bloß, Wer das Aug' nie kannte, Das vom Westen, sonnengroß, Mir sein Leuchten sandte.

Diese Sonne wird mich nicht, Nimmermehr versengen, Wird als Schmuck ihr Strahlenlicht Um den Hals mir hängen, Auge, auch dem Vollmond nicht Gleichst du, fühlt der Dichter: Der verliert sein mattes Licht, Du wirst immer lichter.

Hast mir auch zurückgebracht Helle Jugendträume, Die ich weit und fern gedacht Längst in alle Räume. Und weil so dein heller Strahl Sprach ein neues »Werde!« Kann ich lieben noch einmal Diese schöne Erde.

Viele schon in meinem Herzen schufen Sich ein Heim: -- Du sollst der Beste sein; Wird mein Herz dereinst die Freunde rufen, Sein Berufener bist du allein.

Wenn ich über aller Sterne Schimmer Dann das Herz erhebe zu dem Firn, Find' ich überm hohen Himmel immer Höher noch und stolzer deine Stirn.

Dehnend dann, um deine Kraft zu fassen, Dieses Herze weit und weiter dringt, Bis es grenzenlos dahingelassen Rauschend aus der Erdensphäre springt.

Staune nicht, ob meines Herzens Schoße, Daß du ihn so tief, so groß empfandst: Mich laß staunen, daß du dieses große, Dieses Herze so erfüllen kannst.

ABSCHIED

1

Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen: Kein Strom so alt als wie der Strom der Tränen, Und Unrecht ist's, die Zeiten anzuklagen: --

Weh denen, die sie schlimm und schuldig wähnen! Kein Falsch ist droben bei dem höchsten Wesen, Die Sphären laufen nach gerechten Plänen.

Auch ist schon alles einmal dagewesen, Die Hand des Herrn hat einmal nur geschrieben, Und neues ist hienieden nicht zu lesen;

Wo seines Siegelringes Spur geblieben, Da blieb es, wie es war, und alles Neue Ist alt aus alter Zeit heraufgetrieben;

Man küßt sich nur, daß man sich wieder scheue; Daß Völker sich aus einem Volk gebären, Brach man in alten Zeiten sich die Treue;

Und wenn nicht jene alten Zeiten wären, Da sich die Menschen trennten ohne Reue, Die Welt wär' menschenleer und öd' geblieben.

2

Und andre Dinge gibt's in diesem Leben, Der eine nennt sie gut, der andre schlecht, Fülle ist hier, doch Dürre liegt daneben;

Der eine hat dem Leben abgeschworen Und wird zum Fluche gleich die Arme heben, Dem Tage fluchen, der ihn einst geboren.

Demselben Tag, den andre wieder preisen, Und dessen Stunden ewig unverloren Hinrinnen ihm in lieblich frohen Gleisen.

Den jungen Lippen und den lebensroten, Zu Honig werden ihnen alle Speisen, Den Kranken wird im Honig Gift geboten;

Dem Kummervollen leuchten keine Sonnen, Sein Aug' schaut nie des Lichtes Wunderboten, Und alle Helligkeit ist ihm verronnen; --

Mein Auge auch versank in dunklen Nächten, Aus seinem Grunde brachen heiße Bronnen, Als heute schied der Freund von meiner Rechten.

3

Ihm rann der Weisheit Quell vom roten Munde, Es ruhte Gold in seiner Seele Schächten Und Edelstein im allertiefsten Grunde.

Als ungezäumt noch seine Rosse standen, Saßen wir Herz an Herz im trauten Bunde Und froh in friedevollen Menschenlanden.

Zwei Mütter haben uns dem Licht gegeben, Und doch wie Brüder uns die Menschen fanden, Denn Liebe einte uns zum Zwillingsleben.

Auf grünem Hügel hat sie uns geboren, Wir lagen an den Brüsten süßer Reben, Als Wiege ward uns holder Duft erkoren. --

Nun denk' ich dein auf ödem Hügelland, Das gestern, da es dich noch nicht verloren, In Blumenbeeten und in Düften stand;

Nun hängen heiße Tränentropfen nieder Von meiner Wimper schwer benetztem Rand, Und jede Träne hängt im Blute wieder:

Du bist dahin! -- Nun stehn auf deinen Wegen Wohl andre, singen auch wohl Friedenslieder, Doch weiß ich, wie sie Krieg im Herzen hegen.

O fort mit ihnen! Ihre Zähne nagen An ekler Speise, während Mannaregen Und Süße einst auf deinen Lippen lagen.

4

Grimm und Glut den übermüt'gen Narren, Die sich selbst für zehnmal weise halten All in ihres Geistes dürren Sparren;

Ihre Götzen sind in ihren Hirnen Reinster Glaube, doch als Zauber galten Immer meines Glaubens klare Stirnen.

Wie sie sä'n und ernten ihre Gaben! Wie sie jauchzen zu des Himmels Firnen, Wenn sie leeres Stroh gedroschen haben!

Hört mich, Freunde, Neues will ich künden: Meine Perlen will ich tief vergraben, Lichter hab ich, die sie wiederfinden.

Aber wenn die Narren zu mir kommen: »Zeig'uns doch den Schatz in deinen Gründen!« -- Eine Antwort soll allein mir frommen: --

Vor die Säue nimmer kommt mein Gold, In die Wüste -- habt ihr wohl vernommen? -- Niemals meiner Wolke Regen rollt!

Fort mit euch! Ich brauche nicht die Zeiten! Ach, als wenn die Seele brauchen sollt' Ihres Leibes eitle Nichtigkeiten!

_Ihr_ braucht _mich_, der Leib die Seele immer: Halte er sie fest! Zum Sternenschimmer Wird sie sonst, er selbst zur Tiefe gleiten!

Ist's der Myrrhe zartes Düften? Oder Duft vom süßen Moste? Oder ist es in den Lüften Myrtenduft auf leisem Oste?

Sind es Tränen, die ich schaue, Tränen auf verliebten Wangen? Oder ist's im Morgentaue Rosenkelches Silberprangen?

Ist's die Laute im Verstecke, Die ich leise spielen höre? Oder hinter jener Hecke Sind's die Nachtigallenchöre? --

Oder ist das alles nur, All die Töne, all die Lichter, Des Erinnerns süße Spur An den weitberühmten Dichter? -- -- -- -- -- -- -- -- --

AN AARON BEN ZION ALAMANI

Dieser Schlummer möge währen, Diese Träume mögen glücken: Zu dem Fürsten will ich wallen, Dem sich meine Garben bücken.

Dessen Gaben hochzupreisen, Mund und Herz und Seele singen, Und aus dessen Liederquellen Meine eignen Lieder springen.

Denn von seinen Lieblichkeiten Sind die meinen nur entwendet: Zürn' er nicht, daß all mein Sinnen Sich in ihm erschöpft und endet.

Trank die Erde wie ein Kindlein Gestern noch an Wolkenbrüsten Winternaß auf allen Hügeln;

Eingeschlossen manches Stündlein Träumte sie von Liebeslüsten Wie ein Bräutchen hinter Riegeln.

* * * * *

Kühle Riegel keuschen Eises; Doch die Träume alle flogen Zu dem nächtlich süßen Spiele;

Aber als mit eins ein leises Frühlingswehen kam gezogen, War ihr Träumen schon am Ziele.

* * * * *

Güldner Beete zarten Schimmer Legt sie an und Blütendecken, Buntgewirkt und buntgerändert --

Wie ein hübsches Frauenzimmer Täglich unter Scherz und Necken Neu sich kleidet und bebändert.

* * * * *

Täglich andre Farben, Blüten: Wie ein Mädchen, ein geküßtes, Blaß und rot im Liebeswallen.

Farben, wie sie niemals glühten: Wie gestohlner Schimmer ist es Aus den ew'gen Sternenhallen.

* * * * *

Kommt zum Garten mit dem Weine, Laßt uns seine Gluten nippen, Die entflammt am Liebesglühen:

Schneekühl in des Kelches Scheine Läßt er hinter roten Lippen Erst die große Flamme sprühen.

* * * * *

Aus der Nächte dunkler Halle Steigt empor die goldne Sonne: So der Wein aus seinen Krügen. --

Her die blitzenden Kristalle! Schenkt ihn ein, den Saft der Wonne! Trinken wir in vollen Zügen! --

* * * * *

Wandelnd nun im kühlen Schatten Sehen wir im Sommerregen Tränen auf der Erde Wangen;

Doch es freuen sich die Matten Dieser Perlen allerwegen, Die vom goldnen Halsband sprangen;

* * * * *

Freuen sich am Duft des Weines, An der Schwalbe, an der Taube, Die im Busche gurrt und flattert,

Wie ein Mägdelein, ein feines, Hinterm Vorhang in der Laube Heimlich kichert, leise schnattert.

* * * * *

Aber meine Seele wittert, Ob vielleicht in Morgenlüften Duft vom fernen Freunde schwebe;

Und im Wind die Myrte zittert, Gibt dem Wind ihr zartes Düften, Daß dem Freund er's weitergebe.

* * * * *

Und die Vögel singen tausend Lieder, und die Palmen mächtig Rauschend ihre Zweige schwingen:

Hört mein Trauter, wie das brausend Anhebt, und sich alles prächtig Müht, ihm meinen Gruß zu bringen? -- -- -- -- -- -- -- -- --

V. LEBEN, LEIDEN, DICHTEN

Eine Taube schluchzt vom Zweige: -- Wird mir bitter weh zumute, Denn ich finde ihre Schmerzen In mir selber, und mein Schicksal Ist dem ihren zu vergleichen. Weint sie übers Heimatnestlein, Wein' ich meines armen Volkes; Weint sie über Scheiden, Meiden, Meiner Brüder in der Ferne Muß ich stöhnen; aber wenn sie Schluchzt um ihre jungen Tage, Heb' ich selber an die Klage Ueber aller Welt Vergehen.

Abgehaun sind meine Zweige, Meine Wurzeln ausgerissen, Wie man ihr die Flügel stutzte; Allenthalben böse Fallen Drohen meines Schrittes Eile Wie die Sprenkel ihren Füßen; Und den Jäger muß ich fürchten, Wie sie selbst die flinken Pfeile.

Wahrlich, Pfeile schnellt das Leben: Scheibe ward ich ihren Schützen, Und sie treffen in mein Blut Und vergießen meine Galle, Und in meine Wunden alle Werfen sie mir Gift und Glut. Stützte mich der Adel nicht Meiner unerschrocknen Seele, Wär' ich tot in dieser Fremde, Diesem Lande, dessen Tage Nächte sind und Todesschatten.

Aber sie, die edle Seele, Steigt mir wie das helle Funkeln Einer Sonne, die nicht wendet, Nie sich neigt zum Abenddunkeln. Soll ich mich vor Menschen fürchten, Da in mir das stärkste Leben Solcher Seele ist, vor deren Mächten alle Mächte beben? Soll ich vor der Sorge zagen, Da ich aus der Weisheit Schächten Kann mir Diamanten schlagen? Hungre ich, sie reicht mir Früchte, Quellen meinem Durste springen; Einsam kann ich nimmer heißen, Da mir ihre Harfen klingen: Und mit Freunden Rede tauschen Brauch' ich nicht, kann ich nur lauschen Ihrer Worte weisem Singen. Sieh, in meines Griffel Schreiben Lebt mir Lautenspiel und Harfe, Und der Weisheit Schriften bleiben Gärtlein mir und Paradies.

Redet nur zur Welt, zur schlimmen: Mag sie tun, was ihr gefällt; Härter doch als ihre Dornen, Stärker ist mein starkes Herz. Darf ich ihre Weine kosten, Will ich auch die Hefen nippen, Besseres verlang ich nicht. Denn erprobt ist meine Seele: Alle gift'gen Bitternisse Werden Honig meinen Lippen.

Mag die Welt in harte Ketten Zehnmal alle Seelen zwingen, Zehnmal meine Seele retten Will ich aus den Eisenringen; Auf zu einem neuen Leben Will ich aus der Knechtschaft dringen, Will mich rein und frei entheben Ihrem trümmerreichen Sturz.

Ihre Schönheit lockt mich nicht: Mag sie ihre Lichter stellen Flammend vor mein Angesicht, Ihre Säle, ihre hellen, Mögen andere berücken, Mir sind's Gräber, die ersticken; Ihren Reichtum, ihren Schimmer Laß ich gerne, so wie immer Gern die Seele läßt den Leib.

Hat sie sich nicht selbst geschändet, Und ich sollte sie erheben? Da im Kote sie geendet, Zögre ich, sie hinzugeben? Schlecht geschlungen ist die Krone, Die aus ihrer Hand entlehnte, Und erröten unterm Hohne Müssen alle, die sie krönte.

Doch es lebt in mir ein Glaube, Den ich nimmer lassen werde, Und ein Bund, den nimmer brechen Meine starke Seele wird.