Part 1
JEHUDA HALEVI
EIN DIWAN
Übertragen und mit einem Lebensbild versehen von Emil Bernhard
ERICH REISS VERLAG / BERLIN 1921
DIE DICHTUNGEN
I. Gott: Du Quell des wahren Lebens 10 Wenn die Sterne sich entzünden 10 Du, Seele, willst ins Vaterhaus 11 Mein Leib und Leben 12 Um sein Antlitz alle Frommen flehen 14 Gottes Hand wird dich beschatten 15 Zu dir steht all mein Sehnen 15 Hin nach meines Lebens Quelle 18 Wenn du allein des Herren harrst 19 Halt, o Herz! Wer darf sich wagen 20 Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte! 22 Tag und Nacht will ich den Herren loben! 22 Jugend ist wie leichte Flocken 23 Mein Gott, ich will dich ehren 24 Bevor du mich geschaffen 27 Ruhig, ruhig, liebe Seele! 28
II. Israel: Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft 30 Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter 30 Sei stark und harre deiner Zeit! 31 Seit du das Heim der Liebe bist 32 Entfessle deine rechte Hand 32 In deinem Lichte schläft aller Glanz 33 In deinem Haus zu ruhen 34 Fauler, wirst du nicht erröten? 35 Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort 36
III. Liebe: Ofra wäscht ihre Kleider 40 Ich wiegt' auf dem Schoße 40 Was drängt ihr mich also 40
Abschiedsverse: Mein Lieb, wir müssen uns schicken 41 Gedenke der Tage liebender Lust 42 Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt 42 Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen 42 Du hast einen Mord begangen 42 Willst du wirklich meinen Tod? 43 All' meine Tränen blieben 43 Zwischen Bittre, zwischen Süße 44 Aller Reichtum dieser Welt 44 Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun 44 Viel tausend Garben stehen 44 Unter deinen leichten Füßen 45 Deine Stimme hör' ich nimmer 45 Mein Herz wird bitter 45 Wach doch auf aus deiner Ruh 45 Wie die Sonne über Sphären schreitet 46
Zum Ruhme der Braut: Das Silber läßt sich gründen 46 Was wendet sie sich allerwärts 46 Dein Gesicht voll Rosen eine Küste 47 Wie zwei Abendwölfe fahren 47 Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte 47 Zeigte Liebchen mir die Wangen 48 Liebe Sänger, singt den Trauten 48 Was geht noch auf die Sonne 51 Mög' des Paares holder Bund 52
IV. Freundschaft: Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz 54 Sehnt sich deine Seele noch 54 Viele schon in meinem Herzen schufen 56 Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen 57 Ist's der Myrrhe zartes Düften? 61 Dieser Schlummer möge währen 61 Trank die Erde wie ein Kindlein 62
V. Leben, Leiden, Dichten: Eine Taube schluchzt vom Zweige 68 Sie besuchten mich im Traume 72 Und als nun alle war mein Gold 73 Siehe, Menschensohn, siehe 73 Kann dich Reichtum locken, Herz? 73 Freue dich vor deinem Nächsten 74 Weh der Kunde, die im Ohre gellt 74 Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? 75 Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! 75 Seh' ich, wie Narren 76 Augen auf, mein Liebster traut 76 Zwei Rätsel 76
VI. Zion: Zion, willst du nimmer wieder (Zionide) 80 Im Orient ist mein Herz, im Okzident 85 Komm mit mir gen Zoan 85 Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll 86
VII. Das Meer: Der Sturm 88 Holder Zephyr, deiner Lüfte 93 Kommt die große Flut mit einem Mal? 95
VIII. Letzte Tage: In Aegypten 98 Hat die Zeit das Kleid des Leides 98 Wollt ihr Liebes mir vergelten 99 Dein Wunder geht durch alle Zeit 100
Jehuda Halevi, seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen 101
Quellennachweis 139
I. GOTT
Du Quell des wahren Lebens, Wie lauf' ich nicht nach dir? Hab' alles aufgegeben; Das irre, wirre Leben, Was ist es mir?
Nur dich, nur dich zu schauen, Sehnt meine Seele sich: Vor dir nur will ich beben, Kenn' keine Kraft im Leben Als deine, Herr, als dich.
Könnt' ich im Traum dich finden, Wie gerne schlief ich ein: Wollt nimmer auferstehen, Nein, schlafen, träumen, sehen -- Und stille sein.
Könnt' dich im Herzen schauen Dein armes Erdenkind: -- Hätt' ich dich nur da drinnen, So jauchzte all mein Sinnen Und gerne wär' ich blind!
Wenn die Sterne sich entzünden, Spür' ich wieder Sommertage: Gartenpracht in Waldesgründen, Paukenschlag und Flötenklage.
Wieder kehrt zum Arm die Spange, Goldener Ring, er kehrt zum Ohre, Gottes Haus, daß es empfange, Oeffnet meinem Haus die Tore.
Alle meine Pforten münden Wieder ein in seine Pforte, Und aus tiefsten Herzensgründen Kehr' ich heim zu meinem Horte.
Ach, da läßt denn meine Seele Jubelnd seinen Namen klingen: -- Und sein Ruhm in meiner Kehle, Und mein Mund beginnt zu singen!
AN DIE SEELE
Du, Seele, willst ins Vaterhaus, Im Traume schwingst du dich zur Höhe: Kein Traum nimmt dir dein tiefes Wehe, Dein Heimweh aus der Brust heraus.
Der Traum vergeht, dir bleibt die Qual, Die Liebesqual, ihn zu erflehen Und dennoch fern ihm zu vergehen, Weil sich verhüllt sein heller Strahl.
Und doch vergehst du nicht zum Tod, Allein zum freudigen Erheben, Denn nicht zum eitlen Wahn, -- zum Streben Sandt' in die Welt dich sein Gebot.
Du gingst und brachst im Lebensgang Der Weisheit Siegel auf und Quellen, Und tief hinab in ihre Wellen Dein durstig heißes Auge sank.
Und sank hinab und sog sich ein Die Weisheit, die du dir erkoren, Und der du hundertmal geschworen: -- »Ich laß dich nicht! Ich bleibe dein!«
All meine Gebeine sprechen: _Herr, wer ist wie du?_
Mein Leib und Leben Das stammt von dir, Durch dich sich regen Die Glieder mir; Mit Herzensgaben, Mit Lied und Sang Sie zu dir dringen Und opfernd bringen Sie meinen Dank.
Es kam die Seele Aus deiner Hand, Der Wimper Leuchten Aus deinem Land; Aus deinem Rätsel Mein Sinnen quoll, Vor mir als Zeichen Stehst ohne Gleichen Du wundervoll.
Wenn meine Liebe Dich ruft im Schmerz, Dich findet sicher Mein tiefstes Herz. Doch jedes Sinnen An dir sich bricht: Der Brust Gedanken, Der Träume Schwanken Ermißt dich nicht.
Für uns bereitet Ein Banner steht, Dem, der dich sucht Ein Wimpel weht. Du bist den Treuen Nimmer versteckt, Nur, ach, die Sünde Mit dunkler Binde Das Auge deckt.
Was ich erdichtet, Hast du erschaut Vom Tage, da du Meine Säulen erbaut; Du bist's, der mir Das Herz bezwingt: Dunkelstes Achten, Geheimstes Trachten Nicht zu dir dringt.
Um sein Antlitz alle Frommen flehen, Alle wollen seine Gnade sehen, Seiner Liebe jungen Regenguß; Ist er selbst auch in den fernsten Weiten, Steht uns seine Liebe doch zur Seiten, Seiner großen Werke Ueberfluß.
All sein Licht zu sehn, sind alle trunken; Aber finden sie den kleinsten Funken, Zittert schon ihr armes Herze ganz. Müssen seinem Reiche sich ergeben, Seinen Namen müssen sie erheben, Und in diesem Namen selig leben, -- Selig preisen seinen Glanz.
Gottes Hand wird dich beschatten, Wird dir Decke sein und Hülle, Wenn in Redlichkeit und Stille Du dich birgst in seinem Schatten.
Nimmer wird dein Fuß ermatten, Deine Hand bleibt stark hinieden: Suche, Seele, nur den Frieden, Frieden wird er dir erstatten.
Zu dir steht all mein Sehnen, Wenn auch die Lippe schweigt: Nur einmal möcht' ich werben Um deine Gunst und sterben, Wenn sie sich mir geneigt.
Nimm meinen Geist zu Händen: Ich schliefe fröhlich ein! Ach, ohne dich mein Leben Ist Tod, doch du kannst geben: Mein Tod wird Leben sein!
Nur weiß ich nicht zu beten, Wie ich wohl beten soll: Lehr' mich, wie man dich findet! Wenn mich die Torheit bindet, Erlös' mich gnadenvoll!
Lehr' mich, das Haupt zu beugen, Solang mein Herz es faßt: Verwirf mich nicht auf Erden, Damit ich nicht muß werden Mir selber eine Last!
Damit der Tag nicht komme, Wo alles auf mich drückt, Und gegen alles Trutzen Mein Herz sich ohne Nutzen Nun bücken muß und bückt!
Daß mein Gebein dann welkte Und trüg' mich nimmer fort, Und ich dann wandern müßte Zu einer andern Küste, Zu meiner Väter Ort. --
Ein armer Wandrer wall' ich Hin übers Erdenrund. Bin fremd auf allen Steigen, Mein ganzes Erb' und Eigen Liegt drunten in dem Grund.
Bis jetzt sorgt meine Jugend Noch für ihr Erdenteil: Wann endlich kommt der Morgen, Da meine Seele sorgen Wird für ihr Seelenheil?
Die irdische Beschwerde, Die Gott ins Herz mir gab, Mich so in Ketten brachte, Daß nie ans Ende dachte Mein Herz und übers Grab.
Wie kann sein Knecht ich heißen, Ich, aller Lüste Knecht? Wie kann ich höher streben? Schon morgen muß ich leben Mit Bruder Wurms Geschlecht.
Kann ich denn Festtags lachen? Weiß ich, was morgen ist? Der Tag, die Nacht, die Stunde Verfolgen mich wie Hunde Und fällen mich mit List.
Mein Geist verweht im Winde, Mein Leib fällt in den Sand: Ich muß es schweigend tragen, Die Triebe selber jagen Mich ja ins Totenland! --
Was bleibt mir noch im Leben Als deine Gunst allein? Willst du mein Teil nicht bleiben, Was soll ich hier noch treiben? Wo wird mein Teil dann sein?
Ich hab' nicht gute Werke, Ganz nackt und bloß ich bin: Nur dein gerechter Willen Kann wie ein Mantel hüllen Den makelvollen Sinn.
Was soll ich noch erbitten Von dir, mein einz'ger Hort? -- Was soll ich noch erwähnen? Zu dir steht all mein Sehnen: Das ist mein letztes Wort.
Hin nach meines Lebens Quelle Immer mich mein Sehnen trage, Bis mich an des Grabes Schwelle Niederlegen meine Tage.
Möcht' die Seele weise werden! Heut noch hascht sie nach dem Winde: Und ist doch mein All auf Erden, Priesterteil und Angebinde.
Möcht' mein Herz sich wach erweisen, Fröhlich auf das Ende sehen: Jener Tag mag Schlummer heißen, Doch er ist ein Auferstehen;
Jener Tag nach meinen Toden, Wo er richtet meine Fehle, Wo er meinen Geist und Odem Zieht in seine ew'ge Seele.
Wenn du allein des Herren harrst, Was ängsten dich die Zeiten? Lebt er in deiner heißen Brust, All irdisch Leid, all irdisch Lust, Was kann es dir bedeuten? ...
Doch nein, du liegst im dunklen Grab Und willst es nicht erkennen, Du liegst in deiner Sinne Nacht Und kannst -- kein Licht im finstern Schacht -- Nicht Gut und Böse trennen.
Es kommt der Tod: So wähle doch Des wahren Weges Breite! Ach, Seele, geh doch geradezu, Was irrst und läufst und taumelst du Zur recht' und linken Seite?
Die Wahrheit wähle! Tu es, tu's! Denk, wie die Zeiten lügen! Laß dich nicht irren dort und hie, Betrüge sie, betrüge sie, Bevor sie dich betrügen.
Ach, gute Seele, siehe zu, Ein Künft'ges zu erwerben: Gib alles hin mit leichtem Mut, Gib hin den Erben all dein Gut, Und werde selbst zum Erben!
Halt, o Herz! Wer darf sich wagen In des Herzenwägers Haus? Hüte dich, den Blick zu tragen In sein dunkles Reich hinaus. Wagtest du das frevle Abenteuer, Griffe dich ein flammenwildes Feuer.
Lasse ab, dir zu erzwingen Seiner Rätsel dunkle Welt, Denn du hast kein Recht, zu dringen In die Tiefe, die ihn hält: Fort mit dir aus seinen ew'gen Hallen, Denn du darfst nicht unter Engeln wallen!
Ihm befiehl du deine Wege, Daß er dir zur Seite bleibt, Ihm vertraue deine Stege, Wenn es dich ins Irre treibt! Mag dich Lust betören, Leid berühren: Er wird dich im rechten Gleise führen.
Walle nicht die ird'schen Ziele, Gottes Zielen walle zu! Fürsten sind auf Erden viele, Doch nur einem diene du! Alle andern sind nur Knechtesknechte, Ihre Launen bleiben ihre Mächte.
Einer nur, ein Ruhmesreicher, Nimmt dich an die ew'ge Brust, Trägt dich, ach, in wunderweicher Vaterhand zur höchsten Lust: Lerne eitlem Freundesrat entsagen, Lasse dich in seinem Lichte tragen!
Er sei: deiner ersten Ernte Erste Frucht, dein höchstes Fest! Wenn die letzte sich entfernte, Dann sei er der letzte Rest: Deine Reue werde zum Altare, Werde deiner Sinne Flammenbahre!
Jedem ist er ein Berater, Der in seiner Nähe wacht, Aber dem auch bleibt er Vater, Der die letzte Reise macht. Frage nicht und lass dich nicht verführen, Lausche still an seinen letzten Türen!
Was er spricht, muß sich erfüllen, Sei's zum Leben oder Tod, So wie einst auf seinen Willen Kam das erste Morgenrot: Und er sprach: -- und alle Schatten scheuchten! Und er sah: -- es war ein herrlich Leuchten!
Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte! Aber der Freie, der einzig rechte, -- Auch ein Knecht -- dienet dem Herrn.
Wähle sich jeder sein Teil! Mein Teil aber und Heil -- Spricht mein Herz -- bleibet der Herr.
Tag und Nacht will ich den Herren loben! Seiner Gnade Antlitz ließ er leuchten, Fenster brach er aus an Himmelswänden, Sonnen gab er, die uns Strahlen spenden, Strahlen, die die Finsternisse scheuchten.
Doch er gab mir mehr: Von seinem Glanze Gab er mir, ich hab es froh genommen; Durfte seines Geistes Regen spüren, Ließ mich gern auf lichten Wegen führen, Wegen, die vom Sinaï gekommen.
So war sein Gesetz in meinem Munde, Daß mich Honig seine Worte deuchten; Und in seiner Lehre lichten Flammen Jauchzte ich die ganze Welt zusammen: -- -- Brüder, seht, wie meine Augen leuchten!
Jugend ist wie leichte Flocken, Bald verweht vom ersten Wind; Sieh auf deine schwarzen Locken! Hast du es noch nicht vernommen? Weiße Boten angekommen: Und du schläfst, mein Weltenkind?
Vöglein schüttelt sich am Morgen Von dem nächt'gen Silbertau; Also schüttle ird'sche Sorgen, Liebe Seele, dir vom Flügel, Steige über Strom und Hügel Lerchengleich ins Himmelblau.
Freiheit wirst du droben finden Von dem Brausestrom der Tage: Liebe Seele, darum jage Hinter Gottes Spuren dicht, Und im stillen Kreis von allen Seelen, die zum Herren wallen, Walle hin zum ew'gen Licht.
Mein Gott, ich will dich ehren Und dein gerechtes Tun: Nur einmal braucht' ich hören Und glaube alles nun. Nicht fragen und erproben Will dich dein Erdensohn: Du großer Bildner droben, Darf meistern dich der Ton?
Ich hab' dich manche Stunden Gesucht an manchem Ort, Ich habe dich gefunden Als Burg und Felsenhort. Du, der in klarem Feuer Dies Erdentum erhellt Und unverhüllt vom Schleier Durchstrahlt die schöne Welt.
Sieh, alle Himmel preisen Dein Licht und deine Pracht, Da sie in ihren Kreisen Sich beugen deiner Macht; Die Engel, die da schweben Durch Feuer und durch Flut, Sie jauchzen und erheben Zu dir die heil'ge Glut.
Zu dir, der alles führet, All diese Welten trägt, Und keinen Arm doch rühret Und keine Hand bewegt! Du, dessen Wunderwalten Die Höh' und Tiefe hält Und heiliger Gestalten Geheimnisvolle Welt.
Wer kündet uns das Weben, Das alle Wolken treibt? Das tiefverhüllte Leben, Das ewig droben bleibt? Und doch will er sich neigen Dem Kinde dieser Welt Und läßt sein Leuchten steigen Hinab aufs Erdenzelt.
Und läßt vor Seheraugen Sein ganzes Bild erstehn; Sonst mochte nie ihm taugen, Daß Menschen ihn ersehn. Was nie sich wollt' gestalten, Sein Bildnis oder Maß, -- In königlichem Walten Prophetenauge sah's.
Die ungezählten Werke, Wer zählt sie alle vor? Heil dem, der seine Stärke Zu gründen sich erkor! Heil dem, der all sein Hoffen Auf ihn allein gelegt, Ihn, der die Welt so offen In seinen Armen trägt!
Heil, wer mit heil'gem Bangen Ihn fürchtet und bekennt Und dankbar im Empfangen Sein Recht auch Recht benennt! Wirkt er für seines Knechtes Glück und Gedeihen doch: Es kommt ein Tag des Rechtes Dem großen Gotte noch!
O zittre du und denke Und lerne wachsam sein: In dein Geheimnis senke Dein ganzes Sinnen ein! Woher bist du gekommen? Wo ist dein Grund gelegt! Wer hat dich einst genommen? Wer hegt dich und bewegt? --
Schau hin auf Gott und sende Die wache Seele aus, Doch strecke deine Hände Du nimmer nach ihm aus! Du kannst doch nimmer finden Sein Ende und Beginn, Und nie wirst du ergründen Den rätselhaften Sinn.
Bevor du mich geschaffen, Hast du mich schon gekannt, Ich weiß, du wirst mich halten, Solang dein Geist wird walten In meiner Seele Land.
Kann gehn ich, wenn dein Winken Mich an die Stelle zwängt? Kann ich denn bleiben stille, Wenn mich dein heil'ger Wille Mit Mächten vorwärts drängt?
Was kann ich denn noch sagen? Mein Denken ist bei dir: Was ist denn all mein Wandeln, Was ist mein Tun und Handeln, Bist du nicht über mir?
Ich kann dich ja nur suchen; Und du: -- Zur Gnadenzeit Erhöre mich in Milde, Und mach zu einem Schilde Mir deine Huld bereit!
Erwecke mich am Morgen Und mache mich recht wach, Daß ich in frohen Weisen Hinwalle, hochzupreisen Dich unter deinem Dach!
Ruhig, ruhig, liebe Seele! Wende dich zu Gottes Throne: Ird'sche Throne lasse liegen; Bist du erst emporgestiegen, Stiegest du zu ew'gem Lohne.
Seele, gib dem Herrn die Ehre, Beuge dich ihm froh und gern: Droben unter Göttersöhnen Singe mit in Jubeltönen Deinem hochgelobten Herrn!
II. ISRAEL
Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft Und tief aus meines Herzens Leidenschaft.
Dich liebt mein jubelnd aufgetaner Mund, Dich meiner Brust geheimnisvollster Grund.
Du bist mit mir, wie kann ich einsam sein? Du leitest mich, wie wandle ich allein?
Du bist mein Licht, wie könnte ich verblinken? Und du mein Stab, wie könnt' ich niedersinken?
Sie haben mich geschmäht, doch keiner wußte, Daß Schmach um dich mir Ehre werden mußte.
Quell meines Lebens du, mein Leben lang Gilt dir mein Preis, mein Lied, mein Sang!
Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter, Tag und Nacht als ewge Wächter, So steht ewig Jakobs Same; Gottes Linke mag sie lassen, Gottes Rechte wird sie fassen: Ewges Volk, das ist und bleibt ihr Name.
Ach, was fürchten sie und zagen In den schlimm und schlimmern Tagen, Daß ihr Herz am Zweifel bricht: -- Glaubt an euer ewiges Bestehen, Allsolang nicht Tag und Nacht vergehen, Allsolang vergeht ihr selber nicht!
Sei stark und harre deiner Zeit! Was drängst du so, noch ist sie weit, Was soll das wilde Bangen? O bebe nicht und sei ein Held! Und singe, siehst du doch mein Zelt Bei deinen Zelten prangen!
Und wenn sie spotten, du sei still! Und wenn du hörest ihr Gebrüll, Laß es dich nicht bewegen: Führ' deine Herde sanft dahin, Ich bin dein Gott, es ist mein Sinn, Das Joch dir aufzulegen.
Ich bin es auch, der dich erhört, Und der den Balsam dir beschert, Da deine Wunden brennen. Auch dank ich dir, wie du mich liebst, Daß du mir all dein Sehnen gibst, Erlöser mich zu nennen.
Doch eile nicht und dränge nicht, Da du den Arm im Strafgericht Mir siehst gewaltig werden. Und dem, der ird'sche Herren preist, Dem sage, was du selber weißt: Gott ist mein Herr auf Erden!
Seit du das Heim der Liebe bist, Kehrt meine Liebe bei dir ein, Und meiner Feinde Drang und List Soll deinetwegen süß mir sein: Sie mögen mich nur schrecken!
Sie lernten deinen Grimm von dir, Sie jagten den, den du verjagt: -- Soll ich sie hassen denn dafür, Der selbst sich nicht zu lieben wagt, Da du ihn nicht mehr liebest?
Bis einst verwunden alle Qual, Vorüber aller Stürme Macht, Und du dem Volke deiner Wahl, Das du erlöst aus mancher Nacht, Erlösung wieder sendest.
Entfessle deine rechte Hand Und sende sie hinab ins Land, Daß sie dein Volk erfasse! Ist sie zu kurz? Beherrscht denn dich Das Schicksal ebenso wie mich Und alle auf der Gasse?
Die Sonne braust in ew'gem Kreis, Es steht der Mond auf dein Geheiß. Dein Wort ist ihre Klammer. Dein Wort nur ihre Ketten bricht, Und all ihr Gold- und Silberlicht Es ruht in deiner Kammer.
Da stehen sie in deinem Schein, Die Sterne all, und harren dein, Das sie dein Wille richte! Und fühlen tief und fühlen ganz: Von deinem Glanze ist ihr Glanz, Ihr Licht von deinem Lichte.
In deinem Lichte schläft aller Glanz: Dein Volk auf finstern Wegen reist, Und ihrem Sehnen, lang gehegt, Der Frevel in die Ferse beißt. Doch still: Darüber leuchtet rein Wie Sonnenglanz im Morgenschein Das schönste Licht.
O Vater, um ihr wildes Haupt Schling' einen Schleier silberklar, Und statt des armen Bettelkleids Reich ihnen einen Purpur dar. Gieß aus dein Licht zum zweitenmal Wie einst am ersten Tag den Strahl: Es werde Licht!
Hoch dein Panier den Wankenden! Dein Engel schreite nun voran Und lege den Erlösten bloß Zum Siegeszug die freie Bahn! O segne sie der Gnaden voll, Doch in Verdammnis sinken soll Des Lichtes Feind!