Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 57

Chapter 573,319 wordsPublic domain

Die Menschen, welche jenes ausgedehnte Inselreich des Stillen Oceans bewohnen, zerfallen in drei Hauptgruppen: in Polynesier, Mikronesier und Melanesier, sowie in verschiedene Abarten, welche wol durch Kreuzung entstanden sind. Für das Auge desjenigen Beobachters, welcher nicht als Gelehrter untersucht, sind die Polynesier die der kaukasischen Rasse Nächststehenden, während die Melanesier den schönern Stämmen der afrikanischen Neger nahe kommen. Die Polynesier bewohnen den Inselstrich, welcher sich von Neu-Seeland über Tonga, Samoa, die Cook-, Gesellschafts- und Marquesas-Inseln bis zu den nördlich des Aequators gelegenen Sandwich-Inseln erstreckt. Die Mikronesier bewohnen vorzugsweise die nördlich des Aequators gelegenen Inselgruppen zwischen den Sandwich-Inseln und den Philippinen; die Melanesier Australien, Neu-Guinea oder Papua, die Salomons-Inseln, Neu-Caledonien und die Neu-Hebriden. Die zwischen diesen Gruppen gelegenen Inseln werden von Mischlingen bewohnt, und hier verdienen die Fidji-Inseln wegen ihrer großen Ausdehnung und des zur Zeit noch dort herrschenden Kannibalismus besondere Erwähnung. Die Eingeborenen Fidjis sind keine reinen Polynesier, für welche sie oft gehalten werden, sondern eine Mischrasse aus eingewanderten Tonganern und dem eigentlichen melanesischen Volksstamm, welch letzterer vor Zeiten von den kriegstüchtigen und unternehmenden Tonganern unterjocht wurde. Hierin findet sich auch die Erklärung, daß im Innern der Fidji-Inseln noch heutzutage Kannibalen gefunden werden, während die reinen Polynesier diesem abscheulichen Geschmack nie gehuldigt haben. Denn wenn Polynesier auch an einigen Plätzen Menschenfleisch gegessen haben, so geschah dies doch nur in Form von Opferfesten, bei welchen Kriegsgefangene das Opfer stellen mußten. Wie mir versichert wurde, sollen derartige Opfer auch nur auf den Marquesas-Inseln und auf Roratonga vorgekommen sein; jedenfalls haben die Tahitier, die Samoaner und die Bewohner der Gesellschafts-Inseln, soweit ihre Traditionen reichen, sich von diesem Laster frei gehalten, während zu einer Zeit in Tonga von den von den Fidji-Inseln zurückgekehrten Eroberern auch der Genuß von Menschenfleisch eingeführt gewesen sein soll, ohne sich indeß lange halten zu können. Die Fidji-Inseln werden daher wol auch die Quelle sein, von welcher aus alle Südsee-Insulaner zu Menschenfressern gestempelt worden sind. Die Versuchung, die Eingeborenen Fidjis für reine Polynesier zu halten, liegt allerdings nahe, da die Bewohner der Küstenstriche dieser Inseln in ihrer äußern Erscheinung dem edelsten Typus der Südsee-Insulaner außerordentlich nahe kommen, ihm vielleicht auch vollständig ebenbürtig sind.

Die andern Mischlinge werde ich bei Besprechung der Frage über den wahrscheinlichen Ursprung dieser Insulaner berücksichtigen. Diese Frage ist von der wissenschaftlichen Welt so eingehend erörtert worden, daß ich nicht wagen darf, etwas Neues bringen zu wollen, und doch muß ich mich mit ihr beschäftigen, weil kein denkender Mensch jenen sechsten zerrissenen Welttheil besuchen wird, ohne sich unwillkürlich mit dieser interessanten Frage zu beschäftigen und den Versuch zu machen, zu ergründen, welche der verschiedenen Hypothesen den meisten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hat.

Soviel mir bekannt, sind drei Ansichten über die wahrscheinliche Herkunft der großen Inselbevölkerung vorhanden. Die erste geht von der Annahme aus, daß früher inmitten des Stillen Oceans ein großer Continent lag, welcher von drei Menschenrassen bewohnt wurde; im Süden und Osten von den Polynesiern, im Westen von den Melanesiern und im Norden von den Mikronesiern. Bei einer großen Katastrophe versank dieser Continent und nur die höchsten Berggipfel blieben als Inseln zurück, welche räumlich außerordentlich weit voneinander geschieden, doch durch ihre Menschen, Thiere und Flora im innigsten Zusammenhang standen und stehen. Die gleiche Sprache und die gleichen Sitten der polynesischen Eingeborenen, wie die gleiche Sprache der Mikronesier und der von beiden abstammenden Mischlinge, welche die später wiedererstandenen Koralleninseln bevölkerten, sprechen so beredt für diese Annahme, die zahllosen Koralleninseln zeigen so deutlich die ausgedehnte Gebirgswelt, welche unter der Meeresoberfläche liegt; die vielen noch thätigen unterseeischen Vulkane, welche häufige Veränderungen in dem unterseeischen Lande verursachen, lassen so wenig Zweifel, daß dort auch jetzt noch gewaltige Kräfte in Thätigkeit sind, daß man diese Hypothese wol als eine berechtigte anerkennen kann.

Die zweite Ansicht läßt die sämmtlichen Bewohner der Südseeinseln vom Westen kommen, nennt sie Abkömmlinge der Malayen, welche schon in altersgrauer Zeit im Besitz seetüchtiger Fahrzeuge waren und denen man so viel Unternehmungsgeist zuspricht, daß man ihnen die Fähigkeit zur Erwerbung so fernliegenden Insellandes glaubt zuerkennen zu müssen. Diese Ansicht erschien mir, wie wol auch schon vielen, beim Vergleich der verschiedenen Menschenstämme so absurd, daß ich mir gar nicht die Mühe nahm, weiter darüber nachzudenken. Zwar fand ich in Neu-Britannien manche Anklänge an die samoanische Sprache, doch wurden diese damit erklärt, daß erst in allerneuester Zeit einige samoanische Worte Aufnahme in den beschränkten Sprachschatz der Menschenfresser gefunden hätten. Als ich aber in Batavia mehrere Worte fand, welche in Java und Samoa dieselbe Bedeutung haben, da wurde mir doch klar, wie vorschnell der Reisende in seinem Urtheil und wie gefährlich es ist, sich eine eigene Ansicht über so tiefgehende Fragen auf Grund oberflächlicher Beobachtungen bilden zu wollen. Damals dachte ich noch nicht daran, dieses hier niederschreiben zu wollen, und habe mir daher die erwähnten Worte ebensowenig gemerkt, als ich versuchte, mich eingehender zu unterrichten. Ein Wort wenigstens ist aber in meinem Gedächtniß haften geblieben, mit welchem ich die vorstehende Behauptung belegen kann. Das Wort „susu“ bedeutet im Javanischen „Milch“, im Samoanischen hat es die Doppelbedeutung von „Milch“ und „Frauenbrust“.

Die dritte Hypothese läßt Neu-Caledonien, die Salomons-, Fidji-Inseln und Neu-Hebriden von Australien und Neu-Guinea aus, die polynesischen Inseln von Samoa aus bevölkern. Wo die Mikronesier herkommen sollen, ist mir nicht gegenwärtig. Nimmt man die Karte zur Hand und mißt die außerordentlich großen Entfernungen aus, welche einzelne Inselgruppen voneinander trennen, dann wird man allerdings geneigt, diese Hypothese für unhaltbar zu erklären, da es unmöglich erscheint, daß Menschen ohne Seekarten und Compaß, ohne Mittel den Ort des Schiffes zu bestimmen, mit so zerbrechlichen kleinen Fahrzeugen, über welche die Eingeborenen nur verfügten, eine Seereise in das Ungewisse wagen und auf eine Entfernung von 2000 Seemeilen mit Erfolg durchführen konnten. Doch nähert sich die Unmöglichkeit der Möglichkeit, wenn man die wol unumstößlich feststehende Thatsache erwägt, daß das große Neu-Seeland von dem kleinen Roratonga aus bevölkert worden ist und wenn man dabei berücksichtigt, daß die Entfernung zwischen Neu-Seeland und den Cook-Inseln etwa 1800 Seemeilen beträgt. War dies möglich, dann kann man eine Bevölkerung der Sandwich-Inseln von den Gesellschafts- oder Marquesas-Inseln aus gerade auch nicht mehr für unmöglich halten. Zwar kann hier entgegnet werden, daß eine Reise von Roratonga nach Neu-Seeland möglich sei, weil die Leute in der guten Jahreszeit mit Hülfe des Südostpassats ohne Schwierigkeit dahin gelangen konnten, während auf dem Wege nach den Sandwich-Inseln die Aequator-Calmen durchschnitten werden müssen. Doch der Weg nach Neu-Seeland wird auch nicht allein auf den Schwingen des Passatwindes gemacht, dort gibt es auch Windstillen und vorherrschenden Westwind, welcher häufig zu schwerem Sturm anwächst, und ich glaube, daß die Wind- und Wetterverhältnisse von den Marquesas-Inseln nach den Sandwich-Inseln für offene Boote thatsächlich günstigere sind, als die von Roratonga nach Neu-Seeland.

Ich will indeß auf die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten nicht weiter eingehen; trifft die erste Hypothese nicht zu, dann hat diese letztere wol die größere Wahrscheinlichkeit für sich. Thatsache ist, daß auf den von Polynesiern bewohnten Inseln die gleiche Sprache mit Abweichungen, wie sie auch die verschiedenen romanischen oder germanischen Sprachen aufweisen, gesprochen wird, sowie daß die Mikronesier und die von ihnen abstammenden Mischlinge eine besondere Sprache haben, welche auf den von mir besuchten Inselgruppen Mikronesiens nur so geringe Abweichungen hat, daß ein bei mir an Bord befindlicher Marshall-Insulaner der Radack-Kette auf den Inseln der Kingsmill-Gruppe sowie der Ralick-Kette als Dolmetscher fungiren konnte.

Die Vertreter der Annahme, daß Polynesien von Samoa aus bevölkert worden ist, stützen sich meines Wissens darauf, daß die Samoaner den reinsten Typus der polynesischen Rasse vertreten, mithin bei ihnen die Wiege des ganzen Volksstammes zu suchen sei, weil erfahrungsmäßig die Auswanderer im fremden Lande, bei anderer Nahrung, infolge abweichender Lebensweise und neuer Sitten sich äußerlich soweit verändern, daß die spätern Geschlechter einen ganz neuen Volksstamm zu bilden scheinen. Dies wird in der Südsee schlagend auf den Ellice-Inseln bewiesen, wo die von den bergigen Samoa-Inseln gekommenen Einwanderer auf den niedrigen Koralleninseln unter Beibehaltung ihrer Sprache eine wesentliche Veränderung erfuhren und mit der Aufgabe der feinen Sitte des Mutterlandes auch auffallend an ihrer körperlichen Schönheit verloren haben.

Andererseits haben wieder die weiter nach dem Norden gewanderten Samoaner bei der stattgehabten Kreuzung mit den vom Norden gekommenen Mikronesiern einen Menschenschlag geschaffen, welcher in Bezug auf körperliche Schönheit fast noch höher wie derjenige der Samoaner steht und sich durch saubere Hütten, strenge Sitten, große Förmlichkeit in dem gegenseitigen Verkehr und persönlichen Muth sowol vor den im Norden seßhaften Mikronesiern, wie vor den im Süden die Ellice-Inseln bewohnenden Samoanern auszeichnet.

Ob auf solche Aeußerlichkeiten die Herkunft einer großen Völkerfamilie basirt und daraufhin der Stamm der Samoaner für das Stammvolk erklärt werden kann, werden übrigens die Gelehrten zu entscheiden haben. Ich wollte nur das, was ich in Erfahrung gebracht habe, in möglichst bündiger Form hier niederlegen und die liebenswürdigen Polynesier bei meinen Freunden davor schützen, daß sie für Wilde und Menschenfresser gehalten werden.

3.

Die Katastrophe im Geysir-Gebiet Neu-Seelands.

(Vgl. S. 482.)

Soweit die Traditionen der Eingeborenen reichen, welche die Engländer auf mehr als 1000 Jahre zurückrechnen, war von einem größern vulkanischen Ausbruch und damit zusammenhängenden Veränderungen des Landes auf Neu-Seeland nichts bekannt. Die Traditionen besagen vielmehr, daß die ersten Einwanderer das Geysir-Gebiet in genau derselben Gestalt vorgefunden hatten, wie es bislang war. Namentlich der Berg Tarawera hat nie ein Zeichen vulkanischer Thätigkeit gegeben, sodaß der am Fuße des Berges lebende Stamm der Maoris schon seit funfzehn Generationen gerade den Gipfel desselben als Begräbnißstätte für seine Stammesgenossen benutzte, weil in altersgrauer Zeit ein großer Häuptling dort bestattet worden ist. Um so interessanter bleibt es, daß der gelehrte österreichische Geologe Dr. von Hochstetter schon im Jahre 1859 infolge seiner Untersuchungen die Vermuthung aussprach, daß der Tarawera-Berg in seinem Innern durch heiße Dämpfe verzehrt sei und in nicht zu ferner Zeit voraussichtlich einstürzen würde. Eine Untersuchung des Berggipfels wurde ihm von den Maoris nicht erlaubt, weil sie eine Entweihung ihrer Grabstätten befürchteten. Ist nun die Vorhersagung von Hochstetter’s auch nicht buchstäblich eingetroffen, so zeigt die Thatsache doch, daß er den für ganz ungefährlich gehaltenen Berg richtig beurtheilt hatte.

Nach der übereinstimmenden Aussage aller Augenzeugen, und deren waren viele, hat sich die Katastrophe, welcher allerdings zwei Warnungen vorhergegangen waren, die aber erst nach derselben als solche erkannt wurden, ganz unerwartet in der nachfolgend angegebenen Weise entwickelt. Die vorhergegangenen merkwürdigen Anzeichen von Störungen im Erdinnern hatten darin bestanden, daß im Jahre 1884 plötzlich das bisher kalte Wasser des Roto-kakahi sich bis zur Siedehitze erwärmte, dann während eines Tages ein starker Abfluß aus dem See durch das Wairoa-Thal nach dem Tarawera-See erfolgte und danach die Temperatur des Seewassers wieder auf die normale sank. Das zweite Zeichen erfolgte wenige Wochen vor dem Ausbruch, indem die heißen Quellen bei Ohinemutu plötzlich sehr bedeutend an Wärme verloren.

In der Nacht vom 9. zum 10. Juni 1886, 12 Uhr 40 Minuten morgens wurde in Wairoa der erste Erdstoß verspürt, welchem in kurzen Zwischenräumen immer stärkere folgten, begleitet von rollendem Getöse und orkanähnlichem Wind. Um 2 Uhr erfolgte der erste Ausbruch, nachdem vorher eine riesige schwarze Wolke, die von der Stadt Taheke bis zum Päroaberg, mithin über eine Strecke von 35-40 km gereicht haben soll, sich über dem Lande gelagert hatte, in welcher nie gesehene elektrische Entladungen stattfanden. Für das Auge fand der Ausbruch des Tarawera-Berges aus drei großen Kratern, welche später als acht kleinere erkannt wurden, statt und die nach oben geworfenen Feuergarben wurden auf 300 m Höhe geschätzt. Die an sich zunächst großartige Erscheinung wurde für die Bewohner von Wairoa bald zu einer furchtbaren, als wenige Minuten später glühende Aschenmassen, große Steine und ein wahrer Schlammregen, von dem wehenden Orkan über die Landschaft gejagt, niederfielen und alles Erreichbare vernichteten. Die Europäer konnten sich unter der Führung eines mit großer Geistesgegenwart begabten und kaltblütigen Mannes zum größten Theil retten, weil die örtlichen Verhältnisse ihrer Ansiedelung die Flucht begünstigten. Nur sechs von ihnen und 95 Eingeborene wurden als vermißt angemeldet.

Am nächsten Morgen war die Ansiedelung Wairoa verschwunden und das Land mit einer 1½ m hohen Schlamm-, Stein- und Aschenschicht bedeckt; der schöne Tikitapu-Wald war von dem Sturm, den einschlagenden Blitzen und dem Aschen- und Schlammregen vernichtet; der Roto-kakahi hatte 3 m weniger Wasser als vorher; der Roto-mahana war wasserleer und das schlammige Bett des frühern Sees war bedeckt mit größern und kleinern Kratern, Geysirs und Fumarolen; die berühmten Terrassen waren nicht mehr und nichts ließ erkennen, wo sie dereinst gestanden hatten. So haben dieselben Naturkräfte, welche im Laufe von Jahrtausenden jene Wunderwerke geschaffen hatten, sie in einer einzigen Nacht auch wieder zerstört. Unsere Abbildungen dieser Terrassen nehmen demnach gegenwärtig ein gewisses historisches Interesse in Anspruch.

Einen ungefähren Begriff von der elementaren Gewalt des Ausbruchs mag die Thatsache geben, daß in Auckland, mehr als 200 km von dem Schauplatz entfernt, am Morgen des 10. Juni gegen 3 Uhr die Menschen durch laute Kanonenschläge, ja ganze Artilleriesalven aus dem Schlafe geweckt wurden und dann auch den fernen Feuerschein sahen, sodaß man glaubte, ein Kriegsschiff sei in der Nähe in Seenoth, bis man erst gegen 9 Uhr vormittags durch Telegramme von der wahren schrecklichen Ursache unterrichtet wurde.

Berichtigungen.

Seite 67, Zeile 2 v. o., statt: 1887, lies: 1878 " 192, " 1 v. u., st.: Opuno, l.: Oponu " 426, " 12 v. o., st.: Vorzug, l.: Verzug " 481, " 6 v. o., st.: halbe, l.: halber

4.

Erklärung einiger seemännischer Ausdrücke.

=Achterraus=, hinter dem Schiff.

=Ansteuern=, nahe an eine in der Nähe der Curslinie liegende Küste oder Insel heranfahren, um das Land, namentlich geographisch genau bestimmte Punkte desselben, wie Leuchtthürme, vorspringende Caps, Berggipfel, zu Gesicht zu bekommen und danach festzustellen, ob der nach den Rechnungen auf der Karte festgelegte Ort des Schiffes auch richtig ist. Oder, mit Hülfe von Lothungen und der Karte den Ort des Schiffes bestimmen. Derartige Vorsichtsmaßregeln sind namentlich bei Nacht unumgänglich nothwendig; aber auch bei Tage, wenn Regen und nebeliges Wetter eine Fernsicht nicht gestatten und wenn während der letzten Tage oder auch nur während der letzten 24 Stunden bewölkter Himmel die Vornahme astronomischer Beobachtungen unmöglich gemacht hat und man dadurch verhindert wurde, die Wirkung der Meeresströmung auf den Curs des Schiffes festzustellen.

=Aufentern=, auf den Strickleitern in die Takelage gehen (vom englischen 'to enter').

=Aufkreuzen=, das Schiff durch Segeln nach der einen und der andern Seite gegen die Richtung des Windes fortbewegen. Man rechnet, daß ein kreuzendes Schiff drei Seemeilen durch das Wasser zurücklegen muß, um eine Seemeile in der Windrichtung, d. h. gegen den Wind, zu gewinnen.

=Ausmachen=, erkennen. Das Land oder ein Schiff ist ausgemacht, sobald man zwischen Wolken oder aus nebeliger Luft heraus die richtigen Contouren des Landes oder die Formen des Schiffes sicher festgestellt hat.

=Back=, der vordere mit einem besondern leichten Deck versehene Theil des Schiffes.

=Beidrehen=, das Schiff mit kleinen Segeln so zum Winde, d. h. in einen möglichst spitzen Winkel zur Windrichtung, legen, daß es sich nur wenig von der Stelle fortbewegt, aber doch steuerfähig bleibt.

=Besteck=, das Resultat der Ortsbestimmung eines Schiffes durch alle vorhandenen Hülfsmittel. Da die astronomischen Berechnungen erst zur Mittagszeit, wenn die Sonne durch den Meridian des Beobachters geht, ihren Abschluß finden können, so wird diese Zeit auch für die Festlegung des Orts des Schiffes in der Karte benutzt. Daher versteht man, wenn dem Wort „Besteck“ keine nähere Bezeichnung beigefügt ist, unter diesem gewöhnlich das =Mittagsbesteck=.

=Bramstänge=, der oberste Theil des aus drei Theilen hergestellten Mastes. Der mittlere heißt „=Stänge=“, der unterste „=Untermast=“.

=Dampfpinasse=, ein kleines, zwischen 8 und 10 m langes Dampfboot, welches die Kriegsschiffe mit sich führen.

=Dollbord=, der oberste Theil der Beplankung eines Bootes, in welchem sich viereckige Ausschnitte zur Aufnahme der Ruder, oder Löcher zum Einstecken der Rudergabeln (Dollen) befinden.

=Dünung=, die Wellenbewegung, welche sich auch nach dem Absterben des Windes noch, als eine Folge des Beharrungsvermögens, auf dem Meere erhält.

=Fallreep=, der auf jeder Seite des Schiffes, gewöhnlich in der Mitte liegende Ausschnitt in der Schiffswand, durch welchen man das Schiff von außen betritt oder von innen verläßt.

=Gaffel=, dasjenige Segelholz, welches, an der Hinterseite der Untermasten befestigt, dazu dient, den obern Theil solcher Segel zu halten, welche an dem Mast selbst befestigt sind. An der hintersten Gaffel führen die in Fahrt befindlichen Schiffe gewöhnlich ihre Nationalflagge.

=Geien=, das Zusammenziehen der Segel durch Taue, sodaß sie dem Winde keine Fläche mehr darbieten.

=Heck=, der hinterste Theil des über Wasser befindlichen Schiffskörpers, im Gegensatz zu der Back.

=Heranscheeren=, ein Schiff aus seiner bisherigen Cursrichtung heraus vorübergehend an einen bestimmten Platz oder Gegenstand bringen. (Von dem englischen 'to sheer' übernommen.)

=Hineinholen= in einen Hafen, in eine kleine Bucht, ein Dock u. s. w. bedeutet, mit großer Vorsicht, wenn nöthig mit Hülfe von Tauen, ein Schiff an eine bestimmte Stelle leiten.

=Jolle=, ein kleines, etwa 5 m langes, aber verhältnißmäßig breites und tiefes Arbeitsboot, welches gewöhnlich von 4 bis 6 Matrosen gerudert wird.

=Kette durchholen=, das allmähliche Anspannen der Ankerkette, wenn infolge von Strömung oder Wind das Schiff in Bewegung kommt, bis die Kette straff gespannt ist.

=Knoten= ist die Bezeichnung für die Geschwindigkeit eines Schiffes in einem gegebenen Augenblick, und die durch das Schiff in einer Stunde zurückgelegte Seemeilenzahl entspricht dieser Knotenzahl, wenn die Fahrt des Schiffes eine gleichmäßige war. In diesem Falle legt dann das Schiff in einer Stunde ebenso viele Seemeilen zurück, als bei dem Fahrtmessen (Loggen) in dem Zeitraum von 14 Sekunden Knotenlängen von der Meßleine ausgelaufen waren. So wird man von einem Segelschiff, bei welchem die Geschwindigkeit fast nie eine ganz gleichmäßige ist, weil die Stärke des Windes sich häufig ändert und auch die häufige Aenderung der Windrichtung von Einfluß auf die Schiffsgeschwindigkeit ist, nie sagen können, daß es x Seemeilen läuft, sondern nur: es hat beim letzten Loggen x Knoten gemacht. Aber auch die Geschwindigkeit der Dampfschiffe ist Störungen durch Wind und Seegang, durch kleine Unregelmäßigkeiten in dem Gang der Maschine unterworfen, sodaß auch bei diesen die Bezeichnung der Geschwindigkeit durch Knoten die richtigere ist, zumal man bei dieser Bezeichnung stets weiß, daß die Angabe sich immer nur auf die in einer Stunde zurückgelegte Strecke oder, wenn es sich um die höchste Leistungsfähigkeit eines Schiffes handelt, auf diejenige Seemeilenzahl bezieht, welche das Schiff in einer Stunde zurücklegen kann. Aber auch in dem Falle, daß sich derartige Störungen nicht geltend machen, kann man doch nicht mit Sicherheit die Geschwindigkeit eines Schiffes durch ein bestimmtes Längenmaß ausdrücken, weil man hierbei nicht die Meeresströmungen mit in Ansatz bringen kann, denn ein Schiff kann sehr wohl in einer Stunde 16 Seemeilen durch das Wasser, dabei aber bei dem Vorhandensein von z. B. 2 Knoten Gegenstrom nur 14 Seemeilen über den Grund gemacht haben; die Bezeichnung durch Knoten wird also auch hier immer die richtigere sein.

=Kutter=, 7 bis 9 m lange Boote, welche von 10 bis 12 Matrosen gerudert werden und die laufende Verbindung zwischen den zu Anker liegenden Schiffen und dem Lande unterhalten, auch als Offiziersboote benutzt werden. Bei einer Ausschiffung des Landungscorps nehmen die Kutter die Vorhut auf und landen demgemäß auch als die ersten Boote. Auf See dienen sie als Rettungsboote.

=Lee=, vom Schiffe aus gerechnet diejenige Seite, nach welcher der Wind hinweht.

=Leichterprähme=, offene Fahrzeuge, um die Lasten eines Schiffes an Land zu bringen oder umgekehrt. Sie erleichtern das Schiff.

=Lothgänger=, Matrosen, welche das Handloth bedienen. Zu diesem Dienst sind besonders gewandte und zuverlässige Leute erforderlich.

=Luv=, vom Schiffe aus gerechnet diejenige Seite, von welcher der Wind herkommt.

=Marssegel=, die mittelsten und wichtigsten Segel eines jeden Mastes. Die untersten Segel werden „Untersegel“ genannt, darüber stehen die „Marssegel“, über diesen die „Bram-“ und darüber die „Oberbramsegel“.

=Presenning= oder auch Persenning, ein besonders starkes, zuweilen auch getheertes oder geöltes Stück Segeltuch, das ebensowohl als Unterlage, wie auch zum Bedecken solcher Gegenstände oder Schiffstheile, welche geschont werden sollen, benutzt wird.

=Reefen=, Verkleinern der Segel durch Einbinden eines Theiles derselben.

=Reling= oder Schanzkleidung, der obere, über dem Oberdeck des Schiffes liegende und als Brustwehr dienende Theil der Schiffswand.

=Schlingern=, die seitlichen Bewegungen eines von den Wellen bewegten Schiffes.

=Spanten=, die rechtwinkelig zum Kiel stehenden Haupthölzer eines Schiffes oder Bootes, auf welcher die wagerecht liegenden Planken befestigt werden.

=Stänge=, s. Bramstänge.

=Steven=, die vorn und hinten den Kiel nach oben verlängernden Hölzer oder Eisenschienen. Daher Vor- und Hinter-Steven.

=Sturmsegel=, besonders starke und für den Zweck geformte kleinere Segel.

=Untermast=, s. Bramstänge.