Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 56
Djidda hat als Festung natürlich auch eine türkische Besatzung und einen türkischen Pascha als Gouverneur. Diesem, einem vornehm aussehenden Manne mit hochblondem Haar und Bart, machte ich selbstverständlich meinen Besuch, wobei der holländische Consul auch so liebenswürdig war, mich zu begleiten. Ich wurde in türkisch gastfreier Weise empfangen, mußte Kaffee trinken, mancherlei Süßigkeiten essen, welche der Pascha mir mit zierlicher Handbewegung selbst in den Mund stopfte, und eine Cigarette rauchen. Bei dem Frühstück, welches der holländische Diplomat uns gab, concertirte unsere Kapelle, welche vorher dem Pascha ein Ständchen gebracht hatte, und lockte mit ihren Weisen die sämmtlichen weiblichen Bewohnerinnen der angrenzenden Häuser auf die Dächer, wodurch wir unbeabsichtigt in die Lage kamen, diese Damen durch ein Fernrohr betrachten zu können. Die meisten waren Negerinnen und alle häßlich.
Zu dem außerhalb der Stadt liegenden merkwürdigen Bauwerk, welches der Ueberlieferung nach das Grab unserer Urmutter Eva sein soll, wurde ich auch geführt. Die Dame soll so groß gewesen sein wie die ganze Stätte; Kopf und Füße sind durch niedrige querstehende Mauern innerhalb der Umfassungsmauer bezeichnet und über dem Schoß befindet sich ein gemauerter viereckiger, etwa 3 m im Geviert großer Kasten, über welchem sich ein kleiner Tempel wölbt. Die Größenverhältnisse der Eva würden nach diesen Angaben die folgenden gewesen sein: vom Kopf bis zum Schoß 120 und vom Schoß bis zu den Füßen 80 Schritte; eine etwas vertrackte Gestalt. Einer der im Tempel anwesenden Aufseher faßte meine Hand und steckte dieselbe durch eine kleine eiserne Thür in den Kasten, womit ich nach der Erklärung des Dolmetschers in den Schoß der Eva gefaßt hatte und dafür ein entsprechendes Trinkgeld bezahlen mußte. An der bei den Füßen befindlichen Mauer fanden wir mehrere Weiber vor, welche den dort bereits angenagelten roth gefärbten Läppchen auch ihre Opfergaben beifügten, um den ihnen bisher versagten Kindersegen dadurch zu erflehen.
Als wir von Eva’s Grab zurückkehrten, war die Sonne bereits untergegangen und wir mußten nun den Weg durch das Mekkathor nehmen, weil die andern Thore bereits geschlossen waren. Hier begegneten wir einem Trupp nach Mekka ausziehender Pilger, welche ihre Reise stets mit Sonnenuntergang beginnen sollen. Es war ein langer bunter Zug, die Pilger auf Kamelen und die sie begleitenden Beduinen zu Pferde. Die türkischen und indischen Frauen in viereckigen, mit Gardinen verschlossenen Kasten, und merkwürdigerweise die sundanesischen Frauen offen und unverschleiert, wie sie auch in ihrer Heimat sich tragen.
Die wenigen Europäer in Djidda leben auf einem Vulkan und sind der fanatischen Bevölkerung gegenüber nie ihres Lebens sicher, ganz gewiß aber würden sie nie wieder zurückkehren, wenn sie bei ihren Spazierritten außerhalb der Stadt die ihnen gesteckte Grenze von etwa 5 km überschreiten wollten. Jenseit dieser Grenze würde der türkische Pascha sie nicht mehr schützen können.
Am 21. nachmittags 5 Uhr verließ ich Djidda wieder. Abends meldete mir der Arzt, daß ein Maschinistenmaat am Hitzschlag erkrankt sei, aber nicht infolge seines Dienstes an der Maschine, sondern durch Unvorsichtigkeit auf dem englischen Kohlendampfer, wo er das Gewicht der für uns verladenen Kohlen zu controliren hatte. Anstatt nur in seinem weißen Hemde dahin zu gehen, hatte er seine Uniformsjacke aus dickem Tuch angezogen und sich außerdem mit schwerem Bier bewirthen lassen. Da blieb es schließlich ein Glück, daß er nur mit einem Schreckschuß davonkam und am zweiten Tage wieder hergestellt war.
Am 26. morgens, eine Stunde nach Mitternacht, wurde vor Suez geankert und um 12 Uhr mittags, nach Erfüllung der erforderlichen Formalitäten, in den Suezkanal gedampft. Wir hatten das Glück, nur wenig Verkehr zu finden, sodaß wir schon am 27. nachmittags 5½ Uhr in Port-Said anlangten, welchen Hafen wir vorgestern Morgen wieder verlassen haben.
In der Jade, 30. September 1879 abends.
So sind wir denn am Ziel, in der Heimat. In wenigen Stunden werden wir wieder vor Wilhelmshaven liegen, das wir vor 697 Tagen, am 3. November 1877 verlassen haben. Die Reise von Port-Said bis hierher war ein Gemisch von Windstillen und uns ungünstigen Stürmen; Malta, Gibraltar und Plymouth haben wir noch angelaufen, aber nur zur Einnahme von Kohlen, sodaß unser Aufenthalt sich immer nur auf wenige Stunden, 19, 24 und 10, beschränkte.
Meine Reiseberichte sind zu Ende und ich will nur noch die Angabe hinzufügen, daß wir uns während der Reise 401 Tag auf See und 296 im Hafen befunden haben, daß die von uns zurückgelegte Seemeilenzahl 52860 und die Zahl der angelaufenen Häfen 72 beträgt; den Aequator haben wir sechsmal passirt.
Anhang.
1.
Die in den letzten fünf Jahren in der Südsee vorgekommenen Machtverschiebungen.
Nachdem Frankreich im Jahre 1842 das Protectorat über Tahiti übernommen und von den Marquesas-Inseln Besitz ergriffen hatte, versuchte es ein Gleiches mit den Gesellschafts-Inseln. Als aber die Eingeborenen von Huheine unter der Führung eines Europäers die gelandeten französischen Truppen in offenem Kampfe besiegten und wieder von der Insel trieben, trat England für die Unabhängigkeit der Gesellschafts-Inseln ein, wodurch ein Vertrag zu Stande kam, nach welchem England wie Frankreich beiderseits auf eine Besitzergreifung dieser Inseln verzichteten und sich gegenseitig deren Unabhängigkeit garantirten.
Bis zum Jahre 1854, in welchem Frankreich Neu-Caledonien besetzte, waren dann keine weitern Veränderungen in den Besitzverhältnissen der Südseeinseln eingetreten und es muß eigentlich auffallen, daß nunmehr, nach dieser neuen französischen Erwerbung in nächster Nähe Australiens, die Engländer noch immer keine Anstalten trafen, sich den Besitz der noch übrigen unabhängigen Inseln zu sichern. Sie wußten aber wohl, was sie thaten. Sie besaßen schon ein so ausgedehntes Colonialgebiet, hatten in Neu-Seeland so kostspielige Erfahrungen gemacht, daß sie füglich darauf verzichten konnten, Land zu erwerben, welches ihnen keinen Nutzen bringen, sondern nur übermäßige Kosten verursachen konnte, wie ja auch die französischen Erwerbungen in der Südsee als warnendes Beispiel dienen mußten. Der Besitz fremden Landes mit einer großen einheimischen Bevölkerung, welche noch nicht durch längern Verkehr mit bereits ansässigen Europäern gezähmt worden war, konnte damals nur mit einer verhältnißmäßig großen Truppenmacht aufrecht erhalten werden, welche mehr Geld kostete, als der Besitz einbrachte; die Eingeborenen waren aber zu jener Zeit noch nicht so erleuchtet, um eine europäische Macht um die Schutzherrschaft bitten zu können.
Da brachte das Jahr 1872 eine große Wandlung. Die allein von deutschen Kaufleuten, in erster Reihe von den Brüdern Hennings, dem Handel erschlossenen Fidji-Inseln hatten lange Zeit unter innern Unruhen so sehr gelitten, daß der König Cakobau des Regierens müde geworden war und, soweit mir bekannt, das Deutsche Reich um die Schutzherrschaft anging, welche von diesem aber abgelehnt wurde. Darauf wandte sich Cakobau an die englische Regierung, welche sich nicht lange bitten ließ, die 21000 qkm große, reiche Inselgruppe ohne irgendein Entgelt zu übernehmen, nachdem sie erkannt hatte, daß die Pionnierarbeit der deutschen Kaufleute es ihr möglich machte, das Land ohne große Kosten zu verwalten. Dies geschah im Jahre 1874.
Inzwischen hatten die deutschen Interessen auf den Samoa- und Tonga-Inseln eine solche Ausdehnung gewonnen, daß das Reich ihnen seinen Schutz nicht länger vorenthalten konnte und nun regelmäßig Schiffe nach der Südsee schickte, ohne dabei indeß an Colonialerwerb zu denken. Das Einzige, was ins Auge gefaßt wurde, war, durch Verträge die Tonga- und Samoa-Inseln vor fremder Annectirung zu sichern. Ein solcher Vertrag mit Tonga kam im Jahre 1876 zu Stande, während damals die deutschen Bevollmächtigten die ihnen feindlichen Strömungen auf den Samoa-Inseln, welche vornehmlich auf amerikanischen Einfluß zurückzuführen waren, noch nicht zu überwinden vermochten. Zu den deutschen Interessen auf den genannten Inseln waren übrigens neuerdings auch noch die auf den Ellice-, Kingsmill-, Marshall-Inseln, sowie in Neu-Britannien hinzugetreten. Dies war der Stand der Dinge, als ich 1878 mit der „Ariadne“ nach Samoa kam.
Zu jener Zeit traten allerdings auch schon Bestrebungen von seiten Frankreichs und der australischen Colonien in die Erscheinung, welche weitere Veränderungen in den Besitzverhältnissen in der Südsee in Aussicht stellten oder doch vermuthen ließen. Auch die Samoaner, oder doch ein Theil derselben, hatten sich um das amerikanische Protectorat bemüht und es schien, als ob die Amerikaner gewillt seien, hier wie auch auf den Marshall-Inseln ähnliche Verhältnisse zu erstreben wie auf den Sandwich-Inseln, welche eigentlich als amerikanische Colonie betrachtet werden können.
Es waren somit alle seefahrenden Mächte, welche nur ein entferntes Interesse an der Südsee hatten, auf dem Plan und in nicht zu ferner Zeit mußte die Entscheidung fallen, wem die Inseln gehören sollten, nachdem man mit Erstaunen erkannt hatte, was die deutschen Kaufleute aus den von ihnen bearbeiteten Inseln gemacht hatten, und da man wol annahm, dasselbe leisten zu können.
Samoa war inzwischen durch den samoanisch-amerikanischen Vertrag auch schon nicht mehr frei; aber die Ellice-, Kingsmill-, Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, Neu-Guinea mit Ausnahme des holländischen Theils, die Salomons- und Sta.-Cruz-Inseln, die Neu-Hebriden, sowie viele einzeln verstreut liegende Inseln, auf denen sämmtlich, mit Ausnahme von Neu-Guinea, den Salomons-, Sta.-Cruz-Inseln und Neu-Hebriden, eigentlich nur deutsche Interessen in Betracht kamen, waren noch frei. Daß die „Ariadne“, soweit es in ihren Kräften lag und die sonstigen Umstände es gestatteten, in aller Stille ihr Möglichstes that, die deutschen Interessen gegen fremde Vergewaltigung zu sichern, ist früher auseinandergesetzt worden, immerhin sei hier aber kurz wiederholt, welche Inseln bezw. Gruppen gesichert wurden. Es waren dies: Funafuti, Vaitupu, die Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, sowie Samoa; ferner wurden, als eine Folge der von der „Ariadne“ gemachten Vorarbeiten, im Frühjahr 1879 durch die Fregatte „Bismarck“ Verträge mit den Königinnen von Huheine, Bora-Bora und Roratonga abgeschlossen.
Für diese Sicherungsmaßregeln war es die höchste Zeit gewesen, denn die Begehrlichkeit nach den Südseeinseln wurde in der darauf folgenden Zeit so groß, namentlich die australischen und neuseeländischen Colonien drängten mit solchem Ungestüm nach weitern Annectirungen in der Südsee, daß die Diplomatie sich der Sache annehmen und am grünen Tisch theilen mußte. Hierbei nun kam es Deutschland zu statten, daß es im Austausch auch etwas bieten und unter Verzichtleistung auf einzelne Rechtstitel neue erwerben konnte, denn es darf wol als zweifellos angenommen werden, daß es zu Gunsten Frankreichs auf seine Ansprüche an die Gesellschafts-Inseln und zu Gunsten Englands auf die an Roratonga und die Ellice-Inseln verzichtete.
So konnte Frankreich, nachdem es bereits im Jahre 1880 Tahiti mit der Paumotu-Gruppe zur Colonie gemacht hatte, im December 1885 die Gesellschafts-Inseln annectiren, während Deutschland und England sich in den Rest des freien Südseegebietes theilten. Sind auch die Neu-Hebriden zur Zeit noch unabhängig, so hat Deutschland an dieser Gruppe doch kein Interesse mehr, weil dieselbe nach dem Theilungsplan in der Interessensphäre Englands liegt. Wahrscheinlich allerdings ist, daß die Franzosen jene Inseln erhalten werden, weil diese jetzt mit derjenigen Anmaßung zur See auftreten, wie es früher die Engländer gethan haben, womit sie diesen entschieden imponiren.
Und wer trägt nun eigentlich die Schuld, daß diese schon seit langer Zeit vorhergesehene Theilung, welche im großen und ganzen zum Nachtheil Deutschlands ausgefallen ist, so früh zu Stande kam? Unbeabsichtigt der muthige und thatkräftige deutsche Kaufmann, welcher sich zwischen den noch wilden Eingeborenen niederließ, der Welt zeigte, was für Reichthümer diese Inseln in ihrem Schoß bergen und dadurch die Augen der Neider dorthin lenkte, während er es doch am wenigsten verdient hat, daß er eines großen Theils der Früchte seiner Saat verlustig gegangen ist. Lange Zeit hat er im stillen arbeiten und ernten können, aber schließlich zwangen äußere Umstände ihn, aus seiner Verborgenheit herauszutreten, und zu seinem Schaden mußte dies schon zu einer Zeit geschehen, wo das deutsche Volk noch nicht bereit war, dem Vorschlage seiner Regierung, mit ihr nach der Südsee zu gehen, zuzustimmen.
Hätte das Deutsche Reich fünf oder auch nur drei Jahre früher energisch zugegriffen, zu einer Zeit, wo in Australien und Neu-Seeland die Leidenschaften für weitern Colonialerwerb noch nicht so entzündet waren, dann hätten wir heute wahrscheinlich den doppelten Landbesitz in der Südsee.
2.
Allgemeine Bemerkungen über die Bewohner der Südseeinseln.
Nachdem ich ein Jahr in der Südsee zugebracht und den größten Theil der südlich des Aequators gelegenen Inselgruppen gesehen hatte, konnte ich dasjenige zusammenstellen, was ich aus eigener Beobachtung oder aus competentem Munde über die Bevölkerungen der verschiedenen Inselgruppen erfahren habe und was ich meinen ersten Südsee-Briefen nicht einfügen konnte, weil mir damals diese Erfahrungen eben noch fehlten. Zweifellos würde aber manches in diesen verständlicher gewesen sein, wenn ich schon dem Besuch der Marquesas-Inseln dasjenige hätte vorausschicken können, was ich hier in gedrängter Form niederlegen will. Daß ich dies überhaupt thue, ist einzig den nachstehend angegebenen Gründen zuzuschreiben.
Auf der Heimreise wurden mir beim Anlaufen der verschiedenen Häfen so wunderliche Fragen über die in der Südsee vermuthete Menschenfresserei vorgelegt; es werden nach den verschiedentlich ausgesprochenen Urtheilen die dortigen Menschenstämme auf einer so niedrigen Stufe stehend angenommen, sie sollen in Bezug auf Rohheit und Wildheit dem Raubthier so nahe stehen, daß ich mich fragen mußte, welchen Ursachen eine solche Verkennung einer großen Völkerfamilie zuzuschreiben sei. Allerdings mußte ich mir nach einigem Nachdenken sagen, daß ich früher die Südsee-Insulaner ebenso beurtheilt hatte, weil eben alle Welt sie so beurtheilt; deswegen aber halte ich es gerade für meine Pflicht, mein Theil dazu beizutragen dieses Urtheil berichtigen zu helfen, damit wenigstens diejenigen Leser, welche meinen Reiseberichten gefolgt sind, nochmals besonders darauf hingewiesen werden und jener Inselbevölkerung Gerechtigkeit widerfahren lassen können.
Bei Beantwortung der Frage, wie jenes ungünstige Urtheil sich erhalten konnte, glaube ich den Umstand in den Vordergrund stellen zu müssen, daß das große Publikum häufig alle Inselbewohner der Südsee -- Polynesier, Mikronesier und Melanesier (Papuaneger) -- zusammenwirft und alle Menschenfresser nennt, weil die Melanesier es sind. Zu verwundern ist dies aber nicht, denn wo sollte das Publikum die Mittel finden, sich über die dortigen Zustände genau zu unterrichten? Die frühern Reisenden haben sich bei Beschreibung jener Menschenstämme vielfach versündigt und die neuern Berichte stammten zur Zeit meiner Beobachtungen in der Mehrzahl von Missionaren, von Herren, welche meines Erachtens in der aufgeworfenen Frage nicht ganz competent sind. Sie haben zweifellos verdienstvolle Werke geschrieben, die manche wissenschaftliche Frage eingehend und erschöpfend behandeln und uns die erste werthvolle Kunde aus jenem Welttheile gebracht haben; Werke, die aber ihre Beredsamkeit verlieren, sobald sie das alltägliche Leben besprechen und uns ein Bild der Vergnügungen und der Sitten jener Naturmenschen bringen sollen. Und aus einer wahrheitsgetreuen Schilderung der Sitten und Gebräuche, der Vergnügungen und Leidenschaften, läßt sich doch nur ein richtiges Bild über den Charakter eines Volkes zusammenstellen. Jene Werke bringen allerdings vieles über Sitten und Gebräuche, aber nicht das, was zu einer richtigen Beurtheilung unumgänglich nothwendig ist. Gebräuche und Leidenschaften jener Naturmenschen stehen eben dem paradiesischen Urzustande so nahe, würden mit ihrer dortigen natürlichen Reinheit in unsere civilisirten Verhältnisse verpflanzt theilweise so anstößig werden, daß der Missionar darüber hinweggehen zu müssen glaubt, wenn er nicht etwa schon alles Gefühl für die reinen Naturtriebe verloren hat und aus diesem Grunde manches verurtheilt, was als ein Beweis von Sittlichkeit und Unschuld hingestellt werden muß. Allerdings bleibt hier noch die Frage zu erörtern, ob der Missionar, welcher sein Amt nicht zeitweise abstreifen kann, je Gelegenheit findet, jene Menschen so kennen zu lernen, wie sie in Wirklichkeit sind, und diese Frage glaube ich verneinen zu müssen. Die Missionare verurtheilen die harmlosesten Vergnügungen jener Leute mit einer solchen Härte, haben so schwere Geldstrafen für die nach unsern Begriffen unschuldigsten Sachen, und überhaupt ein so strenges puritanisches Regiment eingeführt, daß der Eingeborene vor ihnen stets ein Heuchler sein muß, weil er ohne seine gewohnten Zerstreuungen nicht leben kann. Denn diese Leute, welche weder geistige noch körperliche Arbeit kennen, müssen, solange sie noch nicht die Wohlthaten eines arbeitsamen Lebens empfinden, die Langeweile, den größten Feind aller Moral und Sittlichkeit, durch ihre kleinen Feste vertreiben. Der Missionar sieht daher leicht den Eingeborenen, wie er ihn sehen möchte und ist mithin nach meiner Ansicht nicht in der Lage, uns ein getreues Bild von dem Leben und Wirken jener interessanten Naturmenschen geben zu können; sein Bericht bespricht nicht diese Welt, ist nicht von dem glühenden Hauch des Lebens durchweht und wirkt daher leicht ermüdend, wie er in Wahrheit der Wirklichkeit auch nur unvollkommen entspricht. Leider muß ich hier aber auch noch einfügen, daß viele der in der Südsee wirkenden Missionare meiner Ansicht nach ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind und den dortigen harmlosen Heiden nicht die Wohlthaten des Christenthums zuwenden.
An den Hauptplätzen, so auf Tongatabu, in Apia und auf den Duke of York-Inseln findet man allerdings Männer von hoher Bildung, welche in reiferm Alter stehend ihre Aufgabe in würdiger und wohlwollender Weise auffassen; vielfach sind aber nur untergeordnete Persönlichkeiten vorhanden, die, vielleicht mit dem wahren Geiste des Christenthums unbekannt, ihre Erfolge nur nach der Zahl der Kirchgänger und der Höhe ihrer eigenen tyrannischen Macht berechnen. Ihre Heerde ist eine stumpfe Menge, welche die von dem Hirten anbefohlenen äußern Gebräuche streng befolgt, daneben aber sich heimlicher Laster hingibt, da der Hirt ihr alle die altgewohnten, größtentheils harmlosen Vergnügungen unter dem Vorwand, daß dieselben heidnisch seien, genommen hat, anstatt allmählich nur das zu beseitigen, was etwa mit dem Christenthum nicht in Einklang gebracht werden kann.
Ich möchte daher behaupten, daß jene Naturmenschen für das Christenthum noch nicht reif sind, wenigstens nicht, solange sie nicht gleichzeitig unter die Obhut einer erleuchteten christlichen Regierung treten, welche die Härten der orthodoxen Kirche mildert. Hierbei darf auch eine wichtige Frage nicht übersehen werden, nämlich die, daß das Christenthum, wie es gelehrt worden ist, ohne etwas Besseres dafür zu geben, die glücklichen politischen und socialen Verhältnisse, welche früher auf den meisten der von Polynesiern bewohnten Inseln bestanden haben, zerrüttet hat. Es scheint fast, als ob die Missionare nicht gewußt hätten, daß das Zerstören leichter als das Wiederaufbauen ist. Die Polynesier hielten früher die Häuptlingsfamilien für unsterblich, für Halbgötter, während der gemeine Mann mit seinem Tode vollständig abschloß. Hieraus entsprang die hohe Achtung und der unbedingte Gehorsam, welche den Häuptlingen und ihren Familien gezollt wurden. Die Häuptlinge gebrauchten ihre Gewalt nur soweit, daß sie sich von ihren Unterthanen ernähren ließen, und konnten sie nicht mißbrauchen, da sie nicht mehr fordern konnten, als was zu ihrer Sättigung nothwendig war. Denn eigentliches Besitzthum war nicht vorhanden und Geld nicht bekannt. Die Lasten der Unterthanen waren daher außerordentlich geringe, sie lebten glücklich und zufrieden, und der Fall, daß ein Häuptling im Jähzorn einen seiner Unterthanen erschlug, soll selten vorgekommen sein. Doch all das hat sich mit dem Einzug der Missionare geändert. Die Unsterblichkeit der Seele machte den gemeinen Mann dem Häuptling gleich und der Missionar trat als der Vertreter Gottes an die Stelle der Häuptlinge. Solange er nun das Regiment mit Klugheit und Milde führte, war alles gut; war er aber der Fülle der ihm gewordenen Macht nicht gewachsen, so wurde er ein Despot, der seine harmlose Heerde tyrannisch knechtete. Verließ dann der Missionar die Insel wieder, dann gab es, auch wenn er sein wirklich Bestes gethan hatte, Unruhen, weil jede Autorität vernichtet war, die Häuptlinge naturgemäß dieselbe aber wieder beanspruchten, sie auch erzwangen, aber in der Regel nur durch fortgesetzte Kriege sich erhalten konnten.
Da auch leider die Sittenlosigkeit auf den Inseln der Südsee vorläufig noch mit dem Vorschreiten des Christenthums wächst und die Inseln, welche am längsten unter dem Einfluß der Missionare stehen, d. h. diejenigen, welche sich diesem Einfluß wirklich unterworfen haben, die verderbtesten sind, so glaube ich kein Unrecht zu begehen, wenn ich die Menschenfresser in Neu-Britannien in moralisch-sittlicher Beziehung höher stelle als die Tahitier. Wenn auch die Verderbtheit nicht indirect dem Einflusse der neuen Lehre oder ihrer Priester, sondern dem Verkehr mit den Europäern überhaupt zuzuschreiben sein sollte, da diese sich in neuerer Zeit vielfach auf den von Missionaren beherrschten Inseln angesiedelt haben, so bleibt doch auch unter dieser Annahme dann noch immer die Thatsache bestehen, daß ein 20jähriges ungestörtes Wirken der Missionare nicht im Stande war, die Eingeborenen davor zu schützen, daß sie wenige Jahre nach der Ansiedelung einiger Europäer auf einen bedauernswerthen Stand der Entsittlichung gesunken waren. Es läßt sich jedenfalls nicht wegleugnen, daß die Polynesier, welche bisjetzt nur allein als den Missionaren unterworfen betrachtet werden können, als Christen schlechtere Menschen sind, als sie zur Zeit ihres Heidenthums waren. Und sollten sie wirklich früher schon moralisch so niedrig gestanden haben wie jetzt, dann bleibt immer doch der Rückschritt bestehen, daß sie jetzt als Christen mit Bewußtsein sündigen, während sie früher nur erlaubte Freiheiten genossen. Wie schädlich die übereilte Bekehrung in jenen Gegenden gewirkt hat, dürfte vielleicht mein Bericht über Vavau am besten ergeben, da dort gezeigt ist, wie wenig diese Naturmenschen den Geist des Christenthums zu begreifen vermögen oder wie wenig sie diesen Geist begreifen wollen. --