Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 55

Chapter 553,486 wordsPublic domain

In Buitenzorg fand ich einen luxuriösen Platz, schöne Häuser, große Parkanlagen und Gärten, elegante Hotels und unter den vielen fröhlichen Menschen auch manchen siechen Soldaten, da die im Colonialdienst erkrankten Mannschaften von dem Staat zu ihrer Erholung dorthin geschickt werden. Zwischen den vorwiegend europäischen Häusern liegen auch einige javanische, in denen eingeborene Fürsten mit ihrem Hofstaat leben und in deren einem am Abend meiner Anwesenheit in Buitenzorg ein als Musik bezeichneter fürchterlicher Lärm bis spät in die Nacht hinein verübt wurde.

Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch bestiegen wir einen kleinen zweisitzigen, mit vier kleinen Pferden bespannten Wagen, um weiter in die Berge zu fahren und einen berühmten Badeplatz zu besuchen. Der Kutscher des Gefährts hatte merkwürdigerweise nur die beiden Stangenpferde im Zügel, die beiden vordern Thiere waren ohne jede Lenkvorrichtung eingeschirrt. Zwei eingeborene Läufer mit kurzer Peitsche in der Hand standen, ebenso wie bei den städtischen Wagen, auf dem hinten angebrachten Fußbret, mit einer Hand sich am Wagen festhaltend und mit nach außen geneigtem Oberkörper die vor uns liegende Straße beobachtend. Die Hauptaufgabe dieser Läufer scheint die zu sein, die vordern Pferde zu lenken, weil auf den guten Straßen keine Hindernisse eintreten, welche ihre Thätigkeit sonst in Anspruch nehmen könnten. Sobald wir im Wagen saßen, nahmen auf Zuruf des Kutschers die feurigen Thiere einen fliegenden Trab auf und behielten diese Gangart scheinbar ohne Anstrengung auch auf der bald ziemlich steil ansteigenden Straße dauernd bei. Staunenswerther als dies war es aber, wenn bei Wegebiegungen oder Straßenkreuzungen unsere beiden Läufer von dem Fußbret absprangen, den schnellen Lauf der Thiere überholend an uns vorbeiflogen, die vorgespannten Pferde, sie am Gebiß fassend, auf den richtigen Weg leiteten und dann wieder leicht auf das Fußbret sprangen, ohne durch schneller gehenden Athem zu verrathen, daß der Lauf ihnen eine Anstrengung verursacht hätte. Und als noch staunenswerther möchte ich es bezeichnen, als bei einer javanischen Hütte ein kleines, kaum 7 Jahre altes Mädchen uns folgte und mit ihren bloßen Füßchen neben dem Wagen herlaufend, gleichen Schritt mit uns hielt und lachenden Gesichts ihr guán, guán (Herr, Herr) rief, um eine Gabe zu erbetteln. Manche mich interessirende Gestalt begegnete uns, stolze Javanesen oder Sundanesen, welche eigentlich nur ihre Waffen spazieren trugen; mit dem Hüfttuch bekleidete, sonst nackte Tagelöhner, welche kunstvoll gebundene Fruchtpyramiden zu Markte in die Stadt trugen und von denen mehr wie einer sich von seiner ärmlich gekleideten Frau begleiten ließ, um bei dieser Gelegenheit die in ihren Ohrläppchen sitzenden, oft einen Werth von nahezu 1000 Gulden darstellenden Brillanten zur Schau zu stellen. Der geradezu krankhafte Trieb des Javanesen nach dem Besitz von Diamanten soll ihn allein dazu bringen, auf den Plantagen der Europäer so lange zu arbeiten, bis er sich diesen Wunsch erfüllen kann, worauf er sich dann an dem Besitz in der Weise erfreut, daß er die Steine seiner Frau anhängt, wodurch er sie immer vor Augen hat. Auch durch Dörfer, malerisch zwischen üppigem Laub gelegene Niederlassungen, kamen wir, wo die Frauen der wohlhabendern Klasse in den saubern offenen Hütten am Webstuhl saßen, denn sie weben den Hausbedarf an Stoffen sich selbst.

An unserm eigentlichen Ziele angelangt, fanden wir einen dunkeln, geheimnißvollen, kühlen Hain, in welchem unter hohen Bäumen ein großes gemauertes Becken liegt, das von einer frischen Waldquelle gespeist wird. Eine Hütte zum Aus- und Ankleiden befindet sich an dem Rande des Beckens, eine steile steinerne, mit Moos überzogene Treppe führt zum Wasserspiegel, wo man unter den rauschenden Kronen altehrwürdiger Bäume im Waldesdunkel und umgeben von Waldesstille ein erfrischendes, fast kaltes Schwimmbad findet. Als wir beim Verlassen des Bades einigen Eingeborenen begegneten, forderte Herr S. dieselben auf, einige Skorpione zu fangen, um mir zu zeigen, wie reich der Boden hier an diesem giftigen Gewürm sei. Nur einige größere Steine brauchten die Leute aus dem feuchten schlüpfrigen Boden herauszuheben und sie hatten schon eine kleine Schale mit diesen kampfesmuthigen Thieren, welche sofort gegenseitig übereinander herfielen, angefüllt.

Nach Buitenzorg zurückgekehrt fand ich noch Gelegenheit, von einem herumziehenden Händler in unserm Gasthaus einige schöne alte sundanesische kurze Schwerter zu erwerben, dann frühstückten wir und zur Essenszeit waren wir wieder in Batavia.

Am 10. Juli mittags verließen wir den javanischen Strand wieder, liefen während der Nacht durch die Sunda-Straße, aus welcher wir am 11. morgens 4 Uhr in den Indischen Ocean einsteuerten. Ich suchte nun zunächst 9° Südbreite auf, um auf dieser die Reise zu machen, steuerte aber, als am 12. abends der Passatwind immer noch nicht durchgekommen war, südlich bis auf 10½° Südbreite, wo ich am 13. nachmittags den gewünschten Wind antraf, auf dessen Schwingen wir nun mit einer Durchschnittsfahrt von 10 Knoten, welche zuweilen bis auf 13 steigt, nach Aden eilen.

Im Golf von Aden, 10. August 1879.

Erhaben ernst schaut die todte rothbraune Nordküste des Somalilandes auf uns hernieder, und ernst sind wol die Gedanken der meisten von uns. Sind wir doch nicht mehr fern von Aden, wo wir nach fünf Monaten wieder die ersten Briefe und jedenfalls solche neuern Datums erhalten werden. Wenn dieselben uns hoffentlich auch nur frohe Botschaft bringen, so ist doch auch das Gegentheil nicht ausgeschlossen; hat doch wol schon jeder von uns bei ähnlicher Gelegenheit vor den Thoren der Heimat Tiefernstes selbst erfahren oder an andern miterlebt. Auch die uns umgebende Scenerie wirkt in ihrer großartigen Ruhe und wunderbaren Farbenzusammenstellung ganz eigenartig auf das Gemüth. Früh ist es noch am Tage, niedrig steht die Sonne, deren heiße Strahlen das Land noch nicht in ein flimmerndes Dunstkleid hüllen. Selten klar ist die Luft, durchsichtig blau der Aether, tiefblau das Meer und rothbraun das Gebirgsland, auf dessen weitem Gelände wir nur eine einzige arabische Wohnstätte entdecken können, welche, festungsartig von Mauern umgeben, uns in ihrem blendenden weißen Anstrich wie ein Edelstein aus der todten Umgebung entgegenleuchtet. Kein Hauch bewegt die Luft und das Meer, kein Leben hier und dort, kein Baum, kein Strauch am Lande, kein Schiff, kein Vogel auf dem Wasser, Stille rings um uns her, soweit das Auge schaut.

Als wir am 6. August nach unsern Berechnungen so nahe an die afrikanische Küste gekommen waren, daß wir bald den von Süden, vom Cap der Guten Hoffnung kommenden kalten Nordstrom treffen mußten, machte ich den Versuch, uns von der Annäherung an die afrikanische Küste in der Weise durch den Thermometer zu überzeugen, daß wir durch Messung der Temperatur des Wassers den Eintritt in die Stromgrenze festzustellen suchten. Die Küste bei Ras-Hafun ist gefährlich und hat schon manches Schiff verschlungen, weil sie am Tage in der Regel in Dunst oder leichten Nebel gehüllt nur auf 3-4 Seemeilen Entfernung zu sehen ist, das Loth bei den großen Wassertiefen nur in allernächster Nähe der Küste wirklich von Nutzen ist und die Meeresströmungen hier so unregelmäßige sind, daß sie die Sicherheit der Ortsbestimmung des Schiffes in hohem Grade beeinträchtigen. Weiß man aber erst, daß man sich überhaupt schon in der Nähe der Küste befindet, dann kann man mit einiger Vorsicht jede Gefahr ziemlich sicher vermeiden. Die Segelanweisungen deuten allerdings nicht an, daß man den kalten Strom zu dem angegebenen Zweck benutzen kann, weshalb ich nur geringes Vertrauen zu dem Versuch hatte, um so überraschender war der Erfolg.

Im Laufe des Tages, des 7., fiel die Wassertemperatur von 26° C. bis auf 24,5°, der kalte Strom machte sich also schon bemerklich; am 8. aber fiel sie weiter bis auf 16,7°, wahrlich ein kaum glaublicher Wärmegrad auf 10° Nordbreite, nachdem das Wasser bereits von 34° Süd an fast den ganzen Tropengürtel, jedenfalls an 2000 Seemeilen innerhalb der Tropen, durchlaufen hatte. Sobald wir in der Mitte der breiten Meeresströmung angekommen waren, hätten wir allerdings der Messung der Wasserwärme nicht mehr bedurft, denn die Abkühlung der Luft war hier eine derartige, daß wir warme Kleider anlegen mußten und ich der Mannschaft während der Nacht heißen Kaffee geben ließ, um sie vor Erkrankung zu schützen. Welchen Temperaturschwankungen wir ausgesetzt waren, wird am besten der Thermometer ergeben.

Am 8. d. M. 4 Uhr morgens hatten wir in der Luft 24,9° C. = 19,9° R. 8 " vormittags 24,8 " 19,8 " 10 " " 24,0 " 19,2 " 12 " mittags 21,7 " 17,4 " 4 " nachmittags 20,4 " 16,3 " 8 " abends 19,7 " 15,8 " 12 " Mitternacht 18,5 " 14,8 "

Am 9. d. M. 4 " morgens 21,5 " 17,2 " 8 " vormittags 26,0 " 20,8 " 12 " mittags 32,1 " 25,7 " 12 " Mitternacht 29,5 " 23,6 "

Mit welcher Wucht der kalte Strom sich zeitweise seinen Weg nach Norden bahnt, konnten wir auch an seiner Geschwindigkeit erkennen, denn am 8. d. M. in der Zeit von 8 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags stellten wir vermittelst durchaus zuverlässiger Beobachtungen an der Sonne fest, daß wir durch ihn in diesen 6 Stunden 30 Seemeilen oder über 56 km allein nach Osten versetzt worden waren, sodaß seine Geschwindigkeit mindestens 9,5 km in der Stunde, wahrscheinlich aber, da wir keine Gelegenheit fanden, die Versetzung nach Norden mit zu bestimmen, bis zu 12 km oder 6-7 Seemeilen stündlich betragen hat.

Während nun der Einfluß des kalten Stroms zweifellos die Veranlassung ist, daß am Tage leichte Nebel sich auf die heiße Küste legen, bewirkt er in den ersten Nachtstunden einen so starken Thaufall, daß dieser nur mit leichtem Regen verglichen werden kann, der späterhin die Luft klar und sichtig macht. So haben wir es auch dem Nebel und Gegenstrom jedenfalls zuzuschreiben, daß wir die afrikanische Küste nicht schon am 8., wie ich sicher erwartet hatte, in Sicht bekamen. Als dann am Abend dieses Tages aber der starke Thaufall eintrat, wurde es mir gleich klar, daß ich die Nacht zum Ansteuern des Landes benutzen müsse und segelte dann auch unter Zuhülfenahme des Loths direct auf die Küste los. Meinen Nachtschlaf mußte ich nun allerdings wieder einmal opfern, doch dies war nicht zu ändern.

Gegen Mitternacht wird die Luft durchsichtig klar, die Nacht so hell, wie sie es unter dem alleinigen Einfluß der blitzenden Sterne zu werden vermag, und eiligen Laufes mit geblähten Segeln durchschneidet das Schiff rauschend die Meereswogen. Lautlos, mit geschärften Sinnen aufmerksam nach vorn schauend, stehen die in warme Winterkleider gehüllten Menschen auf ihren Posten, um mit den Augen das ersehnte Land zu erspähen oder mit dem Gehör die Brandung zu erlauschen. Von Stunde zu Stunde wird das Loth geworfen, welches um 1½ Uhr nach Mitternacht zum ersten mal den Grund erreicht und eine Tiefe von 95 m angibt.

Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, erst um 3 Uhr morgens, aber dann auch urplötzlich, von allen zugleich gesehen, steht das hohe Bergland scharf gezeichnet und massig vor uns, die Küste zwischen Ras-Hafun und Cap Guardafui. Nach der Wassertiefe müssen wir 15 Seemeilen vom Lande ab sein, und von diesem als richtig angenommenen Standpunkte aus wird der Curs nach dem Cap Guardafui gesetzt, welches um 5½ Uhr in Sicht kommt. Um 7 Uhr passiren wir dasselbe und jetzt konnte ich auch daran denken, etwas der Ruhe zu pflegen, doch nur für kurze Zeit, denn um 8 Uhr schon wurde ich mit der Meldung geweckt, daß Windstille eingetreten sei, und ich mußte wieder an Deck das Wetter prüfen, ehe ich den Befehl zum Dampfmachen geben konnte.

Im Mittelmeer, 3. September 1879.

Im Mittelmeer! Seit über drei Monaten eilen und hasten wir vorwärts, um das Endziel unserer zweijährigen Reise zu erreichen, das Ziel, welches nun schon so nahe vor uns liegt. Nirgends hatten wir Zeit, keine andere Aufgabe war uns mehr gestellt, als die, nach Hause zurückzukehren, und ihr, also der Seefahrt allein, galt neben der Erhaltung der Mannschaft in kriegstüchtiger Ausbildung und des Schiffes in kriegsbrauchbarem Zustande, unsere ganze Thätigkeit.

Am 11. August mittags ankerten wir vor Aden, welches wir schon am 12. nachmittags 4 Uhr wieder verließen, nachdem wir Kohlen, Proviant und Wasser eingenommen hatten. Dort fanden wir zu unserer freudigen Ueberraschung auch unser Kanonenboot „Nautilus“, welches sich auf der Reise nach den Samoa-Inseln befindet, zu Anker liegend vor. Die Freude wurde allerdings bald getrübt, als wir hörten, daß sein Commandant während der Fahrt durch das Rothe Meer gestorben war. Die Post brachte uns nur gute Nachrichten.

An Kriegsschiffen lag noch ein englisches Kanonenboot im Hafen, welches aus dem Rothen Meere hierher geflüchtet war, nachdem es durch Hitzschlag 1 Offizier und 3 Matrosen verloren hatte. Auch ein französisches Truppentransportschiff war 24 Stunden vor uns hier angekommen, dessen Commandant mich bei unserm Zusammentreffen gleich fragte, ob ich bei Ras-Hafun auch so starken Strom angetroffen hätte, denn er sei in der Zeit von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags 32 Seemeilen nach Osten versetzt worden. Es war mir eine gewisse Beruhigung, die Richtigkeit unserer Beobachtungen hierdurch bestätigt zu finden, denn wenn ich dieselben auch als zuverlässig betrachten mußte, so wollte mir das gefundene Resultat doch kaum glaubhaft erscheinen.

Den Vorschlag des commandirenden Offiziers vom „Nautilus“, die von ihnen aus Suez zur Bedienung der Feuer mitgebrachten Neger auch als Heizer für die Fahrt durch das Rothe Meer zu benutzen, lehnte ich ab, als er mir die allgemeine Ansicht über die geringe Leistungsfähigkeit dieser trägen Menschen bestätigen mußte. Ich konnte mich ja auch auf unser braves Maschinenpersonal verlassen und fand später die für die Fahrt durch das Rothe Meer getroffenen besondern Vorsichtsmaßregeln so ausreichend, daß wir sogar alle Kessel in Betrieb nehmen und mit Volldampf fahren konnten.

Ich habe die wenigen freien Stunden, welche mir in Aden blieben, natürlich auch dazu benutzt, den Platz oberflächlich zu besichtigen. Schön ist er nicht, aber sehenswerth. Ebenso aus fremdem Lande herausgebrochen wie Gibraltar, hat Aden auch sonst viel Aehnlichkeit mit diesem. Von ziemlich gleicher räumlicher Ausdehnung wie jenes spanische Cap, wird diese südlichste Spitze Arabiens ebenfalls durch hohe, hier hauptsächlich aus Kalkstein bestehenden Felsen gebildet, welche mit ihren steilen unwegsamen Wänden gewissermaßen aus der Ebene, in welcher sie stehen, herauswachsen. Die eigentliche Stadt ist von der Hafenstadt etwa 7 km entfernt, der Weg dahin liegt in der Ebene und windet sich zwischen den Felsen hindurch, deren Wände durch die vielen in ihnen befindlichen Löcher, in denen Affen wohnen und Vögel nisten, charakteristisch sind.

Die Stadt liegt in einer kleinen, nach der Landseite von Felsen umschlossenen, nach der Seeseite hin offenen Ebene. Ihre Hauptmerkwürdigkeit und Sehenswürdigkeit sind die großartigen Wasserwerke, welche aus großen Cisternen bestehen, die nebeneinander und terrassenförmig übereinander liegend, in den Fels gehauen und ausgemauert, das von den höher gelegenen Felswänden ablaufende Regenwasser auffangen. Welche Ausdehnung diese Anlage hat, geht vielleicht am besten aus der Angabe hervor, daß nur die Wiederherstellung dieser vor noch nicht langer Zeit erst entdeckten alten Bauwerke einen Kostenaufwand von 600000 Mark erfordert hat. Vordem waren die Einwohner von Aden, da Quell- oder Brunnenwasser nicht vorhanden ist, allein auf destillirtes Meerwasser angewiesen. Ein großer freier Platz bei der Stadt dient Marktzwecken und nimmt die ankommenden Karavanen auf. Er bietet trotz der weit vorgeschrittenen Tagesstunde ein geschäftiges, bewegtes Bild, aus welchem mich die auf der Erde kauernden, in langer gerader Linie schön ausgerichteten Kamele besonders interessiren, hauptsächlich wol, weil ich zufällig vor wenigen Tagen in Brehm’s „Thierleben“ das Kapitel über diese Thiere gelesen hatte. Sie gehören jedenfalls sämmtlich einer Karavane an, welche erst vor kurzem eingetroffen sein muß, weil vor jedem Thier unter seinem Kopfe ein unberührtes Bündel Futter liegt und die Treiber noch mit den Waaren oder sonstwie beschäftigt sind. Daß diese dort kauernden, geduldig wartenden Thiere so gefräßig, bösartig und störrisch sein sollen, will mir nach dem sich hier darbietenden Anblick gar nicht in den Kopf. Keins von ihnen, die alle mit erhobenem Kopf nach ihren Wärtern ausschauen, rührt das jedenfalls wohlverdiente und ersehnte Futter an, sondern wartet geduldig, bis sein Wärter kommt und ihm das Futter mit den Händen reicht. Diejenigen, welche am längsten warten müssen, drehen wol den Kopf nach den bereits fressenden und dann nach ihrem Futterbündel zurück, aber keins rührt dieses an, sondern geduldet sich ergebungsvoll, bis es auch an die Reihe kommt.

Am 13. August liefen wir durch die Straße von Bab-el-Mandeb in das Rothe Meer ein, wo wir auch gleich die gefürchtete Hitze antrafen, am Tage 35° im Schatten, in den Nächten 32°, eine Temperatur, vor welcher im Interesse des Wohlbefindens der Besatzung alle Schranken der Schiffsetiquette fallen mußten. Exercitien und aufschiebbare Arbeiten wurden eingestellt, den Offizieren und der Mannschaft wurde das ganze mit einem Sonnenzelt geschützte Oberdeck zu freier Verfügung überlassen, sowol als Aufenthaltsort am Tage, wie als Schlafraum für die Nacht. Den luftigsten Raum, die Back, erhielten die Heizer, wo sie von dem leichten Wind umfächelt wurden und während der Nacht durch das Sonnenzelt doch auch gegen den Thau genügend geschützt waren. Der Dienst des Maschinenpersonals, welcher sonst in 4 Stunden Arbeit und 8 Stunden Ruhe zerfällt, wurde auf zwei Stunden Dienst und 4 Stunden Pause festgesetzt; regelmäßige Bäder nach Ablauf der zwei Dienststunden und ebenso regelmäßige Verabreichung von Getränken wurden streng eingehalten. Auch für die übrige Besatzung hielt ich die regelmäßige Verabreichung von Getränken für das beste Mittel zur Verhütung von Krankheitsanfällen, sodaß jedem Mann am Tage zweistündlich, während der Nacht vierstündlich je ein Viertelliter Wasser verabreicht wurde, um die durch Schweiß erfolgte Abgabe aus dem Blut zu ersetzen. So tyrannisch ein solches Verfahren erwachsenen Menschen gegenüber erscheinen mag, so begründet ist dasselbe doch durch die Erfahrung. Es gibt in den Tropen kaum etwas, was mehr erschlafft und größeres Unbehagen im Gefolge hat, als das unmäßige Trinken des lauwarmen Wassers, und trotzdem ist unter den jüngern, weniger erfahrenen Männern kaum einer, welcher seinen nagenden Durst soweit beherrschen kann, daß er nur mit Maß trinkt. Derjenige Arzt, welcher nicht aus langjähriger eigener Erfahrung urtheilen kann, und das ist oft der Fall, verordnet dann Limonade aus Wasser und Rum; der erfahrene Seeoffizier gibt nur Wasser, aber oft und immer wenig. Ob wir den vorzüglichen Gesundheitszustand und die verhältnißmäßige Frische der Besatzung während der Fahrt durch das Rothe Meer allein diesen Anordnungen zu danken haben, wird allerdings schwer zu entscheiden sein; aber Thatsache bleibt es, daß mit einer Ausnahme, welche ich noch anführen werde, kein Krankheitsfall oder selbst nur Schwächeanfall vorgekommen ist.

Am 19. August in der Nähe von Djidda angelangt, entschloß ich mich, diesen Hafen zur Auffüllung von Kohlen anzulaufen, weil es mir zweifelhaft erschien, ob wir mit dem uns verbliebenen Rest bis Port-Said kommen würden. Am 20. mittags erhielten wir einen Lootsen, mit dessen Hülfe wir durch die vor Djidda liegenden Korallenriffe steuerten und um 2 Uhr in dem Hafen ankerten.

Größere Contraste, wie sie sich hier dem Auge bieten, werden sich kaum finden lassen. Im Vordergrund innerhalb der Korallenriffe, welche den Hafen bilden und das hellgrüne Wasser desselben von dem tiefblauen des offenen Meeres scheiden, viele Schiffe, europäische Dampfer und Segler von den größten bis zu den kleinsten und eine Unzahl von Booten, welche den Hafen beleben. Am Lande die von einem etwa 15 km von der Küste abliegenden rothbraunen Höhenzug begrenzte rothbraune Wüste ohne Pflanzenwuchs, ohne Wohnstätten und Menschen mit Ausnahme der am Hafen liegenden echt arabischen Stadt, welche nur einen viereckigen Raum von weniger als 1000 m Länge nach jeder Seite hin einnimmt. Eine mit befestigten Thürmen verzierte hohe Mauer umschließt eng die Stadt, welcher zierliche Minarets und hohe Häuser mit vergitterten Fenstern, vielfachen Zierathen und platten Dächern das ihr eigenthümliche Gepräge geben. Ein merkwürdiges, von einer langen, niedrigen, weißen Mauer umschlossenes Bauwerk liegt außerhalb der Stadtmauer, aber in ihrer unmittelbaren Nähe.

Djidda ist wol der wichtigste der wenigen Häfen an der langen arabischen Küste, welcher zumal in seiner Eigenschaft als Hafenstadt von Mekka eine hervorragende Bedeutung hat, da die Zahl der jährlich hier durchpassirenden Mekka-Pilger, die sogar von Indien, den Sunda-Inseln und Borneo kommen, bis an 200000 betragen soll. Aus diesem Grunde haben es auch England, Frankreich und Holland für erforderlich erachtet, diplomatische Consuln hierher zu setzen, welche wol weniger die Aufgabe haben dürften, die Interessen der zu ihren Ländern gehörigen Pilger wahrzunehmen, als dieselben zu beaufsichtigen, denn Mekka ist der Ort, wo die Mohammedaner aller Himmelsstriche die Mittel und Wege erwägen, wie sie das Joch der Christen wieder abschütteln können.

Als die Hauptmerkwürdigkeit von Djidda möchte ich es bezeichnen, daß unter den wenigen Europäern, welche sich überhaupt innerhalb seiner Mauern befinden, kein Deutscher ist; der einzige Platz dieser Art von allen, welche wir während der zweijährigen Reise angelaufen haben. Die Stadt selbst hat nur enge Straßen, mit hohen, thurmartigen Gebäuden, von welchen die am Hafen liegenden als Gasthäuser für die Pilger dienen und fürchterliche Brutstätten von Ungeziefer und Krankheiten sein sollen. Der Bazar, welcher die Länge einer Straße einnimmt, bietet nichts Hervorragendes, was zur Kauflust anregen könnte. Das Interessanteste sind die Passanten und unter diesen die phantastisch gekleideten, übermäßig mit Waffen behangenen und stets herausfordernd und frech um sich blickenden Beduinen. Einige vornehme Weiber, scheußlich gekleidet und vermummt und wie Enten daherwatschelnd, vermögen unsere Blicke nicht zu fesseln.

Zu großem Dank verpflichtet bin ich dem holländischen Consul, welcher Herr sich in der liebenswürdigsten Weise meiner annahm, mir bei Erledigung meiner Dienstgeschäfte behülflich war, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigte und mir, wie unsern Offizieren, in der gastfreiesten Weise sein Haus öffnete. Er wohnt natürlich auch in einem echt arabischen Hause, welches aus vier Stockwerken besteht und in jedem Stockwerk nur zwei Zimmer hat. Am Tage wohnt man unten, abends und in der Nacht oben.