Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 54

Chapter 543,621 wordsPublic domain

Gestern endlich ist unser Ablösungsschiff eingetroffen und so werden wir nun in den nächsten Tagen, sobald ich die Station meinem Nachfolger übergeben habe, die Heimreise antreten. Von Apia habe ich nicht mehr viel zu erzählen, Ruhestörungen sind bisjetzt keine vorgekommen und besondere Erlebnisse habe ich nicht mehr zu verzeichnen. Ich habe allerdings noch den 800 m hoch liegenden See Lauto besucht, die Partie ist aber nicht lohnend. Da ich nur einen Tag an dieselbe wenden wollte, so fand ich anfänglich keinen Führer; schließlich aber erklärte sich ein Halbweißer, der sich vorzugsweise mit Jagd auf verwilderte Schweine beschäftigt und von meiner Leistungsfähigkeit im Gehen gehört hatte, bereit, den Versuch mit mir zu machen. Diesmal schloß sich mir einer unserer Herren an, von dem ich wußte, daß er gut zu Fuß sei. Wir brachen morgens 6 Uhr auf und fanden einen sehr mühsamen Weg, da der letzte Orkan vom 8. März mit seiner Peripherie auch diesen Theil von Upolu gestreift und viele Baumstämme über einen großen Theil des Weges geworfen hatte. So mußten wir vielfach über diese vom Thau benäßten Verhaue hinüberklettern, was uns so aufhielt, daß wir statt um 12, erst um 2 Uhr oben bei dem See anlangten. Derselbe bietet an sich keine besondern landschaftlichen Reize, der Weg bis dorthin gar keine, weil er anhaltend unter dichtem Laub hinführt und keine Aussichten gewährt. Wir hätten aber doch noch rechtzeitig wieder in Apia eintreffen können, wenn unsere Gepäckträger mit uns gleichen Schritt gehalten hätten. Die Samoaner sind im Punkte des Marschirens aber keine Tahitier und trafen erst um 3 Uhr oben ein, sodaß es 4 Uhr geworden war, ehe wir gegessen hatten. Der Weg war bergab natürlich nicht besser wie bergauf, und so mußten wir, nachdem wir von 6-7 Uhr wegen der tiefen Dunkelheit nur langsam vorwärts gekommen waren, schließlich auf der Plantage eines Engländers, welche wir noch erreichten, um Nachtquartier bitten. Der See ist sehr viel kleiner als der auf Tahiti, soll 20 m tief sein und bietet auch nicht annähernd solche Naturschönheiten wie der Waihiria.

18.

Die Heimfahrt.

Apia, 20. Mai 1879.

Endlich ist unsere Fregatte „Bismarck“ hier, lange und sehnsuchtsvoll erwartet. Das heute Nachmittag in Sicht gekommene große Kriegsschiff, welches dem Hafen unter vollen Segeln zusteuerte, war diesmal kein Engländer, wie die vor einiger Zeit hier eingelaufene und anfangs von uns für „Bismarck“ gehaltene Corvette, sondern das von der obersten Spitze seines Fockmastes zu uns herüberwinkende Signal war ein wirklich deutscher Gruß und bedeutete „Bismarck“. Das donnernde Hurrah, welches dem Kameraden bei seinem Einbiegen in den Hafen von unsern in die Takelage aufgeenterten Mannschaften aus über 200 Kehlen entgegenschallte, kam aus vollem Herzen, wenn es auch, als Ausdruck unserer Freude über die endliche Erlösung, wol mehr uns selbst galt.

Wir hatten schon befürchtet, daß dem Schiff, welches ja bereits zu Mitte April angemeldet gewesen war, ein Unfall zugestoßen sei, und wenn wir auch nicht gleich das Schlimmste vermutheten, so konnte doch eine große Havarie die Veranlassung werden, daß wir noch Monate hier zurückgehalten würden, und das war keine schöne Aussicht, wenn man schon seit Wochen von Tag zu Tag gehofft hatte, nach langer Abwesenheit von der Heimat endlich die Rückreise antreten zu können.

Daß „Bismarck“ noch vor dem Verlassen des letzten südamerikanischen Hafens infolge der Vorarbeiten der „Ariadne“ den Auftrag erhalten hatte, die deutschen Interessen auf den Gesellschafts-Inseln und auf Roratonga durch Verträge zu sichern, konnten wir nicht ahnen.

Eine große Sorge hat mir mein Nachfolger auch dadurch abgenommen, daß er im Stande und bereit ist, meinem Schiff Proviant für etwa sechs Wochen abzutreten. Durch unsern langen Aufenthalt hierselbst sind unsere Vorräthe schon nahezu aufgezehrt, und da die von den hiesigen Geschäftshäusern erwarteten, bereits seit acht Wochen fälligen Proviantschiffe aus San-Francisco auch noch nicht eingetroffen sind, so hatte ich schon für den 25. d. M. meine Abreise nach Auckland festgesetzt, um das Schiff dort neu auszurüsten. So bleibt mir sowol diese Reise wie der große Umweg über einen australischen Hafen erspart und ich kann direct durch die Torres-Straße nach Batavia laufen.

Der heutige Nachmittag und Abend waren natürlich der gegenseitigen Begrüßung gewidmet, die dienstfreien Offiziere und Mannschaften von beiden Seiten besuchten das andere Schiff und die nun hinter uns liegenden Stunden waren solche reiner Festesfreude. Morgen beginnt die Uebergabe der Station an meinen Nachfolger und in wenigen Tagen wird der große Augenblick gekommen sein, wo wir unsern Kiel heimwärts richten werden.

28. Mai 1879.

Gestern Abend war ich mit der Abwickelung meiner Geschäfte fertig, unser Schiff war seeklar und heute Morgen mit Flaggenparade entfaltete sich von der Spitze unsers Großmastes aus der 100 m lange Heimatswimpel, welcher symbolisch bis zur Heimat reichen und den dort der fernen Matrosen gedenkenden Mädchen Gelegenheit geben soll, durch Ziehen an dem Wimpel die Heimfahrt beschleunigen zu helfen. Sobald Flagge und Wimpel lustig in dem leichten Winde flatterten, wurde auch unser Anker aus dem Grund gebrochen und das Schiff lief, umringt von den den Hafen füllenden Kanus der Eingeborenen, mit langsamer Fahrt dicht an die „Bismarck“ heran, um mit den Kameraden noch einen letzten Gruß auszutauschen. Beide Besatzungen waren in den Takelagen, unsere Musik spielte: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus“, Hurrahs und Hurrahs erschütterten die Luft, Grüße hinüber und herüber und sämmtliche Mützen unserer Besatzung flogen in hohem Bogen als letzter Gruß an die Fremde in den Hafen, wo sie von den Eingeborenen als gute Beute aufgefischt wurden. Dann dampften wir unter den Klängen der „Wacht am Rhein“, mit welchen die „Bismarck“ uns das Geleit gab, in die offene See -- der Heimat zu. Was das Herz des Menschen in solchen Augenblicken bewegt, vermag nur der zu verstehen, welcher selbst Aehnliches erlebt hat. 15000 Seemeilen haben wir bis zur deutschen Nordseeküste noch zu durchmessen -- und doch liegt das heimische Gestade im Geiste bereits greifbar vor uns. Ein sonniges Land, wo ich manch schöne und manch trübe, aber vorherrschend ernste Stunden durchlebt habe, entschwindet allmählich unsern Blicken, für mich wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Die Stadt Apia liegt zur Zeit schon unter unserm Horizont, die hohen Berge der Samoa-Inseln sind aber noch zu sehen, doch auch sie werden bald unsern Augen entschwunden sein und Samoa, das ich in spätern Jahren wol einmal wieder besuchen möchte, wird wie ein Traum hinter uns liegen.

8. Juni 1879.

Abwechselnd dampfend und segelnd sind wir bei den Neu-Hebriden angelangt und durchschneiden jetzt unter Segel diese Gruppe zwischen den beiden nördlichen Inseln Vanua Lava und Santa-Maria. Ein schöner sonniger Tag liegt über dem Meere, auf den bewaldeten hohen Inseln und den in der Nähe des Landes über den Meeresspiegel hervorragenden Klippen; für unsere Umgebung fehlt mir aber jetzt der Sinn. Meine Gedanken eilen der Gegenwart voraus, mit fieberhafter Ungeduld warte ich auf den Passat, welchen wir doch einmal antreffen müssen, und weiter, weiter heißt es, um endlich in die Windregion zu kommen.

16. Juni abends.

Da man, solange hier in diesen fernen Gegenden noch keine Leuchtfeuer errichtet sind, bei Nacht nicht in die Torres-Straße einlaufen kann, mußte ich heute Abend Segel kürzen lassen, um erst mit Tagesanbruch an den Eingang der Straße zu kommen.

Es war eine anregende tolle Fahrt, die der letzten sieben Tage. Nachdem wir die Neu-Hebriden passirt hatten, bezog sich am 8. abends der Himmel mit dickem Gewölk, Gewitterböen stürmten während der Nacht von verschiedenen Seiten kommend über uns hinweg, und am 9. mittags kam endlich der SO-Wind durch, erst schwach, nahm dann aber gleichmäßig wachsend an Stärke zu und war am Abend des 10. Juni bereits zu einem mäßigen Sturm angeschwollen. Nun hieß es, nachdem die Feuer in der Maschine gelöscht worden waren, die Gelegenheit ausnutzen und Segel pressen, und es wollte fast scheinen, als ob es dem Schiff selbst Freude mache, alles zu tragen, was überhaupt anzubringen war, so leicht durchschnitt es unter der übermäßigen Bürde die hochgehenden schäumenden Wogen. Immer und immer wieder wurde ihm noch ein Segel aufgequält, wie der scherzhafte Ausdruck dafür ist, wenn einem bereits unter vollem Segelpreß liegenden Schiffe bei starkem Winde vorsichtig mit allen Kniffen der Seemannskunst, damit es nicht zerreißt, noch ein Segel mehr gegeben wird. Stand das neue Segel erst, dann sah man die Freude darüber von allen Gesichtern im Schiff widerstrahlen. Müde Gesichter gab es überhaupt nicht mehr, wenn die Matrosen in ihrer Ruhe gestört wurden, um die Fahrt des Schiffes erhöhen zu helfen; ich glaube sogar, daß die Leute es vorher ahnten, wenn ich Segel mehren wollte, denn ehe ich eine derartige Anordnung gab, standen sie schon erwartungsvoll bereit, die Befehle schnell auszuführen. Und wurde es aus bestimmten Gründen, wie ich nachher auseinandersetzen werde, nöthig, für die Nacht Segel zu kürzen, dann lauerten sie morgens schon vor Tagesanbruch auf mein Erscheinen, um der „Ariadne“ die theilweise gefesselten Schwingen wieder zu lösen. Es war aber auch eine Freude, die scheinbar wie aus einem Guß hergestellte Takelage zu sehen, mit dem Körper den wiegenden Bewegungen des Schiffes zu begegnen, dessen eiligen Lauf durch die hohen, sich überstürzenden Wogen zu verfolgen und dabei die Segel, Hölzer und Taue zu prüfen, ob sie dem Winddruck genügend widerstehen und wo ihnen etwa eine weitere Stütze gegeben werden muß. Bei solchen Gelegenheiten lernt man die in den Leesegeln liegende Poesie verstehen, wenn man nicht vorher schon Kenner war. Mit Ausnahme der beiden letzten Nächte, wo wir nur acht bis neun Knoten liefen, machten wir Tag und Nacht zwischen zwölf und vierzehn Seemeilen in der Stunde, eine gute Leistung für ein Segelschiff.

Am 13. mittags passirten wir den Meridian von Rossel-Island, der östlichsten der Louisiaden-Inseln, und traten damit in die Korallensee ein. Je weiter wir hier vordrangen, und das ging bei unserer flotten Fahrt sehr schnell, desto höher und steiler wurde die See in dem verhältnißmäßig engen Wasserbecken, die Bewegungen des Schiffes nahmen dadurch an Heftigkeit sehr zu und verdoppelte Aufmerksamkeit auf die Takelage war nothwendig. Aber nicht dies veranlaßte mich, dem Schiff hier für die Nacht bequeme Segelführung geben zu lassen, sondern die bekannte Thatsache, daß dieses bisjetzt so selten befahrene Meer noch nicht ausreichend erforscht ist und man nicht weiß, ob die vielen hier bereits entdeckten Korallen-Inseln, -Bänke und -Riffe schon alle unterseeischen Gefahren in sich schließen; im Gegentheil ist anzunehmen, daß noch manche Klippe ihrer Entdeckung harrt. Da nun bei dem sturmartigen Winde die Kämme der hohen Wellen fast alle überbrechen und das Auge bei dunkler Nacht wirkliche Brandung von diesem Wogenschaum auf größere Entfernungen nicht zu unterscheiden vermag, auch das Getöse des Windes und das Rauschen des Wassers die Luft derart erfüllen, daß das dumpfe Rollen der Brandung gegen den Wind an nicht gehört werden kann, so gebot die Vorsicht, alles zu thun, um einer etwa auftretenden Gefahr begegnen zu können, und dazu gehörte in erster Reihe, dem Schiff nur so viel Segel zu belassen, wie es in jeder Stellung zum Winde tragen konnte. Es mußte schnell, ohne vorher Segel bergen zu brauchen, den Curs ändern können; die am Tage geführten Segel konnte es aber bei einem plötzlichen Aufdrehen gegen den Wind nicht tragen, es würden vielmehr in solchem Falle die ganze Takelage und damit wahrscheinlich auch das Schiff verloren gewesen sein, wenn dieses unter vollen Segeln plötzlich vor einer Untiefe gestanden hätte, wo es ohne Zeitverlust und ohne Rücksicht auf alle etwa daraus entspringenden Folgen, um dem sichern Verderben auszuweichen, noch den Versuch der Cursänderung hätte wagen müssen.

An der Nordküste von Java, 4. Juli 1879.

Am 17. v. M. morgens 3 Uhr wurde das flache Wasser vor der Torres-Straße angelothet, worauf ich wieder alle Segel beisetzen ließ. Gegen 9 Uhr vormittags kam Bramble-Cay, eine kleine von Felsen umgebene und mit spärlichem Graswuchs überzogene etwa 3 m hohe Sanddüne, welche als Marke für die Einfahrt in den Großen Nordost-Kanal der Straße benutzt wird, in Sicht und kurze Zeit darauf liefen wir bei steifem Wind in denselben ein.

Nach den unruhigen Bewegungen des Schiffes während der letzten Woche wurde es eine große Wohlthat für uns, nun auf einmal wieder gewissermaßen auf festem Boden zu stehen. Die ungefähr 140 Seemeilen lange und nahezu ebenso breite Straße, in welcher bisjetzt nur erst zwei Passagen ausgelothet und bekannt sind, die eine und zwar die am meisten befahrene dicht unter der Nordküste Australiens, die andere, „Großer Nordost-Kanal“ genannt, ziemlich in der Mitte zwischen den Küsten von Neu-Guinea und Australien, ist derart von Land und ringartig von Korallenriffen, hinter welchen wieder Hunderte von kleinen Inseln und Korallenbänken liegen, umschlossen, daß das nur 20-40 m tiefe Wasser in dem größten Theil und zwar auf eine Strecke von nahezu 100 Seemeilen von dem Wind kaum oder nur unbedeutend aufgewühlt werden kann. Das hellgrüne, ins Weißliche schimmernde Wasser war zwar über und über mit Schaumköpfen bedeckt, eigentlicher Seegang konnte aber nicht aufkommen. Die Breite des Nordost-Kanals wechselt zwischen 2 und 20 Seemeilen; kleine Inseln, deren man über 30 zählen kann und von welchen die meisten bewaldet sind, sowie kahle Sandbänke und Korallenriffe liegen zu beiden Seiten der Wasserstraße. Von Eingeborenen haben wir, obgleich mehrere der Inseln bewohnt sein sollen und wir stellenweise bis auf Steinwurfweite an dieselben herankamen, nichts gesehen.

Am Abend des 17. Juni mit Sonnenuntergang mußten wir ankern, da die Fahrt bei Nacht hier, ohne das Schiff zu gefährden, nicht möglich ist. Wir legten uns hinter die Rennel-Insel, welche sich ungefähr in der Mitte des Kanals befindet.

Das erste Tagesgrauen am nächsten Morgen sah uns wieder unter Segel, obgleich ein solcher Sturm wehte, daß ein hinter einer andern Insel liegendes großes Kauffahrteischiff es wol wegen seiner schwachen Besatzung nicht wagte, die vor uns liegende Strecke abzukreuzen. Diese Windverhältnisse verschafften uns aber einen interessanten Tag, denn wir mußten, um vorwärts zu kommen, so viel Segel führen, daß ich wiederholt für unsere Raaen fürchtete, und solches Segeln regt die Nerven an. Ueberdies wurde durch den starken Wind die Hitze so gemildert, daß man bei der vorwiegend kahlen und farblosen Umgebung -- helles Wasser und gelbe Sand- oder Korallenbänke -- kaum die Empfindung hatte, in der heißesten Breite unsers Erdballs zu sein. Nachmittags verließen wir den Nordost-Kanal, liefen in ein großes Wasserbecken ein, wo schon wieder ziemlich hohe See stand, und setzten den Curs auf die kleine etwas über 200 m hohe Mount-Ernest-Insel, hinter welcher ich für die Nacht ankern wollte. Beim Einlaufen in die von dem Ufer der Insel gebildete Bucht meldete unser Posten in der Vorbramsaling, daß auf einem hinter Bäumen gelegenen großen, weiß angestrichenen Hause eine Flagge wehe, und kurze Zeit darauf, daß die Flagge wieder eingezogen sei. In dem Dorf, welches sich dann vor unsern Blicken am Strande ausbreitete, ließ sich, trotzdem mehrere Kanus und auch ein größeres europäisches Boot auf dem Lande aufgeschleppt lagen, keine Menschenseele sehen. Das Ganze war verdächtig und wir hatten hier wahrscheinlich eine unter dem Befehl eines Weißen stehende Seeräuberbande, deren es in diesen weit abgelegenen Gewässern noch manche geben soll, vor uns. Die aufgezogene Flagge sollte uns jedenfalls anlocken, sobald man aber in uns ein Kriegsschiff erkannte, wurde die Flagge wieder beseitigt und die sämmtlichen Bewohner flüchteten wol in das unwirthliche Innere. Die schnell eintretende Dunkelheit verhinderte eine Recognoscirung noch an demselben Abend und am nächsten Morgen mußte der Versuch zu einer solchen aufgegeben werden, weil es gerade Ebbe und so niedriges Wasser war, daß es ohne größere Vorbereitungen, Herbeischaffung von Bretern, um auf diesen über die scharfzackigen Korallen und tiefen Wasserlachen an Land zu kommen, unmöglich war, auch nur wenige Schritte auf der von dem Ufer weit in die See vorspringenden Korallenbank vorzudringen. Bei näherer Ueberlegung mußte ich mir auch sagen, daß wenn die Leute sich wirklich in einem Schlupfwinkel versteckt hatten, ich mindestens mehrerer Tage zu ihrer Auffindung bedürfe, und zu solcher Zeitvergeudung fehlte mir auf eine bloße Vermuthung hin die Berechtigung, da ich die Rückreise mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln beschleunigen mußte, weil das Schiff gleich nach unserer Rückkehr mit anderer Besatzung eine neue Reise antreten sollte. So gab ich den Landungsversuch auf und setzte eine halbe Stunde später die Reise weiter fort.

Nachmittags 3 Uhr liefen wir in den nur eine Seemeile breiten Prince of Wales-Kanal ein, welcher im Norden, also zu unserer Rechten, von weit ausgedehnten mächtigen Korallenbänken, im Süden von hohen Inseln, Wednesday-, Thursday-, Friday-, Horn- und Goode-Island, sowie der großen Prince of Wales-Insel begrenzt wird, und kurz nach 4 Uhr steuerten wir mit der stolzen Fahrt von 12 Knoten zwischen den nördlich von Goode-Island gelegenen Riffen hindurch aus dem Stillen Ocean in die Arafura-See.

Abends 7 Uhr passirten wir die kleine Booby-Insel, welche dadurch interessant ist, daß sie seit vielen Jahren als Herberge für Schiffbrüchige dient und für die vorbeipassirenden Schiffe als selbstthätig arbeitendes Postamt wirkt. Wie die Engländer seit fast einem Jahrhundert in allen die Seefahrt betreffenden Fragen die Führung in Händen hatten und, stets auf das Wohl und Wehe der Seefahrer bedacht, aller Orten nach Möglichkeit dafür sorgten, diesen ihren schweren Beruf zu erleichtern und ihnen jedmögliches Hülfsmittel zur Verfügung zu stellen, so erkannte der Commandant des englischen Kriegsschiffes „Bramble“ im Jahre 1845, daß die unbewohnte, von dem nächsten bewohnten Lande über zwölf Seemeilen weit abliegende und von den Eingeborenen nie besuchte, wahrscheinlich auch gar nicht gekannte kleine Booby-Insel sowol ein vorzüglich gelegener Rückzugsplatz für schiffbrüchige Seeleute sei, wie auch dazu dienen könne, vorbeipassirenden Schiffen die Gelegenheit zu geben, von hier aus Briefe oder wichtige Nachrichten befördern zu lassen. Er hinterlegte daher in einer Höhle am Strande größere Mengen von Dauerproviant und errichtete einen Kasten mit der Aufschrift „Post-Office“, in welchem er auch ein Buch und Bleistifte zur Eintragung von Nachrichten zurückließ. Die englische Admiralität ließ dann auf den Karten bei der Insel die Bezeichnung „Post-Office“ hinzusetzen und seit der Zeit schicken die Schiffe, welche bei guter Tageszeit hier vorbeilaufen, ein Boot an Land, um unter den angesammelten Briefen und Nachrichten das, was sie weiterbefördern können, auszuwählen und die etwa inzwischen zusammengeschmolzenen Vorräthe wieder zu ergänzen.

Von Booby-Island aus wählte ich durch die Arafura-See einen Curs, auf welchem in der Karte noch keine Tiefenangaben stehen, und ließ alle vier Stunden das Loth werfen, um dadurch auch etwas zur Vervollständigung der Kenntniß dieses Meeres beizutragen.

Am 27. Juni sahen wir Timor, dessen SW-Spitze wir um Mittag passirten. Am 28. abends kam Sumba in Sicht, an welcher Insel wir während des 29. vorbeisegelten. Am 30. waren wir dicht unter der hohen Küste von Sombawa und am 1. d. M. nachmittags liefen wir in die zwischen den Inseln Lombock und Bali liegende Lombock-Straße ein, wo wir so starke Stromschnellen antrafen, verbunden mit hoher durcheinanderlaufender und sich überstürzender See, daß das große Schiff, obgleich wir unter Segel 7½ Knoten liefen, zuweilen weit aus seinem Curs geworfen wurde. Ich nahm daher die Maschinenkraft noch mit zu Hülfe und brachte unsere Geschwindigkeit auf 12 Knoten, um das Schiff besser im Steuer zu behalten und möglichst schnell aus dieser wegen ihrer Stromverhältnisse berüchtigten Straße hinauszukommen. Noch am Abend desselben Tages liefen wir in die Java-See ein und steuern seitdem an der Nordküste Javas entlang Batavia zu, wo ich morgen Vormittag einzutreffen hoffe, nachdem wir der günstigen Wetterverhältnisse wegen den heutigen Tag zur Abhaltung einer gefechtsmäßigen Schießübung benutzt haben.

Im Indischen Ocean, 16. Juli.

Jetzt, wo wir der Heimat wieder ein gutes Stück näher gerückt sind und mit vollen Segeln der afrikanischen Küste zueilen, will ich in Kürze die letzte Zeit hier zusammenfassen, denn viel von Batavia zu erzählen vermag ich nicht, da berufenere Federn hierüber schon so erschöpfend berichtet haben, daß ich schwerlich etwas Neues bringen könnte.

Am 5. Juli vormittags langten wir auf der Rhede von Batavia an, wo man vor dem Mastenwald der dort liegenden Schiffe kaum etwas anderes sieht, weil die niedrige sumpfige Küste so wenig Anziehendes bietet, daß man den Anblick des regen Verkehrs auf dem Wasser demjenigen auf dem Lande vorzieht. Unser Consul, ein Herr S., welcher mir sehr bald seinen Besuch machte, nahm mich gleich als seinen Gast mit an Land und wir fuhren in seinem Wagen nach der weiter im Innern hoch und gesund gelegenen Stadt Batavia. Die in großen Gärten liegenden palastartigen Gebäude, die breiten Straßen und schönen großen Plätze, die Fülle von hohen mächtigen Bäumen und Pflanzen aller Art, die Verschwendung an Marmor, welcher vielfach als Baumaterial benutzt ist, die vielen eleganten Equipagen, die kostbaren Toiletten der Damen und die buntfarbige Tracht der männlichen Eingeborenen, welche, da für jede Handleistung ein besonderer Diener vorhanden ist, in den Häusern scharenweise als solche auftreten, versehen den Fremdling in ein wahres Märchenland.

Herr S. unterhält, trotzdem er als Junggeselle allein lebt, der dortigen Sitte gemäß einen nach unsern Begriffen fürstlichen Haushalt. Ich habe acht Diener gesehen und glaube, daß in dem großen Häusercomplex noch einmal so viele, welche für mich unsichtbar geblieben sind, und zwar theilweise mit ihren Familien wirkten. Als Wohnung war mir ein ganzer Seitenpavillon mit Ausgang in einen herrlichen Garten zugewiesen, und zu meiner persönlichen Bedienung hatte ich allein zwei Diener, welche, mich auf Schritt und Tritt mit ihren Augen verfolgend, jederzeit zur Stelle waren, wenn ich irgend einer Dienstleistung bedurfte.

Eine ähnliche Gastfreundschaft fanden auch unsere übrigen Offiziere bei andern deutschen Herren.

Ein von dem Consul unserm Schiff zu Ehren gegebenes Fest versammelte die ganze deutsche Colonie in den gastlichen Räumen, wo auch der Gecko ohne Scheu vor uns seinen eigenthümlichen Ruf hören ließ und an den Wänden und der Decke des Saals nach schädlichen Insekten etc. jagte, während wir tafelten.

Daß Herr S. mit mir auch einen Ausflug nach Buitenzorg, der Residenz des holländischen Generalgouverneurs und beliebter Erfrischungsaufenthalt der europäischen Familien machte, versteht sich eigentlich von selbst. Wir fuhren nachmittags mit der Eisenbahn dorthin, wobei mir als das Merkwürdigste am Wege die hier wachsenden lebenden Telegraphenstangen gezeigt wurden. Da man der Termiten und anderer unnützer Insekten wegen keine Stangen aus todtem Holz verwenden konnte, wählte man hierzu lebende Bäume, nachdem man eine hierfür geeignete Art gefunden zu haben glaubte. Diese Bäume haben aber doch ein so unerwartet rasches Wachsthum gezeigt, die Glocken für die Drähte sind schon so hoch gewandert, daß die letztern jetzt zu kurz werden, reißen und somit fortgesetzter Reparaturen bedürfen.