Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 52

Chapter 523,690 wordsPublic domain

Der Weg bis zur nächsten Stadt zieht sich durch den Wald, durch Schluchten und an steilen Abhängen vorbei, und führt schließlich an dem Ufer eines Flusses zu einer Lichtung, wo die Stadt liegt. Der Wald ist todt, da außer kleinen Insekten nichts Lebendes an den Wanderer herantritt, denn die schönen, grünbefiederten Tauben werden in neuerer Zeit von den jagdlustigen Eingeborenen so sehr verfolgt, daß sie bereits zu einer Seltenheit geworden sind, und die schönen kleinen Vögel sind, um in Europa die Damenhüte zu schmücken, auch nahezu ausgerottet, was aber nicht den Eingeborenen, sondern den Weißen zur Last zu legen ist. Nur ab und zu sieht man an einem Baumast, mit dem Kopf nach unten gekehrt, einen schlafenden, über 40 cm langen fliegenden Hund hängen. Und doch wirkt der Wald belebend durch die reiche Pflanzenwelt, welche zwischen den hochstämmigen Bäumen den Boden bedeckt, durch die hohen Baumfarrn und Bambusbüsche, durch die Schlingpflanzen, welche sich von Laubkrone zu Laubkrone winden, durch vereinzelte Kokospalmen und Orangenbäume, welche mit ihren Früchten dem Wanderer Labung bieten. Auch wildes Zuckerrohr findet man an lichten Stellen, im Walde aber auch Bäume, deren herzförmige Blätter von der Größe einer Hand bei der Berührung große schmerzhafte Blasen auf der Haut erzeugen und wegen dieser Eigenschaft sehr gefürchtet sind. Als ich mir gelegentlich solch ein schönes sammtartiges Blatt brechen wollte, wurde ich von einem Samoaner schnell zurückgerissen. Nach etwa einstündigem Gehen traten wir aus dem Wald auf eine kleine vorspringende Lichtung, welche wie eine Kanzel auf steiler Klippe liegt, an deren Fuß man ein Wasser rauschen hört, das man aber nur als schmalen Streifen sehen kann, wenn man sich weit über den Rand des Abhangs vorbeugt. Auf der andern Seite steigt eine nahezu gleich steile Wand auf, welche dicht belaubt die auf unserer Seite an Höhe weit überragt, und beide Wände bilden an dieser Stelle einen Hohlweg in Zickzackform, auf dessen Sohle der Bergfluß sich zwischen den engen Felsmauern durchzwängt. Unser Standort bildet den einen vorspringenden Winkel, und thalwärts zu unserer Linken, vielleicht hundert Schritte von uns entfernt, springt von der andern Seite ein gleich scharfer Winkel hervor, um welchen der Fluß dann rechts wieder abbiegt. Hier an der Stelle, wo wir stehen, soll nach Angabe der Samoaner die über 15 m hohe Klippe so steil abfallen, daß man den Sprung in den tiefen Fluß wagen kann. Loau erklärt sich auch zu dem Sprung bereit, vertauscht sein Lava-lava mit einem Palmenblatt und geht an den Rand; er springt aber nicht, sondern tritt wieder zurück, sieht noch einmal hinunter und erklärt, den Muth verloren zu haben. Nun soll das kleine Geschöpf Sa springen; sie geht auch muthig vor, sagt dann aber mit so kläglichem Gesicht: „'Au weh weh, ka féhfe'“ (etwa: „Ach Gott, ich habe solche Angst“), daß ihr der Sprung erlassen bleibt und der andere Häuptling vortritt, hinter dem Klippenrand verschwindet und durch seinen dumpfen Fall in das Wasser, dessen Schall nach einigen Augenblicken athemloser Spannung nach oben dringt, uns sagt, daß er im Fluß angekommen ist. Da unser Weg durch einen engen abschüssigen Hohlweg auch zum Flusse führt, so eilen wir hinunter, und dort, am Fuße eines zur Zeit trockenen Wasserfallbettes, umgeben von hohen Felswänden und dichtem Laub, vor uns das von geisterhaftem Zauber umwehte wilde Bergwasser, erwarten wir unsern Freund, welcher bereits angeschwommen kommt und unversehrt das Ufer wieder betritt. Zu solchem Sprung gehört Muth.

Kurz vor 12 Uhr waren wir in der Stadt, wurden von dem Häuptling und seiner Familie empfangen, erfrischten uns an Kokosmilch, und dann empfand ich zunächst das Bedürfniß, mich trocken und rein zu kleiden, weil ich bis 3 Uhr hier rasten wollte. Ich nahm mir aus meinem Koffer frische Wäsche und Kleider und ging mit Lange zu dem nahegelegenen Fluß, um dort ein Bad zu nehmen, meine Segeltuchschuhe selbst zu waschen, da unsere Träger sich bereits zu ihren Bekannten verflüchtigt hatten, und mich im Anschluß daran wieder in einen anständigen Menschen umzuwandeln, denn mein weißer Anzug sah von dem Marsch durch den feuchten Wald auf schlüpfrigem lehmigen Boden höchst bedenklich aus. Hier möchte ich erwähnen, daß nach meiner Erfahrung die einzig richtige Kleidung in den Tropen leichte Baumwollstoffe sind, und nichts der Gesundheit nachtheiliger ist und erschlaffender wirkt als wollene Unterkleider. Unter gewissen Verhältnissen ist man allerdings gezwungen, um die Stärkwäsche in ansehnlichem Zustand zu erhalten, ein wollenes Unterkleid, welches den Schweiß aufsaugt, anzulegen, dann aber bleibt der Körper dauernd feucht, was naturgemäß nachtheilig auf die Haut wirken muß. Geht man aber nicht in Damengesellschaft, sondern in den Wald und über Land, dann sollte man sich von Wolle freihalten. Naß wird die Wäsche ja, sie trocknet aber auch wieder schnell in der heißen Sonne, und kleidet man sich dann an jedem Ruhepunkt frisch, so merkt man bald das Behagen, welches der Körper empfindet. Dazu gehört allerdings die Mitnahme größerer Vorräthe und der zum Tragen erforderlichen Leute. Nur dieser Praxis schreibe ich es zu, daß ich, trotzdem ich unter der Hitze mehr leide wie vielleicht irgendein anderer von unserm Schiff, die anstrengendsten Märsche ohne Ermüdung zurückgelegt habe und sogar den Eingeborenen, welche mir den Beinamen „mit den eisernen Beinen“ gegeben, im Marschiren überlegen war.

Der Fluß ist hier ziemlich breit und tief, weil gerade an dieser Stelle wieder eins der den samoanischen Flüssen eigenthümlichen Felsenbecken liegt, von welchem das Wasser als schöner Fall in ein tiefer liegendes hinabstürzt. An dem andern Ufer steigt eine steile Bergwand empor, in welcher eine große tunnelartige Oeffnung den Eingang zu einer Höhle bildet. Als ich zunächst meine Schuhe waschen wollte, um sie während des Bades wieder trocknen zu lassen, nahm Lange mir diese Arbeit ab und diesem wiederum Sa, welche inzwischen auch herangekommen war. Sie beschränkte sich aber nicht nur auf meine Schuhe, sondern nahm auch Wäsche und Kleider vor, welche sie dann zum Trocknen ausbreitete. Dies war mir sehr angenehm, weil ich nun diese Sachen später zu dem Weitermarsch wieder anlegen und meinen Vorrath schonen konnte. Kaum war die Samoanerin mit ihrer Arbeit fertig, so nahm sie mit einem schnellen Griff ihr Lava-lava ab und sprang ins Wasser, um zwischen uns herumschwimmend ebenfalls ihr Bad zu nehmen, achtete aber darauf, vor uns wieder an Land zu kommen und zur Stadt zurückzukehren, ehe wir das Wasser verließen.

Im Faletele mußte ich nun zunächst einen Kawatrunk nehmen und dann durchschritt ich mit Loau und Bill den Fluß an einer seichten Stelle, um die Höhle zu besichtigen. Dieselbe ist ein tunnelartig natürlich gewölbter Gang von etwa 300 m Länge, 5 m Breite und 2½ m Höhe und ist an beiden Endpunkten offen. Eine kleine Wasserlache war das einzige Wasser in der Höhle, welche sonst den Schwalben als Brutstätte dient, denn an den Wänden befindet sich Nest neben Nest und der Boden ist mit einer starken Guanoschicht bedeckt.

Gegen 1 Uhr nahmen wir ein sehr reichhaltiges Essen ein (Schwein, Huhn, Tauben, Süßwasserkrebse und einige Gemüse), ruhten dann etwas, um 2½ Uhr nahm ich noch einmal ein Bad, danach wurden die Geschenke vertheilt und um 3 Uhr befanden wir uns wieder auf dem Weitermarsch. Nach einer Stunde passirten wir die dritte Stadt, wo ich aber zum Leidwesen der Bewohner und meiner Begleitung keine Rast machte, sondern durchging, um vor Einbruch der Nacht noch den nächsten Platz zu erreichen, wo wir auch kurz nach 5 Uhr eintrafen. Auch hier nahm ich als erste Erfrischung wieder ein Bad, wobei ich mir einige auf dem hohen Ufer stehende Zuschauer gefallen lassen mußte, da die Stadt dicht am Wasser liegt und der Fluß hier von so steilen Abhängen umschlossen wird, daß man nur an einer Stelle bequem zum Ufer kommen kann. Die ganze Umgebung ist so romantisch, daß es mir ordentlich unbehaglich wurde, nachdem die Sonne hinter die Berge gegangen war und die Eingeborenen sich wieder zurückgezogen hatten. Rund umschlossen von nackten Felsen oder belaubten Höhen nahm das tiefe Wasser schwarze Färbung an, keine Menschenseele zu sehen, kein Thier zu hören -- da kam mir wieder das Ammenmärchen von den Aalen in den Sinn, und richtig, da packt mich einer am Fuß, sodaß mir ganz heiß wird und ich erst wieder zur Ruhe komme, als Sa’s lachendes Gesicht neben mir auftaucht, welche sich den hinterlistigen Scherz gemacht hatte, mir heimlich nachzugehen. Sie schwamm nun aber so schnell an Land, daß ich sie nicht mehr erreichen konnte, um sie für den schlechten Spaß etwas zu zausen. Mir war das Baden durch den Schreck verleidet und so machte ich auch, daß ich an Land kam, zumal mein Magen sich meldete.

Nach einem kräftigen Essen mußte ich erst der Abendandacht beiwohnen, zu welcher die Bewohner durch Trommelschlag herbeigerufen wurden. Ein Mann las ein längeres Gebet vor, dann zerstreuten sich die Einwohner wieder; wir tranken Kawa, einige Mädchen führten einen mittelmäßigen Tanz auf, und dann begaben wir uns zur Ruhe, nachdem die Häuptlinge dem von mir mitgebrachten Getränk doch etwas zu viel zugesprochen und sich still zurückgezogen hatten. Das Faletele war nur für mich und Lange bestimmt, die übrigen von uns waren anderweit untergebracht. Endlich war ich einmal allein und konnte mich nun ohne Aufsehen nach einem stillen Platz zurückziehen. Doch ich hatte eine schlechte Wahl getroffen, denn gleich darauf raschelt es im Gras und neben mir befindet sich eine Samoanerin, welche mir dazu noch einen guten Abend wünscht. Obgleich ich nun schon ziemlich vertraut mit dem samoanischen Leben war, hatte ich mich in diese Natürlichkeit doch noch nicht hineingefunden und wollte entsetzt fliehen, ließ mich aber doch durch den Gedanken, eine lächerliche Figur abzugeben, davon abhalten. Meine Nachbarin verschwand indeß ebenso schnell wieder wie sie gekommen war.

Im Faletele hatte ich mir mein Mosquitonetz sorgsam aufgehängt und fand unter demselben ein gutes Lager, sodaß ich bald entschlummert war. Da kriecht etwas bei mir herum, ich greife zu und vermuthe nach dem Gefühl, daß ein Ferkel sich zu mir verirrt hat, ich fasse mit der andern Hand mit zu und merke nun, daß es doch etwas anderes ist; ehe ich aber zu einem Entschluß kommen kann was zu thun, werden gleichzeitig die sämmtlichen Vorhänge in die Höhe gerissen, an zwanzig Mädchen stürzen mit Fackeln in den Raum hinein, durchkreuzen ihn wie Feuerwerksfrösche, mein Besuch ist wieder unter ihnen verschwunden, Lange und ich sehen uns verdutzt an und im nächsten Augenblick sind die Vorhänge wieder unten und wir wieder in vollkommener Dunkelheit. Ob das ein samoanischer Scherz oder was sonst war, weiß ich nicht. Erst wollte ich nach, um mir einen dieser ausgelassenen Irrwische zu fangen, aber mein Adamcostüm und die Gewißheit, doch keinen fassen zu können, ließen mich klugerweise von einem derartigen Beginnen absehen. Eine weitere Störung fand nicht statt und auch diese war wol nur dadurch möglich gewesen, daß die Herren Väter heute nicht zurechnungsfähig waren.

Am nächsten Morgen badete ich wieder und fand den nun von der Sonne warm beschienenen Platz entzückend. Dann Geschenkvertheilung und um 7 Uhr nach einem guten Frühstück Abmarsch nach Falifa. Der Weg dahin geht nur das erste Drittheil durch den Wald, dann trifft man einen Fluß, an dessen Ufer man bleibt. Der Weg ist gut und die landschaftlichen Bilder sind schön. Um 9 Uhr waren wir in Falifa, wo natürlich als erstes wieder das unvermeidliche Bad genommen wurde, welches hier besondere Reize bietet. Der breite Fluß wird an beiden Seiten von bewaldeten Höhen begrenzt und stürzt als mächtiger Wasserfall direct in die See, welche hier mit einer schmalen Bucht tief in das Land vordringt. Die Wassertiefe des Flusses gestattet nur dicht oberhalb des Absturzes ein Schwimmen und auch dort ragen vielfach Felsen aus dem Strombett hervor. Flußauf öffnet sich dem Auge eine weite Ebene, in deren Mitte der silberne Wasserlauf eilig und brodelnd über Felsengeröll zu Thal fließt. Stromab sieht das Auge das Meer und den fernen Horizont, welche von den bewaldeten Ufern der Bucht eingerahmt werden; ein Schnitt von Ufer zu Ufer am untern Rand des Bildes endet den Lauf des Flusses, dessen Wasser einen letzten dumpf grollenden Gruß aus der Tiefe nach oben sendet, ehe es sich für immer mit dem Meer verbindet.

Die Stadt liegt hier dicht am Ufer des Flusses und dies mag wol mit dazu beigetragen haben, daß gleich nach mir noch drei junge Samoanerinnen ebenfalls ins Wasser kamen und schwimmend mich in ihrer Mitte hielten. Da die Samoaner uns Weißen keine besondere Fertigkeit im Schwimmen zutrauen, so wird die eigentliche Absicht wol die gewesen sein, mir gegebenenfalls zu Hülfe eilen zu können, wenn ich mich etwa zu nahe an dem Wasserfall in eine der zwischen den Felsen befindlichen Stromschnellen wagen sollte, da dies sichern Absturz und Tod bedeutet haben würde. In Falifa selbst, wo wir etwas frühstückten, hielten wir uns nur kurze Zeit auf. Ein Albino, ein Frauenzimmer, erregte hier dadurch mein Interesse, daß der Rücken eine rosa Farbe hatte, welche, durch kleine Bläschen hervorgebracht, jedenfalls die Folge von Sonnenbrand war. Die Haut der Albinos wird also wol ebenso wenig widerstandsfähig gegen die Sonne sein wie die unsrige.

Demnächst berührten wir eine kleinere Stadt, welche ich nur deshalb erwähne, weil Sa hier in dem obersten Häuptling ihren alten Onkel begrüßte und diese Begrüßung die einzige auf altsamoanische Art geblieben ist, welche ich zu sehen bekommen habe. Der alte Mann saß mit untergeschlagenen Beinen in seiner Hütte und schien uns zu erwarten. An der Hütte angekommen, trat Sa zuerst ein, ging gebückten Körpers auf den alten Herrn zu, rieb mit ihm Nasen, setzte sich neben ihn und machte während der darauf folgenden kurzen Unterhaltung ein so ernstes Gesicht, wie ich es ihr gar nicht zugetraut hätte. Dann trat sie zurück, worauf erst die Begrüßung mit uns erfolgte. Wir nahmen eine kleine Erfrischung an und brachen dann bald wieder auf. Durch Lufi-lufi gingen wir ohne Aufenthalt durch, nachdem wir einen kurzen Gruß mit dem in seiner Hütte anwesenden Häuptling gewechselt hatten, und trafen gegen 2 Uhr zum großen Erstaunen der Einwohner, welche uns am nächsten Abend erst erwartet hatten, wieder in Saluafata ein. Meine Begleiter, welche auf dem Marsche wiederholt angedeutet hatten, daß die Anstrengung für sie wol zu groß werden würde, waren jetzt ganz stolz auf ihre Leistung und besonders befriedigt, als sie den für drei Tage ausbedungenen Lohn unverkürzt erhielten. Im Verein mit den vertheilten Geschenken hatte mich die Partie nahe an 150 Mark gekostet, trotzdem ich nichts für die uns gebotenen Mahlzeiten zu bezahlen hatte.

An dem einen oder andern Abend, wenn sich einige Mädchen zu einem Tanz zusammengefunden hatten, erhielt ich eine Einladung zur Theilnahme. Gewöhnlich trat dies ein, wenn Besuch von außerhalb gekommen war. Diese Belustigung war stets eine willkommene Abwechselung in dem täglichen Einerlei und ganz dazu angethan, einen Abend angenehm verbringen zu können. Wenn hierbei auch Männer, Frauen und Kinder durch Händeklatschen eine etwas geräuschvolle Musik machten, so war dies in der offenen Hütte doch nicht so unangenehm wie früher in dem geschlossenen Saal, und was den Reiz wesentlich erhöhte, war die angenehme Temperatur und die beschränkte Zahl der Zuschauer.

Die Darstellerinnen sind bei feierlichen Gelegenheiten sehr reich geschmückt; bei Gelegenheitstänzen zwar einfacher, aber doch immer für den Zweck gekleidet. Solch größere Tänze wurden mir zwei geboten, einer war für unsere Offiziere und mich arrangirt, der zweite nur eine Ueberraschung für mich, welche Sangapolutele am Vorabend unserer Abreise mir bereitete. Der Schmuck ist im wesentlichen ja der früher beschriebene und findet nur durch Ausschmückung derjenigen Glieder, welche bei dem Tanz in den Vordergrund treten (Arme und Beine) seine Vervollständigung. Das Bekannte sind Stirnbänder; Blumen im Haar; lange von der Schulter bis über die Brust reichende Ketten aus Beeren, Pandanuszapfen und wohlriechenden Kräutern, und Lava-lavas aus Matten oder Gräsern bezw. Zott-Lava-lavas. Als bisjetzt noch nicht genannter Schmuck treten hinzu: ein den Hals eng umschließendes Band mit daran befestigten perlenartig herunterhängenden Beeren und zwar so, daß jede Reihe aus vier bis fünf Beeren besteht, von denen zwei übereinander an dem Band selbst befestigt sind und die andern dicht aneinander gereiht lose herunterhängen; Armbänder aus Laub oder Stoffband, von welchen eins um die Mitte des Oberarms gelegt ist, eins auf dem halben Unterarm und ein drittes dicht über dem Handgelenk liegt, und zwar alle so fest umgeschnürt, daß das Fleisch etwas vorquillt; Bänder aus Schlingpflanzen über und unterhalb der Wade. Diese Arm- und Beinbänder heben, wie bekannt, die Formen besonders schön hervor und erhöhen bei den Armen außerordentlich die Grazie der Bewegungen. Ueberraschend war mir, bei diesen Naturmenschen solch feine Empfindung für das Schöne zu finden, denn solch raffinirter Putz kann nur eingehendem Studium seine Entstehung verdanken. Der Oberkörper ist natürlich mit Kokosnußöl eingerieben und die Haut daher glänzend blank.

Die Darstellerinnen nehmen an dem einen schmalen Ende der Hütte Platz, das Gesicht der Mitte zugekehrt, wo die eigentlichen Zuschauer sitzen, während das Volk, welchem der Zutritt auch freisteht, die andere Hälfte der Hütte ausfüllt oder von außen zusieht. Zwei Holzfeuer zu beiden Seiten des Mittelgerüstes und im Rücken der vornehmern Zuschauer erhellen den Raum.

Der Tanz, welcher in der Regel nur in sitzender Stellung (mit gekreuzten untergeschlagenen Beinen) ausgeführt wird, kann in dieser natürlich auch nur in Bewegungen des Kopfes, Oberkörpers und der Arme bestehen und setzt sich aus leichten rhythmischen Bewegungen zusammen, die keinerlei mimische Darstellung geben sollen, sondern nur den Hang nach Schaustellungen und harmlosem Zeitvertreib zu gefälligem Ausdruck bringen. So scheint der Tanz auch gewissermaßen ein Vorrecht der nichtarbeitenden Klasse, der Häuptlingstöchter, zu sein, welche mit den Vorübungen und der Erfindung dazu passender neuer Texte ihre freie Zeit ausfüllen. Ob meine Annahme indeß richtig ist, weiß ich nicht, nur ist mir aufgefallen, daß das niedere Volk sich an diesen Tänzen nie anders handelnd betheiligt als mit Händeklatschen, wenngleich wol alle Mädchen und sogar schon die ganz kleinen Kinder, welche „Tanz“ spielen, sich in den Tanzbewegungen üben, wenn sie sich unbeachtet glauben, wie ich dies wiederholt hier und in Saluafata gesehen habe.

Wenn es mir nun auch nicht möglich ist, erzählend ein getreues Bild einer solchen Tanzschaustellung zu geben, die nur durch die dabei entwickelte Grazie, welche ja auch noch je nach der Begabung der Handelnden mehr oder weniger gefällig ist, fesselnd wirkt, so kann ich doch versuchen, eine leichte Skizze davon zu entwerfen.

Wie ich früher schon erzählt habe, bilden die Spieler eine Gruppe. Vorn in der Mitte sitzen die eigentlichen Tänzerinnen und zwar in der Regel nebeneinander drei Mädchen, von denen die mittelste den schönsten Schmuck hat und als Vortänzerin anzusehen ist. Nur bei größern Gelegenheiten und gewöhnlich wol bei der Anwesenheit von einheimischen Gästen aus andern Städten, deren Töchter auch zur Mitwirkung aufgefordert werden müssen, wächst die Zahl. Sind es nur vier oder fünf, dann verbleiben alle in einer Reihe, sind es mehr, dann werden zwei Glieder in der Weise gebildet, daß das zweite die Lücken des ersten ausfüllt. Das zweite Glied kann dann aber nach der ganzen Art der Bewegungen nur in sehr geringem Maße an dem Tanz theilnehmen und die Betreffenden wirken mehr als Statisten. Der Rest der Gruppe setzt sich aus dem händeklatschenden Orchester zusammen und zwar sitzen zur Seite der Tänzerinnen gewöhnlich Kinder, in der zweiten Reihe Männer und Frauen, und die übrigen Männer und Frauen stehen dahinter, in allen Reihen die größern in der Mitte und die kleinsten an den Seiten, sodaß das Ganze die Form eines Halbmondes annimmt.

Zuschauer und Spieler versammeln sich gleichzeitig. Bis der Tanz beginnt, verharren die letztern in ungezwungener Haltung, sprechen leise miteinander, und die Damen haben mit ihrem Putz und Schmuck zu thun. Ein leises Klatschen dient als Vorspiel und kündigt den Anfang an. Die Tänzerinnen bleiben noch in ihrer bequemen Haltung, die mittlere setzt bald mit einigen leise gesungenen Strophen mit ein, streckt sich dann etwas und deutet nun, ihren Gesang mit einigen Armbewegungen begleitend, mit den Händen leise das kommende Spiel an, indem sie dieselben in wagerechter Haltung bis zur Brust hebt, mit ihnen nach links und rechts so spielt, daß die Hände nach dem Takt der Musik leicht gehoben und wieder gesenkt werden und zwar im Dreivierteltakt. Geht das Spiel nach links, dann ist die rechte Hand an der linken Brust und die linke in entsprechender Entfernung weiter nach links, geht das Spiel nach rechts ist das Umgekehrte der Fall. Das Klatschen wird stärker, die andern Tänzerinnen greifen mit ein, die vorige Ruhe ist abgeschüttelt, alle sind voll Feuer und Leben. Der Gesang wird lauter, die Armbewegungen werden bestimmter, bleiben aber doch leicht und geschmeidig. Die Hände greifen weiter nach links und rechts hinüber, der Oberkörper folgt nach, bis die Hände leicht auf den Fußboden aufschlagen, wobei die Tänzerinnen den Kopf so weit gehoben halten, daß sie die Zuschauer noch ansehen. Dann richten sie sich im Takt auf und gehen in eine andere Figur über, die Arme sind so weit gehoben, daß die Ellenbogen in der Höhe der Brust und die Hände nach oben gerichtet sind. Die rechte Hand liegt in der Höhe der linken Schulter, die linke weiter nach links in der Höhe des Kopfes, dieser ist nach rechts gedreht und die Finger laufen geräuschlos und geschmeidig langsam an dem Daumen entlang, ähnlich wie wir ein Schnippchen schlagen, wobei ein passender Triller gesungen wird. Kopf und Hände wechseln mit einer schnellen Bewegung die Stellung, um nach der andern Seite dieselbe Figur auszuführen, und nach einmaliger Wiederholung schlagen die Hände wieder auf den Boden, sind in halber Höhe des Körpers und so fort.

Aus diesen drei Figuren setzt sich der Tanz zusammen und wirkt anfänglich bald ermüdend; weiß man aber erst, daß keine neuen Figuren kommen und wartet man daher nicht mehr auf solche, dann fängt man an, dem lebendigen Spiel der Glieder zu folgen, wie die Bewegungen ein langsameres oder beschleunigteres Tempo annehmen, wie die Haltung des Körpers wechselt und die Drehungen und Stellungen dem Auge fortgesetzt neue, schön gerundete Linien zeigen, und wird dann ebenso wie die Eingeborenen von dem Feuer der Darstellerinnen mit fortgerissen. Ich habe mich erst durch verschiedene Tänze durchlangweilen müssen, ehe ich Geschmack an denselben fand und verstehen lernte, worin der Reiz liegt, welcher dem Samoaner die Kraft gibt, diesem scheinbar einförmigen Spiel ganze Nächte zu opfern.

Zuweilen, wenn Darsteller und Zuschauer erst warm geworden sind, erhebt sich auch die Vortänzerin, um mit wenigen Schritten nach links und rechts gehend mit den Armen andere Bewegungen als die vorher beschriebenen zu machen. Doch sind die Mädchen dann auf fremdem Gebiet, das unförmliche Lava-lava paßt nicht zu leichten Bewegungen, sie werden ungraziös. Der Tanz im Stehen gehört in Samoa nur den Männern.