Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 49

Chapter 493,641 wordsPublic domain

Am nächsten Morgen, nachdem „Albatros“ bereits nach Auckland in See gegangen war, trat indeß unserer Weiterfahrt ein Hinderniß entgegen. Der Schiffsarzt meldete mir, daß der Steuerer meiner Gig sich wegen heftiger Kopfschmerzen in ärztliche Behandlung gegeben habe und er wahrscheinlich am vorhergehenden Abend der Gegenstand eines Raubanfalls gewesen sei. Die Untersuchung ergab, daß der Bootsmannsmaat, während er mit dem Boot auf mich wartete, dort in der Dunkelheit zwei Eingeborenen begegnete und gleich darauf bewußtlos war. Später wurde er von den ihn suchenden Bootsgasten nicht weit vom Boot entfernt am Strande liegend gefunden und zum Bewußtsein zurückgebracht, worauf dann festgestellt wurde, daß sein Messer und seine Pfeife fehlten. Da er ein nüchterner, sehr ruhiger Mensch ist, die Bootsgasten weder Wortwechsel noch überhaupt einen Laut gehört haben, obgleich die Sache sich bei der Dunkelheit in nächster Nähe des Bootes abgespielt haben muß, auch die Kleidung des Angefallenen keine Spuren eines Kampfes oder Ringens zeigten, so bleibt eben keine andere Erklärung übrig, als die eines beabsichtigten Raubanfalls und daß die Angreifer ihr Opfer gleich mit dem von hinten geführten ersten Schlag bewußtlos zu Boden gestreckt haben. Der Arzt hatte vor dieser Untersuchung schon festgestellt, daß der Unteroffizier einen schweren Schlag auf den Hinterkopf erhalten hatte, welcher ein mehrtägiges Krankenlager zur Folge hatte, einen gleichen das ganze Gesicht zeitweise entstellenden Schlag von vorn, und daß er außerdem noch ziemlich stark gedrosselt worden sein muß.

Diese Sache durfte ich nicht mit Stillschweigen übergehen, und da nach meiner Kenntniß des Charakters dieser Südseemenschen die That gewiß schon der halben Bevölkerung bekannt war, so mußte ich auch die Ermittelung und Bestrafung der Thäter fordern. Ich ließ daher gleich der tonganischen Regierung von dem Vorfall Kenntniß geben mit der Forderung, die Thäter innerhalb drei Stunden zu ermitteln und zu bestrafen, da ich meine auf 9 Uhr angesetzt gewesene Abreise nur um diese Zeit hinausschieben könne.

Nach einer halben Stunde kam Prinz Gu zu mir, um dem Bedauern des Königs über diesen Vorfall Ausdruck zu geben und zu erklären, daß es wol kaum möglich sein würde, die Schuldigen in dieser kurzen Zeit zu ermitteln. Ich konnte dem nicht zustimmen und nur betonen, daß dies nach meiner Ueberzeugung ein Leichtes sei, wenn man nur den guten Willen habe und ich daher auf meiner Forderung bestehen müsse. Der Prinz fuhr wieder an Land, wo sich am Strande bereits eine große und anscheinend erregte Menschenmenge zusammengefunden hatte. Durch das Fernrohr konnte ich sehen, wie gleich beim Landen des Bootes ein gebundener Mensch in dasselbe gehoben wurde und dieses darauf wieder zu uns kam. Prinz Gu erzählte nun, daß der König bereits einen Verdacht gehabt habe, in die Hütte des Betreffenden gegangen sei und dort in einer verschlossenen Kiste, welche er habe erbrechen lassen, die geraubten Sachen gefunden habe. Die mir dann übergebenen beiden Gegenstände schlossen jeden weitern Zweifel aus, da sie mit dem Namen des Beraubten versehen waren. Gleichzeitig wurde mir auch der Räuber mit dem Bemerken zur Verfügung gestellt, daß derselbe ein früherer Gefangener sei, ich ihn nach Belieben bestrafen könne und nicht mehr zurückzuliefern brauche. Dieses Anerbieten glaubte ich indeß ablehnen zu müssen, wie ich andererseits der Behauptung, daß der zweite Mann als unschuldig befunden worden sei, Glauben schenken mußte. Ich verlangte daher die Bestrafung des Verbrechers nach tonganischem Recht auf öffentlichem Platze und forderte, als ich um Bemessung der Strafe gebeten wurde und nachdem mir das gesetzmäßige Bestehen der Prügelstrafe versichert worden war, 25 Hiebe und das Recht, einen Offizier sowie den mishandelten Unteroffizier als Zeugen zu dem Strafvollzug senden zu dürfen. Nachdem mir dies zugestanden worden war, wurde der an Händen und Füßen gebundene neben mir liegende Missethäter, dessen Körper schon die verschiedensten Spuren bereits erlittener Mishandlungen aufwies, wieder in das Boot und an Land gebracht, wohin unsere Zeugen kurze Zeit darauf nachfolgten. Trommelwirbel riefen bald die Bevölkerung nach dem Königshaus, wo in dem hintern Hof die Strafe vollzogen wurde und zwar nach der mir später gewordenen Meldung in der Weise, daß der Delinquent gebunden auf die Erde gesetzt wurde und dann zwei Männer, der eine mit einer schweren Rippe eines grünen Kokospalmenblattes, der andere mit einem dreifach zusammengedrehten dicken Strick erbarmungslos und ohne Schonung irgendeines Körpertheils auf ihn einhieben. Erst nachdem über 30 Hiebe gefallen waren, wurde es unserm Offizier möglich, dieser barbarischen Strafe Einhalt zu thun, worauf der Verbrecher, dessen Körper nur eine große blutrünstige Schwiele gewesen sein soll, nach dem Gefängniß getragen wurde, da er selbst zum Gehen nicht fähig war. Ich ließ darauf dem König für die prompte Justiz danken, der Prinz Gu nebst Dienerschaft schifften sich auf der „Ariadne“ ein und um 12 Uhr mittags verließ ich ziemlich verstimmt durch die Eindrücke des Vormittags wieder Nukualofa. Im Laufe des Nachmittags traf uns auch noch das Unglück, daß ein Matrose, während er schlief, am Herzschlag verstarb und zwar, wie sich bei der am nächsten Morgen vorgenommenen Obduction ergab, an einem unheilbaren, schon weit vorgeschrittenen Herzfehler.

Mein Gast, welcher die Stelle eines Gouverneurs der Vavau-Gruppe bekleidet und als solcher vielfache Seereisen machen muß, leidet stets so sehr an der Seekrankheit, daß er sich bei mir auch gleich in meine ihm zur Verfügung gestellte Achterkajüte zurückzog und sich dort unter Zurückweisung aller ihm gebotenen Bequemlichkeiten auf eine Matte auf das platte Deck bettete. Die sanften Bewegungen des Schiffes indeß, welche ein besonderer Vorzug der „Ariadne“ sind, ließen keine Seekrankheit aufkommen und so kam der Prinz bald wieder mit der Erklärung zum Vorschein, daß diese Seereise die erste in seinem Leben sei, welche ihm Genuß gewähre.

Am 14. abends trafen wir in dem von niedrigen Höhen umschlossenen Hafen von Vavau ein, wo wir vor dem unbedeutenden Dorfe Neiafo ankerten. Wir waren leider gezwungen, den Verstorbenen noch an diesem Abend zu beerdigen, weil der Verwesungsproceß der Leiche schon so weit vorgeschritten war, daß wir dieselbe nicht mehr über Nacht an Bord behalten konnten. Eigentlich hätten wir dieselbe schon im Laufe des Nachmittags auf offener See bestatten müssen, da aber die Ankunft in Vavau gesichert war, so wollte ich dem Manne doch ein ordentliches Grab zukommen lassen. Ehe indeß die erforderlichen Vorbereitungen am Lande getroffen werden konnten, war es Nacht geworden und so konnte der Leichenzug erst gegen 9 Uhr das Schiff verlassen. Am Lande zog sich eine durch Laternen gebildete Schlangenlinie langsam die dunkle Höhe hinauf, die getragene Musik eines Trauermarsches kam wie ein Gebet über die stille Flut zu uns herüber und wir gedachten des armen Kameraden, welcher kurz vor der Heimreise dort drüben auf Bergeshöhe in fremder Erde seine letzte Ruhestätte fand. Die Musik verstummte, ein Choral erzitterte durch die stille Nacht, die Musik verstummte wieder und dann schlängelte sich in raschem Tempo nach den Klängen eines heitern Marsches die flimmernde Schlange wieder den Berg hinunter. Den Lebenden gehört nun einmal das Leben.

In Neiafo war wenig zu sehen, da neben dem umfangreichen mit großer Raumverschwendung erbauten hölzernen Wohnhaus des Gouverneurs die Hütten der Eingeborenen und die kleinen Häuser der wenigen hier lebenden Europäer um so mehr verschwinden, als alle diese Wohnungen sehr verstreut an dem Abhang eines Berges unter Kokospalmen, Brotfrucht- und Orangenbäumen versteckt liegen und man nicht den Eindruck gewinnt, eine Stadt oder ein zusammengehöriges Dorf zu betreten. Doch macht dafür jedes einzelne Wohnhaus an sich einen sehr behaglichen und bei der herrschenden Hitze auch einladenden Eindruck, da die Häuser sowol, wie deren nächste Umgebung angenehm beschattet sind.

Den Gouverneur traf ich am Morgen nach unserer Ankunft, bei Gelegenheit meines ihm gemachten Besuches, vor seinem Hause sitzend als tonganischen Häuptling an, d. h. nur im Lava-lava mit dem Fliegenwedel in der Hand. Ob er dadurch unangenehm berührt wurde, weiß ich nicht, jedenfalls hat er es sich dann nicht merken lassen, da er ebenso unbefangen liebenswürdig wie immer war, mir sein Haus zeigte und sich dann erst umkleidete, um mich in die nächste Umgebung zu fahren und mir dort seine Kaffee-, Baumwoll- und Kokosnußpflanzungen zu zeigen. In seiner Nationaltracht habe ich ihn später allerdings nicht mehr zu sehen bekommen.

Das Haus, nur ein Geschoß zu ebener Erde, scheint vorzugsweise mit Rücksicht auf Repräsentationszwecke erbaut zu sein, da es neben andern Wohnräumen einen besonders großen Speisesaal mit daran stoßendem Anrichtezimmer und dahinter liegender geräumiger Küche hat, auch große Vorräthe an Tischwäsche, Porzellan, Glas und sonstigem Tischzubehör vorhanden sind.

Die Dienerschaft des innern Hauses wird durch jüngere Häuptlingstöchter, welche sich regelmäßig ablösen, und die Küche durch ältere weibliche Personen gebildet. Im Stall sind natürlich Männer.

Ein großes Mittagessen, welches der prinzliche Gouverneur uns gab, unterschied sich von den uns gewohnten nur durch die Bedienung. Denn da wir auf Stühlen an einem mit weißem Damast gedeckten Tisch saßen, wo wir neben Tellern, Gläsern, Messern und Gabeln auch europäische Tafelaufsätze fanden, mit Speisen und Getränken bewirthet wurden, wie der Europäer sie in den Tropen genießt, die eigentliche Bedienung mit uns gewohnter Sauberkeit und Ordnung erfolgte, so blieben nur die bedienenden Personen als etwas Absonderliches übrig, und zwar als etwas so reizend Absonderliches, daß diese uns mehr wie das Mahl fesselten. Neben zierlichen jungen Mädchen, welche unter Aufsicht einer ältern braunen Dame mit großer Sicherheit und Ruhe die Speisen anboten, Teller, Messer und Gabel wechselten, standen hinter uns noch die vornehmern Häuptlingstöchter in ihrem schönsten Staat mit Blumen und Laub geschmückt, um uns Kühlung zuzufächeln und mit ihren Fächern auch die Fliegen und Mosquitos fern zu halten. Während des Essens hatte allerdings mein Gegenüber den besten Platz, weil das schönste der jungen Mädchen nur um meine Person beschäftigt war und daher hinter mir stand, wohin ich nur ab und zu einen verstohlenen Blick werfen konnte. Nach dem Essen änderte sich dies allerdings, da wir uns nun auf dem Fußboden als Gruppe auf Matten niederließen und die Mädchen zu unsern Füßen zwischen uns Platz nahmen, um ihres Amtes walten zu können. Mir schien es kaum möglich, daß die armen Geschöpfe überhaupt noch im Stande waren ihre Arme zu bewegen, aber trotz aller Bitten sich zu schonen, fuhren sie unverdrossen mit dem freundlichsten Gesicht in ihrer anstrengenden Arbeit fort, wofür ich meinem Mädchen wenigstens am nächsten Tage ein schönes Stück Sammt zu einem neuen Leibchen schenkte, worüber sie außerordentlich erfreut war. Sehr bedauert haben wir, daß wir diese Gruppe nicht in einem Bild fixiren konnten, denn wenn auch nicht gerade wir des Anschauens so werth sind, so waren es doch die zierlichen Tonganerinnen in ihren knappen, nur etwas bis über die Knie reichenden leichten Kleidchen aus bunter Seide und buntem Sammt, mit ihren Blumen und Laubgewinden und den frischen, heitern und hübschen Gesichtern. Die Frauen hier in Vavau erinnern in ihrer Gestalt mehr an die Samoanerin als an die große starkknochige Tonganerin, und vor beiden haben sie noch den Vorzug schönerer Gesichtszüge.

Während wir so behaglich hingestreckt lagen und bei einer Tasse Kaffee eine gute Cigarre rauchten, an denen es in diesem gastfreien Hause auch nicht fehlte, traten eine größere Zahl Männer in den Raum, um Kawa zu bereiten, welche hier, abweichend von dem Samoabrauch, durch Männer zubereitet wird, nachdem sie die Wurzel zwischen Steinen zerrieben haben. Dann folgten einige gut einstudirte Gesangsvorträge, in denen die Tonganer einen weitverbreiteten Ruf haben, welche mich aber nicht besonders ansprachen. Tänze sind hier durch die Missionare verboten und werden daher nur im geheimen geübt, dann aber, wie es wol nicht gut anders sein kann, als verbotene Frucht mit den dazugehörigen Ausschreitungen.

Zur Hebung der Moral haben die Missionare hier die schärfsten Bestimmungen durchgesetzt und dadurch die wunderlichsten Auswüchse im Volksleben hervorgebracht. So haben sie, um die sittlichen Zustände zu heben, verboten, daß die hier ansässigen Weißen ihren Hausstand durch eingeborene Frauenzimmer besorgen lassen. Da die Weißen nun keine Männer zur Bedienung erhalten können, so verfielen sie auf das Mittel der Adoption, gegen welchen althergebrachten Brauch die Missionare trotz ihrer sonstigen Macht bisjetzt noch nichts haben ausrichten können. Die Weißen adoptiren also ein junges Mädchen als Tante, Schwester, Tochter oder gar als Mutter, müssen dieselbe dann aber ganz in ihr Haus nehmen. Während nun früher die weibliche Bedienung nur am Tage den Hausstand ihres Herrn versorgte, muß sie jetzt ganz mit ihm zusammenleben, und es belustigte mich sehr, bei einem jungen Deutschen eine blutjunge Tonganerin als seine gesetzliche Tante vorzufinden.

Nicht ganz in Uebereinstimmung mit dieser Verordnung dürfte sich allerdings die weibliche Bedienung des Prinzen Gu befinden, dies hat jedoch zur Zeit keine große Gefahr, da der Prinz, wie man zu sagen pflegt, bis über die Ohren verliebt ist, und zwar in eine ihm an Geburt und Körpergröße ebenbürtige Dame, aber dennoch vorläufig ohne Hoffnung auf eine baldige Verbindung. Der Prinz zeigte mir mit allen äußern Zeichen eines unglücklich Liebenden die Photographie seiner Erwählten und erzählte mir dabei, daß der König bisher seine Einwilligung zu dieser Verbindung versagt habe, weil die Verwandtschaft (wenn ich nicht irre Geschwisterkinder) eine zu nahe sei. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, daß die Tonganer von altersher Ehen unter Blutsverwandten nicht billigen.

Eine merkwürdige Mittheilung wurde mir hier noch gemacht, welche ich anfänglich nicht glauben konnte, aber doch glauben mußte, als der Gouverneur mir die Richtigkeit bestätigte. Die von den Missionaren eingeführten Strafen sind hier, ebenso wie auf den Gesellschafts-Inseln, Geldstrafen, von welchen der Angeber einen Theil als Angeberlohn erhält. Die besonders in Betracht kommenden Vergehen sind Uebertretung der Sonntagsheiligung, Diebstahl und unsittlicher Lebenswandel. Wird nun jemand eines solchen Vergehens angeklagt, dann ist die Beibringung von Zeugen nicht erforderlich, in den meisten Fällen auch nicht möglich, weil die Denuncianten oft aus Rachsucht oder Geldgier eine falsche Anklage erheben sollen, in diesen Fällen also schon das Vorhandensein von Zeugen ausgeschlossen ist. Hier sind nun die Angaben des Angeschuldigten und des Anklägers nicht gleichwerthig, sondern der Angeschuldigte erhält, sofern er nicht Zeugen für seine Schuldlosigkeit beibringen kann, wenn er nicht gleich gesteht, ohne Ansehung des Geschlechts 25 Hiebe und wenn er dann noch nicht gesteht, weitere 10 Hiebe. Darauf wird er entlassen und zum nächsten Tage bestellt, um dann derselben Mishandlung unterworfen zu werden, wenn er nicht vorzieht, die Geldstrafe auf alle Fälle zu zahlen und sich dadurch schuldig zu bekennen. Ein Zeichen der Unschuld gibt es übrigens, und zwar wenn bei der mishandelten Person während der Folter eine Blasenentleerung stattfindet. Der Angeber geht in allen Fällen straflos aus, jedenfalls um diesen Leuten das unsaubere Handwerk nicht zu verleiden. Wie mir versichert wurde, soll diese Art der Justiz auf den Einfluß der Missionare zurückzuführen sein, was mir indeß nicht bewiesen werden konnte. Aber soviel weiß ich, daß die Mission in Tonga, welche einen so bedeutenden Einfluß hat, dieser unwürdigen Rechtspflege in Vavau ein Ende machen könnte, wenn sie wollte und -- wenn sie durch ihre Station in Vavau von diesen Zuständen überhaupt Kenntniß erhalten hat.

Zu gestern war, ebenso wie früher auf andern Inseln, die Bevölkerung zum Besuch des Schiffes eingeladen. Hierbei machte es sich eine ziemlich große Zahl reichgeputzter Frauen, welche ohne Begleitung ihrer männlichen Verwandten auf das Schiff kamen, unter der Führung einer ältern wohlbeleibten Dame in meiner Kajüte bequem. Die ältere Dame, welche neben ihrer reichen Kleidung noch viel werthvollen Schmuck an sich trug, hatte einen jüngern Eingeborenen bei sich, der wol als Dolmetscher mitgenommen war und mir in Englisch seine Herrin als eine der vornehmsten Häuptlingsfrauen, von welcher ich auch schon gehört hatte, vorstellte. Die braune Dame war außerordentlich gesprächig, erkundigte sich nach allem Möglichen, nahm in einem Lehnsessel Platz und beförderte nach einiger Zeit alle Eindringlinge ihres Stammes, welche nicht zu ihrer nähern Umgebung gehörten, in energischer Weise zur Thür hinaus, richtete dann mit den entsprechenden Gesten und dem freundlichsten Gesicht einige Worte an mich, welche ich dahin deuten mußte, daß sie die Thüren geschlossen haben wolle. Dies traf auch zu, denn ehe der Dolmetscher zu Worte kommen konnte, wurde er beauftragt dies auszuführen unter Zuhülfenahme einiger Armbewegungen, welche nur besagen konnten: „Der Herr hat das Schließen der Thüren erlaubt, mach’ sie daher zu!“ Nach diesen Vorbereitungen setzte sie sich noch einmal bequem in dem Sessel zurecht, ordnete ihre Kleider etwas, gab den mit ihr gekommenen Mädchen, von welchen ich einige schon vom Hause des Gouverneurs her kannte, Anweisung, etwas zurückzutreten, sodaß der Platz vor ihr frei war, faßte dann dem Mann, welcher sich inzwischen vor ihr auf die Erde gesetzt hatte, zärtlich in die Haare und sagte etwas zu ihm, worauf derselbe anfing in halb hockender Stellung einen Tanz zu Füßen seiner Gebieterin aufzuführen, welcher an diejenigen der Gesellschafts-Inseln erinnerte. Während mich der Tanz nicht ansprach, waren die versammelten Damen, welche hier ohne Gefahr die verbotene Frucht genießen konnten, ganz entzückt davon, und die dicke Angeberin des jedenfalls vorher geplanten Vergnügens war so außer sich vor Freude, daß sie den Mann ab und zu unterbrechen mußte, indem sie ihn mit der einen Hand an den Haaren faßte, sich schüttelnd vor Lachen in den Stuhl zurückwarf, mit der andern Hand auf den Tänzer wies und mit nach hinten übergebogenem Kopfe -- ich stand ihr zur Seite -- mir etwas zurief, was nur bedeuten konnte: „Ist er nicht köstlich, himmlisch?“ Die Freude der Dame war so urwüchsig und ansteckend, daß ich aus vollem Herzen mitlachen mußte. Nach Beendigung der Vorstellung wurde der Mann zur Thür hinausgeschoben und nun wurde die Gesellschaft erst recht ausgelassen, die dicke Tante nahm ihre sehr hübsche und zierliche Nichte an der Hand und legte sie mir mit einer energischen Bewegung in den Arm. Da war ich nun umringt von einer ausgelassenen fröhlichen Mädchenschar und in meinem Arm lag ein schönes junges Menschenkind, welches mit zurückgebogenem Kopf und halbgeöffneten Lippen mich so glückselig über das hier Erlebte ansah, daß ich ordentlich an mich halten mußte, ihr nicht die frischen Lippen mit einem Kuß zu schließen. Ich schob sie der Tante aber wieder sanft zu und erhielt dann von ihr als Andenken einen schön geschnitzten Kamm, welchen sie aus ihrem Haar nahm.

Zu heute Vormittag 8 Uhr war unsere Abreise festgesetzt und Gouverneur Gu wollte mich ein Stück Weges begleiten, um mir eine an der Wasserstraße liegende Höhle oder Felsengrotte, welche einen weiten Ruf hat, zu zeigen.

Als ich heute Morgen die Augen aufschlug, wußte ich anfangs nicht ob ich träume oder wache; ein starker, eigenartiger, mir übrigens angenehmer Duft, wie ihn die hier und in Samoa von den Eingeborenen getragenen Kränze ausströmen, erfüllte meine Kajüte und vor meinem Bett standen vier geschmückte Mädchen mit Blumen im Haar und Blumen- und Laubketten um Hals und Hüften, unter denen sich auch meine beiden Freundinnen befanden, sowol die, welche beim Gouverneur um mich war, wie die Nichte der dicken Häuptlingsdame, welche am gestrigen Nachmittag das Schiff besucht hatte. Jede trug einen kleinen Korb mit Früchten in der Hand, Bananen, Ananas, Limonen und Orangen, sie zeigten mir die Körbchen, stellten sie dann auf den Tisch und legten ihre Kränze dazu. Als sie zu meinem Bett zurückgekehrt waren, schüttelte ich einer jeden die Hand, in der Erwartung, daß sie nun gehen würden und mich aufstehen ließen. Nach kurzer Zwiesprache gingen sie wol, aber nur drei von ihnen, denn eine blieb bei mir zurück; auch diese ging, aber erst nachdem eine andere hereingekommen war, und als die vierte nicht mehr weichen wollte und meine Zeichen nur dahin verstand, die Verbindungsthür nach der Vorkajüte zu schließen, machte ich kurzen Prozeß und stieg in mein Bad, worauf sie sich dann allerdings lachend entfernte. Aber nur für kurze Zeit. Denn kaum war ich wieder einigermaßen bekleidet, so waren sie alle vier auch wieder da, setzten sich um mich und leisteten mir sowol hier, wie nachher in der Vorkajüte bei meinem Frühstück Gesellschaft.

Um 8 Uhr kam der Gouverneur mit seinem Boot an Bord und war keineswegs erstaunt, die vier Töchter seines Landes hier vorzufinden, sondern hatte zweifellos von dem frühen Besuch Kenntniß gehabt, wie ich aus seiner Andeutung, daß die gesandten Früchte wol bis Apia reichen würden, entnehmen mußte. Er sagte auch, daß die Mädchen mit meiner Erlaubniß die Fahrt nach der Grotte mitmachen und mit ihm dann zurückkehren würden. Nach einer Stunde waren wir an dem Platz angelangt und fuhren in meinem Boot nach einem in der Felswand sich zeigenden kleinen Höhleneingang. Der Gouverneur, welcher eigentlich neben mir sitzen sollte, fand in dem hintern Ende des schmalen Bootes, wo ich des Steuers wegen bleiben mußte, keinen genügenden Raum für seinen mächtigen Körper und mußte daher weiter vorn sitzen, dadurch bekam ich zwei der Mädchen als Nachbarinnen. Bald hatten wir den 4 m breiten Eingang erreicht und mußten uns dort bücken, um nicht mit den Köpfen an die Felsdecke zu stoßen. Noch einige Augenblicke und wir befanden uns in einer wahrhaften Märchenwelt.

Scheinbar im blauen Aether schwebend sind wir in einem Raum, von dem wir nicht wissen, ob er groß ist oder klein. In der Mitte ruht mein weißes Boot und dieses wie die darin befindlichen weißgekleideten Männer und die in buntfarbige leichte Stoffe gehüllten braunen Frauen sind von dem wunderbarsten blauen Farbenhauch umflossen. Zu den Seiten, über uns, im Spiegelbild neben uns und unter uns wölbt sich in blauen Fernen das Gestein, von welchem phantastische Tropfsteingebilde in den Raum hineinragen. Wir wissen nicht was Wasser ist und was Luft, der ganze Raum erglänzt gleichmäßig in der wunderbaren tiefblauen Farbe des tropischen Meeres, denn da keine directen Lichtstrahlen in ihn fallen, so hat die ruhige glatte Wasserfläche keinen Spiegelglanz, sondern verschmilzt unmerklich mit dem Blau der über ihr stehenden Luft. Kein Wort fällt von unsern Lippen. Wir alle staunen andachtsvoll die uns umgebende Pracht an, auch die Leute an den Rudern sitzen lässig da, ohne sich zu rühren. Als ich mich nach meinen Nachbarinnen umsah, merkte ich erst, daß sie sich dicht an mich angeschmiegt hatten und mit strahlenden Augen und stummen Lippen fragten, ob ich dies auch so schön fände wie sie. Ja, es ist wunderbar schön in diesem heiligen Raum, wo man die ganze Welt in Liebe umfassen möchte. Erst das mit den Offizieren uns nachgefolgte Boot brachte wieder Leben, da die Herren nach der ersten Ueberraschung, welcher auch sie ihren Tribut zahlen mußten, im Verein mit mir die Grotte ausmaßen.

Wir fanden die folgenden Zahlen: Länge 14 m, Breite 11 m, Höhe der Wölbung über der Wasserfläche 8 m, Wassertiefe zwischen 10 und 16 m.