Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 48

Chapter 483,555 wordsPublic domain

Unsere Führerin, welche ich noch nicht gesehen hatte, da sie von dem Consul angenommen worden war, machte einen guten Eindruck. Es war eine etwa zwanzigjährige hübsche junge Frau mit schönen großen, fragenden Augen, von hellbrauner Hautfarbe und vollen Formen, welcher der kurze nur eben über die Knie reichende schottische Rock und die bloßen Füße gut standen. Ebenso wie ihre Tracht derjenigen der Eingeborenen entsprach, hatte sie auch ihr Kinn nach Art der eingeborenen Frauen tätowirt, auch zierte ein schönes Schmuckstück aus dem nur auf Neu-Seeland vorkommenden halbdurchsichtigen grasgrünen Halbedelstein ihren bloßen Hals. Ein Plaid umschloß ihre Schultern, wie die hiesigen Eingeborenen es überhaupt lieben, sich als Bergschotten zu kleiden. Ihre gute Herkunft von väterlicher Seite gab die Erklärung für ihr gewähltes Englisch und ihre guten Umgangsformen, ohne daß sie etwas anderes sein wollte als die bezahlte Führerin. Das für uns bestimmte Boot wurde von vier eingeborenen Männern gerudert; der Consul, ich und unsere Führerin nahmen hinten Platz. Wir hatten zunächst dicht an dem Seeufer entlang ungefähr 6 km in östlicher Richtung zurückzulegen, bogen dann um ein vorspringendes Cap nach Süden und befanden uns nun in einer etwa 4 km langen und 1-2 km breiten, von hohen Ufern eingerahmten Straße. War es vorher schon frisch gewesen, so wurde es hier geradezu kalt und zwar so empfindlich, daß ich in meiner leichten Kleidung, welche ich für das spätere Marschiren angelegt hatte, ganz jämmerlich fror. Dies merkte auch Frau Margarate, wie ich unsere Führerin nennen will, denn sie sagte kurz zu mir: „Sie frieren!“ rückte, dem polynesischen Theil ihres Blutes folgend, dicht neben mich, nahm ihren Plaid von den Schultern und ehe ich ahnte, was sie eigentlich wollte, hatte sie ihren linken Arm um meinen Hals geschlungen, meinen Kopf an ihre warme Schulter gebettet und uns beide in den Plaid wieder eingehüllt. Behaglich warm war es an der Seite dieser sauber und nett angezogenen jungen Person, von der Umgebung bekam ich aber nicht mehr viel zu sehen, denn Margarate erzählte mir nun so vielerlei, daß ich mehr auf dieses und unwillkürlich auch auf das Pochen ihres Herzens, welches in regelmäßigen Schlägen an mein rechtes Ohr klopfte, achten mußte. (Ich führe dies übrigens nur als Beitrag zur Charakteristik der Südsee-Insulaner an.) Sie erzählte mir unter anderm, was mir auch sonst bestätigt wurde, daß ihr Vater ein reicher Mann sei, der Aufenthalt im elterlichen Hause für sie aber nach dem Tode ihrer Mutter und nachdem ihr Vater in zweiter Ehe eine Weiße geheirathet habe, unerträglich geworden sei, sodaß sie dem Drang ihres polynesischen Blutes nach Freiheit nachgebend das elterliche Haus mit Einwilligung ihres Vaters verlassen habe, um sich dem Stamme ihrer Mutter wieder anzuschließen. Sie lebe nun wieder als Maori-Frau, habe einen halbweißen Mann geheirathet und würde ganz glücklich sein, wenn ihre Ehe mit Kindern gesegnet wäre; auf dieses Glück müsse sie aber verzichten, weil die Ehen zwischen zwei Halbweißen stets kinderlos blieben.

Die Straße verlief in eine enge Schlucht, wo wir in den zwischen Felswänden eingekeilten Fluß einfuhren und nach Verlauf einer weitern Viertelstunde an dessen Ostufer landeten, um uns nunmehr auf unsere eigenen Füße zu verlassen. Wir hatten nicht weit zu gehen. Schon nach kurzer Zeit deuteten weiße Dämpfe auf halber Höhe der vor uns liegenden Hügel an, daß wir am Ziele seien, und gleich darauf lag auch der 1 km lange und ½ km breite Roto-mahana (der warme See) vor unsern Augen, klein und unscheinbar, mit trübem schmutzig-grünen Wasser und umgeben von niedrigen, theils nackten, theils nur mit niedrigem Buschwerk bedeckten Hügeln, von welchen allenthalben weiße Dämpfe emporstiegen. Dieses wenig anziehende Stück Erde birgt also das Sehenswertheste von Neu-Seeland, Wunder, zu welchen die Menschen jahraus jahrein hinströmen und sogar von Sydney aus hinkommen. Auch wir stehen jetzt vor einem solchen Wunder. Vorsichtig Frau Margarate folgend, gehen wir an dampfenden Pfützen von klarem Wasser und kleinen Gruben, in denen eine kalkartige Masse auf- und niederwallt, vorbei, überschreiten feuchte, durch Eisenoxyd geröthete Stellen, winden uns durch hohes, halbverdorrtes Gras und kommen endlich, nachdem wir (wie später festgestellt) 25 m hoch gestiegen waren, an einen brodelnden, über seinen Rand überlaufenden Brunnen. Wir wenden uns um und -- ja die Landschaft ist reizlos, aber das, was zu unsern Füßen liegt, die weiße Sinterterrasse, ist großartig schön.

In vielleicht zwanzig größern und gewiß ebenso viel oder mehr kleinern Terrassen erstreckt sich in einem Neigungswinkel von etwa 45° und bis zu einer Breite von über 50 m sich ausdehnend ein gar wunderbares Bauwerk bis zu dem Seeufer hin. Aus schneeigem Marmor scheint es geschaffen und von geübter Künstlerhand ausgearbeitet zu sein. Die einzelnen Terrassen bilden kurze und lange, breite und schmale, geradlinig, halbkreisförmig und oval geformte Becken mit breiten wulstigen Rändern und angefüllt mit köstlich blau gefärbtem Wasser. Und was dem Ganzen einen Hauptreiz verleiht, ist der matte weiche Farbenton der Sintergebilde, welcher so wunderbar absticht von dem glänzenden Spiegel der blauen Wasserfläche, den mit frischem Laub grün umsponnenen kleinen Felsrücken, welche an einzelnen Stellen zwischen die Terrassen geschoben sind, und dem theilweise roth gefärbten Boden der äußern Ränder. Die Sintergebilde erscheinen wie feine Filigranarbeit, und man kann es kaum fassen, wie es möglich ist, daß dieses riesige Bauwerk, diese 1 m dicken, oft 2 m hohen und bis zu 6 und 8 m langen Ränder und Wände der einzelnen Becken sich nur aus den kleinen Sintertropfen und Stäbchen zusammensetzen. Der vorher genannte Brunnen ist der eigentliche Bildner dieses Wunderwerks. Ein Geysir, wirft er unausgesetzt das von unten nachströmende dunkelgrüne Wasser aus, in welchem die zur Sinterbildung erforderlichen Kalksalze und nach Dr. von Hochstetter hier vornehmlich Kieselsäure enthalten sind. Siedend heiß strömt es über, füllt, himmelblaue Farbe annehmend, die obern Becken, läuft aus diesen über in die weiter unten gelegenen und kommt, sich allmählich abkühlend, unten im See mit einer Temperatur von vielleicht nur 20° C. an. So hat jedes Becken, von denen einzelne die Größe und Tiefe einer Badewanne haben, andere genügend groß sind, um mehrern Personen gleichzeitig ein Schwimmbad zu gestatten, einen verschiedenen Wärmegrad; oben hat man Siedehitze, in der Mitte ist es noch heiß und weiter unten lauwarm. Sehr verführerisch war es, in diesen schönen Becken und in dem durchsichtig blauen Wasser, für dessen Färbung ich keine Erklärung erhalten und finden konnte, ein Bad zu nehmen; mir wurde aber gesagt, daß das Bad in den Becken der andern Terrasse vorzuziehen sei und so beschied ich mich bis dahin.

Wir wanderten weiter, an verschiedenen merkwürdigen Quellen und Löchern vorbei, und kamen auch an das sogenannte Teufelsloch, eine unschuldig aussehende kleine dunkle Oeffnung im Erdboden, in welcher der hinterlistigste und verderblichste Ueberfall lauern soll, weshalb uns auch nicht gestattet wurde, zu nahe an das Loch heranzutreten. Stets ohne vorherige Warnung irgendeiner Art soll dieser Pfuhl plötzlich so große Massen kochend heißen Wassers und Schlammes ausspeien, daß alles in nächster Nähe befindliche Leben verbrüht, versengt und vernichtet wird. Wir machten, daß das Teufelsloch bald weit hinter uns lag, und bestiegen in der Mitte des östlichen Seeufers ein Kanu, das uns nach der andern Seite und nach der dort gelegenen rosafarbenen Sinterterasse bringen sollte. Sehr merkwürdig ist auf dieser kurzen Fahrt die häufig wechselnde Temperatur des Wassers, welche in dem ganzen See, je nachdem vom Boden aus heiße Quellen aufsteigen oder nicht, zwischen 15 und 40° schwanken soll. Wir umfuhren eine kleine Insel und vor uns lag in glitzerndem Sonnenschein unter dem blauen Himmel, oben und zu beiden Seiten eingerahmt von saftig grünen Hügeln, die 20 m hohe und etwa 30 m breite so duftig hellrosa überhauchte Terrasse, daß ich die Empfindung hatte, kaum je etwas Zarteres und dabei doch Großartigeres gesehen zu haben. Wir landeten am Fuß der Terrasse und hatten hier in der Nähe gleich wieder denselben unangenehmen Anblick wie bei der weißen Terrasse, daß kaum ein Fleck zu finden war, wo nicht die eitlen Besucher ihren höchst unnützen Namen mit Blei auf die zarten Wände gekritzelt hatten. Allerdings gab die unendliche Namenzahl einen Maßstab dafür, wie stark diese weit entlegenen Wunderwerke trotz der Kostspieligkeit der Reise doch besucht werden. Nachdem wir bis zu dem Brunnen, welcher die Terrasse speist, vorgedrungen waren und von dort den merkwürdigen Farbeneffect, welchen das blaue Wasser mit den rosafarbenen Umwandungen bildet, bewundert hatten, stiegen wir wieder hinab, der barfüßigen Frau Margarate folgend, welche leicht von Absatz zu Absatz sprang und ungefähr in halbe Höhe ein geeignetes Becken mit lauwarmem Wasser für unser Bad auswählte. Sie begab sich dann ganz hinunter zum Ufer, sodaß wir uns ungenirt entkleiden und ein höchst eigenartiges und schönes Schwimmbad nehmen konnten, nach welchem wir den Rückweg antraten, durch einen niedrigen Wald oder Busch zu unserm Boot und mit diesem nach Wairoa gelangten, von wo aus wir noch im Laufe des Nachmittags nach Ohinemutu zurückkehrten. Hier gelang es mir noch in dem Dorf der Eingeborenen aus einem Schutthaufen einige alte Schnitzereien auszugraben und zu erwerben, für welche ich dem Besitzer aber einen so hohen Preis zahlen mußte, daß ich denselben lieber verschweigen will.

Am 19. morgens verließen wir Ohinemutu und fanden den Wald nicht ganz so schön wie auf der Hinfahrt, weil stellenweise, wo wir den frischen Wind im Rücken hatten, der von unserm Wagen aufgewühlte Staub so fürchterlich war, daß wir vorzogen, den Wagen vorzuschicken und ein großes Stück zu Fuß zu gehen. Bei dieser Gelegenheit, nachdem wir etwa eine Stunde gegangen waren, begegneten wir auch der Postkutsche, welche sich schwerfällig bergauf bewegte und deren Insassen nebenhergingen, um den Thieren die Arbeit zu erleichtern. Die Kutsche und die Reisenden waren schon weit hinter uns, wir hatten schon mehrere Wegebiegungen passirt, da sahen wir noch zwei jedenfalls zur Post gehörige junge Damen am Waldesrand Blumen suchen. Leichtsinnig wie solche junge Damen sind, waren sie so weit zurückgeblieben, daß ihr Ruf hier mitten im Urwald weder die Mitreisenden, noch sonst irgendein menschliches Ohr hätte erreichen können. Wir sahen auch auf die Entfernung hin keineswegs vertrauenerweckend aus, waren so verstaubt, daß weder an unserer Kleidung noch an unsern schmutzigen Gesichtern jemand unsern Stand hätte errathen können; unser Wagen, welcher an der nächsten Pferdestation auf uns warten sollte, war uns so weit voraus, daß wir auch mit diesem nicht mehr in Verbindung gebracht werden konnten. Als die Damen uns erblickten, mußte ihnen daher die Gefahr klar werden, in welcher sie sich möglicherweise befanden, und sie wurde ihnen auch anscheinend klar. Sie gaben das Blumenpflücken auf und schienen anfänglich in dem Wald Schutz suchen zu wollen, wendeten sich aber doch wieder zur Straße und nahmen eine möglichst harmlose, furchtlose Haltung an. Als sie aber dicht bei uns waren und wir sie grüßten, weil der Consul in der einen eine Dame aus Auckland erkannte, welche erst nach diesem Gruß meinen Begleiter erkennen konnte, da half keine Heuchelei mehr. Die vorbrechende Freude in den Gesichtern der Damen war eine so ungekünstelte, daß diese klar zeigte, welche Angst sie vorher ausgestanden hatten.

Ohne weitere Abenteuer war ich nach Auckland heimgekehrt und stand am 20. nachmittags wohlbehalten wieder auf meinem Schiff.

Die vorstehenden Schilderungen über das Geysir-Gebiet in Neu-Seeland treffen zur Zeit nur noch in beschränktem Maße zu, weil der vulkanische Ausbruch des Berges Tarawera am 10. Juni 1886 sehr bedeutende Veränderungen in landschaftlicher Beziehung im Gefolge gehabt hat. Näheres siehe im Anhang S. 576.

16.

Die Tonga-Inseln.

8. März 1879, vormittags.

Schön ist das Wetter, normal der Barometerstand und leicht der Passatwind, welcher unser Schiff den Tonga-Inseln entgegenführt, und doch will es scheinen, daß wir trotz dieser guten Zeichen heute noch, vielleicht schon in wenigen Stunden von einem verheerenden Orkan überfallen werden. Denn vor einer Stunde kam uns ganz plötzlich, wie von dem Meeresgrund an die Oberfläche gestoßen, ein Sturmbote entgegen, welcher die ernsteste Beachtung verdient -- hohe Dünung aus Nordost, Wellen, welche jetzt schon eine Höhe von etwa 10 m haben und diejenigen des Passatwindes vollständig niederdrücken. Diese Dünung kann nur von einem Nordoststurm herrühren und ein solcher kann wiederum in diesen Regionen nur ein Theil eines Cyklons sein, welcher zur Zeit im Norden von uns bei den Tonga-Inseln stehen muß und dessen Centrum demnach etwa 150 Seemeilen von uns entfernt ist. Es ist allerdings wunderbar, daß Wind, Wetter und namentlich Barometer die Nähe des Orkanfeldes so gar nicht andeuten, sodaß man versucht wird, die Dünung andern Ursachen zuzuschreiben; die Gleichmäßigkeit aber, womit immer wieder in ununterbrochener Folge neue Wellen heranlaufen, sowie deren wachsende Höhe lassen mich das Schlimmste befürchten.

Hätten wir freien Seeraum nach allen Seiten, dann könnte ich die Entwickelung der Dinge vorläufig noch mit einiger Ruhe abwarten, weil ich dann mit Segel und Dampf dem verheerendsten Theil des Cyklons, seinem Centrum, ausweichen könnte; da wir uns aber jetzt schon in unheimlicher Nähe einzelner Korallenriffe befinden und, wenn wir mit unserm jetzigen Curs und der bisherigen Geschwindigkeit weiterlaufen, um 2 Uhr schon in weitem Umkreis so von Korallenriffen umgeben sein werden, daß wir nicht mehr nach unserm Belieben manövriren können, sondern auf dem eingeschlagenen Wege bleiben müssen, so liegt es auf der Hand, daß ich dem Kommenden nur mit großer Sorge entgegensehen kann.

Ich könnte jetzt noch mit einem Umweg von etwa 100 Seemeilen um das Gebiet der Korallenriffe herum allen Gefahren entgehen, wenn der Orkan seinen Weg von den Tonga-Inseln aus südlich oder südöstlich nähme, und wenn ich dies wüßte. Geht er aber, was ebenso möglich ist, etwas über die genannten Inseln westlich hinaus, ehe er seinen südlichen Curs aufnimmt, dann würde ich mich gerade auf jenem Wege in die Gefahr begeben. Sollte das Sturmfeld uns treffen, ehe ich einen genügenden Vorsprung nach Westen gewonnen hätte, so wäre die Gefahr noch viel größer, weil wir uns dann in sehr viel größerer Nähe einiger Riffe befänden, als wir es im Laufe des Nachmittags sein werden, wenn wir mit unserm jetzigen Curse weiterlaufen.

Es ist infolge langjähriger Beobachtungen bekannt, daß die bei den Tonga-Inseln auftretenden und immer von Osten kommenden Cyklone in der Regel nur bis zu diesen Inseln laufen und dann von dort aus in einer schärfern oder flachern Kurve nach Süden oder Südosten ziehen, auch kann man aus dem Fallen und Steigen des Barometers in Verbindung mit der Aenderung der Windrichtung von dem Schiff aus den Weg bestimmen, welchen der Orkan nehmen wird, aber dies letztere nur, wenn Barometer und Wind überhaupt sprechen, und dies ist bisher noch nicht geschehen. Nach der Stetigkeit, mit welcher der Wind aus Südost weht, könnte man zwar folgern, daß das Sturmcentrum sich gerade auf uns zu bewegt; da aber der Barometer unverrückt seinen hohen Stand behält, so ist dies andererseits auch nicht anzunehmen und nur zu vermuthen, daß wir uns noch nicht im Sturmfeld befinden. So bleibt mir zur Zeit nichts anderes übrig, als zunächst zu suchen, das Schiff möglichst schnell aus der unangenehmen Nähe der uns gerade zur Zeit umgebenden Riffe zu bringen, wozu die erforderlichen Anordnungen getroffen sind. Es bleibt mir nach allem keine andere Wahl, als auszuharren und zu hoffen, daß ein gütiges Geschick über uns walten werde.

Ich habe vor vielen Jahren zwei Orkane mit erlebt und jetzt treten die Ereignisse des einen, bei welchem am 2. September 1860 in einem Umkreis von wenigen Meilen nicht nur unser Kriegsschooner „Frauenlob“, sondern auch noch ein englisches Kriegsschiff und zwei englische Pferde-Transportschiffe mit Mann und Maus zu Grunde gingen, auch unsere Fregatte „Arkona“, auf welcher ich mich befand, dem Untergang nahe war, in erschreckender Deutlichkeit wieder vor mein geistiges Auge. Nur Gott weiß, was uns beschieden sein wird!

1 Uhr. Der Wind hat inzwischen die Stärke eines mäßigen Sturms angenommen, der Barometer ist aber nur so unwesentlich gefallen, daß ich mir noch immer kein Bild davon machen kann, was werden wird. Um 10 Uhr stand er 761,75 mm und jetzt hat er noch einen Stand von 760,00 mm.

2 Uhr. Es weht ein voller Sturm aus Südost mit hohem Seegang, während die hohe Dünung aus Nordost gleichzeitig sich noch immer in ihrer bedeutenden Höhe behauptet. Der Barometer steht 759,65 mm.

4 Uhr. Barometerstand noch immer hoch, 758,00 mm (in der Nähe des Centrums eines Orkans fällt er bis auf 700,00) und trotzdem kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß wir uns bereits innerhalb des Orkanfeldes befinden. Der Wind, welcher dauernd an Stärke zunimmt, bleibt unverändert auf Südost stehen, das Centrum des Orkans rückt also gerade auf uns zu. Ausweichen können wir nicht mehr.

5 Uhr. Ein kleiner Hoffnungsschimmer zeigt sich uns, der Wind ist auf Südsüdost gegangen -- ein Zeichen, daß das Orkanfeld anfängt nach Osten abzudrehen. Das Schiff arbeitet schwer, hält sich aber sonst vorzüglich in der hohen durcheinanderlaufenden See. Schreiben ist nicht mehr möglich.

9. März, vormittags.

Das war eine bange, sorgenvolle Nacht, aber jetzt lacht wieder die Sonne; Wind und Seegang nehmen schnell ab, wenn wir uns auch noch immer in der äußern Peripherie des jetzt südlich von uns stehenden Sturmfeldes befinden.

Gestern Abend 9 Uhr hatte der Wind nahezu die Stärke eines Orkans erreicht, sodaß ich jeden Augenblick das Wegfliegen unserer Sturmsegel befürchtete. Wir mußten in der Nähe des Centrums sein, weil die Windrichtung schnell wechselte, denn um 8½ Uhr hatten wir noch Südsüdost-Wind, um 9 Uhr war er aber schon Süd und um 10 Uhr Südsüdwest, womit das Centrum bereits an uns vorbeigezogen war.

Um 9 Uhr war das Schiff, welches bis dahin noch immer Curs gelegen hatte, beigedreht worden, um das Sturmcentrum an uns vorbeiziehen zu lassen und in dieser Lage den uns drohenden Gefahren besser begegnen zu können; als aber um 11½ Uhr der Wind noch immer auf Südsüdwest stand, ohne an Stärke abzunehmen, und der Barometer, welcher um 6 Uhr seinen niedrigsten Stand mit 757,00 mm erreicht hatte, um 10 Uhr auf 758,40 mm gestiegen war, hielt ich, da ich nun im Norden wieder freie Bahn vor mir hatte, mit dem Schiff wieder ab und ließ es mit so viel Sturmsegeln, als es tragen konnte, einen nördlichen Curs laufen, um unter Hintansetzung jeder andern Rücksicht einen möglichst weiten Raum zwischen uns und unsern Gegner zu bringen. Es war eine tolle Fahrt in der dunkeln Nacht auf der wildtobenden See, deren Wellen von allen Seiten laufend das große Schiff wie einen Spielball hin und her warfen. Jeden Augenblick mußte ich darauf gefaßt sein zu sehen, wie ein Theil der Takelage über Bord geschleudert würde, daß sich die schweren Boote oder Geschütze losreißen oder sonstige Havarien eintreten würden; doch es ging alles gut. Kurz nach Mitternacht schon nahm der Wind etwas ab und nachdem er um 4 Uhr morgens auf Südwest gesprungen war, wurde es schnell flauer. Vor einer Stunde fing auch die See an sich zu glätten, da die gegeneinander laufenden Wellen sich selbst zerstören, und jetzt ist es schon wieder so, daß ich bei ruhig liegendem Schiff schreiben kann.

19. März 1879.

Am 10. d. M. langten wir in Nukualofa auf Tongatabu an und heute Vormittag haben wir Vavau, den nördlichsten Hafen der Tongagruppe, verlassen. Der Zweck unsers Anlaufens der Tonga-Inseln war, dem König und den beiden Prinzen die ihnen verliehenen preußischen Orden zu überreichen, wozu auch der „Albatros“ von Apia aus nach Nukualofa gekommen war und dort schon einige Tage auf uns gewartet hatte.

In Nukualofa sah es traurig aus. Der Orkan, in welchem wir uns in der Nacht vom 8. zum 9. befunden hatten, war in derselben Nacht mit seinem Centrum, wie es auffälligerweise die hier auftretenden Drehstürme in der Regel thun, mit verheerender Gewalt über Tongatabu weggezogen und hatte eine fürchterliche Verwüstung angerichtet, die Kirche abgedeckt, die Hütten weggefegt, Zäune niedergelegt und eine erschreckend große Zahl Kokospalmen wie andere Bäume umgebrochen. Der angerichtete Schaden ist so groß, daß die ganze Bevölkerung vollständig betäubt war und man nur ernste und besorgte Gesichter zu sehen bekam. Der „Albatros“ hatte ebenfalls schlimme Stunden durchgemacht, denn wenn auch am Abend des 8. der König noch einen Lootsen mit der Mittheilung, daß ein Orkan im Anzuge sei, geschickt und dieser das Kanonenboot an einem bessern und wie es schien vollständig sichern Ankerplatz verankert hatte, wo der Commandant drei Anker mit der ganzen Kette ausbringen und die Takelage an Deck nehmen ließ, war die Wucht des Windes doch eine so mächtige gewesen, daß das Schiff, obgleich es außerdem noch mit voller Maschinenkraft gegen den Wind anarbeitete, langsam dem Strande zugetrieben wurde und sicher gescheitert wäre, wenn der Sturm eine halbe Stunde länger angedauert hätte. Die durch die Verwüstungen am Lande hervorgerufene Unordnung war im übrigen so groß, daß ich mit der feierlichen Ueberreichung der Orden nothgedrungen warten mußte, bis wieder einigermaßen Ordnung geschaffen war und dies war erst am Vormittag des 12. März der Fall.

Nach Ueberreichung der Orden folgten der König und die Prinzen einer Einladung zum Frühstück bei mir auf der „Ariadne“ und damit war die Feier beendet, da der König gebeten hatte, unter dem Eindruck der vorliegenden Verwüstungen von einer Festlichkeit absehen zu dürfen. Statt dessen mußten der Commandant des „Albatros“ und ich abends die Gäste des englischen Missionars, welcher eine große Vertrauensstellung bei dem König einnimmt, sein und dort war auch der ebenfalls geladene Prinz Wellington Gu anwesend.

Im Hause des geistlichen Herrn fanden wir zwei liebenswürdige feingebildete Damen, Gattin und älteste Tochter des Hausherrn, welche die an sich behagliche Häuslichkeit nur noch reizvoller machten. Der Tisch war gut, ebenso waren es die Weine, unter denen vorzugsweise einige zum Schluß gebrachte Flaschen wirklich guten edeln Rheinweins unsere volle Anerkennung fanden. Nach einem angenehm verlebten Abend trennten wir uns erst gegen 10 Uhr, nachdem ich vorher noch dem Prinzen Gu versprochen hatte, ihn mit seiner Dienerschaft am nächsten Vormittag nach Vavau mitzunehmen, da ich diesen Platz im Vorbeilaufen sowieso für ein oder zwei Tage besuchen wollte.