Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 47
Seit einigen Stunden sind wir auf dem Wege nach Auckland, um den mit den Samoa-Inseln abgeschlossenen Freundschafts- und Handelsvertrag noch mit der am 5. Februar von dort abgehenden Post nach Europa senden zu können. Diese für das Reich scheinbar so kleine unbedeutende Sache hat den näher dabei Betheiligten so viel Kopfzerbrechen gemacht, daß es mir ein Bedürfniß ist, der Befriedigung über den schließlichen Erfolg hier schriftlichen Ausdruck zu geben und sogar die Nacht dazu zu benutzen, da ich nur nach Erledigung dieser Arbeit eine Beruhigung meiner aufgeregten Nerven erwarten darf. Leicht wurde es uns nicht gemacht, alle diese Gegenströmungen, welche sich unsern Forderungen entgegenstellten, zu überwinden, aber unser fester Entschluß, die Sache nunmehr zu einem Abschluß zu bringen, und die Gewißheit für die Samoaner, bei fernern Winkelzügen von mir in der Folge noch härter als bisher angefaßt zu werden, ließ sie schließlich, und noch schneller als wir hoffen durften, all unsere Forderungen erfüllen. Da der Verlauf der Angelegenheit einen ganz interessanten Einblick in die Art und Weise der Eingeborenen bei solchen Verhandlungen gewährt, so mag derselbe hier in allgemeinen Umrissen Aufnahme finden.
Als die Taimua am 17. Januar sich bereit erklärt hatte, am 22. in die Verhandlungen über den Abschluß des Vertrags einzutreten, suchten unsere Gegner dies auf alle Weise zu vereiteln, und hierbei spielten der früher genannte Herr Bartlett, welcher noch immer auf seine Ernennung zum Ersten Minister wartet, sowie die französischen Priester eine hervorragende Rolle. Als eine Folge dieser Einflüsse durften wir wol die Mittheilung der Taimua, daß der Herr Bartlett in die samoanische Regierung eintreten und dann als ihr Bevollmächtigter an unsern Verhandlungen theilnehmen würde, betrachten. Wir beantworteten diese Mittheilung mit der Erklärung, daß, solange die Verhandlungen mit uns nicht zu einem Ergebniß geführt hätten oder abgebrochen seien, an der Regierungsform nichts geändert werden dürfe, und fügten die Anzeige hinzu, daß ich am 25. nachmittags Apia verlassen würde, bis dahin also der Vertrag abgeschlossen sein müsse, widrigenfalls die Samoa-Regierung die Verantwortung für die Folgen des stattgehabten Bruchs zu tragen haben würde. Wir waren zu der Erkenntniß gekommen, daß wir nunmehr schnell zum Ziele kommen mußten, wenn wir überhaupt noch auf einen Erfolg rechnen wollten, und setzten daher den kurzen Termin, nachdem die Samoaner sechs Monate Zeit gehabt hatten, sich mit der Sache eingehend zu beschäftigen. Der Herr Bartlett kam nicht in die Regierung, aber die Samoaner wollten auch nicht nachgeben, trotzdem sie uns fürchteten und deshalb nicht mit uns brechen wollten. Eine gewisse Schwüle lag wieder einmal über Apia, Regierungsmitglieder suchten den Consul wie mich auf, sprachen über den Vertrag, fragten, ob wir sie mit Krieg überziehen würden, wenn der Vertrag nicht zu Stande käme, und was sonst noch Ueberflüssiges gefragt und beantwortet werden konnte. Als einen weitern Druck benutzte ich auch einen Besuch von Saluafata, bei welchem mich auf meine Einladung hin zwei Mitglieder der Taimua begleiteten, um den Leuten unser noch bestehendes Besitzrecht an diesen Platz vor Augen zu führen.
Am 22. mittags 1 Uhr sollten die Verhandlungen beginnen, da zu dieser Zeit die erste Zusammenkunft der beiderseitigen Bevollmächtigten im deutschen Consulat anberaumt war, und wir waren einigermaßen überrascht, die Herren Samoaner pünktlich erscheinen zu sehen. Nach zweistündiger Verhandlung baten sie, allein gelassen zu werden, um den Vertragsentwurf noch einmal unter sich durchberathen zu können, und verließen erst gegen Abend das Consulatsgebäude, wobei sie so vorsichtig waren, sich in keiner Weise über das Ergebniß ihrer Berathungen auszusprechen. Als am 23. morgens die Lage wieder für uns bedenklich schien, forderten wir von unsern samoanischen Collegen noch für denselben Tag bis spätestens 5 Uhr nachmittags eine bestimmte Antwort, ob sie den Vertrag annehmen würden oder nicht, oder welche Aenderungen sie vorzuschlagen beabsichtigten, da ich meine auf den 25. angesetzte Reise nicht hinausschieben könne, der Vertrag daher bis dahin angenommen oder abgelehnt sein müsse. Nachmittags 4 Uhr erklärten die samoanischen Bevollmächtigten, keine Aenderungen zu unserm Vertragsentwurf vorschlagen zu können und daß sie denselben in der ihnen vorgelegten Fassung annähmen. Und als ich darauf die Zurückgabe von Saluafata und Falealili noch vor meiner Abreise für den Fall zusagte, daß die in dem Vertragsentwurf vorgesehene gleich zu erfolgende Ratificirung des Vertrags durch die Samoa-Regierung erfolge, auch versprach, die samoanische Flagge zu salutiren, was bisher noch nicht geschehen war und worauf die Bevollmächtigten großen Werth legten, schwanden auch die anfänglich gegen eine vorzeitige einseitige Ratificirung geltend gemachten Bedenken. Am 24. nachmittags 2 Uhr wurden die beiden Originale des Vertrages unterschrieben, am 25. zu gleicher Stunde waren dieselben, von der Taimua und Faipule ratificirt, wieder im Consulat, in der Zeit von 2-4 Uhr wurden die von der deutschen Factorei zur Erwiderung unsers Saluts entliehenen Kanonen nach Mulinu’u geschafft, um 5 Uhr salutirte ich die samoanische Flagge und verließ um 6½ Uhr, nachdem der letzte Erwiderungsschuß vom Lande gefallen war und ich vorher noch den Commandanten des „Albatros“ beauftragt hatte, die Beschlagnahme von Saluafata und Falealili wieder aufzuheben, Apia mit dem Bewußtsein, daß das von deutschem Fleiß und deutscher Energie bisher auf den Samoa-Inseln Erworbene unsern Landsleuten nunmehr gesichert ist und diese keine fremden Abenteurer mehr zu fürchten haben, da der Vertrag sie gegen die Willkür einer jeden Eingeborenen-Regierung schützt und eine fremde Macht jetzt auch nicht mehr ohne die Zustimmung Deutschlands ihre Hand auf diese schönen Inseln legen kann. Vor allem aber ist ein sicherer Wall gegen das Vordringen der ausdehnungslustigen Colonisten von Neu-Seeland nach dem Norden geschaffen und hierin liegt meines Erachtens der Hauptwerth dieses Vertrages. Nachdem Deutschland durch einen Freundschaftsvertrag mit den Tonga-Inseln diese gegen fremde Besitzergreifung gesichert hatte, mußte es das Streben der Neuseeländer sein, Samoa zu gewinnen, um dieses als Zwischenstation für den Handel mit den nördlicher gelegenen Inseln zu benutzen, da diese von Neu-Seeland zu weit abliegen. Wäre ihnen dies rechtzeitig gelungen, dann würden sie die Deutschen mit der Zeit wieder verdrängt haben, was ihnen jetzt nicht mehr möglich ist. Die Bedeutung dieses Vertrages erstreckt sich daher bis zu den Kingsmill- und Marshall-Inseln. Die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an Amerika zwang uns auch noch, zur Aufrechterhaltung des Princips der Gleichberechtigung für Deutschland ebenfalls eine Kohlenstation zu fordern, und diesem Umstande verdanken wir die Gewinnung von Saluafata, des besten Hafens in der Samoa-Gruppe, da er bei ebenfalls vollständiger Sicherheit gegen alle Winde noch Vortheile besitzt, welche Pago-Pago nicht hat, und außerdem, was von großer Bedeutung ist, in allernächster Nähe von Apia liegt.
So können wir nun mit vollständiger Ruhe den auf den Inseln sich vorbereitenden Unruhen entgegensehen, da es außer Zweifel ist, daß die vorläufige Einsetzung Malietoa’s noch zu weitern Conflicten führen wird. Wir erhoffen nur von der Anerkennung Malietoa’s als König durch ganz Samoa geordnete Zustände auf den Inseln, glauben aber nicht, daß sich diese Anerkennung auf friedlichem Wege vollziehen wird, weil die beiden sich gegenüberstehenden Parteien zu gleich an Kräften sind und jede den Krieg einer freiwilligen Unterwerfung vorziehen wird. Das Bedauerlichste hierbei ist nur, daß die Samoaner durch ihre Art der Kriegführung wirthschaftlich immer mehr herunterkommen, da sie nur durch den Verkauf ihrer Ländereien sich das Geld für Waffen und Munition verschaffen können, und dann kein Zureden zur Festhaltung ihres Landes hilft. Sie geben es um jeden Preis weg und dann müssen natürlich die großen Häuser, obgleich sie schon übergenug besitzen, doch in erster Reihe das angebotene Land zu erwerben suchen, da, wenn das gute Geschäft überhaupt gemacht werden muß, jeder es zu machen suchen wird. Andere Folgen hat der Krieg für die Samoaner nicht, da derselbe während einer mehrmonatlichen Dauer selten mehr als zwei oder drei Menschenopfer fordert.
15.
Neu-Seeland.
2. März 1879.
Gestern Nachmittag haben wir nach vierwöchentlichem Aufenthalt Auckland wieder verlassen und manch schöne Erinnerung mitgenommen. Von dem herrlichsten Wetter und einer verhältnißmäßig niedrigen Temperatur begünstigt, konnten wir die uns von dem deutschen Consul und verschiedenen englischen Familien in so reichem Maße gebotene Gastfreundschaft in vollen Zügen genießen. Segelpartien auf dem herrlichen Hauraki-Golf, Spaziergänge nach dem nur 200 m hohen Mount Eden, wo man von dem Rand des erloschenen Kraters aus eine wunderbare Fernsicht genießt, Nachmittags-Gartenfeste, Tanzfestlichkeiten u. dergl. m. ließen uns die Zeit wie einen Traum dahinschwinden. Und da Auckland oder doch die Gesellschaft, in der wir uns bewegten, außerordentlich reich an schönen und liebenswürdigen jungen Damen ist, bei den veranstalteten Tagesfestlichkeiten in der Regel auch die englischen Herren, welche wol geschäftlich verhindert waren, durch Abwesenheit glänzten, so fanden unsere Herren in dem harmlosen Verkehr mit den prächtigen jungen Auckländerinnen keine Nebenbuhler. Heute wäre dies für die meisten vielleicht besser gewesen, denn wenn der Schein nicht trügt, dann sind sie so ziemlich alle bis über die Ohren verliebt, ohne die Hoffnung auf ein Wiedersehen, da die Post in Auckland uns als Bestes den Rückberufungsbefehl gebracht hat. Nach demselben haben wir gleich nach Eintreffen der Fregatte „Bismarck“ in Apia, deren Ankunft für Mitte April in Aussicht gestellt ist, die Heimreise anzutreten.
Auckland hat das Gepräge einer erst neu entstandenen, aufstrebenden Colonie, erinnert noch vielfach an die früher aus den Goldminen geflossenen, jetzt größtentheils wol wieder verschwundenen Reichthümer und zeigt eine damit zusammenhängende Entwickelung: große breite Straßen, niedrige Holzhäuser, viele Banken und nur Geschäftsleute als Einwohner. Die Umgebung der Stadt bietet landschaftlich durch Berg und Wasser sehr viel Schönes, wenn auch der Wald fehlt.
Durch die Bereitwilligkeit unsers liebenswürdigen Consuls, mich in das Gebiet der heißen Seen, welche er ebenfalls noch nicht kannte, begleiten zu wollen, wurde es mir möglich, auch dieses Weltwunder zu besuchen. Denn allein hätte ich mich zu diesem Ausflug nicht entschlossen und von unsern Herren wollte keiner mitkommen, weil der Kostenpunkt doch immer ein ziemlich bedeutender ist und die Strapazen der Reise auch kaum im Verhältniß zu dem Vergnügen stehen.
Man hat von Auckland aus bis zum Taurangahafen zunächst auf dem Seewege 140 Seemeilen zurückzulegen und von hier aus muß man noch 70 km auf dem Landwege machen, wozu das Annehmen eines eigenen leichten Wagens erforderlich ist. Es geht zwar auch eine Fahrpost, mit welcher man den größten Theil des Weges zurücklegen und die kleinern Ausflüge dann von einem Centralpunkt aus zu Fuß machen kann, doch fährt die Post bei dem geringen Verkehr nach dem Innern so selten und ihre Fahrzeit ist eine so große, daß ihre Benutzung für mich ausgeschlossen war, weil ich mich nur auf sechs Tage freimachen konnte. Der Wagen allein kostet aber für vier Tage schon 200 Mark, sodaß die kleine sechstägige Reise mit den unvermeidlichen Nebenkosten auf 350-400 Mark für die Person zu veranschlagen ist.
Um den Ausflug in den Grenzen der mir zur Verfügung stehenden sechs Tage machen zu können, mußten wir für die Hinfahrt nach Tauranga einen Küstenfrachtdampfer benutzen, weil wir nur so den Passagierdampfer für die Rückfahrt erreichen konnten. Wir fuhren am 14. Februar abends 8 Uhr von Auckland ab und trafen glücklicherweise so gutes Wetter, eine so schöne laue Mondscheinnacht, daß wir die ganze Zeit an Deck verbringen konnten, denn unten in der sogenannten Kajüte war es fürchterlich. Auch verhinderte die spiegelglatte See einige weibliche Passagiere daran, seekrank zu werden, was von uns auch als eine große Annehmlichkeit geschätzt wurde. Wir hüllten uns in mitgenommene Decken ein, schliefen gut und ließen uns erst von der aufgehenden Sonne wecken.
Am 15. mittags waren wir in Tauranga und blieben dort bis zum nächsten Morgen in einem behaglichen guten Gasthaus, wo der Consul auch einige mit den Verhältnissen vertraute Bekannte traf, welche uns gute Rathschläge gaben. Nachdem wir uns noch von dem Posthalter des Districts einen Wagen gesichert hatten, machten wir einen Rundgang durch die kleine Stadt, welche ziemlich belebt war, da die Eingeborenen von außerhalb herzuströmten, um die jährlich wiederkehrende Frage des Landbesitzes in Neu-Seeland auf einem dazu ausgeschriebenen Landtage zu erörtern. Um diese Frage dreht sich zur Zeit, nachdem das Goldfieber keine Berechtigung mehr hat, so ziemlich alles, weil die Eingeborenen noch im Besitz sehr bedeutender Länderstrecken sind und diesen ihren Besitz zähe vertheidigen. Der letzte blutige Krieg zwischen den Engländern und den Maoris ist aus dieser Frage entstanden und nur dadurch beendigt worden, daß die englische Regierung den Eingeborenen das Besitzrecht ihres Landes zugestanden hat. Hiermit sind die englischen Ansiedler aber nicht einverstanden und versuchen nun auf anderm Wege in den Besitz des begehrten werthvollen Gutes zu gelangen, und dazu sollen die jährlichen sogenannten Landtage dienen. Wie die in Anwendung gebrachten Mittel beschaffen sind, ergibt ein Blick auf die Straßen. Es ist der Branntwein. Bei unserm ersten Rundgang durch die Stadt, wie später bei unserer Rückkehr nach Tauranga, sah ich die in großer Zahl anwesenden Eingeborenen nur im Rausche, zu welchem der Branntwein ihnen unentgeltlich geliefert werden soll. Ob die Maoris nun in diesem Zustand leichter ihre Rechte aufgeben, oder ob sie, an den Genuß erst einmal gewöhnt, dem Branntweinteufel verfallen und schneller aussterben, wird im Grunde auf den gleichen Erfolg hinauslaufen.
Am 16. morgens in aller Frühe machten wir uns auf die Reise. Unser Fuhrwerk war ein mit zwei kräftigen jungen Pferden bespannter Jagdwagen; der Sohn des Posthalters kutschierte selbst und benutzte die Fahrt wol mit zur Inspicirung der verschiedenen Pferdestationen.
Die ersten 12 km führt der Weg durch eine Ebene, dann schneidet er in den schönen alten, jungfräulichen Wald ein, geht über Berg und Thal, durch Schluchten und über Brücken und bietet dem Reisenden genußreiche Stunden. Die neu angelegte Straße ist vorzüglich. Die alten Kaurifichten, riesigen Baumfarrn und was sonst alles in der genialsten Unordnung und Vielseitigkeit in dem seitwärts der Straße von Menschenhand noch unberührten Walde wächst, die malerischen Schluchten, Felspartien und kleinen Wasserfälle bieten dem Auge so viel Anziehendes, daß die Zeit unbemerkt dahinfliegt. Immer nach Verlauf von etwa zwei Stunden kommen wir an eine Pferdestation, wo die Pferde gewechselt werden und wir eine kleine Erfrischung finden. So geht es ununterbrochen ohne Peitschengeknall in schlankem Trabe vorwärts durch den schönen Wald bei prächtigstem Wetter. Nach sechsstündiger Fahrt treten wir wieder aus dem Walde heraus und unter uns vor unsern Augen liegt in einer weiten Ebene der im Durchmesser etwa 9 km große Roto-rua (roto ist die Maori-Bezeichnung für See), eine weite blaue Wasserfläche, umrahmt von niedrigen Hügeln. Der Blick umfaßt beinahe das ganze, 350 m über dem Meeresspiegel liegende Seengebiet. Wasser, Hügel und Wald sind zu sehen, aber die uns gerühmte und von uns erwartete Großartigkeit der Scenerie vermögen wir nicht zu finden und zu erfassen. Eine große Ebene ohne Menschen und Städte, nur hier und dort sieht man ein einzelnes Farmerhaus, große Wasserflächen ohne Rahmen und ohne Leben. Kalt und todt sieht alles aus und erinnert mich lebhaft an die ebenfalls von so vielen Seiten gerühmten ostholsteinischen Seen, welche mit Ausnahme einiger kleinern Partien eigentlich durchaus keine besondern landschaftlichen Reize bieten.
Gleich außerhalb des Waldes treffen wir ein einzelnes Haus als erste menschliche Ansiedelung, die Schule für die weitere Umgebung, deren Bewohner freudestrahlend herausstürzen, um einmal wieder andere Menschen zu sehen und Zeitungen zu erhalten, welche unser Rosselenker ihnen mitgebracht hat. Hier scheinen auch die Privatwagen ebenso die Post mitzubefördern, wie die Schiffe es zwischen Australien bezw. Neu-Seeland und den polynesischen Inseln thun.
Noch eine Viertelstunde bergab und wir traben an dem Ufer des Roto-rua entlang nach dem Städtchen Ohinemutu, wo wir nach 1½ Stunden eintreffen. Es war uns zwar empfohlen worden, noch denselben Tag weiter bis nach Wairoa zu gehen, weil wir dadurch einen Tag gewonnen hätten, wir waren nach der nahezu achtstündigen Fahrt aber so durchgerüttelt, daß wir vorzogen, in dem sehr einfachen aber guten Gasthaus zu rasten und über Nacht zu bleiben. Unsere freie Zeit benutzten wir zu einem Besuch des Eingeborenendorfes, wo wir die ersten Zeichen fanden, daß wir uns bereits auf vulkanischem Boden befanden. Dicht am Ufer des Sees kocht und brodelt es überall aus der Erde heraus; vorsichtig muß man sich zwischen den heißen Tümpeln hindurchbewegen, um nicht einmal unversehens in einen solchen zu treten; an einzelnen hocken Eingeborene, welche sich in dem heißen Wasser in eingetauchten Töpfen Fische, Krebse und Kartoffeln kochen. Nur an dieser Stelle des Roto-rua sollen heiße Quellen vorkommen und diese sind wol auch bestimmend für die Wahl des Ansiedelungsplatzes gewesen. Das Dorf selbst macht einen verfallenen unsaubern Eindruck und steht in grellem Gegensatz zu dem schönen großen Berathungshaus, welches mit höchst phantastischen aber erst in neuester Zeit angefertigten Schnitzereien reich geschmückt ist. Der uns führende Polizeidirector des Districts, an welchen wir empfohlen waren, beantwortete meinen Wunsch auf Erwerbung einiger alter Schnitzereien damit, daß nichts mehr zu haben sei, weil seine Landsleute so außergewöhnliche Preise für diese Sachen gezahlt hätten, daß die Maoris bereits alle Zierathe ihrer Häuser heruntergerissen und verkauft hätten, und dies wird wol auch die Ursache des jämmerlichen Zustandes der Behausungen sein. Immerhin gab ich meine Absicht noch nicht auf und versuchte ein altes im Staub liegendes Idol in natürlicher Menschengröße zu erwerben, trotz seiner nach unsern Begriffen etwas gar zu natürlichen Auffassung, doch ohne Erfolg. Lag das Götzenbild auch neben seinem eigentlichen Standort im Schmutz, es blieb doch immer die Dorfgöttin und war unverkäuflich. Auffallend ist an diesen Bildwerken die merkwürdige Aehnlichkeit in der Wiedergabe der menschlichen Formen mit der in Neu-Irland gebräuchlichen.
Am nächsten Vormittag bei guter Zeit setzten wir die Fahrt nach Wairoa fort. Der Weg führt anfänglich durch das interessante Whakarewarewa-Gebiet, welches wir nach dem ursprünglichen Plan erst auf der Rückfahrt besichtigen wollten, aber doch jetzt schon mitnahmen, weil wir durch den Aufenthalt in Ohinemutu Zeit verloren hatten und während des Nachmittags in Wairoa doch nichts hätten vornehmen können. Ein mitgenommener Führer erwies sich hierbei als unentbehrlich, denn der Unkundige kann die sichern schmalen Wege von den gleich zuverlässig aussehenden unsichern nicht unterscheiden. Rund um uns kocht und dampft es in kleinen und größern Wasserlachen, aus kleinen und größern Löchern heraus. Der ganze Boden ist so heiß, daß man die Wärme durch die Doppelsohlen unserer Stiefel spürt. An einzelnen Lachen und Löchern sind die in der Nähe liegenden Gegenstände mit Sinter, an andern mit feinen Schwefelkrystallen überzogen, und an einem Tümpel fanden wir große Sinterblöcke, welche, als wir Stücke von ihnen abschlugen, im Innern lauter kleine Zellen mit eingekapselten Fliegen zeigten, die hier wol ihren Tod finden und dann gleich zu Tausenden, wenn nicht Millionen eingesargt werden. Der Whakarewarewa, ein mächtiger Geysir, welcher dem großen auf Island an Stärke gleichkommen soll, war uns nicht gnädig gesinnt und zeigte sich nicht in seiner ganzen Größe, bei zeitweisem Aufsprudeln stieg er nur einen Meter hoch auf. Als das Merkwürdigste erschien mir ein Wassertümpel von etwa 2 m Durchmesser, dessen dunkelgrüne, tief durchsichtige Wasserfläche wie ein Spiegel vor uns lag und der von den Eingeborenen am meisten gefürchtet werden soll. Trotzdem das Wasser weder wallt noch Siededämpfe von ihm aufsteigen, soll es einen so hohen Hitzegrad haben, daß es sofort alles verbrennt. Als vor noch nicht langer Zeit ein Eingeborener in diesen Brunnen fiel, soll man nach wenigen Stunden nur noch sein Knochengerippe herausgefischt haben, da alles Fleisch bereits abgekocht gewesen sei. Ob es wahr ist, kann ich nicht verbürgen, einen Versuch mit einem meiner Finger habe ich nicht gemacht.
Ich war im ganzen froh, als wir diesen unsichern Boden verlassen hatten und wieder in unserm Wagen saßen. Nach einstündiger Fahrt kamen wir noch einmal in einen schönen Wald, stießen, als wir denselben nach einer halben Stunde wieder verließen, auf den kleinen See Tikitapu und hatten gleichzeitig einen schönen Blick auf den Roto-kakahi, fuhren zwischen diesem und dem Saum eines andern Waldes hin, bogen dann um den letztern nach links und hatten vor unsern Augen den großen See Tarawera, dessen jenseitiges Ufer durch den Gipfel des Mount Edgecombe und durch die 300 m über dem Seespiegel liegenden Krater des Tarawera-Gebirges einen malerischen Abschluß findet. Noch wenige Minuten und wir waren in Wairoa angelangt.
Nachdem wir uns erfrischt hatten, war unsere erste Sorge, uns einen Führer und ein Boot für den nächsten Tag nach dem Roto-mahana zu sichern, da noch einige Fremde hier waren, welche ebenfalls an demselben Tage den See besuchen wollten. Wir konnten indeß nur noch eine Führerin, eine halbweiße junge Frau, erhalten, weil die beiden männlichen Führer bereits vergriffen waren, hatten dies aber nicht zu bereuen, da die Person sich als durchaus zuverlässig und ihrer Aufgabe gewachsen erwies.
Der Reiz von Wairoa liegt vorzugsweise in seiner Abgeschiedenheit und der erhabenen Ruhe der ganzen Umgebung. Am Fuße einer niedrigen bewaldeten Hügelkette gelegen, hat man von der Ansiedelung aus einen freien Ueberblick über den Tarawera-See und kann, auf der Veranda des Gasthauses sitzend, ungestört das allmähliche Schwinden des Tages genießen und nach Herzenslust träumen. Der südliche Sternenhimmel schaut auf uns hernieder und gemahnt uns an die Nachtruhe, um am nächsten Morgen in aller Frühe frisch den neuen Strapazen entgegengehen zu können. Doch da entsendet über uns aus einem offenen Fenster ein Flötenbläser seine seltsamen Weisen in die stille Nacht hinaus und bannt uns noch für eine Weile an unsern Platz. Ein merkwürdiger Zauber liegt in diesen Tönen in dieser Umgebung, und von wahrhaft ergreifender Wirkung müßten die über die Seefläche hinlaufenden Töne eines Hornes sein. Hätte ich vorher an diesen Umstand gedacht, dann hätte ich sicher unsern Kapellmeister, welcher ein vorzüglicher Cornettbläser ist, mitgenommen, um mir diesen zwar etwas kostspieligen aber einzigen Genuß zu verschaffen.
Morgens 6 Uhr verließen wir das Gasthaus und hatten etwa 10 Minuten bis zu der Stelle zu gehen, wo am Seeufer die Boote untergebracht sind. Die Partie wird nämlich so gemacht, daß man von Wairoa aus mit einem Boot einen großen Theil des Tarawera durchfährt, dann in einen flußähnlichen Wasserlauf, welcher den Tarawera-See mit dem Roto-mahana verbindet, einbiegt und in diesem bis zu den dicht am Roto-mahana liegenden Stromschnellen, welche ein weiteres Vordringen verbieten, fährt. Von hier aus muß man zu Fuß gehen.