Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 45

Chapter 453,625 wordsPublic domain

Der Morgen des 18. fand uns wieder reisefertig, doch entschloß ich mich auf die Mittheilung des Agenten hin, daß der hierherbefohlene Häuptling kommen wolle, noch bis 9 Uhr zu warten. Als sich zu dieser Stunde noch nichts sehen ließ, gab ich den Befehl zum Ankerlichten und gerade, als der Anker eben aus dem Grund gebrochen werden sollte, stieß ein Kanu vom Lande ab. Ich ließ daher halten und sah bald zu meiner Befriedigung den gesuchten Mann bei mir an Bord. Es war viel, daß er gekommen war, und dies zeigte sowol, daß er Vertrauen zu uns hatte, wie auch, daß seine Drohungen nicht ernst gemeint oder falsch verstanden waren. Wir schieden als gute Freunde und nun wurde unter Segel und Dampf die Rückfahrt nach Makada angetreten, wo wir um 4 Uhr nachmittags eintrafen und gleich mit dem Uebernehmen des inzwischen geschlagenen Holzes begannen. Von Herrn Hernsheim, welcher direct von Matupi in einem offenen Boot hierher zurückgekehrt war, erfuhr ich mancherlei Angenehmes. Zunächst, daß die Leute in Ruluana fleißig beim Copraeinsammeln seien und der heute von dort hierher zurückgekehrte Agent versichert habe, wie ihm seit seinem Hiersein noch nie von den Eingeborenen eine so zuvorkommende Behandlung zutheil geworden sei, als in Ruluana nach unserer Landung daselbst. Ferner bat er, von einer weitern Verfolgung der Häuserbauangelegenheit abzusehen, weil alle Leute der betreffenden Häuptlinge für mich hätten Holz schlagen müssen. Mit dem Bau sei aber begonnen und derselbe nur noch nicht fertiggestellt. Ich erklärte mich damit einverstanden und konnte von dem beabsichtigten nächtlichen Streifzug, bei welchem ich die Häuptlinge im Falle der Nichterfüllung ihres Versprechens aufheben wollte, absehen. Weiter, und dies war die Hauptsache, theilte er mir mit, daß am nächsten Morgen die neun Häuptlinge, welchen der Hafen von Makada gehörte, zu mir kommen wollten, um mir ihren Hafen zu verkaufen, und schließlich hörte ich noch zu meiner Freude, daß King Dick uns zu Ehren doch noch einen Dug-Dug für den nächsten Nachmittag angeordnet habe und er mir dies am nächsten Morgen selbst mittheilen wolle.

Am 19. morgens 9 Uhr war meine Kajüte zum Empfang der Häuptlinge bereit. Unparteiische, Zeugen und Dolmetscher waren anwesend, die in Englisch und Deutsch ausgefertigten Kaufbriefe lagen auf dem Tische. Wir brauchten nicht lange zu warten, denn bald erschienen neun Eingeborene, an ihrer Spitze King Dick mit einer schwarz-weiß-roth angestrichenen Blechkrone auf dem Kopfe, welche, wie ich nachher erfuhr, die Offiziere hatten anfertigen lassen und ihm beim Betreten des Schiffes aufgesetzt hatten. Mit Ausnahme von King Dick und Torragud, welcher wieder seine blaue Jacke trug, waren alle in ihrer Nationaltracht, nackt mit dem Speer in der Hand. Nach kurzer Begrüßung nahmen die Häuptlinge in der landesüblichen Weise auf meinem Teppich in einem Halbkreise um uns Platz, d. h. halb hockten sie und halb saßen sie. Die Füße bleiben dabei dicht am Körper, die Knie stehen hoch und sind soweit geöffnet, daß der Kopf zwischen ihnen liegt. Das Geschäftliche war bald erledigt. Nach nochmaliger Frage erklärten die Häuptlinge genau zu wissen, um was es sich handele und daß sie bereit seien, gegen den verabredeten Kaufpreis ihren Hafen an mich zu verkaufen, baten aber, daß es ihnen doch erlaubt werden möge, in dem Hafen fernerhin zu fischen, solange ich nicht fischen wolle. Dieser Punkt war von uns übrigens vorher schon erwogen und in den Kaufbrief aufgenommen worden, weil der Besitzer des Hafens nach hiesigen Rechtsbegriffen auch nur allein das Recht zum Fischen hat und es mir fern lag, die Leute in dieser Beziehung beschränken zu wollen. Als ihnen daher der Kaufbrief vorgelesen und übersetzt worden war, nach welchem sie nur das Wasser und den Strand verkaufen, das Fischereirecht dagegen behalten und ferner auch den Schiffen anderer Nationen das Anlaufen des Hafens freigestellt bleibt, sprangen sie sofort auf, um den Brief durch ihr Handzeichen zu vollziehen und demnächst ihr Theil an dem Kaufgeld, welches vornehmlich in Kleidungsstücken, Beilen, und Messern bestand, zu empfangen. Topulu brachte danach noch seine Dug-Dug-Einladung an und dann trennten wir uns bis zum Nachmittag, bis zu welcher Zeit auch das Holz übernommen und verstaut sein mußte, sodaß ich meiner Besatzung dieses seltene Schauspiel auch zugängig machen konnte. Unten im Schiff waren schon alle disponiblen Räume mit Holz ausgefüllt und das Oberdeck war vorn bis auf einen offengehaltenen schmalen Weg auch schon bis zur Reling vollgepackt.

Nach dem Mittagessen der Mannschaft wurden die großen Boote ausgesetzt und das aus 130 Mann bestehende Landungscorps machte sich zur Ausschiffung bereit. Noch ehe wir vom Schiffe absetzen, wird es auf dem Hafen schon lebendig, von allen Seiten strömen Kanus nach dem Nordende von Amakada, weil der Dug-Dug bei dem Hause des Herrn Brown stattfinden soll. Auch zeigen sich schon einzelne Dug-Dug-Tänzer, welche immer einer mitten in einem von mehrern Männern geruderten Kanu stehen und unter dem Singen der Ruderer und Schlagen der Trommel fortwährend in Bewegung sind, weil sie nie stehen, im Boot aber auch nicht sitzen dürfen. Unter fortwährendem Hopsen wiegen die Masken auf und nieder, nach vorn und hinten. Wir sind auch bald an unserer Haltestelle angelangt, einer kleinen, von reicher Vegetation eingerahmten Bucht, wo alle Boote gleichzeitig anlegen können und wo auf dem Strande eben Platz genug ist, daß die Mannschaften antreten und sich ordnen können. Der dort einmündende Pfad ist aber so schmal, daß wir auf ihm zu zwei und zwei hintereinander marschiren müssen. Diesen Marsch auf dem weichen, mit saftigem Gras bewachsenen Pfad werde ich nie vergessen. Ueber uns das dichte Laub der mächtigen Baumriesen, welche nur hier und da den Sonnenstrahlen ein zeitweises Durchflimmern gestatten, zur Rechten und Linken den Blick in den herrlichen, majestätischen Ur- und Hochwald, welcher nur unten mit 1 m hohem Gestrüpp bestanden ist, und dabei rund um uns, vorn, hinten, rechts und links ein unsichtbares Leben von gar eigenartiger Wirkung, welches uns unwillkürlich verstummen macht. Der ganze Wald scheint mit Waldgeistern bevölkert, welche laute Jauchzer, dumpfe Trommelschläge und merkwürdig metallische, durch Blasen auf grünen Blättern erzeugte Töne zu uns herübersenden, ohne daß wir deren Urheber sehen. Es sind alle die, welche zum Dug-Dug eilen, um ihn zum Festplatz zu geleiten.

Oben beim Hause des Herrn Brown angelangt finden wir eine Reihe Stühle aufgestellt, mit den Lehnen dem freien Platze vor dem Hause zugekehrt. Die Stühle sehen daher nach dem Platze, auf welchen der Hohlweg, den wir gekommen, mündet und welcher an einer steil abfallenden Felsenwand vorbeiziehend rechts wieder als tiefer Hohlweg weiter nach oben steigt. Meine Mannschaften nehmen hinter der Stuhlreihe Aufstellung; wir eigentlichen Gäste werden gebeten auf den Stühlen Platz zu nehmen, und ich erhalte den Ehrenplatz in der Mitte, zu meiner Rechten Frau Brown, zu meiner Linken die junge Missionarsfrau. Im Walde ist es inzwischen still geworden, von Eingeborenen sind nur drei mit Hüfttüchern bekleidete Frauen bei uns, darunter auch die einäugige von Topulu. Es waren nämlich von Frau Brown nur solche Frauen zugelassen worden, welche im Stande waren, sich etwas zu bekleiden; auf die Männer aber erstreckte sich, wie wir nachher sahen, ihr Einfluß nicht. Kurze Zeit nachdem wir Platz genommen, hören wir rechts aus dem Hohlweg von der Höhe ein dumpf grollendes Brüllen, wie das eines Löwen, welches links aus dem Hohlweg aus der Tiefe beantwortet wird und nun ununterbrochen Schlag auf Schlag folgt; es ist ein von mehrern hundert Kehlen gleichzeitig ausgestoßener, tiefer, langgezogener Ton, welcher mit einem in der Quint liegenden kurz herausgestoßenen höhern Ton jäh abschließt. Das Brüllen wird stärker und stärker, in den Hohlwegen werden Menschen sichtbar, braune dicht aneinandergedrängte nackte Männer, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, in der erhobenen Rechten den wurffertigen Speer. Wie der Heerwurm wälzen und schieben sich diese Menschenströme langsamen Schrittes in dem Takte des Brüllens nach dem vor uns liegenden Platze zu, quellen wie gestautes Wasser aus den schmalen Gassen heraus und überfluten schließlich den ganzen Platz. An 1000 Krieger dringen mit erhobenen Speeren aufeinander ein, für das Auge wie ein träger, aber alles vor sich niederwerfender Lavastrom, bleiben aber wie angewurzelt stehen und verstummen, als die Reihen der linken Partei sich öffnen und aus ihrer Mitte das schöne Dug-Dug-Kanu herausgetragen wird und neben diesem auf den Schultern zweier Männer King Dick mit seiner Blechkrone auf dem Kopfe erscheint. Daß Topulu nicht in dem Kanu sitzt, sondern sich nebenhertragen läßt, ist die einzige Abweichung von dem wirklichen Dug-Dug. Topulu läßt sich neben dem Kanu einmal die Reihen auf- und abtragen, dann treten die Eingeborenen zurück und stellen sich an der uns gegenüberliegenden Felsenwand auf. Das Kanu wird zur Seite hingestellt und die Führer der beiden Parteien, Topulu und Torragud, kommen zu uns. Kaum ist der Platz frei, so brechen aus dem umliegenden Buschwerk die Dug-Dugs einzeln hervor, vereinigen sich hüpfend in der Mitte des Platzes, schweben wie Irrlichter richtungslos hin und her und sinken zu beiden Seiten ihrer Krieger wie ein eingeschobenes Fernrohr zusammen. Sie haben sich nur gesetzt, da aber jetzt der Laubrock noch so unverhältnismäßig hoch ist, sieht es aus, als ob sie bis über die Knie in die Erde eingesunken wären, und sie geben so einen noch wunderlichern Anblick als vorher. Jetzt ist die Zeit für die Haupthandlung gekommen. Topulu tritt mit einem sogenannten Ziegenhainer, einem 3 cm dicken Stock vor, ruft einen Namen, ein Häuptling springt vor, stellt sich, uns den Rücken zukehrend, drei Schritte vor uns auf; Topulu holt aus und zieht dem Manne einen Hieb über den Rücken, daß wir die Knochen knacken zu hören glauben und der Mann halb zusammenbricht, wendet sich dann zu uns, zeigt mit der rechten Hand nach seinen Leuten, ruft mit grinsendem Gesicht aus: „'me look out!'“ und verschwindet dann mit einigen Sprüngen wieder in dem Menschenknäuel. Darauf ruft Torragud einen Häuptling aus seiner Partei und dieselbe Scene wiederholt sich. Der Sinn dieser drastischen Schaustellung ist, daß die beiden Häuptlinge berufen sind, die Innehaltung des Tabu-Gesetzes zu überwachen, und der Schlag soll sie stets an ihre Pflicht erinnern. Damit ist der Dug-Dug für heute, oder doch wenigstens für uns beendet, ich kann aber mit demselben noch nicht abschließen, ohne der merkwürdigen Thatsache, daß die beiden Missionsdamen dieser Schaustellung in unserer Mitte beigewohnt haben, einige Worte zu widmen. Diese Thatsache gibt mir eben den Beweis, wie wenig das moralische Gefühl durch die Kleidung bedingt wird, und wie schon eine Gewöhnung von wenig Wochen ausreicht, sogar dem Auge einer der sonst als ziemlich prüde bekannten Engländerinnen der bessern Stände das vertraut zu machen, was die Natur geschaffen hat, sofern wir es in ungekünstelten Verhältnissen sehen.

Als Erwiderung des uns von den Eingeborenen gegebenen Festes ordnete ich an, daß unsere Mannschaften einen Scheinangriff auf das Missionshaus machen und den Platz im Sturm nehmen sollen. Unsere Truppe marschirte ab und während dessen werden die Stühle weggeräumt. Die Damen und die Herren vom Civil werden gebeten, auf der Veranda des Hauses Aufstellung zu nehmen, wo sich dann auch noch die Brown’schen Kinder einfinden. Die Eingeborenen werden da aufgestellt, wo die Stühle gestanden hatten, und die nicht beim Manöver betheiligten Offiziere stellen sich mit mir vor die Eingeborenen, um sie vor der Furcht zu bewahren, daß der Angriff etwa ernst gemeint sein könne. Hornsignale belehren uns, daß die Truppe im Anzuge ist, bald hören wir Gewehrfeuer und sehen an den Pulverwölkchen, daß die Teufelskerle von Tirailleuren theilweise wahrhaftig die steile Klippe genommen haben und eben mit ihren Köpfen über deren Rand zum Vorschein kommen, um den ganzen Platz einzuschließen. Huschende und wieder im hohen Gras verschwindende Gestalten, langsames und bedachtsames Feuer von zwei Seiten, dann tritt die Sturmcolonne aus dem Waldessaum, ordnet sich schnell vor demselben, eine Salve, kurzes Avanciren, noch eine Salve, dann Gewehr zur Attake rechts, die Tamboure schlagen an, die Sturmcolonne geht vor und unter den rauschenden Klangwellen des Avancirmarsches stürmt sie, eine feste Wand in der Sonne glitzernder Bajonette, mit Hurrah auf das Haus. Ein Hornsignal! und wie vom Blitz getroffen stehen unsere Matrosen in Reih und Glied vor dem Hause, weitere Befehle erwartend. Ein Schauer durchrieselt den Körper wol eines jeden Zuschauers bei diesem schönen militärischen Spiel, welches durch sein lebendiges Tempo, durch die entwickelte muthige Kraft und die Schnelligkeit der ganzen Aktion in so lebhaftem Gegensatz zu dem furchtsamen, bedächtigen Vorschreiten der Eingeborenen steht. Diese scheinen verzaubert, mit starren Blicken und offenem Munde stehen sie da wie aus Stein gehauen. Unsere Truppen marschiren ab, die Eingeborenengruppen lösen sich auf, und wir nehmen noch eine kleine Erfrischung im Hause ein, während unsere Musik vor demselben einige Stücke spielt.

Da ich am nächsten Vormittag Makada für immer verlassen wollte, so mußten wir heute von der Familie Brown Abschied nehmen, und dies veranlaßte mich bald aufzubrechen, da man sah, wie plötzlich allen der Trennungsschmerz in den Gliedern lag. Es mag sonderbar scheinen, daß diese wenigen Tage des Beisammenseins solche Gefühle erzeugen konnten, aber wenn Menschen von annähernd gleicher Gesinnung sich an solch isolirtem Punkte der Erde begegnen, dann arbeiten die Gefühle anders als in einer unter dem Segen der Civilisation liegenden Stadt. Mir wurde der Abschied von diesen guten Menschen schon schwer, wie viel schwerer mußte ihnen derselbe sein, die mit unserm Weggehen wieder alles verloren, was sie in körperlicher Gestalt für kurze Zeit an die ferne Heimat, an das Vorhandensein gleichgesinnter Menschen erinnert hatte. Ich machte die Sache kurz; die Art des letzten Händedrucks und die in den Augen der Damen schimmernden Thränen sagten uns allen, daß es nach menschlicher Berechnung ein Scheiden auf Nimmerwiedersehen war. Auf dem Rückweg lagen wir so sehr unter dem Bann des Abschieds, daß wir keinen Sinn hatten für das Leben im Walde, welches die heimkehrenden Dug-Dugs begleitete. Den Strand fand ich auch vereinsamt, da unsere Boote ja längst zum Schiffe zurückgekehrt waren und meine vereinsamte Gig sich im Gegensatz zu dem Leben und Treiben bei unserer Landung fast trübselig ausnahm. Auf dem Wasser allerdings fanden wir wieder Leben, da wir während des Rückweges zu unserm schwimmenden Heim von Kanus und heimkehrenden wiegenden Dug-Dugs umschwärmt waren. Der Abend fand alle deutschen Herren bei mir an Bord, um den letzten Abend an diesem weit vorgeschobenen Posten deutschen Unternehmungsgeistes noch gemeinsam zu verbringen, denn am nächsten Morgen sollten wir ja auch voneinander Abschied nehmen; wenn auch nicht für immer, so doch sicher für viele Jahre.

Am 20. vormittags 10 Uhr, nachdem Herr Brown mir noch einige Andenken geschickt hatte, schlossen wir mit dem Lande ab; die deutschen Herren verließen das deutsche Kriegsschiff, als der Anker gelichtet war. Tiefbewegt war ich, als die „Ariadne“ den ersten deutschen Hafen in diesem Theil der Erde -- da ich hoffe, ihn schon jetzt so nennen zu dürfen -- verließ. Wenn man vorwärts eilt, bieten sich dem Auge stets neue Bilder, dem Geiste andere Eindrücke, und so wurden auch gar schnell meine Sinne anderweit gefesselt. Oben auf der Klippe weht die englische Flagge an Herrn Brown’s Flaggenmast, um den Fuß desselben und am Rande der Klippe ist alles, was in der Nähe lebt, versammelt. Ich halte nach dem Lande ab und laufe mit langsam gehender Maschine so dicht an der steilabfallenden Küste entlang, daß man von oben in das Schiff hineinsehen kann. Die Flagge oben senkt sich zum Gruße, unsere erwidert den Gruß, Tücher und Hände winken uns ein letztes Lebewohl, unsere Matrosen entern in die Wanten und antworten mit drei jauchzenden Hurrahs, in welchen keine Trauer liegt, sondern nur reine Freude, denn mit dem Verlassen dieses Himmelsstriches rücken wir der Heimat wieder eine Etappe näher, wenngleich wir uns räumlich mehr von ihr entfernen. Die Musik stimmt einen fröhlichen Marsch an, die Maschine arbeitet mit voller Kraft und nach zehn Minuten biegen wir um eine Ecke und sind gegenseitig unsern Blicken entrückt.

Um 1 Uhr mittags lagen wir wieder im Hafen von Meoko, wo sofort die ganze Bevölkerung zusammengetrommelt wurde, um noch, Tag und Nacht durcharbeitend, soviel Holz wie möglich für mich zu schlagen. Herr Weber begab sich sogleich an die Arbeit, um mit den durch Agenten darauf vorbereiteten Häuptlingen das Kaufgeschäft über den Hafen endgültig zu vereinbaren, während ich mit einem hier bekannten Herrn einen Spaziergang in das Innere der Insel machte. Hierbei kamen wir auch an eine schmutzige Hütte, in welcher, wie mein Begleiter mir sagte, einer der ersten Häuptlinge von Meoko schwer krank darniederlag. Ich wollte den Mann gern sehen, ihm aber auch durch unsern Arzt womöglich Hülfe oder Linderung bringen lassen. Wir klopfen daher an, ein altes häßliches Weib öffnet uns, springt uns aber dann laut kreischend mit solchem Geifer entgegen, daß wir scheu zurücktreten. Mein Begleiter gibt mir gleich die Aufklärung, daß jeder unerbetene Besuch eines Häuptlings, zu welchen alle Weißen rechnen, mit Diwarra bezahlt werden muß und daß diese Sitte schon manchem harmlosen Europäer das Leben gekostet habe. Denn da der Eingeborene diese Sitte nicht umgehen könne, so bleibe ihm nur die Wahl, entweder zu zahlen oder zu tödten, und bei der allgemein verbreiteten Geldgier zöge er, wenn irgendmöglich, lieber das letztere vor, als ein fingerlanges Stück Diwarra herzugeben. Und aus solchem Todtschlag wird dann gar häufig die Blutdürstigkeit des Menschenfressers gefolgert, während er sich selbst als in der Nothwehr befindlich betrachtet. In Wirklichkeit sind diese Eingeborenen, wenn man sie unbehelligt läßt, arbeitsame und im allgemeinen harmlose Geschöpfe. Die Alte war übrigens bald beruhigt, als mein Begleiter ihr Taback versprach, welchen sie sich von der Factorei holen könne. Sie schenkte mir nun ein 20 cm langes Stück Diwarra, während sie mir erst ein 50 cm langes zugedacht hatte. Aber ehe es in meine Hand gelangte, zog sie es schnell zurück, sah mich an und schnitt gierig noch ein kleines Stück ab und wiederholte dieses Manöver so lange, bis wir ungeduldig wurden und mein Begleiter ihr das schon auf 20 cm eingeschrumpfte Stück entriß. Jetzt ließ sie uns eintreten und in einem Winkel fanden wir den weiß angestrichenen armen alten Teufel, welchem ich nach dem Rath meines Begleiters leider nicht helfen durfte, denn wenn unser Arzt ihm etwas gäbe und der Mann stürbe doch, dann würden wir der Vergiftung bezichtigt und die Folge würde wahrscheinlich die Ermordung eines Weißen sein; ja, schon der Besuch des weißen Medicinmannes würde im Falle des eintretenden Todes als Zauberei hingestellt werden. So mußte ich den armen Kerl seinem Schicksal überlassen.

Gestern Morgen, am 21. December, habe ich den Hafen von Meoko in derselben Weise wie den von Makada gekauft, und da um 10 Uhr auch das Holz an Bord war, konnten wir um 10½, Uhr den zweiten deutschen Hafen verlassen und streben jetzt mit Macht den Samoa-Inseln wieder zu, weil es für die dortigen Interessen die höchste Zeit ist, daß der Consul und ich dahin zurückkehren. Deshalb habe ich auch das beabsichtigt gewesene Anlaufen einiger Inseln der Salomons-Gruppe aufgegeben und will mich mit nur einem zwei- bis dreistündigen Aufenthalt auf Savo begnügen.

14.

Samoa.

III.

15. Januar 1879.

Die Samoa-Inseln sind wieder einmal in Sicht. Schon heute Morgen 8 Uhr sahen wir für kurze Zeit Savai’i, als wir noch 70 Seemeilen davon abstanden, doch es verschwand bald wieder hinter Wolken und ist erst vor zwei Stunden, um 4 Uhr nachmittags, wieder zum Vorschein gekommen. Wir werden wol morgen Vormittag in Apia eintreffen und wenn dies auch nicht am 1. Januar, wie ursprünglich geplant, geschehen ist, so wird die Verzögerung doch nicht viel ausmachen, da Herr Weber während der Reise genügende Muße gefunden hat, das Vertragsinstrument soweit auszuarbeiten und in Deutsch, Samoanisch und Englisch (das letztere Exemplar für den zu den Verhandlungen mit heranzuziehenden Dolmetscher bestimmt) fertig zu stellen, daß es von den beiderseitigen Bevollmächtigten nach einer nur kurzen Prüfung unterschrieben werden kann.

Die Reise hierher ging durch den tropischen Hochsommer, welcher durch windstilles schwüles Wetter und häufige Regenfälle gekennzeichnet ist. Die Folge der Windstillen war, daß wir den größten Theil unter Dampf zurücklegen mußten und das Maschinenpersonal somit die Hauptarbeit zu tragen hatte, welche namentlich für die Heizer vor dem Feuer sehr schwer war, aber auch von dem Commandanten empfunden wurde, da dieser bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich mit viel Unverstand zu kämpfen hat. So wurde mir eines Tages, bald nach unserer Abfahrt von Meoko, die Meldung gemacht, daß die Heizer vor den Feuern umfielen, und die Forderung an mich gestellt, diesen Leuten regelmäßige Branntweinrationen verabfolgen zu lassen, trotzdem man wußte, daß ich ein entschiedener Gegner dieses Genußmittels während regelmäßiger Arbeit bin und ich auch die Gründe für meine Auffassung oft genug auseinandergesetzt hatte. Anstatt die Forderung zu erfüllen, ging ich mit den betheiligten Personen in den Heizraum, um ihnen an Ort und Stelle zu zeigen, daß die Hitze dort nicht viel höher wie unter andern Verhältnissen war, mithin die Ursache der Schwächezustände anderweit und zwar darin zu suchen sei, daß die Leute bereits geschwächt zum Dienst erschienen waren. Meine Vermuthung war gleich, daß die von mir für das körperliche Wohl dieser Leute getroffenen Anordnungen, welche darin bestehen, daß die von Wache kommenden Heizer sofort ein Bad nehmen müssen und im Anschluß daran gezwungen werden, sich auf dem Deck in frischer Luft aufzuhalten, an möglichst kühlen Plätzen zu schlafen und ihren eigentlichen Wohnraum, welcher über dem Kesselraum liegt, nur zur Aufbewahrung ihrer Sachen zu benutzen, nicht streng genug befolgt würden. Ich ging daher von dem Heizraum in das genannte Wohngelaß und fand die Leute, wie ich befürchtet hatte, berußt wie sie von den Feuern gekommen waren, in dem heißen schwülen Raum auf der Erde liegend. Daß sie in solcher achtstündigen Ruhe nicht die Kräfte finden konnten, um nachher wieder vier Stunden vor den Feuern aushalten zu können, liegt auf der Hand; aber den Leuten selbst, welche nach ihrem Dienst aller Willenskraft bar sich an dem ersten Ort, wo sie sich ungestört wähnen, hinwerfen und in einen halb ohnmächtigen Zustand verfallen, konnte ich deshalb nicht zürnen, sondern nur dem Aufsichtspersonal, welches die ertheilten Befehle auszuführen hatte. Ich trug natürlich Sorge, daß die getroffenen Anordnungen nunmehr auch Beachtung fanden, die Leute gebadet, frisch gekleidet und an luftigen Orten untergebracht wurden, worauf, trotzdem die Heizer keinen Branntwein, sondern nur den vorgeschriebenen Haferschleim- und Theeaufguß erhielten, keine der vorerwähnten Schwächezustände mehr vorkamen. Es ist doch eine wunderbare Thatsache, daß immer und immer wieder von dem „Schnaps“ alles Heil erwartet wird.