Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 44

Chapter 443,575 wordsPublic domain

So war also alles zur Abfahrt bereit, ohne daß ich es während meines mehrtägigen Aufenthalts hatte durchsetzen können, einen Dug-Dug zu sehen. Auf mein wiederholtes Drängen bekam ich immer dieselbe Antwort, daß es nicht angängig sei, und zwar aus dem Grunde, weil der alljährlich nur einmal hier stattfindende Dug-Dug erst vor sechs Wochen abgehalten worden sei. Mit demselben ist aber eine sechswöchentliche Fastenzeit in der Weise verbunden, daß im Anschluß an das Fest weder Mann, Frau noch Kind irgendetwas von der Kokosnuß genießen darf, weder die Milch, noch das Fleisch; und was das bedeutet, kann nur der ermessen, welcher weiß, welch große Rolle die Kokosnuß hier überall in der Ernährungsweise spielt und welch erfrischendes Getränk die kühle Milch aus der frischen Nuß ist. Die Kokosnuß ist während dieser Zeit Tabu, und wer die Hand nach ihr ausstreckt, ist unrettbar dem Tode verfallen, weil überall Wächter aufgestellt sind, welche die Innehaltung des Gebotes überwachen und an jedem Uebertreter ohne Urtheilsspruch auf der Stelle das Todesurtheil vollziehen. So war es auch uns in den ersten zwei Tagen unsers Aufenthalts unmöglich, eine Kokosnuß zu erhalten, weil diese Tage noch in die Tabuzeit fielen. Es wäre unter diesen Verhältnissen daher grausam von mir gewesen, noch fernerhin auf meinem Willen zu beharren, da die Befriedigung meiner Neugierde eine wahre Marter für die Eingeborenen werden mußte, weil sie jedenfalls eine neue sechswöchentliche Fastenzeit hätten auf sich nehmen müssen. Daneben aber würde es auch für die Kaufleute einen großen Verlust bedeutet haben, weil mit dem Dug-Dug eine neue sechswöchentliche Handelsstockung in dem Nordtheile der Duke of York-Gruppe verbunden gewesen wäre. So mußte ich mich bescheiden, ohne zu ahnen, daß schließlich Topulu mit seinen Häuptlingen mir aus eigenem freien Willen doch noch den Dug-Dug anbieten würde.

Hier will ich gleich anschließen, daß meiner Ansicht nach der Dug-Dug jedes religiösen Untergrundes entbehrt, weil diese Wilden überhaupt den Begriff der Religion nicht kennen, und daher die auch von mir gebrauchte Bezeichnung „Hoherpriester“ für den Herrn des Dug-Dug eine von den Europäern erfundene willkürliche ist. Würde der Dug-Dug etwa kurz vor die Reifezeit der Kokosnuß fallen, dann würde ich ihm einen praktischen Werth beimessen, um durch die sechswöchentliche Tabuzeit die Frucht zur vollen Reife kommen zu lassen, wie ja bei uns auch die Weinberge einige Zeit vor der Lese sogar für den eigenen Besitzer Tabu erklärt werden; da aber, wie schon früher erwähnt, die Kokospalme jahraus, jahrein stets gleichzeitig alles, von der Blüte bis zur reifen Frucht trägt, so kann hier nur ein politisches Motiv gesucht werden und ich finde nur =eine= Erklärung für sein Bestehen. Hier in diesem Lande, wo weder Gesetz noch Religion zu finden sind, steht jeder Mann in erster Reihe nur auf sich selbst angewiesen und ist nur das werth, was er mit der Kraft seines Armes erreichen kann. Um aber unabhängig von der körperlichen Kraft das Ansehen der Häuptlinge zu wahren und ihre Stellung zu sichern, haben sie den Dug-Dug und namentlich die sechswöchentliche Fastenzeit erfunden. Diesem Gebote fügt sich jeder, jeder muß sich daher fügen, und da die Häuptlinge das Gebot sowol erlassen, wie auch auf dessen Befolgung achten, so sind sie die Herren und werden daher auch als solche angesehen.

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Am 16. morgens 6 Uhr, nachdem noch die verschiedensten für die Reise nothwendigen Passagiere an Bord gekommen waren, wurde Anker gelichtet und dieselbe Ausfahrt gewählt, durch welche wir hergekommen waren. Ich wollte eigentlich einen andern Weg nehmen, weil ich bei der Herfahrt doch zur Erkenntniß gekommen war, daß bei den vielen Korallenriffen eine Grundberührung sehr leicht möglich sei; da indeß drei unserer Passagiere erklärten, mit dem Fahrwasser so vertraut zu sein, daß keinerlei Gefahr für das Schiff vorläge, gab ich nach. Zwei dieser freiwilligen Lootsen begaben sich in den Vormars, um aus der Höhe das Fahrwasser besser erkennen zu können, und der dritte blieb bei mir auf der Commandobrücke. Aber trotz dieser drei Lootsen saßen wir schon um 7 Uhr fest. Rings um das Schiff war tiefes Wasser, wir mußten daher mit dem Kiel auf einem einzelnen Korallenblock sitzen, und so war es auch, wie ich mich von einem schnell zu Wasser gelassenen Boot aus überzeugte; das Schiff saß gerade unter dem Großmast mit dem Kiel auf einem Blocke von höchstens 1 m Durchmesser. Der Versuch, durch Rückwärtsschlagen der Maschine und künstlich erzeugte Schlingerbewegungen loszukommen, blieb erfolglos; zum Ausbringen eines Ankers blieb keine Zeit, weil bei dem fallenden Wasser (es war Ebbe) das Schiff schon anfing, sich etwas auf die Seite zu neigen und somit die ernsteste Gefahr für ein Umfallen des Schiffes vorlag. So blieb nur übrig, mit Verlust eines Stückes Kiel das Schiff mit Gewalt loszubrechen; es wurde daher das Ruder hart zu Bord gelegt und die Maschine mit voller Dampfkraft vorwärts in Gang gebracht. Das starke Schiff erzittert in seinen Grundfesten, neigt sich mehr zur Seite, fängt an zu drehen, dreht schneller, ein Ruck und wir schießen den Weg zurück, welchen wir gekommen sind, um den allerdings weitern aber sichern Weg nördlich um Makada zu nehmen. Schaden hatten wir merkwürdigerweise nicht genommen, denn der nachmittags heruntergeschickte Taucher fand nur, daß einige Kupferplatten fehlten, der Kiel selbst aber unversehrt war.

Auf dem Wege nach Ruluana wurden die erforderlichen Vorbereitungen getroffen, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Von dem Landungscorps wurden die 60 kräftigsten und zuverlässigsten Leute ausgewählt, weil darauf gerechnet werden mußte, daß jeder selbständig zu handeln hätte. Scharfe Munition für Gewehr und Revolver, sowie Zündmaterial zum Anbrennen der Häuser wurde ausgegeben, ebenso wurden alle im Schiffe vorhandenen Aexte, Beile, Eisenkeile, schwere Hämmer und Sägen vertheilt, nachdem die Zimmerleute versorgt waren. Den Offizieren und Unteroffizieren wurden bestimmte Leute zugetheilt, und diese wieder so eingetheilt, daß stets zwei Mann zusammen zu operiren hatten. Um 10½ Uhr vormittags wurde das Schiff vor Ruluana beigedreht und ein in Hernsheim’schen Diensten stehender Deutscher, welcher von den hiesigen Europäern am besten in diesem Districte bekannt und mit der Landessprache einigermaßen vertraut ist, wird allein mit einem Boot an Land geschickt. Es war dies die einzige Möglichkeit, an die Eingeborenen überhaupt heranzukommen, weil sie bei der Landung bewaffneter Mannschaften zweifellos sofort die Flucht ins Innere ergriffen hätten. Ich wollte aber gern eine directe Verständigung erreichen, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben und somit vor unnöthigen Gewaltmaßregeln bewahrt zu bleiben. Unser Unterhändler hatte den Auftrag, die 300 Sack Copra oder ein gleichwerthiges Geldpfand zu fordern und den Eingeborenen von den beabsichtigten Maßnahmen Kenntniß zu geben, welche im Falle der Ablehnung unserer Forderung zur Ausführung kommen sollten. Das Boot kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß unser Abgesandter mit einigen Häuptlingen nach einer drei englische Meilen im Innern gelegenen Stadt gegangen sei, um das angebotene, in Muschelgeld bestehende Pfand zu holen. Ich landete darauf mit den vorgenannten 60 Mann und dem Musikcorps gegen 12 Uhr mittags an dem mit einem hohen dichten Bambuszaun eingefriedigten Hernsheim’schen Platze, um durch eine gewisse Machtentfaltung die Eingeborenen zu schrecken. Da bei unserer Annäherung an das Land die uns von dort beobachtenden Wilden sich schnell zurückzogen und im Waldesdickicht verschwanden, fürchtete ich, daß auch die Häuptlinge vielleicht vorziehen würden, das Geldpfand nicht persönlich abzuliefern, wodurch aber die eigentliche Absicht meiner Landung vereitelt worden wäre. So bat ich Herrn Hernsheim, welcher den Weg ebenfalls kannte, seinem Angestellten entgegenzugehen und alles aufzubieten, daß die Häuptlinge persönlich kämen, oder aber die Annahme des Geldes sonst zu verweigern. Hierauf machten wir es uns innerhalb des Zaunes bequem, nachdem noch Doppelposten weit vorgeschoben und Verbindungspatrouillen aufgestellt waren; die Gewehre wurden zusammengestellt, die Leute lagerten sich und die Musik spielte einige Stücke. Gegen 1 Uhr meldeten die Posten die Annäherung von Menschen und gleich darauf, daß Herr Hernsheim, sein Agent und einige Eingeborene angehalten seien, worauf dieselben innerhalb des Zaunes geleitet wurden. Herr Hernsheim erzählte mir dann gleich, daß ohne sein Eingreifen wahrscheinlich keiner der Eingeborenen hier sei, weil sie, als die unbekannte Musik zu ihnen drang, sofort fliehen wollten und von ihm nur wegen des dichten Gestrüpps zu beiden Seiten des schmalen, nur mannsbreiten Pfades hätten festgehalten werden können. Und was wäre geworden, wenn sie nicht gekommen wären? Unter Voraussetzung böswilliger Absicht wäre der Platz verwüstet worden, obgleich die Eingeborenen thatsächlich unschuldig waren, und das alles wegen der Musik, deren Wirkung auf die Naturmenschen von mir nicht in Berechnung gezogen worden war. Aus ähnlichen Ursachen mag schon manches Unrecht von den Europäern verübt worden sein.

An Eingeborenen erschienen drei Häuptlinge, ein älterer und zwei jüngere Männer, sowie einige Träger, welche drei Ringe Muschelgeld zu je 80 Faden, das ganze bewegliche Besitzthum des Districts, trugen; auch einige Neugierige folgten nach, welchen der Eintritt ebenfalls gestattet wurde. Die zitternden Häuptlinge legten ihren Schatz vor mir nieder und schienen, ängstlich um sich blickend und die vielen bewaffneten Männer musternd, noch weitere Unannehmlichkeiten zu erwarten. Wenn diese 240 Faden Diwarra nach dem augenblicklichen Stand des Geldes auch nur den halben Werth der 300 Sack Copra hatten, so bedeuteten sie nach der früher gegebenen Erklärung in ihrer Form doch mehr und waren nach den Angaben des deutschen Agenten thatsächlich der ganze bewegliche Schatz des Districts Ruluana. Ich konnte das Pfand daher um so mehr annehmen, als alle Eingeweihten mir versicherten, daß die Leute schon denselben Tag mit dem Einsammeln der Copra beginnen würden, weil sie mit dem Verlust ihres Schatzes jeden Einfluß an der ganzen Küste verloren hätten und dieser Einfluß auf Matupi übergehen würde, wo das Geld in der dortigen Hernsheim’schen Niederlassung vorläufig aufbewahrt werden sollte. Denn Matupi brauche das Geld gar nicht zu besitzen, vielmehr genüge die einfache Thatsache der Lagerung daselbst, um für die Dauer derselben der Insel ein besonderes Ansehen zu verleihen. Unter solchen Umständen war die möglichst schnelle Ablieferung der Copra ja gesichert, da es im Interesse sämmtlicher Bewohner von Ruluana lag, ihren Schatz in kürzester Zeit zurückzuerhalten. Das Pfand wurde also mit der Gegenversicherung angenommen, daß die Rückgabe bei der Ablieferung des letzten Sackes Copra erfolgen würde, wobei natürlich auch ernste Mahnworte, in Zukunft deutsches Eigenthum stets als Tabu zu betrachten, gesprochen wurden. Nach Erledigung dieser Sache und nachdem noch einer der Häuptlinge mir ein besonders schönes Exemplar einer Keule mit Beil angeboten hatte, wofür er ein anderes Beil und noch ein entsprechendes Geschenk erhielt, waren wir fertig und ich gab, froh über den durchschlagenden Erfolg, den Befehl zum Abmarsch. Als nun das Signalhorn sein „Sammeln“ in den Wald schmetterte, um die Vorposten und Patrouillen zurückzurufen, wurden die Menschenfresser schon ganz scheu, als aber auf das Commando „An die Gewehre“ die Mannschaften aufsprangen und zu ihren Waffen eilten, gab es kein Halten mehr, mit Blitzesschnelle war der ganze Platz von Eingeborenen gesäubert; einzelne verschwanden, große Löcher in den Zaun brechend, wie ein Schattenbild durch denselben, als ob er nur aus Papier bestände; andere braune Gestalten gewahrte man einen Augenblick oben auf dem 4 m hohen Zaun, um sie gleichzeitig nach der andern Seite hin verschwinden zu sehen, nur der alte Häuptling, welchen ich am Arm schnell festhielt, mußte zurückbleiben und brach zitternd und laut keuchend in die Knie und konnte sich während unsers noch kurzen Aufenthalts trotz allen guten Zuspruchs von seinem Todesschreck nicht erholen. Daß diese nackten Menschen in ihrer Todesangst nur mit dem Gewicht ihres Körpers durch den dicht zusammengefügten, starken und für einbruchsicher gehaltenen Zaun durchgebrochen sind und namentlich, daß sie an dem glatten Bambusholz, wo sie keine Handhabe für Hände und Füße fanden, hinauf und über den Zaun gekommen sind, erscheint mir nur darum glaublich, weil ich es selbst gesehen habe. So konnte ich diesen Strand mit dem Bewußtsein verlassen, für die Folge deutschem Leben und Eigenthum einen sichern Schutz hier zurückgelassen zu haben.

Um 2 Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord, wenige Minuten später die Boote eingesetzt und weiter ging es nach Matupi, wo wir um 3 Uhr ankerten. Den hiesigen Verhältnissen Rechnung tragend, ging ich nicht gleich ans Land, sondern es wurde erst dem hiesigen Hernsheim’schen Agenten von der in Aussicht stehenden Ueberführung der drei Muschelgeld-Ringe Kenntniß gegeben, um dies einigen Eingeborenen mitzutheilen in der Voraussicht, daß sich diese wichtige Nachricht wie ein Lauffeuer über die ganze Insel verbreiten würde, und so war es auch. Als wir um 4 Uhr mit dem Schatz an Land kamen, fanden wir die ganze Bevölkerung zu unserm, oder wol richtiger zum Empfang des Geldes am Landungsplatze auf den Beinen. Ueber uns stand Leib an Leib, als wir die steile Treppe, welche auf den Rücken der kleinen Insel führt, hinanstiegen; eine schmale Gasse öffnete sich vor uns, aber nur wenige Blicke fielen auf die Fremdlinge, dagegen alle auf den Schatz. Wir hatten der ganzen Insel einen Festtag bereitet, was dadurch noch deutlicher hervortrat, daß wir nach einer halben Stunde zu einem freien Platz gebeten wurden, wo über 30 Frauen zum Tanz angetreten standen. Anzug und der Tanz selbst waren wie in Urakukua, daher nicht weiter erwähnenswerth, doch spielten sich abseits für mein Auge zwei kleine Scenen ab, welche ich erwähnen möchte.

Nicht weit von mir, an einer Stelle, wo der um uns gebildete Kreis der Eingeborenen etwas gelichtet war, stand ein kleiner, vollentwickelter, reizender Backfisch mit den Händen auf dem Rücken und schaute so unverwandt nach mir hin, daß ich zu ihm trat, um ihm ein kleines Geschenk zu geben. Bei meiner Annäherung blieb das nackte Mädchen ruhig stehen, bis ich dicht vor ihm war, dann aber drehte es sich schnell um und nahm die Arme so geschwind nach vorn, als ob es Angst hätte, mit denselben etwas zu verdecken, lief rasch einige Schritte, blieb dann wieder stehen, um sich zurückzuwenden und ihre Hände schnell wieder auf dem Rücken zu verbergen. Lag bei ihr das Schamgefühl in den Händen? Ich mußte lachen und kehrte auf meinen Platz zurück.

Den Mittelpunkt des andern Bildes gaben zwei junge Burschen ab, Jünglinge in gleichem Alter, welche Arm in Arm untergefaßt und in der freien Hand den Speer tragend auf einem seitlich von uns freigebliebenen Raume mit ernsten Mienen in eifrigem Gespräch auf- und abgingen, ohne uns aus den Augen zu lassen. Ich glaube in ihren Gesichtern lesen zu können und zu errathen, was ihre Seele bewegt. Sie bauen, wie wir es in gleichem Alter gethan haben, Luftschlösser, in welchem sie die Helden sind und sich zu Herren meines Schiffes machen, wenn zwei Voraussetzungen zutreffen, nämlich wenn sie einen engen Hohlweg mit einer großen Fallgrube am Ende finden und es ihnen gelingt, uns Fremdlinge hineinzulocken. Sie stehen gedeckt am Ende des Weges und warten auf unser Kommen, um jeden aus dem Wege Heraustretenden mit sicherm Stoß so ins Herz zu treffen, daß er lautlos und von den Nachfolgenden ungesehen in die Grube stürzt. Ihr Arm erlahmt nie, einer nach dem andern von uns fällt, und nur die zwei letzten werden als lebende Trophäen und ihre nunmehrigen Sklaven von ihnen zum Heimatsdorfe gebracht. Mit dem jetzt ihnen gehörenden Schiffe machen sie sich dann zu Königen von Neu-Britannien und von noch viel anderm Land, welches sie erreichen können.

Nach dem Tanz machten wir noch einen Spaziergang durch den Ort, in welchem es laut herging, da meine beurlaubten Mannschaften alle Straßen belebten und in dem Wunsche, auch ein Andenken an ihren Besuch bei den Menschenfressern mit nach Hause zu bringen, die Ursache eines regen Tauschhandels geworden waren. Durch die Freigebigkeit des Herrn Weber, welcher mir für meine Mannschaft einen großen Ballen Taback geschenkt hatte, war es mir möglich geworden, die Leute auch mit gangbarer Münze (einige Stangen Taback) zu versehen und ihnen so die Möglichkeit zur Erwerbung eines Andenkens zu geben.

Ganz Matupi ist eigentlich nur ein großes Dorf mit vielen Straßen. Jeder selbständige Eingeborene hat sein Haus nebst daran gelegenem Land mit einem Zaun umgeben, und da das Land gut bebaut und bepflanzt ist, so macht das Ganze den Eindruck vieler ordentlich gehaltener Gehöfte mit dazwischenliegenden Straßen. Vor einem Hause sahen wir Frauen in Trauerkleidung, die darin besteht, daß das Gesicht mit einem aus Ruß und Oel hergestellten schwarzen Anstrich bedeckt ist, welcher über den Augenbrauen beginnt, beinahe bis zu den Ohren reicht und unter dem Munde abschneidet. Bei Männern habe ich ein solches oder ähnliches äußeres Zeichen der Trauer nicht gesehen. Vor einem andern Hause fanden wir zwischen mehrern Frauen eine, welche laut schrie, aber verstummte, als wir vor ihr stehen blieben, und ihr Geheul wieder anstimmte, sobald wir zurücktraten. Ich bat einen Herrn, sich zu erkundigen, was dies bedeute, und wir erhielten die Antwort, daß die Frau von ihrem Manne Prügel bekommen habe. Da sie keine Thränen vergoß und die Execution wol auch schon vor einiger Zeit stattgefunden hatte, so bleiben nur zwei Möglichkeiten für diese Schmerzäußerung bestehen. Entweder gehört es mit zur Strafe, daß sie der ganzen Nachbarschaft durch ihr Geheul die Thatsache persönlich mittheilen muß, oder aber sie will Aufsehen erregen und sich zum Gegenstand der Neugierde und Bemitleidung machen.

Am nächsten Morgen fuhr ich in aller Frühe in meinem Boote noch nach der in der Nähe liegenden kleinen Insel, welche ihren Ursprung dem am 9. Februar 1878 stattgehabten vulkanischen Ausbruch der einen Tochter verdankt. Sie bildet einen schmalen, fast kreisrunden Sandring von 10 m Höhe und einem ganzen Durchmesser von etwa 90 m; hat innen eine Lagune mit noch heißem, sehr schwefelhaltigem Wasser, welche durch einen kleinen Durchbruch mit dem Meere in Verbindung steht. Die Insel hat also genau die Gestalt der mit Atoll bezeichneten Koralleninseln und würde eine solche geworden sein, wenn der obere Rand des Ringes unter der Wasseroberfläche geblieben und später noch einmal der ganze Meeresboden ebenso gehoben worden wäre, wie es bei dem jetzigen Kraterausbruch der Fall war. Die im Innern aufsteigenden Schwefeldämpfe vernichten die sich hierher verirrenden Korallenthierchen, wenn der Boden innerhalb der Lagune ihnen sonst den Anbau gestatten sollte, und ich komme hiernach immer mehr zu der Ueberzeugung, daß die von mir gegebene Erklärung der Entstehung der Koralleninseln den größten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hat.

Um 8½ Uhr vormittags verließ ich Matupi wieder, ging um die Gazelle-Halbinsel und steuerte an der Nordküste Neu-Britanniens entlang, wo ich für kurze Zeit auch an einer deutschen Station stoppte, um einen zum Schiffe gekommenen Häuptling zu empfangen, welcher frische Kokosnüsse als Geschenk brachte und mir persönlich auch noch seinen schönen, mit einem Strauß aus schwarzen Federn gezierten Speer schenkte. Um 2½ Uhr nachmittags ankerten wir in Port-Weber, wo der Consul sein Pathenkind, den nach ihm benannten Hafen, zum ersten mal sehen sollte. Der deutsche Agent kam an Bord und erzählte, daß kurz vor unserer Ankunft dicht bei seinem Hause ein größerer Kampf zwischen Eingeborenen stattgefunden habe und etwa 100 Schritte entfernt im Busch noch zwei Leichen lägen, welche die Eingeborenen jedenfalls aus Furcht vor dem ankommenden großen Schiffe zurückgelassen hätten. Unser Zweck war hier, wie schon erwähnt, denjenigen Häuptling, welcher den Agenten bedroht hatte, zur Vernunft zu bringen; es wurde deshalb ein in Diensten des Agenten stehender Eingeborener abgeschickt, ihn zum Schiffe zu bestellen. Der Mann war infolge der Aufregung des kürzlich erst beendeten Kampfes nicht geneigt, den Auftrag auszuführen, seine Bedenken schwanden aber, als der Agent seine eigene Büchse ihm zum Schutze mitgab. Nun war er bereit, nahm das ungeladene Gewehr mit dem Kolben nach oben über die Schulter und zog stolzen Schrittes ab. Auf meine Frage, was das Gewehr ihm nützen solle, wurde mir die Antwort, daß das Gewehr an sich ihm ausreichenden Schutz gebe, mithin die Attrape also genügend war. Ich rechnete übrigens nicht darauf, daß der Mann kommen würde, und wollte mich daher mit der Thatsache, hier gewesen zu sein, begnügen.

Ich bekam hier einen Einblick in das Leben dieser Agenten und verstehe danach kaum, wie sich zu solchem Leben überhaupt noch Männer finden. Diese Station ist vorläufig die am weitest vorgeschobene, ist auf dem Seewege 40 Seemeilen sowol von Matupi wie von Makada entfernt, und nur auf diesen Weg ist zu rechnen, da der Landweg den Europäern vorläufig noch verschlossen ist. Allerdings hat die Handels- und Plantagengesellschaft ein größeres Segelschiff zum Schutze ihrer Agenten an der Küste dauernd stationirt. Hier lebt nun der Mann fern von Menschen, umgeben von dichtem Urwald in einem kleinen Blockhaus mit einem Eingeborenen als Diener, auf dessen Zuverlässigkeit er auch keineswegs bauen kann, ganz allein, fortwährend von den in der Nähe wohnenden Stämmen bedroht. Von hier aus macht er in steter Lebensgefahr seine kleinen Geschäftsreisen in das Innere, hier empfängt er die Eingeborenen, welche gegen Copra, Schildpatt u. dgl. europäische Waaren eintauschen wollen, und hier im eigenen Hause muß er noch vorsichtiger sein als außerhalb desselben, weil der Anblick der begehrten Artikel so leicht zum Mord reizen kann. Allein muß er sein Haus und Leben bewachen und vertheidigen; seine Nahrung besteht nur in Conserven, wenn ihm sein Diener nicht ab und zu Fische fängt oder Früchte bringt. Diese Wohnstätte machte auf mich einen so trübseligen Eindruck, wie ich nur je einen gehabt habe, und dies um so mehr, als der Mann auch noch häufig am Fieber leiden soll und dann keinerlei Pflege hat.

Da es inzwischen Abend geworden war und wir die nächste Umgebung und den Kampfplatz nicht mehr besichtigen konnten, kehrten wir an Bord zurück, um hier bei einem Glase guten Weins das Abendconcert unserer Kapelle zu genießen und dabei zu finden, daß ein Kriegsschiff doch nicht der schlechteste Aufenthaltsort ist, wenn man auch schon seit Wochen keinen frischen Proviant mehr gesehen, sondern nur von Conserven gelebt hat. In Matupi war es mir allerdings gelungen, dem dortigen Hernsheim’schen Agenten zwei sorgsam gehütete magere Enten, welche er Gott weiß woher erlangt hatte, abzujagen, da man hier sagen kann: „Noth bricht Eisen“, aber diese reichen eben nur für meinen Gast und mich, und die armen Offiziere gehen auch hier leer aus, während die Mannschaft ja kürzlich durch die geschenkten zwei Schweine einmal wieder frisches Fleisch zu essen bekommen hatte.