Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 40
Nach dieser Abschweifung will ich jetzt zu unsern eigenen Erlebnissen zurückkehren und auf die S. 383 enthaltene Kartenskizze der Duke of York-Inseln hinweisen. Schon im Laufe des Nachmittags wurde festgestellt, daß das Schiff nicht mehr vor Eintritt der Dunkelheit das Reiseziel, den Hafen von Makada (spr. Makadá), erreichen konnte; es wurde daher beschlossen, für die Nacht den im Süden liegenden Hafen von Meoko anzulaufen und dadurch das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Wie vorher erwähnt, war dieser Hafen vor kurzem der Schauplatz eines blutigen Conflicts zwischen Deutschen und Eingeborenen gewesen, es war daher auf alle Fälle nothwendig diesen Platz zu besuchen; dann war hier der Centralpunkt eines der beiden hier vertretenen deutschen Kaufmannshäuser und nur von hier aus konnte ich mich mit einem deutschen Schiffskapitän, dessen Gegenwart für die volle Ausnutzung der Anwesenheit des Kriegsschiffes durchaus nothwendig war, in Verbindung setzen. Schließlich hätte ein Verbleiben des Schiffes außerhalb des Hafens während der Nacht mich gezwungen, die Nacht schlaflos zuzubringen, und es würde mir dann am nächsten Tage die nothwendige Frische für die in Aussicht stehenden Dienstgeschäfte gefehlt haben. So war es nicht schwer, den Entschluß zu fassen, die Nacht in einem sichern Hafen vor dem Anker zu verbringen. Kurz vor Sonnenuntergang stand das Schiff vor der Südküste der York-Inseln, welche sich auch von hier aus dem Beobachter noch als eine zusammenhängende Ländermasse zeigt. Für den Kenner dieses Landes heben sich allerdings die im Süden liegenden schmalen und langgestreckten niedrigen Inseln, welche unter sich wieder durch Korallenriffe verbunden sind, scharf von der Hauptinsel Amakada (spr. Amakáda) ab, der Neuling glaubt aber hier an der Südküste nur allmählich abfallendes Land zu sehen, während die Ostküste der Hauptinsel senkrecht und steil aus dem Wasser aufsteigt.
Das vor uns liegende Bild ist, trotzdem ihm wirkliche Effecte fehlen, dennoch schön. Die ein niedriges Hochplateau bildende Inselgruppe, welche die Höhe von 100 m nicht übersteigt, macht, wie dies auch von frühern Reisenden behauptet wird, unwillkürlich den Eindruck eines schönen Gartens, trotzdem sie auf ihrem Rücken nur undurchdringlichen Urwald trägt. Die zu unserer Rechten liegende steil aufsteigende Ostküste ist von der niedrig stehenden Sonne schon in tiefe Schatten gelegt, zu unserer Linken glänzt die Flut noch in dem prächtigsten Blau und sendet ihre kleinen von der leichten Brise aufgewühlten Wellen gegen die Ufer der Inseln, um dort auf den Korallenriffen zu überstürzen, als blendend weiße Brandung nach der andern Seite hinüberzulaufen und dort Ruhe zu finden. Innerhalb der Riffe segelt ein europäisches Boot und verschwindet bald in dem Landeinschnitt zwischen Meoko und Utuan (spr. Utuán), wie wir vermuthen um uns durch die eigentliche Hafeneinfahrt zur Leistung von Lootsendiensten entgegenzukommen, da dies der kürzeste Weg ist.
Der schmale Strand der niedrigen Insel Meoko wird von dem üppigen Laub dichter Büsche und hochstämmiger mächtiger Bäume überschattet, Baumäste und Schlingpflanzen neigen sich bis zum Wasserspiegel und bilden über dem Strande einen natürlichen Laubengang. Hier und da zeigt sich eine Höhle oder eine kleine malerische Schlucht, welche Kanus beherbergen und damit anzeigen, daß die Insel bewohnt ist, wenngleich Menschen noch nicht zu sehen sind; dieselben sind jedenfalls schon in ihren nach der andern Seite zu gelegenen Hütten.
Wir stehen dicht vor der Einfahrt; links liegt die niedrige Insel Meoko, rechts die kleine hohe, steil abfallende Felseninsel Muarlin vor dem Festlande, wie man hier wol die große Insel Amakada nennen kann. Bei der vorgerückten Tageszeit scheint es mir nicht räthlich, auf die Ankunft des Lootsen zu warten, auch haben wir eine anscheinend gute, erst im vorigen Jahre von einem deutschen Schiffskapitän aufgenommene Karte in Händen, welche ein tiefes klares Fahrwasser gerade in die Mitte der Einfahrt legt. Ich neige mich allerdings dahin, das Schiff dicht an die hohe Insel Muarlin zu steuern, weil das Wasser an felsigem Ufer in der Regel tiefer ist, lasse mich aber von meinem Berather bewegen, die Karte als richtig anzusehen und die Mitte des Fahrwassers zu halten, gebe indeß dem Schiffe doch die geringst mögliche Fahrt. Nur wenige Minuten und von beiden Seiten des Schiffes melden die Matrosen am Loth nur 4½ m Wasser. Das Schiff geht 5½ m tief und hat noch Vorwärtsbewegung, kann den Grund also noch nicht berührt haben, ein Blick auf die frisch ausgeworfene Lothleine zeigt, daß die Lothgänger die richtige Tiefe angegeben haben, wir befinden uns mitten zwischen den Korallen. Was thun? „Zaudern“ ist ein Wort im Sprachschatze der Seeleute, welches, wenn auch nicht immer, doch häufig gleichbedeutend mit „Unfall“ und durch Zwang wie Gewöhnung dem Seemann abhanden gekommen ist, der Entschluß ist daher schnell gefaßt. Das Schiff muß weiter gehen, entweder um sich wie bis hierher zwischen den Untiefen durchzuschlängeln oder vorn mit dem Steven auf dem Meeresgrund einen Stützpunkt zu finden und dann schnell hinten durch einen Anker festgelegt zu werden, damit die Strömung es nicht seitwärts auf die Korallen wirft und dadurch das spätere Abbringen wesentlich erschwert wird. Ist das Schiff dann so erst fixirt, dann kann man es wenigstens mit Hülfe von Ankern denselben Weg wieder zurückholen, den es gekommen ist. Das Glück bleibt uns aber auch hier wie bisher hold, das Wasser wird tiefer, die unheimlich dicht unter der Wasseroberfläche uns anstarrenden Korallen verschwinden und wir können in tiefem Wasser nahe an Muarlin heranlaufen, dort einen scharfen Bogen schlagen und nach weitern wenigen Minuten vor der deutschen Factorei in dem Augenblick ankern, wo das vorhergenannte Boot auch dort eintrifft.
Unser Ankerplatz mit seiner Umgebung ist ein kleines Stück Paradies. Rund eingeschlossen von hohem und dicht belaubtem Lande ist der schöne sichere Hafen mit seinem wunderbar klaren Wasser, welches die Täuschung hervorruft, als ob der Meeresboden handbreit unter dem Wasserspiegel läge. Die Ufer des Landes werden stellenweise durch vorspringendes Felsengestein und zurücktretende Meeresbuchten unterbrochen; hier schiebt sich das Land dichter an uns heran, dort gestattet eine lange Wasserstraße nach dem westlichen Ausgang eine größere Fernsicht. Auf dem Lande stehen nicht nur Kokosnußbäume, sondern endlich auch einmal wieder Laubhölzer, darunter mächtige Baumriesen mit bis zu 2 m dicken Stämmen und diesen entsprechenden, nach unsern heimischen Begriffen proportionalen Laubkronen. Die großen Blätter der Bananenstauden, die saft- und kraftstrotzenden Sträucher, Schlingpflanzen, Gräser und Blumen, die Vögel, summenden und zirpenden Insekten geben uns die Erinnerung zurück, daß es auf der Erde auch noch etwas anderes gibt, als nur Kokospalmen und immer wieder Kokospalmen. Die Wasseroberfläche im Hafen ist spiegelglatt; draußen rauscht leise die schwache Brandung, als ob sie mit der untergehenden Sonne, welche tiefer sinkend das vor uns liegende Bild in die Schatten der Nacht legt, auch schlafen gehen wolle. Wohnungen der Eingeborenen sind nicht zu sehen, aber einzelne Vertreter dieser Rasse zeigen sich in ihrer classischen Nationaltracht, welche nur im Färben der Kopf- und Körperhaare besteht, mit Speeren und Keulen bewaffnet am Strande. Dicht vor uns, nur etwa 100 Schritte ab, führt vom Strande ein sauber gehaltener und mit kleinen Steinen bestreuter gerader Weg zu der deutschen Factorei, einem kleinen Holzbau mit daran stoßendem steinernen Waarenhaus, das Ganze von einer steinernen Mauer umwehrt. Der deutsche Agent kam an Bord, um sich vorzustellen und uns die wenig angenehme Nachricht zu bringen, daß der in Diensten der Handels- und Plantagengesellschaft stehende deutsche Schiffskapitän Levison, den wir zur Ausführung unserer Pläne als Kenner der Landessprache und aller einschlagenden Verhältnisse nicht entbehren konnten, mit seinem Schiff in einem 30 Seemeilen entfernten Hafen läge und vorläufig nicht herzukommen beabsichtige. Da andererseits ich ihn jetzt nicht aufsuchen konnte, weil ganz bestimmte Aufträge mich nach Makada führten, wo ich einige Eingeborene wegen Niederbrennung einer deutschen Station zur Verantwortung ziehen sollte, so sprach ich den Entschluß aus, gleich am nächsten Morgen nach Makada weiter zu gehen und die dortigen Geschäfte zuerst zu erledigen. Bei der Besprechung, auf welche Weise Levison am besten herzurufen sei, warf sich ein ebenfalls in deutschen Diensten stehender 60 Jahre alter Engländer ins Mittel und erbot sich, obgleich er eben erst mit seinem Boot von dem in Rede stehenden Hafen gekommen war, sofort wieder abzufahren, mit seinen beiden Leuten (Eingeborenen) bei dem stillen Wetter die 30 Seemeilen während der Nacht abzurudern und den Kapitän am nächsten Vormittag mit frischen, von dessen Schiff genommenen Leuten zu uns nach Makada zu bringen. Meinen Einwand, daß er dies bei seinem Alter, nachdem er bereits den ganzen Tag der heißen Tropensonne ohne Sonnensegel und Schirm ausgesetzt gewesen sei, wol nicht aushalten würde, wies er lächelnd von der Hand, und so ließ ich ihn ziehen in der Ueberzeugung, daß er die Aufgabe nicht lösen könne; aber er hat sie gelöst. Dieser Mann gab mir auch wieder den Beweis, welchen ich nicht nur an verschiedenen Beispielen hier in der Südsee, sondern auch an mir selbst wiederholt gefunden habe, daß auch der Europäer außerordentlich widerstandsfähig gegen das Klima ist, sofern er nur immer mäßig lebt.
Obgleich es inzwischen dunkel geworden war und es vermuthlich an Land auch nichts zu sehen gab, konnte ich dem Drang dahin doch nicht widerstehen. Die Eingeborenen hatten es mir angethan, längst vergangene Zeiten machten sich geltend und Anklänge an die Empfindungen, welche ich als Kind beim Lesen der Indianer- und Wildengeschichten hatte, brachen aus meinem Erinnerungsschatz hervor, als ich bei unserer Ankunft diese chokoladenbraunen urwüchsigen Gestalten mit ihren phantastischen Waffen am Strande sah. Ich fuhr daher noch für kurze Zeit an Land, um mir wirkliche und leibhaftige Wilde und Menschenfresser aus nächster Nähe zu betrachten, bei welcher Gelegenheit ich mir auch gleich durch Vermittelung des deutschen Agenten einige Waffen direct aus den Händen der Wilden eintauschte. Sehr verwundert war ich, nachher das Gewicht einer erworbenen Streitaxt federleicht zu finden und zu erkennen, daß nicht nur der Stiel, sondern auch die Axt selbst aus dem leichtesten Holz verfertigt war. Später erst lernte ich die Bedeutung dieser Täuschung erkennen.
Am folgenden Morgen fuhr ich mit Tagesanbruch an Land, um die Situation des Hafens und des daran stoßenden Terrains in Ruhe zu besichtigen und auf seinen Werth zu prüfen. Herr Weber, welcher sich bisher gewissermaßen als unfehlbar erwiesen hatte, war mit dem Vorschlage hervorgetreten, kurzer Hand die hier liegenden wichtigsten Häfen auf die eine oder andere Weise für das Reich zu erwerben, weil ich nur dadurch meine Absicht, die deutschen Interessen dauernd zu sichern, erreichen könne. Ich hatte im Laufe der letzten Monate ja viel und reiflich über diese Sache nachgedacht, mich aber noch nicht schlüssig gemacht; jetzt auf diesem einsamen Spaziergang wollte ich zu einem Ende kommen. Bei meiner Anwesenheit in Sydney, wie auch später in Levuka, hatte ich sowol aus dem energischen Drängen aller Zeitungen, wie aus Gesprächen mit maßgebenden und einflußreichen Personen ersehen, daß die Annectirung Neu-Guineas durch England nur eine Frage der Zeit sein könne, und daß muthmaßlich der Tag der Einverleibung sehr nahe liege. Weht aber erst die Flagge Großbritanniens auf diesem Erdtheil, dann breitet sie sich wie unter dem Einfluß des Windes auch über die großen Nachbarinseln Neu-Britannien und Neu-Irland aus, um mit diesen werthvollen Ländermassen gleichzeitig die Herrschaft über den St.-George-Kanal zu erhalten, welcher meines Erachtens dermaleinst die Straße für den Dampferverkehr zwischen Australien und China werden wird. Und dieser Möglichkeit mußte ich auf alle Fälle zuvorzukommen suchen, damit das Deutsche Reich bei der nahe bevorstehenden Theilung der Südsee unter die europäischen Staaten auch ein Wort mitzureden hätte.
Meine Gig fährt auf den Strand, ich springe, in der Hand einen Stock und in der Tasche einen Revolver, an Land und das Boot geht in tieferes Wasser zurück, um mir mit leichtem Ruderschlag auf Rufweite zu folgen. Lang entbehrter Genuß, auf festem Boden ordentlich ausschreiten zu können und noch dazu in so herrlicher Umgebung, an solch thaufrischem Morgen!
Mein Weg führt dicht am Waldessaum entlang, auf schönem festen Sand, nur wenige Schritte von dem Meeresufer entfernt. Eine leichte Brise bringt angenehme Kühlung und spielt in dem leisen Rauschen der Blätter das Präludium zu dem Concert, welches bald die erwachende Thierwelt anstimmt. Hier und da treten eingeborene bewaffnete Männer einzeln oder paarweise aus dem Busch, welche mich einsamen Wanderer neugierig und, wie mir scheinen will, lüstern betrachten und dann weiter gehen, um, wie das Gethier, am neuen Morgen ihrer Nahrung nachzugehen oder nur, ihren dumpfigen Hütten entfliehend, unbewußt das köstliche Geschenk einzuathmen, welches Gottes Gnade ihnen in dieser wunderherrlichen Natur beschert hat. Unser Schiff liegt von hier aus versteckt; ob sie mich vielleicht als jagdbares Wild ansehen und nur mein mit sechs Matrosen bemanntes Boot sie zur Enthaltsamkeit veranlaßt? Vielleicht werden sie auch durch hier am Strande liegende Brunnen -- in den Sand gegrabene Löcher, welche süßes Wasser enthalten -- angelockt. Diesen Menschen kann man es beinahe verzeihen, Menschenfresser zu sein, wenn man sie so in der Freiheit sieht. Wenigstens auf mich machen sie den Eindruck von bewehrtem Edelwild, obgleich ich kein Jäger bin. Liegt es in dem Gesichtsausdruck oder in der Hautfarbe des nackten Körpers? In der scheuen Vorsicht ihrer Bewegungen oder in der nie fehlenden Waffe, weil keiner dem andern traut, jeder bereit ist, einem andern das Leben ebenso leicht zu nehmen, wie es ihm genommen werden kann? Ich weiß es nicht, aber wahr ist es, daß man hier verlernen kann, in dem „Mord aus Vergnügen“ noch ein Verbrechen zu sehen. Wie gesagt, bewaffnet ist jeder, und hat er keinen Speer, keine Keule, keine Axt, so hat er doch die wurffertige Steinschleuder in der Hand, mit welcher er auf 30 Schritte und weiter seinen Gegner oder sein Opfer sicher tödtet, oder durch einen Knochenbruch, bezw. eine lebensgefährliche Verwundung in den Weichtheilen kampfunfähig macht.
Ich umschreite eine kleine Meeresbucht, welche so tiefes Wasser hat, daß große Schiffe hineinholen und direct an Land anlegen können, die daher nach etwaiger Anlage einiger Werkstätten einen guten natürlichen Platz für Schiffsreparaturen abgibt. Etwas weiter komme ich zu der am Strande gelegenen Hütte eines samoanischen Missionslehrers, welcher mit seiner auffallend hübschen Frau damit beschäftigt ist, in seinem Hause Tag zu machen. Es war inzwischen, nachdem ich einen dreiviertelstündigen Spaziergang hinter mir hatte, Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, und ich bestieg mein herangerufenes Boot mit dem Entschluß, nach Erledigung meiner übrigen Geschäfte hierher zurückzukehren, um den Hafen auf irgendeine Weise für uns zu sichern.
Um 9½ Uhr waren wir wieder unter Dampf, um durch die westliche Passage auf dem kürzesten Wege nach Makada zu gelangen. Die Karte gibt zwar für das äußere Fahrwasser keine nähern Tiefenangaben, sondern sagt nur, daß alles voller Korallenriffe mit genügend tiefen Rinnen zwischen den Korallen sei, indeß war mir mitgetheilt worden, daß die Passage mit gutem Ausguck von dem Mast aus vollständig sicher ist. Da wir nun an diese Art Seefahrt mit der Zeit gewöhnt sind und die Meeresfläche infolge andauernder Windstille auch spiegelglatt war, so wählte ich der erheblichen Zeitersparniß wegen diese Straße. Die vier Seemeilen lange Fahrt bis zum Ausgang des Hafens an dieser Seite machte den Eindruck, als ob wir über Land führen, denn da, wie schon erwähnt, bei der außerordentlichen Klarheit des Wassers der ganze ebene und nur mit feinem weißen Korallensand ganz gleichmäßig bedeckte Meeresboden scheinbar wie die Silberunterlage eines Spiegels dicht unter der Meeresoberfläche liegt, so sah es aus, als ob wir uns auf dem Sande fortbewegten. Bei jedem neuen Lothwurfe fürchtete ich eine erhebliche Abnahme der Wassertiefe ausrufen zu hören, dieselbe blieb aber gleichmäßig zwischen 10 und 12 m. Es mag auffallen, daß der Meeresboden hier innerhalb des Hafens ganz frei von Korallen ist, dies wird aber dadurch zu erklären sein, daß jetzt die dicke Schicht fließenden Sandes den Korallen verwehrt festen Fuß zu fassen, wie es vordem der zweifellos unter dem Sande liegende weiche Mudboden gethan.
Nach zwei Stunden, welche wenigstens für mich ziemlich anregend, um nicht zu sagen aufregend waren, da das Schiff fortgesetzt seine Richtung ändern mußte, um im Zickzack seinen Weg durch dieses ausgedehnte Korallenfeld zu finden, langten wir gegen 11½ Uhr vormittags vor Makada an. Wir waren lange durch vorspringendes Land verdeckt gewesen und wurden daher erst bemerkt, als wir unserm Ankerplatz schon ziemlich nahe gerückt waren, deshalb traf uns das entgegenkommende europäische Boot auch erst kurz vor dem Hafen. Der in demselben befindliche Europäer stellte sich mir als Herr Hernsheim, Bruder des in Jaluit lebenden Herrn gleichen Namens vor, was mir große Befriedigung gewährte, weil ich nun infolge seiner Anwesenheit meine dienstlichen Geschäfte hier am Platze ohne Zeitversäumniß gleich erledigen konnte. Er war mit seinem kleinen Dampfer von Australien kommend erst am Tage vorher hier eingetroffen und brachte mir auch die angenehme Nachricht, daß der von mir bei meiner letzten Anwesenheit in Sydney nach hier bestellte Proviant für die Korvette bereits angekommen sei und jederzeit zu meiner Verfügung stehe. Dagegen mußte ich allerdings leider hören, daß das seinerzeit als hier lagernd angemeldete Kohlenquantum inzwischen erheblich herabgeschmolzen sei, wodurch ich gezwungen wurde, zum Theil wieder auf Holzfeuerung zurückzugreifen, welche ich mit dem Verlassen der Magelhaens-Straße für die fernere Dauer meiner Reise als abgethan betrachtet hatte.
Hier will ich einschalten, daß dieser Herr Hernsheim es ist, welcher in diesem Theile der Südsee die ersten Niederlassungen errichtet hat. Er hat als Seemann vor Jahren mit einem eigenen kleinen Schiffe diese Gegend befahren und erforscht und dann seinen Bruder, welcher in überseeischen Ländern Kaufmann war, bewogen, mit ihm zusammen dieses große Gebiet kaufmännisch ebenso auszubeuten, wie das Haus J. C. Godeffroy die weiter östlich belegenen Inseln vornehmlich dem Handel erschlossen hatte. Dem Kaufmann fiel naturgemäß anheim, auf den Marshall- und Carolinen-Inseln, wo das Haus Godeffroy bereits Anfänge gemacht hatte, Factoreien zu gründen und dieselben in directen Verkehr mit dem Mutterlande zu bringen, während der Seemann Neu-Irland und Neu-Britannien übernahm, weil hier zunächst nur unter dem Schutze eines oder mehrerer Schiffe am Lande fester Fuß gefaßt werden konnte. So werden, wenn der noch unabhängige Theil der Südsee dermaleinst an Deutschland fallen sollte, die Namen Weber, welchem Herrn das Hauptverdienst an den Erfolgen des Hauses Godeffroy zuzuschreiben ist, und Gebrüder Hernsheim wol verdienen, einen hervorragenden Platz in der Geschichte der Colonialbestrebungen des Deutschen Reiches einzunehmen.
An Land gekommen, hatte ich die Freude, einem jungen Herrn Robertson die Hand drücken zu können, einem Kaufmann aus Hamburg, welchen ich in Sydney kennen gelernt hatte. Dieser Herr hat, in der Absicht, sich mit seinen beiden Vettern Hernsheim zu associiren, die Reise von Deutschland hierher gemacht, um sich vorher einen Einblick in die hiesigen Verhältnisse zu verschaffen. Wenn man solche junge Herren sieht, die, im Wohlleben aufgewachsen, sich hier in den engen kleinen und keineswegs besonders seetüchtigen Fahrzeugen, mit welchen sie ihre großen Reisen zwischen den oft über 1000 Seemeilen auseinanderliegenden Inseln machen müssen, den größten Entbehrungen, Strapazen und vielfachen Gefahren auf See wie am Lande aussetzen, dann muß man hohe Achtung vor dem Großkaufmannsstand der Hansestädte und namentlich Hamburgs erhalten, ein Stand, dessen Angehörige, jeder Verweichlichung fern, mit Muth und Energie unter Daransetzung ihres eigenen Lebens ihrem Beruf nachgehen, dessen eigentlichstes Wesen im Innern des Deutschen Reiches häufig kaum verstanden wird.
Kurze Zeit nach unserer Ankunft war richtig Kapitän Levison auch eingetroffen, der alte Engländer hatte also Wort gehalten.
Als Wohnplatz der Herren fand ich am Lande eine höchst dürftige hölzerne Hütte mit einem Wohn- und zwei Schlafzimmern; das Beste an ihr war eine große gedeckte Veranda. Die Einrichtung beschränkte sich auf die allernothwendigsten Möbel, die zur Vertheidigung erforderlichen Waffen und die zum Leben nöthigen Nahrungsmittel und Getränke. Mit den beiden letztern sah es zur Zeit aber so kläglich aus, daß ich die Herren für die Dauer unsers Aufenthalts als meine Gäste verpflichtete. Hinter dem Hause war ein großes Waarenlager und ein Schweinestall mit zwei Thieren von solcher Größe, daß sie von den Besitzern nicht geschlachtet werden konnten, weil sie nicht gewußt hätten, wo mit dem vielen Fleisch zu bleiben, weshalb es am besten war, daß ich sie als Geschenk für meine Mannschaft übernahm. Die ganze Anlage war von einem Zaun umgeben und weiterhin von großartigem Urwald, aus welchem der Platz für die Factorei herausgehauen war.
Auf der Veranda saß ein schmächtiges eingetrocknetes Männchen in grauer Hose und gleichem Hemde, welches mir als Herr Topulu oder King Dick, Oberhäuptling und Hoherpriester der Duke of York-Gruppe vorgestellt wurde. Dieser Mann verdient wegen seiner eigenartigen socialen Stellung besondere Erwähnung und muß ich hierbei auch auf seinen verstorbenen Vater zurückgreifen.