Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 38

Chapter 383,213 wordsPublic domain

Das Erscheinen Lebon’s ist das Signal für den Beginn des Tanzes. Die Frauenzimmer stimmen, sobald Lebon sich ihnen bis auf etwa 20 Schritte genähert hat, begleitet von dem einförmigen Tam-Tam ihrer Trommeln einen monotonen Gesang an; die Trommel, ein ausgehöhltes Stück Holz in Form eines Stundenglases, auf der einen Seite mit Fischhaut überspannt, auf der andern offen, wird mit der einen Hand auf dem Schos gehalten und mit der flachen andern Hand geschlagen; der Gesang enthält nur wenige sich stets wiederholende Strophen, welche auf den König Bezug haben. Der König kommt in raschem Schritt und guter Haltung würdevoll angegangen, hält in der Mitte vor den Reihen der singenden Frauenzimmer, sieht sich mit muthigem Blick nach allen Seiten um, als ob er den Feind suche, nimmt ihn in dem Orchester an, wendet sich diesem zu, stößt einen Schrei aus, welcher furchtbar sein soll und nur mit dem Quitschen eines in den Schwanz gekniffenen Schweines verglichen werden kann, und beginnt nun seine Darstellung, welche ihn in seinem ganzen Grimm und seiner ganzen Furchtbarkeit zeigen soll. Die Augen rollen in dem alle möglichen Linien beschreibenden Kopfe hin und her, das Gesicht wird verzerrt, wobei Mund und Unterkiefer in krampfhafter Thätigkeit sind und dem Gesicht einen kläglichen Ausdruck geben, welcher schreckenerregend sein soll, in Wirklichkeit aber jeden Augenblick den Ausbruch ganz jämmerlichen Weinens erwarten läßt und lebhaft an die japanischen Abbildungen grimmer Krieger erinnert. Mit dem Stock werden Stoß- und Wurfbewegungen des Speeres angedeutet, der ganze Körper windet sich in krampfhaften Bewegungen, welche ein lebendiges Bild von kraftvollem Ringen geben. Lebon macht seine Sache sehr schön, das zeigen die Gesichter der Zuschauer, aber er weiß auch, vor wem er sich als Krieger zu zeigen hat, gibt daher sein Bestes und tritt gewissermaßen als Schauspieler auf. Nicht so die singenden Frauenzimmer, welche der Zuschauer nicht gedenken, sondern den ersten und tapfersten Mann ihres Stammes vor sich sehen, in seinem Anschauen ganz aufgehen und sich geben wie sie sind, nicht wie sie scheinen wollen. Diese interessirten mich daher mehr, obgleich sie nur das Beiwerk bildeten. Da sitzen sie in Reih und Glied mit steifem Körper, schlagen mit der rechten Hand die Trommel und singen mit gewöhnlicher Stimme ihren Gesang. Doch währt dies nicht lange, ein schnelleres Tempo zwingt den Tänzer zu raschern Bewegungen, der Gesang wird lauter, die Reihen werden unruhig, die Köpfe schwanken hin und her, die Körper bewegen sich und nähern sich rutschend, ohne es zu wollen, dem köstlichen Krieger, die Augen treten weit hervor, stieren nur nach dem Gesicht des gefeierten Mannes und erhalten einen ganz eigenthümlichen Glanz. Die Körper, dem Tänzer nahe genug, fassen wieder festen Fuß, die Stirn fällt zurück, damit der die Thaten des mit dem Feinde ringenden Beschützers besingende Mund diesem näher ist, die Köpfe mit ihren gläsernen Augen wackeln jetzt gleichmäßig nach dem Takte der Musik hin und her, die ganze Gruppe sieht aus wie ein Haufen chinesischer Porzellanpuppen mit langsam hin- und herwiegenden Köpfen. Da glaubt Lebon genug gethan zu haben, er wirft seinen Stock weit weg, welcher von einem Häuptling aufgehoben und ihm nachher wieder zugestellt wird, wendet sich von dem Orchester ab und geht auf die ihn respectvoll erwartenden Häuptlinge zu. Die Frauenzimmer verstummen, scheinen aus einem Traum in das Leben zurückzufallen, erholen sich aber schnell genug, um rechtzeitig mit der Ankunft des Königs vor seinen Häuptlingen diese zu einem ähnlichen Tanze zu begleiten, welchen sie nunmehr vor ihrem König aufführen.

Nach diesem Tanz kommt eine balletartige Schaustellung zur Aufführung, welche mit einem Kriegertanz nichts gemein hat und durch die Gleichmäßigkeit der complicirten und vielfach schwierigen Figuren, durch die tadellose Durchführung des Ganzen das Interesse des Zuschauers erweckt. Die Darsteller treten in zwei Reihen an, von welchen Lebon die eine, der nächst angesehenste Häuptling die andere führt. Die monotone Musik beginnt, das Hin- und Herschwanken der dicken Baströcke zeigt, daß die Reihen in Bewegung kommen, die Stöcke der einen Partei schlagen gegen die der andern und sollen wol ein Fechten vorstellen, ohne es indeß zu thun, weil die Tänzer, um keine Fehler zu machen, so angestrengt aufpassen müssen, daß die Verbildlichung der Kraft und des Kampfes diesem Spiel versagt bleibt. Die Reihen wandern mit tänzelndem menuetartigen Schritt aneinander vorbei, passiren durcheinander durch, immer die Stöcke mit dem Gegner kreuzend; die Bewegungen werden schneller, das Geklapper wird stärker, die Stöcke werden durch die Beine, über den Kopf, von einer Hand zur andern geworfen, vor der Brust und hinter dem Rücken gekreuzt; von den beiden Reihen brechen so viele ab, um eine dritte zu bilden und hiermit das Spiel verwickelter zu machen. Kein Fehler kommt vor, die ganze Gruppe bewegt sich nach dem Takte der Musik wie ein kunstvoll gearbeitetes Räderwerk, bückt sich und streckt sich, geht vor- und rückwärts, schiebt sich durcheinander durch, füllt wie mit einem Schlage die Zwischenräume mit den Armen und Stöcken aus und macht sie ebenso plötzlich wieder frei. Unser Beifall, welcher mit ungetheilter Anerkennung gegeben wurde, war der Lohn für dieses schöne Spiel. Das Orchester hatte sich, obgleich es durch die Frauen der Tänzer gebildet wird, bei diesem wie bei dem vorher aufgeführten allgemeinen Tanz merkwürdigerweise ziemlich theilnahmlos verhalten und kam erst wieder in die größte Aufregung bei den nachher folgenden Einzeltänzen. Ich vermuthe, daß die Aufmerksamkeit auf ihre eigenen Männer die einzelnen Frauen zu sehr beschäftigte und die Gruppe davon abhielt, in gleichmäßige Ekstase zu kommen.

Im Anschluß an diese Tänze wurde uns eine große Ehre dadurch erwiesen, daß nunmehr Lebon, seinen Stock schwingend, in raschem Laufe auf uns zurannte, dicht vor uns stutzte, dann den zuerst aufgeführten Tanz in wilderem Tempo noch einmal wiederholte und mit demselben das Orchester in wahre Begeisterung brachte; ja ein Frauenzimmer warf ihre Trommel weg, um in wilden Sprüngen sein Spiel zu begleiten. Als Beendigung des Tanzes drehte Lebon uns mit einer jähen Bewegung den Rücken zu und entfernte sich schnellen Laufes von dem Festplatze. Nach ihm producirten sich vor uns noch in derselben Weise sein Stiefsohn Letabalin und sein eigener zehnjähriger Sohn, welcher, in diesem Kriegsspiel schon wohlbewandert, bei allen Tänzen überhaupt als volle Person mitgewirkt hatte; dann noch zwei der bedeutendsten Häuptlinge, womit das Fest seinen Schluß erreicht hatte und die Bevölkerung befriedigt über den seltenen Festtag, da durch den Einfluß der Missionare die Tänze immer mehr abkommen, den Platz verließ. Die Tänze der Frauen sollen infolge dieses Einflusses, wenigstens als öffentliche, schon ganz der Vergangenheit angehören, und es war mir in der kurzen Zeit nicht möglich, einen solchen zusammenbringen zu lassen. Die Missionare bezeichnen diese Tänze als heidnisch und benehmen mit denselben den Eingeborenen all und jedes Vergnügen, womit sie in religiöser Beziehung eine Gefahr heraufbeschwören, welche diese Herren entweder nicht vermuthen oder für unbedeutend halten. Anstatt das in den Tänzen etwa gegen die christliche Moral Laufende vorsichtig und allmählich zu entfernen, verbieten sie dieselben ganz und können sicher darauf rechnen, daß diese Tänze bei dem nicht zu besiegenden Drang nach Lustbarkeiten erst im geheimen wieder entstehen und dann schließlich in wüsterer Form denn je an die Oeffentlichkeit treten, um sich nicht wieder verbannen zu lassen.

Am 28. landete ich meine Mannschaft, um dieselbe im Feuer manövriren und danach das Eingeborenendorf im Sturm nehmen zu lassen. Dieses Manöver sollte sowol eine Revanche für den uns gegebenen Kriegstanz sein, wie auch den Insulanern, welche Derartiges noch nicht gesehen hatten, die Macht der Europäer zeigen. Um einem falschen Alarm vorzubeugen, war vorher an Land bekannt gegeben worden, daß auch geschossen werden würde, jedoch nur mit blinden Patronen, sodaß nichts zu fürchten sei. Bei unserer Landung war alles, was nur irgend konnte, auf den Beinen, um der mit Musik abmarschirenden geschlossenen Truppe zu folgen und sich nachher neugierig die Gefechtsaufstellung zu beschauen. Als aber das Landungsgeschütz aus einem Hinterhalt und gewissermaßen zwischen ihnen anfing zu brummen, wurden die Leute unruhig, und als nun gar das Geknatter der Tirailleure begann, zogen sie sich schnell nach den Seiten und dann hinter die zuschauenden Weißen zurück, ängstlich sich umsehend, ob dies Ernst oder wirklich nur Spaß sei. Nun rückt die Sturmcolonne an, macht halt, gibt einige Salven Schnellfeuer und das Publikum ergreift theilweise die Flucht; eine allgemeine Panik bricht aber aus, als die Colonne mit gefälltem Bajonette angestürmt kommt mit Marsch-Marsch-Hurrah! Der Platz ist gesäubert; ich sehe mich nach Lebon um und finde, daß dieser tapfere Mann ausgehalten hat -- aber wie? Bleich steht er hinter einem der deutschen Herren und hält sich an dessen Rockschoß fest; sprechen kann er nicht mehr, sondern findet seine Sprache erst wieder, nachdem er in dem in der Nähe gelegenen Hause des Herrn Hernsheim ein Glas Wein getrunken hat. Lebon, wie der größte Theil der Bevölkerung sind krank; die mit klingendem Spiel abmarschirende Truppe kann den Schreck, welchen sie verursacht, nicht so schnell wieder verwischen, wird vielmehr mistrauisch betrachtet. Lebon folgt daher auch nicht der Einladung zum Essen zu Herrn Hernsheim, sondern kommt erst nach Tisch, setzt sich still in eine Ecke und entschuldigt sich damit, daß das Schießen ihn krank gemacht habe. Meiner Einladung zum nächsten Tage folgte er zwar, doch rührte er die Speisen, welchen er sonst bei den deutschen Herren tapfer zuspricht, kaum an und erklärte, von dem gestrigen Schießen noch immer einen kranken Magen zu haben.

Dieser Kriegstanz des deutschen Kriegsschiffes, welcher somit unsern Gästen nicht gut bekommen ist und zu den andern Inseln jedenfalls in noch übertriebenen Schilderungen hinwandert, wird wahrscheinlich für Jahrzehnte Früchte tragen und einen sichern Schutz für deutsches Leben und Eigenthum gewährleisten.

Am 29. November war die in Aussicht genommene Uebereinkunft soweit vorbereitet, daß die Unterzeichnung erfolgen konnte; Lebon, wie sein Nachfolger Letabalin, hatten alle unsere Forderungen, welche vorzugsweise Maßnahmen zum Schutze der deutschen Reichsangehörigen und des deutschen Handels enthielten, erfüllt und sich auch bereit erklärt, den Hafen von Jaluit als deutsche Kohlenstation abzutreten. Mehr konnten wir nicht verlangen. Ich setzte daher die Unterzeichnung der Uebereinkunft für den Nachmittag dieses Tages fest und lud sämmtliche Weiße wie das ganze Volk dieses Platzes zur Beiwohnung der Feierlichkeit auf die „Ariadne“ ein. Nachdem das Volk an Bord versammelt war, setzte Lebon mit seinen Frauen und seiner nähern Verwandtschaft in zweien unserer Schiffsboote vom Lande ab, indem gleichzeitig die neue von ihm adoptirte Landesflagge, welche nach erfolgter Unterzeichnung des Vertrages durch einen Salut anerkannt werden sollte, gehißt wurde. Lebon mit seiner Familie und die Chefs der beiden deutschen Häuser wurden in der Kajüte, die andern Weißen und die Häuptlinge in der Offiziersmesse bewirthet, das Volk trieb sich im Schiffe umher. Ein Bruder Lebon’s, mit Namen Lagadjimi, war an Land zurückgeblieben, um den Erwiderungssalut aus einigen von einem deutschen Hause erborgten Böllern zu feuern; zum Laden hatten wir einige Mannschaften zur Verfügung gestellt.

Der Text der Uebereinkunft wurde noch einmal sorgsam durchgenommen und diese dann gegenseitig in zwei Exemplaren unterzeichnet. Darauf traten wir auf das Deck, um dem nunmehr für die Landesflagge der Ralick-Inseln zu feiernden Salut beizuwohnen, von welchem Lebon den ersten, Letabalin den zweiten Schuß vor ihren versammelten Unterthanen abfeuerten. Der Salut wurde von Land aus Schuß für Schuß erwidert. Die Eingeborenen verließen mit anrückender Dunkelheit in ihren Kanus scharenweise das Schiff, die deutschen Herren und Lebon blieben am Abend noch bei mir zu Tisch und der geschäftliche Theil meiner Anwesenheit in Jaluit hatte seinen Abschluß gefunden.

Am 1. December verließ ich Jaluit wieder. Die am Lande und auf den Kauffahrteischiffen wehenden Flaggen senkten sich langsam zum Gruß, die am Strande in Festkleidern versammelte Bevölkerung stimmte unter Tücherschwenken ein mehrfaches Hurrah an, während die den Flaggengruß und die Hurrahs erwidernde imposante „Ariadne“ sich unter den Klängen eines flotten Marsches langsam drehte, dann schnell von der ruhigen Lagune in die schmale Einfahrt und von dieser in die bewegte See steuerte, um bald unter neuen Eindrücken den schönen sonnigen letzten Nachmittag bei unsern gastfreien Landsleuten in Jaluit vorläufig wieder zu vergessen.

Ich hatte ursprünglich die Absicht, von Jaluit aus direct nach Neu-Britannien zu segeln; veränderte Verhältnisse bringen aber auch andere Dispositionen. Die durch die abgeschlossene Uebereinkunft mit den Ralick-Inseln angeknüpften Verbindungen machten es mir zur Pflicht, auch noch Ebon anzulaufen, weil diese Insel bislang immer der Königssitz gewesen war und von den Eingeborenen, wie auch von den amerikanischen Missionaren auch noch jetzt vielfach als die Hauptinsel betrachtet wird. Dies und noch einige andere Rücksichten ließen es mir nicht nur zweckmäßig, sondern auch nothwendig erscheinen, mit den dortigen Häuptlingen eine Aussprache zu halten.

Ebon ist Hauptsitz der in diesem Theil des Stillen Oceans thätigen amerikanischen Missionsgesellschaft. Diese Missionare säen hier vornehmlich nur Unfrieden, um ihre eigene Macht zu verstärken, suchen das Ansehen der Häuptlinge zu erschüttern und verlangen nur Gehorsam für sich. Auch sollen sie daran arbeiten, diese Inseln zu einer Republik zu machen, um sie dann ganz in ihre Hände zu bekommen und demnächst dem Protectorat der Vereinigten Staaten zu unterstellen. Sollte dieser Versuch glücken, dann wäre all die bisher auf diese Insel verwendete deutsche Arbeit verloren. An der Hand unserer Uebereinkunft mußte ich demnach versuchen, diesen Bestrebungen ein Ziel zu setzen. In Uebereinstimmung mit dem Vorstehenden war mir auch mitgetheilt worden, daß die Häuptlinge Ebons danach strebten, sich von der Oberhoheit Lebon’s und Letabalin’s loszumachen. Schließlich schuldeten einige Häuptlinge den Deutschen größere Summen, können bezahlen, wollen aber nicht, auch hat ein dortiger Häuptling einen deutschen Agenten zweimal mit dem Tode bedroht. Das alles klingt nun so, als ob man viel Zeit zur Erledigung gebrauche, hier in der Südsee werden derartige Sachen aber auf so einfache Weise erledigt, daß ich von vornherein nur wenige Stunden für diese Geschäfte ansetzte und von einem Verankern des Schiffes absah. Allerdings gehört zu derartigem kurzen Verfahren, daß man die richtigen Leute zur Hand hat; ich hatte deshalb von Jaluit aus Letabalin, welcher als der größte Grundbesitzer auf Ebon und Sohn des frühern hier residirt habenden Königs der angesehenste Häuptling dieser Insel ist, mit einigen Dienern mitgenommen; ferner begleitete mich von Jaluit aus ein in deutschen Diensten stehender Engländer als Dolmetscher, welcher, schon lange auf diesen Inseln wohnhaft, als der beste Sprachkenner gilt und die Häuptlinge sämmtlich von Person kennt.

Am 2. December vormittags 11 Uhr drehte ich das Schiff vor der Einfahrt zur Lagune von Ebon bei und fuhr mit dem Consul und Letabalin an Land; zwei armirte Boote folgten uns. Auf dem Wege dahin passirte uns ein nach dem Schiffe fahrender Missionar, welcher sich uns nicht anschloß, sondern seinen Weg fortsetzte, wahrscheinlich in dem Wahn, daß wir ohne ihn als Uebersetzer doch nichts anfangen könnten. An Land gekommen, lagerten wir uns in dem Schatten der Bäume, die Bootsmannschaften bei ihren zusammengestellten Gewehren, um die Ankunft der Häuptlinge, nach welchen der Dolmetscher geschickt hatte, abzuwarten. Die Leute waren auffallend schnell zusammengerufen, denn nach einer halben Stunde schon wurde gemeldet, daß sie vollzählig versammelt seien; es waren 15-20 meistentheils junge Männer in Hosen und bunten Hemden, welche dicht bei uns stehend uns sowol, wie ihren in feinem schwarzen Anzug steckenden Stammesgenossen Letabalin scheu und mit unsteten Blicken musterten. Daß es etwas geben würde, konnte ihnen umsoweniger zweifelhaft erscheinen, als inzwischen auch der mehrfach mit dem Tode bedrohte deutsche Agent angekommen war und der alte Mann denjenigen, welcher ihn bedroht hatte, nicht aus den Augen ließ. Die Häuptlinge mußten sich nun vor uns aufstellen; ihnen gegenüber traten, uns in die Mitte nehmend, die Bootsmannschaften mit Gewehr bei Fuß und aufgepflanztem Bajonett an. Zunächst wurde bekannt gegeben, daß jeder Mord an einem Deutschen dem Thäter den Kopf kosten, wie jeder Mordversuch und darauf hinzielende Drohung streng bestraft würde. Als dann der betreffende Häuptling vortreten mußte, riefen mehrere aus der Versammlung, daß sie nicht kämpfen wollten, was in der wortarmen Sprache gleichbedeutend mit Unterwerfung ist. Demnächst wurde den Schuldnern nach Aufruf ihrer Namen aufgegeben, baldigst ihre Schulden zu bezahlen. Den Schluß unserer Ansprache bildete die Mittheilung von der in Jaluit abgeschlossenen Uebereinkunft; dieselbe wurde im Beisein des inzwischen auch hinzugekommenen amerikanischen Missionars vorgelesen und mit dem Bedeuten erklärt, daß die Leute von Ebon nunmehr ebenfalls nach derselben zu handeln hätten. Die Mannschaften präsentirten das Gewehr; der Missionar wußte, nach seinem Gesicht zu urtheilen, nicht, ob er wache oder träume; die Eingeborenen, vorläufig unfähig all das zu begreifen, was ihnen in der kurzen Zeit mitgetheilt worden war, sahen sich gegenseitig dumm an, und wir gingen für kurze Zeit nach dem in der Nähe befindlichen Hause des deutschen Agenten, wo sich auch der Missionar, welchem wir eine langentbehrte Post mitgebracht hatten, gute Miene zum bösen Spiel machend, einstellte. Nachdem ich noch einige hundert Kokosnüsse für meine Mannschaft gekauft hatte, verließen wir wieder den Strand von Ebon unter den freundlichen Grimassen seiner Bewohner, welche auf alle erdenkliche Weise versuchten, ihrer Freundschaft für uns Ausdruck zu geben. Wir hatten natürlich die von Jaluit aus mitgenommenen Personen in Ebon zurückgelassen und kehrten so früh zum Schiffe zurück, daß die „Ariadne“ um 1½ Uhr schon ihren Curs nach dem Westen weiter verfolgen konnte.

So sind wir denn jetzt auf dem Wege nach Neu-Britannien und zu den Menschenfressern, wo ich in etwa sechs Tagen einzutreffen hoffe.

13.

Im Bismarck-Archipel.[D]

22. December 1878.

Nicht drei Wochen liegen zwischen heute und dem vorstehenden Bericht über meinen Besuch der Marshall-Inseln und was hat sich in diese kurze Spanne Zeit nicht zusammengedrängt? Wenn ich diese letzten Wochen an meinem Geiste vorüberziehen lasse, dann scheint es mir kaum faßlich, daß diese Zeit so vielerlei in sich bergen kann, theilweise selbst heraufbeschworene Ereignisse, welche den Fernerstehenden kaum berühren, für den verantwortlichen Commandanten eines Kriegsschiffes aber doch von Bedeutung sind.

[D] Die Bezeichnung „Bismarck-Archipel“ ist erst nach der Zeit, wo die hier geschilderte Reise stattfand, eingeführt worden; da der Name aber officiell angenommen, so wähle ich denselben für diese Ueberschrift. Die Namen der in diesem Kapitel genannten Inseln sind seitdem auch verändert, und zwar: Neu-Irland = Neu-Mecklenburg; Duke of York-Gruppe = Neu-Lauenburg; Neu-Britannien = Neu-Pommern.

Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap von Neu-Irland ist charakteristisch durch Windstillen und sonniges heißes Wetter, sodaß trotz des mir gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths und trotz der herrschenden Hitze häufig die Maschinenkraft des Schiffes herangezogen werden mußte, um das Reiseprogramm einhalten zu können. Das wenig befahrene Fahrwasser scheint zwar frei von Untiefen zu sein, der Schein allein kann aber natürlich die Sorgen eines Commandanten nicht bannen, welche gewissermaßen ihre Berechtigung finden, als die ersten in Sicht kommenden, zur Salomons-Gruppe gehörigen kleinen Inseln sich als in der Karte falsch liegend erweisen.

Am 9. December wird die in Sicht befindliche Insel Bougainville (die nördlichste der Salomons-Gruppe) auf 28 Seemeilen Distanz, auf geringere Entfernung die östlich von Neu-Irland liegende kleine Insel Sir Charles Hardy passirt; am 10. December morgens gegen 8 Uhr kommt die Südküste der Insel Neu-Irland mit dem südlichsten Cap St.-George in Sicht. Soll das Schiff noch vor Dunkelwerden den nächsten Bestimmungsort erreichen, dann muß die Fahrgeschwindigkeit wesentlich erhöht werden; ein Ueberschlag des noch vorhandenen Kohlenvorraths ergibt, daß derselbe bei einer Geschwindigkeit von 9 Knoten noch für 15 Stunden ausreicht, es wird daher zu den beiden im Betrieb befindlichen Kesseln ein dritter hinzugenommen, um diese Geschwindigkeit aufnehmen zu können.

Das hohe, dichtbewaldete Gebirgsland tritt bald aus dem leichten Nebelschleier, von welchem es umgeben ist, hervor; die tiefer liegenden Gebirgsrücken und Thalsenkungen heben sich plastisch von dem Hauptlande ab; neues, theilweise wild zerrissenes Land mit malerischen Vorsprüngen und tiefen Einbuchtungen, sowie kleine vor dem Hauptlande liegende wunderlich geformte Inseln steigen langsam über den Horizont, um das dem schnell vorwärts strebenden Schiffe näher rückende Panorama zu einem Bilde zu vervollständigen, welches in Bezug auf Farbeneffecte und reichen Wechsel der Scenerie den Anspruch auf große und seltene Schönheit erheben darf.