Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 37
Als wir etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatten, trafen wir bei einer Frischwassercisterne, deren es viele auf der Insel gibt und welche wahre Brutstätten der Mosquitos sind, zwei Frauen, welche hier in Flaschen und Kokosnußschalen Wasser geholt hatten und eben den dicken Stock, in dessen Mitte der Korb mit dem Wasser hing, auf ihre nackten Schultern hoben. Auf unsere Frage, ob wir auf dem richtigen Weg zum König seien, erhielten wir eine bejahende Antwort und wurden bedeutet, ihnen nur zu folgen, da sie auch dorthin gingen. Dann gesellte sich auch noch ein nüchterner Mann zu uns, mit dem Anerbieten, uns zu führen. Ich erwähne die vorgenannten beiden Frauen hier, weil ich die eine näher beschreiben muß, da sie sowol durch ihr ungewöhnliches Gesicht, wie ihren feinen elastischen Körper jedem auffallen mußte. Da sie ferner das hintere Ende des Stockes trug, so ging sie gerade vor mir und ich hatte auf diese Weise genügende Zeit, sie zu beobachten. In dem feinen ovalen Gesicht, welches sich nach dem Kinn hin in schönen Linien verjüngt, fesseln unwillkürlich die großen mandelförmigen Augen, deren tiefschwarze Augensterne ein mildes Feuer ausstrahlen. Die von der schönen feinen Stirn auslaufende feine, etwas scharf gebogene Nase macht durch ihre Größe das Gesicht interessant. Der kleine Mund mit seinen frischen schwellenden Lippen, welche dem scharfgeschnittenen Gesicht wieder etwas außerordentlich Kindliches gaben, sowie zwei Reihen schöner Perlenzähne passen zu dem feinen schmalen Kinn. Einige dunkle Leberflecke von der Größe einer Linse heben sich von den braunen Wangen scharf ab und passen so vollkommen in dieses Gesicht 'à la' Marie-Antoinette, daß man sich dasselbe ohne sie gar nicht denken kann. Auch das starke Haar gibt dem Kopf noch etwas Apartes, denn dasselbe ist nicht, wie sonst hier, schlicht, sondern fällt in scharf gekräuselten Wellen wie eine Mähne bis auf den halben Rücken herab. Der Hals ist schlank und sitzt tadellos auf den vollen nicht zu breiten Schultern; die übrigen Körperlinien sind von zweifelloser Schönheit, wie auch Arme, Hände und Füße. Der ganze Körper zeigt die reizende Fülle und Rundung der eben vollaufgeblühten Jungfrau; das reizende Geschöpf ist mit einer aufbrechenden Knospe zu vergleichen, welche mit unwiderstehlicher Jugendfrische dem Leben entgegenquillt. Die kleine zierliche, dicht vor mir gehende Person trägt ihre schwere Last mit beneidenswerther Leichtigkeit. Der elastische Oberkörper paralysirt das auf die Schultern drückende schwere Gewicht durch schlangenartige Bewegungen, in den runden Hüften findet man den Abschluß der über ihnen liegenden Anstrengung, darunter schreiten die zierlichen Beine so leicht aus, als ob sie gar nichts zu tragen hätten. Hiermit harmonirt auch das Gesicht, welches die kleine Insulanerin jedesmal nach Zurücklegung einiger Schritte uns zuwendet, um sich sorglos lachend nach uns umzusehen.
Der Weg ist mir trotz der drückenden Hitze außerordentlich kurz geworden, ein vor uns liegendes Haus wird uns als die Wohnung des Königs bezeichnet, der Eintritt aber noch verwehrt mit dem Ersuchen, etwa 20 Schritte davon entfernt noch etwas zu warten. Das offene Haus gestattet uns zu sehen, daß mehrere Weiber damit beschäftigt sind, dem König ein Hemd anzuziehen, und darin finden wir die Erklärung der Verzögerung. Nach Beendigung der Toilette werden wir ersucht näher zu treten und nehmen auf ausgebreiteten Matten neben dem jungen, auf dem Todtenbette liegenden Manne Platz. Der König liegt auf Matten, ist durch Kissen unterstützt und durch leichte Vorhänge gegen die Sonne geschützt. Sechs seiner Frauen sind fortwährend um ihn beschäftigt, ihm kleine Handreichungen zu leisten, Kühlung zuzufächeln und die lästigen Fliegen und Mosquitos von ihm fern zu halten. Er muß früher ein schöner Mann gewesen sein, liegt jetzt an einer von den Europäern hierher verpflanzten, hier nicht näher zu nennenden Krankheit hoffnungslos darnieder und sieht in einem Alter von 35 Jahren täglich seiner Auflösung entgegen. An ihm fiel mir als merkwürdig auf, daß seine Fingernägel etwa 5 cm lang waren. Ich war bisher in dem Glauben befangen, daß diese Sitte nur in China zu Hause sei, mußte aber hier hören, daß auf Taritari und Makin schon seit alters her und jedenfalls seit länger als man hier Kenntniß von China hat, von den Vornehmen dieses Abzeichen der Herren, welche nicht zu arbeiten brauchen, getragen wird.
Bei dem körperlichen Zustand des Königs war weder daran zu denken, irgendwelche Abmachungen zu treffen, noch konnten die wüste Wirthschaft hier und auch nicht die örtlichen Verhältnisse diesen Platz als geeignet für eine Centralhandelsstation erscheinen lassen. Ich beschränkte mich daher darauf, dem König eine anständige Behandlung der etwa hier verkehrenden Deutschen zur Pflicht zu machen. Eine halbe Stunde nach unserm Eintreffen waren wir wieder auf dem Rückwege zu unsern Booten, trafen kurz nach 12 Uhr nachmittags auf der seeklarliegenden „Ariadne“ ein und suchten gegen 1 Uhr wieder die offene See auf, unsern Curs nach den Marshall-Inseln nehmend.
12.
Die Marshall-Inseln.
4. December 1878.
Nun liegen auch die Marshall-Inseln wieder hinter mir und mit diesen eine ereignißreiche kurze Zeit. Die deutschen Handelsinteressen sind hier so bedeutende, daß ich mich, um die Inseln vor der Begehrlichkeit anderer Nationen zu schützen, zu weitergehenden Maßregeln veranlaßt sah, als ich ursprünglich beabsichtigte. Möge das, was ich gethan habe, dereinst dazu führen, daß diese Inseln dem Deutschen Reiche einverleibt werden können.
Am 26. November kam mit Tagesanbruch Jaluit (spr. Dschalúit), die Hauptinsel der westlichen Marshall-Gruppe, welche die Ralickkette genannt wird, in Sicht. Eine kräftige Regenbö brachte das unter schwerem Segeldruck sich schüttelnde Schiff bald vor die schmale Einfahrt zu der Lagune dieser großen Koralleninsel, wo ihm die weißen Fittiche genommen wurden und an deren Stelle der rauchende Schlot trat, um die enge Passage nach dem Ankerplatze unter Dampf zu machen. Dicht vor der Einfahrt kam ein europäisches Boot heran und in diesem der Chef eines der beiden hiesigen deutschen Häuser, Herr Hernsheim, um uns zu begrüßen und mir einen seiner Schiffsführer als Lootsen zur Verfügung zu stellen, was ich dankbar annahm. Gegen 10 Uhr vormittags fiel der Anker, und es war meine Absicht, einen ungewohnt langen Aufenthalt hier zu nehmen, um mir selbst, wie der ganzen Besatzung nach langer Zeit wieder einmal etwas Ruhe zu gönnen. Denn wenn der Aufenthalt auch nur auf vier Tage, woraus nachher fünf wurden, angesetzt war, so bedeutete dies nach den hinter uns liegenden fünf Wochen doch immerhin eine langentbehrte Erholung, welche für das ganze Schiff eine große Wohlthat wurde. Kaum zu Anker mußte ich selbst allerdings gleich an die Erledigung meiner Geschäfte und an deren Ausführung denken. Der Consul nahm mir zwar die Hauptarbeit ab, indem er die endgültige Redaction der in Aussicht genommenen Uebereinkunft, welche vorher besprochen und durchberathen war, übernahm und deren Uebersetzung in die Landessprache beaufsichtigte. Trotzdem blieb aber für mich noch genug zu thun übrig, um meine Zeit mit Besuchen, mündlichen Verhandlungen, Versorgung des Schiffes mit Proviant, Wasser und Kohlen, Anordnungen von Festlichkeiten, Einziehung von Nachrichten über die hiesigen Verhältnisse u. s. w. auszufüllen.
Jaluit ist eine große Laguneninsel, also ein schmaler Ring niedrigen Korallenlandes, welches einen großen See umschließt. Das den Deutschen (andere besitzende Europäer sind nicht auf der Insel) gehörige Land trägt eine reiche Auswahl von Früchten, Gemüsen und Blumen, was dadurch ermöglicht wurde, daß mit großen Kosten von andern Inseln guter Mutterboden hierher gebracht und das Korallenland damit bedeckt worden ist. Das Land der Eingeborenen trägt nur Kokosnußbäume und hier und da kleine Anpflanzungen von kartoffelähnlichen Erdfrüchten. Die deutsche Ansiedelung macht mit ihren bequemen Wohnhäusern und großen Vorrathsmagazinen, mit ihren herrschaftlichen Umzäunungen, gut gehaltenen Wegen und weithin sichtbaren mastenartigen Flaggenstangen einen sehr stattlichen Eindruck; die Dörfer der Eingeborenen, aus elenden schmutzigen Hütten bestehend, liegen verstreut unter den Kokosnußbäumen. Nur der König hat ein ganz nettes kleines, hölzernes Haus, welches luftig und sauber gehalten ist. Es besteht aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer, die Dielen sind mit Matten belegt, die Wände mit einer Uhr und einigen einfachen Bildern verziert; ein hölzernes Bett, ein ebensolcher Tisch und einige Stühle bilden das Mobiliar. Die Küche liegt neben dem Hause in einer ortsüblichen Hütte. Die Hütten der Eingeborenen bilden einen mit einem niedrigen Laubdach bedeckten und rundherum mit trockenen Blättern und Reisern geschlossenen Raum, welcher eben Platz genug bietet, daß die Familie auf dem unbedeckten Boden liegen kann. Die Küche befindet sich hier ebenfalls in einem Nebenraume. Die Häuser der Weißen sowol wie die Hütten der Eingeborenen liegen alle an der gegen den vorherrschend starken Passat geschützten Innenseite der Insel, an der Lagune, wo die Ankerplätze der Schiffe sich befinden, wo gegen den Wind geschützt überhaupt nur Pflanzen gedeihen, die Eingeborenen fischen und von wo aus sie mit ihren leichten Kanus ohne Gefahr Reisen nach einem andern Theile der Insel machen können. Allerdings findet man auch an der Windseite der Insel noch Wohngelasse, doch nur solche zu ganz besondern Zwecken. Die beiden deutschen Häuser haben jedes dort ein kleines Lusthäuschen mit regenfestem Dach und durchbrochenen gitterähnlichen Wänden, von wo aus man einen freien großartigen Ueberblick auf das weite unbegrenzte Weltmeer und auf die am Strande wenige Schritte vom Beschauer hochauflaufende majestätische Brandung hat. Hier ist es, wo man zu jeder Tageszeit und namentlich des Abends, wenn der abgeflaute Wind nicht mehr die Kraft besitzt bis zu den Wohnhäusern vorzudringen und sie zu durchstreichen, Ruhe und Erfrischung findet, wo man gegen die Mosquitos, welche sich dann in den Wohnhäusern sehr unangenehm bemerkbar machen, geschützt ist.
Die an der Windseite gelegenen Hütten der Eingeborenen bieten nur Platz für je eine Person und werden nur von Frauenzimmern bezogen. Jede Familie hat dort, je nach ihrem Bedürfniß, ein oder mehrere solch kleiner Hütten, wo die erwachsenen weiblichen Familienmitglieder allmonatlich einige Tage absitzen, woraus wol gefolgert werden darf, daß die Frau während dieser Zeit für unrein gehalten wird und deshalb fern von der eigentlichen Wohnung, dem Winde ausgesetzt, den Abschluß dieses Zustandes abwarten muß. Es mag hier eingefügt werden, daß auf den Marshall-Inseln Vielweiberei besteht und das Christenthum nach dieser Richtung noch keinen Wandel geschaffen hat.
Der hiesige Menschenschlag ist sehr verschieden von demjenigen der südlich vom Aequator liegenden Inseln. Mit wenigen Ausnahmen sind die Männer durchweg klein, die Frauen sehr klein. Besonders auffallend sind die winzigen Köpfe dieser Insulaner, deren lange schmale Gesichter sich von den runden der Bewohner der Kingsmill- und andern Inseln vornehmlich durch eine sehr schmale Stirn und geschlitzte Augen unterscheiden, mithin dem Malaientypus näher kommen. Die Männer tragen das Kopfhaar kurzgeschnitten oder 'à la Chinois', flechten den Schopf aber nicht in einen Zopf, sondern binden das Haar nur kurz ab, sodaß es über dem Band wie ein Roßschweif lose nach hinten oder als ein kurzer Stummel nach oben wegsteht. Das Haar der Frauen ist in der Mitte gescheitelt und hängt schlicht bis auf die Schultern herab. Hier tritt auch die in der Ellice-Gruppe gefundene Sitte, die Ohrlappen zu durchbohren und zu einem großen Ring zu erweitern, welche wir in der Kingsmill-Gruppe nicht beobachtet haben, wieder auf. Die Männer sind in der Regel im Gesicht und auf dem Oberkörper in der Weise tätowirt, daß gezackte Linien in gleichen Abständen horizontal quer über Gesicht und Brust laufen und der Haut ein Ansehen geben, als ob sie damascirt sei; die Frauen sollen sich auch tätowiren, doch habe ich es nicht gesehen. Die Körperbildung ist bei beiden Geschlechtern schmächtig, wohlgenährte runde Glieder ohne auffallende Formenschönheit. Ganz eigenartig ist die Kleidung, denn wenn die Frauen hier in der Hauptstadt, infolge des Einflusses der hier lebenden Europäer, vielfach auch lange Gewänder tragen, so ist dies doch nur eine Zugabe zu ihrer eigentlichen nationalen Tracht, welche sich stets noch unter diesem Gewand auf dem Körper befindet. Als das Hauptstück der Kleidung, welches das kunstreichste ist und von beiden Geschlechtern gleich getragen wird, möchte ich den Gürtel bezeichnen, an welchem die eigentliche Kleidung befestigt wird. Dieser Gürtel, welcher nur zum Baden, sonst nie von dem Körper gelöst wird, ist eine Schnur, ¾ cm dick, und so lang, daß sie 10-12 mal um den Leib geschlungen dort eine Wulst von der Stärke eines dünnen Armes bildet. Um die Seele von Bast ist aus feinen schwarz und weißen Fäden desselben Materials ein kunstvolles Gewebe gelegt. Das Kleid der Männer ist ein aus ½ cm breiten, gewöhnlich weißen, zuweilen aber auch schwarzen Baststreifen zusammengesetzter Rock, welcher durch die Masse der verwendeten dünnen Streifen eine erhebliche Dicke und Fülle erhält. Der Rock ist so lang, daß er von der Taille bis zum Fußboden reicht, bedeckt aber in der ortsüblichen Weise auf den Körper gelegt unterrockartig nur den Theil vom Magen bis zu den Knien und gibt diesen Leuten nach meinem Geschmack ein ebenso unschönes weibisches Aussehen, wie die so vielgefeierten Nationalunterröcke der modernen Griechen es diesen Männern geben.
Die Befestigung dieses Bastrockes auf dem Körper geschieht in der Weise, daß zwei von dem Leibband des Rockes auslaufende Tragebänder von oben durch den vorher beschriebenen Gürtel nach unten durchgesteckt und zwischen die Beine genommen werden, dann der Rock bis auf die richtige Höhe nach oben gezogen und nun unter denselben ein zweiter dicker Gürtel gelegt wird, welcher den Rock in seiner richtigen Lage hält und ihm ein tischartiges Aussehen gibt. Dieser Rock bildet die ganze Bekleidung, da Kopf wie die übrigen Körpertheile unbedeckt bleiben.
Die Kleidung der Weiber, welche nur ebensoviel bedeckt wie die der Männer, besteht aus zwei schmalen Matten, von welchen eine vorn, die andere hinten getragen wird. Diese feingelegten weißen Matten mit eingewebten rothbraunen Figuren, gewöhnlich in Form einer breiten Borte um den weißen Grund, werden in einfacher Weise nur von oben und außen in den mehrgenannten Gürtel eingesteckt, sodaß dieser unter den Matten liegt und nicht sichtbar ist. Auffällig war mir, daß die hintere Matte zuerst aufgelegt wird und die vordere daher die erstere zum großen Theil bedeckt, sodaß zum Abnehmen des Kleides auch stets die vordere zuerst abgelegt werden muß. Dies ist eine merkwürdige Sitte, denn da die Matten ziemlich steif sind, so müssen die Frauen zu gewissen körperlichen Verrichtungen sich stets ganz entkleiden.
Die Nahrung auf diesen Inseln besteht in dem, was Boden und Meer liefern, mithin, wie auf allen Koralleninseln, vornehmlich aus Kokosnuß und Fischen, Krebsen und Muscheln.
So unsauber die Wohnungen aussehen, so reinlich sind die Leute doch an ihrem Körper, und es muß namentlich hervorgehoben werden, daß keinerlei Auswurf des menschlichen Körpers in der Nähe der Hütten geduldet wird. Aborte existiren hier nicht, ihre Stelle vertritt der Strand. Des Morgens, und wenn der Wasserstand es irgend erlaubt bei Niedrigwasser, gehen die Leute nach dem Strande und verrichten dort eins der natürlichsten menschlichen Geschäfte in der ungenirtesten Weise. Da hockt groß und klein, jung und alt unbekümmert um das Geschlecht nebeneinander. Das steigende Wasser der Flut übernimmt die Abfuhr und gibt dem Strande die frühere Reinheit wieder. Die Reinlichkeit wird in diesem Punkte auf das strengste beachtet, wie ich zu sehen Gelegenheit hatte. Als ich eines Abends spät gegen 1 Uhr einen der deutschen Herren verließ, um zum Schiffe zurückzukehren, wurde ich bei dem Dorfe durch ganz jämmerliches Kindergeschrei aufmerksam gemacht. Ich ging zu der Stelle hin und sah einen Mann mit einem Kinde auf dem Arm aus einer Hütte treten und nach dem Strande zu gehen. Das Kind schrie, als ob es ertränkt werden sollte, und ich folgte daher in einiger Entfernung. Am Strande angelangt setzte der Mann das Kind auf den Sand und blieb neben ihm stehen, bis dieses allmählich verstummend Erleichterung gefunden hatte, nahm es dann wieder auf den Arm und kehrte zu seiner Hütte zurück.
Wie schon erwähnt, besteht hier Vielweiberei, doch können nur solche sich diesen Luxus gestatten, welche mehrere Frauen zu ernähren im Stande sind. Eine besondere Gerechtsame der Vornehmen ist auch, daß der Höhere dem Niedern seine Frau wegnehmen und diese seinem Hausstande zuführen kann. So hat der frühere König einem kleinen Häuptling dessen Frau weggenommen und sie zu seiner Hauptfrau gemacht. Nach dem Tode des Königs ging die Frau aber zu ihrem frühern Mann, einem hübschen Kerl, zurück und hierdurch wurde der kleine Häuptling nun so gehoben, daß ihm die Königswürde zufiel und er jetzt der König Lebon (oder Kabua wie er auch genannt wird) ist.
Die Stellung der Frauen auf den Südseeinseln ist eine ganz eigenthümliche, denn wenn sie auch auf vielen Inseln nicht für voll angesehen werden, so spielen sie doch überall durch die Ehe eine hervorragende Rolle, ja es geht so weit, daß ein König zu Gunsten seines Sohnes zurücktritt, sobald dieser eine Frau heirathet, welche edleres Blut hat wie seine Mutter. So war auch hier die Frau des Lebon durch die Ehe mit dem frühern König so geadelt worden, daß nach dessen Tode nicht ihr mit diesem gezeugter Sohn Letabalin, sondern ihr neuer Mann die Königswürde erhielt. Andererseits wird nun wieder nach dem Tode Lebon’s nicht sein Sohn, sondern sein Stiefsohn Letabalin in die Rechte seines früher verstorbenen Vaters eintreten. Spaß machten mir die ehelichen Verhältnisse dieses jungen siebzehnjährigen Königssohnes, welcher schon zwei Frauen hat, vorläufig aber nur die ältere als solche ansieht und die jüngere, obgleich er schon seit einem Jahre mit ihr verheirathet ist, in ihrem jungfräulichen Stande gewissermaßen als Reserve behandelt. Er kommt mir vor wie ein Kind, welches sich ein besonders schönes Stück Zuckerzeug aufhebt, um beim Genuß weniger guter Sachen sich durch die Aussicht auf Besseres zu entschädigen.
Der König Lebon kleidet sich sonst auch in die landesübliche Tracht, in welcher er auf unserm Bilde erscheint, doch hatte er sich uns zu Ehren einen neuen schwarzen Anzug gekauft und trug zum ersten mal in seinem Leben Schuh und Strümpfe. Er empfing mich, als ich ihm meinen Besuch machte, an der Thüre seines Hauses; in dem Zimmer saßen seine fünf Frauen in ihren besten Kleidern halbkreisförmig um unsere Stühle gruppirt. Lebon sah sehr verängstigt aus, weil er fürchtete, daß ich wegen verschiedener rückständiger Schulden über ihn zu Gericht sitzen würde; da die Gläubiger aber keine Reclamationen vorgebracht hatten, so blieb mir die Berührung dieser Sache erspart. Lebon thaute daher am nächsten Tage, nachdem die deutschen Herren ihm gesagt hatten, daß sie mir von ihren Forderungen keine Kenntniß gegeben hätten, auf und zeigte sich als ein ganz umgänglicher Mensch von verhältnißmäßig guten Umgangsformen. Der Landessitte gemäß erhielt ich von Lebon bei meinem ersten Besuch verschiedene Geschenke, einige schöne Matten und einen umsponnenen Speer; seine Frauen schenkten mir etwas von ihrem Schmuck, welcher als Halskette oder Stirnband getragen wird und aus Korallen- oder Schildpattstücken besteht, welche sorgsam bearbeitet durch Schnüre sauber und nett zusammengefügt sind.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen glaube ich zu meinen eigenen Erlebnissen zurückkehren zu können. Die Vormittage waren den Geschäften, die Nachmittage Festlichkeiten und die Abende zwanglosen Zusammenkünften in einem der deutschen Häuser oder an Bord der „Ariadne“ gewidmet. Hierbei spielte auch ein Kalb, welches ich von Apia aus mitgebracht und den Herren an Land zur Verfügung gestellt hatte, insofern eine Rolle, als die hier lebenden Deutschen seit langer Zeit kein ordentliches Stück frisches Fleisch zu Gesicht bekommen hatten. Die Geschäfte brauche ich hier nicht weiter zu berühren, kann daher gleich zu den Festlichkeiten übergehen.
Am Tage unserer Ankunft wurden von Lebon gleich die Vorbereitungen für einen am nächsten Tage abzuhaltenden Kriegstanz getroffen, welcher programmmäßig am 27. nachmittags stattfand. Nachdem wir uns an einem schönen schattigen Platze unter Kokospalmen versammelt und Platz genommen hatten, setzten sich die mit Trommeln und ihren Naturstimmen das Orchester bildenden Frauenzimmer in zwei Gliedern neben uns auf die Erde, während das Volk in respectvoller Entfernung unter den Bäumen Aufstellung nahm. Dann erschienen die tanzenden Krieger, etwa 18 an der Zahl, sämmtlich Häuptlinge. Dieselben waren in dem eingangs beschriebenen Nationalcostüm und hatten demselben als Festschmuck noch mancherlei hinzugefügt. Hahnenfedern im Haarschopf, aus einzelnen Blättern zusammengefügte Laubketten um den Hals, Stirnbänder aus Korallenstücken oder getrocknetem Zuckerrohrblatt, Band von Zuckerrohrblatt mit Federn um Oberarm und Knöchel und ein etwa 15 cm langes aufgerolltes Blatt in den Ohrlappen; der Oberkörper war mit Kokosnußöl gesalbt, glänzend blank, die Waffe vertrat ein armlanger Stock. Besonders auffallend sah Lebon aus, welcher zuletzt, nachdem alle versammelt waren, erschien und allein auf den Kampfplatz trat. Er hatte einen besonders reichen Federschmuck aus schwarzen Hahnenfedern, welcher sich gut ausnahm; dicke Federbüschel auf Ober- und Unterarm, kleine Büschel auf den Rücken der beiden Mittelfinger und einen Federkranz um die Knöchel, welche muffähnlich dem Bein einen guten Abschluß gaben.