Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 36
Während wir in der schattigen kühlen Hütte lagen, rauchten und die Königsfamilie mit Aepfelwein tractirten, entfernte sich der König auf kurze Zeit, um Befehle für einen Tanz zu geben und sich schön zu machen, denn bald kam er schmunzelnd in einem ganz neuen feinen grauen Tuchanzug wieder. Um uns herum wurde es in den Hütten lebendig, die Vorbereitungen für den Tanz nahmen ihren Anfang. Nach einer Stunde wurden wir nach einem andern Theil der Stadt in das dort liegende große Berathungshaus geführt. Dasselbe hat ungefähr dieselben Dimensionen und dieselbe Einrichtung wie das auf Tapituwea, nur daß hier an den Seiten unter dem Dach mehrere Todtenschädel in gleichmäßigen Abständen aufgestellt sind; dieselben sollen von erschlagenen Feinden herrühren, doch vermuthe ich, daß es die Schädel der vor sechs Jahren erschlagenen Schiffsmannschaft sind. In und bei dem Hause ist die ganze Bevölkerung des Platzes anwesend: die Tänzer und Tänzerinnen in dem Hause, die Zuschauer außerhalb desselben. Die tanzenden Männer stehen auf der einen schmalen Seite des Hauses, das Gesicht dem Allerheiligsten zugekehrt, die tanzenden Frauen ihnen gegenüber auf der andern Seite, sodaß sie sich gegenseitig ansehen. Beide Parteien sind in der Front je 16 Köpfe stark, in der Tiefe jedoch haben die Weiber neun Glieder, die Männer dagegen nur fünf. Es sind demnach bei dem Tanz etwa 140 Weiber und 80 Männer betheiligt. Der König lagert sich, mit dem Gesicht den Frauen zugekehrt, vor dem Allerheiligsten, wir nehmen mit dem Vater des Königs in der Mitte zwischen beiden Parteien an der einen Langseite des Hauses Platz. Weder der König noch wir werden bei unserm Eintreffen begrüßt, die Tänzer stehen in bequemer Haltung auf ihren Plätzen, verhalten sich ruhig und betrachten nur neugierig uns Fremdlinge. Ehe der Tanz beginnt verstreichen einige Minuten, welche uns gestatten, die vor uns stehenden Menschenreihen in Ruhe oberflächlich zu mustern. Die Männer unter sich, wie die Weiber sind ganz uniform bekleidet; die Männer tragen reine hellgelbe Matten, wie vorher schon beschrieben, die Weiber haben um den Hals und über ihrem schwarzen Grasgürtel einen grünen Blätterschmuck angelegt, welcher ihnen gut steht. Dieser Schmuck ist in der Weise aus dem Blatt der Kokospalme gewonnen, daß das Blatt in der Mitte seiner Rippe der Länge nach getheilt wird und je ein halbes Blatt als Gürtel oder als Halsband dient, indem die langen schmalen Blätter strahlenförmig herabhängen. In beiden Lagern sind die ältern Mitglieder in den ersten Reihen, die jungen und hübschen stehen hinten, wol weil sie noch nicht sicher genug sind, und ganz hinten stehen die Kinder, für welche eine derartige Aufführung gleichzeitig eine Unterrichtsstunde ist.
In den Reihen der Männer fällt mir, noch mehr als dies in Tapituwea der Fall war, die große Verschiedenheit in den Gesichtszügen auf. Da stehen gerade vor mir drei Männer mit so charakteristischen Köpfen, daß ich nicht umhin kann, sie mit europäischen Männern und zwar mit solchen ganz bestimmter Berufsklassen zu vergleichen. Der eine ist ein großer, stattlicher, starker Mann, 40-50 Jahre alt, mit kurzer dicker Nase, langem bis unter die Ohren reichenden Haupthaar und kurz geschnittenem Bart, welcher, als schmale Krause von den Ohren unter das Kinn laufend, das sonst sorgfältig rasirte breite Gesicht einrahmt. Der Mann gibt das getreue Abbild eines in guten Verhältnissen lebenden Pädagogen. Neben diesem steht in gebückter Haltung ein altes dürres Männchen mit schmalem Gesicht, feiner, schmaler, schön geformter Nase und stechenden Augen, welcher das dünne graue Haar von der hohen Stirn und aus den Schläfen nach hinten gestrichen hat, ein langer grauer Bart fällt bis auf die Brust herab. Bei uns würde der Mann als tiefer Denker und Gelehrter passiren. Der dritte ist eine merkwürdige Erscheinung, wie sie im Leben nur selten angetroffen wird und die man dann als etwas Räthselhaftes betrachtet. Auf Bildern aus der Biblischen Geschichte figuriren solche Gestalten als Apostel oder als Märtyrer aus der ersten Christenzeit. Der Mann ist über sechs Fuß groß mit auffallend schmalen Schultern, das in der Mitte gescheitelte und bis auf die Schulter herabfallende Haar umrahmt ein schmales feines Gesicht, die tiefliegenden Augen strahlen ein fanatisches Feuer aus, eine auffallend feine, etwas gebogene Nase veredelt das nur mit einem kleinen dünnen Schnurrbart versehene Gesicht, aus welchem über den eingefallenen fleischlosen Backen die Backenknochen scharf hervortreten. Der ganze Körper, welchem jede Rundung fehlt, zeigt nur Muskeln und Sehnen und gibt so das Bild eines zähen, widerstandsfähigen Menschen, dessen Gesichtsausdruck zu sagen scheint, daß die in dieser zähen Hülle wohnende Seele auch den Körper zu jeder That zu zwingen weiß, wenn es gilt, einen gefaßten Entschluß durchzuführen.
Wenn es mich nicht zu weit führte, könnte ich noch ein halbes Dutzend solcher charakteristisch aussehender Menschen beschreiben, doch genügen wol diese drei Beispiele allein zum Verständniß der merkwürdigen Empfindung, welche mich beschlich, als ich bedachte, daß diese Männer nun vor uns einen sinnlosen Tanz aufführen sollten.
Die Reihen der Weiber zeigen auf den ersten Blick, daß hier die ganze Stadt zu dem Tanze aufgeboten ist, denn in denselben ist nicht nur jedes Alter vertreten, sondern auch die alte Mutter und die Schwester des Königs füllen ihren Platz unter den Tänzerinnen aus.
Die Weiber beginnen den Tanz, ihnen folgen nachher die Männer, und so geht es abwechselnd eine Stunde lang fort, indem immer eine Partei tanzt und die andere währenddessen ruht. Hätten wir die Zeit, Geduld und Lust gehabt, dem Tanze länger zuzusehen, dann würden die Leute wol mehrere Stunden mit diesem Vergnügen ausgefüllt haben, welches keine Abwechselung bietet, da der Tanz auf beiden Seiten immer in denselben Bewegungen besteht und die kleinen Abweichungen, welche durch den Sinn des Darzustellenden bedingt werden, kaum in die Augen fallen oder doch von uns nicht verstanden wurden. Zu jedem Tanz werden einige sich stets wiederholende Strophen gesungen, deren Worte die Erklärung des Tanzes, die Töne die erforderliche monotone Musik geben. Die Durchführung des Tanzes ist im ganzen tadellos, Gesang und Bewegungen halten sich in so vollkommenem Rhythmus, daß die ganze Masse nur von =einem= Willen geleitet zu sein scheint und sich in Bezug auf Gleichmäßigkeit der ganzen Handlung mit dem besten europäischen Ballet messen kann. Die Darstellungen beziehen sich natürlich nur auf Episoden, welche in dem Leben dieser Insulaner vorkommen. Der Tanz der Männer soll vorzugsweise den Krieg, Walfisch- und Haifischfang u. dgl. vorstellen; der der Weiber gibt im Bilde die Begrüßung von Gästen, Fischfang, Nachhut im Kriege, Bootsfahrten u. s. w. wieder. Der Tanz der Männer besteht hauptsächlich darin, daß sie auf ihrem Platze ein Bein nach dem andern schnell aufheben, sich jäh von einer Seite zur andern drehen und dabei mit der flachen linken Hand auf die steife Matte, mit der hohlen rechten sich unter die linke Brust schlagen und so den Lärm des Gesanges noch durch ein geräuschvolles Geklapper und Geklatsche unterstützen. Ein oder zwei Vorsänger, welche nur mit den Armen gesticuliren, singen erst eine Strophe, auf welche dann die ganze Masse mit den obengenannten Bewegungen, mit Gesang, Geklapper und Geklatsche einfällt. Beim Walfischfang treten noch Bewegungen des Oberkörpers hinzu, welche das angestrengte Ziehen verbildlichen sollen, das zum Aufschleppen des Fisches auf das Land erforderlich ist. Beim Kriege werfen sich plötzlich alle bis auf zwei Führer als todt nieder, bis sie von diesen wieder zum Leben zurückgerufen werden. Der Haupteindruck eines solchen Tanzes auf den Europäer ist der eines ganz ungeheuern Lärmens.
Der Tanz der Weiber unterscheidet sich insofern auffallend von demjenigen der Männer, als er in sanften und ruhigen Bewegungen besteht, während dieser einen durchaus jähen und wilden Charakter hat. Dies ist deshalb merkwürdig, weil auf den Südsee-Inseln sonst die Weiber nicht nur die Männer in feuriger und leidenschaftlicher Ausführung des Tanzes zu übertreffen suchen, sondern sie auch wirklich übertreffen, wenigstens ist dies auf den Gesellschafts- und Samoa-Inseln der Fall. Der Tanz der Frauen besteht hier eigentlich nur in graziösen Armbewegungen und die Beine treten nur in Action, um den Körper in gemessenem Tempo nach rechts und links zu drehen, einige Schritte zurückzugehen und dann wieder den alten Platz einzunehmen, wobei das Ganze ohne Commando so exact arbeitet, wie es eine gut einexerzirte Truppe auf dem Paradeplatz nicht besser machen kann. Zuweilen allerdings wird auch der Plan insofern verändert, als die vordern Reihen nach hinten gehen und die hinten stehenden nach vorn durchpassiren lassen, und dies ist dann der Zeitpunkt, wo man einen Blick auf die jugendlichen Gestalten werfen kann. Der Gesang, welcher mit vollen Lungen und so kräftig wie möglich gegeben wird, erhält auch noch eine Verstärkung durch Klatschen, doch lassen die Frauen ihre linke Hand nur leicht auf den raschelnden Grasschurz fallen, was ein leises Rauschen verursacht; mit der hohlen rechten Hand schlagen sie sich aber auch ganz kräftig unter die linke Brust, doch immerhin etwas zarter als die Männer dies thun. Eine Darstellung, welche für uns wahrhaft ohrenzerreißend war, scheint in besonderm Ansehen zu stehen; bei dieser bemüht sich jedes Frauenzimmer, von dem ältesten Mütterchen bis zum kleinen Kinde, im höchsten Discant so laut wie möglich zu kreischen, und was das in solch geschlossenem Hause von über 140 kräftigen Lungen ausgeführt zu bedeuten hat, kann jeder sich gewiß denken. In grellem Gegensatz zu diesem Höllenlärm, welcher wahrscheinlich im Kampfe den Gegner schrecken und die streitenden Männer der eigenen Partei unterstützen soll, steht die Schilderung einer Bootsfahrt. Mit leisem Gesang und ganz leisem Geklatsche beginnt die Gruppe sich nach rechts und links, vorwärts und rückwärts zu bewegen; das Ganze wogt in schönster Gleichmäßigkeit auf und ab und die Intervalle zwischen den einzelnen Personen sind mit schönen Armen ausgefüllt, welche die Ruderbewegungen nachahmen. Gesang und Klatschen werden immer leiser, nur ein leises Summen ist noch zu hören, auch dieses verstummt, und der Zuschauer, welcher vorher durch den Lärm zu sehr in Anspruch genommen wurde, findet jetzt erst Gelegenheit, die schönen hin- und herschwebenden Gestalten zu bewundern und sich an dem vortrefflichen Beinwerk zu erfreuen, welches die Natur diesen Menschen geschenkt hat. Es ist wirklich ein Genuß, dieses leichte Spiel der schönen Glieder zu sehen.
Als abweichend von den Tänzen anderer Inselvölker, wo die ganze Leidenschaft sich in den Gesichtszügen abspiegelt, fiel mir hier auf, daß Männer wie Frauen ihren Gesichtsausdruck an dem Tanze nicht theilnehmen ließen und diesem nach unsern Begriffen somit einen höhern Kunstwerth verleihen, indem der Zuschauer sich eben ganz in die mimische Darstellung der durch die Körperbewegungen angedeuteten Bilder vertiefen kann.
Der König zeigte anscheinend, ebenso wie die andern Zuschauer, wenig Interesse an dem Tanz und beschäftigte sich während der ganzen Zeit mit einem etwa sieben Jahre alten weißen Kinde, welches ihm kurz nach dem Beginn des Tanzes gebracht worden war. Auf meine erstaunte Frage, wie das weiße Kind hierher käme, wurde mir geantwortet, daß es ein Kind einer Schwester des Königs und ein Albino sei, welche hier wie in Polynesien häufig vorkommen. Sobald man erst darauf aufmerksam gemacht war, konnte man aus dem scheuen Wesen des Kindes auch schon aus der Entfernung den Albino erkennen. Der König selbst ist kinderlos und hat nur adoptirte Töchter, da hier wie auch bei den Samoanern jeder hohe Häuptling zur Aufrechterhaltung seiner Stellung eine erwachsene Tochter haben muß. Dieselbe ist gewissermaßen eine unentbehrliche Hofcharge.
Als wir genug gesehen hatten, ließ ich dem König mittheilen, daß ich jetzt auf mein Schiff zurückfahren würde, und lud ihn gleichzeitig ein, mit mir zu kommen, um sich das Schiff anzusehen. Er nahm die Einladung an, wir gingen zu meinem Boot, wurden dort indeß noch etwas zurückgehalten, weil der König mir als Geschenk Waffen und Kokosnüsse zugedacht hatte, welche noch nicht zur Stelle waren. Ich erhielt einige sehr schön gearbeitete Speere, eine kurze dolchähnliche Waffe, einen Panzer aus Kokosnußfasern und mehrere hundert Kokosnüsse, im ganzen so viel, daß in der Gig für uns kaum Platz übrigblieb und wir für die lange Fahrt nur sehr unbequeme und harte Sitze fanden. Endlich gegen 4 Uhr kamen wir fort, nachdem die Einschiffung des Königs noch einige Schwierigkeiten gemacht hatte. Er erwies sich als zu schwer, um von zwei Matrosen durch das Wasser bis zum Boot getragen zu werden, der Versuch wurde daher aufgegeben und auf Zuruf kamen dann aus seinem Kanu vier Eingeborene mit einer Art tragbarer Brücke, auf welcher der König stehend bis zum Boot getragen wurde. Die Dampfpinnasse spannte sich vor mein Boot, wir dampften ab, des Königs Kanu folgte unter Segel; so kamen wir kurz nach 5 Uhr auf der „Ariadne“ an. Der dicke König war durch die Seefahrt, durch das unbequeme Sitzen und schließlich durch die Angst bei dem nicht ganz gefahrlosen Aussteigen, das für einen so beleibten Herrn bei dem hohen Seegang und dem starken Strom äußerst schwierig war, so angegriffen, daß ich ihn vor allen Dingen speisen und tränken mußte. Ein kaltes gebratenes Huhn beschrieb, von seinen Händen gefaßt, vor seinem Gesicht die wunderlichsten Linien und wurde zusehends dünner, die halbe Flasche Champagner war so schnell leer, daß der königliche Herr mit strahlendem Gesicht um eine zweite bat. Die Befriedigung, welche Essen und Trinken hervorgebracht, hielt allerdings nicht lange an, denn die dem König vorgemachten Exercitien mit blindem Schießen und Kleingewehr-Schnellfeuer waren bei ihm von so durchschlagender Wirkung, daß der arme Mann bleich und zitternd sich kaum zu halten vermochte und sich so scheu nach allen Seiten umsah, daß ich es für räthlich hielt, ihn schleunigst in ein geheimes Cabinet zu führen. Was er da gemacht, weiß ich nicht, nur so viel weiß ich, daß er nach einiger Zeit, wenn auch noch bleich, doch mit beruhigten Mienen wieder zum Vorschein kam. So viel steht aber fest, daß er an die Freude, welche er vorher beim Essen und Trinken empfunden hatte, nicht mehr dachte.
Wenn ich es wegen der vorgerückten Tageszeit auch schon aufgegeben hatte, noch an demselben Tage die Weiterreise anzutreten, so wollte ich doch den König nicht länger an Bord behalten, weil ich ihn wegen der in Ansehung des starken Stromes gefährlichen Passage noch vor Dunkelwerden sicher an Land sehen wollte. Der dicke Herr erhielt daher seine Geschenke, eine von dem Consul zu dem Zweck mitgebrachte Wanduhr, sowie sechs halbe Flaschen Champagner, und wurde dann in sein Kanu befördert.
Unsere samoanische Dolmetscherin, welche mit ihrem schneeweißen Bündelchen in der Hand dem König an Land folgte, hatte ein Kistchen Cigaretten erhalten. Beim Weggehen sagte noch der König, sich scheu umsehend, daß solch ein Schiff denn doch zu stark wäre, um dagegen kämpfen zu können; der Zweck, ihm Furcht vor den überlegenen Waffen der Europäer zu machen, war somit erreicht. Solche militärische Schaustellungen versehen den Eingeborenen gegenüber denselben Zweck wie ihre Tänze und werden von den Kriegsschiffen daher benutzt, um die von den Eingeborenen gegebenen Festlichkeiten zu erwidern, dabei gleichzeitig aber auch den Wilden die Macht einer solchen Kriegsmaschine zu zeigen und sie dadurch von Gewaltthätigkeiten gegen Angehörige derselben Flagge abzuhalten. Häufig allerdings begehen die Kriegsschiffe den Fehler, diesen Wilden mit den großen Kanonen etwas vorzuknallen, was verhältnißmäßig wenig Eindruck macht, weil sie dies schon oft gehört haben. Ein Schnellfeuer mit den Gewehren ist das, was die Wilden erzittern und erbeben macht, denn dieses fortwährende Geknatter ohne Aufhören, benimmt ihnen vollständig die Besinnung.
Während der Fahrt von der Stadt nach der „Ariadne“ zurück hatte der König mich wiederholt um eine Bescheinigung gebeten, daß ich auf seiner Insel alles in der besten Ordnung vorgefunden habe. Ich konnte ihm der Wahrheit gemäß antworten, daß ich, soweit die kurze Zeit mir einen Einblick gestattet habe, allerdings die beste Ordnung anerkennen müsse, ich aber trotzdem zur Ausstellung eines derartigen Zeugnisses mich nicht für befugt hielte. Würde er indeß in ein ähnliches Vertragsverhältniß wie der König von Funafuti zu uns treten, dann läge die Sache anders und ich würde dann gern seiner Bitte entsprechen. Ich wollte hierdurch den Boden für den Abschluß einer ähnlichen Uebereinkunft ebnen, weil der Mangel eines der Apamama-Schriftsprache mächtigen Dolmetschers mir nicht gestattete, schon jetzt in der Sache vorzugehen. Der König ließ sich erklären, um was es sich bei solcher Uebereinkunft handle, und war dann gleich zu dem Abschluß einer solchen bereit. Ich hätte nun im Beisein von Zeugen ihn eine in deutscher Sprache ausgefertigte Verhandlung mit seinem Handzeichen versehen lassen können, doch werden derartige Abmachungen so oft von böswilliger Seite als erschwindelt bezeichnet, daß ich ablehnte, unter dem Vorwande, er müsse selbst erst lesen und schreiben lernen, damit er auch selbst den Inhalt der niedergeschriebenen Abmachung beurtheilen könne. Hierbei kam denn nun heraus, daß der König schon mit dem Studium des Lesens und Schreibens begonnen hat und zwar, um den Unterricht seiner Unterthanen zu ermöglichen. Er will nicht zugeben, daß seine Unterthanen mehr wissen wie er selbst, und hat sich als tüchtiger Landesvater daher dazu entschlossen, selbst sofort das Nothwendige zu lernen, um der Fortbildung seiner Unterthanen nicht im Wege zu stehen. Nach allem, was ich hier gesehen habe, komme ich zu dem Schluß, daß der König von Apamama in seiner Sphäre ein hervorragender Mann ist und entschiedene Herrschertugenden besitzt.
Am nächsten Morgen, am 22., verließ ich Apamama wieder und langte am 23. nachmittags vor der Insel Taritari an, welche im Verein mit Makin das nördlichste Königreich der Kingsmill- (Gilbert-)Inseln bildet. Ich hatte die Absicht in die Lagune einzulaufen, fand aber die Karte so falsch, daß ich mich an die Einfahrt mit dem Loth erst hinanfühlen mußte und das kostet viel Zeit. Da wir außerdem auch noch vielfach durch Gewitterböen, welche alles in dichten Regen hüllten und somit jedes Erkennen des Landes und der Untiefen unmöglich machten, belästigt wurden, so rückte der Abend heran, die Dunkelheit überraschte uns in der Einfahrt und ich mußte gezwungenermaßen da, wo ich mich gerade befand, ankern, weil wir andererseits wieder zu weit vorgedrungen waren, um noch bei Tageslicht die offene See zurückgewinnen zu können. Unser Zweck war hier nur eine Recognoscirung, ob diesem Platze oder Apamama der Vorzug als Centralstation für den Handel zwischen diesen Inseln zu geben sei, um danach beurtheilen zu können, welches die bessere Kohlenstation sei, für den Fall, daß unsere Regierung eine solche hier zu erwerben wünsche; ich hatte daher unsern Aufenthalt hierselbst auf nur 24 Stunden angesetzt.
Zu guter Zeit machten wir uns am nächsten Tage bei trübem Wetter mit den Booten auf den Weg nach dem mehrere Seemeilen entfernten Wohnort des Königs. Nach einer zweistündigen Fahrt, während welcher auch das Fahrwasser daraufhin untersucht wurde, ob es brauchbar für größere Schiffe sei, langten wir endlich bei der sogenannten Stadt an und hatten, da es gerade Niedrigwasser war, einen weiten Weg durch nassen Sand zu machen. Der erste Eindruck, welchen wir beim Landen empfingen, war grundverschieden von dem, welchen wir von den letztbesuchten Inseln mitgebracht hatten. Obgleich diese Insel von derselben Formation und Bodenbeschaffenheit wie Apamama ist, von derselben Menschenrasse bewohnt wird und nur eine Tagereise von dieser entfernt liegt, ist hier doch alles anders und findet sich die einzige Uebereinstimmung nur in der Tracht der Frauen.
Die Wohnungen bestehen entweder in kleinen Hütten mit geschlossenen Seitenwänden, welche auf Pfählen ruhen und bei Hochwasser von der See unterspült werden, oder aus Hütten nach Art der Samoahäuser, d. h. aus hohen Laubdächern, die von vier Fuß hohen Pfählen getragen werden. Die erstere Art soll jedenfalls Schutz gegen die hier wie auf allen Südseeinseln herrschende Rattenplage gewähren. Die Frauen tragen, wie schon bemerkt, als Kleidung einen schmalen Grasschurz, die Männer ein Hüfttuch aus buntem Baumwollstoff, die Kinder beiderlei Geschlechts gehen bis zu einem ziemlich reifen Alter ganz nackt. Die Frauen tragen das Haar hinten länger, die Männer kürzer als auf den südlicher gelegenen Inseln. Tätowirung habe ich nicht wahrgenommen. Bei unserer Ankunft fanden wir so ziemlich die ganze männliche Bevölkerung betrunken und damit beschäftigt, der Branntweinflasche noch weiter zuzusprechen. Ob ein vor wenigen Tagen hier gewesener englischer Schooner die empfangenen Waaren mit diesem Gift bezahlt hatte oder ob das Getränk von hier wohnenden Chinesen gekauft war, um ein Fest zu feiern, weiß ich nicht; ich vermuthe aber das erstere. Um zum König zu gelangen, mußten wir einen Weg von etwa drei Viertelstunden zurücklegen, wobei wir ununterbrochen zur Rechten und Linken an Gruppen betrunkener Männer vorbeikamen. Hier und da versuchten zwei oder drei Weiber einen Mann wegzuschaffen; es werden wol seine Frauen gewesen sein. Trotzdem auf diesen Inseln ein Mangel an weiblicher Bevölkerung vorhanden ist, herrscht doch Vielweiberei. Nur die höhere Kaste darf sich den Luxus einer oder mehrerer Frauen gestatten, die Männer der niedern Kaste gelten als Sklaven und sind zur Ehelosigkeit verurtheilt.