Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 28
Ein Halbweißer, welcher an der östlichen Spitze von Apia ein Wirthshaus unterhält, hatte es übernommen, einen Tanz zusammenzubringen, und glaubte seine Aufgabe jedenfalls sehr schön gelöst zu haben, während ich beim Betreten des dafür in Aussicht genommenen Raumes einigermaßen enttäuscht war. Ein großer viereckiger, mit Laub geschmückter Saal war gewissermaßen als Theater hergerichtet, und die in Reihen aufgestellten Stühle waren bis auf die für mich und unsere Offiziere reservirten Plätze bereits alle mit Neugierigen besetzt, welche gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes das in der Stadt Apia jedenfalls seltene Schauspiel mitgenießen wollten. Ein kleiner Theil des Saales war an der einen Schmalseite als Bühne hergerichtet. Die amerikanischen Offiziere -- es war in den ersten Tagen ihrer Anwesenheit -- hatten sich auch eingefunden und der Commandant nahm an der einen Seite von mir Platz, während an der andern sich eine junge, auffallend hübsche und stattliche Samoanerin, welche ihren Oberkörper verhüllt trug, niederließ und von dem hinter mir sitzenden Wirth vor unserm Platznehmen als Toë, Tochter des Häuptlings Patiole, welchem der Theil der Stadt, wo wir uns befanden, gehört, vorgestellt wurde. Sie benahm sich hierbei nach unsern Begriffen ganz correct, lächelte verbindlich, reichte mir die Hand und setzte sich, während sie sich mit ihrer Kleidung zu schaffen machte, auf ihren Stuhl, als ob sie nie eine andere Sitzart kennen gelernt hätte. Sehr komisch kam es mir vor, daß sie zu dem Hinsetzen sich mit ihrem außerordentlich dürftigen Kleidchen beschäftigen mußte und dieser Handgriff gehört wol mit zur weiblichen Grazie. Die handelnden Personen gruppirten sich; sieben welke Weiber nahmen die Hauptplätze in der Mitte ein, indem sie sich in zwei Reihen mit gekreuzten Beinen so hinsetzten, daß vorn drei und in der zweiten Reihe, die Lücken der ersten ausfüllend, vier saßen. Der Oberkörper war nackt und glänzte von Kokosöl; als Lava-lava dienten grüne Grasschurze und als Schmuck hatten sie starkduftende dicke Kränze aus allem möglichen Laub um Hals und Hüften. Hinter diesen Hauptpersonen, den ganzen Raum bis zu den Seitenwänden ausfüllend, standen Eingeborene jeden Geschlechts und Alters, welche durch Händeklatschen den Gesang der Tänzerinnen begleiteten. Der Tanz besteht in der Hauptsache nur in graziösen Bewegungen der Arme, Hände, des Kopfes und Oberkörpers, ohne irgendetwas Bestimmtes damit darstellen zu wollen. Sehr begeistert war ich von dem Gebotenen nicht, glaube aber, daß in diesen Tänzen sowol Besseres geleistet werden kann, wie es auch zur richtigen Beurtheilung ihres Werthes nothwendig ist, sie öfter gesehen und etwas studirt zu haben, denn man wird sich erst an den Körperbewegungen erfreuen können, wenn man gelernt hat, die fürchterliche Gesangsbegleitung nicht mehr zu hören. Bei dem zweiten Tanz, um bei der einmal gewählten Bezeichnung der Schaustellung zu bleiben, waren die Leute schon warm geworden und die Händeklatscher ließen kurze Zurufe hören, auf welche hin die drei vordersten Tänzerinnen dann aufstanden, um mit Arm- und Beinbewegungen hin und her zu tänzeln. Doch traten bald zwei von ihnen wieder zurück und die ursprünglich mittelste blieb allein auf dem Plan, um sich mit geschickten Wendungen der Angriffe einiger Kinder zu erwehren, welche vorgestürzt waren und versuchten, ihr das Lava-lava herunterzureißen, womit sie schließlich auch Erfolg hatten. Doch als sich nun zeigte, daß sie unter dem Lava-lava noch ein kleines Zeugkleidchen anhatte, entstand ein ungeheures Lärmen unter den Eingeborenen, neue Angreifer stürmten hervor, bis die Gehetzte endlich ganz außer Athem sich auch dieses wegnehmen lassen mußte, wobei sie sich aber hinfallen ließ, um sich dann in geschickter Weise gleich wieder mit dem ihr sofort zurückgestellten Lava-lava zu bekleiden. Es mag sein, daß diese ganze Art der Darstellung von einem gewissen Reiz umgeben ist, wenn sie in ihrer Urwüchsigkeit im samoanischen Hause aus Liebe zur Sache und von frischen jungen Mädchen ausgeübt wird; hier aber von bezahlten Dirnen dargestellt, war es nicht besonders schön und ich ließ dies auch meiner Nachbarin, welche mein Urtheil hören wollte, mittheilen. Sie nickte dazu, wie mir schien mit strahlenden Augen und aufgeblähten Nasenflügeln, besann sich noch einen Augenblick, tauschte mit dem Wirth einige Worte aus und verließ dann den Saal. Ich wollte auch schon aufbrechen, weil ich von dem Vergnügen genug hatte, wurde aber von dem Wirth mit dem Bemerken zurückgehalten, daß Toë mir noch etwas vortanzen wolle, und wenige Minuten später erschien sie, nun mit nacktem und ebenfalls eingeöltem Oberkörper, eine rothe Beerenkette um den Hals, ein schmales grünes Laubband um jeden Ober- und halben Unterarm und ein ebensolches über und unter der Wade, umgeben von vier ähnlich geschmückten Männern. Die Zuschauer waren ganz geblendet, wie ein allgemeiner Ausruf der Ueberraschung andeutete, als dieses wundervoll gewachsene und in erster jungfräulicher Entwickelung befindliche Weib plötzlich so vor uns stand, in der Mitte der sie im Viereck umgebenden Männer und diese an Größe noch etwas überragend. Was uns aber noch größern Genuß gewährte, war der in ziemlich raschem Tempo mit kräftigen und geschmeidigen Bewegungen ausgeführte Tanz, bei welchem alle fünf Personen wirklich etwas Gutes und Schönes zeigten und der auf jeder großstädtischen europäischen Bühne, natürlich unter der Annahme einer etwas vollständigern Bekleidung, verdienten Beifall geerntet hätte. Ich war von Toë’s Einfall so entzückt, daß ich ihr am nächsten Tage einen goldenen Ring als Andenken schickte, wofür sie mir dann zwei Körbchen, ein Stück Tapa und einen Schildkrotring persönlich brachte. Da sie sowol, wie die mit ihr gekommenen Gesellschaftsdamen sämmtlich Busentücher trugen, wurden sie in das deutsche Consulat zwar hineingelassen, die Dame des Hauses betrachtete sie aber doch mit einem gewissen Mistrauen, weil sie alle jung und sehr hübsch waren. Herr Weber machte auch den jungen Mädchen dadurch noch eine besondere Freude, daß er sie von einem Diener durch das ganze Haus führen ließ, damit sie sich dasselbe ansehen konnten.
Eine andere Festlichkeit der Eingeborenen sahen wir bei Gelegenheit einer herrlichen Partie, zu welcher Herr Weber unsere dienstfreien Offiziere, den Commandanten des amerikanischen Kriegsschiffes nebst einigen Offizieren und die Herren seines Hauses eingeladen hatte.
An einem Sonnabend Nachmittag um 4 Uhr verließen wir Apia zu Pferde und trafen nach etwa 1½ Stunden auf der deutschen Plantage Vaitele ein, wo wir noch vor Einbruch der Dunkelheit das Mittagsmahl einnahmen und zwar auf dem vor dem Hause liegenden saubern mit Blumen eingerahmten Platz, mit einem schönen Blick auf die Berge und das Meer. Als es dunkel geworden war und wir erwartungsvoll der uns in Aussicht gestellten Waldmeisterbowle entgegensahen, obgleich wir eigentlich schon genug der guten Weine getrunken hatten, wurden unsere Blicke durch aus dem Walde ertönenden eigenartigen Gesang dorthin gelenkt, und unter den Bäumen hervor traten, umgeben von Fackelträgern, singende Weiber und Männer, welche in mit der getragenen Melodie übereinstimmendem langsamen Schritt auf uns zu kamen. Wir hatten uns inzwischen auch erhoben, um den Zug, welcher ein tonganisches Talolo darstellte, d. h. die Begrüßung von Gästen durch Ueberreichung von Geschenken, an uns vorbei passiren zu lassen. Die Leute waren eingewanderte Tonganer, welche sich hier in der nächsten Nähe der Plantage mit ihrem Häuptling niedergelassen haben und durch Herrn Weber veranlaßt worden waren, uns dieses seltene Schauspiel vorzuführen. Es war ein wunderbares traumhaftes Bild, welches sich uns bot, als unsere heitere Unterhaltung so plötzlich durch diese ernsten braunen Gestalten unterbrochen wurde, welche in der lauen Luft eines herrlichen Tropenabends aus dem dunkeln Waldesrand herausschwebten, mit ihrem Gesang uns verstummen machten, sich vor uns auf ein Knie niederließen, ihre Geschenke niederlegten und singend weiterzogen, bis sie, den Garten im Bogen umschreitend, im Walde wieder verschwanden. Nachdem die Geschenke, welche in Kokosnüssen, Früchten und Zuckerrohr bestanden, weggeräumt waren, nahmen wir unsere Plätze wieder ein und thaten beim Schein der Windlichter und umschwirrt von allerlei fliegendem Gethier dem wirklich vortrefflichen, mit getrocknetem Waldmeister hergestellten Getränk alle Ehre an, bis wir gegen 10 Uhr unser Nachtlager aufsuchten, d. h. in den zur Verfügung stehenden Räumen es uns auf dem Fußboden auf Decken so bequem machten, wie es nur möglich war. Am nächsten Morgen besichtigten wir die erst seit einem Jahre in Bearbeitung genommene Plantage, die Wohnungen der von den Kingsmill-Inseln stammenden Arbeiter, statteten dem tonganischen Dorf einen Besuch ab, und um 10 Uhr waren wir wieder zu Pferde, um das eigentliche Ziel unserer Partie, einen berühmten Badeplatz, zu besuchen. Nach einstündigem Ritt auf schlechtem und stark steigendem Wege durch dichten Wald, sodaß wir fast die Hälfte des Weges zum Schutz gegen die herunterhängenden Baumzweige auf dem Pferde liegen mußten, stießen wir auf einen rauschenden Fluß, welcher in einer hohen bewaldeten Schlucht über terrassenförmig gelagerte mächtige Felsblöcke herabstürzt. An der Stelle, wo wir aus dem Walde heraustraten, sind die Seitenwände der Schlucht etwas zurückgeschoben, sodaß wir einen schönen Lagerplatz für uns und genügenden Raum für die Pferde fanden. Hier sollte gebadet, gefrühstückt, gerastet und, nachdem die Sonne nicht mehr so hoch stand, von hier aus auch der Fluß überschritten und auf anderm Wege nach Apia zurückgekehrt werden. Die Umgebung ist ganz eigenartig, und ich kann mir wol denken, daß dieser Platz ein beliebter Ausflugsort der Samoaner und namentlich der Halbweißen ist, da die jungen Mädchen dieser Mischlinge hier in geschlossener Gesellschaft den Durst nach Schwimmkünsten, welcher nun einmal in dem samoanischen Theil ihres Blutes steckt, nach Herzenslust befriedigen können.
Von oben fällt aus der Schlucht, welche dort durch hohe Bäume abgeschlossen wird, das wilde Wasser als etwa 10 m hoher und 6-8 m breiter Wasserfall herunter in ein tiefes, vom Wasser ausgehöhltes Steinbecken, wo es sich schäumend und brodelnd austoben muß, da die Sohle des steinernen Bettes sich wieder hebt und dem Wildling nur eine Mächtigkeit von vielleicht ½ m gestattet. So fließt er denn an unserm Lagerplatz, welcher ungefähr 20 m von dem Fuß des Wasserfalls entfernt ist, schon wieder als klare, spiegelblanke, hellgrüne Masse eilig vorbei und über einen glatten, die ganze Breite des Flusses einnehmenden Felsrücken von 50-60° Neigung hinweg wieder in ein 8-10 m tiefer liegendes Becken und nach weitern 20 m noch einmal über solch einen gleichen Felsrücken, um dann wieder im Waldesdunkel zu verschwinden. Das Hauptvergnügen des Bades besteht nun darin, daß man aus dem obern tiefen Wasserbecken schwimmend so zu dem Felsrücken gelangt, daß man sitzend von dem schnellfließenden Wasser geschoben auf der glatten Steinfläche herunterrutscht, in dem untern Becken durch das eigene Gewicht tief untertaucht und dort dann dasselbe Kunststück mit dem zweiten Absatz macht. Zurück muß man natürlich auf dem Landwege und dann kann das Spiel von neuem beginnen, wenn man Lust dazu hat. Von uns hat keiner das Kunststück gewagt, mit Ausnahme eines deutschen Herrn aus Apia, welcher sich mit Viehzucht beschäftigt und die Stadt mit Butter versorgt und den Kniff aus seinen jüngern Jahren her kennt. So leicht und elegant auch der dicke Herr in seiner rothen Badehose mit fliegender Fahrt auf dem Steinrücken heruntersauste, unten im brodelnden Wasser verschwand, prustend wieder zum Vorschein kam und sich mit einigen geschickten Schwimmschlägen wieder in die richtige Lage brachte, um auch den zweiten Abrutsch zu nehmen, fand er unter uns doch keinen Nachfolger, als er keuchend den steilen Landweg wieder heraufkam und die Schwimmfahrt zum zweiten mal ausführte.
Wir begnügten uns mit dem Bad in dem obern Becken unter dem Wasserfall, frühstückten danach und machten uns um 3 Uhr auf den Heimweg durch den Wald und zwei schön gehaltene samoanische Städte, in deren einer wir auch einen Samoaner antrafen, welcher uns in gutem hamburger Plattdeutsch ansprach, das er auf einem deutschen Schiff gelernt hatte. Uns kam dies im ersten Augenblick höchst komisch vor, denn es wirkt immer frappirend, wenn man einen Fremdling eine Abart der eigenen Sprache sprechen hört. Wir langten zu guter Zeit in Apia an, sodaß wir uns vor dem Essen noch umziehen und etwas ausruhen konnten, und hiermit will ich in der Erinnerung an diesen schönen Ausflug meinen ersten Besuch der Samoa-Inseln abschließen.
9.
Sydney.
Sydney, 19. August 1878.
Seit heute Nachmittag befinden wir uns im Hafen von Sydney oder wol richtiger im Port Jackson, wie die Engländer ihn ohne Rücksicht auf den Namen der dazu gehörigen Stadt nennen. Die ganze Umgebung mit dem summenden Geräusch, welches einem großen Handelsplatz immer eigenthümlich ist, kommt mir wie eine neue ungewohnte Welt vor, da wir seit sechs Monaten nichts Derartiges mehr gesehen und gehört haben, denn mit dem Verlassen von Valparaiso hatten wir von europäischer Civilisation Abschied genommen, und nun liegen wir ohne einen ähnlichen vermittelnden Uebergang, wie wir ihn auf dem Wege =nach= den Südsee-Inseln doch in Panama und Nicaragua gefunden, plötzlich nicht mehr vor einer vom Passatwind umwehten und von Palmen umrauschten tropischen Insel, sondern inmitten eines Häusermeeres, vor dessen Steinmassen alle Naturgebilde zurücktreten müssen. Hier werden wir nun nach langer Zeit der Entbehrungen mancherlei Zerstreuung und all die Annehmlichkeiten wiederfinden, welche eine große, reiche und nur von Europäern bewohnte Stadt zu bieten vermag; aber neu wird es uns wieder sein, ganz unter der Menge zu verschwinden, nachdem wir so lange Zeit hindurch überall den Mittelpunkt gebildet haben. Und an den Vorzug, sich wieder einmal ungezwungen und ungekannt in neuer Umgebung frei bewegen zu können, muß man sich auch erst gewöhnen. Eins erinnerte mich übrigens bei unserer Ankunft hierselbst doch daran, daß wir uns noch in der fernen Südsee befinden: der englische Postbeamte, welcher sich bei mir nach mitgekommenen Postsachen erkundigte. In diesen Gewässern übernehmen noch Kriegs- wie Kauffahrteischiffe unentgeltlich die Beförderung der Post zwischen den Plätzen, welche noch keine Postdampferverbindung haben, und so hatten auch wir von dem Herausgeber der Samoa-Zeitung in Apia, welcher dort die Briefe für die australischen und neuseeländischen Postämter in Empfang nimmt, einen Briefbeutel mitgebracht, welchen ich dem Beamten nach Prüfung des unverletzten Verschlusses aushändigen ließ.
Das war eine lange Reise von Apia bis hierher. 25 Tage für nur 2400 Seemeilen macht im Durchschnitt nicht einmal eine deutsche Meile für die Stunde, und an der Unbeständigkeit der Witterung konnten wir wol merken, daß wir uns hier jetzt im südlichen Winter befinden. Seit der Zeit, wo wir die Passatzone verlassen haben -- am 30. Juli -- haben wir viel stürmisches Wetter angetroffen und ungünstigerweise immer nur Weststürme, welche uns keinen Nutzen brachten. Manches Segel ist uns bei den Böen weggeflogen, kleine Havarien in der Takelage fehlten auch nicht, und am ärgerlichsten war dabei immer noch, daß das Wetter sich diese schlechten Scherze vorzugsweise für die Nacht aufhob und so die Wache an Deck fast stets volle Arbeit für die Nächte bekam. Als ein großes Glück muß ich es indeß betrachten, daß wenigstens eine Bö, welche vorgestern das Schiff überfiel, uns am Tage und zu einer Zeit traf, wo wir gerade keine Segel führten, denn ich weiß nicht, in welchem Zustand oder wo die „Ariadne“ sich sonst jetzt befände. Wir standen am Vormittag des erwähnten Tages nur noch 200 Seemeilen von Sydney ab und der Wind war so unbeständig, daß ich Dampf machen ließ, um aus dieser Gegend herauszukommen, was uns allerdings nicht viel half, da schon im Laufe des Nachmittags ein Weststurm einsetzte, welcher uns zwang, bis gestern Mittag mit Sturmsegeln beizudrehen. Die Feuer unter den Kesseln waren also angesteckt und es konnte sich nur noch um eine Viertelstunde handeln, bis wir genügenden Dampfdruck hatten, um die Maschine in Gang setzen zu können, als von Süden her eine weiße Wolke mit stärkerm Wind heraufzog, welche zwar nicht besonders drohend aussah, mich aber doch veranlaßte, schon vor ihrem Eintreffen die Segel festmachen zu lassen, weil diese Arbeit während der Bö ja sehr viel schwerer sein mußte. Die Mannschaft war an Deck gerufen, die Segel wurden gegeit, die Marsraaen liefen herunter, die Matrosen enterten auf, die Segel verschwanden unter ihren Händen und in dem Augenblicke, wo die Leute die Takelage wieder verließen, setzte die Bö hell pfeifend von der Seite ein und gleich derart urplötzlich mit ihrer ganzen Kraft, daß das Schiff, obgleich keine Segel standen, mit einem Ruck 23° übergeneigt wurde und unter dem riesigen Winddruck so liegen blieb, bis die Wolke über uns weggezogen war, was etwa eine Minute währte. Da das Schiff zur Zeit ziemlich leicht war, weil Proviant, Kohlen und Wasser nahezu aufgezehrt waren, so lag die Gefahr nahe, daß es bei der Plötzlichkeit und Heftigkeit des ganzen Vorganges gekentert worden wäre, wenn es sich noch unter Segel befunden hätte. Denn wenn die Mars- und Untersegel nicht mehr rechtzeitig von ihren Fesseln hätten befreit und wirkungslos gemacht werden können, so würden diese starken Segel und die schwere Takelage bei dem verhältnißmäßig geringen Gegengewicht des Schiffsrumpfes wahrscheinlich den ersten Anprall ausgehalten haben ohne zu reißen und zu brechen und dann hätte die Korvette ein Ende gefunden, wie es in dieser Gegend schon manchem Schiff bereitet worden ist. Bei Tage schon wurde die Gefahr nicht in ihrer ganzen Größe vorher erkannt, aber es lag doch die Möglichkeit vor, im letzten Augenblicke noch durch Loswerfen aller Taue die Segel und einen Theil der Takelage preiszugeben und so das Schiff zu retten, bei Nacht aber wäre dies wahrscheinlich nicht mehr möglich gewesen, wenn die Wolke nicht etwa in der Dunkelheit sehr viel drohender ausgesehen und so zu größern Vorsichtsmaßregeln Veranlassung gegeben hätte.
Eines Tages begegneten wir einer Heerde kleiner Walfische, welche mit hohen Bogensprüngen aus dem Wasser heraus auf uns zueilten, etwa eine Stunde bei dem Schiff blieben, gleichen Curs mit ihm haltend, und dann wieder im weiten Meere verschwanden. Als die plumpen Thiere sich scheinbar so übermüthig in und über dem Wasser tummelten, kam mir der wunderliche Gedanke, daß das von ihnen empfundene Wohlbehagen und Vergnügen sich eigentlich auch in ihrem Gesichtsausdruck widerspiegeln müsse, und ich nahm unwillkürlich das Fernrohr zur Hand, um mir die schwarzen Gesellen genauer zu betrachten. Was ich an den Thieren aber fand, war nicht schön, denn an mehrern entdeckte ich frische Wunden, Stellen, wo 20-30 cm große Stücke Fleisch aus dem Körper herausgerissen waren und woraus ich glaube folgern zu müssen, daß die Fische nicht nur zum Vergnügen aus dem Wasser heraussprangen und an unser Schiff sich herandrängten, sondern dies thaten, um großen Raubfischen zu entgehen, da die Wunden wol auf den Biß eines Haifisches zurückgeführt werden mußten. Das Wasser war leider zur Zeit so bewegt, daß man mit dem Auge nicht unter die Oberfläche dringen konnte, denn sonst wäre es vielleicht möglich gewesen, den Räuber zu entdecken.
Das Beste und Schönste der Reise hierher war die Einfahrt in den hiesigen Hafen, wenngleich sich uns heute Vormittag, als wir bei schönem Wetter Land ansteuerten, Australien nicht von der vortheilhaftesten Seite zeigte, da die durch die 'Blue Mountains' gebildeten hohen Bergketten, deren obere Spitzen bei klarem Wetter von See aus zu sehen sein müssen, sich wie gewöhnlich in ihren bläulichen Dunst gehüllt hatten, daher für uns unsichtbar blieben und das erste australische Land, welches in unsern Gesichtskreis trat, die durchschnittlich nur 100 m hohe, kahle und öde Küste bei Sydney war, auf deren Kamm sich Leuchtthürme, Signal- und Flaggenmasten, sowie einige kleine Gebäude für die Küstenwache in klaren Umrissen von dem bläulichen Dunstkleid der weiter im Lande liegenden Berge abhoben. Mit unserm Vorschreiten entwickelt sich die Küste als eine steile graue Wand, welche nach den Angaben der Karte so jäh abfällt, daß an ihrem Fuß die Meerestiefe immer noch 14-20 m beträgt. Nördlich von den Leuchtthürmen, da, wo der Bug unsers Schiffes hingerichtet ist, wird ein Einschnitt, die 1800 m breite Einfahrt zum Port Jackson sichtbar, in welcher jetzt auch das Hinterland kenntlich wird und immer deutlichere Zeichnung annimmt. Wir dampfen in die Einfahrt, schlagen einen rechten Winkel nach links, steuern zwischen schwimmenden Seezeichen hindurch und an einem Feuerschiff vorbei über eine schmale Bank oder Barre von nur 7 m Wassertiefe, drehen nach einigen Minuten wieder nach rechts, und vor uns liegt eins der schönsten Hafenbilder einer geschäftigen großen Handelsstadt.