Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Part 26

Chapter 263,457 wordsPublic domain

Die Weigerung der armen Samoaner, welche überhaupt kein baares Geld in größern Summen besitzen, soll nun veranlaßt haben, daß dem amerikanischen Commandanten die Sache übergeben worden ist, welcher aber auch schwerlich die Zahlung wird erzwingen können, wenn er wirklich diese etwas zweifelhafte Angelegenheit sollte weiter verfolgen wollen. Und vor einer Vergewaltigung, wie Tahiti sie seinerzeit durch die Franzosen erfahren hat, sind die Samoaner ja gesichert, seitdem Saluafata und Falealili schon in fremden Händen sind, sodaß sie unter Umständen für diesen Gewaltstreich noch dankbar sein müßten, welche Auffassung sich in dem größten Theile des Landes und bei der Minderheit der Regierungsgewalten übrigens auch schon Bahn brechen soll. Um dem Wirrwarr die Krone aufzusetzen, soll nun auch noch der mehrerwähnte Consulatsbeamte sich ebenfalls um die Stelle eines ersten Ministers der Samoa-Regierung beworben und zu diesem Zwecke einen vom 24. Mai datirten Empfehlungsbrief Steinberger’s vorgelegt haben. Diesen Brief will einer der Herren von der Landcompagnie, welcher seine Sache hier verloren gibt und mich um eine Passage nach den Fidji-Inseln bat, gesehen haben. Die Folge davon ist, daß Bartlett nun sucht, mit uns Fühlung zu bekommen, um mit deutscher Hülfe den ihm in Aussicht gestellten Posten zu erlangen. Das kurze Ende der langen Geschichte ist, daß wir meines Erachtens das Spiel gewonnen haben und ich, trotzdem die Samoaner vorläufig noch abgelehnt haben, zur Wiedererlangung ihrer beiden Häfen mit uns den Deutschland verbrieften Vertrag abzuschließen, glaube ruhig die Reise nach Sydney wagen zu können, da der Consul allen Schwierigkeiten allein gewachsen sein dürfte, solange die erfolgte Beschlagnahme der Häfen zu Recht besteht und sofern sie von zuständiger Stelle gebilligt werden sollte.

So habe ich heute Morgen Apia verlassen und vor Antritt der Reise auf Wunsch des Consuls nur noch einen Abstecher nach der kleinen Insel Manono gemacht, da noch immer keine Nachricht von der erfolgten Bestrafung der Leute, welche mit dem französischen Priester den Angriff auf die deutsche Plantage gemacht hatten, eingetroffen war und der Consul vermuthete, daß die Regierung zu schwach sei, eine solche von der trotzigen Bevölkerung von Manono zu erzwingen. Nachdem der Gouverneur der Insel, um den angedrohten Maßregeln von unserer Seite zu entgehen, die Bestrafung zugesagt und versprochen hatte, darüber dem Consul zu berichten, kehrte dieser Herr in einem mitgenommenen offenen Boot nach Apia zurück, während wir die weite See aufsuchten, deren Wesen uns nach der langen Hafenzeit von fünf Wochen und der Ungewohntheit so langen Stillliegens beinahe fremd geworden ist.

Die Samoaner sind ein schöner Menschenschlag, die Männer groß und stattlich, die Frauen zierlich und fein gestaltet, von nur Mittelgröße. Aber nicht nur der Unterschied in der Körpergröße der beiden Geschlechter, welcher dem unserer kaukasischen Rasse entspricht, fällt auf, wenn man von Tahiti und den Gesellschafts-Inseln kommt, sondern auch die Aehnlichkeit der Charakterveranlagung mit unserer Rasse. Denn die Männer besitzen im allgemeinen die Tugenden, welche wir als männliche bezeichnen, und die Frauen sind, abweichend von ihren Schwestern auf den von mir bisjetzt besuchten polynesischen Inseln, sanft, einschmeichelnd und aufopferungsfähig, haben eine weiche Stimme und können in der Regel als häuslich veranlagt gelten. Wie mir erzählt wurde und was ich selbst schon erkannt zu haben glaube, halten die Samoaner auch streng auf Formen, beobachten in ihrem Verkehr feine Sitte und Anstand, sind außerordentlich gastfrei, reinlich an ihrem Körper wie in ihren Wohnungen und können in gewissem Sinne als ein Culturvolk betrachtet werden. So soll auch ihre Sprache der reinste und ausgebildetste der verschiedenen polynesischen Dialekte sein, sodaß man die Samoaner als die Aristokratie Polynesiens bezeichnet und aus den angeführten Gründen vielfach auch für das Stammvolk der Polynesier hält. Diese höhere Stufe soll ihnen auch von den Eingeborenen der Tonga- und Fidji-Inseln zuerkannt werden, gilt doch auch den letztern die Redewendung „Sie ist so schön wie eine Frau von Manono“ als Bezeichnung der höchsten Vollendung des Weibes, und streben doch die Häuptlingsfamilien beider Inselgruppen danach, für ihre Söhne Töchter aus vornehmer samoanischer Familie als Gattinnen zu erhalten. Auch sollen die jungen Männer Tongas es als höchstes zu erstrebendes Ziel betrachten, sich auf samoanische Art tätowiren zu lassen und oft dazu für einige Zeit nach den Samoa-Inseln übersiedeln, weil der König von Tonga auf seinen Inseln das Tätowiren verboten hat.

Vor dem niedern Volk zeichnen sich äußerlich die männlichen Mitglieder der Häuptlingsfamilien durch größere Gestalt aus und beide Geschlechter thun dies durch bessere Körperhaltung, denn wenn auch der gewöhnliche Mann sich im allgemeinen gut hält, so kann man dies doch nicht immer von den Frauen sagen, während die Häuptlingsdamen stets eine tadellose Haltung zur Schau tragen und einen auffallend stattlichen Gang haben. Schon nach wenigen Tagen konnte ich an diesen Merkmalen ziemlich sicher die Mitglieder der Häuptlingsfamilien erkennen. In die Augen fallend ist ferner, daß die Samoaner noch ziemlich streng an ihrer alten Lebensweise und ganz an ihrer alten Kleidung festhalten. Die einzige inzwischen eingeführte Aenderung der letztern besteht darin, daß an Stelle des alten für das Kleid verwendeten Stoffes europäische Baumwollgewebe getreten sind, doch tragen die Häuptlinge der obersten Klasse, wenn sie sich in Apia zeigen, auch neben dem nationalen Lava-lava noch ein weißes europäisches Hemd, und die wenigen wirklich zum Christenthum übergetretenen Frauen befleißigen sich, in der Stadt ein Stück Zeug, welches über den Kopf gestreift Brust und Rücken bis zu den Hüften bedeckt, umzuhängen. Doch legen die Leute diese ihnen immerhin fremden Kleidungsstücke ab, wenn sie bei festlichen Gelegenheiten ihre alten Staatskleider anlegen. Lange Frauenkleider, wie sie in Tahiti und auf den Gesellschafts-Inseln gebräuchlich sind, werden hier nur von den an Weiße oder Halbweiße verheiratheten Samoanerinnen und von den Dirnen, welche sich mit der Einwanderung der Europäer auch in Apia eingefunden haben, getragen, doch kann dies nicht als Fortschritt bezeichnet werden, da die Kleider meistentheils unsauber sind und die Unsauberkeit der Kleidung sich auch auf das Haus und den Körper überträgt. Diejenigen Eingeborenen, welche sich den Luxus eines Lava-lava aus Baumwollstoff noch nicht gestatten können, tragen solche aus Tapa, dem aus der Rinde des Maulbeerbaums hergestellten Stoff, oder begnügen sich mit einem bis zu den Knien reichenden Grasschurz. Eine Eigenthümlichkeit, welche mit der Kleidung in ursächlichem Zusammenhang zu stehen scheint, ist die Sitte, den Körper nur soweit zu tätowiren, als er in der Regel bekleidet getragen wird, nämlich von den Hüften bis etwas unter die Knie, und ich bringe dies mit dem scharf ausgeprägten Schamgefühl der Samoaner in Verbindung. Denn da bei den großen Festen die jungen Männer unbekleidet erscheinen und nur eine kleine Blätterschürze von etwa 25 cm Durchmesser haben, so wollen sie für diese Gelegenheiten die sonst bekleideten Körperflächen doch wenigstens durch Malerei bedeckt haben. Hierfür scheint auch der Umstand zu sprechen, daß nur die Männer regelrecht tätowirt sind und die Frauen sich mit einem kleinen Muster in der Form einer Brosche in der Kniekehle und einigen kleinen Sternen und dergleichen Zierstücken an den Lenden, einem Namen auf dem Arm und blau eingeätzten Ringen auf einzelnen Fingern begnügen.

Die Hautfarbe der Samoaner ist die der übrigen Polynesier, das Haar ist schwarz, dick und starr. Zwar findet man häufig auch röthliches und sehr oft gekräuseltes Haar, doch ist beides Kunst und eine Folge des beliebten Kalkens desselben. Ob dies geschieht, um das Haar zu färben und zu kräuseln, oder nur um es von Ungeziefer zu reinigen und die Veränderung dann nur eine nothwendige Folge des Kalkens ist, oder ob es den dreifachen Zweck bewirken soll, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls sehen die braunen jungen Gesichter sehr putzig aus, wenn sie mit frisch gekalktem weißen Haar erscheinen. Das Haar wird von beiden Geschlechtern in der Regel ziemlich kurzgeschnitten getragen, doch sieht man auch längeres, und vereinzelt bei den Frauen sogar lange schwarze Zöpfe. Als Schmuck lieben beide Geschlechter große rothe Blumen im Haar oder mit dem Kelch nach vorn gekehrt über den Ohren. Die Frauen haben vielfach auch Ketten von rothen erbsenartigen Früchten um den Hals und an den Handgelenken, sowie auch aus Blumen und Laub gewundene Kränze um Hals und Taille; auch kleine schmale Ringe aus Schildkrot, welche oft mit kleinen Silberstückchen eingelegt und mit eingeschnittenen Namen versehen sind, tragen sie an den Fingern und benutzen dieselben zu gelegentlichen Geschenken, wenigstens habe ich einige auf diese Weise erhalten.

Die Samoaner sind, wie ich schon angegeben habe, sehr reinlich und halten auf gute Körperpflege, ob aus natürlichem Trieb oder ob dies nur eine Folge ihrer Lebensweise ist, wird heutzutage schwer zu entscheiden sein. Sie waschen und baden sich zwar nicht, entsprechend unserer Gewöhnung, gleich frühmorgens, sondern erst etwas später und verbinden dies mit den häuslichen Verrichtungen. So reiben sie sich, bevor sie ihre Hütte zur Beschaffung des Lebensunterhaltes verlassen, den Oberkörper mit Kokosöl, das häufig noch mit wohlriechendem Baumharz durchmengt ist, ein, und dann gehen sie in das Wasser und auf die Korallenriffe auf den Fischfang, wobei sie ihr Morgenbad nehmen. An diesem Fang betheiligen sich Männer, Frauen und Kinder, da auch die letzteren vom zartesten Alter an wassergewohnt sind, ja oft eher schwimmen als gehen können. Ich habe dies nicht glauben wollen, bis ich mich einmal durch den Augenschein überzeugte, daß ein am Strande niedergelegtes, vielleicht 1½ Jahre altes Kind, welches noch nicht gehen konnte, auf Händen und Füßen in das Wasser kroch und sich dort schwimmend ziemlich sicher bewegte. Die Sitte, den Oberkörper mit Oel einzureiben, was oft je nach Bedarf täglich mehrere mal erfolgt, bezweckt wol, die Haut gegen die Sonnenstrahlen widerstandsfähiger zu machen. Nach dem Fischfang wird in den Wald oder nach den Anpflanzungen gegangen, um Baum- und Erdfrüchte zu holen, und beides, wenn nöthig, am Nachmittag oder Abend wiederholt. Bestimmte Mahlzeiten kennen auch die Samoaner, wie alle diese Insulaner, nicht, sondern sie essen, wenn ihnen der Sinn danach steht.

Das Land zerfällt in mehrere größere Districte; Upolu hat deren drei, nämlich Atua, Tuamasaga und Aana, und innerhalb dieser Districte leben die großen Häuptlinge mit ihrem Anhang in Dörfern in fast vollständiger Unabhängigkeit von der Regierung, welche sie sich dadurch zu erhalten wissen, daß diejenigen eines Districts gewöhnlich zusammenstehen.

Die Abgaben des gewöhnlichen Mannes bestehen darin, daß er hilft, seine Häuptlingsfamilie mit zu ernähren, doch liefert er nicht das dazu Nöthige ab, sondern der Herr erwartet die vom Fischfang oder von der Fruchtlese Heimkehrenden und sucht sich das für ihn Wünschenswerthe aus. Nur in dem Falle, daß der Häuptling ein Gastmahl geben will, befiehlt er, was sein Volk dazu herbeizuschaffen hat. Die Frauen des Hauses besorgen dann die Ausschmückung desselben und holen aus dem Wald das dazu erforderliche Laub und die Blumen.

Eine Folge der ausgedehnten Gastfreiheit ist, daß die Samoaner eigentlich immer auf Reisen sind, oder aber diese Reiselust ist die Ursache der Gastfreiheit, welche den Gastgebern übrigens nicht viel Mühe macht, da im Wasser und im Walde genügende Nahrungsmittel vorhanden sind. Vielleicht daß beides mit örtlichen Verhältnissen und der sonderbaren Thatsache zusammenhängt, daß auf den Samoa-Inseln an den verschiedenen Küstenpunkten die Reifezeit der Brotfrucht nicht zusammenfällt und die Eingeborenen, welche den Genuß dieses schmackhaften Nahrungsmittels nicht entbehren wollen, dadurch dazu gekommen sind, die Gastfreundschaft derjenigen ihrer Bekannten in Anspruch zu nehmen, welche die reife Frucht bieten können. Dann ziehen sie in ihren großen Reisebooten von Insel zu Insel, von Ort zu Ort, die genossene Gastfreundschaft damit erwidernd, daß die Männer beim Fischfang u. s. w. helfen und die Frauen unter fröhlichem Geplauder mit fleißiger Hand behülflich sind, den Mattenreichthum ihrer Gastgeber zu vergrößern. Es machte auf mich stets einen außerordentlich anheimelnden Eindruck, wenn solch ein Boot von etwa 20 Männern gerudert an unserm Schiff vorbeifuhr. Vorn im Bug sitzt mit untergeschlagenen Beinen ein Mädchen und erleichtert den Ruderern ihre Arbeit durch weichen Gesang, hinten auf dem mitgeführten Hausrath sitzt oder liegt bequem hingestreckt die Häuptlingsfamilie, ein junger Häuptling führt das Steuer. Phantastisch sehen oft die Männer aus, wenn sie große Stücke Tapa, die sie wol während der Nacht als Decken benutzen und deren Hauptfarbe fast immer weiß ist, turbanartig als unförmig großen Aufbau auf dem Kopfe tragen.

Die Dörfer oder Städte, wie man die Ansiedelungen nun nennen will, liegen, da der Samoaner ohne die See nicht leben zu können scheint, vorzugsweise an der Küste, die Häuser verstreut unter Kokospalmen und zwar in solcher Entfernung von einander, daß kein Besitzer von seinem Nachbar belästigt wird. Und die ganze Ansiedelung umfaßt entweder den nie fehlenden Berathungs- bezw. Festplatz oder lehnt sich an denselben an. Auf diesem Platz befinden sich stets das Haus des Häuptlings und das „Fale-tele“ genannte Berathungshaus, in welchem auch Fremde und Gäste empfangen werden. Die Honneurs macht hier gewöhnlich die älteste Tochter des Häuptlings, welche aus diesem Grunde für seinen Hausstand eine so nothwendige Persönlichkeit ist, daß, wenn der Hausherr überhaupt keine erwachsene Tochter hat, er oft der Landessitte gemäß ein erwachsenes Mädchen für immer oder auf Zeit als Tochter adoptiren wird.

Die Bauart der Häuser ist einfach und durchaus zweckmäßig. Ihre Grundform ist oval mit einem größern Durchmesser von 12-14 m und einem kleinern von 10 m, das Dach, dessen First 8-9 m über dem Erdboden liegt, ist halbkugelförmig. Die Hauptbestandtheile des Baues sind das Dach, die seitlichen Dachstützen und ein in der Mitte der Hütte befindliches kräftiges Balkengerüst, welches die Mittelstütze für das schwere Dach bildet und gleichzeitig als Aufbewahrungsort für den Hausrath von Matten u. s. w. dient. Die seitlichen Dachstützen, welche ebenso wie das Mittelgerüst aus Kokospalmenholz bestehen und etwa 3 m über den Erdboden reichen, sind so eingegraben, daß die obern Enden etwas nach außen geneigt sind, wodurch der Durchmesser des Daches größer wird als derjenige des Fußbodens. Die seitliche Entfernung der Stützen untereinander beträgt ungefähr 2 m, sodaß aus Laub gefertigte Vorhänge bequem zwischen je zweien angebracht werden können und am Tage gegen Sonne und Wind, sowie des Nachts überhaupt heruntergelassen werden. Auf den Seitenstützen ruht eine horizontale Balkenlage aus dem biegsamen Holz des Brotfruchtbaums und auf diese baut sich das gewölbte Dachgerippe aus demselben Holze auf. Die Dachbedeckung besteht aus getrocknetem Laub und zwar vorzugsweise aus Zuckerrohr-, daneben aber auch Palmenblättern. Die innere Bodenfläche der Hütte wird schließlich mit einer etwa 1 m hohen Steinschicht ausgefüllt und dadurch der Raum zwischen Dachrand und Fußboden auf 2 m verringert. In dieser Steinschicht befinden sich dicht neben dem Mittelgerüst zwei vertiefte Feuerstellen, welche am Tage als Kochherd und abends zur Beleuchtung der Hütte, welche nur aus dem einen freien Raum besteht, dienen. Wenn auch die Häuser stets dieselbe Form und meistentheils die gleiche Größe haben, so sieht man vereinzelt doch auch schon etwas europäisirte Häuptlingshäuser mit viereckigem Grundriß, festen Wänden, abgeschlagenen kleinen Zimmern und harten hölzernen Bettstellen; eine Verbesserung in Bezug auf die Wohnungsverhältnisse sind diese Häuser aber ebensowenig, wie die langen Gewänder der Frauen es in Betreff der Kleidung sind. Diese geschlossenen Häuser sind dumpf, weniger sauber und in der Regel voll Ungeziefer, unter welchem die Wanzen nicht fehlen, sodaß die Besitzer, welche glauben zu ihrem äußern Ansehen ein solch stattlicheres Haus besitzen zu müssen, gewöhnlich den Aufenthalt in dem saubern und luftigen Fale-tele vorziehen und ihr eigentliches Haus nur zur sichern Aufbewahrung des mit der neuern Zeit sich mehrenden kleinen Besitzthums benutzen.

An der innern Einrichtung der Hütten ist das Merkwürdigste eine durch den ganzen Raum laufende etwa fußhohe Schicht kleiner runder glatter Steine, welche nicht größer wie Hühnereier und nicht kleiner wie Taubeneier und so beweglich sind, daß sie sich durch die vorstehenden Körperformen des sich setzenden oder hinlegenden Menschen verdrängen lassen und so bewerkstelligen, daß der Körper überall gleichmäßig unterstützt und nirgends gedrückt wird. Auf diese Weise ist mit Hülfe einer ausgebreiteten Matte, welche die directe Berührung mit den Steinen verhindert, ein vorzügliches, verhältnißmäßig weiches, kühles und gesundes Lager geschaffen, welches trotz des harten Materials unsern Polsterlagerstätten kaum nachsteht, in diesem Klima demselben sogar vorzuziehen ist.

Der gewöhnliche Hausrath besteht nur aus Matten, welche auf dem Fußboden über die Steine gebreitet werden, aus Tapa-Vorhängen, welche nachts zum Schutz gegen die Mosquitos und zur Abtrennung der verschiedenen Schlafstätten dienen, und den allerdings sehr harten Kopfkissen. Diese nähern sich dem japanischen Modell und bestehen aus einem wagerecht liegenden Stück Bambusrohr von 6-10 cm Dicke, das durch kleine Füße auf eine Höhe von etwa 16 cm gebracht ist. Von diesen Kopfkissen gibt es kurze einschläferige und bis zu 1½ m lange, welche für mehrere Personen bestimmt sind. Kochgeschirr ist nur selten vorhanden und dann auch nur solches europäischen Ursprungs, da die Samoaner die Speisen ebenso wie die Tahitier zwischen erhitzten Steinen bereiten und die dazu erforderlichen Gefäße in grünen Blättern bestehen.

Neben dem Haus beansprucht das Kanu fast gleiche Rechte als Wohnstätte des Samoaners, da dieser während der Tagesstunden wol ebenso viel auf dem Wasser wie auf dem Lande lebt. Daher mag es auch kommen, daß der Bootsbau hier besonders ausgebildet ist und dieses Gewerk ebenso wie das des Häuserbaues sich in den Händen von Häuptlingsfamilien befindet. Die Samoaner haben drei Arten von Fahrzeugen, das große zu Kriegs- und Reisezwecken dienende Boot ohne Ausleger und zweierlei Kanus, ein großes etwa 10 m langes, welches vorzugsweise zum Fischfang auf offener See benutzt wird, und das kleine in verschiedenen Größen auftretende, welches nur der Küstenfahrt dient. Die Formen der großen wie kleinen Kanus sind hier besonders gefällige, und die Arbeit ist sehr viel sauberer, als ich sie bisher gesehen habe.

Einen besondern Reiz bot es mir, die Eingeborenen in ihren zierlichen leichten Fahrzeugen zu beobachten, wenn sie in größerer Zahl um unser Schiff versammelt den Zeitpunkt abwarteten, wo ihnen mit Eintritt der Freizeit für die Mannschaft gestattet wurde, das Schiff zu betreten, um dasselbe zu besichtigen, Früchte zum Kauf anzubieten oder nur zu ihrem Zeitvertreib uns einen Besuch abzustatten. Einzelne Kanus tragen so viele Menschen, als sie nur fassen können, andere sind nur mit einer oder, wie es meistens der Fall ist, mit zwei Personen besetzt; ein allein ruderndes, ernst dreinschauendes Mädchen, ein einzelner Mann mit Früchten oder einem Korb abzuliefernder Wäsche, zwei junge singende Mädchen, oder gar zwei sieben- bis achtjährige Kinder, gleichgültig welchen Geschlechts, die kaum die Ruder zu heben vermögen -- alle sorglos und ohne Furcht vor irgendeiner Gefahr, mit ihren Fahrzeugen auf der auf- und niederwogenden Wasserfläche sich hebend und senkend. Da kommen zwei Kanus, deren Insassen unaufmerksam waren, zu nahe aneinander, ein Ruck und der Ausleger des einen löst sich von seinen Haltern, das Fahrzeug kentert, gleichzeitig aber springen die beiden jungen Mädchen lachend ins Wasser. Ich will helfen lassen, sehe aber, ehe unser Boot absetzen kann, daß unsere Hülfe überflüssig ist und die erheiterte Umgebung auch nicht hilft. Wassertretend verbinden die beiden kleinen Personen den Ausleger wieder mit den Haltern, dann schwimmen sie auf die andere Seite, fassen das mit Wasser gefüllte Kanu an der äußern Wand, ein durch Zuruf begleiteter kräftiger Ruck nach der rechten Seite läßt ziemlich viel Wasser aus der linken Spitze des Fahrzeuges herausstürzen, ein ebensolcher Ruck nach links hat denselben Erfolg an der andern Spitze und das Kanu ist soweit entleert, daß es wieder genügende Schwimmkraft hat, um eine Person zu tragen, welche dann auch gleich mit gewandtem Schwung in demselben sitzt und es mit den stets vorhandenen Kokosnußschalen ausschöpft, worauf das andere Mädchen auch nachfolgt. Mit einigen Handgriffen ist das Wasser aus Gesicht und Haar entfernt, dann ducken sie sich in den Raum, um ihr Lava-lava abnehmen zu können und es auszuwinden, und erst nachdem dies geschehen und sie wieder ordnungsmäßig bekleidet sind, drohen sie dem Urheber des Misgeschicks mit den Händen und blitzenden lachenden Augen. Als die Leute unser Interesse an dem ganzen Vorfall bemerkten, hielt ein Samoaner sich für verpflichtet, uns noch ein ähnliches kleines Schauspiel zu geben, rief ein Kanu mit zwei kleinen Kindern an und begann gleichzeitig mit kräftigen Schlägen auf dasselbe zuzurudern. Die Kinder, sichtlich gleich ganz bei der Sache, kniffen den Mund zusammen und legten sich mit leuchtenden Augen auch ins Zeug, doch ihr Angreifer war schneller und bald lagen auch sie im Wasser unter dem fröhlichen Gelächter der Umgebung, welche Platz gemacht hatte. Hier aber half der Mann, indem er ins Wasser sprang und sein Kanu so lange in Stich ließ, bis er das der Kinder wieder zurechtgemacht hatte.

Von dem häuslichen Leben der Samoaner habe ich bisjetzt noch wenig kennen gelernt, nur ist mir aufgefallen, daß man am Tage, mit Ausnahme der Häuptlinge, selten in den Hütten Männer antrifft und nur Frauen findet, welche mit Mattenflechten und Anfertigung des Tapastoffes beschäftigt sind. Eigentliches Volksleben zeigt sich nur an Mondscheinabenden, wo größere Gesellschaften im Freien zusammenkommen und sich durch Gesang und Tanz ergötzen, bis Ermüdung sie in ihre Hütten treibt. Diese Vergnügungen sind stets harmloser Natur, wie das ganze Leben und Treiben des Volks es sein soll. Zank und Streit kommen nur selten vor und sind von mir überhaupt nicht beobachtet worden. Thätlichkeiten sollen eigentlich nur gelegentlich zwischen den sonst so sanften Frauen vorkommen, und zwar wenn Eifersucht im Spiele ist. Unter dieser soll der eigentlich schuldige Mann nie leiden, sondern er kann unbehelligt zusehen, wie die beiden um ihn kämpfenden Frauenzimmer sich schlagen und puffen, muß es sich aber gefallen lassen, daß die Besiegte sich später nicht mehr blicken läßt. Gardinenpredigten gibt es also wol in Samoa nicht.