Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 22
Gleich nachdem wir in nächster Nähe der deutschen Niederlassung, vor welcher drei deutsche Handelsschiffe lagen, geankert hatten, kam ein Boot mit Eingeborenen längsseit, und einer der Leute betrat mit einem Damenstrohhut in der Hand das Schiff, nach Frau G. fragend. Sehr belustigt waren wir zu hören, daß die Königin von Huheine ein Boot den weiten Weg nach Raiatea geschickt hatte, um den früher erzählten Huttausch rückgängig zu machen. Die braune Fürstin war wahrscheinlich der Ansicht, daß ihr früherer Hut doch schöner und werthvoller sei, und so mußte ich die in meinen Händen befindliche königliche Kopfbedeckung wieder herausgeben. Frau G. war zwar entrüstet und wollte von diesem Handel nichts hören, ich hatte aber Wichtigeres zu thun, als um den Besitz eines Strohhutes zu streiten.
Ein Offizier des französischen Aviso, welchen wir hier endlich antrafen, begrüßte das Schiff im Namen seines Commandanten, und dann kam der Vorsteher der deutschen Niederlassung, um Beschwerde gegen die Eingeborenen und indirect gegen das französische Kriegsschiff zu führen. Der Einfachheit halber will ich den Herrn selbst sprechen lassen:
„Der französische Aviso erkundigte sich nach seiner am 1. Juni erfolgten Ankunft gleich bei dem König, ob nicht Zwistigkeiten mit Ausländern vorlägen, bei welchen er ihm seine Dienste leihen könne, und danach erst kam er mit der Sache zum Vorschein, wegen welcher er hergekommen sein muß. Denn ich weiß aus sicherer Quelle, daß er den Eingeborenen sagte, es würde in den nächsten Tagen ein deutsches Kriegsschiff kommen, um ihnen ihre Insel wegzunehmen und er sei zu ihrem Schutze hier. Dann gab er ihnen den Rath, sobald die deutsche Flagge auf unserer Niederlassung gehißt würde, gleich die Forderung an uns zu stellen, dieselbe wieder niederzuholen, und die Forderung zu wiederholen, wenn ihr nicht nachgekommen würde, und wenn auch dies fruchtlos bleiben sollte, den Flaggenmast mit Gewalt niederzureißen. Er fügte noch hinzu, daß die Eingeborenen sich vor den Deutschen nicht zu fürchten brauchten, denn nicht nur er würde sie gegen deutsche Gewalt schützen, sondern auch die Engländer und Amerikaner würden dies thun. Als nun die «Ariadne» in Sicht kam, hißten wir vor einer Stunde zum ersten mal seit unserer Ansiedelung hierselbst unsere deutsche Flagge (Handelsflagge), und richtig kamen einige Abgesandte vom König mit der Forderung, dieselbe wieder niederzuholen, welchem Ansinnen ich indeß nicht entsprach, mich aber erbot, ihnen die Axt zu verkaufen, mit welcher sie etwa Gewalt an dem Mast gebrauchen wollten. Inzwischen war die «Ariadne» näher gekommen, die Eingeborenen verglichen mit ängstlichen Blicken den kleinen Franzosen mit Ihrem mächtigen Schiff, sahen auch keine Engländer und Amerikaner, murmelten etwas von König Wilhelm und Bismarck und zogen ziemlich still wieder ab, ohne bisjetzt ihre Forderung wiederholt zu haben.“
Soweit der Berichterstatter.
Dem König (Raiatea hat ein männliches Oberhaupt) wurde, nachdem etwas Ruhe eingetreten war, unser Besuch zum nächsten Vormittag angemeldet, welcher zu 8 Uhr angenommen wurde. Unsere Bemühungen, einen Dolmetscher zu erhalten, blieben erfolglos, da die beiden ortsanwesenden Engländer, welche allein geeignet gewesen wären, unter nichtigen Vorwänden ablehnten; so mußte denn Frau G. wieder als solcher eintreten. Den Nachmittag verbrachten wir am Lande in dem geräumigen, luftigen deutschen Hause, welches auf direct aus der See aufsteigenden niedrigen Felsen erbaut ist. Unsere Musik spielte auf dem Hofe, wo außerhalb des Zaunes viele Eingeborene zusammengeströmt waren, und wir saßen an einem schönen Platz am Wasser und sahen zu, wie zu unsern Füßen einige eingeborene Diener des Hauses für uns Hummern fingen und Austern von den Felsen abbrachen.
Unser Besuch beim König hatte ein wesentlich anderes Gepräge, als wie seiner Zeit in Huheine und Bora-Bora. Nicht nur, daß wir im Gegensatz zu den dortigen, auf schönen geebneten Plätzen liegenden, wohnlichen und schmucken Königshäusern hier eine von Gestrüpp umgebene schmutzige, baufällige Hütte ohne eigentliches Mobiliar fanden, daß das zusammengeströmte Volk einen unsaubern Eindruck machte und sich ebenso unbotmäßig wie dreist gegen seine Häuptlinge benahm, auch die Verhandlungen, an welchen soviel Volk, als die Hütte fassen konnte, theilnahm, hatten einen ziemlich stürmischen Verlauf und endeten mit der Androhung von Gewaltmaßregeln von meiner Seite. Die Hauptsache blieb, daß der Sprecher des Königs öffentlich zugeben mußte, daß sie an dieser selben Stelle die früher angeführten Mittheilungen über unsere Absichten und die damit zusammenhängenden Rathschläge erhalten hätten. Nachdem den Leuten dann noch von mir die nothwendigen Folgen etwaiger thörichter Gewaltstreiche von ihrer Seite auseinandergesetzt worden waren, ersuchte der Sprecher den König, alles was wir gesagt, genau zu erwägen und zum Besten seines Volkes nach unsern Rathschlägen zu handeln.
Aus Rücksicht für die deutschen Handelsinteressen mußte ich auch hier, so sehr es mir widerstrebte, die Eingeborenen auf das Schiff einladen, und ich bekam dabei einen ungefähren Begriff von dem tahitischen Volksleben, da Tahiti und Raiatea sich hierin ziemlich gleich sein sollen, wenngleich die Tahitier äußerlich einen sehr viel angenehmern Eindruck machen. Schon gewarnt, unterließ ich jede Aufmunterung zu Tänzen, und als ein solcher unter der Leitung eines eingeborenen Missionslehrers doch zu Stande kam, sorgte ich für baldigen Abschluß, da das Gebotene sich so wüst gestaltete und namentlich das Gebahren des Missionslehrers so ausartete, daß es unmöglich auf dem Schiff geduldet werden konnte.
Als ein kleines Beispiel, wie weit die Sittenverderbniß hier geht, möge das Folgende dienen. Als die beiden erwachsenen Töchter des Königs sich in die untern Schiffsräume begaben, folgte ich, einige Schritte hinter ihnen gehend, um sie vor etwaigen Zudringlichkeiten meiner Leute zu schützen. Gleich darauf gesellte sich deren ältester Bruder, welcher etwas Englisch spricht, zu mir, um mich vor seinen eigenen wüsten Schwestern zu warnen. Als ich erwiderte, daß ich sie nur schützen wolle, meinte er, daß sie dessen nicht bedürften, ich aber gut thäte, meine Leute vor ihnen zu schützen.
Gern hätte ich Raiatea noch denselben Abend verlassen, doch bewog mich das Pfingstfest, die beiden Feiertage noch zu Anker zu bleiben, um meinen Leuten während derselben Ruhe zu gönnen, was schließlich auch mir insofern zugute kam, als ich doch noch mancherlei mir Neues hörte und sah. In diese Tage fiel auch die Ankunft eines mit Perlschalen beladenen deutschen Schooners, welcher von den Mangareva- oder Gambier-Inseln kam und auch eine kleine Schachtel mit Perlen mitbrachte, in welcher jede Perle in einem kleinen Fach in Watte lag mit einem beigefügten Zettel des für dieselbe gezahlten Preises. Bei dieser Gelegenheit konnte ich an der Hand von Thatsachen sehen, welche Vortheile dem deutschen Hause aus der Uebersiedelung nach Raiatea erwachsen, denn die aus 80 Tonnen Perlschalen bestehende Ladung hätte in Tahiti neben den hohen Lootsengebühren und Hafenabgaben einen Durchgangszoll von 2560 Mark tragen müssen, während das Schiff hier nur eine geringe Hafenabgabe von im ganzen 25 Mark zu entrichten hatte.
Sehr interessant war es mir, etwas über Perlen und die Perlenfischerei zu hören.
Zunächst wurde ich dahin belehrt, daß die Perlen sich nicht, wie ich bisher annahm, in der Schale bilden, sondern in dem Thier selbst, und daß sie als eine Krankheit desselben betrachtet werden müssen, denn Perlen werden nur in verkümmerten Schalen gefunden und kommen in der eigentlichen Südsee nur in Mangareva häufiger vor, während die Perlmuschel sonst bei fast allen Inseln gefischt werden kann. Man folgert daraus, daß die örtliche Beschaffenheit sowol für die Verkümmerung der Muschel, wie für die Bildung der Perle maßgebend ist. Es werden zwar auch sogenannte Perlen (namentlich sind dies besonders große etwas flache Stücke) in den Handel gebracht, welche aus der Schale ausgelöst oder geschnitten sind und sich dort als Auswüchse und Unebenheiten zeigen, diese sind aber werthlos.[A] Die richtige Perle ist stets abgerundet und auf ihrer ganzen Fläche von dem charakteristischen Schmelz überzogen; sie ist eine feste homogene Masse ohne Hohlraum in ihrer Mitte, hat dort auch keinen fremden Körper gelagert, wie man gewöhnlich annimmt, denn die Perle wird nicht, wie schon angedeutet, dadurch gebildet, daß das Thier einen fremden Körper umspinnt. Sie ist um so werthvoller, je größer ihr specifisches Gewicht und je reiner ihr Wasser ist, das man richtiger mit scheinbarer Durchsichtigkeit bezeichnen könnte. Eine wirklich werthvolle Perle, mag sie noch so klein sein, muß ein so reines Wasser haben, daß man beim Beschauen derselben in ihrer Mitte in weiter Ferne einen kaum festzuhaltenden Punkt zu sehen wähnt, und eine linsengroße Perle von dieser Eigenschaft ist werthvoller, als eine haselnußgroße, welche undurchsichtig scheint. Natürlich ist die äußere Form auch mitbestimmend, ebenso wie die Zahl der in gleicher Größe, Form und Farbe zusammengebrachten Perlen, denn zwei ganz gleiche Perlen haben etwa den vierfachen Werth jeder einzelnen, und zwanzig kosten vielleicht schon das Hundertfache jeder einzelnen, sodaß, wenn eine Perle 5 Mark kostet, der Preis für zwei gleiche 20 Mark und für zwanzig gleiche 500 Mark beträgt. Es wurden mir auch einige der von Mangareva mitgekommenen Perlen zu dem hamburger Marktpreis, welcher etwa 100 % höher wie der hier gezahlte ist, überlassen und ich gab für eine erbsengroße nicht besonders vollkommene 3 Mark, hätte aber für funfzig gleiche, welche ich gern gehabt hätte, etwa 500 Mark zahlen müssen, wenn sie dagewesen wären. Für eine schön geformte graue Perle von reinem Wasser und etwa 1 cm Durchmesser mußte ich 240 Mark geben. Einzelne Prachtstücke, für welche ich allerdings weder Verwendung noch den Kaufpreis gehabt hätte, waren hier unverkäuflich, weil sie einen Liebhaberwerth haben, der hier nicht bestimmt werden konnte und jedenfalls in die Tausende geht, da für eine derselben schon der Taucher an 800 Mark erhalten hatte. Die Perlenfischerei wird in Mangareva übrigens nicht als Geschäft betrieben, sondern die Eingeborenen tauchen nach den Muscheln zur Gewinnung der werthvollen Perlmutterschalen, und etwa gefundene Perlen bedeuten soviel wie einen Lotteriegewinn. Sobald nun der Taucher mit der Muschel wieder nach oben kommt, bricht er sie auf, reißt das Thier heraus und fühlt sofort durch einen Druck auf die weiche Masse, ob ein fester Körper, eine Perle, in ihr enthalten ist oder nicht.
[A] Ich habe im Jahre 1880 in der berliner Fischerei-Ausstellung einen derartigen Schmuck gesehen, welcher von Nichtkennern wegen der Größe und eigenthümlichen Form der gefaßten sogenannten Perlen als besonders werthvoll angestaunt wurde.
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Ich lasse noch einige Bemerkungen über die socialen und religiösen Verhältnisse der Gesellschafts-Inseln folgen, nicht, um ein System abfällig zu beurtheilen, sondern um zu zeigen, wie leicht der Mensch Irrungen unterworfen ist und wie die übereilte und mit ungenügenden Mitteln ins Werk gesetzte Durchführung des besten Systems zu Schaden führt.
Wie in Tahiti muß auch auf den Gesellschafts-Inseln jeder Eingeborene das von ihm Erworbene mit seinen Verwandten theilen, wenn sie ihn darum angehen. Der Häuptling erwirbt überhaupt nichts, sondern läßt sich von seinen Unterthanen nur ernähren, auf welche Leistung sich die Lasten dieser so ziemlich beschränken. Jeder dauernde Erwerb wird hierdurch unmöglich gemacht, die eigene Arbeit wird zur Thorheit, und die Thätigkeit der Missionare hat in dieser Richtung noch nicht nach unsern Begriffen bessernd und veredelnd wirken können.
Auf Tahiti und Raiatea kann es als Regel gelten, daß die Männer trinken und die Weiber Prostituirte sind, während auf Huheine und Bora-Bora Nüchternheit und, wenigstens äußerlich, strenge Sitten herrschen. Tahiti steht am längsten unter dem Einfluß der Missionare und seit Mitte der vierziger Jahre nur unter dem der französischen Geistlichkeit; Raiatea und Huheine werden noch von der englischen Mission behauptet, während in Bora-Bora, wo ich die geordnetsten Verhältnisse, die besten Wege und Wohnungen fand, bis vor kurzem ein deutscher protestantischer Missionar wirkte und jetzt nur noch einheimische Missionslehrer thätig sind.
Alle Eingeborenen der Gesellschafts-Inseln sind getaufte Christen, beobachten die vorgeschriebenen kirchlichen Gebräuche, wirkliche Christen sind sie aber wol nicht und werden es nie werden, solange sie nicht unter das Scepter einer europäischen Macht kommen, welche sich der systematischen Erziehung dieser Menschen annimmt, und das wird nie eintreten, weil einerseits keine Macht die Mittel wird aufwenden wollen, welche zur Colonisirung dieser verstreut liegenden Inseln erforderlich sein würden, andererseits die Eingeborenen nach ihrer ganzen Veranlagung ausgestorben sein würden, ehe das Erziehungswerk vollendet wäre. Diese Inseln sind so klein, daß eine einzelne nicht im Stande ist, die Kosten eines europäischen Regierungsapparates mit Kirche und Schule zu tragen, andererseits liegen sie räumlich so weit auseinander, daß sie nicht zusammengefaßt werden können. Die ganzen Kosten müßte also das Mutterland allein tragen, denn der Handel wirft zur Zeit nur dadurch großen Gewinn ab, daß er keine Steuern und Zölle zu tragen hat; er müßte aber zu Grunde gehen, wenn ihm nur ein nennenswerther Theil der Kosten auferlegt würde. Die Eingeborenen sind eine so weiche und an unbedingte Freiheit gewöhnte Rasse, daß sie sich vor den eindringenden Europäern zurückziehen und allmählich hinsiechen würden. Der Zwang der Kleidung, welche sie, einmal auf den Körper genommen, nicht mehr ablegen, entfremdet sie dem Wasser und macht sie unreinlich; der Verlust ihrer Ländereien, welcher mit dem Einzug der Europäer zweifellos verbunden ist, treibt sie dem Hungertod entgegen, die Vorliebe für berauschende Getränke beschleunigt dann das Siechthum.
Der einzige Weg, diese Insulaner geordneten und einigermaßen gesitteten Verhältnissen entgegenzuführen, würde sich daher mit den Interessen des Handels decken und liegt in der Uebernahme der Schutzherrschaft seitens einer europäischen Macht, welche den Eingeborenen ihre Gewohnheiten und überkommene Regierungsform beläßt und diese letztere nur durch einen Commissar in die richtigen Bahnen leiten läßt; in diesem Falle aber werden die Eingeborenen wie bisher nur Christen der Form nach sein, da die christliche Lehre nur in der Schule erworben werden kann und der Polynesier sich ebenso wenig an diese gewöhnen wird, wie die Schwalbe an den Käfig.
Die Missionare gewannen da, wo sie überhaupt festen Fuß fassen konnten, bald die unumschränkte Gewalt über die Eingeborenen und erwiesen sich später als die Gegner der eindringenden Kaufleute, ob aus Fürsorge für die Eingeborenen oder aus andern Gründen mag dahingestellt bleiben. Die Thätigkeit des Missionars nahm, sobald er erst auf der noch von keinem andern Europäer bewohnten Insel heimisch geworden war, einen eigenthümlichen Verlauf. Aus dem Lehrer wurde der Herr, welcher die Regierung leitete und durch Auferlegung harter Geld- und Körperstrafen für die kleinsten Vergehen gegen die kirchlichen Gebräuche bald die Zügel allein in der Hand hatte. Die Schule wurde von den herangebildeten einheimischen Missionslehrern übernommen und beschränkte sich auf Lesen, etwas Schreiben und das Absingen geistlicher Lieder. Zu bekehren war auf der Insel sehr bald nichts mehr und der Missionar übernahm das Handelsmonopol, welches ihm genügende Mittel abwarf, um seine heranwachsenden Kinder zur Erziehung nach Europa schicken zu können. Als nun der Kaufmann kam und höhere Preise an die Eingeborenen zahlte, begann auf Huheine und Raiatea ein stiller Kampf, welcher zunächst in der Einführung von Zwangs-Lootsengebühren für die fremden Schiffe seinen Ausdruck fand, dann folgte ein Gesetz über die Erlegung von weitern Hafenabgaben, und hierauf ein solches, welches den Eingeborenen den Verkauf von Land an Europäer verbietet. Diese Gesetze sind gewiß von Werth für die Eingeborenen, aber von Nachtheil für den Kaufmann, welcher sie dem Einfluß der Missionare zuschreibt, sich aber doch gegen das Landkaufverbot dadurch einigermaßen zu schützen gewußt hat, daß er in neuerer Zeit, wo die alte Macht der Missionare doch so ziemlich gebrochen ist, das für ihn nothwendige Land auf 99 Jahre pachtet.
Man darf nun nicht vergessen, daß die oben geschilderten Zustände sich nach meinen Gewährsleuten nur auf einige bestimmte Inseln beziehen, daß ferner die Missionare auch nur Menschen sind, und sich die obere Missionsbehörde bei der Auswahl der zu entsendenden Persönlichkeiten täuschen kann, sowie daß das Inspectionsschiff der Mission die verstreut und zum Theil Tausende von Seemeilen auseinanderliegenden Inseln alljährlich vielleicht nur einmal besuchen kann und dann schwerlich einen richtigen Einblick erhält, wenn der ansässige Missionar ihn nicht geben will.
Im großen und ganzen bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Mission hier nicht viel Gutes gestiftet hat und das Christenthum hier weder aufrichtige Bekenner gefunden, noch veredelnd auf die Eingeborenen gewirkt hat; im Gegentheil, ich möchte behaupten, daß die Leute jetzt mit Bewußtsein mehr sündigen wie ehedem ohne Bewußtsein. Eine Erklärung für diese Thatsache dürfte schwer zu finden sein, wenn sie nicht etwa darin zu suchen ist, daß entweder die Polynesier in religiöser Beziehung überhaupt nicht erziehungsfähig sind, oder aber daß ihre Lehrer der ihnen gewordenen Machtfülle nicht gewachsen waren und vielleicht beides zusammen dazu beigetragen hat, mehr zu schaden wie zu nützen.
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Am 10. morgens verließen wir Raiatea wieder, setzten am 11. morgens an der Einfahrt von Papeete, wohin uns ein Boot des Deutschen Consulats entgegengekommen war, unsere Gäste wieder ab und setzten nach kurzem Abschied unsern Curs westlich nach den Samoa-Inseln.
8.
Samoa.
I.
22. Juni 1878.
So sind wir auf mancherlei Umwegen nach siebenmonatlicher Reise endlich an unserm eigentlichen Ziele, den Samoa-Inseln, angelangt. In etwa zwei Stunden, gegen 4 Uhr nachmittags, werden wir in Apia, dem auf der Insel Upolu gelegenen Haupthafen der Samoa-Gruppe, eintreffen. Wind und Wetter waren uns von Tahiti bis hierher nicht günstig gewesen, häufige Windstillen und ein zwei Tage anhaltender Weststurm haben unsere Reise sehr verzögert. Schließlich nach langem Warten auf den Passat, welcher in dieser Zone eigentlich die Verpflichtung hat zu wehen, mußte doch für den größten Theil des Weges die Dampfkraft zu Hülfe genommen werden, und in diesem Augenblick fahren wir mit Dampf und Segel in beschleunigter Gangart an der Nordküste von Upolu entlang.
Die Insel ist schön, wie all diese herrlichen Naturgebilde; von einer eingehendern Schilderung derselben will ich jedoch hier absehen, es mag daher nur eine flüchtige Skizze des vor uns liegenden Bildes folgen.
An eine niedrige Landzunge schließen sich die, die Mitte der Insel bildenden Berge an, welche eine Höhe bis zu 1000 m erreichen und derart abweichend voneinander geformt sind, daß sie der Insel ein auffallend zerrissenes Aussehen geben. Sie zeigen sich sowol in scharf geschnittenen Pics wie auch in runden Rücken und sind an einer Stelle von einer so weit herunterreichenden Kluft durchschnitten, daß man Upolu aus der Ferne für zwei Inseln halten kann. Zunächst der Küste besteht das Land aus weiten ebenen Flächen, und dieser Bodengestaltung verdankt die Insel ihren hohen Werth für Plantagenbau. Die Küste läuft theils flach nach dem Meere aus, theils springt sie in 50-100 m hohe Caps vor, zwischen welchen kleine Häfen und Buchten liegen, in die sich Bergflüsse ergießen, von denen derjenige bei Falifa sich als schöner Wasserfall in das Meer stürzt. Das ganze Land ist dicht mit Bäumen und zwar an der Küste vorherrschend mit Kokospalmen bestanden, zwischen und unter welchen in der Nähe des Strandes Dorf an Dorf liegt, da die ganze Küste dieser dichtbevölkerten Insel bewohnt ist, während auf einzelnen höher gelegenen Punkten sich stattlichere Häuser, die Wohnungen von Europäern zeigen. Die der Südsee eigenthümlichen Korallenriffe umgeben einen so großen Theil der Insel, daß man innerhalb der erstern mit Booten und Kanus fast um die ganze Insel in ruhigem und sicherm Wasser fahren kann.
22. Juni, abends 10 Uhr.
Nachdem wir mit Hülfe des Lootsen, eines hier ansässigen Amerikaners, nachmittags 4 Uhr zu Anker gekommen waren und der Offizier, welcher das Schiff beim Consulat anmelden sollte, die Nachricht gebracht hatte, daß die deutschen Herren sämmtlich zu Pferde einen Ausflug gemacht hätten und wol erst sehr spät zurückkehren würden, begab ich mich an Land, um mir Stadt und Leute anzusehen, auch dem Sonnabend-Scheuerfest, welches die durch das Ankermanöver verursachten Schäden wieder beseitigen sollte, aus dem Wege zu gehen.
Die Stadt besteht, da der Berg Apia hier fast bis zum Strande herantritt, nur aus einer sich rings um den Hafen hinziehenden Straße, in welcher größere und kleinere, theilweise in Gärten liegende Häuser der Europäer mit den Hütten der Eingeborenen abwechseln. Sie bietet nichts besonders Sehenswerthes und befriedigte meine Neugierde um so weniger, als sie neben ihrer wenig anziehenden äußern Erscheinung auch noch vollständig ausgestorben zu sein schien.
Samoa schien mir überhaupt ein wunderliches Land zu sein. Die ganze Küste ist mit menschlichen Wohnungen besiedelt und wir sahen beim Vorbeifahren weder am Lande noch auf dem Wasser Menschen, noch bei den Wohnungen den sonst nie fehlenden Rauch des häuslichen Herdes; das Consulat mit dem ganzen Beamtenpersonal des großen Geschäftshauses macht am Wochenschluß einen Ausflug aufs Land; in der Stadt scheint die ganze Bevölkerung am hellen Tage zu schlafen. Was blieb mir anders übrig, als auf mein Schiff wieder zurückzukehren, wo doch mehr Leben war!
Als ich später, 9 Uhr abends, mich eben an den Schreibtisch gesetzt hatte, wird von unsern Posten ein Boot angerufen, welches doch noch die von ihrer Partie zurückgekehrten deutschen Herren brachte. Der Consul, ein Herr Weber, entschuldigte sich, daß er noch so spät komme, er hätte aber heute am Sonntag -- „Was, Sonntag? Heute ist doch Sonnabend!“ unterbrach ich seine Rede. „Nein, Sonntag“, war die Antwort, und die Erklärung ergab, daß in Samoa, obgleich die Inseln noch auf Westlänge (169½° bis 173° W. nach Greenwich) liegen, doch die Kalenderrechnung von Australien und Neu-Seeland angenommen worden ist, weil alle Beziehungen Samoas mit der Außenwelt sich auf diese beiden großen englischen Colonien und die zwischen diesen und Europa laufenden Dampferlinien stützen. Nun war mir alles klar, der Ausflug der deutschen Herren und die Sonntagsheiligung nach der von den englischen Missionaren gegebenen Vorschrift, nach welcher am Sonntag nicht einmal gekocht werden darf, während wir uns zu gleicher Zeit am Sonnabend abgequält haben, unser Schiff für den nächsten Tag recht schön zu machen.
Herr Weber erzählte mir noch so viel über samoanische Verhältnisse und was alles meiner warte, daß mir ganz wirr im Kopfe wurde und ich nur so viel behalten habe, daß ich gleich am nächsten Tage mitten im Kampfgewühl mit den aufsässigen Samoanern sein würde. Dann gingen wir noch für einige Zeit zu den Offizieren und jetzt sitze ich am Schreibtisch und habe soeben in das Befehlsbuch für morgen den wunderlichen Satz geschrieben: „Der heutige Tag ist nicht als Sonntag den 23., sondern als Montag den 24. Juni zu rechnen, doch wird der Dienst nach der Sonntagsroutine gehandhabt.“