Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 20
Die Sonne ging unter, der Mond stand weder am Himmel, noch war er zu erwarten, die Schatten der Nacht legten sich über die Berge und auf den See, dunkle Wolken umsponnen die Berggipfel und senkten sich, immer dichter werdend, fast bis auf den See hinab. Kein Laut rings um uns herum und kein anderes für das Auge wahrnehmbare Leben, als ein großes Feuer, welches seine schwarzen Rauchwolken nach oben sandte und die in seiner Nähe gelagerten Eingeborenen, wie einen kleinen Theil des Sees und unsere nächste Umgebung geisterhaft beleuchtete. Es war 6 Uhr geworden, keine Aussicht auf eine ausreichende Mahlzeit und auf die nothwendigen Decken, deren wir dringend bedurften, um unsere nur sehr leicht bekleideten Körper gegen die rauhe Nachtluft zu schützen. Die Eingeborenen machten sich schon daran, unser frugales Mahl aus dem Ofen hervorzuholen, da klingt ein heller Ruf an unser Ohr, welchen jene aus voller Kehle erwidern und der von uns mit einem kräftigen Hurrah -- es mögen auch mehrere gewesen sein -- beantwortet wird. Wie lebendig war auf einmal die versteinerte Gesellschaft geworden und welcher Jubel brach erst aus, als eine Viertelstunde später die braven Tahitier mit schweren Proviantkörben und Weinkisten, mit Bettzeug und Windlichtern wohlbehalten bei uns anlangten. Nicht einmal mein kleines Kopfkissen hatten sie vergessen, ohne welches ich mit meinen verschiedenen Schädelbruchnarben wahrscheinlich eine schlaflose Nacht verbracht hätte.
Es war dies eine erstaunliche Leistung von den Leuten, wenn man bedenkt, daß sie denselben Weg, zu welchem wir 4-5 Stunden gebraucht hatten, in ebenfalls 5 Stunden, und zwar schwer beladen hin und her zurückgelegt hatten, und das, nachdem sie vorher schon den Weg, welcher uns vollständig niederwarf, als Gepäck- oder unsere Träger mit uns gemacht und dazwischen wol kaum eine Ruhepause gefunden hatten. Ich würde es für unmöglich gehalten haben, wenn die zurückgekehrten Leute nicht sämmtlich als zu unserer Partie gehörig recognoscirt worden wären.
Was nun folgte, war wahrhaft herzerquickend für uns. Erst wurden die Windlichter in Ordnung gebracht und angesteckt und dann ging es ans Auspacken: Schüsseln, Teller, Gläser, Messer und Gabeln, Servietten; ein feister Hammelrücken, ein Roastbeef, gebratene Tauben und Hühner, Hummer, gekochte Eier, Brot, gemahlener Kaffee, condensirte Milch und Früchte; Sherry, Portwein, leichter Roth- und Moselwein, sowie einige Flaschen Champagner, welche in dem auch mitgekommenen Eis gleich kalt gestellt wurden.
Trotz unserer steifen Glieder halfen wir alle an der Herrichtung unserer Tafel und begannen das Mahl mit dem Aal, dessen Stücke uns auf frischen Bananenblättern gebracht wurden. Das Fleisch war außerordentlich wohlschmeckend und zart, nur für unsere Gaumen etwas zu fett, sodaß wir in Ansehung der Genüsse, welche uns noch bevorstanden, gern auf den größern Theil zu Gunsten der Eingeborenen verzichteten.
Wie schon den ganzen Tag über unsere Stimmung auf- und abwogte zwischen himmelhoch jauchzend und zum Tode betrübt, so waren wir jetzt wieder auf dem Gipfelpunkt froher Stimmung angelangt. Gesättigt läßt es sich schon des Nachts am See Waihiria aushalten, namentlich wenn die Reste unsers Mahles ausreichen, auch noch den ganzen Troß zu sättigen und in frohe Stimmung zu versetzen.
Wir liegen in und vor der Hütte behaglich ausgestreckt mit einer guten Cigarre und einem Glas kalten Champagner, all die Fährlichkeiten des verflossenen Tages erörternd und belachend. Die Eingeborenen sitzen um ein großes Feuer und sind ebenfalls in bester Stimmung. Vor uns und um uns ist alles in Nacht gehüllt und zwischen den auf den Bergen lagernden Wolken steht ein Stück des wolkenlosen dunkeln Himmelsdomes mit seinen flimmernden Sternen, deren Spiegelbilder aus dem vor uns liegenden schwarzen See herausstrahlen und woran wir dessen Wasserfläche zu erkennen vermögen. Der Consul verlangt von den Eingeborenen ein Lied, welches sie anfänglich verweigern wollen, weil ihnen die nothwendigen Frauenstimmen fehlten, doch lassen sie sich unter dem Hinweis, daß doch wenigstens eine Frau unter ihnen sei, schließlich erweichen und in die Nacht erschallt ein gewaltiger Gesang, ein geistliches Lied so weihe- und stimmungsvoll, ein Gesang von so packender Wirkung in der eigenartigen Umgebung, wie ich noch keinen gehört hatte. Es war ein wunderbares Orchester aus menschlichen Stimmen, jede Stimme sang ihre eigenen Töne und alle vermischten sich zu einem vollendeten Ganzen, welches ich nur mit dem Klang einer mächtigen Orgel, deren sämmtliche Register geöffnet sind, vergleichen kann. Der Gesang verhallt, und erst nach einer Weile finden wir uns zu rauschendem Beifall zusammen. Ein zweites Lied wird verlangt und gewährt. Schon die ersten Töne kommen uns so bekannt vor, und bald hat einer von uns die richtigen Worte für den Refrain gefunden, in welchen wir alle jubelnd einstimmen: „Vive la, vive la, vive la va! vive la, vive la, hopsasa! vive la Compagneia!“ Die gehobene Stimmung war dahin, die Eingeborenen stutzten einen Augenblick und unter allgemeinem Lachen wurde dann das Lied in dem von uns angegebenen schnellern Tempo beendet. Der Consul fragte danach ganz erstaunt, woher wir die tahitische Nationalhymne kennten. Nun kam es heraus! Ein hoher Herr, welcher vor einigen Jahren hier war, soll den Tahitiern dieses alte deutsche Studentenlied als Nationalhymne geschenkt haben und die Eingeborenen haben sich dann einen passenden Text zu der Composition gemacht. Wahr ist jedenfalls, daß dieses Lied auch von den Franzosen als tahitische Nationalhymne anerkannt wird, denn wir hörten es nachher allabendlich sowol in Papeete wie in Raiatea von einem französischen Kriegsschiff als Zapfenstreich blasen und hatten unsere Freude daran, daß die Franzosen ein so prächtiges deutsches Lied in so hohen Ehren halten.
Doch die Woge unserer Stimmung senkte sich auch wieder. Gegessen hatten wir, getrunken auch, auch geraucht und manches Lied gesungen, auch waren wir müde, und da es 10 Uhr geworden war, so durften wir wol an unsere Nachtruhe denken. Dieselbe zu finden war aber nicht so leicht. Zunächst mußten unsere Kleidungsstücke in die Hütte geschafft werden, um sie gegen den starken Nachtthau zu schützen; die Hütte war aber eben nur so groß, daß wir dicht nebeneinander liegend, die Füße gegen die offene Seite gekehrt, gerade Platz fanden. Außerdem war sie aber auch nur so hoch, daß die oben aufgehängten längern Kleidungsstücke beinahe bis auf unsere Gesichter herunterreichten. Nun ging es ans Aufhängen. Die Röcke wurden als Kopfkissen zusammengerollt, die harten Stiefel, die Uhren, Strümpfe und sonstigen Kleidungsstücke an- und aufgehängt. Ich zog mir vorsorglich als Schutz gegen Mosquitostiche meine Segeltuchschuhe wieder an, und als alles fertig war, krochen wir vorsichtig auf unser hartes Lager unter die ausgebreiteten Decken und unter die hängende Garderobe, von welcher im Laufe der Nacht noch manches Stück herunterfiel, das dann von einem zum andern geworfen wurde, bis es in irgendeinem Winkel Ruhe fand. Zu beiden Seiten unserer Hütte am Seeufer loderte je ein großes Feuer, um welche die Eingeborenen sich gelagert hatten und die sie während der ganzen Nacht unterhielten, um sich daran zu wärmen.
Flußübergänge und braune Eingeborene mit müden Europäern auf ihren Rücken; lodernde Feuer und zerschlagene Glieder; von den Feuern beschienen kriechen ungeheuerliche Aale aus dem schwarzen See und verschlingen das für uns bereitete Mahl, während ihnen nachfolgende rothe Hummer und Krebse sich am Strande ordnen und einen Reigen tanzen, vive la, vive la, hopsasa; einer aus unserer Reihe dreht sich im Schlafe um und bringt alle in Bewegung, sodaß mancher wähnt, den steilen Wasserfall hinuntergestoßen zu werden; Mosquitostiche und herunterfallende Stiefel; festgehalten im tiefen Schlamm; wunderbar großartige Nachtscenerie vor unsern Augen!
Was ist Wahrheit, was ist Traum? Alles vermischt sich, bis auch diese Bilder schwinden und ein fester Schlaf uns bis zum ersten Tagesgrauen umfangen hält.
Fröstelnd suchen wir unsere steifen Glieder zusammen und greifen nach unserm Eigenthum. Doch das ist leichter gesagt wie gethan. Schon am Abend wurden die Sachen wol größtentheils vertauscht und alles, was während der Nacht heruntergefallen ist, muß aus den verschiedenen Winkeln oder außerhalb zusammengesucht werden. Die Stiefel sind in einem Zustande, daß sie kaum über gesunde Füße zu ziehen sind, sie aber über die von Mosquitostichen verschwollenen Füße zu ziehen, muß nach den Gesichtern der Aermsten fürchterlich sein. Unsere weißen Kleidungsstücke sind braun vom Lehm, braun und grün vom Pflanzensaft, hier und da auch zerrissen. Alle Sachen natürlich ohne Stärke und zerknittert. Wir sehen geradezu fürchterlich aus, doch es hilft uns nichts, zurück müssen wir doch.
Nach einem kurzen, die Lebensgeister auffrischenden Frühstück nahmen wir Abschied von dem von den ersten Sonnenstrahlen beschienenen, ernst dreinschauenden See Waihiria und seiner großartigen Umgebung und machten uns gegen 7 Uhr auf den Rückweg, von dem ich nicht viel erzählen will. Die ganze Gesellschaft hielt jetzt zusammen, auch die Gepäckträger blieben bei uns. Der Stabsarzt stieg nicht mehr nach jedem Flußübergang von seinem Pferde ab, sondern blieb bis zum Gasthaus gemächlich im Sattel sitzen. Der Consul und ich zogen es vor, da unser Schuhzeug dies erlaubte, auf unsern eigenen Füßen durch den Fluß zu gehen und bedienten uns nur an den gefährlichern Stellen der Hand unserer Führer. Die kleine Frau, welche wieder die Führung übernommen hatte, schien sich für verpflichtet zu halten, die müden Europäer an den lichteren Stellen etwas aufzumuntern, wenigstens sah sie sich dann immer nach uns um und nickte uns freundlich zu. In verhältnißmäßig schnellem Schritt wurde der Weg zurückgelegt, sodaß wir schon gegen 9½ Uhr in dem Gasthaus anlangten. Dort wuschen wir uns, zogen frische Kleider an, frühstückten, nahmen Abschied von den reichbeschenkten braven Tahitiern und fanden in den bequemen Wagen unsere gute Laune wieder, welche an diesem Tage noch nicht zum Durchbruch gekommen war. Der Rückweg wurde ebenso wie der Hinweg gemacht, und um 5 Uhr abends waren wir wieder auf unserm Schiff.
Um 7 Uhr fand ich mich im Hause unsers Consuls ein, wo bereits die junge Königin von Tahiti, deren Bekanntschaft ich hier machen sollte, anwesend war. Sonst war niemand geladen.
Die Königin, welcher nach Bestimmung der französischen Regierung das Prädicat „Majestät“ zusteht, ist eine stattliche, imponirende Gestalt, über 1,80 m groß und zählt zur Zeit 18 Lebensjahre. Sie wurde, noch nicht 15 Jahre alt, im Januar 1875 mit dem damaligen Erbprinzen, jetzigen König von Tahiti, vermählt; doch dürfte diese Verbindung nur eine leere Form geblieben sein, da der Gemahl, welcher ein wunderlicher Herr zu sein scheint, sich gleich nach der Trauung auf eine seiner Besitzungen auf das Land zurückgezogen haben soll, um dort in sehr zweifelhafter Gesellschaft sein bisheriges Leben fortzusetzen. Er kommt nur zur Stadt, wenn er sich aus Repräsentationsrücksichten mit der Königin zusammen zeigen muß. Die letztere bewohnt daher, nur von ihrem weiblichen Hofstaat umgeben, das Stadtpalais allein. Die Königin hat ihre Erziehung in Sydney genossen, spricht englisch und französisch, ist ziemlich belesen, gewandt in der Unterhaltung und scheint eine liebenswürdige Dame von heiterm Gemüth zu sein.
Der Abend verlief sehr angenehm und fand uns alle in so behaglicher Stimmung, daß ich auch einigen Stadtklatsch zu hören bekam und dabei gleichzeitig erfuhr, wie die hiesigen Damen sich für die fehlende Zeitung Ersatz zu schaffen wissen. Für diese tritt der mündliche Bericht ein, und die Börse hierfür ist der allmorgendlich stattfindende Markt. Die Damen schicken ihre eingeborenen Verwandtinnen oder Vertraute dorthin, alle Begebenheiten von Bedeutung werden ausgetauscht und jede Familie erfährt beim ersten Frühstück schon, was sich in der Stadt und auf dem Lande in den letzten 24 Stunden zugetragen hat. Dies geht so weit, daß mir aus dieser Quelle auch für mich wichtige politische Nachrichten aus dem Hause des Gouverneurs zuflossen, welche von Einfluß auf meinen Besuch der Gesellschafts-Inseln wurden. Der Markt soll aus diesem Grunde das bewegteste Bild in Papeete bieten, und ich bedauerte es sehr, dies nicht früher gewußt zu haben, weil ich zu einem derartigen Besuch keine Gelegenheit mehr fand. Ich hatte es mir bei meinen frühern Reisen stets zum Grundsatz gemacht, den Markt nie zu versäumen, weil man hier immer Interessantes sieht, hier in Papeete hatte ich aber nichts erwartet.
Ehe wir uns trennten, sprach die Königin noch den Wunsch aus, unser Schiff zu sehen, machte aber zur Bedingung, daß sie nur als Tante unserer liebenswürdigen Wirthin empfangen würde, daß ferner der Besuch in die Abendzeit fallen müsse und über denselben vorher nicht gesprochen werden dürfe, weil der französische Gouverneur ihr sonst auf irgendeine Weise die Ausführung dieses Wunsches unmöglich machen würde. Was der Gouverneur nachher etwa zu sagen beliebte, sei ihr gleichgültig. Da unsere Abreise für den 1. Juni morgens festgesetzt war, so blieb nur der nächste Abend zur Verfügung, und ich versprach der Dame, sie 7 Uhr abends mit ihren Verwandten vom Lande abzuholen.
Der heutige Tag, 31. Mai, gehört den Geschäften.
Wie ich schon angedeutet habe, beabsichtigt die 'Société commerciale de l’Océanie' ihren Wohnsitz nach der unabhängigen Insel Raiatea zu verlegen, sowol um den übermäßigen Steuern, Zöllen und Hafenabgaben in Papeete, wie namentlich den unwürdigen Plackereien durch die französischen Machthaber zu entgehen. Diese Absicht ist nicht nur den Franzosen, sondern auch weitern Kreisen bekannt, da mir schon in Panama der Commandant eines amerikanischen Kriegsschiffs erzählt hatte, daß die bisher auf Tahiti ansässig gewesenen Deutschen wegen der seitens der Franzosen gegen die dort lebenden Ausländer getroffenen Maßregeln ihren Wohnsitz nach den unabhängigen Inseln der Gesellschafts-Gruppe verlegt hätten. Im übrigen hat das deutsche Haus seine Absicht auch schon zum Theil ausgeführt, die Waarenlager bereits nach Raiatea verlegt und hofft innerhalb einiger Monate seine ganze Geschäftsthätigkeit dort concentriren zu können. Die unter deutscher Flagge zwischen den Inseln fahrenden kleinern Schiffe löschen und laden bereits auf Raiatea, ebenso laufen die zwischen Hamburg und hier fahrenden großen Schiffe diesen Hafen und nicht mehr Papeete an. Erwähnt sei hier noch, daß die Gesellschafts-Inseln, von welchen Raiatea, Huheine und Bora-Bora (auch Bola-Bola genannt) die bedeutendsten sind und gesonderte selbständige Staatswesen bilden, in unmittelbarer Nähe von Tahiti, d. h. nur etwas über 100 Seemeilen davon entfernt, liegen und die Franzosen früher versucht haben, auch diese in ihre Machtsphäre einzuschließen. Als sie indeß durch Waffengewalt von Huheine vertrieben wurden, legte sich England ins Mittel, und es kam dann zwischen England und Frankreich ein Vertrag zu Stande, welcher den Gesellschafts-Inseln ihre Unabhängigkeit garantirte.
Die Franzosen brachten nun jedenfalls die Anwesenheit der zufällig hierhergekommenen „Ariadne“ mit den Maßnahmen des deutschen Hauses in Zusammenhang und befürchteten zweifellos, daß Deutschland sich in ihrer unmittelbaren Nähe festsetzen wolle, daß unser Schiff den Auftrag habe, von den Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen. In Papeete konnte man wenigstens aus jedem Munde hören, daß das deutsche Kriegsschiff zu diesem Zwecke hierhergekommen sei. Der Gouverneur hielt sich nun wol für verpflichtet, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, welche mich wieder zwangen, gerade das zu thun, was den Franzosen unbequem war und woran ich vorher gar nicht hatte denken können, weil ich nur das Streben hatte, möglichst schnell nach Apia zu kommen und daher auch die Forderung der deutschen Gesellschaft, zu ihrem Schutze die Gesellschafts-Inseln anzulaufen, anfänglich abgeschlagen hatte. Als ich aber durch die Marktzeitung erfuhr, daß das hier stationirende französische Kriegsschiff den Auftrag erhalten habe, zwei Tage vor meiner bereits bekannten Abreise von Papeete nach den Gesellschafts-Inseln zu gehen, um die Eingeborenen gegen die Deutschen aufzuwiegeln und ihnen mitzutheilen, daß in den nächsten Tagen ein deutsches Kriegsschiff kommen würde, um ihnen ihr Land wegzunehmen, daß die Franzosen ihnen aber beistehen und im Verein mit England und Nordamerika die Deutschen wieder vertreiben würden, wurde ich unschlüssig. Nachdem nun das französische Kriegsschiff gestern wirklich Papeete verlassen hat und heute von Huheine auch bereits durch ein besonders abgeschicktes Segelschiff an das deutsche Haus die verbürgte Nachricht gelangt ist, daß der Franzose dort war und die ganze Insel in Aufruhr sei, um sich mit Waffengewalt unserm Eindringen zu widersetzen, blieb mir keine Wahl. Ich mußte nun die Inseln anlaufen, sowol um die böswilligen Gerüchte zu zerstreuen, wie auch um durch Machtentfaltung die herrschende Aufregung zu bändigen und die heißblütigen Eingeborenen vor Gewaltthätigkeiten gegen Deutsche zu bewahren.
Da ferner Herr und Frau G. sich bereit erklärt hatten, die auf acht Tage veranschlagte Reise als meine Gäste auf der „Ariadne“ mitzumachen, so konnte ich, da die genannte Dame mit den regierenden Familien nahe verwandt ist und als tahitische Prinzessin mit dem Titel einer „Prinzessin der Bienen“ unter den Eingeborenen der ganzen Gruppe ein hohes Ansehen genießt, dieselbe auch im Stande war, die etwas zweifelhaften Dolmetscher zu controliren, darauf rechnen, die gestellte Aufgabe in glatter Weise zu lösen. Schließlich war es mir noch gelungen, den deutschen Capitän eines kleinen in Papeete liegenden Schiffes, welcher schon seit vielen Jahren zwischen diesen Inseln fährt, als Lootsen zu erhalten.
Während des Nachmittags wurde auf der „Ariadne“ für den Besuch der Königin ein Zelt aufgeschlagen und dasselbe mit Flaggen, Laub, sowie allen verfügbaren Lampen und Laternen decorirt. Nach dem Vorschiff zu blieb es offen, um unserer Mannschaft auch Gelegenheit zu geben, die Königin von Tahiti zu sehen.
Abends 7 Uhr, nach Eintritt vollkommener Dunkelheit, wurden die Königin, Herr und Frau G. nebst deren Gepäck und Diener, da diese Herrschaften wegen unsers frühen Aufbruchs am nächsten Tage schon diese Nacht an Bord bleiben sollten, abgeholt. Auf dem Deck waren bequeme Sitzgelegenheiten geschaffen und die Offiziere hatten, da ich mich um das Arrangement nicht hatte bekümmern können, für die Bewirthung gesorgt. Die Königin trug die wenig kleidsame tahitische Nationaltracht, ein langes, faltenreiches, gürtelloses Gewand von schwerem schwarzen Atlas und einige Blumen im Haar. Das Kleid wurde vorn durch eine reiche Brillantbrosche, welche ein Hochzeitsgeschenk des damaligen Präsidenten der französischen Republik sein soll, geschlossen. Als die Dame, uns alle überragend, in der Mitte des bunten Zelts im vollen Lichtschein stehend, wohlgefällig Umschau hielt, um das zu ihren Ehren getroffene Arrangement zu betrachten, war sie in ihrer einfachen schwarzen schillernden Kleidung eine entschieden hoheitsvolle Erscheinung.
Es wurden verschiedene Erfrischungen gereicht, die Musik spielte einige Stücke und gegen 9 Uhr geleitete ich im Verein mit Herrn und Frau G. die Königin wieder ans Land, wo sie von einigen Dienerinnen und Dienern erwartet wurde. Herr und Frau G. machten es sich in meiner Kajüte bequem, während ich ein anderweites Unterkommen für die Zeit gefunden hatte.
Am 1. Juni morgens mit Tagesanbruch verließ unser Schiff Papeete wieder und zwar hoffentlich auf Nimmerwiedersehen, da das Anlaufen französischer Häfen für ein deutsches Kriegsschiff sogar in der Südsee eine wenig angenehme Sache ist.
7.
Die Gesellschafts-Inseln.
Unser Weg führte uns zunächst nach der Insel Morea, auch Eimeo genannt, wo ich einen nur kurzen Aufenthalt von wenigen Stunden nehmen wollte, um im Anschluß daran während der Nacht nach Huheine zu laufen.
Wegen der Erregung in den Gemüthern der Eingeborenen von Huheine hielt ich es für zweckmäßig, nicht abends, sondern erst am nächsten Vormittag bei guter Zeit dort einzutreffen, und so konnte ich den heutigen Tag gar nicht besser zubringen, als unter Segel nach Morea zu laufen und es der Gunst des Windes zu überlassen, wie lange unser Aufenthalt dort währen solle. Unser Ziel war Taloo-Hafen, von den Franzosen jetzt Papetoaï genannt, wo bei dem Dorfe Oponu die einzige auf dieser Insel befindliche und Herrn G. gehörige Plantage liegt. Nebenbei wünschte der Herr auch meiner Mannschaft einige Tausend Apfelsinen, welche dort gerade geerntet waren und nach San-Francisco verschifft werden sollten, zu schenken, ein Geschenk, welches ich gern annahm.
Um 9½ Uhr waren wir vor der Hafeneinfahrt angelangt und hatten von hier aus einen außerordentlich schönen Blick auf die eigenartig gestaltete Insel. Die beiden geradlinig und annähernd parallel nach dem Innern laufenden, mäßig hohen Ufer fallen ziemlich steil nach dem Wasser ab, sind dicht belaubt und wirken mit ihren tiefen Farbentönen, im Gegensatz zu dem hellen Hintergrund, wie die Seitencoulissen auf der Bühne. Den Hintergrund bildet eine im vollen Sonnenschein liegende, sanft ansteigende und sich weit nach rückwärts erstreckende Ebene, welche durch eine hellgrau schimmernde und heiß flimmernde, 900 m hohe, felsige Gebirgswand von merkwürdig zerrissenen und gekünstelten Linien begrenzt wird. Am Fuße dieser Wand liegt links das Dorf Opuno, in der Mitte vor seinem Anker ein großes Segelschiff mit der deutschen Flagge an der Gaffel, und zur Rechten sieht man die Plantage mit ihren Gebäuden.
Als wir unter Dampf in dieses Bühnenbild hineinfuhren, hatte ich die Empfindung, als ob ich mich nach den Zuschauern unserer Gastvorstellung umsehen müsse.
Kurz nach 10 Uhr vormittags kamen wir zu Anker und setzten 5 Uhr abends unsere Reise weiter fort.
Morea gehört zu dem tahitischen Königreich und steht somit ebenfalls unter französischem Protectorat, obgleich seitens der Franzosen zur Zeit keinerlei Controle über die Insel ausgeübt wird, welche wegen ihres vorherrschend steinigen Bodens wol auch nie besondere Bedeutung erlangen wird. Sie liefert vorläufig nur Orangen und soll reich an verwilderten Rindern und Ziegen sein, deren Jagd aber nicht als lohnend betrachtet wird, weil die Thiere nur auf kaum gangbaren Pfaden zu erreichen sind und ihnen nur mit der Kugel beizukommen ist. Daneben gilt es als unmöglich, das erlegte Wild auf den Felsenpfaden bis zu den Wohnstätten der Menschen zu schaffen, und es muß daher da liegen bleiben, wo es gefallen ist. Da ferner die Rinder in der Regel auch selbst zum Angriff vorgehen sollen und namentlich die heerdenlosen Stiere sehr gefürchtet werden, so kann diese Jagd nur als ein Sport betrachtet werden, welchem in frühern Zeiten wol englische Marineoffiziere gehuldigt haben sollen, zu welchem sich in neuerer Zeit aber keine Jünger mehr gefunden haben.
Unser Aufenthalt am Lande beschränkte sich darauf, die Plantage zu begehen, die Unmassen der ein großes Schiff füllenden Orangen anzustaunen, im Schatten der Veranda des Wohnhauses zu ruhen und dabei das schöne Landschaftsbild zu genießen.
Am 2. Juni morgens langten wir vor Huheine an, ankerten im Laufe des Vormittags im Owharre-Hafen und zwar so dicht unter Land, daß das Schiff außerdem auch noch mit Tauen an Bäumen festgebunden werden konnte. Der Hafen ist zu eng, um großen Schiffen ein freies Schwingen um ihren Anker zu gestatten, man muß sich daher auf die angegebene Weise helfen.