Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 18
Die besser situirten Europäer wohnen außerhalb der eigentlichen Stadt in bequemen, luftigen, nur aus Parterreräumlichkeiten bestehenden Landhäusern, die inmitten großer Gärten liegend wol als gesunde und angenehme Wohnungen betrachtet werden dürfen. Dort findet man auch die französischen Restaurants, welche auch hier, wie überall im Auslande, sich durch gut gehaltene Gärten, vortreffliche Küche und Getränke, aufmerksame Bedienung und mäßige Preise auszeichnen. Europäische Damen von ganz reinem Blut trifft man hier eigentlich nur in den französischen Beamten- und englischen Missionarfamilien, die andern, größtentheils mütterlicher-, groß- oder urgroßmütterlicherseits von Tahitiern herstammend, haben wenigstens ein klein wenig tahitisches Blut in ihren Adern. Dieses tahitische Blut thut aber weder ihrer Schönheit, noch ihrer Liebenswürdigkeit, noch ihrer theilweise vortrefflichen und vornehmlich in England oder Australien genossenen Geistesbildung irgendwelchen Abbruch, im Gegentheil. Ich hatte den Vorzug, zwei dieser Damen kennen zu lernen, welche nicht nur durchaus feingebildete Weltdamen, sondern auch in jeder Beziehung vortreffliche Hausfrauen sind, und schwerlich wird jemand, da auch ihr Teint wol noch heller als der der Italienerinnen ist, auf den Gedanken kommen, sie nicht als Europäerinnen der besten Kreise anzusehen, wenn er nicht ihren Stammbaum kennen sollte. Es hatte für mich einen eigenen Reiz, eine dieser an deutsche Herren verheiratheten Damen, welche fließend tahitisch, englisch, französisch und spanisch spricht, auch das reinste Deutsch sprechen zu hören und zu beobachten, wie ihre Unterhaltung mit ihren kleinen Kindern sich in Ausdrücken bewegte, wie sie nur die deutscheste Mutter in der zärtlichsten Stimmung zu finden weiß. Und sollten Junggesellen diesen Zauber nicht verstehen, dann würden sie sicher durch die feinen Umgangsformen der liebenswürdigen Wirthin gewonnen werden, wenn ihnen der Vorzug zutheil würde, in ihr gastfreies Haus Eingang zu finden.
Eingeborene sieht man in der Stadt, mit Ausnahme der stets heitern herrlichen Mädchengestalten, welche mit duftenden Blumen bekränzt durch die Straßen wandeln und dabei mit ihren fliegenden Gewändern den Staub aufwirbeln, nur solche, welche träge in und vor den Häusern ihrer reichen, an Europäer verheiratheten Verwandtinnen herumlungern. Diese Belästigung geht soweit, daß die Hausfrau in der Regel einen ganzen Kreis von Hofdamen zwischen 16 und 30 Jahren aus der Zahl ihrer weiblichen Verwandten hat, welche oft dem Hausherrn das Leben recht sauer machen, weil sie bei kleinen Differenzen stets auf der Seite der Hausfrau stehen, unter Berücksichtigung ihres liebenswerthen Aeußern auch wol häufig genug Veranlassung zu Eifersuchtsscenen geben. Aber auch sonst machen sie sich unbequem, weil sie überall im Hause Zutritt haben. Denn wenn sie z. B. den Hausherrn nicht zu Hause vermuthen, stürmen sie plötzlich in sein Zimmer, während er beim Umkleiden ist; andererseits, wenn er beim Nachhausekommen seine Frau aufsuchen will, wird er von einem halben Dutzend Mädchen wieder zur Thür hinausspedirt, weil seine Anwesenheit gerade zur Zeit überflüssig ist.
Ebenso wenig wie in der Stadt sieht man auch auf dem Hafen wirklich einheimisches Leben; das bequemere europäische Boot hat hier das zierliche Kanu fast ganz verdrängt. Die Männer, welche die Wäsche von den Schiffen holen und diejenigen, welche Früchte zum Verkauf bringen, sind meistentheils im Besitz irgendeines alten Bootes. Würde nicht ab und zu ein Kanu zum Fischfang auf das Riff fahren, und sähe man nicht zuweilen am Strande einige Mädchen ihre langen Gewänder abwerfen, um, nur mit dem Pareo bekleidet, ein Bad zu nehmen, man käme hier in Papeete nicht auf den Gedanken, auf einer polynesischen Insel zu sein. Im Hafen Kriegs- und Kauffahrteischiffe, deren hin- und herfahrende Boote und nur selten dazwischen ein Kanu; in der Stadt Beamte, Kaufleute, Soldaten und Matrosen, und allerdings häufig genug lustige, lachende Mädchen, aber keine eingeborenen Männer.
Ein flüchtiger Spaziergang durch die Stadt zeigte mir alles, was ich hier überhaupt zu sehen bekam, und das war nicht viel. Um so dankbarer muß ich es anerkennen, daß unser Consul, Mitdirector der 'Société commerciale', mich mit den dienstfreien Offizieren zu einer Partie nach dem Bergsee Waihiria einlud. An diesen Ausflug, zu welchem von Papeete aus gewöhnlich mehrere Tage gerechnet werden, konnte ich bei unserm nur kurzen Aufenthalte nicht denken, weil es mir unmöglich schien, denselben ohne Schädigung anderer Interessen zur Ausführung zu bringen; der liebenswürdige Herr hatte aber alles so vortrefflich arrangirt, daß wir die Partie in anderthalb Tagen machen sollten, und dadurch wurde mir die Zusage möglich.
Um von Papeete aus zu dem 500 m über dem Meere in den Bergen liegenden See gelangen zu können, muß man zunächst auf der Ringstraße einen Weg von 8 deutschen Meilen oder 60 km um die ganze Westküste der Insel nach ihrer Südostseite bis zu dem Groß- und Klein-Tahiti verbindenden Isthmus zurücklegen und dann von hier aus in dem Thal eines Bergflusses den Aufstieg nehmen. Wir waren zusammen acht Personen und verließen Papeete an einem schönen Morgen in zwei offenen, mit Sonnendächern versehenen leichten Wagen; ein dritter mit Proviant, Wein und Eis war schon voraufgegangen. Die flinken Pferde griffen gut aus, die Fahrt in der großartigen Natur, bei dem prächtigen Wetter, war herrlich. Eine vorzügliche, zu beiden Seiten mit Palmen und andern Bäumen besetzte Straße; zur Linken die steilen, mächtigen, rothbraunen Bergmassen, welche in der Regel nur in ihrem untern Theil mit Laub und Holz bestanden sind, häufig aber von fruchtbaren, überaus üppigen, bis zu 700 m Höhe ansteigenden Thälern, auf deren Sohlen Bergflüsse dem Meere zueilen, durchschnitten werden; zur Rechten das weite Meer mit seinen eilig hastenden Wogen, welches uns angenehme Kühlung brachte. Ueber einzelne Flüsse -- wir haben im ganzen acht passirt -- führen Brücken, andere haben dieselben bei Gelegenheit eines Wolkenbruchs zerstört und wir mußten hier durch das Flußbett fahren. Der Weg führt an Landhäusern und Plantagen vorbei, an Gärten und an Vanillepflanzungen, und alle anderthalb Stunden fanden wir ein unter schattigen Bäumen gelegenes gutes Wirthshaus, wo wir einen kleinen vorher für uns bereit gestellten Imbiß einnahmen und unsere Glieder etwas streckten, bis die frischen Pferde, welche schon auf unsere Ankunft warteten, eingespannt waren.
Daß es auf diesem langen Wege viel zu sehen gab, ist natürlich, doch will ich von Naturschilderungen absehen und nur das anführen, was mich besonders interessirt hat.
Zunächst erfuhr ich, als ich mein Befremden darüber aussprach, daß die Kokospalmen nur am Strande und theilweise sogar in Sandboden zu finden seien, daß dieser Baum nur in unmittelbarer Nähe der See Früchte trägt und es noch nicht erwiesen sei, wo die Ertragfähigkeit größer ist, ob in fettem Boden oder im Korallensand. Thatsache soll es sein, daß die Bäume um so reicher Früchte tragen, je näher sie am Strande stehen, und zwar ganz unabhängig von dem Boden, in welchem sie wachsen. Hieraus hat man, da dicht am Strande gewöhnlich nur Korallensand gefunden wird, einerseits gefolgert, daß dieser Boden der Kokospalme am zuträglichsten sei, während andererseits behauptet wird, daß der größere Ertrag nur durch den größern Salzgehalt der Luft, sowie den des Bodens dicht am Strande bedingt ist.
Bei vielen Kokospalmen fiel mir ein aus Rinde oder Bast bestehendes und stets in gleicher Art um den Baumstamm gewundenes Band auf. Dies soll bedeuten, daß der Baum von seinem Besitzer „Tabu“ erklärt worden ist. „Tabu“ ist ein heidnisch religiöses Gesetz, welches merkwürdigerweise über die ganze Südsee, über ein Gebiet von 6000 Seemeilen in der geographischen Länge und 4000 Seemeilen in der geographischen Breite gleichmäßig verbreitet ist und, was am auffälligsten erscheinen muß, überall mit demselben Namen genannt wird, obgleich bei der jetzigen Figuration des Landes eine Verbindung zwischen vielen der Inselgruppen nie stattgefunden haben kann. Das Gesetz bedeutet, daß jeder Tabu erklärte Gegenstand heilig und unantastbar geworden ist und jedermann, welcher sich trotzdem an dem Gegenstand vergreift, dem Tode verfallen ist, ganz gleich ob die Tabu-Erklärung von dem Häuptling, von dem ganzen Gemeinwesen oder von einem einzelnen Individuum ausgegangen ist. Wenn auch dieses Gesetz, welches auf den von europäischem Einfluß unberührten Inseln noch in seiner ganzen Härte besteht, hier auf Tahiti und wol auch auf den mit Europa oder europäischen Colonien in Verbindung stehenden Inseln seine eigentliche Bedeutung verloren hat, so wird es von den inzwischen zu Christen gewordenen Eingeborenen doch noch immer heilig gehalten und dementsprechend geachtet, obgleich der Bruch des Gesetzes, z. B. hier auf Tahiti, nicht mehr bestraft werden kann. So versieht ein Eingeborener, welcher durch irgendwelche Umstände gezwungen wird, sein Besitzthum zeitweise zu verlassen, dieses mit dem Tabu-Zeichen und er kann sicher sein, bei seiner Rückkehr sein Eigenthum unversehrt wieder vorzufinden.
Auf unserm Wege kamen wir auch an mehrern großen, viereckigen, sturmfreien Thürmen vorbei, welche die ersten Befestigungswerke der Franzosen gegen die Eingeborenen gebildet haben. Denn nachdem die französischen Truppen von Huheine durch die dortigen tapfern Eingeborenen vertrieben worden waren und auch ein Aufstand hier auf Tahiti ihnen viel zu schaffen gemacht hatte, hielten sie es für nothwendig, rund um die Insel diese Wachthürme zu erbauen, welche wol genügenden Raum für je 20 Mann nebst dem erforderlichen mehrwöchentlichen Proviant bieten.
Einen sehr netten Eindruck machten die Vanillepflanzungen. Die Vanille ist ja, wie bekannt, ein zur Klasse der Orchideen gehöriges rankendes Gewächs, gedeiht daher nur auf Bäumen und zwar nur auf solchen einiger bestimmter Gattungen. Zu ihrer Cultur ist mithin in erster Reihe die Anpflanzung geeigneter Bäume erforderlich, und so kommt es, daß man dann reizende an der Straße gelegene Haine aus etwa 3 m hohen und 2 m von einander entfernt stehenden Bäumchen findet, zwischen welchen die kostbaren Ranken mit ihren Luftwurzeln sich von Stamm zu Stamm schlingen. Das Ganze sieht so zierlich, sauber und duftig aus, daß man es für ein japanisches Zwerggartenkunstwerk halten könnte.
Etwa auf dem halben Wege zwischen Papeete und unserer Endstation an der Küste fanden wir in einer steil abfallenden nackten Felsenwand von vielleicht 60 m Höhe eine ziemlich kreisrunde Höhle mit einer Wasserlache. Da ihr Durchmesser höchstens 10 m beträgt, so würde ich sie ihrer Unbedeutendheit wegen nicht erwähnen, wenn sie nicht durch ihren äußern Anblick auffiele. An dem Fuße und in der Mitte der grauen, von der Sonne hell beschienenen Felsenwand wölbt sich ein 10 m breites und 8 m hohes, von der Natur regelmäßig geformtes rundbogiges Thor über dem glänzenden regungslosen Wasserspiegel, welcher zu ein Drittel außerhalb der Höhle liegend grell aus seiner dunkeln Umgebung hervorleuchtet und vorn zu beiden Seiten von dichtem grünen Laub eingerahmt wird. Wol jeder, der Sinn für Naturschönheit und Kunst hat, wird beim Vorbeigehen hier eine Rast von einigen Minuten machen.
Gelegentlich erkundigte ich mich danach, mit welchem Ausdruck das Pferd, welches erst seit 60-70 Jahren auf Tahiti bekannt ist, eigentlich benannt wird, und erhielt als Antwort einen so unendlich langen Namen, daß ich um nähere Uebersetzung bat. Es dürfte schwerlich jemand errathen, wie die Eingeborenen sich in dieser Sache geholfen haben. Zunächst waren sie rathlos, dann nahmen sie den größten bekannten Vierfüßler zum Vergleich und nun hatten sie einen Namen und zwar: „das schnell über das Land laufende Schwein“!
Gegen 2 Uhr nachmittags langten wir am Ziel des Tages an und fanden ein bequem eingerichtetes, mit einer großen Veranda umgebenes englisches Gasthaus, welches zwischen schattigen Bäumen liegend nach der einen Seite einen freien Ausblick nach dem Meer und Klein-Tahiti bietet und an der andern Seite sich an einen großen freien Platz anlehnt, hinter welchem die Bergwände der Hauptinsel das Bild abschließen. Das Haus wird vorzugsweise von Kranken als klimatischer Curort benutzt und wir fanden zwei solcher Gäste vor, Herren, welche hier Linderung für ihre kranken Lungen erhofften. Für uns war nicht mehr hinreichend Platz vorhanden und wir mußten daher zu je zwei ein Zimmer theilen, fanden aber sonst alle Bequemlichkeiten, und namentlich erhielt jeder ein großes, gutes Bett für sich allein. Auf die Tafel hatte die Einschränkung indeß keine Rückwirkung, denn wir fanden ein vorzügliches kaltes Frühstück vor, sowie eine mustergültige, lautlose, aus sechs eingeborenen Frauen und Mädchen bestehende Bedienung. Diese war allerdings von Papeete aus besonders für uns hierher gekommen, weil der Wirth einerseits für gewöhnlich so großer Bedienung nicht bedarf und er andererseits uns am zweiten Tage nach unserer Rückkehr von dem See mit einem tahitischen Festmahl überraschen wollte, zu welchem die Tahitierinnen durchaus nothwendig waren. Aus der eigenthümlichen Stellung dieser Eingeborenen, welche den einen Tag die Diener machen, den nächsten Tag als mit dem Gast gleichberechtigt auftreten, bin ich nicht klug geworden. So war die schöne, vielleicht 30 Jahr alte Halbblut-Frau, welche vorzugsweise den Consul und mich bei Tisch bediente, die Witwe eines wohlsituirt gewesenen Engländers und soll in ganz guten Verhältnissen leben.
Außer diesen Dienerinnen sahen wir auch noch auffallend viele Weiber in der nächsten Umgebung des Gasthauses und hörten zu unserer Ueberraschung, daß diese fast sämmtlich nach Papeete gehörten und durch die Polizei mit dem Bedeuten hierhergebracht worden seien, daß sie erst nach der Abreise des deutschen Kriegsschiffes die Erlaubniß zur Rückkehr erhalten würden. Dieses leichtlebige und leichtsinnige Volk war daher voll Jubel, als wir ankamen; eine kleine Schadenfreude konnten wir allerdings auch nicht unterdrücken. Die Bemühungen des eingeborenen Polizeidieners, welcher zur Ueberwachung dieser lustigen Gesellschaft mitgeschickt war, seine Heerde zusammen- und von der Annäherung an uns abzuhalten, blieben erfolglos, und ich glaube, daß er von den ihm anvertrauten Vertreterinnen des schönen Geschlechts, hier fernab von der Hauptstadt, höchst unangenehme Prügel bekommen hätte, wenn er nicht klug und nachgiebig geworden wäre.
Nachdem wir den Reisestaub abgeschüttelt und uns an der reichen Tafel erquickt hatten, was eigentlich nicht nöthig gewesen wäre, weil wir auf dem ganzen Wege bis hierher ja kaum etwas anderes gethan hatten, als uns zu erquicken, trennten wir uns, um erst abends 6 Uhr bei der Hauptmahlzeit wieder zusammenzutreffen. Der Consul und ich gingen nach einer Zuckerplantage, welche der genannte Herr hier besitzt und die er bei dieser Gelegenheit auch besuchen wollte; wir begingen das Terrain und besichtigten die Einrichtungen zur Gewinnung des Rohzuckers, welche mir noch unbekannt waren. Von den andern Herren wollte keiner mit, dem jungen Volk erschienen die fröhlichen, blumenbekränzten Töchter des Landes wol anziehender, wenigstens vermuthe ich dies und verarge es ihnen auch nicht, denn Zuckerplantagen sieht man auch anderswo.
Von der Plantage gingen wir zum Strande, wo ich noch ein Bad nehmen wollte. Ein schönerer und einladenderer Badeplatz ist nicht leicht zu finden, wenn man den Körper eben nur für kurze Zeit erfrischen und im Anschluß daran einige Stunden in süßem Nichtsthun verbringen will. Bis dicht an den schönen weißen Strand reicht der üppige Wald von Fruchtbäumen, deren Zweige unter der Last der reifen Orangen und Brotfrüchte zu brechen drohen, und tritt man aus dem Laubdach heraus, dann liegt ein Bild von so großartiger Schönheit vor uns, daß unsere Augen nicht wissen, wo sie sich hinwenden sollen. Dicht vor unsern Füßen liegt die smaragd- und saphyrfarbene regungslose Flut, welche sich bis zu dem dreiviertel Seemeilen von uns abliegenden Barriere-Korallenriff erstreckt. Auf diesem Riff sieht man, wie einen Wall, die auf- und abwogenden Schneeschaummassen der nicht besonders hohen Brandung und hinter dieser das von dem frischen Passatwind aufgewühlte tiefblaue Meer mit seinen Wogen und deren Schaumkämmen. Zu unserer Rechten und vor uns liegen innerhalb des Riffs in dem klaren Wasserspiegel zwei kleine dicht bewaldete Inseln, welche einen solchen Frieden ausathmen, daß man wähnt, keinen schönern Wohnplatz finden zu können, und zu unserer Linken, in einer Entfernung von 5 Seemeilen, steigt vor uns Taiarabu (Klein-Tahiti) mit seinen steilen Felswänden bis zu einer Höhe von 1130 m aus dem Meere empor. Die zu unserer Rechten schon ziemlich tief stehende Sonne vergoldet das ganze Bild und beleuchtet es für uns um so wirkungsvoller, als unser Standort und ein schmaler Streifen des davor liegenden Wassers beschattet sind. Das leise Rauschen in den Baumwipfeln und das von dem Riff herüberdröhnende Grollen der Brandung vervollständigen die Stimmung. Still setzen wir uns zu Füßen eines großen Baumes auf den weißen Sand und lange schauen wir in die Ferne, ohne zu wissen was uns am meisten fesselt, und doch ist es das ewig ruhelose und doch sich immer gleichbleibende Meer. Wie oft habe ich träumerisch und sehnsuchtsvoll dem Spiel dieser gewaltigen, Segen und Verderben bringenden Wassermassen zugesehen, wie bekannt scheint mir das Weben und Treiben dieser geheimnißvollen Kräfte, wie viel Schöneres liegt zu meinen Füßen, zur Rechten und zur Linken, und doch wie groß ist die magnetische Kraft der unergründlichen Flut, welche wie die Nixe der Loreley nur für sich allein den Menschen fordert. Mein Nachbar weckt mich aus meinem Sinnen und macht mich auf eine Stelle im Wasser aufmerksam, wo ein leichtes Sprudeln, wie das einer kleinen Quelle, und die von dem Sprudel auslaufenden, sich immer weiter dehnenden Ringe zu sehen sind. Er sagt mir, daß dies eine der Tahiti eigenthümlichen Süßwasserquellen im Meere ist, von welchen ich auch schon gelesen hatte und die noch ziemlich weit von der Küste ab zu finden sein sollen. Die Eingeborenen sollen sich an ihnen, wenn sie draußen beim Fischfang sind, in der Weise den Durst stillen, daß sie schwimmend soweit tauchen, bis sie die Stelle finden, wo das Quellwasser noch unvermischt mit dem Seewasser ist. Da das süße Wasser sehr viel leichter wie das Meerwasser ist und deshalb kräftig nach oben steigt, so muß an solcher Quelle allerdings in relativ nicht zu großer Tiefe schon reines Süßwasser gefunden werden.
Probiren geht über Studiren, und wenn ich auch den Eingeborenen das Taucherkunststück nicht nachmachen konnte, so konnte ich mich doch an der Wasseroberfläche davon überzeugen, ob der Quell weniger Salzgehalt wie das übrige Wasser habe. Bald war ich in der See und schwamm nach dem nicht weit entfernten Sprudel, wo ich das Wasser wirklich nur brack fand. Wieder am Lande bekam ich großes Verlangen nach der Milch einer frischen Kokosnuß; aber wie eine solche von den hohen Bäumen herunterbekommen? „Nichts leichter als das, da gerade ein Eingeborener dort des Weges kommt“, sagte der Consul. Der Mann wurde angerufen und schnell hatte er sich einen Riemen um seine Knöchel geschnallt, welcher einen Zwischenraum von etwa 5 cm zwischen den Füßen ließ. Dann griff er mit den Händen um den Stamm einer Palme, schnellte mit den Füßen soweit in die Höhe, daß die Beine möglichst wagerecht standen und die Füße jetzt gegen den Stamm gestemmt waren, wo durch das Gewicht des eigenen Körpers die Füße auf der einen und die Hände auf der andern Seite des Stammes so fest an die rauhe Rinde gepreßt wurden, daß der Körper nicht nach unten gleiten konnte. Mit ununterbrochenen kleinen Sprüngen hatte der Mann den hohen Baum bald erstiegen, löste den Riemen von seinen Füßen, warf einige Nüsse herunter und ließ sich in ähnlicher Weise wieder hinuntergleiten, wie wir es thun.
Als die Essensstunde heranrückte, begaben wir uns wieder in das Gasthaus, legten ein etwas förmlicheres Kleid an und fanden ein ganz vorzügliches Mahl, welches durch die mitgebrachten eigenen Weine, unter denen sich auch gute Marken deutschen Wachsthums befanden, noch wesentlich verbessert wurde. Besondere Anerkennung muß ich den vortrefflichen hiesigen Wasserthieren zollen, welche neben guten Austern und Fischen aus besonders feinschmeckenden großen, scherenlosen Hummern und den früher schon genannten Süßwasser-Schrimsen bestanden. Diese letztern hatten die Größe von ausgesuchten Oderkrebsen, welche sie indeß an Feinheit des Geschmacks nicht ganz erreichen, während die Hummern entschieden den europäischen weit vorzuziehen sind. Die Hummern waren auf dem nächsten Korallenriff gefangen, die Schrimse in dem Bergfluß, an dessen Ufer wir am nächsten Morgen den Weg zum See zurücklegen sollten.
Während des Essens entstand noch eine kleine Aufregung dadurch, daß eine der Dienerinnen in großer Erregung in das Zimmer trat und erzählte, daß in dem wenige Minuten entfernten Dorfe zwei Eingeborene von Papeete mit dem Auftrage angekommen seien, mich zu beobachten. Die Nachricht erstaunte mich weiter nicht, da ich schon gehört hatte, daß jedem unserer Offiziere an Land stets ein Aufpasser folge, weil die Franzosen in dem Wahne befangen waren, daß das Schiff den Auftrag habe, von den nahegelegenen unabhängigen Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen, und man wol glaubte, daß auch Tahiti in den Bereich der deutschen Begehrlichkeit gezogen würde. Immerhin schickte unser Wirth einen Vertrauten ab, welcher bald die Richtigkeit der Nachricht bestätigte. Dies veranlaßte denn auch den Consul und mich, die jüngern Herren unserer Gesellschaft, welche gleich nach dem Essen aufbrachen, um einer Einladung der eingeborenen Damen zu einem Abendfest in dem nahegelegenen Dorfe zu entsprechen, nicht zu begleiten, obgleich wir ursprünglich die Absicht hatten, uns die Sache für kurze Zeit anzusehen. Statt dessen begaben wir uns bald zur Ruhe.