Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
Part 16
Inzwischen ist der Tag weiter vorgeschritten; die Sonne, welche hier in sechs Stunden fast bis zum Zenith steigen muß, hat um 8 Uhr schon eine solche Höhe erreicht, daß ihre Strahlen das Land zu versengen drohen und es zwingen, wieder unter dem Wolkenkleid, welches am vorhergehenden Abend nach Sonnenuntergang abgelegt wurde, Schutz zu suchen. Kleine Wölkchen lehnen sich an die Bergspitzen an, verdichten sich und schwellen an, umlagern dann die obern Bergkuppen und wachsen so lange, bis sie, allmählich sich senkend, die ganze obere Hälfte der Insel mit einer dichten Wolkenhaube bedecken, welche das nach Feuchtigkeit lechzende Land in so ergiebiger Weise mit Wasser versieht, daß trotz des in jetziger Jahreszeit seltenen Regens die Vegetation in köstlichster Frische prangt und die in den Thalschluchten von den Höhen nach unten eilenden Bergflüsse nie versiegen. Hier unten bei uns ist es aber heiß, sehr heiß; der kühlende Landwind ist wieder abgestorben, die Seebrise noch nicht erwacht. An Stelle der Segel ist vor kurzem die Schraube getreten, und in einer halben Stunde, gegen 9 Uhr, werden wir in Papeete ankern, um das Schiff schnell auszurüsten und in zwei bis drei Tagen dann nach unserm eigentlichen Bestimmungsort weiterzugehen.
11. Juni.
Seit einigen Stunden befinden wir uns nun endlich auf dem Wege nach den Samoa-Inseln.
Ehe ich die Ereignisse der letzten vierzehn Tage bespreche, will ich in kurzen Umrissen ein Bild des Landes und der Bewohner von Tahiti geben, zuvor aber einen kurzen Abriß der Entdeckungsgeschichte dieser Insel, wie sie in den englischen Segelanweisungen von A. G. Findlay enthalten ist, einfügen. Diese Entdeckungsgeschichte wird gleichzeitig auch zeigen, warum so viele Inseln des Stillen Oceans so verschiedene Namen tragen und wie schließlich doch die Bezeichnungen der Eingeborenen wieder in ihr Recht treten.
Tahiti ist zweifellos zuerst von einem Spanier Pedro Fernandez de Quiros am 10. Februar 1606 entdeckt und von ihm La Sagittaria genannt worden, ohne daß in damaliger Zeit diese Entdeckung weiter verfolgt oder in weitern Kreisen bekannt geworden wäre, denn Thatsache ist es, daß eine 160 Jahre später von dem König Georg III. von England zu Entdeckungen nach der Südsee ausgeschickte Expedition von dem Vorhandensein dieser Insel nichts wußte. So konnte Wallis, der Führer dieser Expedition, sich auch das Verdienst zuschreiben, Tahiti am 19. Juni 1767 entdeckt zu haben und das Recht in Anspruch nehmen, einem bis dahin unbekannten Lande einen Namen zu geben. Er nannte es King George-Island und nahm es durch Aufhissen der englischen Flagge für seinen König in Besitz. Doch die Eingeborenen holten die Flagge bald wieder herunter und benutzten sie in spätern Jahren als ein Zeichen ihrer eigenen Unabhängigkeit.
Noch ehe diese zweite Entdeckung bekannt wurde, erfuhr Tahiti im folgenden Jahre am 2. April 1768 diese Ehre zum dritten mal und zwar durch den rühmlich bekannten französischen Seefahrer de Bougainville in dem Schiffe „Boudeuse“, welcher die Insel 'Nouvelle Cythère' benannte. Am 12. April 1769 langte Cook in Tahiti an, um von hier aus den Durchgang der Venus durch die Sonne zu beobachten. Das Gelingen der Beobachtung am 3. Juni desselben Jahres, die in derselben Zeit erfolgte Aufnahme des Landes und der Häfen, welche bislang noch immer unübertroffen dasteht und die noch jetzt maßgebende Karte lieferte, sowie die gleichzeitige Entdeckung der nordwestlich gelegenen Gesellschafts-Inseln haben diese Reise zu einer besonders werthvollen für die Wissenschaft gemacht. Cook war auch der erste, welcher der Insel ihren einheimischen Namen wiedergab, nachdem sie vorher drei Namen erhalten hatte, die heutzutage so gut wie vergessen sind. In derselben Zeit fürchteten die Spanier, daß der englische Einfluß in der Südsee zu sehr wachsen könne; der Vicekönig von Lima erhielt daher den Befehl, von Tahiti Besitz ergreifen zu lassen, woraufhin eine spanische Expedition unter Don Domingo Bonecheo entsandt wurde, welche am 10. November 1772 in Tahiti anlangte und es Amat oder Tagiti benannte. Der Bericht Bonecheo’s nach seiner Rückkehr hatte zur Folge, daß er im September 1774 wieder dahin geschickt wurde, um nunmehr von der Insel Besitz zu ergreifen. Er durchforschte zunächst das Land, starb aber schon am 26. Januar 1775, worauf die spanischen Schiffe unverrichteter Sache nach Lima zurückkehrten. Im August 1777 besuchte Cook noch einmal Tahiti als das letzte europäische Schiff für den Zeitraum von 11 Jahren.
Im Jahre 1788 schickte König Georg III. von England das Schiff „Bounty“ unter dem Commando eines Lieutenant Bligh, welcher schon mit Cook Tahiti besucht hatte, dahin, um den werthvollen Brotfruchtbaum der Südseeinseln nach Westindien zu verpflanzen. Die Geschichte dieses Schiffes ist so abenteuerlich, daß sie kurzer Erwähnung verdient. Die „Bounty“ langte am 26. October 1788 in Tahiti an, kehrte aber nicht mehr nach England zurück, sondern blieb in den Händen einer meuterischen Mannschaft und fand in der Südsee ihr Ende. Als das Schiff mit den Brotfruchtbäumen Tahiti verlassen hatte, brach eine Meuterei auf demselben aus; nach einzelnen Angaben, weil der größte Theil der Mannschaft die in Tahiti angeknüpften Liebesverhältnisse nicht aufgeben wollte, nach der wahrscheinlichern Angabe aber, weil der Commandant die Mannschaft zu hart behandelte. Thatsache ist, daß das Schiff in den Händen der meuterischen Mannschaft blieb und die Führung einem mit Gewalt zurückbehaltenen Seecadetten übertragen wurde. Der Commandant, die Offiziere und ein kleiner Theil der Mannschaft, welcher treu zu den Offizieren gestanden hatte, wurden dann am 26. April 1789 auf hoher See in Schiffsbooten ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen; sie landeten nach langen Irrfahrten und infolge der erlittenen Entbehrungen sehr zusammengeschmolzen auf Timor und fanden von dort ihren Rückweg nach England, um Kunde von ihrem Schicksal zu geben. Die Meuterer kehrten mit dem Schiffe „Bounty“ nach Tahiti zurück, welches sie, wenn auch auf Umwegen, wohlbehalten wieder erreichten. Sie versicherten sich dort wieder ihrer Frauen, flüchteten unter Zurücklassung von 14 Mann weiter und galten lange Zeit als verschollen. Als die Nachricht von der Meuterei nach England gedrungen war, wurde die Fregatte „Pandora“ ausgeschickt, um die „Bounty“ zu jagen, langte am 23. März 1791 in Tahiti an, nahm die dort zurückgebliebenen 14 Mann gefangen und kehrte dann nach erfolglosem Suchen nach dem Meutererschiff nach England zurück, woselbst drei der 14 Gefangenen hingerichtet wurden. Die „Bounty“ mit ihrer Mannschaft war längst vergessen, als im Jahre 1808 ein Walfischfänger nach Pitcairn-Island (südöstlich der Paumotu-Inseln) kam und dort auf der bis dahin für unbewohnt gehaltenen Insel die Meuterer fand. Ehe diese Nachricht nach England kam, hatte auch das englische Kriegsschiff „Briton“ Pitcairn angelaufen und einen Bericht über die aus der weißen Mannschaft der „Bounty“, ihren braunen polynesischen Frauen und Mischlingskindern bestehende Bevölkerung dieser kleinen Insel nach England gesandt, welcher das allgemeinste Interesse erweckte. Die Schilderung von dem Glück, der Reinheit der Sitten, der harmlosen Einfachheit und den nahezu paradiesischen Zuständen auf dieser kleinen Insel wirkte so mildernd auf die englische Regierung, daß dieselbe unter Zulassung der Verjährung nicht nur volle Verzeihung gewährte, sondern auch die Leute unter ihren besondern Schutz nahm und so weit ging, daß sie im Jahre 1856, als Pitcairn für die Bevölkerung zu klein geworden war, ihnen die bei Australien gelegene schöne Insel Norfolk, welche bis dahin Verbrechercolonie gewesen war, mit allen Gebäuden, 2000 Schafen, 300 Pferden, Schweinen, Federvieh u. s. w. als freies Eigenthum schenkte. Die ganze aus 194 Personen (92 männlichen, 102 weiblichen Geschlechts) bestehende Bevölkerung wurde auch auf Regierungsschiffen kostenfrei nach der neuen Heimat übergeführt.
Die von England aus im vorigen Jahrhundert nach der Südsee unternommenen Reisen hatten die öffentliche Meinung so in Anspruch genommen, daß sich in London eine Missionsgesellschaft bildete, um durch die Verkündigung des wahren Glaubens in Polynesien festen Fuß zu fassen. Schon am 10. August 1796 segelte das Schiff „Duff“ von London ab und langte am 5. März 1797 in Tahiti an, wo die Missionare zunächst viel Gutes stifteten und in verhältnißmäßig kurzer Zeit ganz Tahiti dem Christenthume gewannen. Zu diesem Erfolg soll namentlich der Umstand wesentlich beigetragen haben, daß die Männer, welche zuerst hierher kamen, in den bestehenden freien Sitten nicht gleich Sittenlosigkeit vermutheten, sondern mit Geduld prüfend bald erkannten, daß diese Freiheit nicht eines gewissen moralischen Haltes ermangele, welchen mit der neuen Religion in Einklang zu bringen diesen erleuchteten Männern wol gelungen sein soll, wenngleich jetzt nach 35jähriger französischer Herrschaft von Sittenreinheit auf Tahiti wol nicht mehr gesprochen werden kann. Wenn auch von einer Seite behauptet wird, daß die Unduldsamkeit der englischen Missionare die Ursache gewesen, daß Tahiti unter französisches Protectorat gekommen sei, weil sie zu Anfang der vierziger Jahre zwei französische katholische Priester mit Gewalt von der Insel hätten vertreiben lassen und diese gezwungen worden wären, sich in einem kaum seefähigen kleinen Fahrzeug nach der 2000 Seemeilen westlich von Tahiti liegenden Insel Uea (Wallis-Island) zu flüchten, so gibt eine andere, und zwar meines Erachtens durchaus competente Quelle den Verlauf dieser Vergewaltigung anders an.
Als Ende der dreißiger Jahre die auf den südöstlich von Tahiti liegenden Gambier-Inseln ansässigen französischen Missionare dort festen Fuß gefaßt hatten, schickten sie zwei ihrer Mitglieder nach Tahiti ab, um diese werthvolle Insel für ihre Interessen zu gewinnen. Da nun Tahiti bereits lange dem Christenthum und zwar dem protestantischen Glauben gewonnen war und die Bevölkerung, wie es bei halbcivilisirten Völkern so leicht der Fall ist, außerordentlich orthodox war, so sah die Königin Pomare in der Ankunft dieser beiden Priester eine große Gefahr für ihr Land und erklärte den Herren, weder das Bedürfniß zu einem erneuten Glaubenswechsel zu empfinden, noch die Macht zu haben, sie vor etwaiger Unbill seitens ihrer Unterthanen zu schützen, weshalb sie sie ersuchen müsse, die Insel wieder zu verlassen. Aber die Priester befolgten diesen Rath erst, nachdem die von ihnen bewohnte Hütte durch einige Eingeborene zerstört worden war, und gingen freiwillig, aber wol nur, um diese Gewaltthat, auf welche sie wahrscheinlich gewartet hatten, wenn sie dieselbe nicht, wie es nach anderer Lesart heißt, provocirt hatten, als Handhabe für eine Einmischung der französischen Regierung zu benutzen. Die französische Regierung fand denn auch hierin eine erwünschte Gelegenheit, ihre Hand auf Tahiti zu legen, und im Jahre 1842 langte der französische Admiral Du Petit Thouars mit der Fregatte „La Venus“ in Tahiti an, um Satisfaction zu fordern. Er verlangte 2000 Dollars Schadenersatz, eine Summe, welche die Königin nicht bezahlen konnte, sodaß sie nun darauf einging, das französische Protectorat anzunehmen, nachdem die englische Regierung, unter deren Schutz sie sich gestellt hatte, sie preisgegeben hatte. Die Verhandlungen fanden im September 1842 ihren Abschluß, und seit dieser Zeit kann Tahiti als französische Colonie betrachtet werden.
Naturgemäß verloren die englischen Missionare unter der französischen Herrschaft ihren Einfluß vollkommen und trotz der vielfach aufgestellten Behauptung, daß sie noch viele Anhänger haben, besagen die mir gewordenen Mittheilungen, daß es auf Tahiti keine protestantischen Eingeborenen mehr gibt und die dort noch ansässigen englischen Missionare nur die Seelsorger der dort lebenden Europäer sind. Auch diese letztern müssen ihre Kinder, wenn sie dieselben nicht schon im zartesten Alter zur Erziehung nach Europa, Amerika oder Australien schicken wollen, der Obhut der französischen Priester und Nonnen anvertrauen, weil die Schulen sich in deren Händen befinden.
Tahiti besteht aus zwei nahezu kreisrunden kegelförmigen Inseln, welche durch einen Isthmus von 2000 m Breite und 14 m höchster Höhe über dem Meere verbunden sind. Die größere wird Tahiti-Nui (Groß-Tahiti) oder kurzweg Tahiti, die kleinere Tahiti-Iti (Klein-Tahiti) oder gewöhnlich Taiarabu genannt. Tahiti hat einen Durchmesser von 18, Taiarabu einen solchen von 9 Seemeilen, die größte Höhe des erstern beträgt 2240, die des letztern 1140 m. Diese beiden durch den genannten Isthmus verbundenen Inseln sind sich in jeder Beziehung so gleich, daß die folgenden Angaben über Tahiti auch auf Taiarabu passen.
Tahiti, von den Eingeborenen mit Lauten benannt, die zwischen T’aeiti und T’eiiti liegen (bei der Bezeichnung Otaheiti bildet O den Artikel), erhebt sich als flacher ziemlich regelmäßiger Kegel aus dem Meere. Die Basis an der Wasseroberfläche bildet nahezu einen Kreis, in dessen Mittelpunkt die höchste Erhebung der Insel liegt. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und kranzförmig von einem Korallenriff umgeben, welches ihr eine große Zahl guter und sicherer Häfen gibt, da hinter dem Riff in mäßiger Wassertiefe mit gutem Ankergrund ein Schiff so sicher wie in dem besten künstlichen Dockbassin liegt. Der Haupthafen und hauptsächlichste Wohnort der Europäer ist das an der Nordseite gelegene Papeete (sprich: Pape-ete, auf deutsch: „Wasserkorb“). Der Hafen ist vortrefflich und bietet einer großen Zahl der größten Schiffe genügenden Raum, gestattet auch den großen Kauffahrern, dicht an Land zu legen, hat aber den großen Nachtheil, daß er an der Leeseite der Insel liegt, sich daher während des größten Theiles des Jahres unter Windstille befindet, wodurch die Segelschiffahrt sehr erschwert wird und die Temperatur sehr viel höher steigt, als wie an den von dem Passat bestrichenen Theilen der Insel. Es muß auffallen, daß die Franzosen Papeete zu dem Haupthafen gemacht haben, da an der Südostseite von Tahiti in der von Groß- und Klein-Tahiti gebildeten Bai bei den Flüssen Vaiurin und Umiti ein ebenfalls vortrefflicher und geräumiger Hafen liegt, welcher, stets von dem Passat bestrichen, ein verhältnißmäßig kühles und so gesundes Klima hat, daß der dort liegende Küstenstrich von kranken Europäern vielfach als klimatischer Kurort benutzt wird. Zieht man dazu noch in Betracht, daß dieser letztere Hafen wegen seiner bessern Vertheidigungsfähigkeit als Kriegshafen große Vortheile vor Papeete haben würde, so kann die Erklärung für die Wahl des Hafens nur darin zu suchen sein, daß Papeete der Wohnort der tahitischen Königsfamilie war, politische Gründe bei der Uebernahme des Protectorats für die Wahl der Residenz damals maßgebend waren und die Stadt inzwischen so angewachsen ist, daß jetzt an eine Uebersiedelung ohne Schädigung großer materieller Interessen nicht mehr gedacht werden kann.
Die Bodengestalt sichert dem Ackerbauer leichten und reichen Erwerb, da große Flächen Landes vorhanden sind, welche bei dem Reichthum an vortrefflichen Gebirgsflüssen leicht cultivirt werden können und durch vorzügliche Straßen verbunden sind. Nicht allein die sanft ansteigenden Abhänge liefern große Flächen fruchtbaren Landes, sondern Tahiti hat auch noch den seltenen Vorzug, rund um den eigentlichen Inselkern einen breiten Gürtel ebenern Landes zu besitzen, welcher auch ermöglichte, um die Insel herum eine vorzügliche Ringchaussee zu legen, welche alle Küstenpunkte mit der Hauptstadt verbindet.
Tahiti producirt alles, was ein tropisches Land nur hervorbringen kann. Die vielen in üppigster Vegetation prangenden Flußthäler sind wahre Obstgärten, welche ohne Pflege in überreicher Fülle die Eingeborenen mit Früchten aller Art versorgen und nebenbei noch reichen Gewinn durch den sehr bedeutenden Orangenhandel mit San-Francisco bringen. Tahiti ist nämlich bisjetzt der einzige Platz, welcher gerade zu dem Unabhängigkeitsfest der Vereinigten Staaten von Nordamerika seine vortrefflichen Orangen reif nach San-Francisco liefern kann, weil in Amerika wie in Europa die Erntezeit erst in den Winter der nördlichen Halbkugel fällt. In den sich öffnenden Ausläufern der Thäler, auf der Gürtelebene und auf den Bergabhängen wird, ganz abgesehen von der dankbaren Kokosnuß, mit gutem Erfolg Baumwolle, Zuckerrohr und Kaffee gebaut, doch vorzugsweise nur von Engländern und Amerikanern, während der Franzose sich mit Bienenzucht und der Cultur der Vanille befaßt. Die letztere erfordert hier große Geduld, weil auf der Insel diejenigen Insekten fehlen, welche die männlichen Samenstäubchen der weiblichen Blüte zutragen, und daher jede Blüte durch Menschenhand befruchtet werden muß. Der Eingeborene arbeitet überhaupt nicht, weshalb auf den Plantagen Chinesen Verwendung finden.
Hierbei möchte ich auch eines Exportartikels erwähnen, welcher mir bisjetzt als Handelsartikel unbekannt war, es ist dies die Baumwollsaat (Samenkörner der Baumwollfrucht). Dieser Artikel geht vorzugsweise nach den Olivendistricten Südfrankreichs, wird dort ausgepreßt und kommt dann als Olivenöl in den Handel, während die Rückstände zu Kuchen gepreßt ein hochbezahltes Viehfutter geben. Nachdem ich dies erfahren und auch gehört habe, daß sehr viel Kokosöl als Olivenöl verkauft wird, ist mir klar, warum das Speiseöl oft so schlecht ist.
Die in Tahiti vorkommenden Nahrungsmittel sind vorzugsweise die folgenden: Früchte und zwar Kokosnüsse, Brotfrucht, verschiedene Arten Bananen, Guaven, Orangen, Limonen und viele der sonst in den Tropen vorkommenden Früchte, welche nach und nach hierher verpflanzt worden sind; einige Arten Erdfrüchte und Wurzeln, namentlich Yam, süße Kartoffeln und der vortreffliche Taro.
Schweine und Federvieh, vorzügliche Salz- und Süßwasserfische, Hummern, Austern, große Krabben und in den Bergflüssen Süßwasser-Schrimse oder Garnelen, Crevettes, Krabben, wie diese Thiere auch genannt werden. Den vortrefflichen Wasserthieren werde ich noch bei Besprechung eines von uns unternommenen Ausflugs Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Rindvieh und Schafe werden meines Wissens auf Tahiti nicht gezüchtet; das erstere kommt vorzugsweise von Honolulu, die Schafe von der Osterinsel und Neuseeland. Jagd ist, wie auf all diesen Inseln, so gut wie nicht vorhanden; nur wilde Tauben und Enten können als eigentliches Wild betrachtet werden, da die auf einzelnen Inseln wild vorkommenden Rinder, Ziegen und Schweine früher eingeführte und im Laufe der Zeit verwilderte Hausthiere sind.
Merkwürdig ist, daß Tahiti kein Nutzholz producirt, sondern dieses von Californien bezieht, während andererseits Tahiti wieder Brennholz nach Californien ausführt.
Ueber die eingeborene Bevölkerung von Tahiti kann ich aus eigener Anschauung leider nur verhältnißmäßig wenig berichten, weil meine Stellung mir in Papeete versagte, einen tiefern Einblick in ihr Leben und Treiben zu erhalten, doch will ich das Wenige, was ich erfahren, hier wiedergeben, glaube allerdings, daß ich, wenn ich die Bewohner der Gesellschafts-Inseln gleich mit bespreche, ein ziemlich getreues Bild gebe. Die Tahitier gehören der polynesischen Rasse an, welche wegen ihrer angenehmen Gesichtszüge und schönen Körperbildung nach europäischen Begriffen eine bevorzugte Stellung unter den sogenannten wilden Völkerschaften einnimmt. Im besondern sind die Bewohner dieses Theils der Südsee (Tahiti mit den umliegenden Inselgruppen) durch auffallende Körpergröße ausgezeichnet, was namentlich von den Frauen gilt, da diese durchschnittlich die Größe der an sich großen Männer erreichen, ja vielfach diese noch überschreiten. Ueber die Körperbildung läßt sich nur sagen, daß sie äußerlich der der kaukasischen Rasse vollkommen entspricht und abgesehen von den großen Füßen (die Leute gehen alle barfuß) von großer Formenschönheit ist. Man sieht fast nur schön gebaute Menschen und wird versucht, diese schöne Gottesgabe dem freien und urwüchsigen Leben dieses Volksstammes zuzuschreiben, wie ja auch wol theilweise angenommen wird, daß die alten Griechen und Römer infolge der freiern Tracht durchschnittlich schöner gebildet waren, als die spätern Geschlechter. Als besonders merkwürdig ist mir noch aufgefallen, daß die Mischlinge beiderlei Geschlechts von weißen Vätern und braunen Müttern eigentlich durchgehends schöne und feine Gesichtszüge haben, wenn auch die Aeltern eher häßlich als schön sind, ja man findet unter diesen Mischlingen sogar wirklich auffallende Schönheiten.
Meine oberflächlichen Wahrnehmungen über die Charaktereigenschaften der Tahitier lassen sich wie folgt zusammenfassen. Von der Verschlagenheit, welche nach einzelnen Berichten dieser Rasse innewohnen soll, habe ich nichts bemerkt, im Gegentheil habe ich diese Menschen freundlich, zuthunlich und zuvorkommend gefunden. Ohne Launen lebt dieses Volk ein glückliches Leben und scheint nur zur Freude geboren; die Männer behandeln ihre Frauen und beide ihre Kinder gut. Die Frauen scheinen die geistig Begabtern zu sein und im allgemeinen die erste Rolle zu spielen, denn wenn sie auch nicht äußerlich herrschen, so führen sie doch im häuslichen Leben das Regiment, wie dies ja auch bei uns Europäern oft der Fall ist. Die Sitte der Bekleidung ist in Tahiti in der Hauptstadt Papeete allgemein durchgeführt, d. h. von oben herab befohlen, wenngleich eine Nothwendigkeit dafür nicht vorzuliegen scheint, da die Oberkleider hier etwa so angesehen werden, wie in civilisirten Ländern der Hut und die Handschuhe; denn ebenso leicht wie die europäische Dame diese Luxusartikel ablegt, entledigt die Tahitierin sich außerhalb der Stadt am öffentlichen Strande, wenn sie baden will, ihres Oberkleides und entblößt damit Oberkörper und Unterschenkel. Das Hauptkleidungsstück bei beiden Geschlechtern und früher das einzige, ist der Pareo, ein Stück Zeug, welches um die Hüften geschlungen bis zu den Knien reicht. Die Männer tragen daneben in der Regel noch ein Hemd, welches über dem Pareo glatt herunterhängt, die Weiber ein langes bis zur Erde reichendes weites Gewand, welches die ganze Gestalt bedeckt, und die Wohlhabendern zwischen Pareo und Obergewand auch noch ein Hemd. Das Obergewand verhüllt allerdings sehr wenig, da der leichte fast durchsichtige Stoff sich bei jeder Bewegung des Körpers und bei jedem Lufthauch so fest anschmiegt, daß die kleinste Erhebung der Haut zu plastischer Entwickelung kommt. Die früher von den englischen Missionaren eingeführt gewesenen geschmacklosen Hauben sind glücklicherweise wieder verschwunden; die Frauen tragen jetzt nur ihr Haar als natürlichen, und Strohhüte oder turbanähnlich um den Kopf geschlungene Tücher oder wohlriechende Blumenkränze als künstlichen Kopfputz. Namentlich der letztere ist vorzugsweise beliebt und verleiht diesen junonischen Gestalten einen besondern Reiz. Schuhzeug wird nicht getragen und wird sich auch wol schwerlich einbürgern. Bis hierher ist alles schön, nun aber kommt die häßliche Kehrseite. Die Sittenlosigkeit in Papeete übertrifft in Masse und Oeffentlichkeit alles bisher von mir Gesehene, und die Thatsache, daß in der Südsee die Sittenlosigkeit an den Plätzen, wo die Missionsgesellschaften ihren Centralpunkt haben, am schlimmsten ist, zwingt wol zu ernstem Nachdenken.