Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte
Part 6
»Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!« rief der Beamte voll Bestürzung aus. »Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre gesunden Sinne verwirrt?«
»Wissen Sie,« nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, »daß mir berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit habe Sie zum Schwärmer gemacht?«
Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen.
»Ein Schwärmer wäre ich,« entgegnete er, »wenn ich an die Verwirklichung der Utopien glaubte, für die dieser 'Kommunistenführer', wie Sie ihn nennen, lebt, und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem Einfluß seiner Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß? vielleicht doch!... Vielleicht vermag ein Beispiel, wie das deine, uns Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfüllung der einfachsten Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber gedacht habe ich mir: du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr geheißen und -- vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch einen unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist der mächtige Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu machen, in deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt ewig nur der Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Maß überschritten, das sich in unsrer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre Größe macht sie zum Irrtum, und dich zum Irrenden. So dachte ich; und ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles Krankhaften, Überspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet für ihn zu meinem Gott:«
»Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, laß ihn ungeheilt sterben, o Herr!«
* * * * *
Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört.
Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert; das Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, war durch dreihundert Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Führung, bei Gdow geschlagen worden.
Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau entstellte Kunde.
Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen, sondern durch fanatisierte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden.
Ein Schrei der Rache erhob sich und -- verstummte vor der Beredsamkeit eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes forderte und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden.
Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah.
Vertrauend auf die Gewalt seines Wortes verließ er Krakau, von Priestern im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet. Eine große Menschenmasse folgte; dreißig Scharfschützen deckten den Zug. Er überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt Podgorze auf der Straße nach Wieliczka.
Sie lag still und öde; so weit das Auge reichte, keine Spur von herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus kam jedoch eine Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen; sie durchfiel den Zug wie ein Blitz:
Österreichische Truppen marschieren gegen Podgorze.
Ein rascher Befehl seines Führers, und der Zug trat den Rückweg an in der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen erreichen und die Brücke noch gewinnen zu können.
Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen überblicken.
Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt; die polnischen Schützen, aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu.
Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs.
»Vorwärts! Mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch die Brücke. Mut!« rief er den zögernden Priestern zu. »Ihr habt nichts zu fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind Galizier, sie schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf geweihte Priester!«
Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhöhe herab. Der Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in der anbrechenden Dämmerung; in der Hand hielt er ein kleines schwarzes Kreuz.
Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis zur Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den Weg zur Brücke versperrte.
Der Emissär machte halt.
»Seht eure Brüder!« sprach er die Soldaten an und deutete auf die Scharen, die ihm folgten. »Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder -- gebt Raum!«
Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu beschwören -- da ertönte das Kommando:
»Fällt das Bajonett!«
Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um.
Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen jedoch und die Schützen drängten sich um ihn.
»Kein Ausweg ... Schießt -- und vorwärts!« rief er plötzlich mit wilder Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein.
Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff.
Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf getroffen.
Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der seinen Bericht mit den Worten schloß: »So mußte ein Wahnsinniger enden.«
Die Prophezeiung Nathanaels traf ein; der idealste Vertreter der Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien; sein Andenken erlosch auch bald im Volke.
Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht aufgefunden worden, und eine Zeit lang erhielt sich das Gerücht, er sei nicht tot, er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer Freiheitskämpfe auf ihrem Schauplatz erscheinen.
Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch auch in denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf seine Wiederkehr.
* * * * *
Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine gedeckte Britschka, der ein paar tüchtige Braune vorgespannt waren. Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der Kutscher, ein ältlicher Mann, so wohlgenährt wie seine Pferde, hatte sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife und machte sich ein Vergnügen daraus, die Fragen der hübschen Wirtsmagd mit einer schelmischen Zurückhaltung zu beantworten, die darauf abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste ohnehin erregte Neugier noch zu spannen.
»Ihr fahrt wohl recht weit über Land?« fragte sie.
»Weiter, als du denken kannst,« erwiderte er.
»Vielleicht gar ins Ungarn hinein?«
»Pah! Das wäre ja nur ein Katzensprung!«
Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte:
»Die möcht ich sehen, die Katz, die so springen könnt!«
»Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie sehen.«
»Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer zu Haus?«
»Wo?« Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: »Da -- und da, und dort.«
»Geh weg, du spaßest.«
»Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.«
»Ja, just,« spottete sie, »fragen -- so einen Herrn!«
»Fürcht'st dich?« -- er zwinkerte sie verschmitzt an. »Hast es schon weg, daß er ein Hexenmeister ist?«
Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz:
»So? Das hätt ich ihm nicht angesehen.«
»Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die Toten lebendig.«
»Die Toten?« ... Das Mädchen schauerte.
»Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.«
»Da kommt ihr ja zu spät, wenn ihr noch lang zu fahren habt.«
»Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart! -- und der Tod wartet.«
»So? Hat dein Herr auch eine Frau?«
»Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.«
»Was du sagst?« und wieder lachte sie hellaut auf.
Der Gegenstand dieses Gespräches war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten Rock. Den untern Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte der Bart, der, weiß und dicht wie die Haare, in zwei mächtige Strähne geteilt, fast bis zum Gürtel herabwallte. Der Alte, die Hände auf dem Rücken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus befand und ein lang gestrecktes Oval bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schief gewachsene Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel niedersenkten, während das andre sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße verflachte.
Der Teich war alles in allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für die Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die Pferde. Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große und kleine Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer Geschwister. Männer und Weiber kehrten vom Felde heim, und, von weitem schon angekündigt durch die Töne eines schallenden Gesanges, kam eine Mädchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen.
Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten, blonden Haare, im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten, quollen reich unter dem Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen, ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner Stiefel zu schließen, gehörte er wohlhabenden Eltern an.
In der offenen Tür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges, hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben zu:
»Jasiu, der Vater kommt.«
Da machte das Bübchen einen Luftsprung und lief von seinen Spielgefährten fort, dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen, beugte sich und lachte, als sein Junge im vollen Lauf an ihn anprallte. Er rückte ihm die verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt mit ihm weiter.
Es war ergötzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das verkleinerte Ebenbild des ersten.
Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauern die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen.
Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein märchenhaft-wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauern, starrte ihn an und rief:
»Ist es möglich?«
Überrascht wich jener zurück, aber nur, um schon im nächsten Augenblick auf ihn zuzustürzen.
»Sie! O Gott, Sie -- Doktor Rosenzweig!« sagte er mit einer Stimme, deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte. Früher als dieser gewann er seine Fassung wieder: »So habe ich Sie nicht umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer Samariterzüge den Weg durch unser Dorf nehmen würden, um --« fügte er mit Rücksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu -- »Ihren Diener Hawryl zu besuchen.«
»Hawryl --« stammelte Rosenzweig, »Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?«
»Überzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.«
Schweigend, noch ganz betäubt, folgte der Doktor dieser Einladung und ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau stehen geblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen, das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegenstrebte, festzuhalten.
»Mein liebes Weib, Herr Doktor,« sprach Hawryl, und zu ihr gewandt: »Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel nicht schicken.«
Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte, rein und innig wider: »Seien Sie schön gegrüßt, Herr,« sagte sie und lachte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an.
Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann er sich von seinem Staunen zu erholen:
»Sie leben! -- Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da --«
»Gleichgültig?« rief Hawryl.
»So reichen Sie mir doch die Hand!«
Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen -- eine andre als damals, eine derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauern nicht nur _spielte_.
Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand, und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und doch so einfache Geschichte seiner Rettung beenden konnte.
Zunächst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der Kirche in Podgorze verwundet wurde und für tot liegen blieb. Er war, da sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder erlangt, bald aber auch die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn behandelte, ihn keineswegs für einen Bauern hielt. Später verrieten ihm einige, wie absichtslos hingeworfene Worte des Doktors, daß er von ihm erkannt worden war.
An dem Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein Pole -- man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt -- in die Rekonvaleszentenstube.
Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem Leben.
»Du heißest Hawryl Koska,« sagte er zu ihm, »bist ein aus dem Königreich zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in deinem Passe. Ist das richtig?«
Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften stehen.
»In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund,« rief Hawryl, »in der ein Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter erschossen zu werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. -- Mein erstes Gefühl war das der Enttäuschung, mein erster Gedanke ein Gedanke schon des Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch vollenden.
Von diesem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen, eitlen Augen -- ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mensch geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die des bescheidenen Taglöhners.
Das erkannte ich.
Und nun -- wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu beteiligen?... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht bloß im bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe schritt -- da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte, edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen aufzurufen zu Kampf und Streit?«
Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten Friedens, und mit einem heiteren Lächeln fuhr er fort:
»So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe -- und jetzt! Vergnügt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, den Martin, in die Schenke zu gehen, oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu fahren.«
»Ihr Geheimnis aber,« fragte Nathanael, den Gang des Gespräches unterbrechend, »war das nie in Gefahr, verraten zu werden?«
»Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Für seinen Nachfolger bin ich ein Bauer wie ein andrer.«
-- »Ein Bauer! Ein Bauer!... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr Ende?«
-- »Bis an mein Ende, und ich glaube nicht, damit etwas Großes zu tun und ihnen mehr zu geben, als ich von ihnen empfange. Ich bin keineswegs immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. Ihre Freuden zu teilen, vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz haben wir uns oft gefunden. Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mütter an der Leiche ihrer Kinder stehen gesehen und Ehrfurcht gefühlt. Selten ist mir einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber hundert unzählige Male beklagenswert.«
In seinem Auge leuchtete die alte schwärmerische Glut, seine gebräunten Wangen erbleichten vor innerer Bewegung:
»Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmütiger Ergebung in einen höheren Willen in diesem Volke, den alle Mißhandlung, die es erfahren hat, nicht zu erschöpfen vermochte. Aber seines Reichtums unbewußt, streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit ihr das Wirken der tätigen, sittlichen Kräfte. Genug! Genug! das alles wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, daß es vieles nicht geringe zu tun gibt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufüllen, reicht mein Können gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. -- Der _Sendbote_ ist gestorben, ohne einen Jünger zu hinterlassen.«
»Einen doch!« rief Nathanael. »Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer eifrigsten Gegner geholt haben. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer Natur gewesen sind, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen hat und den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren.«
Beide waren zugleich aufgesprungen, stürzten einander an die Brust und hielten sich fest umschlungen.
FUSSNOTEN:
[1] Großmütterchen.
[2] Andersgläubiger.
[3] Esel.
[4] Lieber Herr!
[5] Mein Seelchen.
[6] Ein Riese.
Der Nebenbuhler.
*I.*
Graf Edmund N. an seine Hochwürden Herrn Professor Erhard.
Paris, den 10. Mai 1875.
Mein verehrter Freund!
Da bin ich, aus Marseille eingetroffen, vor vierzehn Tagen, die mir vergangen sind wie vierzehn Stunden.
Es ist unmöglich, liebenswürdiger empfangen zu werden, als ich es wurde von Freunden und Verwandten. Freilich begegnet man auch nicht alle Tage einem Manne, der direkt von den Antipoden kommt, mit Menschenfressern zu Mittag gespeist, am Salzsee gewohnt, den schwarzen Turban der Kopten getragen, den Schrei auf Ceylon gehört und bei indischen Schlangenbändigern in die Lehre gegangen ist.
Tante Brigitte grüßt Dich. Sie hat sich kürzlich frisch emaillieren und perückieren lassen, und jetzt machen wir gegenseitig Staat miteinander. Von einer Veränderung an ihr keine Spur. Sie sagt noch immer bei den unpassenden Gelegenheiten: *Ah, je comprends ça*! Sie spricht noch immer mit derselben Schwärmerei von meiner verstorbenen Mutter: ihrem Kinde mehr als ihrer Schwester, und bricht plötzlich ab mitten in der tiefsten Rührung, wischt sich die Augen, winkt mit dem Taschentuche und seufzt: »*Va, mon enfant, va te distraire.*«
Lieber Freund, ich bilde mir ein, daß auch sie vor Zeiten nicht verschmäht hat, kleine Zerstreuungen zu suchen in ihrem Schmerze, erst um die Schwester, dann um den Gatten. Heil ihr! möge noch so mancher Frühling frisch gemalte Rosen auf ihren Wangen erblühen sehen. Sie ist die gutmütigste Egoistin, die ich kenne.
Ganz in Übereinstimmung mit Dir, will sie mich jetzt verheiraten, und gegen die junge Dame, die sie mir ausgesucht hat, ist nichts einzuwenden. Sie stammt aus gutem Hause, von braven Eltern, ist verteufelt hübsch, hat einen klaren, schlagfertigen Verstand, eigenes Urteil, den Mut es auszusprechen und -- was unendlich mehr: die Fähigkeit, auch ein gegenteiliges anzuhören und sogar gelten zu lassen. Dabei gleichmäßig heiter, harmlos, unbefangen. Ich glaube, daß sie noch nie vor einem Menschen die Augen niedergeschlagen hat; und es wäre schade wahrlich, denn sie sind prachtvoll; dunkelgrau wie ein Gewitterhimmel, und wenn es in ihnen aufblitzt bei irgend einem Anlaß, da gibt's einen schönen Anblick.
Ich hoffe, du bestätigst mir heute oder morgen den Empfang meiner Sendung aus Marseille. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, an Bord des »Triomphant«, schrieb ich die Schlußworte des letzten Kapitels meines Reisetagebuchs. Streiche fort, was Dir sentimental vorkommt, ehe Du abschreiben lässest. Nach zweijährigem Herumbummeln in fremden Weltteilen hat mich die Heimkehr ins alte Europa seltsam bewegt. Plötzlich ist alles vor mir gestanden, was zu vergessen ich auf und davon gegangen ...
Aber -- sei unbesorgt, es war nur eine flüchtige Erinnerung. In die Tiefen des Ozeans versenkt, in den Sand der Wüste vergraben, in die Lüfte gestreut habe ich die Leidenschaft meiner Jugend.
Und jetzt will ich glücklich und tätig sein, ein Landwirt werden, ein Familienvater, ein Bürgermeister, alles, alles -- nur nicht Politiker.
Vorher indessen noch eine Zeitlang: *cum dignitate otium*. Es ist ein gewaltiger Strom des Lebens, der hier an einem vorüberbraust, und mit gekreuzten Armen seinem Treiben zuzusehen, hat einen großen Reiz.
Jedenfalls, Lieber, Verehrter, dürfte der Aufenthalt in Paris mir jetzt gesünder sein als vor zehn Jahren, da ich, ein laubfroschfarbiger Jüngling, in dieser Stadt der Arbeit und des Genusses erschien. Damals an Deiner Hand, mein Mentor, oder vielmehr in Deiner Hand, das reine Postpaket, aufgegeben von meinem armen, weltentfremdeten Vater in Korin an der Wottawa, abzugeben in Paris, Rue St. Dominique im Hotel der Tante. Sie hatte mich reklamiert, und Ihr liefertet mich aus für ein Jahr, in dem es mir oblag, tanzen und fechten zu lernen und mich in der Aussprache des Französischen zu vervollkommnen.
O, Ihr alten, unschuldigen Kinder!
Wir haben leicht lachen heute, aber einen zwanzig-jährigen, in einem Privat-Trappisten-Kloster zwischen zwei greisen Gelehrten erzogenen Menschen nach Paris schicken, zu einer langmütigen Tante, die den Bengel vergöttert -- das war ein Wagnis, das ich nicht unternehmen werde mit meinen Söhnen.
Ei, wenn er nur welche hätte! denkst Du im stillen. Nun, Freund, vielleicht ist heute übers Jahr schon einer auf dem Wege. Sobald er sein erstes Lustrum erreicht haben wird, kommt er zu Dir in die Lehre. Du lässest einen kleinen Pfahlbau für ihn im Teiche errichten, und er stellt mit seinen Bausteinen keltische Monumente auf und getreuliche Nachbildungen der Stufenpyramiden auf Otaheiti. Alle Kinder, die überhaupt Bausteine besitzen, tun das unbewußt, die meinen werden es mit Bewußtsein tun.
Und nun für heute lebe wohl!
Dein Edmund.
*II.*
Professor Erhard an den Grafen Edmund N.
Korin, den 15. Mai 1875.
Hochgeborener Herr Graf!