Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Part 5

Chapter 53,704 wordsPublic domain

Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war von Jugend an -- ein Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang, desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für uns Menschen -- die Nächstenliebe!«

Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote empfangen worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung:

»Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung des Vaterlands!«

»Eines, die beiden!« antwortete der Redner. »Keine Befreiung ohne die Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an dem Tag erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen müßt ihr ihr Gesetz. Für euch, ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Sühne!«

Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger werdender Stimme fuhr der Redner fort:

»Es gibt nur einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über seine Brüder, säet und erntet Unheil; die Seele des Knechtenden wie die des Geknechteten verdirbt.«

Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu:

»Rette deine Seele, demütige dich! Gedenke der Sünden deiner Väter, gedenke der Flüche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? -- Befreiung von fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgeübt an dem bejammernswerten Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat. Niemals ist in Polen ein andrer Stand zu Wort gekommen, als der eure, und wohin habt ihr das Land gebracht?... Euer Eigennutz hat es ausgebeutet, eure Zwietracht es zerrissen, euer Verrat es den Feinden ausgeliefert!«

»Du lügst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hören!« tönte es ihm zurück.

Ein rasender Tumult erhob sich.

»Platz da! Platz für den Fürsten!« riefen die Begleiter des Magnaten, der sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen mit Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchten.

Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge war wie eingekeilt unter der Tür, aber sein eiserner Arm teilte sie, um den Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab es, als der Fürst mit seiner Schar das Freie gewonnen hatte.

Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke setzten sich in Bewegung.

Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen seiner Jünger.

»Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir keine andern Gegner hätten als sie,« sprach er ruhig. »Der Bedrücker sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen -- er regt sich nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden. Sie aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben -- und dessen gedenken sie nicht! -- sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.«

Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend, brachte jeden allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck, auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten.

Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels ansichtig wurde.

»Gott wird die Schuldigen richten!« nahm er wieder das Wort. »Was uns zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser vermögen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe steht wie euerm Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer Können, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrätsel, während um euch her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis ausgestattet wie ihr -- und unfähig, die einfachsten Gedankenreihen zu bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und werdet immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter euern Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersäule, die nachts aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des Menschengeschlechts über die Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus jedem bisher blöden Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem Strahl der Wahrheit öffnet, wird euch der Himmel grüßen ...«

Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle Blicke: »Ich bin sehr enttäuscht,« flüsterte ein Advokatenschreiber den gelehrten Herren zu: »Das ist ja gar nichts.«

Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort. Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon.

Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in Tätlichkeiten auszuarten.

Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm.

»Laßt jeden unbehelligt ziehen,« befahl er. »Wer von euch kann sagen, ob das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt verlassen, noch dereinst in unsre Reihen ein. Mir aber, meine Brüder, mir ist es ein Segen zu fühlen: was mich in dieser Abschiedsstunde umgibt, ist Treue, was mich vernimmt -- Verständnis. Den tiefsten Inhalt meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also mitteilen werden.

Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsre Kräfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes. Während der Haß der Urheber aller bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft, werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern nicht Ruhe, nicht Rast; täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. _Leiden_ und _Leidenschaft_ sind ihre Namen. Faßt sie nur einmal scharf ins Auge, und ihr werdet euch fragen müssen: Ist es möglich, daß wir jemals einen andern Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die Leiden der andern und gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust? Wie? es gibt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den Vampyr an unserm Marke zehren lassen und unsre Streitlust nicht an _ihm_ gebüßt, nein, an unsern Brüdern, unsern mitleidenden Brüdern! Wir haben Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben Verwundete verletzt.

O, des Wahnsinns! Oder -- des Verbrechens -- oder vielmehr der beiden! Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.«

Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen, erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen -- die Wonne, aus den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos, die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung, dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke trübte die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. -- Täusche dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge dich damit, unsre Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung.

Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er:

»Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserm Bunde!« Da riefen alle, da tönte es mit der Stimme _einer_ Begeisterung aus der Brust von jung und alt, von Besonnenen und Schwärmern:

»Wir schwören!«

Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine Füße. »Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!« überschrie einer aus der Menge alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab:

»Nicht mir Gehorsam -- der Sache schwört, die Armen und Bedrückten zu lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.«

Die Beteuerungen wiederholten sich.

»So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die Eidesformel und den Katechismus,« sprach der Agitator, und Stille trat während der Verteilung der Schriften ein.

Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein, schreckensbleich, mit aufgelösten Locken:

»Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow, hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein Sohnleben is geritten ihnen voraus.«

Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige stammelten ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug, scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an. Er aber wies seine Getreuen hinweg.

»Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein Hochverräter jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!«

Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote, knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd des Redners wurde vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die Fersen. Das Tier bäumte sich, fiel schwer auf einen Vorderfuß zurück und zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Höhe.

Eilends sprang Rosenzweig herbei. »Ihr Pferd lahmt,« sagte er, »auf dem Pferde kommen Sie nicht weit.«

Der Wirt näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte jammernd den Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht:

»Wart, Kerl, wenn du das getan hast!«

Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte.

Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße. Sie ritten mit dem scharf herüber pfeifenden Wind. Gelblichgrau begann der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung verbreitete sich über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter Schweiß rann ihm über die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die Kehle zu. _Das war Furcht_, deren Symptome er so oft an andern beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte.

»Verbergen Sie sich im Haus,« sprach er zum Emissär.

»Was würde mir das nützen, wenn der Wirt falsch ist -- und er ist es,« antwortete jener. »Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit wie das gehetzte Wild habe auch ich. Irgendwo findet sich ein Hohlweg, ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.«

Er schickte sich zur Flucht an.

Da faßte ihn der Doktor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem Wagen hin.

»Herunter, Joseph!« befahl er, »und sieh zu, wie du nach Hause kommst. Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!«

Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel über die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort im Eilschritt den Heimweg an.

»Du!« sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, »du sollst mich kennen lernen, wenn du den Verräter weiter spielst!« Einige Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer wurde es ihm, hinzuzusetzen: »Wenn du aber dein Maul hältst -- dann kriegst du von mir für dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine Angeberei dir eingetragen hätte.«

Er machte eine rasche Wendung den immer näherkommenden Reitern entgegen.

»Hallo ho!« rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, »zu spät! zu spät!«

Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam angaloppiert. Der Kadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen:

»Gottes Donner! der Herr Doktor! Was führt Sie her?«

»Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie -- warum just Sie? Ein heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne, eine Halsentzündung.«

»Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm ich wirklich zu spät? Ist das Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?« fragte der Jüngling in überstürzter Hast.

»Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnostiziert.«

»Unschädlich? Dann war er's nicht.«

»Er war's!«

»Es is gewesen er!« fiel Abraham geläufig ein. »Der Herr Kadett können noch sehn stehn hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht kann reiten davon.«

»Was ihn zwang,« bemerkte Rosenzweig, »im Wagen eines seiner Freunde davon zu _fahren_!«

Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen und befahl einem Soldaten, es am Zügel mit zu führen.

»Ich nehm es mit, als Pfand,« sagte er. »Und nun -- in welcher Richtung ist er davongefahren, Doktor?«

»Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.«

»In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann, wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Order erhalten, heute nachmittag. -- In welcher Richtung, Doktor?... Gottes Donner! sprechen Sie!«

Rosenzweig entgegnete mürrisch: »Ich weiß nichts. Vielleicht sind Sie ihm selbst begegnet auf der Straße.«

»Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Übrigens« -- er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. »Auch die sind ja verdächtig ... Rechts um!« kommandierte er seinen Leuten, und die Husaren machten kehrt. »Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll ein Preis auf den Kopf des Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis von tausend Gulden. Dein wäre er gewesen, hätt ich den Kerl hier erwischt.«

Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der Fuß des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig.

»Was gibt's?« rief der Husar.

»Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen sind,« entgegnete Rosenzweig.

Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: »Ich reite zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!« Und das Pikett rasselte davon.

Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern, zurückgekrümmten, wie in einer Schlinge in der Hand.

»Zweitausend Gulden!« winselte er. »Sie haben mir zerquetscht, Herr Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen.. Aber sie sollen gehen drein, ich verlang kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!«

Rosenzweig antwortete dumpf: »Komm nur, Halunke. Was ich verspreche, halte ich -- auch einem Halunken.«

Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem Fahrgast:

»Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie in Sicherheit.«

Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine Hand:

»Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde überall.«

Vergeblich suchte der Doktor ihn zurückzuhalten, er entwand sich ihm und war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht entschwunden.

*V.*

Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt -- wie es den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so lang gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Dem, der über ein Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind.

Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen -- hatte er das wirklich getan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den er noch vor kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen Feind gehalten?

Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in Nathanaels sonst so gleichmütiger Seele. Nur die schlimmste von allen, die Reue, war nicht unter ihnen.

Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld. Finster gab der Doktor es hin.

Dann begab er sich auf das Kreisamt.

Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher Aufregung, daß er es vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen ging es nicht besser.

Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine außerordentliche Tätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den Schein seines heitern Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen, mit der er beteuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im Sandezer, Wolanski im Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise knüpften. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur Revolutionspartei übergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Er und der Doktor tauschten allmählich die Rollen. Der Ängstliche wurde der Sorglose und der Sorglose der Ängstliche.

Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte geschrieben standen:

Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt.

Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich hin auf den Tisch.

»Joseph,« rief er.

»Was befiehlst du?«

»Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt du, was sie vorstellen?«

»Viel Geld, mein ich.«

»Geld! Geld! nun ja -- aber noch etwas andres.«

»Was denn, Herr?«

»Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn -- ihren redlich verdienten Ertrag.«

Joseph sah den Gebieter fragend an.

»_Dahin_ sieh, auf die Bilder, nicht auf mich,« rief dieser. »Sie stellen noch ein drittes vor.«

»Was denn, Herr?« wiederholte Joseph.

»Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts andres sein kann als -- dein Heiratsgut.«

Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne:

»Mein Wohltäter, mein Herr, du Gütigster!« und wollte sich vor ihm niederwerfen.

»Steh!« befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu einem Gott.

»Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.«

»Ich? -- Was sagst du, Herr? -- Warst du nicht immer wie ein Vater gegen mich?«

»Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer wie ein Sohn gewesen,« antwortete der Doktor und setzte die für Joseph unverständlichen Worte hinzu: »Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre der himmlische Sendbote -- kein Tor.«

Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer, wurde oft von großmütigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen ihnen einen großen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem, hartnäckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den schlimmsten Tagen, verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: von der Revolution ist nichts zu fürchten.

Andrer Ansicht war der Kreishauptmann.

Alle Mutigen wandten sich schon der Überzeugung zu, der Aufstand müsse in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die tausendköpfige Hyder der »verwüstenden Insurrektion« zu bekämpfen. Er meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als er eines Tages erwiderte:

»Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll Liebe, und mit Worten der Erlösung auf den Lippen. So kommt es zu uns. Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen, Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir wollen mit niemand Erbarmen haben, als mit uns selbst, wir wollen bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womöglich noch andern etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir werden das Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach dieser Heldentat.«