Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Part 4

Chapter 43,698 wordsPublic domain

Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und plötzlich sprach er:

»Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und, wie man behauptet, den Bauern in den Wirtshäusern Revolution predigt?«

Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg.

»Gesteh! Gesteh!« befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes Gesicht näherte sich dem des Jünglings.

»Ich weiß nicht, Herr,« stammelte dieser, »ob du den meinst, den sie den Sendboten nennen.«

»Den eben meine ich!«

»Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.«

»Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Totschlagen -- was?« höhnte der Doktor.

Ungewohnterweise ließ sich Joseph nicht aus der Fassung bringen. Noch mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch:

»Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.«

Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurück, und Joseph fuhr fort:

»Ich habe lange mit ihm gesprochen.«

»Wo? und wann? und was?«

»Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.«

»-- Von mir?«

Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte der Doktor. -- Nun, sie sind danach!

»Ich habe ihn nie predigen gehört,« nahm Joseph wieder das Wort.

»Möchtest aber wohl?«

»O ja! -- ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heißt es. Es heißt auch, daß er heute nacht zum letztenmal in unsrer Gegend sprechen wird, in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von hier, auf der Straße nach Dolego.«

Eine lange Pause entstand, der der Doktor ein Ende machte, indem er Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum Kreishauptmann, meldete, was er soeben in bezug auf den Emissär in Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht geraten wäre, ein Pikett Husaren nach der Schenke zu schicken und den Aufwiegler gefangen nehmen zu lassen.

»Was nötig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!« antwortete der Beamte. »Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich? Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären als Sie und wir.«

Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spät am Abend heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete.

»Was hast du dazustehen? Geh schlafen!« herrschte er ihm zu.

Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie in den vorhergehenden Nächten.

Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit, und die Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... Übrigens -- wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar ein Pferd aus dem Stall ...

Nun, _der_ Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm er den Leuchter vom Tisch und eilte über die Treppe, den Gang, nach der von Joseph bewohnten Stube.

In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzige schlechte im Hause und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum, einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der Wohltäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit.

Er sagte sich das, als er eintretend den Menschen, den er auf dem Wege nach Dolego vermutete, lang ausgestreckt fand auf seiner mehr als bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend.

Als Rosenzweig sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete, zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinander ruhenden Lippen ungestört weiter zu atmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen, schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat.

Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und fast beendeten Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleißes emsig schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn nirgend fand sich die Spur verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das förderte er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem Doktor auf und -- fast rührte es ihn.

Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes ersetzen lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: »Sie ist nicht schön genug, ich will eine Verzierung anbringen.« Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker Arabesken zeichnete sich, gar künstlich verschlungen, der Namenszug Rosenzweigs.

Dieser lächelte, kreuzte die Hände und versank in eine, zum erstenmal wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter stand in ungefügiger Schrift:

»Von meiner Lubienka.«

-- Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt? Hab erst festen Boden unter deinen eigenen Füßen, eh du es wagst, einem schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch nichts erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit und Treue, nichts -- keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer dereinst -- unfreiwillig eingegangenen Schuld.

Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle?... Ist sie es denn im Grunde nicht längst? Besäßest du Klugheit genug, um abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest du gesagt: Wir sind quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben. -- Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich niemand schelten. Wenn du gefordert hättest, ich hätte dir gegeben, ich hätte dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht hättest ... Du hast es aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche weitergeschritten und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst, und am Ausgang deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden hast.. Wessen Schuld? -- Warum denkst du nicht? Warum sprichst du nicht? Warum verschwendest du die kostbaren Kräfte deiner Jugend?... Aber es geschieht, und ich verbrauche sie -- und so wie ich tun Tausende, und so wie du Hunderttausende ...

Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und harmlos, und die Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er. Doch werden sie erwachen -- schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte?

Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus.

»Noch nicht!« rief er und stieß den Fuß heftig gegen den Boden.

Joseph erwachte, sprang auf: »Was befiehlst du, Herr?« Das Bewußtsein kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen trat.

»Wissen will ich, was vorgeht, hören, was euch gepredigt wird. Ich will den Sendboten hören. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach der Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!«

*IV.*

Die Nacht war dunkel. Ein feiner, dichter Regen strömte unablässig, emsig auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. »Polens fünftes Element« umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte Gefährt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der Kaiserstraße dahinrollte.

Der Doktor saß lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehüllt. Ungeduld verzehrte ihn.

»Wir kommen zu spät,« sagte er endlich. »Treib die Falben an.«

»Sie laufen ja, was sie können,« antwortete Joseph. »Wir sind schon weit.« Er deutete nach einem großen, weißlichen Fleck im Nordwesten des bleigrauen Horizonts, »die Weichsel und der Dunajec stecken schon ihre Fahnen aus.«

Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges, weitläufiges Gebäude. Vor dem standen allerlei Fuhrwerke und hinderten Joseph, sich mit dem seinen zu nähern.

Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das Gewirr der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte.

Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen deutlicher verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand.

»Schaff mir Platz, Abraham,« sprach der Doktor, »ich bin's, ich, Doktor Rosenzweig.«

»Gott der Gerechte!« stieß der Wirt erschrocken hervor, faßte sich aber sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu seinem Gasthof bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg auseinander und rief dabei fortwährend mit überflüssigem Stimmaufwand:

»Der Herr Doktor Rosenzweig! -- Is wer krank? Wohin belieben zu reisen der Herr Doktor?«

Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr:

»Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gästen nicht anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.«

Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte, seine Verwunderung über die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den Türpfosten, daß ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den Flur.

»Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor!« raunte Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel geräuschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm aufgetaucht war.

Es wiegte den unförmigen Kopf; seine nachtschwarzen Augen funkelten klug und feurig.

»Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück,« flüsterte der Kleine.

»Elend über Elend! Wie heißt ihm kommen zuvor?«

»Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die rebellischen Gojim, und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken gegen sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.«

Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe:

»Reit wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß du mit Gott bald kommst ans Ziel. Reit,« wiederholte er und setzte in naiver Fürsorge hinzu: »Tu dich nur nehmen in acht, daß du nicht kommst um deine graden Glieder.«

Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich vielmehr hineingezwängt.

Es herrschte darinnen eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Produkt von mehr als hundert, dicht aneinandergepferchten Menschen, in nassen Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der Decke hängenden Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Raume zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden Einfluß, der die Gesichter der einen glühen machte und die andrer bis zur Todesblässe entfärbte. Es waren Männer, den verschiedensten Altersstufen und Ständen angehörig, in ärmlicher Kleidung, im reichen Nationalkostüm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schäbigen, schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen andern Platz mehr gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen und, zwischen die Mauern und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jedem neuen Andrang den Vorteil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden.

In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten Fürsten des Landes.

-- Auch du, *Starosta princeps nobilitatis*? dachte Rosenzweig. Aber eine noch größere Überraschung erwartete ihn.

Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des Fanatismus behütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem Schlachziz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Friede über alles ging. Nie hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig früher einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher.

Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berührend, sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch -- und er wandte sich von dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn mit unendlichem Jubel empfing.

Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weißen Kaftan, der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben Stoffe. Ein lederner Riemen, an dem ein kleines Kruzifix aus schwarzem Holze hing, umgürtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war kurz geschoren; es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog schön gewölbte Bogen um die mattweißen, etwas eingedrückten Schläfen.

Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins Gewühl lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend schon im voraus auf das Sehen verzichten.

»Freunde, Brüder,« begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich wurde es still bis zur Lautlosigkeit, -- »ich grüße euch zum letztenmal vor dem Kampf, vielleicht zum letztenmal vor dem Tode.«

»Sei uns gegrüßt!« antwortete ein brauner Kumpan von martialischem Aussehen; »im Kampf, im Tod, im Sieg!«

»Im Sieg!« durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht.

»Sieg?« wiederholte der Redner, »ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fuß auf seine Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem Schlachtfelde liegt. Meine Brüder! was immer uns beschieden sein mag, der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird fortleben, sogar auf den Lippen derer, die uns um seinetwillen verfolgen und töten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem sie von dem Märtyrertum erzählen, das wir erlitten haben.«

Allmählich war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet:

»Vielleicht ist die Erinnerung an unsern Tod das einzige, was wir denen hinterlassen können, für die wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür sorgen, daß dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird _kein_ glorreiches sein, wenn nicht jeder einzelne, der zu unserm Bunde geschworen hat, sich als ein Priester fühlt, dessen Ehrgeiz Entsagung und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.«

Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches Antlitz drückte Enttäuschung aus.

»Die Sache Gottes, meine Brüder!« wiederholte der Redner. »Vermöchte ich den Feuereifer, ihr zu dienen, in euern Seelen zu erwecken, den er in der meinen erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu lehren, womit ich zurückblicke auf die einst genossenen Erdenfreuden. Mitten in der Fülle ihrer Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel schrak ich auf bei seinem Ruf. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und der Zweifel die Erkenntnis.«

Verklärung breitete sich über seine Züge; das Licht der schönsten Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn.

»Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel beschert hatte, kannt ich kein Genügen; in meiner heißen Hand zerschmolz das Gold.

Da war einer unter meinen Dienern -- Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der, aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich auszusprechen, und fiel dadurch bei mir in Ungnade.

An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine beglückende Lebenslust erfüllte mich. In meiner Seele vermählten sich die Erinnerung an genossene Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermütig rief ich meinen Gefährten zu:

'Wie heute, so morgen, und immer!'

Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das Ährenmeer der Felder, und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen starken Türmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag der Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus, und mit Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu.

Ich aber verhielt mein Roß.

Ich hatte längs des Waldsaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. 'Woher und wohin?' rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn der Intendant mit einem Auftrag schickte. -- 'Fand sich dazu kein Geringerer? Seit wann machst du Botengänge?' -- Auf diese meine Frage gab er zur Antwort: 'Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit allerlei Ämtern.' -- Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, und ich sah es ihm an, daß ihm der Boden unter den Füßen brannte. Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Straße hin bewegte, und daß der es war, dem er entgegenstrebte. Ich setzte mein Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstraße, auf der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer, Jünglinge, Greise, ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt -- meine Bauern!... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir vorüberschlichen, unlustig, wie eine Herde, die nach fremdem Pferch getrieben wird, da wußt ich: die Leute sind vermietet für die Erntezeit, weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche Ernte reift, nicht wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt.

Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende des Zuges mühsam nachhumpelte: -- 'Damit du nicht darbst unterweges, Vater. Gott tröste dich. Meinetwegen mußt du fort.'

Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduk, der die Schar geleitete, stieß ihn vorwärts.

In die Augen Jeleks traten Tränen des Schmerzes und der Wut.

'Warum sagtest du,' fragte ich ihn, 'dein Vater müsse um deinetwillen fort?'

'Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu vermieten, wenn du mir noch gnädig wärest wie sonst.'

Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und erbärmlich schlug.

'Siehst du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten kann?' sagte ich, und er erwiderte:

'So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es dem einen besser gehen als dem andern?'

Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte ich:

'Tun dir die Schläge nicht weh, daß du dastehst und nicht einmal klagst?'

'O, mein gnädiger Herr!' entgegnete er, 'was würde das Klagen mir nützen?'

Und auch darauf mußte ich schweigen ...

Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt, und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden Dienstfertigkeit meines Anhangs -- Grauen, meine Brüder! Grauen erweckten sie mir ... Ein Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu furchtbarem Hellsehen geschärft ... All der Glanz, alle die Pracht und Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde -- sie hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde.. Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig. Wie durch schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen nur flüchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schöne, männliche -- nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des Stumpfsinns. Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen. 'Was würden Klagen uns nützen?'

Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgeübt worden, mein Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde, es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich parasitisch von kostbaren Lebenssäften.«

Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem Gepeinigten gleich zog er den Atem ein.

»Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in meine Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das _die_ begangen hatten, die mir dienten, als _meine_ Schuld empfand ich sie und vernahm schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg.

Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien, und -- fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen, soweit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang, mir war, als lebte ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren er mich gewürdigt hatte. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens, zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um Erleuchtung auf meinem Wege an.