Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte
Part 12
»Also adieu,« sagte er und schritt resolut der Tür zu, und über die Treppe hinab bis zum ersten Stockwerk. Dort blieb er stehen, besann sich, kehrte plötzlich um und stürmte in raschen Sätzen wieder zurück, und wie er oben ankam, sah er die Mutter vor der Wohnungstür stehen, auf derselben Stelle, bis zu der sie ihn begleitet hatte.
»Was gibt's?« fragte sie wie aus dem Schlaf auffahrend, warf den Kopf zurück und bemühte sich, eine strenge Miene anzunehmen. »Hast was vergessen?«
»Ich hab dir ja nicht ordentlich Adieu gesagt,« und er fiel ihr um den Hals und küßte sie mit stürmischer Zärtlichkeit.
* * * * *
In der Schule kam er zu spät. Der erste Vortrag hatte schon vor einer Viertelstunde begonnen, als er eintrat und sich auf seinen Platz setzte.
»Wo steckst denn?« raunte der Nachbar ihm zu. »Du bist aufgerufen worden und warst nicht da.«
»Unglück, Unglück,« murmelte Georg und gab sich alle erdenkliche Mühe, aufmerksam zuzuhören. In seinem Kopfe ging es sonderbar zu. Es summte und hämmerte darin, und der Stimme, die vom Katheder zu ihm herübertönte -- sonst eine laute, kraftvolle Stimme --, fehlte der Klang. Die Worte, die sie sprach, waren nicht artikuliert, flossen ineinander wie Wellen ... Noch etwas Sonderbares! der breite Saal schien sich zu verlängern ins Unglaubliche. Es war kein Saal mehr, es war ein langer Gang, von merkwürdig kaltem, weißem Licht erfüllt, und ganz weit am Ende stand ein schwarzer Strich auf einem Piedestal. Georg mußte mit Gewalt alle seine Denkkraft zusammen nehmen, um sich klar zu machen: das ist der Herr Professor, der einen Vortrag hält.
Er schloß die Augen, lehnte sich zurück und dachte: Ich werde heute nicht lernen können. Nach einer Weile aber wurde es besser, er vermochte sich aus dem unheimlich traumhaften Zustand, in den er geraten war, heraus zu reißen. Der zweite Vortrag hatte begonnen. Der jetzt sprach, war ein sehr beliebter, von der ganzen Schule verehrter Lehrer, der Professor der Geschichte. Er hatte einen sonst kaum mittelmäßigen Schüler aufgerufen, und der bestand mit Ehren. Georg folgte. Ach! wenn er auch so viel Glück hätte wie sein Vorgänger. Es schien beinahe. Der Professor prüfte aus dem unlängst von Georg Wiederholten und sagte:
»Gut, bis auf zwei Jahreszahlen. Sie bekommen 'Lobenswert'. Ich möchte Ihnen aber gern 'Vorzüglich' geben können und stelle deshalb noch einige Fragen. Nennen Sie mir alle deutschen Kaiser bis zu Rudolf dem Ersten.«
Das war keine sehr schwere Frage. Voll Zuversicht begann er sie zu beantworten und gelangte glorreich bis zu Otto *III.* Da verriet ihn sein Gedächtnis -- er ließ den gelehrten und frommen Kaiser ein hohes Alter erreichen und Heinrich *II.* den ersten Salier sein.
Der Professor zuckte bedauernd die Achseln und unterbrach ihn: »Das geht nicht gut. -- Etwas andres! Erzählen Sie mir die Geschichte von Konradin.«
O -- die wußte er! die hatte er seiner Mutter erzählt; so rührend, daß sie dabei weinen mußte. Konradin war ja -- nun ja -- war ja König Enzio ... Oder nein, richtig -- Enzio war Konradin ...
Ein kaum unterdrücktes boshaftes Kichern erhob sich, der Pepi lachte ihn aus. Die Augen des Professors hefteten sich fest auf ihn. Er verstand, daß diese guten, wohlwollenden Augen ganz besorgt fragten: »Sind Sie bei Trost?«
Er hätte schreien mögen: »Nein! ganz verwirrt und konfus bin ich!«
»Sie tun mir leid,« sprach der Professor, »aber -- sagen Sie selbst -- welche Klasse haben Sie verdient?«
Georg flüsterte etwas völlig Unverständliches. Dem Lehrer schien, es sei ein Dank gewesen. Der Junge wußte heute nichts, erriet aber viel, erriet das innige Mitleid, das er seinem Lehrer einflößte.
Ehe der dritte Vortrag begann, verließ er die Schule und ging langsam die Straße hinab. Es war ein Frühlingstag mit sommerlichem Sonnenschein, der Himmel wolkenlos, die Luft noch frei von Staub und Dunst. Georg schritt mit weit aufgerissenen, verglasten Augen zwischen den Menschen dahin, die sich in der Hauptverkehrsstraße der Vorstadt drängten. Einem oder dem andern fiel auf, wie sonderbar »verloren« er aussah. Keiner hatte Lust und Zeit, ihn zu fragen, was ihm sei. Ein Tischlerjunge nur, der einen Handwagen schleppte, und an den er angestoßen war, rief ihm zu:
»Hüo! wo hast dein Schädel? Anbaut mit samt der Mitzen?«
Unwillkürlich griff Georg nach seinem Kopfe. Er war barhaupt, hatte seine Mütze in der Schule gelassen, und auch seine Lernsachen. Daran lag aber nichts. Ihn würde niemand nach ihnen fragen. Er konnte ja nicht mehr heim. »Komm mir nicht nach Hause mit einer schlechten Note!« Diese Worte dröhnten unablässig an sein Ohr. Jetzt mußte er sie bekommen, die schlechte Note, die erste, wirklich schlechte. Was würde der Vater jetzt mit ihm tun? Und wie würde die Mutter sich kränken ... Nein, nein, Vater und Mutter, er wagt es nicht, er kommt nicht mehr zurück, er geht, wohin schon mancher unglückliche Schüler gegangen ist: in die Donau. Und dieser eine Gedanke, je länger er ihn vor sich sah, als das Unabwendbare, Einzige, je mehr befreundete er sich mit ihm. Dieser Gedanke mit dem dunklen Kerne hatte eine blendende Atmosphäre und fing an, eine große Helligkeit zu verbreiten. Er gestaltete sich jetzt so: »Ich _muß_ in die Donau, ich will aber auch, und gern. Wie gut ist es, tot zu sein, nicht mehr hören müssen: Lern! Wie gut auch, wenn es keinen Zwiespalt mehr zwischen den Eltern gibt. Aber du begehst einen Selbstmord,« fuhr es ihm durch den Sinn, »und ein Selbstmord ist eine Todsünde.« Ihn schauderte. »Lieber Gott! Allgütiger!« stöhnte er und blickte flehend zum Himmel empor. »Rechne mir meinen Tod nicht als Sünde an! Ich will keine Sünde begehen, ich will sterben für den Frieden meiner Eltern. Mein Tod ist ein Opfertod.«
Ein Opfertod!
An dieses Wort klammerte er sich; es brachte ihm Trost. Er verwandelte die Tat der Verzweiflung in eine Heldentat und schwerste Schuld in ein Märtyrertum. Es ging auf vor dem armen, irrenden, suchenden Kinde wie ein Stern in der Nacht. Keine Erwägung, keine Überlegung, kein Zweifel mehr, nicht die geringste Fähigkeit, sich etwas andres vorzustellen, nur die rasende, unbezwingliche Sehnsucht, Erlösung zu erfahren und Erlösung zu bringen.
* * * * *
Er war am Ende der Straße angelangt, bog in die Seitengasse ein, die auf den Kai mündete. Bleierne Müdigkeit lag ihm in den Gliedern, sein Kopf brannte und schmerzte bis zur Bewußtlosigkeit. Die Donau, die ist ein kühles, weiches Bett, da findet man Ruhe und Labung. Nur sie erreichen, nur bis zu ihr hinkommen! Eine dumpfe Angst: »sie mißgönnen mir die Erlösung, sind hinter mir, verfolgen mich,« jagte ihn vorwärts. Er begann zu laufen, und dabei schien ihm, daß er immer auf demselben Fleck bliebe. Das war fürchterlich, noch einmal einen so argen Kampf mit dem Unüberwindlichen kämpfen zu müssen.
»Wohin? Was sind Sie so eilig?« sprach eine wohlbekannte Stimme ihn an. Der Hausierer stand vor ihm.
»Du?« sagte er, »du Salomon?«
Ein wenig Zeit nahm er sich zum Abschied von dem Armen. Auch der war elend, dem es Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu sitzen, aus der Georg entflohen war, und der auf und ab wandeln mußte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht in Staub und Sonnenbrand, und sah so krank aus, und seine schmächtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des schweren Warenkastens. Ja, ja, wem zu Schweres auferlegt wird, der verkrüppelt. Armer Salomon, den der Wachmann aufscheucht und einzuführen droht, wenn er ganz erschöpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen möchte. Fort, fort auf müden Füßen in den ausgetretenen, geplatzten Stiefeln ... Georgs Blick glitt über sie hinweg, und plötzlich beugte er sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den Warenkasten.
»Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr,« sprach er und -- lachte. Ja, wahrhaftig, Salomon schwor später darauf, daß er gelacht habe, und wie unaussprechlich schmerzvoll dieses Lachen geklungen, kam ihm erst später zum Bewußtsein, nachdem alles vorüber war. Zuerst in seiner freudigen Verblüffung hatte er nur Augen für die schönen, guten Schuhe, die ihm wie aus dem Füllhorn des Glückes zugefallen waren. Als er sich besann, daß Georg seine Schuhe gar nicht verschenken dürfe, und wohl nur einen Spaß mit ihm gemacht habe und er sich umsah und rief: »Junger Herr! junger Herr!« -- drang schon lautes, vielstimmiges Geschrei an sein Ohr: »Im Wasser!« -- »Hineingesprungen!« -- »Hilfe! Hilfe!« Von allen Seiten stürzten sie herbei, rannten, krochen die steile Böschung hinab, standen mit vorgestreckten Hälsen, Entsetzen oder stumpfsinnige oder abscheuliche Neugier in den Gesichtern, und deuteten: »Da! dort! Siehst ihn?«
Anstalten zur Rettung wurden getroffen -- vergebliche. Eine Stromschnelle hatte den schwimmenden Körper erfaßt und häuptlings an einen Brückenpfeiler geschleudert.
Mit gellenden Wehrufen drängte sich Salomon durch die Menge zum Ufer hin. Die Schuhe hatte er von sich geworfen, streute seine Waren im Laufe achtlos aus ... Gott! Gott! Ins Wasser gesprungen -- in den Tod gegangen, der, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut gegen ihn gewesen war.
* * * * *
Pfanner hatte einen schweren Entschluß gefaßt und ausgeführt. Er war zum Direktor des Gymnasiums gegangen, um Georg seiner Nachsicht zu empfehlen. Vor wenigen Tagen noch würde er einen solchen Schritt für unmöglich gehalten und geglaubt haben, sich und Georg durch ihn zu erniedrigen.
Mit so viel Wärme und Verbindlichkeit, als ihm irgend zu Gebote stand, sprach er die Bitte aus, seinen Sohn nachsichtig zu klassifizieren, wenn der Bursche auch in letzter Zeit etwas nachgelassen habe im Fleiße. Sein Vater bürgte dafür, daß es von nun an besser werden sollte.
»Nachgelassen im Fleiße?« Das war dem Direktor neu. So viel er wußte, hatte noch keiner der Professoren sich über Georgs Mangel an Fleiß beklagt. »Ich wäre froh«, sagte er, »wenn ich allen Eltern so Gutes über ihre Söhne sagen könnte, wie Ihnen über Georg. Er ist bei sämtlichen Lehrern vortrefflich angeschrieben, sehr brav und auch durchaus nicht unbegabt« ...
»O, das glaub ich!« warf Pfanner hochfahrend ein.
»Durchaus nicht unbegabt,« wiederholte der Direktor kühl, »aber auch nicht ungewöhnlich begabt. Ich fürchte, daß Sie zu viel von ihm verlangen, ihm eine größere Leistungsfähigkeit zutrauen, als er besitzt. Wenn Sie ihn zwingen, seine Kräfte zu überspannen, ruinieren Sie ihn.«
Der Offizial kam tief niedergeschlagen ins Bureau. So verlangte er also zu viel von seinem Buben, so ruinierte er ihn, so sollte Georg nur mittelmäßig begabt sein? Er glaubte es nicht. Diese Schulleute irren so oft. Wie viele, von denen ihre Lehrer nichts gehalten, sind große Männer geworden. Er ging an seine Arbeit, vergrub sich in sie, suchte Rettung in ihr vor dem schweren Drucke, der ihm auf dem Herzen lastete.
Gegen Mittag meldete ihm der Bureaudiener, es sei jemand da, der ihn sprechen wolle. Auf dem Gange erwartete ihn Frau Walcher in einem Zustand furchtbarer Zerstörtheit. Etwas Entsetzliches sei geschehen, stotterte sie, das Ärgste, das man sich denken könne. Er solle nur gleich mit ihr kommen.
»Was ist das Ärgste?« fuhr er sie an. »Was ist's mit meinem Buben?«
Ihre Antwort war eine Gebärde der Verzweiflung.
* * * * *
Dem Liebling des Gymnasiums wurde ein feierliches Leichenbegängnis bereitet. Alle Professoren, alle Schulkameraden beteiligten sich daran. Meister Obernberger folgte dem Zuge, weinend wie ein Kind, und sein Pepi hatte heute allen Hochmut abgetan.
Der Vater schritt in guter Haltung hinter dem Sarge. Jedes Wort, das am Grabe zum Preise seines Sohnes gesprochen wurde, schien ihm wohl zu tun, während die Mutter immer tiefer in sich zusammensank.
»Am besten für sie wär's,« sagte schwerbekümmert Frau Walcher zu ihrem Manne, »wenn man sie gleich mitbegraben könnt.«
Die zwei Ehepaare traten die Rückfahrt im selben Wagen an. Pfanner und seine Frau wechselten nicht eine Silbe. Einer wich scheu dem Blick des andern aus. Daheim angelangt, gab Agnes den dringenden Bitten der Freundin, zuerst bei ihr einzutreten, nach.
»Da hat sie doch ein paar Stunden Frieden,« dachte die Getreue.
Als der Abend kam und die gewohnte Pflicht sie rief, ging Agnes mechanisch daran, das Abendbrot zu bereiten. Sie betrat das Zimmer, um die Lampe anzuzünden. Aber Pfanner hatte das schon selbst getan. Die Lampe brannte auf dem Tische, und dort lagen die Bücher und die Mütze, die der Schuldiener zurückgebracht hatte. Vor sich aufgeschlagen hatte Pfanner ein dünnes Büchlein -- das Vermögen des Kindes, das guldenweise zusammen gesparte. Und in der gebrochenen Gestalt, die da saß und die Gegenstände alle betrachtete, drückte eine herzzerreißende Trostlosigkeit sich aus. Was ging jetzt vor in dieser Seele!
Agnes kam leise heran.
Die Frau, die er zermalmt und zertreten und zu einer dienenden Maschine herabgewürdigt hatte, fühlte sich in diesem Augenblick als die Größere und Stärkere und, im Vergleiche zu ihm -- die Glückliche. Sie durfte ihres Kindes ohne Selbstvorwurf gedenken, von ihr hatte es mit zärtlicher Liebe Abschied genommen.
»Pfanner,« sprach sie.
Er fuhr auf und starrte sie an mit Entsetzen. Wollte sie Rechenschaft von ihm fordern? Seine Lippen zuckten und zitterten, er brachte keinen Laut hervor. Etwas Greisenhaftes lag in seinen entstellten Zügen.
Da wich der Haß, da schwieg jeder Vorwurf. Sie näherte sich langsam und sagte:
»Du hast ja nur sein Bestes gewollt.«
Überrascht in demütiger Dankbarkeit nahm er ihre beiden Hände, legte sein Gesicht hinein und schluchzte.
Er laßt die Hand küssen.
»So reden Sie denn in Gottes Namen«, sprach die Gräfin, »ich werde Ihnen zuhören; glauben aber nicht ein Wort.«
Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: »Und warum nicht?« fragte er.
Sie zuckte leise mit den Achseln: »Vermutlich erfinden Sie nicht überzeugend genug.«
»Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtnis ist meine Muße.«
»Eine einseitige, wohldienerische Muße! Sie erinnert sich nur der Dinge, die Ihnen in den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches Interessante und Schöne außer dem -- Nihilismus.« Sie hatte ihre Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren alten Verehrer abgefeuert.
Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. »Ich wollte Ihnen etwas von meiner Großmutter erzählen,« sprach er. »Auf dem Wege hierher, mitten im Walde, ist es mir eingefallen.«
Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: »Wird eine Räubergeschichte sein.«
»O, nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka *IV.* nämlich, ein Urenkel des ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen Übereilung gab, die ihr später leid getan haben soll,« sagte der Graf mit etwas affektierter Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort: »Ein sauberer Heger, mein Mischka, das muß man ihm lassen! er kriegte aber auch keinen geringen Schrecken, als ich ihm unvermutet in den Weg trat -- hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet ... Wie ein Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet, und was hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? Denken Sie: -- ein Büschel Erdbeeren!«
»Sehr hübsch!« versetzte die Gräfin. »Machen Sie sich darauf gefaßt -- in Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den Wald fortgetragen haben wird.«
»Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.«
»Und Sie sehen zu?«
»Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im Blut -- von meinen Vorfahren her.« Er seufzte ironisch und sah die Gräfin mit einer gewissen Tücke von der Seite an.
Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach: »Wie wär's, wenn Sie noch eine Tasse Tee trinken und die Schatten Ihrer Ahnen heute einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit Ihnen vor meiner Abreise noch etwas zu besprechen.«
»Ihren Prozeß mit der Gemeinde? -- Sie werden ihn gewinnen.«
»Weil ich recht habe.«
»Weil Sie vollkommen recht haben.«
»Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage zurückzuziehen.«
»Das tun sie nicht.«
»Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten. Und zu welchem Advokaten, guter Gott!... ein ruchloser Rabulist. Dem glauben sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all Ihrer Popularitätshascherei!«
Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Atem. »Gestehen Sie, daß es für diese Leute, die so töricht vertrauen und mißtrauen, besser wäre, wenn ihnen die Wahl ihrer Ratgeber nicht frei stände.«
»Besser wär's natürlich! Ein bestellter Ratgeber, und -- auch bestellt -- der Glaube an ihn.«
»Torheit!« zürnte die Gräfin.
»Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht bestellen?... Ich sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener eine Anweisung auf ein Dutzend Stockprügel gab und dann den Rat, aufs Amt zu gehen, um sie einzukassieren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm eingefallen, daß er etwas Besseres tun könnte, als diesen meinen Rat befolgen.«
»Ach, Ihre alten Schnurren! -- Und ich, die gehofft hatte, Sie heute ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!«
Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Ärger und sprach dann: »Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben. Nein, der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam ohne Glauben. Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher andrer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.«
Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen den Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem Seufzer der Resignation sagte: »Die Geschichte Mischkas also!«
»Ich will sie so kurz machen als möglich,« versetzte der Graf, »und mit dem Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im Nachlaß meines Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum Andenken an die Zeiten, in denen wir noch das *jus gladii* ausübten.«
»O Gott!« unterbrach ihn die Gräfin, »spielt das *jus gladii* eine Rolle in Ihrer Geschichte?«
Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort: »Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache herunterleierte.
»Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein Häuslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so still, daß er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er noch jetzt. -- Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er für dummlich?... Die befragten Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten einander verstohlen zu und mehr als: 'So, -- ja eben so', und: -- 'je nun, wie's schon ist', war aus ihnen nicht herauszubringen.
»Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein Gesicht dergestalt vor Freude, daß er beinahe leuchtete. Den schickte meine Großmutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft, ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe morgen den neuen Dienst anzutreten.
»Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder vor seiner Gebieterin. 'Nun,' fragte diese -- 'was sagen die Alten?' Der Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...«
»Waren Sie dabei?« fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort.
»Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,« erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. »Er schob das Bein vor, sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten schwämmen in Tränen der Dankbarkeit.
»'Und der Mischka?'
»'O, der' -- lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein mit anmutigem Schwunge vor -- 'o der -- der laßt die Hand küssen.'
»Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen zu diesem Handkuß im Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die Darlegung der Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der im Garten vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt haben. -- Genug, Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie schlecht und recht. 'Wenn er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,' sagte der Gärtner. Dieselbe Bemerkung machte meine Großmutter, als sie einmal vom Balkon aus zusah, wie die Wiese vor dem Schlosse gemäht wurde. Was ihr noch auffiel, war, daß alle andern Mäher von Zeit zu Zeit einen Schluck aus einem Fläschchen taten, das sie unter einem Haufen abgelegter Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen. Mischka war der einzige, der diesen Quell der Labung verschmähend sich aus einem irdenen, im Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein erquickte. Meine Großmutter rief den Kammerdiener. 'Was haben die Mäher in der Flasche?' fragte sie. -- 'Branntwein, hochgräfliche Gnaden.' -- 'Und was hat Mischka in dem Krug?'
»Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz wie unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem andern, und antwortete schmelzenden Tones: 'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden -- Wasser!'
»Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein zu reichen. 'Dem Mischka auch,' setzte sie noch eigens hinzu.
»Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt freilich, nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen, war's aus mit Wollen und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren versuchte, ward er *mores* gelehrt, zur höchsten Belustigung der Alten und der Jungen. Einige rissen ihn auf den Boden nieder, ein handfester Bursche schob ihm einen Keil zwischen die vor Grimm zusammengebissenen Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf die Brust und goß ihm solange Branntwein ein, bis sein Gesicht so rot und der Ausdruck desselben so furchtbar wurde, daß die übermütigen Quäler sich selbst davor entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer wütenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und ballte die Fäuste ... aber plötzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da fluchte, stöhnte er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und schlief endlich auf dem Fleck ein, auf den er hingestürzt war, im Hofe, vor der Scheune, schlief bis zum nächsten Morgen, und als er erwachte, weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht vorbei, der ihm gestern den Branntwein eingeschüttet hatte. Der wollte schon die Flucht ergreifen, nichts andres erwartend, als daß Mischka für die gestrige Mißhandlung Rache üben werde. Statt dessen reckt sich der Bursche, sieht den andern traumselig an und lallt: 'Noch einen Schluck!'
»Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden.