Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte
Part 11
Es war ein Verdacht in ihm rege geworden, den er nicht aussprach, der ihn aber quälte, und der entweder getilgt oder gerechtfertigt werden mußte. Kürzlich hatte er sich um Lebensmittelpreise erkundigt, hatte gerechnet und herausgebracht, daß die Ausgaben, die sich seine Frau fortgesetzt erlaubte, unmöglich mit dem ihr zur Verfügung gestellten Küchengelde bestritten werden konnten. Erarbeitet wollte sie den Überschuß haben? Lächerlich! Er, der Sohn einer armen Näherin, wußte, was seine Mutter verdient hatte mit täglich zwölfstündiger emsiger Arbeit. Ihm ins Gesicht sollte seine Frau, die ihren Haushalt ohne jegliche Unterstützung bestellte, nicht behaupten, daß sie imstande sei, sich eine regelmäßige Einnahme zu verschaffen. Womit also bestritt sie die Mehrauslagen? Pfanner begnügte sich nicht lange mit den ausweichenden Antworten, die sie ihm gab. Eines Tages stellte er ein scharfes Verhör an, und sie, in die Enge getrieben, angeekelt von der erniedrigenden Pein, immer neue Ausflüchte ersinnen zu sollen -- gestand.
Ja denn, ja, sie verkaufte, sie versetzte, sie gab ihr Letztes her, damit das Kind, das in fortwährender geistiger Anspannung lebte, ordentlich ernährt werde in den Jahren der Entwicklung und des stärksten Wachsens.
Pfanner zürnte, höhnte: Was hatte denn er gehabt in diesen selben Jahren? Wer hatte denn gefragt, wie er sich nährte? Georg wuchs auf wie ein Hofratssohn im Vergleich zu ihm. Er, zu vierzehn Jahren, hatte sich sein Brot selbst verdienen müssen, sein Brot im Sinne des Wortes! und nicht etwa ein frisch gebackenes. Die Entbehrungen hatten ihm sehr gut angeschlagen, er war immer gesund geblieben. Warum sollte sein Bub anders geartet sein als er und wie ein Weichling behandelt werden, den man aufpäppeln muß?
Agnes beharrte zum ersten Male während ihrer langen Ehe im Widerstand gegen den Mann. Der Augenblick, den sie so sehr gefürchtet hatte, war gekommen und fand sie stärker, als sie geglaubt hatte sein zu können. Ruhig ließ sie die Anklagen Pfanners über sich ergehen, und indes er ihr vorwarf, ihn hintergangen zu haben, grübelte sie nach über eine Möglichkeit, ihn noch weiter zu hintergehen. Es mußte sein, um des Kindes willen.
So widerstandsfähig, wie sein Vater gewesen, war eben der blasse, hochaufgeschossene Junge nicht, der jetzt mit einem: »Guten Abend, Vater und Mutter!« eintrat und schweratmend an der Tür stehen blieb, als ob die gewitterschwüle Atmosphäre, die im Zimmer herrschte, ihm auf die Brust gefallen wäre.
* * * * *
Einige Tage später feierte Georg seinen vierzehnten Geburtstag. Er hatte zwei Vorzugsnoten aus der Schule mitgebracht. Mit feierlichem Ernst und mit der Mahnung, das kostbare Geschenk zu schonen, übergab ihm sein Vater einen neuen Sommeranzug, eine hübsche Mütze und ein Paar solide Halbschuhe. Am Nachmittag blieb Pfanner länger als gewöhnlich am Tische sitzen und sprach, nachdem Frau Agnes das Zimmer verlassen hatte, eingehender und zutraulicher mit Georg, als sonst seine Art war.
Er wußte wohl, die Mutter nannte ihn grausam, und fand, daß er zu viel verlange von seinem Sohne. Wenn es nach ihr ginge, würde der jetzt freilich gute Tage haben, die Schule Schule sein lassen und nur tun, was ihm gefiele. Aber dann? Wie würde die Zukunft aussehen nach einer vertrödelten Jugend? Und ist die Zukunft nicht die Hauptsache? Ausgerüstet mit der Macht des Wissens soll Georg der seinen entgegengehen. Ohne Mühe freilich ist Wissen nicht zu erringen. Will er der Feigling sein, der vor der Mühe flieht, oder der Held, der sie aufsucht, mit ihr ringt, sie überwindet? Es gibt keinen Sieg außer diesem ersten. Ohne ihn ist kein hohes Ziel zu erreichen.
»Das deine soll ein hohes sein!« rief Pfanner aus. »Du bist nun kein Kind mehr, und ich kann dir sagen, das Ziel, das du dir stecken sollst, ist, ein Staatsmann zu werden. Einer, der mit überlegenem Geiste und mit starker Hand die Teufel der Zwietracht, die unsre Heimat zerreißen, bezwingt, das große Wort: 'Gleiches Recht für alle' von den Lippen in die Herzen verpflanzt und es zur Tat, und uns einig, groß und glücklich macht. Denk dir, ein Mann sein, der das vermöchte! Er würde der Retter, der Erlöser, der Abgott seines Volkes.«
Georg hörte ihm voll Bewunderung zu. Daß sein Vater mit ihm redete wie mit einem Ebenbürtigen, machte ihn unendlich stolz. Der Glaube an sich selbst, der ins Schwanken gekommen war, erwachte wieder. »Ein ordentlicher Mensch sein, ist viel, und der mittelmäßig Begabte mag sich damit begnügen,« hatte der Vater unter anderm gesagt, »ein außerordentlich Begabter ist sich selbst und den andern schuldig, ein großer Mensch zu werden. Bei ihm kommt es nur auf den Willen an, auf den unerschütterlichen Entschluß ...«
Er konnte nicht einschlafen an diesem Abend. Die Zukunftsbilder, die sein Vater entworfen hatte, standen zu lebhaft vor ihm. Von der Tätigkeit eines Staatsmannes machte er sich allerdings keinen rechten Begriff, sah sich vorerst auf der Rednerbühne, einer Versammlung gegenüber, die ihn mit höhnenden Zurufen empfing; Feindseligkeit blickte aus aller Augen, in jedem Gesicht stand ein: Nein! geschrieben. Und er begann zu sprechen, und allmählich verstummten die Zurufe, und von den Gesichtern verschwand der mißgünstige Ausdruck, Teilnahme und Zustimmung wurden rege und begannen sich zu äußern, vereinzelt erst, dann immer häufiger, endlich völlig einstimmig. Er hatte seine Zuhörer hingerissen durch die Gewalt seines Wortes. Und alle, vom Ersten bis zum Letzten, sahen den Führer in ihm und folgten ihm willig und entzückt; denn sie wußten, was er wollte, war das Gute, das Weise, und der Weg, den er sie führte, war der Weg zu ihrem Heile.
Auf seinen nächsten Gängen zur Schule blieb er nicht mehr bei Salomon stehen. Er dankte für die freundlichen Winke und Verbeugungen des Hausierers nur mit einem kurzen Grußwort. Einmal hielt er sich aber doch bei ihm auf. Salomon hatte ihn gar zu inständig flehend angesehen und fragte gar zu trübselig:
»Habe ich Ihnen was getan, junger Herr, sind Sie böse auf mich?«
»Was dir einfällt,« erwiderte Georg, »was werd ich denn bös auf dich sein.«
Es kam Salomon halt so vor. Vielleicht hatte die Nachtigall sich doch nicht bewährt, hineinschauen kann man ja nicht, und vielleicht wünschte der junge Herr eine andre. Salomon war bereit, ihm eine andre zu geben um den halben Preis.
»Eine andre um den halben Preis,« erwiderte Georg. Gewaltig trat die Versuchung an ihn, den lockenden Antrag anzunehmen. Aber er bestand, er siegte in seinem kurzen Seelenkampf.
»Nein, nein, ich brauch keine Nachtigall mehr, ich will keine!« rief er. »Ich bin jetzt vierzehn Jahre alt, und es gehört sich für mich nicht mehr zu spielen. Ich muß lernen, ich muß trachten, Vorzugsschüler zu bleiben, ich darf keinen andern Gedanken haben als lernen.«
Diesen Vorsatz führte er aus.
* * * * *
Es kamen Tage, an denen sein Fleiß an Raserei grenzte. Sie verflossen und ließen eine schauderhafte Erschöpfung zurück. Niemandem, nicht einmal seiner Mutter, vertraute er, was um diese Zeit in ihm vorging. »Ich werd noch närrisch,« dachte er. »In meinem Kopf ist kein Blut und kein Hirn; in meinem Kopf ist es weiß und leer. Das Lernen hat alles aufgefressen und muß jetzt auch aufhören, weil es nichts mehr zu fressen findet.« Das ist ganz natürlich und ganz albern und ein peinigender Zustand, aus dem sich aufzuraffen unmöglich ist ...
Wie im Halbschlaf saß er bei seinen Büchern, und eben in dieser Zeit ließ Pepi sich herab, einer Anwandlung des Fleißes nachzugeben, und kam ihm nach, kam ihm vor in großen Sprüngen. Aus jedem Gegenstand, in dem er aufgerufen wurde, erhielt er eine Vorzugsklasse.
Und wieder fragte ihn Georg: »Wie machst du's, daß du immer weißt? Sag mir's, wie du's machst?«
Pepi steckte die Hände in die Taschen und warf die Beine, als ob er sie von sich schleudern wollte:
»Zu langweilig!... Dumme Fragerei!« ... In abgebrochenen Sätzen nur geruhte er zu antworten. Sein Alter gab klein bei, weil er ihm gedroht hatte, sich zu erschießen. So tat er ihm denn auch etwas zulieb und legte seinem Genie keinen Kappzaum mehr an: »Und jetzt mach ich ihm halt die Freud und werd Primus.«
»Ja, ja, wenn's geht!«
»Wenn's geht?«
»Gar gewiß ist's doch nicht. Es ist noch der Rott da und der Bingler.«
»Ich werd Primus,« wiederholte Pepi voll Aufgeblasenheit. »Alles geht und wird, wie ich's haben will -- grad so!«
»Wie du's haben willst?«
»Grad so. Das kannst du nicht begreifen. Du freilich nicht, du armer Büffler. Weil du nur ein Büffler bist, kannst du's nicht begreifen. Du möchtest nur; ich kann, was ich mag.«
Georg warf sich in die Brust: »Und ich auch,« wollte er antworten; doch brach ihm die Stimme ...
Ihm war, als ob der Boden sich aufrisse und zwischen ihm und dem gottbegnadeten Kameraden ein unüberbrückbarer Abgrund gähne. Drüben, mitten in fruchtbaren Gefilden, in denen alles grünte und blühte, stand Pepi, und wohin sein Fuß trat, entsprang ein Quell, und was seine Hand berührte, wurde zur herrlichen Frucht. Und er hüben, auf kargem, steinigem Boden, der widerstrebend nur und ungern sich den schattigen Zweig, den nährenden Halm entringen ließ.
Warum die schreiende Ungerechtigkeit, warum dem andern alles und ihm so bettelhaft wenig?
Pepi beobachtete seinen stillen Kampf und verzog höhnisch den Mund. »Büffler!« sprach er. »Büffeln kommt von Büffel, und Büffel gehören zu der Gruppe der Rinder.«
Da ergriff wilder Zorn den sanftmütigen Georg. Er sprang auf Pepi zu und packte ihn an der Gurgel.
Der unerwartet Angefallene brüllte und wehrte sich mit Händen und Füßen, und bald waren die beiden umringt von einer johlenden Schar, die sich an dem Zweikampf beteiligte, fast durchweg zugunsten Georgs. Den vielbeneideten, vielgehaßten Pepi einmal gänzlich überwunden abziehen zu sehen, gewährte jedem einzelnen einen köstlichen Genuß. Jämmerlich zugerichtet, in zerfetzten Kleidern, verließ er den Plan. Das begab sich unweit der Schule, und an der Straßenecke war Salomon gestanden und hatte der Schlacht mit gespannter Teilnahme zugesehen. Er begleitete Georg mit Glückwünschen und Heilrufen; der aber winkte traurig ab. Er hatte etwas getan, was seinem ganzen Wesen widersprach, schämte sich seines Erfolges und betrachtete mit Entsetzen seinen neuen Rock, an dem die Spuren der Schlägerei zu sehen waren. Nun begann er zu rennen, um früher als der Vater heimzukommen. In Schweiß gebadet betrat er die Küche, legte das Ohr an das Schloß der Zimmertür und horchte. Alles still, nur die Nähmaschine schnurrte, die Mutter war allein. O, Gott sei Lob und Dank! Hastig trat er ein und sprudelte die Geschichte seines jüngsten Erlebnisses heraus:
»Und jetzt flick mir den Rock, Mutter, flick mir den Rock!«
* * * * *
Das Abendessen wurde schweigend eingenommen. Eine dumpfe Verstimmung herrschte im Hause. Pfanner schmollte noch immer mit seiner Frau. Er hatte die Scheine über alle von ihr versetzten Gegenstände an sich genommen, um sie nach und nach einzulösen. Gott weiß, unter welchen Bitternissen. Jeder Gulden, den er ins Versatzamt trug, war ein Raub am Sparkassenbuch seines Sohnes; an diesem künftigen Vermögen, aus dem die Kosten der Rigorosen und des Freiwilligenjahres bestritten werden sollten. Es gab Augenblicke, in denen er sie haßte, die Schuld an dem Raube trug. Ihn gutzumachen, lag nicht in ihrer Macht, in der seinen aber lag, sie büßen und leiden zu machen. Tag für Tag wiederholte sich dieselbe Tortur. Tag für Tag verlangte er die Hausrechnung zu sehen, ging jeden einzelnen Posten durch, bemängelte jeden. Mit raffinierter Kunst erniedrigte er die Mutter in Gegenwart des Kindes durch sein zur Schau getragenes Mißtrauen.
»Wer einmal betrogen hat, gleichviel in welcher Absicht, betrügt wieder! man muß sich vor ihm in acht nehmen.«
Gepeinigt sah Georg zu ihr hinüber und warf ihr hinter dem Rücken des Vaters Küsse zu. Um seinetwillen wurde sie beschämt, er war der unschuldige Urheber ihrer Qual. Und sie, alles erratend, was in ihm vorging, bezwang sich, bemühte sich, gelassen und standhaft zu bleiben bei den Kränkungen, die sie erfuhr. Der Mann hielt für Unempfindlichkeit, was höchster Heldenmut war, und verschärfte die Lauge in den Ausdrücken seiner Geringschätzung. Wie immer war es auch heute gegangen und Agnes kaum noch imstande, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren, als ein heftiger Riß an der Glocke sie erschreckte. Sie schrie auf; auch Georg erschrak. Es war etwas so völlig Ungewohntes, daß um diese Zeit jemand Einlaß bei ihnen begehrte.
»Nervös, wie die elektrisierten Frösch,« brummte Pfanner. »Habt ihr in eurem Leben noch nicht läuten gehört? Sieh nach, wer's ist,« befahl er der Frau.
Sie zündete rasch eine Kerze an und eilte in die Küche. Schon wurde ein zweites Mal geschellt, noch ungeduldiger, noch heftiger als früher. Als Agnes öffnete, stand ein großer, breitschultriger, fein gekleideter Mann da und fragte:
»Ist Herr Offizial Pfanner zu Hause?«
Wer konnte das sein? Vielleicht ein Vorgesetzter, der Herr Inspektor oder gar der Herr Oberinspektor?
»Ja, er ist zu Hause,« sagte sie, »belieben einzutreten.«
Ohne Gruß ging er an ihr vorbei; er hielt sie offenbar für die Magd, und ihr war der Irrtum recht. Sie hätte in ihrem grauen, ausgewaschenen Percailkleide, in ihren geflickten Schuhen einem Vorgesetzten gegenüber nicht für die Frau eines k. k. Beamten gelten mögen. Höflich stieß sie die Zimmertür vor dem Fremden auf, trat in die Küche zurück und hörte nur noch ihren Mann in durchaus nicht respektvollem Tone sagen:
»Herr Obernberger? Was verschafft mir das Vergnügen?«
Obernberger schloß die Tür hinter sich, die Magd sollte das Gespräch zwischen ihm und Pfanner nicht mit anhören.
»Vergnügen werden Sie von meinem Besuch nicht haben,« erwiderte er in erregtem Tone, »ich komme, um mich zu beklagen.«
Hoho! Das konnte unangenehm werden. Pfanner hatte ein böses Gewissen. War eine der wegwerfenden Reden, die er über Obernberger zu führen pflegte, dem »Schlosser« hinterbracht worden? Vielleicht auch einem der Vorgesetzten, bei denen der Meister in hohem Ansehen stand? Verfluchte Geschichte! Pfanner verbarg seine Bestürzung hinter einem besonders borstigen Wesen: »Nur heraus mit der Sprache, genieren Sie sich nicht. Ich kann was vertragen,« sagte er.
Georg war aufgesprungen und hatte einen Sessel herbeigeholt. Obernberger nahm Platz. Er betrachtete den Knaben, der mit gesenkten Augen und krampfhaft verschlungenen Fingern vor ihm stehen blieb, streng und prüfend:
»Herr Obernberger! Herr Obernberger!« sprach Georg leise und flehentlich.
O, wenn er früher an Herrn Obernberger gedacht hätte, er würde seinen Sohn nicht geprügelt haben. Herr Obernberger war immer so gütig mit ihm, wenn er ihn traf, und neulich, als er im Wagen gekommen war, den Pepi aus der Schule abzuholen, hatte er Georg eingeladen, mitzufahren. Eine Seligkeit wäre es gewesen, der Einladung zu folgen, aber er wagte es nicht. Der Vater hätte gewiß gesagt: »Hast vergessen, daß du keine Gnaden annehmen sollst?«
Je länger Obernberger seine Augen auf Georg ruhen ließ, je milder wurde ihr Ausdruck, und jetzt redete er ihn an: »Wissen Sie, daß ich schon auf dem Wege zum Herrn Direktor war, um mich über Sie zu beklagen? Ich mag Ihnen aber doch Ihre gute Note in Sitten nicht verderben und will mich mit einer häuslichen Züchtigung begnügen, die Ihnen Ihr Vater sicher erteilen wird, wenn er hört, was vorgefallen ist. Herr Offizial,« wendete er sich an Pfanner, »Georg hat heute nach der Schule meinen Sohn angefallen und ihn gewürgt, und andre haben sich hineingemischt, und mein Pepi ist mir nach Hause gekommen, ganz zerrissen, und das rechte Auge so blau und geschwollen, daß er ein paar Tage hindurch weder lesen noch schreiben kann. Und das ist geschehen ohne den geringsten Grund.«
»Ohne den geringsten Grund?« wiederholte Pfanner, hob sich halb von seinem Sitz, und es war, als ob er auf den Sohn losspringen wollte.
»Nicht ohne Grund,« hauchte Georg mehr als er sprach. »Er hat mir gesagt, daß ich ein Büffler bin. Büffeln kommt von Büffel, und Büffel gehören zu der Gruppe der Rinder, hat er gesagt.«
Pfanner schwieg und saß wieder gerade auf seinem Sessel. Obernberger war betroffen.
»Ist das wahr?« fragte er, und Georg beteuerte:
»Es ist wahr.«
»Hinaus!« rief Pfanner ihm plötzlich zu und wies mit ausgestrecktem Arm nach der Küchentür.
Draußen stand die Mutter neben dem Herde und zitterte an allen Gliedern und fragte sich, was für ein neues Unheil über ihren Georg hereingebrochen sein möchte. Er lief auf sie zu, war bleich wie Wachs, und grünliche Schatten zogen sich längs der Nase zu den Mundwinkeln herab: »Mutter, Mutter!« preßte er hervor, »was wird jetzt mit mir geschehen?«
* * * * *
In der Stube jedoch begab sich das Unerhörte. Pfanner entschuldigte seinen Sohn. Der Junge war schüchtern von Natur und nur zu sanft für einen Buben. Wenn er einmal losgeschlagen hatte, mußte er arg provoziert worden sein. Er sei auch absolut wahrhaft, versicherte der Vater, der ihn noch nie auf einer Lüge ertappt hatte.
»Können Sie das von Ihrem Pepi auch sagen?« fragte Pfanner und setzte die gewisse, militärische Miene auf, die er sich angeeignet hatte, als er einst, nach wenigen Monaten seiner Dienstzeit, zum Korporal befördert worden war.
Der gutmütige Obernberger stand immer noch unter dem Eindruck, den die Todesangst auf dem Gesichte Georgs auf ihn gemacht hatte. Der große, breite Mensch schmolz in der Nähe des kleinen, hitzigen Pfanner ordentlich zusammen. Ein gewaltiger Schneemann in der Nähe eines Häufleins glühender Kohlen. Er hatte keine Ursache, sich auf die Wahrheitsliebe seines Pepi zu verlassen, und weil er das nicht eingestehen wollte, schwieg er.
»Fragen Sie Ihren Pepi aufs Gewissen, ob mein Sohn ihn wirklich ohne Grund geschlagen hat,« sprach Pfanner. »Aug in Aug mit dem Buben, in unsrer Gegenwart soll er es ihm wiederholen. Tut er das, dann lade ich Sie zu einer Exekution ein, wie sie bei uns noch nicht stattgefunden hat, obwohl _ich_ bei meinem Buben die Prügel nicht spare.«
Bei dieser Abmachung blieb es. Herr Obernberger, der als Richter gekommen war, verließ die Wohnung des Offizials mit dem Gefühl, eine Niederlage erlitten zu haben. Er achtete nicht auf die zwei, die sich tief verneigten, als er die Küche durchschritt. Georg lief ihm voran, öffnete mit demütiger Beflissenheit die Tür und murmelte:
»Verzeihen Sie mir, Herr Obernberger, verzeihen Sie mir,« so leise, mit so von Scheu und Tränen erstickter Stimme, daß der in unangenehme Gedanken versunkene Fabriksherr nichts davon hörte.
Als Agnes und Georg das Zimmer wieder betraten, hatte Pfanner einen großen, mit Zahlen bedeckten Bogen vor sich liegen, den er mit äußerster Aufmerksamkeit durchsah. Georg holte seine Hefte herbei und machte sich an seine Arbeit. Eine halbe Stunde verging, ehe der Vater seinen Sohn ansprach, und dann -- o Wunder! geschah es nicht einmal in unfreundlicher Weise. Er überzeugte sich, daß Georg beinahe fertig war mit seinen Aufgaben:
»Bist du aus Geschichte schon aufgerufen worden?« fragte er.
»Noch nicht.«
»Merkwürdig. So spät?«
»Vielleicht morgen. Wir haben morgen Geschichte.«
»Nun, da kriegst du doch eine Vorzugsklasse?«
»Ich weiß nicht, vielleicht.«
»Du!« schrie der Vater ihn an. »Weißt du, was das heißt, wenn du keine Vorzugsklasse kriegst? Weißt du, was ein 'Genügend' dich kostet?«
»Ich weiß es,« erwiderte Georg tonlos.
»Den Vorzugsschüler kostet's dich, fauler Bub!«
»Ich bin nicht faul, Vater.«
Der Vater hob namenlos erstaunt den Kopf. Sein friedfertiger Junge war heute der Held einer Prügelei gewesen, und jetzt vermaß er sich, ihm zu widersprechen. Was war vorgegangen? War in dem Jungen der Mann erwacht? Sollte er am Ende noch so schneidig werden, wie er sich ihn immer gewünscht?
Frau Agnes hatte ihre Hand auf den Arm des Sohnes gelegt, als er dem Vater widersprochen: »Um Gottes willen, Schorsch!«
»Still,« herrschte Pfanner sie an, »laß ihn reden. Ich bin nicht faul, behauptet er. Also red, 's ist erlaubt, 's ist befohlen,« drang er in ihn.
»Ich lern den ganzen Tag,« sagte Georg. »Ich kann nicht mehr lernen als ich lern, ich weiß nicht, was ich anfangen soll, damit du zufrieden bist.« Die Tollkühnheit der Verzweiflung kam über ihn, und er wagte hinzuzusetzen: »Andre Eltern sind schon zufrieden, wenn ihre Kinder 'Genügend' bekommen, und ich soll lauter 'Vorzüglich' und 'Lobenswert' haben ... Und ich soll mich schinden ... Und ich ...« Er konnte nicht weiter reden, rang die Hände, schlug mit der Stirn auf den Tisch und wand sich in einem Schmerze, über den der Vater selbst erschrak. Zum erstenmal im Leben fühlte er sich ratlos dem Kinde gegenüber.
»Ich hab schon ein 'Genügend' in Griechisch!« schrie Georg in pfeifenden, gequetschten Tönen. »Wenn ich noch ein 'Genügend' bekomme, bin ich kein Vorzugsschüler mehr. Und ich bekomm gewiß noch ein 'Genügend' ...«
Das war zu viel. Die Worte machten der Langmut Pfanners ein Ende. Alles in ihm, das ein bißchen weich zu werden begonnen hatte, erstarrte wieder:
Kein Vorzugsschüler mehr! Dieser Bub, der die Fähigkeit besaß, einen Platz unter den Ausgezeichneten zu behaupten, wollte durch die Schule kriechen mit dem großen Heer der Mittelmäßigen? Pfui über den Buben!
»Du bleibst Vorzugsschüler, oder ich geb dich zu einem Schuster in die Lehr.«
»Tu's, Vater, tu's! Aber warum grad zu einem Schuster!« erwiderte Georg außer sich. »Du kannst mich auch zu Herrn Obernberger geben, und ich werd ein Kunstschlosser ... Oder auch mit Musik kann ich mein Brot verdienen ...«
»Georg, Georg, um Gottes willen!« wiederholte die Mutter. Sie sah ihren Mann fahl werden vor Wut, sah seine Fäuste sich ballen:
»Musik? gut, gut! Ich kauf dir einen Leierkasten, kannst in den Häusern orgeln und auf die Kreuzer warten, die sie dir aus den Fenstern werfen.«
Georg preßte das Kinn auf die Brust und starrte zu Boden.
Pfanner sprang auf und führte einen schweren Schlag auf den Nacken des Kindes: »Kein Wort mehr! Und -- das merke, komm mir nicht noch einmal mit einer schlechten Note nach Hause. Untersteh dich nicht!«
»Nein, nein,« murmelte Georg. Er war jetzt ganz furchtlos. Um so besser, wenn er nicht mehr nach Hause zu kommen braucht. Der Vater wird sich nicht mehr über ihn ärgern, und die Mutter nicht mehr quälen um seinetwillen. Wäre er doch nicht auf die Welt gekommen ... -- oder wäre er schon draußen -- wäre er tot!
Am nächsten Morgen war der Vater von einer furchtbar dräuenden Schweigsamkeit. Die dunkeln Ringe unter seinen geröteten Augen, bei ihm das sicherste Zeichen einer schlaflos durchwachten Nacht, gaben ihm das Aussehen eines Kranken. Er frühstückte hastig, nahm seine Schriften unter den Arm, setzte den Hut auf und verließ das Zimmer, ohne den Gruß seiner Frau und seines Sohnes zu erwidern. Man hörte ihn die Küchentür zuschlagen, daß sie dröhnte.
Georg ordnete die Hefte und Bücher in seiner Schultasche, war fertig, nahm Stück auf Stück wieder heraus, ordnete alles von neuem, langsam und bedächtig. Die Mutter mahnte zur Eile. Er ließ plötzlich alles liegen und stehen und warf sich ihr in die Arme, und sie drückte ihn an ihr Herz. Sie sprachen nicht, es kam keine Anklage über ihre Lippen, aber glühend brannte sie in ihren Herzen. Wie glücklich könnten sie sein, sie zwei, wie glückselig, wenn der Ehrgeiz des Vaters nicht wäre, der blinde, törichte, der vom Apfelbäumchen, das ihm Gott in seinen Garten gepflanzt, die Triebkraft der Eiche verlangte.
Dreimal schon hatte Georg Lebewohl gesagt und brachte sich noch immer nicht fort.
»Du kommst zu spät, Schorschi,« sagte Frau Agnes. »Lauf jetzt, lauf! Und sei nicht so traurig,« fügte sie hinzu und strich ihm über die Wangen.
»Du bist selbst traurig,« antwortete er.
»Ach -- das vergeht, bei der Arbeit vergeht's.«