Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte
Part 10
Als Georg endlich zur Ruhe gehen durfte, erhielt sie ihren Platz unter seinem Kopfkissen. Nach Mitternacht erwachte er, zog sie an seine Lippen. Um sie zu küssen; natürlich nur, sie schlagen zu lassen, konnte ihm doch nicht einfallen ... Zwar -- die Eltern schliefen. Zwischen ihnen und ihm, am Mauervorsprung des Alkoven, tickte kräftig, jedes schwache Geräusch übertönend, der flinke Gang der Schwarzwälderin. Dennoch wäre es nicht geraten ... und während er dachte: nicht geraten, berührte seine Zungenspitze schon das kühle Metallplättchen. Ohne seinen Willen, fast ohne sein Zutun begann die Nachtigall ihren Gesang zu erheben. Sie klagte, sie lockte, sie verkündete eine unerfüllbare Sehnsucht. Ihre Töne stiegen, schwollen, brachen plötzlich ab. Herrgott im Himmel ... Zu laut, zu laut! Der Vater hat einen gar leisen Schlaf ... Entsetzlich erschrocken, von Schauern der Angst durchrieselt, steckte Georg seinen Kopf unter die Decke. Am nächsten Morgen beim Frühstück erzählte der Vater von einem merkwürdigen Traum, den er in der Nacht gehabt. Der Schuster hatte wieder eine Nachtigall angeschafft, und Pfanner war gewesen, als ob er sie so laut schlagen hörte, daß er darüber erwachte, und dann, das war das Merkwürdige, hatte er sich eingebildet, wach zu sein und sie noch zu hören. Seine Frau konnte nicht genug staunen, auch ihr hatte etwas ganz Ähnliches geträumt, und das mußte wohl etwas zu bedeuten haben.
Georg stand auf und trat ans Fenster, damit die Eltern sein Erröten nicht sähen.
* * * * *
Auch Frau Agnes hatte ihr Geheimnis, und sie mußte, um es zu bewahren, allerlei Ausflüchte gebrauchen, die gar oft weitab von der Wahrheit lagen. Seit einiger Zeit war bei allen Mahlzeiten der Tisch reichlicher besetzt, und Pfanner hatte doch nicht mehr Wirtschaftsgeld bewilligt als früher. Seine Frau konnte nicht immer bei der Wahrheit bleiben, wenn er sie darüber zur Rede stellte. Ungern genug hörte er schon und fühlte sich gedemütigt, wenn sie gestand, einige Konfektionsarbeiten gemacht und durch Vermittlung Frau Walchers unter der Hand verkauft zu haben. Nie hätte er erfahren dürfen, daß sie ein eben entbehrliches Kleidungsstück oder Hausgerät ins Versatzamt getragen, einen noch aus dem väterlichen Hause mitgebrachten kleinen Schmuckgegenstand veräußert hatte. Er hielt viel auf diese Reste einer ehemaligen Wohlhabenheit; es schmeichelte ihm, sich seine einst sehr schöne Frau -- nur leider die Hellblonden verblühen sehr schnell! -- aus einem guten und damals fast reichen Hause geholt zu haben. Der geringste Zufall konnte alles an den Tag bringen und dann -- Agnes schloß die Augen und erzitterte bei dem Gedanken, was dann geschehen würde. Aber gleichviel, das Kind mußte um jeden Preis besser genährt werden als bisher.
Frau Adjunkt Walcher hatte sich schon vor einem Jahre in ihrer kurz angebundenen, offenherzigen Weise darüber ausgesprochen: »Mir scheint immer, Sie halten Ihren Schorsch zu kurz in der Kost, Frau Offizial. So ein Bub will tüchtig essen. 'Das Lernen zehrt, und in einen kleinen Ofen muß man öfter nachlegen als in einen großen', sagt mein Mann. Er und ich sind oft hungrig schlafen gegangen -- Herrgott, ein Adjunkt mit tausend Gulden Gehalt! -- unsre zwei Buben waren immer satt geworden. Sehen auch aus wie die Knöpf. Ihr Schorsch schießt in die Höh, wird ja bald den Herrn Offizial eingeholt haben, setzt aber kein Lot Fleisch an.«
»Finden Sie, daß er schlecht aussieht?« hatte Frau Agnes in Bestürzung ausgerufen.
Nun nein, das fand die Frau Adjunkt gerade nicht, aber so gewiß »kleber« und eine bessere »Farb« sollt er haben: »Die Nahrung muß ausreichend sein,« sie betonte das Wort mit Wohlgefälligkeit, es kam ihr so gebildet vor. »Ausreichend, sagt mein Mann. Das viele Lernen schlägt sich sonst den Kindern auf die Nerven.«
Dies Gespräch hatte entschieden; die Liebe der Mutter hatte über den Widerwillen der ehrlichen Frau gegen Falschheit und Lüge gesiegt. Ihrem Manne Vorstellungen zu machen, einen Versuch zu machen, ihn zur geringsten Mehrausgabe zu bewegen, wäre ihr so wenig eingefallen, als einem Stein zuzureden, sich in Brot zu verwandeln. Eine Erörterung zwischen ihm und ihr kam überhaupt nicht vor. Vom Anfang ihrer Ehe an hatte sein herrisches und ablehnendes Wesen jede Möglichkeit, ihm vertrauensvoll zu nahen, ausgeschlossen. Was konnte eine Frau ihm zu sagen haben? Er war er, und außer ihm war die Pflicht, und diesen beiden höchsten Mächten unterstand die Welt, die er begriff. Erst als ein Sohn ihm geboren wurde, gab es ein zweites Wesen, ihm ebenso wichtig, wie er sich selbst. Eine Fortsetzung seines Ich, eine vervollkommnete Fortsetzung. Alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben, was er nicht errungen, sollte sein Sohn erringen.
Er war aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen, hatte einen nur mangelhaften Schulunterricht genossen und niemals die Aussicht gehabt, es zu einer höheren Stellung zu bringen. Als kleiner Beamter lebte er und würde er sterben. Aber der Sohn: Das Gymnasium als Primus absolvieren, den Doktorhut *summa cum laude* erwerben, schon in den ersten Anfängen der Laufbahn von der Glorie reichster Verheißungen umstrahlt, steigen von Erfolg zu Erfolg, von Ehren zu Ehren -- das sollte der Sohn. Den nüchternen Offizial Pfanner, den unfehlbaren Rechner, den trockenen Vernunftmenschen nahm, wenn er sich diesen Vorstellungen hingab, die Phantasie auf ihre Flügel und trug ihn über alle Gipfel des Wahrscheinlichen sausend hinweg. Und wenn er dann wieder zur Erde niederstieg und seinen Georg zufällig einmal müßig einhergehen sah, wetterte er ihn an: »Lern!«
Er selbst, immer in der Zukunft lebend, die Gegenwart und was sie darbot, geringschätzend, entfremdete sich mehr und mehr seinen Standesgenossen. Er erwies sich ihnen gefällig, machte Arbeiten, die ihnen zugekommen wären, hatte aber dabei nur seinen eigenen Vorteil, die Verbesserung seiner Stellung im Auge. Dem Verkehr mit ihnen, den Zusammenkünften im Kaffeehaus und im Stammgasthaus, ging er so viel als möglich aus dem Wege. Nur selten fand er sich mit den Kollegen zusammen. Beim »goldenen Wiesel«, wo die Versammlungen der Herren Beamten stattfanden, an denen auch einige Vorgesetzte und Bekannte der Vorgesetzten teilnahmen, da begegnete Pfanner richtig jedesmal dem Manne, den er haßte, dem Kunstschlosser Herrn Obernberger. Vor Jahren hatte es dem als großer Vorzug gegolten, mit den Herren von der Eisenbahn im Gasthaus zusammenkommen zu dürfen. Jetzt hatte der Standpunkt sich verrückt. Seitdem die Arbeiten aus der Kunstschlosserei Obernbergers erste Preise auf den Ausstellungen erhalten hatten, seitdem er viele hundert Arbeiter in seinen Werkstätten beschäftigte, im eigenen Hause wohnte, im eigenen Wagen vorfuhr und das Band des Franz Josephs-Ordens im Knopfloch trug, eilten die meisten der Herren ihm bis zur Tür entgegen, und bei Tische erhielt er den Platz zur Rechten des Inspektors.
Das alles hätte Pfanner hingehen lassen und sich nicht weiter darum gekümmert. Aber dieser Schlosser hatte einen Sohn, und dieser Sohn trat seinem Georg im Gymnasium auf die Fersen, konnte ihn einholen, konnte ihn überflügeln, denn der verdammte Bub hatte Talent, sein ärgster Feind mußte das zugeben. »Talent um eine Million«, wie Herr Obernberger sagte, »aber nicht um einen Heller Fleiß.«
* * * * *
Es war nach der Schule. Pepi Obernberger und Georg Pfanner gingen ein Stück des Weges miteinander. Sie waren beide aufgerufen worden vom Professor des Griechischen, und Pepi hatte besser bestanden. Georg schritt sehr kleinlaut und mit einem ganz roten Kopf neben ihm her. Der Vater versäumte nie zu fragen: »Hat der Herr Professor dich aufgerufen, und wen noch, und wie ist's gegangen?«
»Du weißt immer,« sagte Georg zu seinem Kameraden. »Hast heut wieder sehr gut gewußt. Ich wäre froh, wenn ich immer so gut wüßte wie du.«
Pepi fing sogleich zu prahlen an: Hol's dieser und jener! Ihm lag nichts an dem dummen Plunder. Kasusartige Endungen, Komparation der Adjektiva, dummes Zeug! Er plagte sich auch gar nicht damit. Wenn der Trottel von einem Professor eine neue Walze einlegte in seinen Werkelkasten und anfing, sie herunter zu leiern, da höchstens hörte er ein bißchen zu. Zu Hause sah er kein Buch an, das war ihm viel zu fad.
»Geh, geh!« fiel Georg ungläubig ein, und er verbesserte sich:
»Fast keins, auf Ehre. Daß sie mir immer so gute Zeugnisse geben, das danke den alten Perücken der Teufel. Ich gift mich darüber, weil's meinen Alten auf die dumme Idee bringt, einen Professor aus mir zu machen. Aber nein! Lieber als so ein lächerlicher Zopf zu werden und auf alles zu verzichten, was schön ist: Rad fahren, reiten, jagen, tanzen, kutschieren, Billard spielen im Kaffeehaus, Gletscher besteigen, lieber erschieß ich mich!«
Georg sah ihn aufmerksam an, er war so ganz und gar das Ebenbild seines Vaters, des braven, fröhlichen Herrn Obernberger mit dem runden Kopf und dem runden Gesicht und dem freundlich lächelnden Munde. Und der Mensch sprach von Selbstmord?
»Red nicht so!« rief Georg. »Du wirst keine Todsünde begehen; Selbstmord ist eine Todsünde und eine Feigheit.«
»Unsinn!« stieß Pepi höhnisch aus. »Wie kann man so ein Esel sein und alles nachplappern, was sie einem in der Schul sagen. Aber du hast nie einen eigenen Einfall. Hast den Kopf schon ganz ausgestopft mit Pappendeckel. Adje!« -- Du Schulesel! setzte er in Gedanken hinzu und bog ab, um die nächste Tramwaystation zu erreichen.
Georg ging langsam vorwärts und sagte sich doch mit Unbehagen, daß jeder Schritt ihn dem Hause näher brachte, wo der Vater ihn gewiß schon erwartete mit der ständigen Frage, die er heute mit so großem Zagen beantworten würde.
O das traurige Haus, das kahle, große mit den langen Gängen und den schmalen Stiegen, und das Zimmer, in dem man immer saß zu dreien, und wo keines sich vor dem andern retten konnte. Dahin mußte er zurückkehren, heute und morgen und alle Tage und noch fünf Jahre lang. Wie soll man das erleben, und hat man's erlebt, fangen neue Studien an, die schwersten. Wie ein grauer Berg, den er nie werde übersteigen können, bäumte die Zukunft sich vor ihm auf; ein ödes, trostloses, der Verzweiflung verwandtes Gefühl ergriff sein Herz und durchtränkte es mit unsagbarer Bitternis. Plötzlich kam ein nie gekannter Trotz über ihn. Obwohl die Uhr am nächsten Turme halb sieben schlug, obwohl er genau wußte, daß er werde sagen müssen: »Ja, ich habe mich aufgehalten unterwegs,« setzte er sich auf eine Bank im kleinen Square vor Beginn der Gasse, in der die elterliche Wohnung lag, zog die Nachtigall aus der Tasche und ließ sie schlagen. Sie tröstete, sie milderte jedes herbe Gefühl. Sie ließ ihn einen Übergang finden aus tiefer Niedergeschlagenheit zu lauterem Frohmut.
Er hatte ja nicht nur Betrübnis und Gram in seiner Seele, tief in ihrem Innersten unter lastenden Schatten lohte rot und warm die Flamme junger Lebensfreudigkeit, und ein unausgesprochenes, immer zum Schweigen verdammtes Glücksgefühl wollte sich einmal hinaussingen. Es jubelte in die laue Luft, zum lichten Frühlingshimmel empor, mit der Stimme der Nachtigall.
* * * * *
Georg fand den Vater nicht daheim. Er war dagewesen, hatte sich umgekleidet und zu einer Beamtenversammlung ins Stammgasthaus begeben. Mutter und Sohn sprachen es nicht aus, welch ein Fest das Alleinbleiben für sie war. Um jede Minute, die er auf dem Heimweg vertrödelt hatte, tat es Georg jetzt leid. Die Stube kam ihm auf einmal traut und freundlich vor, die Luft reiner, und die Lampe schien heller zu leuchten als sonst. Unter ihr in einem Glase stand ein kleiner Veilchenstrauß; Frau Walcher hatte ihn gebracht.
Georg beugte sich über ihn und sog seinen zarten Duft ein: »Die gute Frau Walcher;« er lächelte seine Mutter pfiffig an. »Hat sie den auch vom Land gekriegt, wie neulich wieder das gute 'Junge' vom Hasen?«
Frau Agnes errötete. So war ihr der Schorschi hinter ihre Schliche gekommen? Sie wich seinem auf sie gerichteten Blick aus, sie antwortete nicht, sie sprach nur: »Der Vater hat dir sagen lassen, du sollst lernen.«
»Schon recht,« erwiderte er übermütig und warf die Schultasche im weiten Bogen auf das Sofa, daß sie dort, emporgeschnellt, einen fröhlichen Hupf machte.
»Aber Georg, du bist ja heut wie ausgewechselt.«
»Ja, ja, Mutter!« Er stürzte auf sie zu und schloß sie in seine Arme.
Sie wehrte: »Sei gescheit.«
»Nein, gescheit bin ich heute einmal nicht. Ich muß dich lieb haben und küssen, dein liebes Gesicht, deine lieben Hände, jeder Finger bekommt einen Kuß.«
Nun denn! Ach, die Zärtlichkeit des Kindes tat sehr wohl. »Jetzt aber setz dich, es wird ja alles kalt.«
Und sie setzten sich und aßen und ließen sich's schmecken und plauderten und dachten nicht an morgen, und waren so glücklich, wie die armen Leute sind, die ganz in der Gegenwart leben, den Augenblick genießen, den Blick von der Zukunft abgewendet, die ihnen nichts Gutes bringen kann.
Nach dem Abendbrot begab die Mutter sich an die Nähmaschine und wollte noch ein Stündchen fleißig sein. Die alte Nähmaschine, die sich die letzte Zeit hindurch nur schwer in Bewegung setzen ließ und den Dienst auch schon mehrmals versagt hatte, glitt heute dahin wie ein Schlitten auf festgefrorener Bahn. Was war denn da geschehen? Gestern noch hatte die Mutter gedacht, die alte Getreue werde überhaupt nicht mehr brauchbar sein und nicht einmal in der Fabrik hergestellt werden können. Was geschehen war? Der Vater hatte sie auseinander genommen und sie ausgezeichnet repariert.
»Der Vater?« das gab dem Georg zu denken. »Hat denn der Vater gelernt, Nähmaschinen reparieren?«
»Gewiß nicht. Aber weißt du, der Vater kann vieles, das er nicht gelernt hat, er hat zu allem Talent.«
Hat es nicht gelernt und kann es, weil er Talent hat. Etwas können, das man nicht gelernt hat, heißt also Talent haben. Er versank in Grübeleien.
»Aber Mutter, ich hab doch auch Talent.«
Sie mußte lachen. Es war wirklich, wie wenn ein Zweifel aus seinen Worten spräche: »Nun, ich meine, du hörst es oft genug, um es zu wissen,« und sie griff zärtlich mit der Hand in seinen zerzausten blonden Schopf.
»Wenn's nur wahr ist, Mutter, wenn's nur recht wahr ist;« er schluckte mühsam und benetzte die trocken gewordenen Lippen mit der Zunge. Die Traurigkeit, die ihn nach dem Gespräch mit Pepi angewandelt hatte, wollte sich wieder in ihm regen; aber die Anwesenheit der Mutter bannte sie rasch. Sein Herz ging weit auf, nicht das kleinste Geheimnis blieb darin. Von allem, was bisher stumm und schweigend in ihm gelegen, redete er, und während er es tat, wurde ihm manches klar und ausgemacht, was er sich selbst nie eingestanden hatte. Die Mühe, die das Lernen ihm verursachte, und daß es ihm so schwer wurde, sich etwas »auswendig zu merken«. Andre lernten viel leichter auswendig und merkten sich's viel länger.
»Du hast kein sehr gutes Gedächtnis,« meinte die Mutter und dachte, das kommt oft vor bei sehr Talentvollen. Sie gab dem Sohn auch etwas Ähnliches zu verstehen; er zuckte die Achseln.
»Wer Talent hat, das findest du selbst, kann auch, was er nicht gelernt hat. Ich hab vielleicht gar kein so großes Talent zum Lernen in der Schule. Aber vielleicht zu etwas anderm ... Das Singen in der Volksschule hat mich so gefreut. Da hab ich immer einen Einser gehabt ... und -- weißt du noch, die Flöte! Ach, wenn ich hätte lernen dürfen Flöte spielen, oder gar Violine ... Jetzt hab ich halt nichts mehr als nur -- soll ich's dir sagen? soll ich? Ja? -- -- Bleib sitzen -- ganz ruhig.«
Er stand auf und ging in den dunkelsten Winkel des Alkoven, und leise schwirrten von dort her die Töne der Nachtigall zu der Mutter herüber, und sie staunte und hörte zu und überhörte, daß die Küchentür geöffnet wurde, und nun auch die Zimmertür.
»Halb elf,« sprach Pfanner, eintretend, »und du bist noch auf, und wo ist der Bub?«
* * * * *
Er war in schlechter Laune.
In der Versammlung war ein Antrag, den Pfanner und einige ältere Beamten eingebracht hatten, abgelehnt worden. Beim gemeinsamen Abendessen hatte sich dann Obernberger eingefunden, einen Flaschenkorb in der mächtigen Rechten, und hatte Bordeaux und Champagner mit so guter, bescheidener Manier serviert, daß selbst der Herr Direktorstellvertreter sich herbeiließ, ein Gläschen anzunehmen. Nur Pfanner lehnte schroff ab. In Gift hätte sich ihm ein vom »Schlosser« kredenzter Trunk verwandelt. Bis zum Überdruß renommierte der wieder mit seinem Pepi und gab die tollen Streiche des Burschen so stolz und behaglich zum Besten, daß Pfanner zuletzt nicht mehr an sich halten konnte!
»Wenn's der meine so treiben tät, der sollt mich kennen lernen.«
Da waren dann gleich Entschuldigungen Pepis nachgekommen und ein zärtliches Lob des guten Kerls, der er sei, bei all seinem Übermut, und was für ein goldenes Herz er habe und -- ein Talent! Die Herren Professoren zweifelten gar nicht daran, daß er in diesem Jahre Primus werden würde.
Primus -- der Sohn des Schlossers! Pfanner hatte plötzlich einen gallbittern Geschmack im Munde, und das Essen widerstand ihm. Sein Georg war nur in der ersten Klasse Primus gewesen, in der zweiten zweiter Vorzugsschüler, und nun in der dritten konnte er's allem Anschein nach gar nur zum Vierten, dem letzten Vorzugsschüler, bringen. Er hatte ein »Genügend« gehabt in Griechisch und ein »Befriedigend« in Geometrie. Wohin kam er, wenn er es von nun an nicht zu lauter Vorzugsklassen brächte? Wohin überhaupt, wenn er in seinen Leistungen von Jahr zu Jahr zurückblieb? Pfanner sah alles schon verloren, alle Mühe umsonst angewendet, alle Opfer umsonst gebracht. Der Sohn würde am Ende auch nichts andres werden als der Vater, ein armseliger kleiner Beamter. Dieser Sohn, dem alle Hilfsmittel geboten waren, der nur die Hand nach ihnen auszustrecken brauchte. Aber es ging ihm zu gut, der Hafer stach ihn, und er überließ sich seinem Leichtsinn und seiner Faulheit. Von Erbitterung erfüllt, mit dem Vorsatz, die Zügel schärfer anzuziehen, war Pfanner nach Hause gekommen. Da fand er seine Frau müßig im Zimmer sitzend und dem Vogelgesang lauschen, den sein großer Bub, im Alkoven versteckt, nachahmte.
»Schämst dich nicht?« fuhr er ihn an, als Georg auf seinen Befehl hervortrat. »Hast Ehr im Leib oder keine? Was tragst da in der Hand? Aufmachen die Hand!«
Der Knabe gehorchte. Der Gedanke, eine Entschuldigung vorzubringen, kam ihm gar nicht. Pfanner erfuhr alles, und sein Unwillen, seine Entrüstung kannten keine Grenzen. Dieser Bub! Wirklich ein ungeratener Sohn. Spielt da, der bald Vierzehnjährige, mit einer Lockpfeife, oder was das ist. Spielt bei Tag und Nacht, ja, ja -- er besann sich jetzt -- hat noch die Eltern zum Narren gehalten. Wenn er abends lernen soll, fallen ihm die Augen zu, spielen kann er bis in die Nacht. »Aber wart nur ... Her mit dem Quark!«
Ein fruchtloser Widerstand des Schwächeren, ein rascher Sieg des Stärkeren, ein Armschwung ... Das Fenster stand offen -- die Nachtigall flog hinaus.
Frau Agnes zuckte zusammen. Georg stand mit weit aufgerissenen Augen:
»Vater, meine einzige Freud!« schrie er auf, und galt es nun, was es mochte, die härtesten Worte, die grausamsten Schläge, er mußte weinen um seine »einzige Freud«, weinen, schluchzen, sich auf den Boden werfen und sich winden in Trostlosigkeit und Verzweiflung. Daß der Vater tobte und schrie, hörte er nicht, daß der Vater einen Knoten ins Taschentuch flocht, sah er nicht, daß Hieb auf Hieb auf ihn niedersauste, fühlte er nicht. Er wußte und fühlte nur, daß er ein armes Kind war, dem immer das weggenommen wurde, woran sein Herz ihm hing.
»Aufstehen! Still! Augenblicklich still!« wetterte Pfanner und hatte nicht das geringste Mitleid mit dem Kinde, das sich endlich vom Boden erhob und heftige Anstrengungen machte, sein Schluchzen zu unterdrücken. Vielmehr forderte sein Zorn noch ein Haupt, sich darüber zu ergießen. Wer trug Schuld an dem frevelhaften Leichtsinn des Buben, wer unterstützte ihn noch darin? Die Mutter, die verbrecherisch schwache, törichte Mutter! Wenn aus dem Buben nichts wird, wenn er heranwächst zu einer Last und sogar Schande der Eltern -- Müßiggang ist aller Laster Anfang --, wenn er elend untergeht, fällt die Verantwortung dafür auf ihr Gewissen, und sie wird einst zur Rechenschaft gezogen werden.
Pfanner verstand es, seine Umgebung stumm zu machen. Es kam kein Laut über die Lippen seiner Frau. Bis zu einem gewissen Grade hatte sie sich im Laufe ihrer Ehe an sein maßloses Übertreiben gewöhnt, und jetzt freute sie sich gar, daß seine Vorwürfe _sie_ trafen. So diente sie ihrem Jungen eine Zeitlang wenigstens als Schild.
Der Mann schrie und tobte, und dabei zog er den Rock und die Weste aus und legte sie sorgfältig auf einen Sessel. Sogar in der Wut gegen seine nächsten Menschen verfuhr er schonend mit seinen Sachen. Nun entstand eine Pause, aber nur als Vorbereitung zu einem neuen Schrecknis, zu der Frage:
»Sind die Aufgaben gemacht?«
»Ich werd sie morgen machen,« erwiderte Georg bang und zögernd. »Morgen ist Sonntag ...«
»Ja so. Bring die Aufgaben!« Pfanner sah sie durch. »Eine Fabel aus Deutsch in Latein übersetzen. Griechische Grammatik zu lernen: Unregelmäßigkeit der Deklination. Geometrie: Drei Aufgaben. Geschichte: Wiederholung, von den Kreuzzügen bis zu Rudolf von Habsburg. Und von alledem nichts gemacht? nichts? Das alles soll morgen bewältigt werden?« Er dekretierte: »Geschichte heute noch wiederholen, aufmerksam durchlesen. Wenn man am Abend etwas aufmerksam durchliest, weiß man es am nächsten Morgen wörtlich.«
»Es sind sechsundzwanzig Seiten,« wagte Georg einzuwenden.
»Zweiundzwanzig, vier Seiten nehmen die Illustrationen ein.« Er legte das Buch vor ihn hin: »Setz dich, lern!«
Der Knabe tat, wie ihm geheißen worden. Gut also, gut, so setzt er sich denn hin und lernt. Daß er müd und schläfrig ist, was liegt daran, ihm ist alles recht, er lernt. Wenn er sich nur zu Tode lernen könnte, das wäre ihm das allerliebste. Wenn er tot wäre, hätte er Ruhe, und seine Mutter hätte Ruhe, brauchte sich seinetwegen nicht beschimpfen lassen. So begann er denn zu lesen: »Schon in den ersten Jahrhunderten trieben Andacht und Glaubensinnigkeit die Christen zu den heiligen Stätten ...«
* * * * *
An schönen Sonntagnachmittagen unternahm Pfanner regelmäßig einen Spaziergang, und Georg durfte ihn begleiten. Ein Vergnügen, auf das die Mutter längst freiwillig verzichtet hatte, und von dem das Kind trauriger heimkehrte, als es ausgewandert war. Mit dem Vater spazieren gehen, bedeutete, an jeder Unterhaltung, jedem Genuß _vorüber_gehen. Dort drüben, im luftigen Prater, wurde nach der Scheibe geschossen, im Luftschiff, im mechanischen Ringelspiel gefahren, da gab's Theateraufführungen, Wachsfigurenkabinetts, eine Damenkapelle, Zigeunermusik. Und ein Aquarium und ein Panorama und so vieles Schöne noch, von dem Georgs Mitschüler zu erzählen wußten. Wenn er eine Anspielung wagte, eine Frage stellte: »Warst du schon einmal im Wurstelprater? Hast du schon einmal die Zigeuner spielen gehört?« antwortete der Vater voll Verachtung: Was man im Wurstelprater zu sehen und zu hören bekäme, sei lauter elendes Zeug, an dem nur ungebildete und rohe Menschen sich zu ergötzen vermöchten. Im Bogen wich er allem aus, was seine eigene Neugier hätte reizen können oder gar ihn selbst in Versuchung bringen, sich einen guten Tag zu machen. Einmal in einem Jahr, nein -- einmal in vielen Jahren. Er _wollte_ nicht! wollte nicht ein paar Gulden unnötig ausgeben, die ins Sparkassenbuch des Kindes gelegt werden könnten.
Als sie nach Hause kamen, erwartete sie ein gutes, kräftiges Abendessen.
»Weil heute Sonntag ist,« entschuldigte sich Agnes, da Pfanner ihr neuerdings Verschwendung vorwarf.