Ein Bruderzwist in Habsburg

Chapter 6

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(Ein Bürger, nachlässig bewaffnet, die Muskete auf der Schulter tritt von der linken Seite auf, betrachtet die Anwesenden und kehrt auf einen Wink Herzog Julius' wieder zurück. Der Kaiser fährt zusammen.)

Rumpf. Es sind die Wachen-- Die Leibwacht freilich nicht der Königsburg-- Vielmehr die Bürger, die man ausgestellt, Weil sie behaupten, daß hier vom Hradschin Den Feind man eingelassen in die Stadt Und weil man Tor und Pforte will verwahren.

(Der Kaiser droht heftig mit dem Finger in die Ferne.)

Julius. O scheltet nicht den Neffen der Euch liebt! Erzherzog Leopold, glaubt mir o Herr, Er fühlt das Unglück tiefer als Ihr selbst. Er war bei mir als schon der Kampf entschieden Und bat mich, nassen Augs, ihn zu vertreten Ob seiner Wagnis, die der Zufall nur, Ein mißverstandener Befehl vereitelt, Sonst wart Ihr frei und Herr in Euerm Land. Er geht nach Deutschland, um des Reiches Stände Zum Schutze zu vereinen seines Herrn. Zugleich die andern Fürsten Eures Hauses-- (Zu Rumpf.) Ward es gemeldet schon? (Auf eine entschuldigende Gebärde Rumpfs.) Sie sind uns nah. Sie kommen heut nach Prag um als Vermittler Zu schlichten diesen unheilvollen Zwist, Dabei auch, wie Ihr früher selbst begehrt, Abbittend der verletzten Majestät, Genugzutun für alles was sie selbst In guter Meinung früherhin gesündigt. Die Welt sie fühlt die Ordnung als Bedürfnis Und braucht nur ihr entsetzlich Gegenteil In voller Blöße nackt vor sich zu sehn, Um schaudernd rückzukehren in die Bahn.

(Der Kaiser zeigt auf die Erde, wiederholt mit dem Stabe auf den Boden stoßend und entfernt sich dann auf Rumpf gestützt nach dem Hintergrunde. --Ein Diener von der rechten Seite kommend, halblaut zu Herzog Julius.)

Diener. Um Gottes willen gebt den Schlüssel, Herr!

Julius. Was ist?

Diener. Die Ärzte fordern Einlaß zu Don Cäsar.

(Der Kaiser hat sich umgewendet und blickt forschend nach den Sprechenden.)

Rumpf. Der Kaiser wünscht zu wissen was die Sache.

Julius. Man hat Don Cäsar in den Turm gebracht, Wo als Erkranktem, der dem Wahnsinn nahe, Die Adern man geöffnet ihm am Arm.

Diener. Er aber tobte an dem Eisengitter Und rief nach einem Richter, um Gericht, Er wolle leben nicht; bis plötzlich, jetzt nur, Er den Verband sich von den Adern riß. Es strömt sein Blut und die verschloßne Tür Verwehrt den Eintritt den berufnen Ärzten. Gibt man den Schlüssel nicht ist er verloren.

Julius (den Schlüssel aus dem Gürtel ziehend). Hier nimm und eil.

(Der Kaiser winkt mit dem Finger.)

Julius. Allein bedenkt, o Herr!

(Da der Kaiser den Schlüssel genommen hat und sich damit entfernt, ihm zur Seite folgend.)

Von einem Augenblick hängt ab sein Leben, Und nicht sein Leben nur, sein Ruf, sein Wert. Ihm selbst und jedem andern der ihm nah, Liegt nun daran, daß er vor seinen Richtern Erläutre was er tat und was ihn trieb, Daß nicht wie ein verzehrend, reißend Tier, Daß wie ein Mensch er aus dem Leben scheide, Wenn nicht gereinigt, doch entschuldigt mindstens. Ihm werde Spruch und Recht.

Der Kaiser (der auf den Stufen des Brunnens stehend, den Schlüssel hinabgeworfen hat, mit starker Stimme). Er ist gerichtet, Von mir, von seinem Kaiser, seinem-- (mit zitternder, von Weinen erstickter Stimme) Herrn!

(Er wankt nach der linken Seite von Rumpf unterstützt, ab.)

Julius (auf die Stufen des Brunnens tretend und hinabsehend). Es ist umsonst! Don Cäsar ist verloren. Sprengt auf die Tür!--Und doch, es ziemt uns nicht Dem Urteil vorzugreifen seines Richters.-- O daß er doch mit gleicher Festigkeit Das Unrecht ausgetilgt in seinem Staat, Als er es austilgt nun in seinem Hause. Geht nur, es ist geschehn.

Hinder der Szene wird gerufen. Halt da! Zurück!

Julius. Was dort? Der Kaiser aufgehalten von den Wachen? Legst du die Hand an ihn, an den Gesalbten? Das soll nicht sein, so lang ich leb und atme. Mein letztes Blut für ihn. Zurück die Hände! Sonst zahlst du deine Frechheit mit dem Tod.

(Er geht, die Hand am Schwert, nach der linken Seite ab.)

Verwandlung Gemach in der Burg wie zu Anfang des dritten Aufzuges. Die nischenartige Vertiefung rechts im Hintergrunde mit einem herabgelassenen Vorhange bedeckt.

Thurn und Schlick kommen, ein Arbeiter mit Schurzfell hinter ihnen.

Thurn. Ward jeder Ausgang nach Geheiß verschlossen? Hier ist noch eine Tür.

Arbeiter (den Vorhang wegziehend und an einer in der Mauer befestigten Spange zurückschlagend). Sie ist nicht mehr. Mit starken Bohlen hat man sie verrammelt, Sie hält so fest nun als die feste Wand.

Thurn. Geht immer nur und seht nach außen zu.

(Arbeiter ab.)

Thurn. Vor allem liegt daran, daß unser König, Der aus sich selbst wohl Schlimmes nie begehrt, Nicht von Verrätern heimlich weggebracht Zur Fahne diene feindlichem Beginn.

Schlick. Allein, mein Freund, wir ehren unsern König, Und das geht weiter als die Absicht war.

Thurn. Die Absicht, Freund, ist ein vorsicht'ger Reiter Auf einem Renner feurig, der die Tat, Den spornt er an zu hastigem Vollzug. Hat er das Ziel erreicht, zieht er die Zügel Und meint nun wär's genug. Allein das Tier, Von seiner edlen Art dahingerissen Und von dem Wurf des Laufes und der Kraft, Es stürmt noch fort durch Feld und Busch und Korn, Bis endlich das Gebiß die Glut besiegt. Da kehrt man denn zurück.

Schlick. Wenn's dann noch möglich.

Thurn. Wenn nicht, dann nur kein Trost von Zweck und Absicht, All was geschehn das hast du auch gewollt. Doch nahen Tritte; wohl der Kaiser selbst, Laß uns noch sehen nach der äußern Pforte.

(Sie gehen durch die Türe links.) (Der Kaiser kommt auf Rumpf gestützt, Herzog Julius geht vor ihm her.)

Julius. Verzeiht o Herr, der Wachen Unverstand. Der Mann, den man zur Obhut hingestellt, Erkannt' Euch nicht.

(Der Kaiser nickt höhnisch mit dem Kopfe.)

Julius. Er folgte dem Befehl, Der jedermann den Zutritt untersagte.

(Der Kaiser erblickt den verschlossenen Eingang zum Laboratorium und zeigt mit dem Stocke darauf hin.)

Rumpf (den zurückgeschlagenen Vorhang herablassend). Besorgnis wohl für Eure Sicherheit, Man will den Eingang Unberufnen wehren.

Rudolf. Den Eingang? Sag den Ausgang! Mir. Dem Kaiser. Ich bin's und fühle mich als Herrn, obgleich in Haft. Drum fort von mir du menschlich naher Schmerz, Gib Raum dem Ingrimm der verletzten Würde. Und weißt du wer's getan? Nicht daß mein Bruder Die Hand erhoben wider meine Krone; Ich hab ihn nie geliebt und er ist eitel, Er tat nach seinem Wesen, obgleich schlimm. (Ans Fenster tretend.) Doch diese Stadt. Schau wie sie üppig liegt Geziert mit Türmen und mit edlem Bau Verschönt durch Kunst was Gott schon reich geschmückt. Und mein Werk ist's. Hier war mein Königssitz. Für Prag gab ich das lebensvolle Wien, Den Sitz der Ahnen seit des Reiches Wiege. Die heuchlerische Stille tat mir wohl Weil selbst ich still und heimisch gern in mir. Gehütet wie den Apfel meines Auges Hab ich dies Land und diese arge Stadt, Und während alle Welt ringsum in Krieg, Lag einer blühenden Oase gleich Es in der Wüste von Gewalt und Mord. Doch bist du müde deiner Herrlichkeit Und stehst in Waffen gegen deinen Freund? Ich aber sage dir: wie eine böse Beule Die schlimmen Säfte all des Körpers anzieht, Zum Herde wird der Fäulnis und des Greuls, So wird der Zündstoff dieses Kriegs zu dir, Der lang verschonten nehmen seinen Weg, Nachdem du ihm gewiesen deine Straßen. In deinem Umfang kämpft er seine Schlachten, Nach deinen Kindern richtet er sein Schwert, Die Häupter deiner Edlen werden fallen, Und deine Jungfraun, losgebundnen Haars, Mit Schande zahlen ihrer Väter Schande. Das sei dein Los und also--fluch ich dir!-- Die du die Wohltat zahlst mit bösen Taten.

Wo ist mein Stock? Die Kniee werden schwach, Laßt niemand ein! ich höre Stimmen drauß, Wer immer auch, ein Feind ist's und Verräter.

(Die Erzherzoge Maximilian und Ferdinand erscheinen in der Türe.)

Rumpf. Es sind die Herrn Erzherzoge. O Wonne!

Rudolf. Ihr seid es? Bruder du? Willkommen Vetter! Nehmt Sitz! Ihr kommt in wunderlicher Zeit. (Er hat sich gesetzt.) Was Neues in der Welt? Zwar stets dasselbe: Das Alte scheidet und das Neue wird. Kommt ihr zum Taufschmaus oder zum Begräbnis?

Ferdinand. Eh' wir uns setzen, so erlaubt daß knieend Abbitte wir für das Vergangne leisten, Den Willen unterstellend für die Tat.

(Die Erzherzoge knien.)

Rudolf. Vom Boden auf!--Und du mein guter Bruder Sprichst nicht?

Max. Mir ist das Weinen näher. Auch kniet sich's schwer mit meines Körpers Last.

Rudolf. Vom Boden auf! Soll unser edles Haus Vor jemand knieen als vor seinem Gott? Ist einer tot so liegt er auf dem Grund, Doch lebend kniet kein Mann und kein Erzherzog.

(Die beiden sind aufgestanden.)

Rudolf. Sollt' ich euch strenger richten als mich selbst? Wir haben's gut gemeint, doch kam es übel. Das macht: dem reinen Trachten eines Edlen, Kann er's nicht selbst vollführen, er allein, Mischt von der Leidenschaft, der bösen Selbstsucht Der andern, die als Werkzeug ihm zur Hand, So viel sich bei, daß, hat er nun vollbracht, Ein Zerrbild vor ihm steht statt seiner Tat. Ich habe viel gefehlt, ich seh es ein, Seitdem ich aus den Nebeln, die am Gipfel, Herabgestiegen in das tiefe Tal, In dem das Grab liegt als die letzte Stufe. Ich hielt die Welt für klug, sie ist es nicht. Gemartert vom Gedanken droh'nder Zukunft, Dacht' ich die Zeit von gleicher Furcht bewegt, Im weisen Zögern seh'nd die einz'ge Rettung. Allein der Mensch lebt nur im Augenblick, Was heut ist kümmert ihn, es gibt kein morgen. So rannten sie hinein ins tolle Werk, Und ihr, ihr ranntet nicht, allein ihr gingt. Ich tadl' euch nicht, ihr wart besorgt ums Ganze, Nicht böse Selbstsucht hat euch irrgeführt. Nur einen tadl' ich, den ich hier nicht nenne; Den ich verachtet einst, alsdann gehaßt. Und nun bedaure als des Jammers Erben. Er hat nur seiner Eitelkeit gefrönt, Und dacht' er an die Welt, so war's als Bühne, Als Schauplatz für sein leeres Heldenspiel.

Max (vom Stuhle aufstehend). Gerade darum, Bruder, sind wir hier. Es muß der böse Zwist zum Abgrund kehren, Und Recht dir werden, der du rechtlich bist.

Rudolf. Davon kein Wort! Der König ist dahin. Ich geb ihn auf. Allein das Königtum Möcht' ich der Welt erhalten, der's vonnöten. Mein Bruder herrscht in Ungarn und in Östreich, Er will's in Böhmen auch, nicht künftig, jetzt. Wohlan es sei darum; denn keine Teilung Verträgt was alle Teile eint zum Ganzen. Ich selbst, wie einst mein Oheim, Karl der Fünfte, Als er die Welt, wie sie nun mich, zurückstieß, Im Kloster von Sankt Justus in Hispanien Den Tod erwartete, so will auch ich. Es währt nicht lang, ich fühl es wohl, denn Undank Gräbt tiefer als des Totengräbers Spaten; Und Kloster sei und Zelle mir dies Schloß. Mathias herrsche denn. Er lerne fühlen, Daß tadeln leicht und Besserwissen trüglich, Da es mit bunten Möglichkeiten spielt; Doch handeln schwer, als eine Wirklichkeit, Die stimmen soll zum Kreis der Wirklichkeiten. Er sieht dann ein, daß Satzungen der Menschen Ein Maß des Törichten notwendig beigemischt, Da sie für Menschen, die der Torheit Kinder. Daß an der Uhr, in der die Feder drängt, Das Kronrad wesentlich mit seiner Hemmung, Damit nicht abrollt eines Zugs das Werk, Und sie in ihrem Zögern weist die Stunde. Ihr selbst wart um mein Herrscheramt bemüht, Mehr fast als gut. Sorgt auch für ihn. Allein bedenkt: der auf dem Throne sitzt, Er ist die Fahne doch des Regiments, Zerrissen oder ganz, verdient sie Ehrfurcht.

Fernand, du glaubst dich stark, und bist es auch, Vor allem wenn du meinst für Gott zu streiten. Sei's gleicherweis auch sonst, und stark, nicht hart! Was dir als Höchstes gilt: die Überzeugung, Acht sie in andern auch, sie ist von Gott, Und er wird selbst die Irrenden belehren. Des Menschen Innres wie die Außenwelt Hat er geteilt in Tag und dunkle Nacht. Das Aug' ertrüge nicht beständ'ges Licht, Da führt er an dem Horizont herauf Die Dunkelheit mit ihrer holden Stille, Wo die Empfindung aufwacht, das Gefühl Und süße Schauer durch die Seele schreiten. Doch immer Nacht, wär' schlimmer noch als nie, Und was du weißt, weißt du durch Tag und Licht.

Ich selber war ein Mann der Dunkelheit. Von ihren Streitigkeiten angeekelt, Floh ich dahin allwo die frühsten Menschen Zuerst erkannten ihres Lebens Meister. Vom Hügel auf zu den Gestirnen blickend Und ihre stät'ge Wiederkehr betrachtend, Erscholl's in ihrer Brust: es ist ein Gott Und ewig die Gesetze seines Waltens. Seitdem hat er sich kundig offenbart Und übertönt die Stimmen der Natur, Doch in der Stille klingen sie noch nach, Und als er selbst als Mensch zu Menschen kam, Da sandt' er einen Stern, und jene Weisen, Sie ließen ruhen ihrer Weisheit Dünkel, Und folgten jenem Zeichen bis zur Hütte, Wo schon die Hirten standen und die Engel Aus weiter Ferne: Friede, Friede sangen. --Ist hier Musik?

Julius. Wir hören nichts, o Herr.

Rudolf. Nun denn, so ist's der Nachklang von der Weihnacht, Die mir herübertönt aus ferner Zeit, An die ich glaube und im Glauben sterbe. --Nicht Stern, nur Gott!--Wer bist denn du, Du flammender Komet? Nur Dunst und Nebel.-- Nun Frieden auch mit dir, mit allen Frieden.-- Wie hold es klingt und fort und fort und weiter!--

Max. Sein Geist beginnt zu schwärmen.

Ferdinand. Laßt uns gehn! Versöhnen was zu sühnen ist, und dann Ihm schützend stehn zur Seite, Wächtern gleich.

Rumpf. Ach wir empfehlen Euch den frommen Herrn.

(Die Erzherzoge gehen.)

Rudolf. Und einig, einig seid! Das Neue drängt. Die alternden Geschlechter sterben aus, Das Band gelöst, bricht es die einzelnen.

Rumpf. Sie sind schon fort.

Rudolf. Schon fort? Nun, um so besser! Mir ist so leicht, so wohl. Gebt mir nur Luft! Ich will ans Fenster.

Rumpf. Herr, wir leiten Euch.

Rudolf. Was fällt dir ein? Ich fühle Jugendkraft. (Er versucht aufzustehen.) Doch ist's der Geist nur, meine Glieder wanken. Rückt einen Stuhl ins Fenster, ich will Luft. (Unterstützt ans Fenster gehend, zu Herzog Julius.) Siehst du? So lohnt die Welt für unsre Sorge. Sie saugt uns aus und findet uns dann welk, Indes sie prangt mit unsern besten Kräften. (Er sitzt.) Das Fenster auf!

Rumpf. Allein, o Herr, bedenkt! Ihr habt der Luft Euch sorglich stets verschlossen.

Rudolf. Nicht Kaiser bin ich mehr, ich bin ein Mensch Und will mich laben an dem Allgemeinen. Wie wohl, wie gut! Und unter mir die Stadt Mit ihren Straßen, Plätzen, voll von Menschen.

Julius. Und gabt Ihr erst den Fluch in Euerm Zorn.

Rudolf. Tat ich's? Nun ich bereu's. Mit jedem Atemzug Saug ich zurück ein vorschnell rasches Wort, Ich will allein das Weh für alle tragen. Und also segn' ich dich, verlockte Stadt, Was Böses du getan, es sei zum Guten.

Mein Geist verirrt sich in die Jugendzeit. Als ich aus Spanien kam, wo ich erzogen, Und man nun meldete, daß Deutschlands Küste Sich nebelgleich am Horizonte zeige, Da lief ich aufs Verdeck und offner Arme Rief ich: mein Vaterland! Mein teures Vaterland! --So dünkt mich nun ein Land in dem ein Vater-- Am Rand der Ewigkeit emporzutauchen. --Ist es denn dunkel hier?--Dort seh ich Licht Und flügelgleich umgibt es meinen Leib. --Aus Spanien komm ich, aus gar harter Zucht, Und eile dir entgegen,--nicht mehr deutsches, Nein himmlisch Vaterland.--Willst du?--Ich will! (Er sinkt zurück.)

Rumpf. Ruft Ärzte! Er hat öfter solchen Anfall. Der Herzschlag geht. Nach Ärzten, Hilfe, schnell! Und bringt ihn auf sein Bett in jene Kammer! Ich mag nicht denken, daß es Schlimmres wäre.

Julius (sich entfernend). Das Schlimmste kennt kein Schlimmres, er erlitt's. Der Kaiser starb, ob auch der Mensch genese.

Rumpf. Er lebt, ich fühl's. Faßt ihn nur sorglich an!

Julius (auf ihn zueilend). Mein edler, frommer, mildgesinnter Herr!

(Der Vorhang fällt.)

Fünfter Aufzug

Saal in der kaiserlichen Burg zu Wien.

Klesel steht wartend, Erzherzog Ferdinand tritt ein.

Ferdinand. Ist's endlich mir gegönnt, bei meinem Oheim, Mit dem ich sprechen muß, Gehör zu finden?

Klesel. Die Türe steht Euch offen jederzeit, Ihr seht ihn täglich, stündlich, wenn Ihr wollt.

Ferdinand. O ja, im Schwall des Hofs, bei Spiel, beim Tanz. Wohl auch im Kabinett, in Eurem Beisein.

Klesel. Er ist der Herr und ich sein Diener nur. Befiehlt er mir zu gehen, geh ich; bleibe, Wenn er mein Bleiben förderlich ermißt.

Ferdinand. Nur neulich sprach ich endlich ihn allein, Nur merkt' ich wohl aus den zerstreuten Blicken, Die stets er warf nach der Tapetentür, Daß jemand dort versteckt, der uns behorchte. Und Ihr wart's, mein ich; leugnet's wenn Ihr könnt.

Klesel. Wär' es geschehn, geschah es auf Befehl: Gehorchen schließt das Horchen selbst nicht aus.

Ferdinand. Wir aber wollen's länger nicht mehr dulden, Daß sich ein Fremder eindrängt zwischen uns Und stört die Einigkeit von unserm Hause. War's darum daß wir uns Euch angeschlossen Und gegen ihn den rechten güt'gen Herrn? So daß die Röte mir der Scham noch jetzt Indem ich spreche aufsteigt bis zur Stirne. Da hieß es, daß ein Haupt dem Reich vonnöten, Daß nur mit festem Tritt und sicherm Aug' Der Ausweg sei zu finden aus den Wirren, In denen labyrinthisch geht die Zeit, Und wir, wir stimmten ein--wär's nie geschehn! Doch kaum erreicht das langersehnte Ziel, Gestillt die Gier des Herren und--des Dieners, Wankt man auf gleichem Irrweg durch den Wald, Und meint: sich regen sei schon weitergehn.

Klesel. Ihr irrt; ein fester Plan beherrscht das Ganze Und jeder Schritt führt näher an das Ziel.

Ferdinand. Doch dieses Ziel, sag ich, es ist verderblich. Ausgleichung heißt's, Gleichgültigkeit für jedes; Vermengung des was Menschen ist und Gottes. Sagt selbst ob Euer Herr--

Klesel. Nur meiner?

Ferdinand. Meiner auch. Doch einen Abstand bildet wohl was nah und nächst. Sagt selbst: war er nicht heißer Tatendurst, Zu zügeln kaum und kaum zurückzuhalten, So lang die Krone lag im Reich der Hoffnung; Und nun, bedeckt mit ihr als einem Helm Den Szepter als ein Schwert in seiner Hand Schläft er auf trägen Purpurkissen ein Und bringt die Zeiten Kaiser Rudolfs wieder. Ja schlimmer noch; denn jener war die Waage Die beide Teile hielt im Gleichgewicht; Ihr aber legt was Euch noch bleibt an Schwere Der einen Schale zu, und zwar der schlechten, Der gottverhaßten, der verderblichen. Ist nicht halb Österreich noch protestantisch, Mit Ketzern nicht besetzt ein jeglich Amt. Die hohe Schule, deren Rektor Ihr, Ertönt von Worten frecher Kirchenleugner.

Klesel. Wir suchen Wissen bei der Wissenschaft, Der Glaube wird gelehrt von gläub'gen Meistern.

Ferdinand. Fluch jedem Wissen, das nicht aufwärts geht Zu aller Wesen Herrn und einz'gem Ursprung.

Klesel. Von oben rinnt der Quell, doch rinnt er nicht zurück, Wo er das Licht betritt ist er schon Lauf, nicht Quelle.

Ferdinand. Seid Ihr derselbe der, ein Kirchenfürst, Berufen zur Verteid'gung ihrer Lehre? Der sie verteidigt auch, o ja ich weiß, Solang der Kirche Gold und Rang und Ansehn Euch noch ein Lohn schien, der des Strebens wert, Und habt, so sagt die Welt, nicht nur von Glaubensschätzen, Auch von den Schätzen dieser ird'schen Welt Ein Artiges gehäuft in Euern Speichern.

Klesel. Man sieht sich vor; die Zeiten schlagen um.

Ferdinand. So mag der einzelne vielleicht sich trösten, Doch für den Staat gibt es kein einzelnes, Für ihn hängt alles an derselben Kette. Ja selbst die Mächte, die mit uns vereint, Die gleichen Wegs mit unsern ebnen Bahnen, Sie nehmen an der Lauheit Ärgernis Und ziehen sich zurück. Was bleibt uns dann? Hispanien, der Papst, das fromme Baiern.

Klesel. Von daher also kommt's? Mein hoher Herr, Es sorgt ein jeder doch zunächst für sich, Der Freund ist mehr als meiner noch sein eigner. Hispanien begehrt die Niederlande Durch unsern Beistand und mit unserm Blut. Der Papst ist der Kompaß, des sichre Nadel Die Richtung anzeigt uns zum fernen Pol; Allein die Segel stellen und das Ruder brauchen, Das überläßt er uns; wir hoffen so. Und endlich Baiern. Arglos frommer Herr, So seht ihr nicht wohin sein Streben geht? Ist Östreich erst verworren und geschwächt, Steht nichts in Weg ihm zu der Kaiserkrone.

Ferdinand. Der Baierfürst hegt gottesfürcht'gen Sinn, Das Wohl der Kirche sucht er, nicht sein eignes.

Klesel. Will einer erst die Herrschaft Gott verschaffen, Sieht er in sich gar leicht des Herren Werkzeug Und strebt zu herrschen, damit jener herrsche, Auch ist der Seeleneifer und der Eigennutz Nicht gar so unvereinbar als man glaubt. Die Überspannung läßt zuweilen nach, Und wie der Adler, der der Sonne nächst, Holt er sich Kräftigung durch ird'sche Beute. Man meint's selbst von der Kurie in Rom.

Ferdinand. Ob Ihr nun sprecht was Euch und mir nicht ziemt, --Ihr nennt, ich weiß es, derlei Politik-- Doch eins tut not in allen ernsten Dingen: Entschiedenheit; ob unser Ihr, ob nicht.

Klesel. Was nennt Ihr unser? Ich bin meines Herrn. Er ist mein Uns, mein Euch, mein Ich, mein Alles. Er ist entschieden und ich bin es auch. Doch wenn die Macht nicht einig wie der Wille, Wer trägt die Schuld als jene, die im Dunkeln Am Hofe selbst sich bilden zur Partei Und die Parteiung in den Ländern nähren? In Böhmen selbst, wo man den Majestätsbrief Erfüllen will, getreulich, ohne Hehl, Trifft jeder Auftrag Seiner Majestät Auf einen heimlich widersprechenden, Gegeben von den Nächsten seines Hauses. Die Utraquisten wollen Kirchen baun, Wozu sie Kaiser Rudolfs Brief berechtigt, Man hindert sie und stellt die Arbeit ein.

Ferdinand. Null ist der Majestätsbrief, als erzwungen.

Klesel. Erzwungen ist zuletzt ein jeder Friede; Der Schwächere gibt nach. Doch soll das Schwert Nicht wüten bis zu völliger Vertilgung, Muß Friede werden, der nur Friede ist Wenn er gehalten wird, ob frei, ob nicht. Sie sollen Kirchen baun, so will's ihr König.

Ferdinand. Sagt doch vielmehr nur: Ihr.

Klesel. Nun also: Ich, Sofern mein Rat ein Teil von seinem Willen. Mich hat umsonst aus meiner Niedrigkeit Die Vorsicht nicht gestellt auf jene Stufe Zu der sonst nur Geburt und Gunst erhebt. Der Kirche Macht bekleidet mit dem Purpur, Der mich den Königen zur Seite stellt. Ich werde nicht vor Menschen feig erzittern, Und wären's Könige--im Land der Zukunft; Die nämlich kommen kann, nicht kommen muß.

Ferdinand. Da wär' zu zittern denn an mir?

Klesel. Niemand soll zittern! Vor allem der im Recht ist und der klug.

Ferdinand (auf die Kabinettstüre zugehend). Da ist denn einer nur der hier entscheidet.

Klesel (mit einer gleichen Bewegung). Ich bin bestellt.

Ferdinand. Und ich, ich bin berufen, Im Sinn der Schrift. Berufen und--erwählt, In Böhmen wenigstens als künft'ger König.

(Ein Kämmerling erscheint in der Kabinettstüre.)

Klesel. Sagt, daß wir warten hier, und sputet Euch!

(Der Kämmerling geht ins Kabinett zurück) (Klesel geht mit starken Schritten auf und nieder.)

Ferdinand (sich entfernend). Der Bauer steckt noch ganz in seinem Leibe Mit des Emporgekommnen Übermut.

(Der Kämmerling kommt zurück.)

Ferdinand. Hat man gemeldet also?

Kämmerling (mit einer Einlaßbewegung). Eminenz.

(Klesel geht mit starkem Schritt ins Kabinett.)

Kämmerling. Entschuld'gen soll ich seine Majestät, Hochwicht'ge Nachricht sei aus Prag gekommen, Sie stehn zu Dienst wenn das Geschäft beendigt.

Ferdinand. Ich bin's gewohnt den Dienern nachzustehn. Wie ist's in Prag, vor allem mit dem Kaiser?

Kämmerling. Ein Anfall wie er öfter schon ihn traf, Nur stark wie nie, bedroht sein Leben, sagt man, Doch gibt man Hoffnung noch--für dieses Mal.

Ferdinand. Ich bete drum, denn er ist unsre Hoffnung, Der schutzlos selber, unser einziger Schutz.

(Kämmerling geht zurück.)

Ferdinand. Nun denn, der Augenblick der Tat, er kam. Stirbt Kaiser Rudolf, was wohl furchtbar nah, Und folgt Mathias auf dem deutschen Throne, Verdoppeln sich die furchtsamen Bedenken, Die ihm dies Schwanken in die Brust gelegt. Des Reiches Fürsten, ketzerisch zumeist, Hier Sachsen, Brandenburg, die böse Pfalz, Sie nötigen zu Schonung, schwachem Dulden Und jene Spaltung setzt sich endlos fort, In der Gott selbst so wie sein Wort gespalten.

Vor allem jetzt muß dieser Priester fort, Des schlimme Schmeichelei, gehüllt in Derbheit, Ihn ehrlich nennt wo listig er zumeist. Des Leichtigkeit in Schrift und Wort und Tat, Ihn unentbehrlich macht, weil er bequem Die Herrschaft auflöst in die Unterschrift.