Chapter 5
Rudolf. Siehst du, da kommt er der Versucher, da! Mein Sohn, mein Leopold!--Und doch, hinweg! Er steht im Bund mit meines Herzens Wünschen. Er wird mir sagen, daß ja noch ein Heer In Passau steht, zu meinem Dienst geworben; Daß Rache süß und daß der Kampf gerecht. Mein Sohn es ist zu spät! Ich darf nicht, will nicht. Sie nennen schwach mich, und ich bin's zum Kampf, Allein zum Fliehen reichen noch die Kräfte. Versucher fort! Ob hundertmal mein Sohn. (Er eilt ins Kabinett rechts.)
Erzherzog Leopold (der den Mantel abgeworfen). Mein Oheim und mein Herr! (An der Türe des Kabinetts.) Verschließt Ihr Euch?
Herzog Julius (zu Rumpf). Geht Ihr und weilet draußen vor der Tür, Damit kein Unberufner störend nahe.
(Rumpf geht hinaus.)
Leopold. So komm ich her spornstreichs auf Seitenwegen, Verborgen, unerkannt, und bring Euch Hilfe, Und Ihr verschließt die Pforte mir, das Herz? Ja denn, noch ist ein Kriegsheer Euch bereit, Mit Müh' halt ich's in Passau nur zurück. Ein Wort von Euch und tausend Schwerter flammen Zu Euerm Schutz, zum Schutz der Majestät. Doch wenn Ihr auch den Retterarm verschmäht, Stoßt nicht zurück das Herz, die Kindestreue. Laßt mich, das Haupt gelehnt an diese Pfosten, Nicht glauben Eure Brust sei hart wie sie.-- Die Türe wird bewegt--sie öffnet sich--Mein Vater! (Er stürzt in das Kabinett, dessen Türe sich hinter ihm schließt.)
Julius (mit gefalteten Händen). O daß nun nicht der Groll, gekränkte Würde, Und die Empfindung, die, wenn aufgeregt, Gern übergeht in jegliches Empfinden: Von hart zu weich, von Innigkeit zu Zorn, Ihn hinreißt einzuwill'gen in das Schlimmste: Zu handeln, da's zu spät.
Rumpf (Zur Türe hereinsprechend). Herr Bischof Klesel.
Julius. Nicht jetzt, nur jetzo nicht!
Rumpf. Sie lassen sich Abweisen nicht.
Klesel (eintretend). Nein wahrlich, in der Tat.
Julius (ihm entgegen tretend, mit gedämpfter Stimme). Ihr wagt es, Herr, hier in denselben Räumen, Die Euer Rat mit Zwietracht angefüllt--
Klesel. Ich komme her im Auftrag meines Herrn.
Julius. Wollt Ihr den Kaiser zwingen Euch zu sprechen?
Klesel. Da sei Gott für! Gemeldet will ich werden, So heißt mein Auftrag und, wenn abgewiesen, Kehr ich zurück. Doch melden muß man mich. (Er setzt sich links im Vorgrunde.)
Julius. Ich bitt Euch, Herr, sprecht leise.
Klesel. Und warum?
Julius. Glaubt Ihr denn nicht die Stimme schon des Mannes, Der ihm, er glaubt's, so Schlimmes zugefügt, Muß in des Kaisers Brust, jetzt, wo Entschlüsse Hart mit Entschlüssen kämpfen, Scham und Zorn--
Klesel. Jetzt ist nicht von Entschlüssen mehr die Rede, Notwendigkeit ist da und sie schließt ab.
(In des Kaisers Kabinett wird geklingelt.)
Julius. Es ist geschehn! Nun wahre Gott der Folgen!
(Wolfgang Rumpf geht ins Kabinett.)
Julius. Und war kein anderer als Ihr zu finden Zu solcher Botschaft, die fast klingt wie Hohn?
Klesel. Vielleicht weil ich allein kein Schranz und Höfling, Gewohnt zu sagen gradaus was gemeint.
Julius. Die Derbheit ist nicht immer Redlichkeit.
Klesel. So ist sie denn Arznei, die schon als bitter, Den langverwöhnten Magen stärkt und heilt; Und Heilung war gemeint mit diesem Umschwung, Man wird's zuletzt erkennen, hört man mich. Wer den Ertrinkenden erfaßt am Haar, Er hat gerettet ihn und nicht beleidigt.
(Rumpf kommt aus dem Kabinette zurück.)
Rumpf. Der Kaiser ist ergrimmt, er heißt Euch gehn, Von seinem Antlitz fern der Strafe harren. Der nächste Augenblick droht Euch Gefahr.
Klesel. Ich gehe denn. Den Frieden wollt' ich bringen, Wählt man den Haß, so suche man nach Macht. Die Strafe die man droht, sie liegt so fern, Wir freuen uns indessen an dem Lohn. (Er geht.)
Julius. Es werden Stimmen laut im Kabinett. Geht Ihr hinein, versucht es sie zu stören. Ich fürchte dies Gespräch und seine Folgen.
(Erzherzog Leopold kommt aus dem Kabinette, in das sogleich Rumpf hineingeht.)
Leopold (einen Zettel in die Höhe haltend). Ich hab's, ich hab's'
(Aus der Seitentüre links tritt Oberst Ramee heraus.)
Leopold. Ramee und nun die Pferde! (Er nimmt seinen Mantel auf.) Nichts teurer ist hierlands als der Entschluß, Man muß ihn warm verzehren eh' er kalt wird.
Rumpfs Stimme (im Kabinett). Erzherzogliche Hoheit!
Julius (sich Leopold nähernd). Gnäd'ger Herr!
Leopold. Schon kommt die Reue dünkt mich, laß uns gehn!
(Erzherzog Leopold und Ramee durch die Seiten Türe links ab.)
Rumpf (aus dem Kabinett kommend). Der Kaiser will noch einmal mit Euch sprechen, Es ist noch eins zu sagen.
Julius. Er ist fort.
Rumpf. Der Herr ist wie von Sinnen, schlägt die Brust.
Julius. Ich will ihm nach! Gibt Flügel die Gefahr, So flieg ich statt zu gehn; denn das Verderben Es steht vor mir in gräßlicher Gestalt. (Er folgt dem Erzherzog durch die Seitentüre links.)
Rumpf (sich dem Kabinett nähernd). Man bringt ihn noch zurück.--Der Herzog selber. Eh' er sein Pferd besteigt ereilt man ihn. (Er geht ins Kabinett.)
Der Kleinseitner Ring in Prag.
Volk füllt mannigfach bewegt den Hintergrund. Die drei Wortführer der Stände kommen von der linken Seite.
Graf Thurn. Laßt uns hinaus, begrüßen den Erzherzog. Der Vortrab seines Heers nimmt heute nacht Quartier in unsrer Stadt. Man hofft ihn selbst Ob freilich nur im Durchzug vorderhand, Dem künft'gen Untertan den künft'gen Herrn Mit mildem Segensblick vorerst zu zeigen. Wie immer denn! Kommt, schließt euch an! Ist er ja doch der Retter, der Befreier.
Schlick. Nur, fürcht ich, sproßt in ihm der alte Same, Zur Macht gelangt, wirft er die Maske weg.
Thurn. Für neues Drängen gibt es neue Mittel, Und sag ich: neue, mein ich nur die alten. Der leise Widerstand stumpft jeden Stachel, Und streiten sie um unsre Krone sich, Verarmen wie im Rechtsstreit beide Teile, Reich werden Richter nur und Anwalt, wir. Kommt Zeit, kommt Rat.--Hört ihr die Glocken? Man hat ihn von den Türmen wohl erblickt Und dort der erste Trupp von seinen Scharen.
(Geläut von Glocken. Im Hintergrund beginnt von der rechten Seite mit Musik und Fahnen der Vorüberzug von Soldaten. Das Volk drängt sich nach rückwärts, die Blicke eben dahin gerichtet, so daß sie den Zug verdecken und der Vorgrund leer bleibt.--Erzherzog Leopold und Oberst Kamee, in Mäntel gehüllt, kommen von links im Vorgrunde. Herzog Julius folgt ihnen.)
Julius. Ich laß Euch nicht. Ihr müßt zurück zum Kaiser.
Leopold. Ich habe schriftlich seinen hohen Willen, Nun ist's an mir ihn treulich zu vollziehn.
Julius. Kommt Ihr ins Land mit fremdgeworbnen Truppen, So gärt der Aufruhr neu, des Kaisers Gegner Benützen es zu seinem Untergang. Es ist zu spät.
Leopold. Und früher war's zu früh. Wann ist die rechte Zeit?
Julius (ihn anfassend). Ich laß Euch nicht. So faß ich Euch und flehe: kehrt zurück!
Leopold (den Mantel abstreifend der in Herzog Julius' Hand zurückbleibt). Wie Joseph denn im Hause Potiphar Laß ich den Mantel Euch, mich selber nicht.
Ramee (auf das Volk zeigend). Herr, wenn man Euch erkennt.
Leopold. Man soll mich kennen! (Mit starken Schritten nach rechts abgehend.) Halt ihn zurück!
(Ramee tritt zwischen beide.)
Julius. Nun denn, es ist geschehn. (Den Mantel fallen lassend.) Die Hülle liegt am Boden, das Verhüllte Geht offen in die Welt als Untergang.
(Ramee folgt dem Erzherzog.--Der Zug im Hintergrunde hat sich indessen fortgesetzt. Jetzt erscheint Erzherzog Mathias zu Roß die Menge überragend. Das Volk drängt sich ihm entgegen.)
Volk. Vivat Mathias! Hoch des Landes Recht!
(Indem Herzog Julius mit einer schmerzlich abwehrenden Bewegung sich nach rückwärts wendet fällt der Vorhang.)
Vierter Aufzug
Die Kleinseite in Prag, wie zu Anfang des ersten Aufzuges. Die Sturmglocke wird gezogen. Man hört schießen.
Bürger treten fliehend auf.
Ein Bürger. Flieht Nachbar, flieht! 's ist das Passauer Kriegsvolk. Der Kaiser hat sie in das Land gerufen, Erzherzog Leopold sein Neffe führt sie.
Prokop (aus seinem Hause tretend). Was ist? was soll's?
Bürger. Ihr wißt ja: die Passauer.
Prokop. Doch ist die Stadt bewahrt.
Bürger. Man hat die Pforte Geöffnet ihnen oben am Hradschin Und nun ergießt der Trupp sich durch die Straßen.
Prokop (sein Schwert ziehend). So greift zur Wehr!
Bürger. Dort, seht Ihr? kommt ein Trupp.
Prokop. Schließt euch und haltet aus! Ist doch die Stadt Von Männern voll. Tut jeder seine Pflicht, So lehren wir den Räubern wohl die Reue. (Gegen sein Haus gewendet.) Dich, Kind, indes befehl ich Gottes Hut. Der ist kein Bürger, der die eigne Sorge Vergißt nicht in der Not des Allgemeinen.
Zieht euch zu jener Ecke, sie gibt Schutz, Und gehn sie vor, so fallt in ihre Seiten.
(Sie ziehen sich zurück.--Oberst Ramee tritt auf mit Soldaten.)
Ramee (zu einigen, die ihre Gewehre anschlagen). Halt ein mit Schießen! Es erweckt die Schläfer. Wir überfallen sie, und ohne Blut, So will es der Erzherzog, sind wir Sieger.
Drängt nicht zu scharf! Denn rasch in ihrem Rücken Eilt eine Reiterschar der Moldau zu, Besetzt die Brücke, dringt ins offne Tor; Die Altstadt unser, sind wir Herrn von Prag.
(Trompeten in weiter Ferne.)
Ramee. Die Brücke ist genommen. Jetzt auf sie!
(Mit den Soldaten nach der rechten Seite ab. Man hört Lärm des Gefechts. --Don Cäsar im Wams, ohne Hut, kommt von einigen Soldaten umgeben.)
Cäsar. Ich dank euch, Freunde, daß ihr mich entledigt Der bittern Haft, in der mich hielt die Willkür, Um jener wegen, die dort oben wacht. (Auf Prokops Haus zeigend, in dessen oberem Geschoß ein Licht brennt.) Ich will mit euch, will kämpfen, fechten, sterben, Gleichviel für wen und gleichviel gegen wen; Den der mich tötet nenn ich meinen Freund. Doch vorher noch ein Wörtchen oder zwei Mit ihr, die mich verdarb. (Da einige sich der Türe nähern.) Halt, kein Geräusch! Ich kenne die Gelegenheit des Hauses, Aus früh'rer Zeit. Dort rückwärts an der Mauer Ist noch ein Pförtchen das ins Innre führt, Von wo zwei Treppen nach der Gartenseite Zum Söller steigen nächst an ihr Gemach. Dort sei's versucht und ihr bewahrt den Eingang!
(Sie verlieren sich hinter dem Hause.)
Zimmer in Prokops Hause. An der linken Seite ein Fenster. Gegenüber eine Türe. Im Hintergrunde zwei andere, worunter eine Glastüre, die nach dem Söller führt.
Lukrezia. (tritt aus der Seitentüre links). Es kommt der Tag, allein mein Vater nicht. Ich hörte schießen, schrein, Geklirr der Waffen Und er verläßt sein Kind in dieser Not. O daß die Männer nur ins Weite streben! Sie nennen's Staat, das allgemeine Beste, Was doch ein Trachten nach dem Fernen nur. Gibt's denn ein Bestes, das nicht auch ein Nächstes? Mein Herz sagt nein, nächstpochend an die Brust. (Ans Fenster tretend.) Nun ist es ruhig und der graue Schein Vom Ziskaberg verkündet schon die Sonne. (Rasch umgewendet.) Hör ich Geräusch und kehrt mein Vater heim?
(Die Glastüre des Söllers öffnet sich und Don Cäsar tritt ein.)
Don Cäsar. Viel Glück ins Haus!
Lukrezia. O Gott, so schaut das Unglück!
Don Cäsar. Erschreckt nicht holde Maid! Ich bin es selbst; Und bin's auch nicht. Die Asche nur des Feuers, Das einst für Euch geglüht, Ihr wißt wie heiß; Der Schatten nur des Wesens das ich war. Und selbst der letzte Schimmer dieses Daseins, Der noch ins Dunkel strahlt, das Leben heißt, Kommt zu verlöschen mir in dieser Nacht. Ich geh in Kampf und weiß ich werde fallen, Die Ahnung trügt nicht wenn vom Wunsch erzeugt. Was soll ich auch in dieser wüsten Welt, Ein Zerrbild zwischen Niedrigkeit und Größe; Verleugnet von dem Manne der mein Vater, Mißachtet von dem Weib das ich geliebt.-- Erzittert nicht! Davon ist nicht die Rede. Die Leidenschaften und die heißen Wünsche, Die mich bewegt, sie liegen hinter mir, Ich habe sie begraben, eingesargt. Was ist es auch--ein Weib? Halb Spiel, halb Tücke, Ein Etwas, das ein Etwas und ein Nichts, Je demnach ich mir's denke, ich, nur ich. Und Recht und Unrecht, Wesen, Wirklichkeit, Das ganze Spiel der buntbewegten Welt, Liegt eingehüllt in des Gehirnes Räumen, Das sie erzeugt und aufhebt wie es will. Ich plagte mich mit wirren Glaubenszweifeln, Ich pochte forschend an des Fremden Tür, Gelesen hab ich und gehört, verglichen, Und fand sie beide haltlos, beide leer. Vertilgt die Bilder solchen Schattenspiels, Blieb nur das Licht zurück, des Gauklers Lampe, Das sie als Wesen an die Wände malt, Als einz'ge Leidenschaft der Wunsch: zu wissen. Laßt mich erkennen Euch, nur deshalb kam ich; Zu wissen was Ihr seid, nicht was Ihr scheint. Denn wie's nur eine Tugend gibt: die Wahrheit, Gibt's auch ein Laster nur: die Heuchelei.
Lukrezia. Mir aber dünkt, der Heuchler, wie Ihr's nennt, Zeigt mindstens Ehrfurcht vor dem Heil'gen, Großen, Das Eure Wahrheit leugnet wenn sie's schmäht.
Don Cäsar. So seid Ihr Heuchlerin?
Lukrezia. Ich war es nie.
Don Cäsar. Ich fürchte doch: ein bißchen, holde Maid. Als ich, nun lang, zum erstenmal Euch sah, Da schien mir alle Reinheit, Unschuld, Tugend Vereint in Eurem jungfräulichen Selbst; Zeigt wieder Euch mir also, laßt mich glauben! Und wie der Mann der abends schlafen geht Von eines holden Eindrucks Macht umfangen, Er träumt davon die selig lange Nacht, Und beim Erwachen tritt dasselbe Bild Ihm mit dem Sonnenstrahl zugleich vors Auge. So gebt mir Euch, Euch selber auf die Reise Von der zurück der Wandrer nimmer kehrt. Kein Weib, ein Engel; nicht geliebt, verehrt.
Lukrezia. Wie ohne Grund Ihr mich zu hoch gestellt, So stellt Ihr mich zu tief nun ohne Grund.
Don Cäsar. Nicht doch, nicht doch!--Ihr stießet mich zurück. Ich mußt' es dulden, manchen Fehls bewußt. Doch seht, da war ein Mann, Belgioso hieß er, Ein Heuchler und ein Schurk'
Lukrezia. Er war es nicht.
Don Cäsar. Verteidigt Ihr ihn denn?
Lukrezia. Wer klagt ihn an?
Don Cäsar. Ich, der ich ihn gekannt.--Er hielt zu mir; In all dem Treiben das mit Recht man tadelt, Im wilden Toben war er mein Genoss'. Doch ging er hin und zeigt' es heimlich an Und brachte mich um meines Vaters Liebe.
Lukrezia. Der laute Ruf erspart' ihm diese Müh'.
Don Cäsar. Die Welt hat Recht zum Tadel, nicht der Freund. Doch plötzlich kehrt' er sichtlich mir den Rücken, Zu gleicher Zeit betrat er Euer Haus.
Lukrezia. Er war der Freund des Vaters, nicht der meine.
Don Cäsar. Als Freund des Vaters denn nahmt Ihr ihn auf, Doch als der Eure, denk ich, kam er wieder, War Mitbewohner fast in diesem Haus, Bei Tag, bei Nacht.
Lukrezia. Zu Abend wollt Ihr sagen, Im Beisein meines Vaters, anders nie.
Don Cäsar. Ich aber stand genüber auf der Straße Mit Reif und Schnee bedeckt und sah empor Zum Fenster, wo die Schatten Glücklicher Wie Mücken flogen um den Strahl des Lichts. Da endlich kam der Tag, der ihn bestrafte.
Lukrezia. Erinnert Ihr mich noch an seinen Tod?
Don Cäsar. Nicht ich tat's, noch geschah's um meinetwillen, Das Euch zu sagen kam zumeist ich her. Feldmarschall Rußworm, zwar mein Freund und Lehrer, Doch Täter seiner Taten er allein, Im Streit, beim Spiel, was weiß ich? oder sonst Hat ihn besiegt in ehrlichem Gefecht Wie's Edelleute pflegen und Soldaten. Und wißt Ihr welches Los ward meinem Freund? Der Kaiser ließ auf offnem Marktplatz ihm Das Haupt vom Rumpfe trennen, angesichts Des ganzen Volks, beinah vor meinen Augen. Gedenk' ich jenes Tags, so gärt's in mir, Und blutige Gedanken werden wach. Stünd' er vor mir der heuchelnde Verräter, Nicht damals tat ich's, aber jetzt geschäh's: Das Schwert bis an das Heft in seiner Brust, Bezahlt' er mir die Schrecken jener Stunde.
Lukrezia. O Gott, wer rettet mich?
Don Cäsar. Seid nicht besorgt! Mir ist's, sagt' ich, um Wahrheit nur zu tun. Glaubt nicht auch, daß mich Eifersucht bewegt! Die Eifersucht ist Demut, ich bin stolz, Verachtung liegt mir näher als der Haß. Doch daß Ihr von erlogner Tugend Höhe Herabseht auf die Welt, auf mich, auf alle, Den gleichen Fehl verhehlend in der Brust, Das soll nicht sein. Fluch aller Heuchelei! Sagt mir, ich liebt' ihn den geschiednen Freund, Ich liebt' ihn, weil sein Antlitz zart und weiß, Ich liebt' ihn, weil sein Haar von Salben duftend, Ich liebt' ihn, weil ich töricht, albern, schwach, Sagt's, und ich laß Euch frei.
Lukrezia. Ich liebt' ihn nicht; Nur Gott hat meine Liebe und mein Vater.
Don Cäsar. Recht gut, recht schön!--Doch wes ist dieses Bild --Ich bin vertraut mit Eures Hauses Räumen-- (die Seitentüre öffnend) Wes ist das Bild das hängt an jener Wand, Vom Licht der Lampe buhlerisch beschienen? Ist's Belgiojosos nicht? Ertappt, ertappt!
Lukrezia. Mein Vater hängt' es hin.
Don Cäsar. Und Ihr Madonna, Ihr rücktet Euern Schemel zum Gebet Hart an das Bild, daß wenn die Lippen beten, Das Herz zugleich schwelgt in Erinnerungen, Erinnerungen die--Und wenn ich tot, Lacht an der Seite eines neuen Buhlen Ihr mein und meiner Liebe, wie Ihr lachtet An Belgiojosos Hand.
(Lukrezia entflieht ins Seitengemach.)
Cäsar. Nicht dort hinein! Nicht dort hinein vor meines Feindes Bild, Des Heuchlers, Heuchlerin!--Ringst du die Hände Zu ihm als deinem Heil'gen? (Er hat eine Pistole aus dem Gürtel gezogen, die er jetzt in der Richtung der offnen Türe abschießt.) Folg ihm nach! --Was ist geschehn? (In die Türe blickend.) Weh mir!--O meine Taten!
(Er wirft sich auf ein Knie, die Augen mit den Händen bedeckend.--Ein Hauptmann kommt mit Soldaten.)
Hauptmann. Hier fiel ein Schuß und er ist in der Nähe.
Prokop (der sich durch die Soldaten drängt). Lukrezia mein Kind! (An der offenen Türe.) Oh! greulich, gräßlich! (Er stürzt hinein, die Türe schließt hinter ihm.)
Hauptmann (Don Cäsar emporrichtend). Wir suchten Euch!
Don Cäsar. Nun denn Ihr habt gefunden. Gibt's Richter noch in Prag?
Hauptmann. Es gibt sie wieder. Der Feind hinausgeschlagen aus der Stadt, Kehrt Ordnung und das Recht zurück von neuem.
Don Cäsar. So richtet mich! Erspart mir selbst die Müh'. (Er geht auf die Hintertüre zu, von den Soldaten gefolgt.)
Prokop (in der Seitentüre erscheinend). Hieher, hieher! Vielleicht ist Hilfe möglich.
(Einige Diener, die während des Vorigen gekommen sind, folgen ihm ins Seitengemach.--Alle ab.)
Garten im königlichen Schlosse auf dem Hradschin. In der Mitte des Hintergrundes ein Ziehbrunnen mit einem Schöpfrade.
Heinrich Thurn und Graf Schlick kommen mit einigen bewaffneten Bürgern.
Thurn. Stellt Wachen aus, besetzt die äußern Pforten! Von hier aus ließ den Feind man in die Stadt, Darum bewahrt vor allem den Hradschin.
(Die Bürger gehen.)
Schlick. Scheint's doch ein Wunder fast, daß wir gerettet.
Thurn. Das Wunder war der Mut, die Tapferkeit Der wackern Bürger unsrer Altstadt Prag. Der Feinde Plan war listig angelegt. Hier oben von Verrätern eingelassen, Drang ihre Schar nur langsam, zögernd vor, Als ob den Widerstand der Gegner scheuend; Doch desto schneller fliegt durch Seitengassen Ihr Reitertrupp der Moldaubrücke zu, Die Altstadt, wohl im Schlaf noch, überfallend. Schon füllt die Brücke sich mit Roß und Mann, Schon dringen, die zuvörderst, in die Stadt; Da fällt mit eins das Gitter vor das Tor Und von dem Turm aus Büchsen und Kartaunen Ergießt sich Feuer auf die wilde Schar. Die Rosse bäumen und die Reiter stürzen, Der Vortrupp weicht, der Nachzug drängt nach vorn, Ein unentwirrter Knäuel füllt die Brücke Entladend in die Moldau sein Gedräng'; Bis endlich Schrecken, mächt'ger als die Raubgier, Nach rückwärts treibt den lauten Menschenstrom, Sich überstürzend und den Nachbar schäd'gend, Ins eigne Fußvolk bricht die Reiterei, Daß unsern Bürgern, die im Ausfall folgen, Die Mühe nur des Schlachtens übrig bleibt. Die Wege die er kam, verfolgt der Rückzug, Und Bürgertreue schließt die Einbruchspforte, Die Rachsucht öffnete und der Verrat.
Schlick. Doch sind sie stark noch außen vor der Stadt.
Thurn. Seid unbesorgt! Der räuberische Durchzug Von Passau her durchs obre Österreich Bis fern nach Böhmen, blieb nicht unbewacht, So wie er unvorhergesehen nicht. Von ringsum sammeln sich die Garnisonen, Der Landmann greift zur Wehr, und der Erzherzog, Mathias, derzeit noch von Ungarn König, Und bald von Böhmen, denk ich, etwa auch Er ist zur Hand, rasch folgend ihrer Ferse. Ja nur, weil nicht gewachsen ihm im Feld, Versuchten sie heut nacht den Überfall. Von hier verdrängt, ihr Zufluchtsort verloren, Zerstäubt in alle Winde bald die Schar.
Schlick. Allein was tun wir selbst?
Thurn. Man wirbt um euch. Verhaltet euch wie die verschämte Braut, Der neue Freier bringt euch neue Gaben.
(Herzog Julius kommt mit einem Hauptmanne, der einen Schlüssel trägt.)
Julius. Ihr Herrn ist das wohl Fug und Recht? Man stellt Im Schlosse Wachen wie in Kerkermauern, Selbst vor des Kaisers fürstliches Gemach. Man fordert ab die Schlüssel aller Pforten, Des Eingangs Freiheit und des Ausgangs hemmend. Zuletzt noch diesen, der vor allem nötig. Er führt zum Turm, in den man rück Don Cäsar Den unglückselig wildverworrnen brachte, Im Wahnsinnfieber gen sich selber wütend. Die Ärzte haben, Blut mit Blut bekämpfend, Die Adern ihm geöffnet an dem Arm. Er braucht des Beistands und des freien Zutritts, Drum fordr' ich diesen Schlüssel hier von Euch.
Thurn. Doch deucht mich, daß Don Cäsar, eben er, Verbunden mit den Räubern heute nacht, Teilnahm an all dem Greuel der geschah, Weshalb er in Gewahrsam nur mit Recht.
Julius. Der Richter wird erkennen seine Schuld.
Thurn. Man weiß noch nicht wer Richter hier im Land.
Julius. Doch wohl nicht Ihr?
Thurn. Verhüt' es Gott! Doch auch nicht jene, die des Unheils Stifter, Als schuldig etwa selber sich gezeigt. Wir harren eines Höhern, der schon naht. Allein damit Ihr seht, daß Euer Wert Als Fürst des Reiches und als Ehrenmann Auch hier im fernen Böhmen anerkannt; Nehmt diesen Schlüssel; ob zwar auf Bedingung: Daß nur der Eintritt und für Ärzte nur, Nicht auch der Austritt etwa gar für ihn Geknüpft an diesen Bürgen seiner Haft.
Julius. Ich dank Euch edler Graf, und bin erbötig Zu gleichem Dienst, kommt Ihr in gleichen Fall. Doch jetzt nehmt Euern Abschied, wenn's beliebt. Von fern seh ich des Kaisers Majestät, Den Ihr vertrieben aus der Burg Gemächern, Gönnt ihm den Atem in der freien Luft.
Thurn. Die Luft ist frei für jeden, doch die Burg Verschließt man gern vor Untreu und Verrat. (Er entfernt sich mit seinem Begleiter.)
(Der Kaiser kommt, von Rumpf und einigen begleitet von der linken Seite. Er bleibt vor einem Blumenbeete stehen.)
Rumpf. Die Blumen sind zum guten Teil geknickt, Das tat der böse Sturm in heut'ger Nacht.
(Der Kaiser winkt bestätigend mit dem Kopfe.)
Rumpf. Den Sturmwind mein ich eben, Majestät.
(Der Kaiser hat sich nach vorn bewegt, jetzt bleibt er stehen und fährt mit dem Stabe einige Male über den Boden.)
Rumpf. Der Fußtritt vieler Kommenden und Geh'nden Hat arg gehaust in dieses Gartens Wegen. Des Gärtners Rechen gleicht es wieder aus.
Beliebt's Euch nun den Tieren nachzusehn, Die in den Käfigen der Füttrung harren? Der Löwe nimmt die Nahrung nur von Euch, Die Wärter sagen, daß gesenkten Haupts Er leise stöhnt, wie einer der betrübt.
(Der Kaiser hat den Herzog von Braunschweig bemerkt und hält ihm die Hand hin.)
Julius (auf ihn zugehend). Mein Kaiser und mein Herr!
(Er will ihm die Hand küssen, der Kaiser zieht sie zurück und hält sie, als zum Handschlag, wieder hin.)
Julius (des Kaisers Hand mit beiden fassend). Nun denn: willkommen! Mich freut das Wohlsein Eurer Majestät.
(Der Kaiser lacht höhnisch.)
Julius. Nach Wolken, sagt ein Sprichwort, kommt die Sonne, Die Sonne aller aber ist das Recht.
(Der Kaiser weist mit dem Stabe gen Himmel.)
Julius. Nicht nur dort oben, auch schon, Herr, hienieden. Denn selbst der Bösewicht will nur für sich Als einzeln ausgenommen sein vom Recht, Die andern wünscht er vom Gesetz gebunden, Damit vor Räuberhand bewahrt sein Raub. Die andern denken gleich in gleichem Falle Und jeder Schurk' ist einzeln gegen alle; Die Mehrheit siegt und mit ihr siegt das Recht. Wär's anders, Herr, die Welt bestünde nicht Und alle Bande des gemeinen Wohls Sie wären längst gelöst von Eigennutz. In Eurem Fall: glaubt Ihr, des Reiches Fürsten Sie werden ruhig zusehn dem Verderben hier, Nicht böses Beispiel für sich selbst befürchten? Selbst Euer Volk--