Chapter 4
Rudolf. Zu voller Macht? Die Macht ist's was sie wollen. Mag sein, daß diese Spaltung im Beginn Nur mißverstandne Satzungen des Glaubens, Jetzt hat sie gierig in sich eingezogen Was Unerlaubtes sonst die Welt bewegt. Der Reichsfürst will sich lösen von dem Reich, Dann kommt der Adel und bekämpft die Fürsten; Den gibt die Not, die Tochter der Verschwendung Drauf in des Bürgers Hand, des Krämers, Mäklers, Der allen Wert abwägt nach Goldgewicht. Der dehnt sich breit und hört mit Spotteslächeln Von Toren reden, die man Helden nennt, Von Weisen, die nicht klug für eignen Säckel, Von allem was nicht nützt und Zinsen trägt. Bis endlich aus der untersten der Tiefen Ein Scheusal aufsteigt, gräßlich anzusehn Mit breiten Schultern, weitgespaltnem Mund, Nach allem lüstern und durch nichts zu füllen. Das ist die Hefe, die den Tag gewinnt Nur um den Tag am Abend zu verlieren, Angrenzend an das Geist- und Willenlose. Der ruft: Auch mir mein Teil, vielmehr das Ganze! Sind wir die Mehrzahl doch, die Stärkern doch, Sind Menschen so wie ihr, uns unser Recht!
Des Menschen Recht heißt hungern, Freund, und leiden, Eh' noch ein Acker war, der frommer Pflege Die Frucht vereint, den Vorrat für das Jahr; Als noch das wilde Tier, ein Brudermörder, Den Menschen schlachtete der waffenlos, Als noch der Winter und des Hungers Zahn Alljährlich Ernte hielt von Menschenleben. Begehrst ein Recht du als ursprünglich erstes, So kehr zum Zustand wieder der der erste. Gott aber hat die Ordnung eingesetzt, Von da an ward es licht, das Tier ward Mensch.
Ich sage dir: nicht Szythen und Chazaren, Die einst den Glanz getilgt der alten Welt, Bedrohen unsre Zeit, nicht fremde Völker: Aus eignem Schoß ringt los sich der Barbar, Der, wenn erst ohne Zügel, alles Große, Die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die Kirche Herabstürzt von der Höhe, die sie schützt, Zur Oberfläche eigener Gemeinheit, Bis alles gleich, ei ja, weil alles niedrig. (Er setzt sich.)
Julius. Ihr schätzt die Zukunft richtig ab, das Ganze, Doch drängt das Einzelne, die Gegenwart.
Rudolf. Mein Haus wird bleiben, immerdar, ich weiß, Weil es mit eitler Menschenklugheit nicht Dem Neuen vorgeht oder es begleitet, Nein, weil es einig mit dem Geist des All, Durch klug und scheinbar unklug, rasch und zögernd, Den Gang nachahmt der ewigen Natur, Und in dem Mittelpunkt der eignen Schwerkraft Der Rückkehr harrt der Geister, welche streifen.
Julius. Doch Eure Brüder denken nicht wie Ihr.
Rudolf. Mein Bruder ist nicht schlimm, obgleich nicht klug. Ich geh ihm Spielraum, er begehrt zu spielen.
Julius. War's Spiel? daß eigner Macht er schloß den Frieden, Ist's Spiel? da er den Herren spielt im Land?
Rudolf. Du spielst mit Worten wie er mit der Macht.
Julius. Man sagt, der Türke hab ihm angeboten Die Krone Ungarns.
Rudolf. Sagt! Die Krone Ungarns. Der Türke hat das Land. Was soll das Zeichen?
Julius. Die Protestanten,--Herr, ich bin ein Protestant, Doch nur im Glauben, nicht in Widersetzung-- Sie haben ihm als Preis der Glaubensübung Beistand geschworen wider männiglich.
Rudolf. Mein Bruder ist katholischer als ich. Er ist's aus Furcht, indes ich's nur aus Ehrfurcht. Die Glaubensfreiheit stünde gut mit ihm!
Julius. So nützt er sie um später sie zu täuschen. Die Wirkung bleibt die nämliche für jetzt. In Mähren greift die Regung schon um sich Und fremde Truppen ziehen durch die Städte.
Rudolf. Das ist der Tilly, den ich hingesandt-- Ich bin so blind nicht all ihr etwa glaubt-- Der hält das Land in Zaum.
Julius. Es sind die Völker Aus Eures Bruders ungarischem Heer. In Böhmen selbst--
Rudolf. Du weißt nicht was du sprichst. Die Böhmen sind ein starres Volk, doch treu.
Julius. Vor allem treu stammalter Überzeugung. Der Huß ist tot, doch neu regt sich sein Glaube. In Prag hält man schon Rat und knüpft Vereine.
Rudolf (gegen die Türe gewendet). Und das verschweigt man mir?
Julius. Verzeiht o Herr! Man will es Euch gemeldet haben, doch--
Rudolf. Der eine sagt mir dies, der andre das, Wie's ihm sein Vorteil eingibt, seine Meinung. Arm sind wir Fürsten, wissen das Geheime, Allein das Offenkund'ge, was der Bettler weiß, Der Tagelöhner, bleibt uns ein Geheimnis. Auch war soviel zu tun in letzter Zeit. Der Schotte Dee war hier. Ein Mann der Wunder, Der eindringt in die Urnacht des Geschaffnen Und sie erhellt mit gottgegebnem Licht. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. Hätt' ich gleich ihm nur einen mir zur Seite, Ich stünde dieser Welt und ihrem Dräun.
Julius. Ihr seid verraten, hoher Herr, verkauft. Indes Ihr lernt, lehrt Ihr der Welt den Aufruhr, Der schon entfesselt tobt in Euern Städten.
Rudolf. Hast du's gesehn?
Julius. Ich nicht.
Rudolf. So sprich auch nicht! Ein jeder sieht ein andres, nein, sieht nichts Und gibt den Rat, der nichtig schon von vornher.
Julius. Ein Mann ist hier, er kommt von Brünn und Wien. Er hat gesehn. Es ist derselbe, Herr, Der Euern Flüchtling rückgebracht--Don Cäsar.
Rudolf. Bring ihn zu mir den Mann! Ich will ihn sprechen. Er hat geleistet mir den höchsten Dienst, Der mir erwiesen ward seit langen Jahren.
Julius. Er ist im Vorgemach.
Rudolf. Warum nicht hier? Was zögert er? Warum nicht mir genüber? Don Cäsar! Wie mein Innres sich empört! Der freche Sohn der Zeit.--Die Zeit ist schlimm, Die solche Kinder nährt und braucht des Zügels. Der Lenker findet sich, wohl auch der Zaum.
(Herzog Julius hat indessen Lukrezias Vater eingeführt.)
Rudolf (ihm einige Schritte entgegengehend). Ah du, mein Ehrenmann! (Zurücktretend.) Bleibt immer dort! Dort an der Tür. Ihr seid ein Bürger Prags?
Prokop. Ich bin es, Majestät.
Rudolf. Seit wann denn führen Die Bürger Waffen?
Prokop (auf den Dolch in seinem Gürtel blickend). Herr, die böse Zeit Gebeut zu rüsten sich (Den Dolch mit der Scheide aus dem Gürtel ziehend, mit einer Bewegung nach der Türe.) Doch will ich--
Rudolf. Bleibt! Ihr habt den Flüchtling der sich Cäsar nennt Gestellt uns als Gefangenen zur Haft. Wir danken Euch, und denken Eure Tochter Zu schützen gegen ihn; vorausgesetzt, Daß sie nicht selbst, wie etwa Weiberart, Ihn anfangs tändelnd angezogen--
Prokop. Nein!
Rudolf. Nun Ihr sprecht kurz. Ihr seid ein Protestant?
Prokop. Herr, Utraquist, des böhm'schen Glaubens.
Rudolf. So! Warum des böhmischen und nicht des deutschen? Des welschen, griechisch, span'schen?--Arme Wahrheit! Vergaß ich fast doch, daß es so viel Kirchen Als Kirchenräume gibt und--Kirchhofgräber. Nun gut. Vor Cäsar lebt nur künftig sicher, Ich will ihn hüten wie des Auges Stern. Und hört ihr einst er sei zu Nacht gestorben, So denkt nur: seine Krankheit hieß Verbrechen Und Strafe war sein Arzt.--Ihr kommt von Wien. Ich weiß was man dort treibt und halb ich dulde Und halb ein Wink von meiner Hand zerstreut. Doch lüstet mich's zu hören was ihr saht, Ein einfach schlichter Mann.
Prokop (gegen Herzog Julius). Das von der Huld'gung? (zum Kaiser.) Ich war dabei in Wien als beide Östreich Im Landhaussaal geschworen Euerm Bruder.
Rudolf. Geschworen als Erzherzog, nun er ist's.
Prokop. Umringt war er von ung'rischen Magnaten Als er den Saal betrat, die laut und jubelnd Ihn grüßten als des Ungarlandes König.
Rudolf. Das ist nicht wahr!
Prokop (zu Herzog Julius). So kann ich wieder gehn?
Rudolf. Wenn ich Euch's heiße, früher nicht noch später. Der Ungarn König? Nun: voraus bezeichnet, Nachfolger etwa; ob auch das zur Zeit Nicht sicher noch, abhängig von gar vielem. In Mähren dann?
Prokop. Ich war in Brünn zugegen Beim Einzug Eures Bruders, wo er jubelnd, Vor allem von den Dienern meines Glaubens, Empfangen ward, ein Retter in der Not. Die protestant'schen Kirchen stehen offen; Und ob er gleich sich letzter Zeit entfernt--
Rudolf. Entfernt? Wohin?
Prokop. Man weiß nicht, Herr, die Richtung.
Rudolf (zu Herzog Julius). Ich sage dir: er ging zurück nach Wien. Ihm fehlt der Mut. Ich kenne diesen Menschen: Zum Anfang rasch, doch zögernd kommt's zur Tat. (Zu Prokop.) Ich danke dir mein Freund und weiß genug; Der Aufstand ist am Schluß wie dein Bericht.
Prokop. Obgleich sich der Erzherzog nun entfernt, Blieb doch an seiner Stelle Bischof Klesel, Der mit der Grenze meuterisch verkehrt.
Rudolf. Wie war das? Klesel? Ist er doch in Neustadt, Wohin ich ihn gebannt, in seinem Sprengel.
Prokop. Er ist in Brünn, wo ich ihn selber sprach Von wegen meines sicheren Geleits, Und steht vor allen nahe dem Erzherzog.
Rudolf (zu Herzog Julius). Das wäre schlimm. Wenn jener list'ge Priester Das was dem andern fehlt, den Mut, die Tatkraft, Ihm gösse in die unentschiedne Seele. Das wäre schlimm, und denk ich fort und weiter, Vergrößert sich's zu wirklicher Gefahr. (Zu Prokop.) Ich dank Euch guter Freund! Ihr seid entlassen, Und Euer Kind, es zähl' auf meinen Schutz.
(Da Prokop sich entfernt und die Türe offensteht.)
He Wolfgang Rumpf! Wolfgang Rumpf!
Wolfgang Rumpf (eintretend). Hier Majestät.
Rudolf. Bringt die Berichte dieser letzten Tage, Und was an Briefen, in mein Kabinett. Und will ich künftig ungestört mich wissen, So hindert's nicht, daß, wenn das Haus in Flammen, Ihr dennoch kommt und ansagt: Herr, es brennt.
Herzog Julius (zu Rumpf halblaut). War's möglich denn?
Rumpf (ebenso). Ihr wißt nicht edler Herzog. Der Kaiser drohten mit geschwungnem Dolch, Wenn jemand nur ihn anzusprechen wagte.
Rudolf. Nun wohl, Ihr habt das Zünglein an der Waage, Das ich mit Sorge hielt im Gleichgewicht, Ihr habt es rohen Drängens angestoßen, Es schwankt und blut'ge Todeslose fallen Aus beiden Schalen auf die bange Welt. Leiht mir nicht Eure Schuld; wenn's etwa Schuld nicht, Daß ich vertraut, und nur ein Mensch, kein Gott. Ruft mir den Kanzler!
Rumpf. Herr, er ist schon hier Und spricht im span'schen Saale zu den Ständen.
Rudolf. Die Stände, wie?
Rumpf. Die gleicherweise erschienen Von des Gerüchtes Stimmen aufgeregt. (Zu Herzog Julius.) O Herr, o Herr! Wir wissen's erst seit jetzt: Des Herrn Erzherzoges Mathias Gnaden Sind insgeheim von Brünn verrückt nach Tabor, Von wo sie nun durch Meuterer verstärkt Mit Heeresmacht heranziehn gegen Prag. Die Stadt ist in Bewegung, Manifeste Sind angeschlagen an den Straßenecken, Die von des Kaisers Hoheit ehrfurchtlos--
Rudolf. Ich weiß den Inhalt dieser Manifeste: Daß ich, ein alter Mann, an Willen schwach Entziehe mich dem Reich und seinen Sorgen; Indes mich das Gespenst der blut'gen Zukunft Verfolgt bis in mein innerstes Gemach, Und, nachts empor auf meinem Lager sitzend, Der Trommel Ruf, des Schlachtenlärms Getos Mir wachend schlägt ans Ohr, den Traum ergänzend. Dazu noch das Bewußtsein, daß im Handeln, Ob so nun oder so, der Zündstoff liegt, Der diese Mine donnernd sprengt gen Himmel. Ihr habt gehandelt, wohl! das Tor geht auf Und eine grasse Zeit hält ihren Einzug.
Was wollen sie die Stände? Weiß man es?
Rumpf. Sie tragen eine Handfest vor sich her, Von Pergament gerollt, auf einem Kissen.
Rudolf. Es ist der Majestätsbrief, den sie früher Mir vorgelegt, doch damals ich zurückwies, Berechtigung zusichernd ihrem Glauben. (Bitter.) Die Zeit scheint ihnen günstig zum Vertrag. (Die Mütze abziehend, heftig.) Allmächt'ger Gott, der du mich eingesetzt, Zu wahren deiner Ehre und der meinen, Die Doppellast sie spottet meiner Kraft Und nicht vermag ich fürder sie zu tragen. Ich stelle dir zurück was deines Reichs, Bist du der Starke doch, und was du willst Führst du zum Ziel durch unerforschte Wege. Doch was mein eignes Amt, daß diese Welt Ein Spiegel sei, ein Abbild deiner Ordnung, Daß Fried' und Eintracht wohnen brüderlich Vom Unrecht ungestört und von Verrat, Das will ich üben, stehst du, Gott, mir bei. (Er hat sein Barett wieder aufgesetzt.) Ich will hinüber zu den treuen Ständen; Treu nämlich, wenn--und ehrenhaft, obgleich-- Anhänglich auch, jedoch--wahrhaft, nur daß-- Und wie die krummen Wege alle heißen, Auf denen Selbstsucht geht und die Gemeinheit. (Er macht einige Schritte gegen die Türe, dann bleibt er stehen, mit dem Fuße stampfend.) Mich widerts an. Ich mag den Hohn nicht sehn, Die Schadenfreude auf den frechen Stirnen. Ruft sie herüber. Heißt das: einen Ausschuß Für alle führend insgesamt das Wort. Erträglich ist der Mensch als einzelner, Im Haufen steht die Tierwelt gar zu nah.
Was zögerst du? ruf sie herüber, sag ich.
(Rumpf ab.)
Nun Herzog Julius, fühlt Ihr noch die Kraft Das Schwert zu schwingen in der alten Rechte? Mich selbst befällt ein Hauch der Jugendzeit Und an der Spitze, denk ich, meiner Treuen Hinauszuziehn, um Stirne gegen Stirn Den Aufruhr zu befragen was sein Ziel. Nicht daß mich lockt die stolze Herrschermacht Und wüßt' ich Schultern die zum Tragen tüchtig, Ich schüttelte sie ab als ekle Last, Von da an erst ein Mensch und neu geboren, Doch wenn es wahr, daß Gott die Kronen gibt, Geziemt es Gott allein nur sie zu nehmen, Sie abzulegen, selbst, auch ziemt sich nicht. Wo ist mein Degen? Wolfgang! Wolfgang Rumpf! Er lehnt am Tisch zunächst an meinem Bette.
(Da Herzog Julius auf das Kabinett zugeht.)
Herr, Ihr bemüht Euch selbst? Habt Dank, o Lieber!
(Herzog Julius ins Kabinett ab.)
Rudolf (gegen den Haupteingang gewendet). Hört mich denn niemand? Sind sie schon geflohn Vom Niedergang gewendet zu dem Aufgang? Das soll sich ändern, ja es soll, es muß.
(Herzog Julius kommt zurück.)
Rudolf. Ihr bringt den Mantel auch? Habt Ihr doch recht Die Welt verlangt den Schein. Wir beide nur Wir tragen innerhalb des Kleids den Orden. (Nachdem er mit Herzog Julius Hilfe den Mantel umgehängt.) Den Degen legt nur hin! Ist doch das Eisen Fast wie der Mensch. Geschaffen um zu nützen, Wird es zur schneid'gen Wehr und trennt und spaltet Die schöne Welt und aller Wesen Einklang.
Ich höre kommen. Nun wir sind bereit, Und frommt die Milde nicht, so hilft das Schwert.
(Der Kaiser setzt sich. Mehrere böhmische Stände treten ein. Vor ihnen ein Page, der auf einem samtenen Kissen eine Pergamentrolle trägt.)
Rudolf. Fragt sie was ihr Begehr?
(Da einer vortritt.)
Rudolf. Nicht Ihr Graf Thurn! Ihr seid kein Eingeborner, seid kein Böhme, Die Lust an Unruh hat Euch hergeführt. Laßt einen andern, laßt den nächsten sprechen.
Zweiter (vortretend). Erlauchter Herr und König, gnäd'ger Kaiser, Euch ist bekannt was sich im Land begibt Und in dem Nachbarland an seinen Grenzen. Bewaffnet ziehen Scharen gegen Prag Und Eurer Hoheit Bruder heißt ihr Führer. Da ist das Volk nun mannigfach bewegt: Die einen wittern heimlich Einverständnis Mit Eurer Majestät betrauten Räten, Und meinen, wenn das fremde Heer im Land, Werd' es die Schneide kehren gegen uns, Zum Umsturz unsrer Satzungen und Rechte.
Rudolf (vor sich hinsprechend). Sehr heimlich wär' das Einverständnis, wahrlich.
Der Wortführer. Die andern wieder werden angelockt Von dem was ihnen anbeut die Empörung: Freiheit der Meinung und der Glaubensübung, Was jedem Menschen teurer als sein Selbst. Nicht wir nur sind's die diese Sprache führen, Allein das Volk--
Rudolf. Das Volk! Ei ja, das Volk! Habt ihr das Volk bedacht, wenn ihr die Zehnten, Das Herrenrecht von ihnen eingetrieben? Das Volk! Das sind die vielen leeren Nullen, Die gern sich beisetzt wer sich fühlt als Zahl, Doch wegstreicht, kommt's zum Teilen in der Rechnung. Sagt lieber, daß ihr selbst ergreift den Anlaß Mit abzuzwingen, was ich euch verweigert, Und jetzt auch weigern würde, stünde gleich Ein Mörder mit gehobnem Dolch vor mir. Doch handelt sich's von mir nicht jetzt, noch euch, Vielmehr von dem was sein muß und geschehn, Soll nicht der Grundbau jener weisen Fügung, Die Gott gesetzt und die man nennt den Staat, Im wilden Taumel auseinandergehn. Ich seh's an jener Schrift. Es ist die gleiche, Wie sie seit Monden liegt in meinem Zimmer, Gleichstellung fordernd für den neuen Glauben. Was ihr hier bittet, beut euch an der Aufruhr. Vor Irrtum kann ich länger euch nicht wahren, Aufruhr ersparen aber kann ich euch. Seid ihr zufrieden wenn ich euch verspreche, Sobald gestillt die Unruh in dem Land, Frei zu bewilligen was ihr begehrt?
Ihr schweigt. Mißtraut ihr mir?
Abgeordneter. Nicht Euch, Herr Kaiser, Dem Einfluß aber von Madrid und Rom.
Rudolf. Hätt' ich gehört auf das was dorther tönt, Wär' längst getilgt die Lehre samt den Schülern Und in Verbannung geiferte der Trotz. Ich aber duldete mit Vatermilde, Die Überzeugung ehrend selbst im Irrtum. Verfolgt ward niemand wegen seiner Meinung; Im Heer im Rate sitzen eure Jünger, (auf Herzog Julius zeigend) Selbst hier mein Freund ist euch ein Lehrgenoß. Geduldet hab ich, aber nicht gebilligt, Bestät'gen wäre billigen zugleich.
Zuckt ihr die Schulter? Nun ihr meint, das Messer Sitzt eben an der Kehle, und habt recht. Will ich vergessen nicht mein weltlich Amt, Muß ich dem Himmel überlassen seines. Gebt her die Schrift! Sie ist wohl gleichen Inhalts Mit jener frühern; doch da ihr mißtraut, Ziemt Mißtraun wohl auch mir. Gebt eure Schrift! (Die Rolle, die der Page ihm kniend darbietet, vom Kissen nehmend.) Ist's doch als ginge wild verzehrend Feuer Aus dieser Rolle, das die Welt entzündet Und jede Zukunft, bis des Himmels Quellen Mit neuer Sündflut bändigen die Glut, Und Pöbelherrschaft heißt die Überschwemmung. (Die Schrift entfaltend und lesend.) Der Eingang, wie gewöhnlich, leere Formel. Von Treu, Anhänglichkeit--Wohl Liebe gar! Drum fordert ihr auch meiner Neigung Pfänder.
(Ein Hofdiener ist unmittelbar aus der Türe links gekommen und hat sich Wolfgang Rumpf genähert, der dem Kaiser gegenüber im Vorgrunde steht.)
Diener (leise). Erzherzog Leopold aus Steiermark Sind angekommen, heimlich, unerkannt, Und wünschen augenblickliches Gehör.
Rumpf (ebenso). Es ist nicht möglich jetzt.
Diener. Sie dringen sehr.
(Da Wolfgang Rumpf einige Schritte gegen den Kaiser macht.
Rudolf. Was soll's? Jetzt ist nicht Zeit.--Was immer. Später!
(Rumpf zieht sich zurück und bedeutet dem Diener durch Zeichen, der sich entfernt.)
Rudolf (weiter lesend). Hier ist ein Punkt der neu. Der muß hinweg. Gehorsam zu verweigern gibt er euch Das ausgesprochne Recht, wird irgendwie Geordnet was entgegen eurer Satzung. Das ist der Aufruhr, ständig, als Gesetz. Bedenkt ihr auch das Beispiel das ihr gebt? Ich nicht allein bin Herr, auch ihr seid Herren, Habt Untertanen, die in eurer Pflicht; Wenn ihr mir trotzt, so drohen sie euch wieder. Erst gebt dem einzelnen, dem Unverständ'gen Ein Urteil ihr in dem, wo selbst die Weisen Verstummend stehn als an der Weisheit Grenze; Dann ruft ihr ihn vom Acker auf den Markt, Zählt seine Stimme mit und heißt ihn mehren Die Mehrzahl wider Ehrfurcht und Gesetz. Ihr stellt ihn gleich mit euch, und hofft doch künftig Als Mindern ihn zu stellen unter euch? Und wärt ihr auch so christlich mild gesinnt Im Menschen nur zu sehen euern Bruder: Seht an die Welt, die sichtbar offenkund'ge, Wie Berg und Tal und Fluß und Wiese stehn. Die Höhen, selber kahl, ziehn an die Wolken Und senden sie als Regen in das Tal, Der Wald hält ab den zehrend wilden Sturm, Die Quelle trägt nicht Frucht, doch nährt sie Früchte, Und aus dem Wechselspiel von hoch und niedrig, Von Frucht und Schutz erzeugt sich dieses Ganze, Des Grund und Recht in dem liegt, daß es ist. Zieht nicht vor das Gericht die heil'gen Bande, Die unbewußt, zugleich mit der Geburt, Erweislos weil sie selber der Erweis, Verknüpfen was das Klügeln feindlich trennt. Du ehrst den Vater,--aber er ist hart; Du liebst die Mutter,--die beschränkt und schwach, Der Bruder ist der nächste dir der Menschen, Wie sehr entfernt in Worten und in Tat; Und wenn das Herz dich zu dem Weibe zieht, So fragst du nicht ob sie der Frauen Beste, Das Mal auf ihrem Hals wird dir zum Reiz, Ein Fehler ihrer Zunge scheint Musik, Und das: ich weiß nicht was, das dich entzückt, Ist ein: ich weiß nicht was für alle andern; Du liebst, du hoffst, du glaubst. Ist doch der Glaube Nur das Gefühl der Eintracht mit dir selbst, Das Zeugnis, daß du Mensch nach beiden Seiten: Als einzeln schwach, und stark als Teil des All. Daß deine Väter glaubten was du selbst, Und deine Kinder künftig treten gleiche Pfade Das ist die Brücke die aus Menschenherzen Den unerforschten Abgrund überbaut Von dem kein Senkblei noch erforscht die Tiefe. O prüfe nicht die Stützen, beßre nicht! Dein Menschenwerk zerstört den geist'gen Halt Und deine Enkel lachen einst der Trümmer In denen deine Weisheit modernd liegt. Ist eure Satzung wahr, wird sie bestehn, Und wie das Bäumchen, das vom Stein gedrückt, Die Zweige breiten, siegend ob der Last; Allein wenn falsch, so wißt, daß seine Wurzeln Auflockern all was fest und alt und sicher. Der Zweifel zeugt den Zweifel an sich selbst, Und einmal Ehrfurcht in sich selbst gespalten, Lebt sie als Ehrsucht nur noch und als Furcht. Maßt euch nicht an zu deuteln Gottes Wahrheit.
Abgeordneter. Wir baun auf festen Boden, auf die Schrift.
Rudolf. Die Schrift? (Rasch unterschreibend.) Hier meine Unterschrift. Da ihr Den toten Zügen einer toten Hand Mehr traut als dem lebendig warmen Wort, Das von dem Mund der Liebe fortgepflanzt, Empfangen wird vom liebedurst'gen Ohr, Hier schwarz auf weiß.--Und nun noch Blut als Siegel. Blut ist das rote Wachs, das jede Lüge Zur Wahrheit stempelt; wenn von Volk zu Volk, Warum nicht auch von Fürst zu Untertan? Und nun hinaus, beweisen mit dem Schwert Was nur der Geist dem Geiste soll beweisen. Des Reiches Ehre soll und muß bestehn. Und ist das Tor dem Unheil nun geöffnet, Ist Mord und Brand geschleudert in die Welt, Dann denkt einst spät, wenn längst ich modre: Wir waren auch dabei und haben es gewollt.
(Ein ferner Kanonenschuß.)
Rudolf (zusammenfahrend). Was ist?--Mein Geist ist stark, mein Leib nur zittert. (Zu einem Diener der eingetreten ist und sich Rumpf genähert hat.) Was soll's?
Diener. Man hat den Wall am Wissehrad besetzt Und schießt auf Truppen, die der Stadt sich nahn.
Rudolf. Man soll nicht schießen!
(Neuer Kanonenschuß.)
Rudolf (mit dem Fuße stampfend). Soll nicht, sag ich euch!
Stände (die Schwerter ziehend). Mit Gut und Blut für unsern Herrn und Kaiser!
Rudolf. Da steht's vor mir! Der Mord, der Bürgerkrieg. Was ich vermieden all mein Leben lang, Es tritt vor mich am Ende meiner Tage. Es soll, es darf nicht. Steckt die Schwerter ein, Vertragt euch mit dem Feind! Und diese Handfest, Die ihr als Preis des Beistands abgetrotzt, Sei euch geschenkt.--Ihr selbst Herr Kanzler seht Was sie begehren draußen vor der Stadt. Ist es mein Bruder doch, bestimmt zu herrschen, Wenn mich der Tod, ich hoffe bald, hinwegrafft. Er übe sich vorläufig in der Kunst, Der undankbaren, ewig unerreichten, In der verkehrt was sonst den Menschen adelt: Erst der Erfolg des Wollens Wert bestimmt, Der reinste Wille wertlos--wenn erfolglos. In Böhmen aber will ich ruhig weilen Und harren bis der Herr mich zu sich ruft. (Mit einer Entlassungsbewegung gegen die Stände.) Mit Gott, ihr Herrn!
(Die Stände entfernen sich.)
Und Ihr Herr Kanzler eilt!
(Alle bis auf Herzog Julius und den Kaiser ab.)
Rudolf. So sind wir denn allein.--Ein wüstes Wort. Du tadelst mich mein Freund?
Julius. Herr, ich verehr Euch.
Rudolf. Ich bin so gut nicht als es etwa scheint-- Die andern nennen's schwach, ich nenn es gut. Denn was Entschlossenheit den Männern heißt des Staats Ist meistenfalls Gewissenlosigkeit Hochmut und Leichtsinn, der allein nur sich Und nicht das Schicksal hat im Aug' der andern; Indes der gute Mann auf hoher Stelle Erzittert vor den Folgen seiner Tat, Die als die Wirkung eines Federstrichs Glück oder Unglück forterbt späten Enkeln. Ich aber bin so gut nicht als du glaubst. In diesen Adern sträubt sich noch der Herrscher Und Zorn und Rachsucht glüht in meiner Brust. Zu züchtigen die sich an mir vergessen, Die schwach mich nennen, schwächer weit als ich; Die alte Brust zu schnüren noch in Erz Und in dem Glanz verletzter Majestät Genüber mich zu stellen den Verrätern, Ob sich ihr Aug' empor zu meinem wagt. Und war ein Funke Glut in diesen Männern, Die sich Vertreter nennen eines Volks, War irgend etwas nur in ihrem Blick, Das mehr als Eigennutz und Schadenfreude, Ich stünde jetzt mit ihnen drauß im Feld Und tötete mit Blicken den Verrat.
(Die Seitentüre links öffnet sich, Erzherzog Leopold in einen dunkeln Mantel gehüllt, tritt heraus.)