Chapter 3
Max. Der Teppich grün, ah, so bin ich's gewohnt. An einem roten Tisch fiel' mir nichts ein, Ein blaubehangner führte grad ins Tollhaus, Doch grün, das stärkt das Aug' und den Verstand. Kommt sitzen denn ihr Herrn! (Leise zu Mathias.) Doch hier ist einer, Der überlei mir dünkt in unserm Rat.
Klesel (zu Mathias). Befehlt Ihr irgend noch, erlauchter Herr, Sonst, mit Erlaubnis, zieh ich mich zurück Max. Bleibt immer denn, und führt das Protokoll! Man spricht sonst her und hin und weiß zuletzt Nicht ja, noch nein und wer und was gesprochen. (Zu den übrigen.) Geht sitzen, sitzen! Kommt! (Kleseln das Ende rechts am Tische anweisend.) Hier Euer Platz! Doch mir zulieb, sprecht erst wenn man Euch fragt. Nun Leopold?
Leopold (am Ende links). Ihr wißt, ich stehe gern.
Max. Ich weiß, ich weiß! In Gräz vorm Bäckerladen Hast du gestanden, eisern, stundenlang, Bis sich die holde Mehlverwandlerin Am Fenster, günstig, eine Venus, zeigte.
Leopold. Ein Stadtgeklatsch.
Max. Es klatschte wie von Küssen, Und niemand wußt' es als die ganze Stadt. (Zu Klesel.) Tunkt Ihr die Feder ein? Ihr werdet doch nicht Das alles setzen schon ins Protokoll? Seht nur, er mahnt uns Klügeres zu sprechen Und er hat recht, nun also denn: zur Sache. Komm sitzen, Leopold!
Leopold. Nicht bis ich weiß: Ob mit des Kaisers Willen, ob entgegen Wir uns vereinen hier zu Spruch und Rat.
Mathias (nach einer Pause). Sagt etwas, Klesel!
Klesel. Wenn ich also darf: Es will gewiß der Mensch sein eignes Bestes. Wird nun des Kaisers Bestes hier beraten, Kann man noch zweifeln, ob es auch sein Wille?
Leopold. Ich aber will nur was ich selber will, Und Herrscher heißt wer herrscht nach eignen Willen.
Mathias. Man merkt es wohl, Ihr sucht des Kaisers Gunst
Leopold. Wer sie nicht wünscht ist nicht sein Untertan.
Mathias. Doch hängt ein Nebenvorteil manchmal noch Der Demut an, die nur Gehorsam schien.
Ferdinand. Komm Bruder Leopold, es soll nicht heißen, Daß wir aus Gräz Gerüchten Nahrung geben, Die Erberschleichung gegen das Gesetz Auf unsers Hauses Wappenmantel spritzen.
Leopold. So will ich hören denn, doch sitzen nicht.
Mathias. Wie's Euch beliebt.
Max. Nun also denn: was soll's?
(Da Klesel nach einer Schrift in seinem Busen greift.)
Max. Laßt stecken, Herr, wir wissen was Ihr bringt: Ein künstlich ausgefeilt Elaborat Das uns den Frieden mit den Türken soll Als rätlich, nötig, unerläßlich schildern. Ihr seid der Widerhall von Euerm Herrn, Wenn nicht vielmehr das Echo er von Euch. Und deshalb ohne Vorwort zur Beratung. Der Friede wäre gut, allein der Kaiser, Des Landes Haupt und Herr, er will ihn nicht. Nebstdem, daß unter solchen Schmeichelhüllen Ein Anschlag, meint man, andrer Art sich birgt. (Zu Klesel.) Ich will Euch schelten, Herr, drum hieß ich Euch Hier sitzen unter uns; da Bruderliebe Und Fürstenachtung mir nicht will gestatten Zu schelten meinen Bruder, Euern Herrn. Die Stände, sagt man, protestant'schen Glaubens Aus Österreich verkehren still mit Euch, Und als den Preis der Sichrung vor den Türken Nebst Zugeständnis ihrer Glaubensübung, Verspricht man einem Fürsten unsers Hauses, Den ich nicht kennen will, nicht nennen mag, Ein neuerdachtes Schützeramt zu gründen Halb abgesondert von dem Stamm des Reichs. Ihr seht, was Ihr gesponnen kam ans Licht. Seid noch Ihr für den Frieden?
Klesel. Durchlaucht ja. Wenn diesmal auch Verleumdung wahr gesprochen, Was gut bleibt gut, wär' auch der Geber schlimm.
Max. Und Bruder du?--Allein was frag ich noch (auf Klesel zeigend) Hat dieser deine Meinung doch gesprochen.
Mathias. Glaubst du? (Zu Klesel.) Sagt Eure Meinung noch einmal.
Klesel. Den Frieden, hoher Herr.
Mathias. Und ich den Krieg. Ich bin beschimpft im Angesicht der Welt. Die Ehre unsrer Waffen stell ich her, Dann mag die Klugheit und die Furcht beraten.
Max. Nun Bruder sei nicht kindisch, möcht' ich sagen. Hoffst du, geschlagen mit dem ganzen Heer, Nun, mit dem halben, Sieg dir zu erringen? Von hier bis Wien ist nirgends eine Stellung, Die Mauern Wiens verfallen, ungebessert, Ein Wandelgang für friedliche Bewohner, Nicht eine Abwehr gegen solchen Feind.
Klesel (die Feder eintauchend, eifrig). So seid Ihr für den Frieden?
Max. Ich? Bewahr!
Klesel. Doch spracht entgegen Ihr dem Krieg.
Max. Ei, laßt mich!
Ferdinand (zu Mathias). Wozu noch kommt, daß es mich heidnisch dünkt, Für Kriegesruhm und weltlich eitle Ehre, Das Wohl des Lands, der ganzen Christenheit Zu setzen auf ein trügerisches Spiel.
Leopold. Fernand, sie haben dich.
Ferdinand. Was fällt dir ein?
Leopold. Wer billigt, der bewilligt wohl zuletzt.
Ferdinand (fortfahrend). Auch sind im Heer beinah nur Protestanten, Und wo der Glaube fehlt, wo bleibt die Hoffnung?
Klesel (zu Mathias). Beliebt's Euch hoher Herr?
Mathias. Was das betrifft, So weiß ich keinen gläubiger als mich. Doch ist das Land, sind seine höchsten Stellen Mit diesen Protestanten dicht besetzt. Muß ich sie schonen nicht, will ich sie brauchen? Muß ich sie brauchen nicht, wenn zwingt die Not? Und sag ich's nur: die Fähigsten, die Kühnsten, Die Ketzer sind's, ich weiß nicht wie es kommt.
Klesel (auf sein Papier herabgebeugt, wie vor sich). Der Krieg ist dieser Spaltung Keim und Wurzel.
Ferdinand (auf Klesel). Da spracht Ihr wahr, wenn irgend jemals sonst! Weil Ruhe war in meiner Steiermark, Weil ich bei Ketzern brauchte nicht zu betteln, Gelang's mir ihre Rotte zu zerstreun; Und deshalb, wäre nicht des Kaisers Wille, Stimmt' ich in Euern Antrag freudig ein. Doch gäb' es einen Ausweg, wie mir deucht, Der Krieg und Frieden gleicherweis vereint: Den Waffenstillstand--(Zu Klesel.) Schüttelt Ihr den Kopf?
Mathias. Und soll er nicht, solang sein Kopf ihm eigen? Glaubt ihr, der Türke werde müßig gehn, Für Waffenruh' und solchen armen Tand, Des Vorteils sich begeben, der ihm lacht? --Wenn er im Vorteil ja, wie's wirklich scheint.-- Das ist der Fluch von unserm edeln Haus: Auf halben Wegen und zu halber Tat Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben. Ja oder nein, hier ist kein Mittelweg.
Ferdinand. Wenn man uns drängt, das ist nicht Brauch noch Sitte.
Mathias. Es drängt die Zeit; wir selbst sind die Bedrängten.
Ferdinand. Und kennt man die Bedingungen des Feinds?
Klesel (den Stuhl rückend). Das ist zu wissen leicht aus erster Quelle. Des Ofner Bassa Sekretär und Dolmetsch Ist hier im Lager; wenn Ihr es gestattet, Führ ich ihn her, hört selbst dann was er bringt.
Max. Mir ist gemein nichts mit den grimmen Türken.
Ferdinand (heftig). Weiß sonst man irgend, frag ich noch einmal, Die Punkte die der Heide nimmt und gibt.
Klesel. Der Stand wie vor dem Krieg.
Max. Das wäre billig.
Leopold. Halt aus, Fernand, halt aus! Kehr ruhig heim. Ich bleibe hier; wär's als gemeiner Reiter, Wär's auf den Trümmern des zerstörten Wiens, Durch Blut und Krieg mit allen seinen Schrecken, Zu fechten für des Kaisers Macht und Willen.
Ferdinand (sich mit Abscheu von ihm wendend). Nun Frieden also denn!
Leopold. Fernand auch du?
Ferdinand. Fragst du mich noch, der du mich selber zwingst, Mir schildernd alle Greuel des Verweigerns?
Klesel (ruhig zu Mathias). Ihr seid für Krieg?
Mathias. Wenn man mich überstimmt!
Leopold. Hier ist noch einer. Ohm, wir sind zu zwei.
Mathias. Gerade deshalb Frieden auch.
Max. Wir sind zu Ende.
Klesel. Vorerst erlaubt, daß mit zwei Worten nur, Dem Pfortendolmetsch, der im Lager harrt, Den Ratschluß ich verkünde samt dem Frieden.
Ferdinand. Warum so rasch?
Klesel. Wir haben dann was Ihr In Eurer Weisheit wünschenswert erachtet: Stillstand der Waffen. Denn, o Herr bedenkt! Benützt der Türke seinen jetz'gen Vorteil Und schneidet ab das Heer im Rücken gar, So steigert er, befürcht ich, seine Fordrung Und unsre Opfer steigern sich zugleich.
Max. Schreibt immer denn!
Ferdinand. In mir ringt's wirren Zweifels. Was gäb' ich nicht wär' mir der Schritt erspart.
Max. Zuletzt hat unser Bruder jüngster Zeit So sehr sich von Geschäften rückgezogen Und aufgeschoben was doch unverschieblich, Daß ihm ein milder Zwang vielleicht erwünscht.
Leopold. Ihr werdet sehen was Ihr angerichtet.
(Klesel klingelt, ein Diener erscheint.)
Klesel (den gefalteten Zettel übergebend). Des Ofner Bassa Sekretär. Sogleich!
(Diener ab.)
Max. Noch einmal sag ich denn: wir sind zu Ende.
Klesel. Nicht ganz, erlauchte Herrn! (Aufstehend.) Wenn ich bisher Nur auf Erlaubnis sprach und wider Willen, Tret ich nun auf in meinem eignen Amt, Als Seelenhirt, als Redner für ein Volk Und als Vertreter unsers heil'gen Glaubens. Dieselbe Stimme, die in Wien und Neustadt Zu Tausenden bekehrt mit ihrer Macht Erheb ich nun mit gleichem Feuereifer Im Angesicht der Gegenwart und Zukunft. Ihr schloßt den Frieden edle Herrn, allein Wenn ihn, gesetzt, der Kaiser nun verwirft?
Max. Er wird es nicht.
Leopold. Er wird's.
Klesel (zu Leopold höhnisch). Ihr habt's getroffen Und kennt, so scheint's, des Kaisers tiefste Meinung.
(Mathias will auffahren, Klesel hält ihn mit einer Handbewegung zurück.)
Ferdinand. Das sagt Ihr uns, nachdem der Bote fort, Der unser Wort verpfändet an den Türken?
Klesel. Die Not erkennend schloßt Ihr den Vertrag, Doch erst gehalten sind Verträge wirklich. Wenn nun der Kaiser Euern Schluß verwirft?
Max. Dann waschen wir in Unschuld unsre Hände.
Klesel. Das wäre Unschuld schlimmer noch als Schuld. Dies edle Land, es darf nicht untergehn Und alles was dem Menschen hoch und heilig Nicht von dem Überdruß, den Wechsellaunen Und der Entfernung zwischen Prag und Wien Abhängig sein zu drohendem Verderben. Am heut'gen Tag, vertragend mit dem Feind, --Obgleich vorläufig nur, auf spätern Abschluß-- Erkanntet in Euch selber Ihr die Macht Zu sorgen für des Vaterlandes Beste. Doch nicht der Kaiser nur ist wankelmütig, Der Türk' ist treulos, als ein Heide schon, Im ganzen Reich der fernen Möglichkeiten Ist nichts als Zweifel, Arglist und Gefahr. Ihr könnt nicht immer hier zu Rate sitzen, Deshalb ist nötig, daß für alle einer Mit Macht bekleidet, wenns die Not erheischt, Zu handeln als des Hauses Hort und Säule.
Leopold. Er spricht für seinen Herrn.
Klesel. Diesmal nicht also! Befragt Ihr mich, wen ich vor allen liebe, Wen ich an Tapferkeit, an hohem Sinn, Voran den Fürsten mancher Länder setze, So ist die Antwort: ihn dort, meinen Herrn. Allein zu solchem Amt fehlt ihm die Festigkeit, Nicht Kraft, doch das Beharren im Entschluß.
Mathias (zornig). Ich will Euch zeigen, ob ich fest, ob nicht.
Klesel. Auch hat man uns geheimes Einverständnis Mit Ketzern, Unzufriednen Schuld gegeben, Das darf nicht sein bei anvertrauter Macht. Erzherzog Maximilian wäre rein.
Max. Ich bin entwohnt des Wirkens und Befehlens, Mich träfe ganz was meinen Bruder halb.
Klesel. Nun denn: ein Muster hier der Festigkeit, Der Herr der Steiermark, der, rascher Tat, Die Ketzerei getilgt in seinem Land.
Mathias. Was fällt Euch ein? Ist Euch denn nicht bekannt, Daß diese Gräzer um des Kaisers Gunst, Mit Hoffnung wohl zu folgen auf dem Thron, Der eine laut, der andre leise buhlen?
Ferdinand (zu Klesel). Auch, habt gerühmt Ihr meine Festigkeit, Vergaßt Ihr ihre Wurzel: das Gewissen; Das eine Beugung etwa mir erlaubt Zu gutem Zweck, wie etwa heut und jetzt; Doch Übertretung, förmliche Verletzung Mir nicht gestattet, gält' es eine Krone. Mathias ist des Hauses Ältester, Tut not denn übertragene Gewalt, Wie es fast scheint, so sei sie ihm vertraut.
Mathias. Ja mir gebührt's vor allen und mit Recht.
Klesel (ein Papier aus dem Busen ziehend). Da braucht es nur noch Eure Unterschrift.
Leopold. Seht Ihr den Schalk? er hat's schon in der Tasche.
Klesel. Die Vollmacht ja, allein der Name fehlt. (Die Schrift hinhaltend.) Er blieb hier weiß.
Ferdinand (zu Max). Wenn's Oheim Euch genehm.
(Sie lesen die Schrift.)
Leopold. Schreibt nur Rudolphus, so bleibt's nach wie vor. Ihr habt uns hier am Narrenseil geleitet, Ich geh nach Prag und zeig's dem Kaiser an.
Mathias. Das dürft Ihr nicht.
Klesel (demütig). Herr, das war die Bedingung: Geheimzuhalten was beschloß der Rat.
Leopold (sein Wehrgehäng zurechtrichtend). So will ich nur im offnen und geheimen Den Kaiser schützen, den Ihr doch bedroht.
Ferdinand. Ich setze denn Mathias.
Max. Immerhin.
Ferdinand (unterzeichnend). Und hier die Unterschrift.
Max (ebenso). Sowie die meine.
Ferdinand (der aufgestanden ist). Wenn ich betrachte dieses Unglücksblatt So geht's durch meine Seele wie Verderben.
Klesel. Sie liegt noch hier; es braucht nur sie zerreißen, So stehen wir auf gleichem Platz wie vor.
Ferdinand. Ich fühle wohl, es muß. Komm Leupold mit nach Gräz, Es drängt mich mein Gewissen auszuschütten Vor dem der seine Zweifel kennt und löst.
Max (aufstehend). Es ist geschehn. Nun Bruder aber höre: Sei fest und treu! Vor allem aber wisse: Warst eines Sinnes du mit diesem Mann (auf Klesel zeigend) Ich hätte die Gewalt dir nicht gegeben. Drum brauch ihn, er ist klug, doch hüte dich.
Mathias (streng). Ich werde wohl, und hab ihn heut erkannt.
Ferdinand. Vielmehr begehr ich, daß Ihr ihn gebraucht, Er ist ein Eifrer für die fromme Sach.
Leopold. Du zitterst ja!
Ferdinand. Laß nur, es geht vorüber.
Leopold. Wir haben keinen guten Kampf gekämpft.
Mathias. Wollt ihr schon fort?
Max. Laß uns! wir sind betrübt. Und ohne Abschied denn!--Geht ihr?
Ferdinand. Leopold. Wir folgen.
Mathias. Zur Kutsche wenigstens nehmt das Geleit. Auf bald'ges, frohes Wiedersehn.
Die Erzherzoge. Wir hoffen's.
(Sie gehen, von Mathias geleitet.)
Klesel. Nun rasch ans Werk! Vor allem die Depeschen. (Er setzt sich und schreibt.)
Mathias (zurückkommend). Wie, du noch hier? Du trittst vor meine Augen, Nachdem du erst gesprochen wider mich?
Klesel (aufstehend). Herr, wider Euch? für Euch! Ihr habt die Schrift, Die Euch zum Herren macht in diesem Land.
(Da Mathias zu ihm tritt.)
Wenn Ihr mich stört such anderwärts ich Ruh'. Es gilt zu schreiben, schreiben, rasch und viel. Und diese Schrift, Ihr sollt mir sie noch küssen, Wie ich sie küsse jetzt. Wir sind geborgen.
(Er tritt ins Innere des Zeltes, dessen Vorhänge er herabläßt.)
Mathias. Er ist ein Rätsel was er tut und spricht Und seine Rede streitet mit ihm selber.-- Nun ja, die Schrift (Freudig auffahrend.) He Klesel, Klesel höre! (Er tritt an den Vorhang.) Er gibt nicht Antwort. Laß ich ihn denn jetzt! Ein Meer von Bildern schwimmt vor meiner Seele.
(Auf die Seitentüre zugehend bleibt er stehen, als ob er umkehren wollte, geht aber nach einigem Besinnen ab.)
Gegend in der Nähe des kaiserlichen Lagers.
Abenddämmerung. Man hört einige Flintenschüsse hinter der Szene. Prokop, ein bloßes Schwert in der Hand, kommt mit seiner Tochter.
Prokop. Komm meine Tochter, noch hält dieser Arm Und fühlt sich stark genug dich zu verteid'gen.
(Zwei kaiserliche Soldaten folgen.)
Erster. Gebt Euch, sag ich, Ihr lebtet längst nicht mehr, Wär' nicht die Furcht das Mädchen zu verletzen.
Prokop (rufend). Janek! Basil!
Zweiter. Die hörten auf zu hören. Ihr seid der einzig Lebende, drum hört!
Prokop. So will ich sterben denn, mein Kind verteid'gend. Allein was wird aus ihr, wenn ich erlag.
Erster. Das eben, Herr, bedenkt und weicht der Not Sonst eins, zwei, drei, und Euer Tag ist aus.
(Sie nähern sich ihm.)
Prokop. Lebt denn kein Retter mehr im weiten All? Kein Helfer, der bedrängte Unschuld schirmt?
(Trompeten in der Nähe.)
Prokop. Hört ihr?
(Ein dritter Soldat kommt.)
Erster. Was ist?
Dritter. Die Herrn Erzherzoge, Die, stark begleitet, aus dem Lager kehren, Ein Unstern führt sie eben hier vorbei. Wir sind zu schwach, entflieht!
Erster. Ich werde wohl! Der Lohn, zum Glück, ward vorhinein bezahlt.
(Sie ziehen sich zurück.)
Prokop. Wir sind gerettet Kind! Lukrezia hörst du?
(Erzherzog Leopold und Oberst Ramee kommen mit Begleitung, die bloßen Schwerter in der Hand.)
Leopold. Nicht Türken sind's, des eignen Lagers Auswurf, Zu Brudermord gezückt das feige Schwert. Verfolgt sie, gebt dem Henker seine Beute!
(Ramee und einige in der Richtung der Flüchtigen, ab.)
Leopold. Und wer seid Ihr?
(Erzherzog Ferdinand mit Dienern und Fackeln ist gekommen.)
Prokop (gegen Ferdinand gewendet). Ein Bürger, Herr, von Prag, Mit seiner Tochter, die Euch dankt die Rettung. Ein Mächtiger am Hof verfolgte sie; Deshalb nun wollt' ich sie nach Dukla bringen Zu einer Tante, die dort lebt im Schloß. Allein der Kriegslärm, damals weit entfernt, Er überholte uns auf unsrer Reise. Seitdem nun irren wir auf Seitenwegen Und hofften in dem Christenlager Schutz.
Leopold (Lukrezias Hand fassend). Erholt Euch, schönes Kind.
Lukrezia (die Hand zurückziehend). Nicht schön, doch ehrbar.
(Ramee und seine Begleiter kommen mit einem in einen dunkeln Mantel Verhüllten zurück.)
Ramee. Den einz'gen nur gelang es zu ereilen.
Leopold. Verhüllt Ihr Euch? Es ist nicht Fastnachtzeit! Die Fackel her!
(Ein Diener leuchtet hin.)
Lukrezia. O Gott, er ist's.
Erzherzog Ferdinand. Don Cäsar!
Prokop. Derselbe den wir flohn.
Ferdinand. Wie kommt Ihr hieher?
Don Cäsar. Fragt nicht und laßt mich frei.
Ferdinand. Nicht also, Freund! Der Kaiser will Euch gern in seiner Nähe, Und Ihr bedürft, so seh ich, strenger Hut. (Zu einem Befehlshaber.) Geleitet ihn mit Eurer Schar von Reitern Und sagt dem Kaiser, wenn ihr kommt nach Prag-- Allein das tu ich selbst, wenn's an der Zeit. Geht nur! Ihr haftet mir für seine Stellung.
(Don Cäsar wird fortgebracht.)
Prokop. Allein was wird aus uns?
Erzherzog Ferdinand. Schließt Euch nur an, Bis Ihr die Grenze habt erreicht von Mähren, Wo sicher Euer Weg.
Prokop. Nehmt tausend Dank. Komm nur mein Kind! (Nach Don Cäsar hinweisend.) Er kann nicht weiter schaden.
(Ab mit Lukrezia.)
Leopold. Nun, Bruder, sieh, wir taten doch ein Gutes.
Ferdinand. Nachdem wir Schlimmes erst, ich fühl's, getan.
Leopold. Sei nicht betrübt, es findet sich noch alles. Was halb du weißt und halb ich dir verschwieg: Das Heer in Passau, das ich, andern Vorwands, Seit lange werb, es stellt die Waage gleich Und gibt dem Kaiser wieder seine Rechte.
Ferdinand (die Arme auf seine Schultern legend). Nichts Unvorsichtiges mein Freund und Bruder!
Leopold (während Ferdinand sich auf ihn stützt). Voraussicht ist ja Vorsicht, oder nicht? Die Klugheit gibt nur Rat, die Tat entscheidet. Es soll sich alles noch zum Guten wenden.
(Indem sie abgehen, fällt der Vorhang.)
Dritter Aufzug
Zimmer im Schlosse auf dem Hradschin. Rechts im Hintergrunde eine türförmige Öffnung, in der ein Schmelztiegel auf einem chemischen Ofen steht. Daneben der Haupteingang.
Kaiser Rudolf kommt aus einer Seitentüre rechts.
Rudolf. He Martin, Martin! Plagt dich denn der Böse? Ist alles denn verworren und verkehrt? Es fehlt an Kohlen, Kohlen.
(Ein Mann in berußter Jacke und Mütze, einen Korb Kohlen am Arme, ist eingetreten.)
Rudolf. Träger Zaudrer! Besorgt denselben Dienst seit dreißig Jahren Und gafft und glotzt als wär's zum erstenmal.
(Der Mann beschäftigt sich im Hintergrunde.)
Wo schüttest du die Kohlen hin? Carajo! Scheint's doch du willst mir die Retorte füllen Und nicht den Herd. Verwünschter Schlingel! Bist du bezahlt zu Tode mich zu ärgern?
Der Mann (nach vorn kommend, seine Mütze abnehmend und sich auf ein Knie niederlassend). Verzeiht, o Herr, ich bin's nur nicht gewohnt.
Rudolf. Du bist nicht Martin!--Fuego de Dios!
(Der Mann hat auch das Wams geöffnet.)
Rudolf. Ah--Herzog Julius von Braunschweig Liebden! Wie kommt Ihr her? und doch zumeist (Mißtrauisch mehrere Schritte zurücktretend.) Was wollt Ihr?
Herzog Julius. Seit vierzehn Tagen such ich Audienz Und konnte nun und nimmer sie erhalten, Da griff ich in der Not zu dieser List. Verzeiht dem Treuen der es gut gemeint.
Rudolf. Ha, ha, ha, ha! Kein übler Spaß! Steht auf! Ihr könnt nun wenigstens dem Volk bestätigen, Daß ich noch lebe, was man, heißt's, bezweifelt.
Julius (der aufgestanden ist). Bezweifelt, und mit Recht.
Rudolf. Ja alter Freund, Damit ich lebe muß ich mich begraben, Ich wäre tot, lebt' ich mit dieser Welt. Und daß ich lebe ist vonnöten Freund. Ich bin das Band, das diese Garbe hält, Unfruchtbar selbst, doch nötig, weil es bindet.
Julius (der den Kittel ausgezogen und auf einen Stuhl gelegt hat). Doch wird das Band nun locker, Majestät?
Rudolf. Mein Name herrscht, das ist zur Zeit genug. Glaubst: in Voraussicht lauter Herrschergrößen Ward Erbrecht eingeführt in Reich und Staat? Vielmehr nur: weil ein Mittelpunkt vonnöten, Um den sich alles schart was Gut und Recht Und widersteht dem Falschen und dem Schlimmen, Hat in der Zukunft zweifelhaftes Reich Den Samen man geworfen einer Ernte, Die manchmal gut und vielmal wieder spärlich. Zudem gibt's Lagen wo ein Schritt voraus Und einer rückwärts gleicherweis' verderblich. Da hält man sich denn ruhig und erwartet Bis frei der Weg, den Gott dem Rechten ebnet.
Julius. Doch wenn Ihr ruht, ruhn deshalb auch die andern?
Rudolf. Sie regen sich, doch immerdar im Kreis. Die Zeit hat keine Männer, Freund wie Feind.
Julius. Allein der Krieg in Ungarn?
Rudolf. Der ist gut. Den Krieg, ich haß ihn als der Menschheit Brandmal Und einen Tropfen meines Blutes gäb' ich Für jede Träne, die sein Schwert erpreßt; Allein der Krieg in Ungarn der ist gut. Er hält zurück die streitenden Parteien, Die sich zerfleischen in der Meinung schon. Die Türkenfurcht bezähmt den Lutheraner, Der Aufruhr sinnt in Taten wie im Wort, Sie schreckt den Eifrer meines eignen Glaubens, Der seinen Haß andichtet seinem Gott. Fluch jedem Krieg! Doch besser mit den Türken, Als Bürgerkrieg, als Glaubens-, Meinungsschlachten. Hat erst der Eifer sich im Stehn gekühlt, Die Meinung sich gelöst ins eigne Nichts, Dann ist es Zeit zum Frieden, dann mein Freund, Soll grünen er auf unsern lichten Gräbern.
Julius. Allein der Friede ward geschlossen.
Rudolf. Ward. Ich weiß, doch nicht bestätiget von mir, Und also ist es Krieg bis Gott ihn schlichtet. Doch daß ich nicht auf Zwist und Streit gestellt-- Siehst du? ich schmelze Gold in jenem Tiegel. Weißt du wozu?--Es hört uns niemand mein ich.-- Ich hab erdacht im Sinn mir einen Orden, Den nicht Geburt und nicht das Schwert verleiht, Und Friedensritter soll die Schar mir heißen. Die wähl ich aus den Besten aller Länder, Aus Männern, die nicht dienstbar ihrem Selbst, Nein, ihrer Brüder Not und bitterm Leiden; Auf daß sie weithin durch die Welt zerstreut, Entgegentreten fernher jedem Zwist, Den Ländergier und was sie nennen: Ehre, Durch alle Staaten sät der Christenheit, Ein heimliches Gericht des offnen Rechts. Dann mag der Türke dräun, wir drohn ihm wieder. Nicht außen auf der Brust trägt man das Zeichen, Nein innen wo der Herzschlag es erwärmt, Es sich belebt am Puls des tiefsten Lebens. Mach auf dein Kleid!--Wir sind noch unbemerkt. (Er hat aus der Schublade des Tisches eine Kette mit daranhängender Schaumünze hervorgezogen.) Der Wahlspruch heißt: Nicht ich, nur Gott.--Sprich's nach!
Julius (der sein Kleid geöffnet und sich auf ein Knie niedergelassen hat). Nun denn. Nicht ich, nur Gott--und Ihr!
Rudolf. Nein wörtlich.
Julius. Nicht ich, nur Gott.
Rudolf (nachdem er ihm die Kette umgehangen). Nun aber schließ die Hülle, Daß niemand es erblickt. Du bist ein Ketzer, Allein ein Ehrenmann. So sei geehrt.
Julius (der aufgestanden ist). O Herr, wenn Ihr dem Andersmeinenden, Ihr mir die Huld verleiht, die mich beglückt, Warum versöhnt Ihr nicht den Streit der Meinung Und gebt dem Glauben seinen Wert: die Freiheit, Euch selbst befreiend so zu voller Macht?