Ein Bruderzwist in Habsburg

Chapter 2

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Rudolf (auffahrend). Für Schein? für Schein? So kennst du diese Kunst, --Wenn's eine Kunst--daß du so hart sie schmähst? Glaubst du, es gäb' ein Sandkorn in der Welt, Das nicht gebunden an die ew'ge Kette Von Wirksamkeit, von Einflug und Erfolg? Und jene Lichter wären Pfennigkerzen Zu leuchten trunknen Bettlern in der Nacht?

Ich glaub an Gott und nicht an jene Sterne, Doch jene Sterne auch sie sind von Gott. Die ersten Werke seiner Hand, in denen Er seiner Schöpfung Abriß niederlegte, Da sie und er nur in der wüsten Welt. Und hätt' es später nicht dem Herrn gefallen, Den Menschen hinzusetzen, das Geschöpf, Es wären keine Zeugen seines Waltens, Als jene hellen Boten in der Nacht. Der Mensch fiel ab von ihm, sie aber nicht, Wie eine Lämmerherde ihrem Hirten, So folgen sie gelehrig seinem Ruf So heut als morgen wie am ersten Tag. Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein, In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht. Und wer's verstünde still zu sein wie sie, Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd, Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr, Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund, Die durch die Welten geht aus Gottes Munde. Fragst aber du: ob sie mir selber kund, Die hohe Wahrheit aus der Wesen Munde? So sag ich: nein, und aber, wieder: nein. Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann, Der Dinge tiefster Kern ist mir verschlossen. Doch ward mir Fleiß und noch ein andres: Ehrfurcht Für das daß andre mächtig und ich nicht.

Wenn aber, ob nur Schüler, Meister nicht, Ich gerne weile in den lichten Räumen; Kennst du das Wörtlein: Ordnung, junger Mann? Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus, Hier unten eitle Willkür und Verwirrung. Macht mich zum Wächter auf dem Turm bei Nacht, Daß ich erwarte meine hellen Sterne, Belausche das verständ'ge Augenwinken Mit dem sie stehn um ihres Meisters Thron.-- (Immer leiser sprechend.) Wenn nun der Herr die Uhr rückt seiner Zeit, Die Ewigkeit in jedem Glockenschlag Für die das Oben und das Unten gleich Ins Brautgemach--des Weltbaus Kräfte eilen --Gebunden--in der Strahlen Konjunktur-- Und der Malefikus--das böse Trachten--

(Er verstummt allmählich. Sein Haupt sinkt auf die Brust. Pause. Erzherzog Ferdinand tritt ihm, besorgt, einen Schritt näher.)

Rudolf (emporfahrend). Ist jemand hier?--Ja so!--Was soll's?-- Ihr spracht von meinem Bruder, von Mathias. Ich seh es ist ein Plan. Was also will man? Warum verließ er seinen Bann zu Linz?

Erzherzog Ferdinand. Und wenn's der Wunsch nach Tätigkeit nur wäre?

Rudolf. Nach Tätigkeit? Ist er denn tätig nicht? Er reitet, rennt und ficht. Wir beide haben Von unserm Vater Tatkraft nicht geerbt, --Allein ich weiß es, und er weiß es nicht. Was also noch? Zum mindsten will ich zeigen, Daß nicht der Sterne Drohn, daß euer Trachten, Die Heimlichkeit der nahverwandten Brust, Mir Mißtraun gab und gibt.--Die Klugheit riete, Zu halten ihn in heilsamer Entfernung, Allein ihr wollt's. Was also soll's mit ihm?

Erzherzog Ferdinand. Er wünschte--

Rudolf. Nun?

Erzherzog Ferdinand. In Ungarn ein Kommando.

Rudolf. Hat er schon je, und wo hat er gesiegt? Zwar ist der Mansfeld dort, ein tücht'ger Degen, Der gönnt ihm gern die Ehre des Befehls Und tut die Pflichten selbst. Schickt ihn denn hin! Doch heißt ihn zügeln seine Tätigkeit; Er füge sich des Feldherrn beßrer Einsicht. Auch sind der Krieger dort, der Führer viel, Die zugetan der neuen Glaubensmeinung. Es ist jetzt nicht die Zeit, noch da der Ort Zu streiten für die Wahrheit einer Lehre.

(Da Erzherzog Ferdinand zurücktritt.)

Rudolf. Was ist? Was geht Ihr fort?

Erzherzog Ferdinand. Nicht anzuhören, Wie Östreichs Haupt, wie Deutschlands Herr und Kaiser Das Wort führt den Abtrünnigen vom Glauben.

Rudolf. Das Wort führt, ich? Kommt Euch die Lust zu scherzen? Allein wer wagt's, in dieser trüben Zeit Den vielverschlungnen Knoten der Verwirrung Zu lösen eines Streichs.

Erzherzog Ferdinand. Wer's wagte? Ich!

Rudolf. Das spricht sich gut.

Erzherzog Ferdinand. Nur das? Es ist geschehn. In Steyer mindestens, in Krain und Kärnten Ist ausgetilgt der Keim der Ketzerei. An einem Tag auf fürstlichen Befehl Bekehrten sich an sechzigtausend Seelen Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus.

Rudolf. Und ohne mich zu fragen?

Erzherzog Ferdinand. Herr, ich schrieb So wiederholt als dringend, aber fruchtlos.

Rudolf (die auf dem Tische liegenden Papiere untereinanderschiebend). Es ist hier wohl Verwirrung oft mit Schriften.

Erzherzog Ferdinand. Da schritt ich denn zur Tat, dem besten Rat. Mein Land ist rein, o wär' es auch das Eure!

Rudolf. Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus? Mit Weib und Kind? Die Nächte sind schon kühl.

Erzherzog Ferdinand. Durch Drangsal, Herr, und Schmerz erzieht uns Gott.

Rudolf. Und das im selben Augenblick wo du Die Sachsenfürstin freist, die Protestantin?

Erzherzog Ferdinand. Gott gab mir Kraft die Neigung zu besiegen, Wenn Ihr's erlaubt, so steh ich ab von ihr Und werbe um des Baierherzogs Tochter.

Rudolf. Sie ist nicht schön.

Erzherzog Ferdinand. Ihr Herz ist schön vor Gott.

Rudolf (eine Gebärde des Schielgewachsenseins machend). Beinah--

Erzherzog Ferdinand. Gerad ihr Sinn, ihr Wandel und ihr Glauben.

Rudolf. Nun, ich bewundre Euch.--Weis deine Hände! Ist das hier Fleisch? lebendig, wahres Fleisch? Und fließt hier Blut in diesen bleichen Adern? Freit eine andre als er meint und liebt-- Mit Weib und Kind, bei zwanzigtausend Mann, In kalten Herbstesnächten, frierend, darbend! Mir kommt ein Grauen an. Sind hier nicht Menschen? Ich will bei Menschen sein. Herbei! Herein!

(Mit dem Stocke auf den Boden stampfend. Die Hofleute kommen zurück.)

Rudolf. Die Kinderzeiten werden wieder wahr, Und mich umschaudert's wie Gespensterglauben. (Zu Erzherzog Ferdinand.) Weilt Ihr noch länger hier bei uns in Prag, Treibt's Euch zurück vielleicht schon nach der Heimat?

Erzherzog Ferdinand. Ich reise nächst, wenn manches erst geschlichtet (lebhaft) Und meinen Bruder ich Euch vorgestellt.

Rudolf. So ist der Leupold da? Wo ist, wo weilt er?

Rumpf. Im Schloßhof tummelt er das türk'sche Roß, Das Ihr gekauft und das Don Cäsar schulte. Sie jubeln, daß der Erker widerhallt.

Rudolf. Sie jubeln? Tummelt? Ein verzogner Fant, Hübsch wild und rasch, bei Wein und Spiel und Schmaus. Wohl selbst bei Weibern auch; man spricht davon. Allein er ist ein Mensch. Ich will ihn sehn, Den Leupold sehn! Wo ist er? Bringt ihn her!

(Einige sind gegangen.)

Rudolf (zu Ferdinand). Beliebt's Euch unterdessen, die Gemächer, Die man Euch hier bereitet, zu besehn? Wo bleibt der Range? Warum kommt er nicht?

Erzherzog Leopolds Stimme (von außen). Senjor!

Rudolf. Aha, er ruft.--Was gibt es dort?

(Aus der Seitentüre links ist ein Hofbedienter herausgetreten.)

Rumpf. Die Kapelläne fragen untertänigst, Ob Eure Majestät den Gottesdienst--

Rudolf (das Barett abnehmend und Mantel und Kleid ordnend). Des Herren Dienst vor allem. (Zu Erzherzog Ferdinand.) Wenn's beliebt! (Zu den übrigen.) Und kommt mein Neffe, heißt ihn nur uns folgen.

Erzherzog Leopold (zur Türe hereinstürzend). Mein gnäd'ger Ohm! (Da er den bereits geordneten Zug sieht, stutzt er und zieht das Barett ab.)

Rudolf. Nur dort, an Eure Stelle.

(Auf einen Wink Erzherzog Ferdinands stellt sich Leopold ihm zur Seite. --Der Zug setzt sich in Bewegung, die beiden Erzherzoge unmittelbar vor dem Kaiser. Nach einigen Schritten tippt letzterer Erzherzog Leopold auf die Schulter. Dieser wendet sich um und küßt ihm lebhaft die Hand. Der Kaiser winkt ihm liebreich drohend Stillschweigen zu und sie gehen weiter. Die übrigen folgen paarweise.--Der Vorhang fällt.)

Zweiter Aufzug

Freier Platz im kaiserlichen Lager. Im Hintergrunde Gezelte.

Ein Hauptmann (tritt hinter sich schreitend auf, wobei er eine kurze Partisane waagrecht vor sich hält). Zurück, sag ich, zurück auf eure Posten! Seid ihr Soldaten, wie?--und flieht den Feind?

(Ein Trupp Soldaten kommt von derselben Seite, ein Fahnenträger unter ihnen.)

Fahnenträger. Wir fliehen meint Ihr, Herr? Nun denn mit Gunst, Sagt erst: wo ist der Feind, ob vor--ob rückwärts? Ein Krieger ficht wohl, weiß er gegen wen, Doch wo nicht Ordnung, Kundschaft und Befehl, Wehrt er sich seiner Haut und weiter nichts.

Hauptmann. So meisterst du, ein Knecht, den Heeresfürsten?

Fahnenträger. Ob zehnmal Herr und zwanzigmale Knecht, Wenn einer irrt, hat doch der andre recht. Wir waren auf am Damm bei Raab gestellt, Wir da und fünfzig andre, die der Säbel Der Türken fraß in dieser blut'gen Nacht, Auf blachem Feld, zur Unterstützung rings Soweit das Auge trug, nicht Wacht, noch Posten. Doch machten wir 'nen Kirchhof zum Kastell Und hielten straff. Da bricht's mit einmal los: Allah, Allah! aus tausend bärt'gen Kehlen, Nicht vor uns, hinter uns. Die Donau durch, Rauscht wie ein zweiter Strom, quer durch den andern Der Spahi und sein Roß. Hilf' Jesu Christ! Da galt kein Säumen, und war eitel Nacht. Trapp trapp, da sprengen kaiserliche Reiter Und jagen andre kaiserlich wie sie. Der Musketier schießt los, und den er traf Es war sein Landsmann, in des Dunkels Wirren Die rasche Kugel wechselnd mit dem Freund. Bald ist das ganze Heer nur eine Flucht, Ein Jammern und ein Töten und ein Schrein. In all der Hast vergaß man ganz auf uns, Zu gehn, zu bleiben waren wir die Meister, Doch blieben wir. Erst nach drei heißen Stürmen, Als mancher schon mit seiner Haut bezahlt, Brach auf das kleine Häuflein; und nicht seitwärts, Nur Sicherheit für unsre Leiber suchend, Zum Lager gradaus schlugen wir uns durch. Und sind nun hier, dem Türken, sucht er uns, Der Rückkehr Straße schwarz mit Blut zu zeichnen, Doch ihn zu suchen keineswegs gewillt, Man zeig' uns denn wer führt und wer befiehlt.

Mehrere im Trupp So ist's!--Ein Führer erst!--Dann folgen alle.

Hauptmann. So bin ich unter Meutern?

(Oberst Ramee kommt.)

Hauptmann. Mein Herr Oberst, Verrat und Aufruhr in des Lagers Mitte. Die hier und der--

(Es haben sich nach und nach immer mehrere gesammelt.)

Ramee (halblaut). Laßt nur, laßt nur für jetzt. Der Feind im Anzug und das Heer entmutigt, Man drückt jetzt füglicher ein Auge zu, Als den Gehorsam noch durch Strenge prüfen. Was weiß man von dem Feldherrn?

Hauptmann. Prinz Mathias?

Ramee. Wen sonst?

Hauptmann. Verschieden gehen die Gerüchte. Er ward gesehn in Mitte der Verwirrung. Die einen lassen ihn am rechten Donauufer Die Straße nehmen nach Haimburg und Wien, Die andern--Heil'ger Gott, wenn er den Türken--! Was machen wir, vereinzelt, ohne ihn?

Ramee. Dasselbe mein ich was mit ihm, den Frieden.

Hauptmann. Allein der Kaiser will nicht.

Ramee. Wollen! Wollen! Hier fragt sich was man muß, nicht was man will. Auch, ist der äußre Krieg erst beigelegt, Hat man die rüst'gen Arme frei nach innen.

Hauptmann. Was aber soll mit all der Soldateska? Wir sind in Rückstand mit zwölf Monat Sold.

Ramee. Erzherzog Leupold wirbt in Passau Völker, Wenn hier das Handwerk ruht, fragt an bei uns.

Hauptmann. Und gegen wen--?

Ramee. Die Rüstung geht in Passau! Man weiß noch nicht. Für wen, ich hab's gesagt, Auf jeden Fall für Östreich und den Kaiser. Wer sind die Männer?

(Einige schwarzgekleidete Herren gehen quer über die Bühne. Mehrere grüßen sie mit abgezogenen Hüten.)

Hauptmann. Mit den goldnen Ketten? Die protestant'schen Herrn aus Österreich. Sie kamen, den Erzherzog anzusprechen In Sachen ihres neuen Christentums Und halten sich derweile zu den Ungarn. Das lauscht und flüstert, schleicht und konspiriert. Wär' ich der Prinz, wie wollt' ich heim sie senden!

Ramee. Heim senden? ei, wenn Ihr sie selbst berieft?

(Weibergeschrei hinter der Szene.)

Ramee. Was dort?

Ein Soldat (eine gefangene Türkin an der Hand führend). Nein sag ich, nein!

Zwei Kürassiere (die ihm folgen). Muß doch! muß doch!

Soldat. Mein ist die Heidin zehn- und hundertmal. Ihr Haus in Gran fiel mir zum Beuteteil, Ich war's, der ihren Bräutigam erschlug, Drum ist sie mein und das von Rechtes wegen.

Kürassier. Mir drücken sie die Hand.

Soldat (zur Türkin). Ist's wahr?--Sie kann nicht reden. Wenn's wahr so spalt ich ihr den Kopf. Doch jetzt, Jetzt ist sie mein und--

Kürassiere (die Hand am Säbel) Wollen eben sehn.

Soldat. Kommt an, kommt an! Ob einer gegen zwei. Ist niemand da, der einem Landsmann hilft?

Hauptmann (zwischen sie tretend). Zurück Samländer, ketzerische Hunde!

Kürassier. Was sagen Mann?

Hauptmann. Ist's etwa nicht bekannt, Daß Türk' und Lutheraner stets im Bunde? Wie ging' sonst alles schief in Rat und Lager? Die heute nacht der Flucht das Beispiel gaben, Die Ketzer waren's, sinnend auf Verrat.

Fahnenträger (im Vorgrunde rechts). Wer das sagt lügt.

Hauptmann (sein Schwert halb gezogen). Mir das? Wer hat gesprochen?

Zweiter Soldat (rechts im Vorgrunde). Mit Gunst: hat er doch recht. Hier dieser Mann, Obgleich ein Luthrischer und Kirchenleugner, Gefochten hat er in der heut'gen Schlacht Wie einer der gedenkt des ew'gen Heils. Und ob ich gleich als rechter Katholik Verdammen muß was seine Pred'ger lehren, Im Lager hier sind alle Tapfern Brüder, Und somit meine Hand.

Fahnenträger (einschlagend). Hier meine.

Mehrere (ein Gleiches tuend). Freund und Bruder!

Ringsherum. Auf Ja und Nein! Trotz Papst und Rom! Wir alle!

Hauptmann. Hört Ihr?

Ramee. Laßt nur!

Geschrei (im Hintergrunde). Hoheisa! Die Zigeuner!

(Im Hintergrunde tritt schlechte Musik auf. Einige Paare folgen sich bei den Händen haltend und zum Tanze anschickend. Die anwesenden Soldaten sammeln sich bei dem dort stehenden Marketenderzelte. Musik und Tänzer gehen hinein. Gelächter, Zutrinken.)

Klesel (von der rechten Seite kommend). Du heil'ger Gott! bin ich im Christenlager, Und dient kathol'schen Fürsten dieses Heer?

Ramee. Wenn Euch das kränkt, seid wohlgemut, Das Lager wird Euch fürder nicht mehr ärgern. Ihr seid nach Prag berufen, wissen wir, Der Kaiser sieht Euch hier nicht allzugern. Wann reist Ihr ab?

Klesel. Wenn's meine Pflicht erheischt, Die keineswegs mir Prag bis jetzt bezeichnet. Der Seelenhirt gehört in seinen Sprengel.

Ramee. Und ist Eu'r Sprengel hier im Lager? Neustadt, Neustadt und Wien, dort leuchte Euer Licht. Ihr seid hier Schuld an manchem Schief' und Argem, Setzt Eure Meinung durch und führt den Krieg Als eine Wallfahrt nach 'nem Gnadenort, Nebstdem daß wenig Gnad' in Euerm Tun. Verkehrt Ihr doch mit eitel Protestanten Und wendet Euerm Herrn die Herzen ab, Die ihm bereit aus den getreuen Landen. Doch ist zur Zeit ein andres Regiment. Mathias, dieses Lagers Fürst und Führer, Er fand den Rückweg nicht der andern Flücht'gen, Und die Erzherzoge, die Ihr berieft Aus Gräz und Wien, zu einem Ratschlag heißt es, Sie sind im Lager, treten in sein Amt Und werden Euerm Flüstern wenig horchen.

Klesel. Ob Ihr beleidigt mich, es sei verziehn, Allein um aller Heil'gen willen sagt Was von Erzherzog Mathias Euch bekannt.

Ramee. Bekannt, daß nichts bekannt. Er ist nicht hier, Ob nun in Wien, ob--Hoffen wir das Beste, Euch sei genug: im Lager ist er nicht. Drum reist nur ab; wenn Ihr nicht vorher noch Bei denen, die ihm folgen im Befehl Und die dort nahn, wollt Euer Heil versuchen. Stellt euch in Ordnung! Die Erzherzoge.

(Die im Hintergrunde Befindlichen stellen sich in eine Reihe. Von der linken Seite kommen die Erzherzoge Ferdinand, Leopold und Maximilian.)

Maximilian (ein beleibter, wohlbehaglicher Herr). Die Wege rütteln wie das böse Fieber. Hat noch von unserm Bruder nichts verlautet?

Klesel (der in den Vorgrund rechts getreten, auf sie zugebend). Gott segne Euern Eintritt, edle Herrn!

(Die Erzherzoge gehen nach der entgegengesetzten Seite und gehen quer über die Bühne ab.)

Klesel (sich zurückziehend). Du heil'ger Gott!

Erzherzog Leopold (der zurückgeblieben, links in den Vordergrund tretend). Ramee!

Oberst Ramee (zu ihm tretend). Erlauchter Herr!

Erzherzog Leopold. Es steht hier schlimm, und doch, bedenk ich's recht, Möcht ich fast sagen: gut. Sie haben Pläne. Das Lager hier, ich fürchte, löst sich auf. Hast du versucht ob ein und andre willig Bei uns zu dienen im Passauer Heer?

Ramee. Bei zwanzig Führer.

Leopold. Halt, sprich leise, hier!

(Er zieht sich mit ihm nach der linken Seite, wo Ramee zu ihm spricht.)

Klesel (in der Mitte der Bühne mit einer Bewegung gegen den Erzherzog.). Ob ich's versuche, noch einmal versuche?

(Eine Gruppe Soldaten rechts im Vorgrunde.)

Erster (halblaut). Des Kaisers Sohn Don Cäsar ist im Lager. Er wirbt Gehilfen zu geheimem Anschlag. Es soll 'ner Kutsche mit zwei Frauen gelten, Begleitet nur von wenigen Berittnen.

Zweiter. Das wär' ja wie ein Räuberüberfall.

Erster. Des Kaisers Sohn und Räuber? Dann zuletzt, Was kümmert's dich? Sieh hier, man zahlt mit Gold. (Münzen zeigend.)

Zweiter. Gehst du?

Erster. Jawohl! und Kunz und Hans und Märten.

Klesel (im Mittelgrunde). Nein, lieber sterben, als den Einsichtslosen Die Einsicht opfern und gerechten Stolz.

Leopold (zu Ramee). Sei rasch und klug und hüte dich vor dem! (Auf Klesel zeigend, ab.)

Zweiter Soldat (rechts im Vorgrunde). Hier hast du mich! Soll's bald?

Erster. Heut abend.

Zweiter. Gut!

Geschrei (hinter der Szene). Vivat! Vivat!

Ramee. Was ist?

Hauptmann (in die Szene nach links blickend). Ein Mann--umgeben-- In ung'risch niedrer Tracht.--'s ist der Erzherzog.

Ramee. Mathias?

Hauptmann. Wohl!--Nun vivat, vivat denn, Wer's treu mit Östreich meint und seinem Haus.

(Klesel, der bei dem Worte Mathias zusammengefahren, stürzt jetzt auf den Hauptmann zu, ihm die Rechte mit beiden Händen drückend, dann eilt er nach der linken Seite ab.)

Alle (in derselben Richtung folgend). Vivat! Vivat!

Ramee. Nun, vivat denn wir alle! (Er schließt sich an.)

Erster Soldat (aus der Gruppe rechts). Wir kommen noch zurecht. Doch wahrt die Zunge.

(Sie ziehen sich nach der rechten Seite zurück. Die Bühne ist leer geworden.)

Verwandlung Das Innere eines Zeltes. Kurzer Raum, im Hintergrunde durch einen Vorhang geschlossen.

Von außen hört man noch immer Vivat rufen. Erzherzog Mathias in einfachen ungarischen bis an die Knie reichenden Rocke, ein paar Diener hinter sich, von der rechten Seite.

Mathias. Ha jubelt nur, ihr wackern treuen Jungen! Diesmal fürwahr ging's nahe g'nug an Leib. (Sein Kleid besehend, zu den Dienern.) Gebt einen andern Rock!--Und doch, laßt immer! Nicht trennen will ich mich von diesen Kleidern Bis abgewaschen dieses Tages Schimpf. Doch einen Stuhl, denn auszuruhn geziemt sich, Eh man die Kraft zu neuem Wirken spannt.

Klesel (von rechts eintretend). Gebt Raum! Gebt Raum! Ich muß zu meinem Herrn! (Sich vor ihm auf die Knie werfend und seine Hand fassend.) Ihr seid's, Ihr lebt! O uns ist allen Heil!

Mathias (Klesel emporhebend). Habt Dank, mein Freund! Habt Dank für Eure Liebe. Ja diesmal galt's. Ein Zoll, ein Haar, Und Prinz Mathias ging zum dunkeln Land, Wo Fürsten sich als Bettlergleiche finden. (Sein Kleid zeigend.) Der Riß hier, schau! Das war ein türk'scher Säbel, Den einzeln ich der einzelne bestand. Es gab zu tun, (mit einer Handbewegung) doch eine schiefe Quart Des alten Mazzamoro, unsers Lehrers Aus früher Knabenzeit, das endlich half. Ein alter Landmann gab mir diesen Rock Und so kam ich zurück ins eigne Lager.

(Diener haben einen kurzen Mantel gebracht.)

Mathias. Was soll's?--Sagt' ich denn nicht--? Es gilt wohl gleich!

(Diener ziehen ihm das ungarische Kleid aus und geben ihm den Mantel um, währenddessen)

Klesel. Wie waren wir besorgt seit Flucht und Schlacht.

Mathias. Die Schlacht ging schief. Der alte Mansfeld Mit seinem Zaudern hat das Heer verderbt, Da ist kein Mann für tücht'ges Werk und Wagen. Dagegen diese Türken, (den Mantel zurecht ziehend, die Diener entfernen sich) wahr bleibt wahr. Sonst schützt ein Fluß den drangelehnten Flügel, Sie aber schwimmen durch mit Roß und Mann, Und was ein Bollwerk schien wird Punkt des Angriffs. In Zukunft sieht man sich wohl vor.--Nun aber Was geht für Nachricht von den Flüchtigen? Sind sie zurück im Lager? Fehlen viel?

Klesel. Ein Dritteil sagt man fast des ganzen Heers.

Mathias (auf und nieder gehend). Ein Dritteil, schlimm!

Klesel. Nicht wahr? Ihr seht nun selbst--

Mathias. Es finden manche sich wohl später ein. Doch hätt' ich nicht gedacht--

Klesel. Der Rest entmutigt, So daß kein Mittel, als--

Mathias (stille stehend). Erneuter Angriff.

Klesel. Als Frieden.

Mathias. Neuer, doppeltstarker Angriff.

Klesel. Ihr wart ja doch vor kurzem überzeugt, Daß nur allein Vertrag--

Mathias. Vor kurzem, ja, Da war ich Sieger. Aber nun: besiegt. Bei diesem Wort empört sich mir das Blut Und steigt vom Herzen glühend in die Wangen. Mir schwebt ein Plan vor aus Vegetius, Bewährt sich der, dann sprechen wir des weitern.

Klesel. Ist das Eu'r Wort, im selben Augenblick, Wo die Erzherzoge, von Euch berufen, Im Lager schon, zu handeln von dem Frieden.

Mathias. Sie mögen sich den Krieg einmal besehn, Mitmachen etwa gar, dergleichen frommt Für Gegenwart und Zukunft; endlich gehn Wohin sie Laune treibt, Beruf, Geschäft.

Klesel. Und wenn der Kaiser nun erfährt, Daß man hier Rat gehalten gegen seinen Willen.

Mathias. Erfahren mußt' er's, ob nun so, ob so.

Klesel. Doch schützte der Erfolg vor seinem Zürnen.

Mathias. Den besten Schutz gibt in der Faust das Schwert.

Klesel. Und wenn er Euch nun ab vom Heer beruft?

Mathias. Vielleicht gehorcht' ich nicht.

Klesel. Gestützt auf was? Der Feldherr, der Gehorsam weigert, heißt Verräter, aber wer den Frieden gibt Dem ausgesognen Land, wär's ohne Auftrag, Er ist der Reiter, Abgott seines Volks. (Halbleise.) Vergeßt Ihr denn, daß Sultan Amurat Der Frieden braucht, dem Geber dieser Ruh' In Ungarn Macht und Einfluß gerne gönnt; Sowie, daß Östreichs Stände beiden Glaubens Dem Retter in der Not sich in die Arme --Die doch auch Hände haben--freudig stürzen.

Mathias. Ich hab's gesagt. Die Schmach ertrüg' ich nicht.

Ein Diener (anmeldend). Die Herrn Erzherzoge.

Klesel. Um Gottes willen! Erkennt doch, daß es Wahnsinn was ihr wollt. Und doch--Kommt's wie ein Lichtstrahl nicht von oben? Es ist zu spät. Bleibt, Herr, bei Eurer Weigrung. (Sich nach dem Vorgrunde entfernend.) Vielleicht reift unsern Anschlag grade dies.

(Die Erzherzoge werden eingeführt.)

Max. Nun Bruder, Gott zum Gruß. Doppelt willkommen, Als kaum entronnen solcher Fährlichkeit. Nun aber ans Geschäft. Man rief uns her, Als Zeugen dachten wir von einem Sieg, Um zu bewundern Eure Strategie; Doch scheint Gott Mars, der strahlende Planet, Vorläufig in rückgängiger Bewegung.

Mathias. Aus vor- und rückwärts bildet sich der Kreislauf.

Max. Doch bleibt man hübsch im Kreis und kommt nicht vorwärts. Nun Bruder sei nicht unwirsch, ging's mir auch doch Viel anders nicht im Streit um Polens Krone. Sie fingen mich sogar, trotz Stand und Würde. Der Krieg kennt nicht Respekt, er zahlt auf Sicht. Hier bring ich dir die Neffen, die du kennst Obgleich seitdem (auf Leopold zeigend) gewachsen (auf Ferdinand) und gealtert. Sie kamen her, den Kreislauf zu studieren Des Gottes Mars. Auch will man, heißt's, beraten Um dies und das. Zuletzt denn sind wir hier.

Ferdinand (auf Max zeigend). Des Bruders Gruß, nicht teilend seinen Scherz.

Leopold. Und hocherfreut, Euch, Oheim, wohl zu finden.

Mathias. Das geht nun so im Lager ab und zu, Bald oben und bald unten. Ist's gefällig? Ein Imbiß findet sich wohl noch zur Labung.

Max. Ich liebe nichts vom Krieg, am wenigsten Die Kriegerkost. Ein deutscher Ordensmeister Will alles ordentlich, zumal die Tafel. Wir haben uns aus unsrer Reiseküche Im Wagen schon gestärkt und danken freundlichst. Auch will ich keine Lorbeern hier erwerben; Drum rasch nur ans Geschäft, ist das beendigt, Kehr ich nach Wien zurück sobald nur möglich Und wo ein Weg noch von den Türken frei. Du scheinst nicht meiner Meinung, Leopold? Bleib hier, gebrauch dein Schwert! Du bist noch jung, Und kommt's zur Flucht, bewegst du rüst'ge Beine. Ich bin von Blei, das zwar aus der Muskete Ein rasches Ding, sonst aber träg und schwer. Nun aber: wo der Ratstisch und die Stühle?

(Klesel zieht an einer Schnur, der Vorhang des Zeltes öffnet sich und zeigt einen grünbehangnen Tisch und Armsessel.)