Ein Blick in die Zukunft Eine Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy

Part 7

Chapter 73,329 wordsPublic domain

Forest zog nun ein Blatt Papier aus der Tasche und rechnete weiter: »Hier ist ein Verzeichnis aller derjenigen Berufszweige, welche ich dem Census von 1880 entnommen habe und welche Sie als unproduktiv bezeichnen können. Ich habe manche Thätigkeiten als unproduktiv angeführt, über deren Nützlichkeit und selbst Notwendigkeit sich streiten ließe. Viele dieser Leute haben durch ihre Arbeit zum mindesten solchen Menschen Zeit gespart, welche Werte hervorbrachten. Manche Frauen hätten sich vielleicht nicht als Künstlerinnen, Sängerinnen oder dergleichen ausbilden lassen und später in ihrem Berufe wirken können, wenn sie nicht Hilfe im Haushalte gefunden hätten. Diese Dienstboten eingeschlossen, waren aber im Jahre des Herrn 1880 in den Ver. Staaten 1 654 319 Menschen mit Arbeiten beschäftigt, welche Dr. Leete als unproduktiv bezeichnen würde. Wenn wir diese 1 654 319 Menschen von den 2 173 084 Leuten abziehen, welche Sie über die Zahl der im dienstpflichtigen Alter befindlichen Personen hinaus dem Arbeiterheere eingereiht hatten, so stellten Sie immer noch 518 765 mehr Leute, als 1880 in den Ver. Staaten im Alter zwischen 21 und 45 Jahren lebten.«

Ich ermunterte Herrn Forest, in seinen Auseinandersetzungen fortzufahren und er sagte: »Sie hatten also im Jahre 1880 unzweifelhaft viel mehr Leute in nutzbringender Thätigkeit beschäftigt (im Verhältnis zu Ihrer Bevölkerungszahl natürlich) als wir. Nun bedenken Sie noch, daß die Arbeiter Ihrer Tage sämtlich durch den Wettbewerb angespornt wurden, daß sie danach strebten, einmal unabhängig zu werden, um ein sorgenfreies Alter genießen zu können und daß sie zur Erreichung dieses Zieles ihre besten Kräfte einsetzten. Ihre Zeitgenossen arbeiteten also mehrere Jahre länger als wir, die tägliche Arbeitszeit war eine längere, der Sporn des Wettbewerbes wirkte mächtig auf alle ein und so war es denn nur natürlich, daß zu Ihrer Zeit verhältnismäßig viel mehr und viel bessere Arbeit geliefert wurde, als heutzutage.«

»Das werde ich wohl zugeben müssen,« sagte ich.

»Und die Art unserer Gesellschaftsordnung drängt immer mehr darauf hin, daß die Arbeitszeit noch weiter verkürzt werde und daß die Arbeitsergebnisse noch geringer und schlechter werden, als sie schon sind,« setzte Forest seine Darlegung fort. »Da sind z. B. die Bauern, welche mit der jetzigen Gesellschaftsordnung so unzufrieden wie möglich zu sein scheinen. Sie beklagen sich bitter darüber, daß sie in Bezug auf die Anlage von Theatern, Museen, Konzerthallen und anderen öffentlichen Anstalten gegen die Bewohner der Städte zurückgesetzt werden. Auch behaupten unsere Bauern, daß ihre Arbeit viel schwerer sei, als die der Städter. Die Folge der Unzufriedenheit war ein Andrang der Landbevölkerung nach den Städten, der viel größer ist, als der, über welchen schon zu Ihrer Zeit geklagt wurde. Das Land würde sehr bald an allen Ackerbauerzeugnissen Mangel gelitten haben, wenn die Regierung dem Andrange des Landvolks nach den Städten nicht Einhalt gethan hätte. Aber man hieß die Ankömmlinge nicht willkommen. Es wurde ihnen einfach befohlen, Landarbeit zu thun. Damit war ihrem Wunsche, in der Stadt zu leben, ein Ende gemacht; aber auch ihrem Ehrgeiz und ihrem Arbeitstriebe. Die Landleute sind jetzt davon überzeugt, daß ihnen andere Stellungen verschlossen sind, daß sie Zeit ihres Lebens die Acker bauen müssen und daß die Städter auf ihre Kosten ein besseres Leben führen. Die Folge ist, daß sie so wenig und schlecht wie möglich arbeiten und daß die Ackerbauerzeugnisse immer weniger werden. Schon wiederholt haben Leute aus der zweiten Abteilung des dritten Grades der städtischen Zünfte als Hilfsarbeiter auf das Land geschickt werden müssen, um eine Hungersnot abzuwenden.«

»Teilen Sie mir das Schlimmste mit,« sagte ich mit einem erzwungenen Lächeln; denn ich sah das herrliche Luftschloß, welches Dr. Leete vor mir errichtet hatte, unter dem Artilleriefeuer der Forestschen Logik zusammenstürzen. »Wir haben gesehen,« nahm Forest den Faden seiner Auseinandersetzungen wieder auf, »daß das Arbeiterheer im Jahre 1880 verhältnismäßig viel stärker war, als das unsrige ist, daß die Arbeitszeit eine längere war, und daß die Arbeiter durch den Wettbewerb angeregt wären, ihre ganze Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Sie müssen aber auch berücksichtigen, daß wir eine ungeheure Arbeitskraft mit der Aufsicht und mit der Buchhalterei vergeuden. Ihr Kleinhandel wurde größtenteils gegen Barzahlung betrieben und die kleinen Geschäftsleute besorgten ihre geringe Buchhalterei abends nach Schließung ihrer Läden. Wir dagegen haben für jeden Mann, für jede Frau und für jedes Kind ein »Soll und Haben« in den Büchern der Regierung eingerichtet[32]. Wir haben eine Kanzlei, wo »die Ärzte über ihre Thätigkeit regelmäßig Bericht zu erstatten« haben.[33] Wir haben eine andere Kanzlei, wo Buch geführt wird über die Hilfe, welche jemand von der Arbeiterarmee in Anspruch nimmt; sei es für Hausarbeit oder für andere Zwecke. Dort wird das Konto desjenigen belastet, welcher die Hilfe in Anspruch nimmt und das Konto desjenigen wird kreditiert, der die Hilfe leistet.[34] Wir haben Kanzleien für jeden Zweig der menschlichen Arbeit und dieselben dürfen als Musteranstalten für die beste Art gelten, in welcher eine Regierung menschliche Arbeitskraft vergeuden kann. Das ganze Feld der produzierenden Arbeit ist, wie Sie wissen, in zehn große Abteilungen abgegrenzt worden. Jede dieser letzteren umfaßt eine Gruppe verwandter Thätigkeitszweige. Jede dieser Unterabteilungen hat wiederum ihre eigne Kanzlei und diese Kanzlei führt genau Buch über alles was in der betreffenden Zunft geschieht, über vorhandene Betriebsmittel, die geleistete Arbeit und so weiter, sowie über die jetzige Leistungsfähigkeit und über die Möglichkeit, letztere zu erhöhen. Eine besondere Abteilung, welche den Warenversandt besorgt, ermittelt auch den mutmaßlichen Verbrauch und nachdem diese Ermittelungen von der Regierung gut geheißen worden sind, erhält jede der zehn großen Abteilungen ihre Arbeit zugeteilt, diese zehn Abteilungen vergeben die Arbeit an die einzelnen Zünfte und diese setzen ihre Leute in Thätigkeit.«

»Jedes Betriebsamt ist für die ihm zuerteilte Arbeit verantwortlich und seine Thätigkeit wird durch die betreffende Berufsgenossenschaft und die Generalverwaltung kontrolliert.«

»Das 'Verteilungsamt nimmt keine Warenlieferung an, ohne sich selbst von der Beschaffenheit derselben überzeugt zu haben', und so genau ist die Durchführung, daß ein Gegenstand, der sich in den Händen des Verbrauchers als unbefriedigend erweist, »bis zu demjenigen Arbeiter zurückverfolgt werden, welcher mit der Herstellung des speziellen Stückes betraut gewesen war.«[35]

»Diese ungeheure Buchhalterei und Aufseherei, welche die Regierung in den Stand setzt, die Arbeiter zu ermitteln, welche eine schadhafte Nadel oder eine schlechte Cigarre gemacht haben, ermöglicht es ihr auch, für ihre Günstlinge zahllose gute Stellungen offen zu halten; aber die Produktionskraft des Volkes und die Menge der erzeugten Werte werden natürlich dementsprechend vermindert. Dazu kommt, daß die Zahl der Verbraucher größer ist als früher.«

»Wie erklären Sie das?« fragte ich.

»Hat Dr. Leete Ihnen nicht mitgeteilt, daß Leute von gewöhnlicher Konstitution in der Regel 85 bis 90 Jahre alt werden?«[36]

»Allerdings.«

»Nun wohl. Dies erklärt die vermehrte Anzahl von Verbrauchern, welche sämtlich ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen in Gestalt eines Guthabensscheins beanspruchen«, erklärte Forest. »Die Leute leben heut länger, als Ihre Zeitgenossen. Sie machen sich das Leben bequem und während die Geistesschärfe, die Thatkraft und der Unternehmungsmut beständig abnehmen, vegetiert der Körper länger.«

»Endlich gestehen Sie doch einmal eine Errungenschaft des jetzigen Systems zu,« rief ich.

»Wenn das überhaupt eine Errungenschaft ist,« meinte Forest, »auf Kosten des geistigen Lebens und Wirkens eine Lebensverlängerung des verdummenden Menschen zu erzielen.« --

Und nach einer kurzen Pause schloß Forest seine Auseinandersetzungen über die kommunistische Gesellschaftsordnung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts folgendermaßen:

»Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß unser Staatswesen mit seinen auf die angebliche Gleichheit aller Menschen begründeten Einrichtungen ein Fehlschlag ist, daß die in der Natur begründete Ungleichheit jetzt in mancher Hinsicht viel drückender ist, als zu Ihrer Zeit, daß Günstlingswirtschaft und Korruption heut ebenso wuchern, wie vor 113 Jahren, daß von persönlicher Freiheit fast keine Spur mehr vorhanden und an deren Stelle eine unerträgliche Knechtschaft verbunden mit Kriecherei und Augendienerei gegenüber den Vorgesetzten getreten ist, daß die Angehörigen des Arbeiterheeres, des Stimmrechts beraubt, der Gnade oder Ungnade ihrer Offiziere preisgegeben sind, daß diejenigen Mitglieder der »industriellen Armee,« welche als Gegner der Regierung gelten, ein elendes Leben führen müssen, das man wohl als »eine vierundzwanzigjährige Höllenpein auf Erden« bezeichnen kann, und daß die Abschaffung des Wettbewerbes sowohl einen Rückgang der Geisteskräfte, wie des Volkswohlstandes zur Folge hatte. In der That haben die Beseitigung des Wettbewerbes, die Abkürzung der Arbeitsjahre sowohl wie der Arbeitsstunden und die Erschaffung zahlloser Sinekuren für faulenzende Günstlinge und Maitressen der einflußreichen Politiker die Produktion dermaßen vermindert, während die Zahl der Verbraucher sich beständig vermehrt hat, daß unser durchschnittliches Jahreseinkommen heut kaum noch größer ist, als das eines gewöhnlichen Arbeiters Ihrer Tage. Es gewährt uns nur ein sehr mäßiges Auskommen. Und es kann meiner Ansicht nach keinem Zweifel unterliegen, daß die Menschheit, wenn sie unter diesem System weiter lebt, in einigen Jahrhunderten in Barbarei zurückversinken muß.«

Siebentes Kapitel.

»Sie waren so liebenswürdig, mir Ihre Ansichten über die jetzige Gesellschaftsordnung vorzutragen,« begann ich meine nächste Unterredung mit Herrn Forest; »Sie haben aber auch gelegentlich die Meinung geäußert, daß die Gesellschaft am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts mancherlei Verbesserungen bedurfte. Würden Sie mir wohl jetzt mitteilen, durch welche Maßregeln Sie den Übeln meines Zeitalters entgegen gewirkt hätten?«

Forest lächelte. »Ich halte mich nicht für einen Weltverbesserer, der die Menschheit und deren Einrichtungen vollkommen machen kann. Vergessen Sie niemals, daß wir alle mit Wasser kochen müssen, d. h. daß alles, was wir unvollkommenen Menschen leisten können, den Stempel menschlicher Unvollkommenheit an sich tragen muß. Wie jeder denkende Mensch habe auch ich meine Ansichten über die gesellschaftlichen Einrichtungen, und wenn Sie diese Ansichten hören wollen, will ich sie Ihnen gern mitteilen.«

»Ich bitte darum.«

»Was viele Leute die sociale Frage nennen, ist unlösbar,« begann Forest. »Die von der Natur begründete Verschiedenartigkeit wird sich bei den Menschen stets fühlbar machen. Jeder Versuch zur Gleichmacherei muß fehlschlagen. Es wird stets kluge und dumme, fleißige und faule Leute geben. Tüchtige Frauen und Männer werden nie damit zufrieden sein, daß man die Arbeitsergebnisse gleichmäßig verteilt und ihnen dadurch einen Teil der Frucht ihrer Thätigkeit raubt. Werden aber die Arbeitserzeugnisse nach Verdienst verteilt, so werden viele derjenigen, welche weniger erhalten, unzufrieden sein. Deshalb ist es unmöglich, alle Menschen zufrieden zu stellen, gleichviel, wie die Früchte der Arbeit verteilt werden. Aber die Unmöglichkeit, jeden ganz zufrieden und glücklich zu machen, entbindet uns nicht von der Verpflichtung, mit allen Kräften eine Verbesserung unserer Zustände zu erstreben.«

»Ich begreife Ihre Stellung. Aber lassen Sie mich hören, welche Verbesserungen Sie vorgeschlagen haben würden, wenn Sie am Schlusse des letzten Jahrhunderts gelebt hätten.«

»Die Gesellschaft Ihrer Tage krankte vornehmlich an der planlosen Arbeitsweise, an der Monopolwirtschaft, welche die Anhäufung riesiger Reichtümer ermöglichte, und an einem einsichtslosen Arbeiterstande, der sich lieber der Ausbeutung unterwarf, oder die Thätigkeit ganz einstellte, anstatt einfach durch Begründung von Arbeitergenossenschaften nach und nach alle Zweige menschlicher Thätigkeit auf Gegenseitigkeit zum besten der Arbeitenden zu übernehmen. Ein großer Übelstand war auch die Ungerechtigkeit Ihrer Besteuerung.

»Auf fast allen Gebieten menschlicher Thätigkeit wurden Werte erzeugt, ohne daß jemand eine klare Vorstellung von dem wirklichen Verbrauche hatte. Die Landwirtschaft lieferte alljährlich einen großen Überschuß ihrer Erzeugnisse und letztere waren daher meist so billig, daß die Bauern ein ziemlich kümmerliches Leben führen mußten. Viele Fabriken arbeiteten Tag und Nacht, bis der Markt mit ihren Waren überfüllt war. Dann wurden diese zu jedem Preise losgeschlagen, manchmal unter den Herstellungskosten, zahlreiche Bankerotte folgten, die Fabriken wurden geschlossen und die Fabrikanten, wie Ihre Arbeiter, erlitten schwere Verluste durch ihre unfreiwillige Unthätigkeit, bis der Überschuß an Waren aufgebracht war. Dann begann aufs neue eine fieberhafte Thätigkeit.«

»Wie würden Sie diese Übelstände bekämpft haben?« fragte ich.

»Ein Bundesamt hätte feststellen müssen, wie groß der durchschnittliche Jahresverbrauch der verschiedenen Lebensbedürfnisse war und wie sich die Leistungsfähigkeit der betreffenden Berufszweige zur Erzeugung solcher Waren zum Verbrauch verhielt.«

»Und was dann? Hätte dann die Regierung den verschiedenen Berufszweigen einen Auftrag zur Herstellung gewisser Erzeugnisse geben sollen? Und wie hätten diese Aufträge so verteilt werden können, daß die Arbeiter damit zufrieden gewesen wären?«

»Die Bundesregierung hätte einfach den Jahresverbrauch der verschiedenen Waren und die Leistungsfähigkeit der Berufszweige zur Erzeugung der erforderlichen Waren feststellen sollen. Sache der Berufsgenossenschaften wäre es dann gewesen, die Produktion zu regeln. Solche Ermittelungen der Regierung, welche den ungefähren Bedarf feststellten, hätten der arbeitenden Menschheit eine ziemlich klare Vorstellung von ihren Aufgaben gegeben. Jeder Berufszweig hätte sich organisieren, Vertreter zu einer Nationalkonvention wählen und auf dieser die Arbeit verteilen können. Die Arbeit ins Blaue hinein, die Überfüllung der Märkte mit ins Massenhafte erzeugten Waren, hätte so vermieden werden können; und doch wäre der #Wettbewerb#, sowohl zwischen den verschiedenen Fabriken, wie zwischen den einzelnen Arbeitern #aufrecht erhalten# worden, der Wettbewerb, durch den allein tüchtige und reichliche Arbeitsleistungen erzielt werden.«

»Wenn aber trotzdem mehr Waren hergestellt worden wären, als verbraucht wurden,« wandte ich ein.

»Das würde natürlich der betreffende Berufszweig verschuldet haben und die übeln Folgen würden auf ihn gefallen sein,« entgegnete Forest.

»Angenommen aber, daß sämtliche Angehörige eines Gewerbes sich zu dem Zwecke verständigt hätten, für ihre Erzeugnisse einen unverhältnismäßig hohen Preis zu verlangen und das zu bilden, was man zu meiner Zeit einen 'Trust' nannte,« fragte ich. »Wie wären Sie einer solchen Ausbeutung des Volkes begegnet?«

»Ein Bundesgesetz hätte das Volk gegen jeden solchen Raubversuch schützen können, welches verordnete, daß alles Eigentum der an solchen Raubplänen beteiligten Leute, Genossenschaften und Gesellschaften von den Ver. Staaten beschlagnahmt und an den Meistbietenden verkauft werden solle, sobald ein annehmbares Gebot erfolge. Bis dahin hätte die Regierung durch Verwalter den Betrieb besorgen lassen oder letzteren einstellen können. Die Einfuhr hätte unter Umständen den Bedarf gedeckt, bis der volle Betrieb wieder aufgenommen worden wäre.«

»Und wie würden Sie die vielen Arbeitseinstellungen gehindert haben, welche die Erwerbsthätigkeit unserer Tage so oft störten?« fragte ich weiter.

»Durch Ermutigung der Arbeiter zur Begründung von Produktivgenossenschaften,« antwortete Forest. »Ich habe bereits auseinander gesetzt, wie leicht solche Teilhaberschaften begründet werden konnten. Ein Dutzend Schneider oder Schuhmacher konnten einen Flur mit Dampfkraft mieten, einige Näh- und sonstige Maschinen anschaffen und ihre Arbeitserzeugnisse dann unmittelbar an andere Arbeiter verkaufen. Dadurch hätten sie sich den Gewinn der Fabrikanten, Großhändler, Kleinhändler und Arbeiter gesichert, d. h. allen Gewinn, der überhaupt in ihren Erzeugnissen steckte. Und es gab im Jahre 1887 kein Gesetz, welches die Arbeiter hinderte, derartige Produktivgenossenschaften zu begründen, oder ihre Bedürfnisse an Kleidern, Schuhwerk, Möbeln u. s. w. nur von Produktivgenossenschaften zu kaufen. Die Fabrikanten würden, sobald es offenbar geworden, daß die Arbeiter nur von Produktivgenossenschaften kaufen wollten, sehr gern bereit gewesen sein, ihre Einrichtungen billig herzugeben, billiger, als die neuen Gesellschaften sie hätten einrichten können. Ich meine, es müsse kein Vergnügen gewesen sein, zu ihrer Zeit ein Geschäft zu leiten, in welchem viele Leute arbeiteten. Denn die vielen Arbeitseinstellungen müssen es den Geschäftsleitern fast unmöglich gemacht haben, Voranschläge für das nächste Jahr zu berechnen, oder Kontrakte abzuschließen. Deshalb würden, wie ich mir vorstelle, die Eigentümer von Fabriken froh gewesen sein, wenn sie ihre Einrichtungen zu einigermaßen günstigen Preisen hätten verkaufen können. Und die Arbeiter hätten nichts Gescheiteres thun können, als die Fabrikanten zu veranlassen, die Leitung der Geschäfte gegen eine angemessene Bezahlung weiter zu führen. Dies würde den ferneren erfolgreichen Geschäftsbetrieb wesentlich erleichtert haben. Bei einem solchen Abkommen würden die Arbeiter durch monatliche Abschlagszahlungen Eigentümer geworden sein, sie würden sich dadurch die volle Bezahlung für ihre Arbeit gesichert haben, der frühere Eigentümer hätte für seine Einrichtungen einen angemessenen Preis erhalten, wäre aller Sorgen ledig und erhielte für seine Arbeit auch eine angemessene Bezahlung.«

»Ich glaube, daß den meisten Fabrikanten und Geschäftsleuten meiner Zeit durch die unaufhörlichen neuen Forderungen und Streiks ihrer Leute die Leitung großer Unternehmungen so verekelt war, daß sie ihren Besitz gern verkauft hätten,« bemerkte ich. »Aber was wäre aus den Groß- und Kleinhändlern geworden?«

»Sie hätten ihre Waren verkaufen und sich dann entweder einer Genossenschaft anschließen oder den Laden einer solchen verwalten können. Auch stand es ihnen frei, sich eine andere Berufsthätigkeit zu suchen,« entgegnete Forest. »Die Arbeiter Ihrer Tage hätten in der angedeuteten Weise einen Berufszweig nach dem andern auf genossenschaftlicher Grundlage organisieren können, bis die gesamte Industrie durch große, in Nationalverbände vereinte, Genossenschaften betrieben worden wäre.«

»Aber unsere Arbeiter wollten die Verantwortlichkeit, die Sorgen und Wagnisse nicht übernehmen, welche von der Führung eines eigenen Geschäftes unzertrennlich sind. Sie zogen es vor, für Lohn zu arbeiten und versuchten es, diesen von Zeit zu Zeit zu erhöhen, indem sie die Arbeit einstellten und andere Leute verhinderten, die Plätze der Streiker einzunehmen,« sagte ich. »Ihnen sind diese Verhältnisse jedenfalls bekannt.«

»Allerdings,« erwiderte Forest, »und es muß auf den unbeteiligten Beobachter einen trübseligen Eindruck gemacht haben, daß tüchtige Arbeiter, die ihr Geschäft gründlich verstanden, anstatt auf gemeinschaftliche Kosten eigene Geschäfte zu begründen, Lohnarbeiter blieben und aus ihren Arbeitgebern mehr Geld zu erpressen versuchten, als diese zahlen wollten oder konnten, dabei andere Leute gewaltsam verhindernd, für den vom Fabrikanten bewilligten Lohn zu arbeiten. Der Umstand, daß die Arbeiter am Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht Unternehmungsmut, geistige Befähigung und Unabhängigkeitssinn genug besaßen, für eigene Rechnung zu arbeiten, hat die menschliche Gesellschaft in den Kommunismus gestürzt. Daß diese fluchwürdige Staatsform ein kläglicher Fehlschlag werden mußte, war eine aus der menschlichen Natur erwachsende Notwendigkeit. Ein Geschlecht, welches noch auf einem so niedrigen Standpunkte der Entwicklung stand, daß die Schuhmacher nicht einmal thatkräftig und klug genug waren, für eigene gemeinschaftliche Rechnung Schuhe und Stiefel zu machen, sondern viel lieber 'Lohnsklaven' blieben, streikten und andere Arbeiter prügelten, welche für den gebotenen Lohn arbeiten wollten; ein so kümmerliches Geschlecht war natürlich geistig durchaus unfähig, ein Staatswesen zu bilden, welches alle menschliche Thätigkeit und den Verbrauch aller Arbeitserzeugnisse regelt.«

»Jedenfalls ist die Thätigkeit der Arbeiter auf gemeinschaftliche Rechnung die vernünftigste Lösung dessen, was viele Arbeiter auch heut noch die sociale Frage nennen,« fuhr Forest fort, nachdem er eine kurze Pause gemacht hatte. »Solche Genossenschaften sichern den Arbeitern den vollen Lohn für ihre Thätigkeit und erhalten den Wettbewerb aufrecht, die mächtige Triebkraft zur Entwicklung der Menschheit. Ob wir aber diese Lösung der Arbeiterfrage erleben werden, erscheint sehr zweifelhaft.«

»So weit die in Fabriken und Werkstätten beschäftigten Arbeiter in Frage kommen, erscheint mir Ihr Vorschlag in der That recht gut,« gab ich zu. »Wie würden Sie aber die Arbeit auf dem Lande geregelt haben, die Thätigkeit der Ärzte und Rechtsanwälte, der Eisenbahnbeamten und -Arbeiter, der Angestellten an den Straßenbahnen, der Kaufleute, Bankiers und vieler anderer Berufszweige?«

»Lassen Sie uns schrittweise vorgehen,« entgegnete Forest lächelnd. »Beschäftigen wir uns zunächst mit der agrarischen Frage, welche seit Menschengedenken jeder Umgestaltung der Gesellschaft die größten Schwierigkeiten bereitet hat. Unter der jetzigen kommunistischen Wirtschaft hegen die Ackerbauer nur wenig Liebe für den Boden, den sie bewirtschaften. Das Land gehört ihnen ebenso wenig, wie das, was sie demselben abgewinnen. Sie glauben, daß sie für die Städter arbeiten müssen, welche auf Kosten der Landbevölkerung bevorzugt werden. -- Hätte man mich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gefragt, wie ich die Landfrage behandeln wolle, so würde ich ein Gesetz befürwortet haben, nach welchem niemand mehr als 40 Acker besitzen dürfte. Diejenigen Bauern, welche damals mehr Land besaßen, hätten dasselbe behalten, aber nach ihrem Tode hätte niemand mehr als 40 Acker erben dürfen. Auf einem 'Vierzig-Ackerstück' kann ein Bauer sehr gut leben und obschon in Ihren Tagen die Ackerbauer unter der Zuvielerzeugung von Vieh, Getreide und Früchten aller Art schwer zu leiden hatten, so entschädigte die Farmer doch die Aussicht auf die beständige Vermehrung der Bevölkerung, verstärkt durch Einwanderung, für die kümmerliche Gegenwart; denn die Bevölkerungsvermehrung steigerte natürlich den Wert der Farmländereien.«

»Aber wie hätten Sie der Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse Einhalt thun können, wodurch die Landbevölkerung im Jahre 1887 so schwer litt?« fragte ich.

»Das Bundesamt für Ermittelungen, auch statistisches Bureau geheißen, würde den Bauern ebenso gedient haben, wie dem übrigen arbeitenden Volke,« versetzte Forest. »Die Bauern hätten einen Nationalverein bilden und dieser hätte die Produktion regeln sollen nach der Leistungsfähigkeit der Ackergüter des ganzen Landes. Und wenn es sich herausstellte, daß die Farmer ungleich mehr Ackerbauerzeugnisse hervorbringen konnten, als der Bedarf erforderte, dann hätten die Bauern einen Teil ihres Landes zum Anbau neuer Nutzpflanzen verwenden können, für welche sich vielleicht ein Markt gefunden hätte; oder sie hätten einfach Arbeit sparen können, indem sie einen Teil des Bodens brach liegen ließen.«

»Nach Ihrer Ordnung der Dinge hätte nicht jedermann ein Anrecht an den Grund und Boden gehabt?« warf ich ein.

»Doch! Jedermann, welcher den Preis zahlen wollte und konnte, den der Eigentümer dafür forderte,« entgegnete Forest. »Es kann nicht jedermann ein Landgut besitzen. Besaßen Sie eins?«

»Nein.«