Ein Blick in die Zukunft Eine Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy

Part 6

Chapter 63,341 wordsPublic domain

»Das ist wieder einmal eine jener Behauptungen, in welchen Dr. Leete so stark ist,« antwortete Forest. »Wer fegt die Zimmer, macht die Betten, reinigt die Fenster, staubt die Möbel ab und scheuert den Fußboden? Ohne Zweifel bildet die Familie des Dr. Leete eine Ausnahme; denn die Frauen des Arbeiterheeres verrichten jedenfalls die meisten, wenn nicht alle Arbeiten im Hause des einflußreichsten Vertreters der Regierung in Boston. Haben Sie jemals Frau Leete oder Fräulein Edith Hausarbeit oder überhaupt welche Arbeit verrichten sehen?«

Ich mußte diese Frage verneinen; denn in der That hatte ich nur gesehen, daß Edith einen Blumenstrauß gewunden hatte. Sonstige Arbeit irgend welcher Art hatte ich sie oder ihre Mutter nie verrichten sehen. Wenn sie ein Mitglied des Arbeiterheeres war, mußte sie eine Stellung einnehmen, in welcher ihre Arbeit wenig Zeit in Anspruch nahm. Sie hatte mir gegenüber niemals davon gesprochen, daß ihr irgend welche Pflichten oblägen und ich erinnerte mich recht wohl, daß Dr. Leete gleich in den ersten Tagen meines Verweilens in seinem Hause sagte, daß Edith eine »unermüdliche Bazarbesucherin« sei,[28] dadurch andeutend, daß sie viele müßige Stunden habe.

»In den Häusern, welche die Mitglieder des Arbeiterheeres bewohnen, haben die Frauen keine Hilfe von andern Mitgliedern des Hilfscorps, d. h. von den Frauen der »industriellen Armee«. Sie müssen alle die Arbeit, welche ich erwähnte, selbst verrichten, und für sie ist das Kochen in den großen Speisehäusern keine so große Zeitersparnis, wie Sie zu glauben scheinen. Diese Frauen müssen dreimal des Tages ihre Kleider wechseln; denn sie können nicht in dem Anzuge bei Tische erscheinen, in welchem sie Haus- oder Fabrikarbeit verrichten. Und wenn sie kleine Kinder haben, müssen sie dieselben ebenfalls dreimal sorgfältiger ankleiden, als dies notwendig wäre, wenn die Kinder daheim essen würden.«

»Bei dem Kochen in den großen Speisehäusern,« fuhr Forest fort, »wird erfahrungsgemäß mit den Stoffen nicht gespart, und ich glaube deshalb, daß die Massenkocherei durchaus nicht billig ist. Ferner müssen diese großen Kosthäuser einen langen Speisezettel zusammenstellen, und je mannigfacher die Kost, desto größer ist auch die Menge der Überbleibsel, welche nicht mehr verwendet werden können. -- Aus den angeführten Gründen haben die verheirateten Frauen, welche Mitglieder des Arbeiterheeres sind, in der That wenig Zeit, außer der Haushaltungsarbeit viel zu schaffen, und die Mehrheit derselben würde lieber zu Hause kochen. Sie könnten dann, während sie mit ihrem Haushalte beschäftigt sind, die Mahlzeiten bereiten, ohne damit mehr Zeit zu verlieren, als jetzt mit dem Umziehen für die gemeinschaftlichen Abfütterungen. Besonders die Familien mit vielen Kindern würden lieber zu Hause kochen. Auch bei Krankheit in der Familie ist es eben so schwierig, wie umständlich, in den großen Koch- und Abfütterungsanstalten geeignete Kost für die Kranken zu erlangen. Eine Frau Hosmer sagte mir vor einigen Tagen, daß sie und ihre sieben Kinder schon um manche Mahlzeit gekommen sind, weil es ihr nicht immer möglich war, sich selbst und ihre sieben Kleinen rechtzeitig frisch umzukleiden und zu waschen.«

»Wie beschäftigen Sie die verheirateten Frauen?« fragte ich.

»Dies ist ein wunder Punkt in unserer vielgepriesenen gesellschaftlichen Ordnung,« antwortete Forest. »Die meisten verheirateten Frauen finden an der Thätigkeit im Arbeiterheere durchaus kein Gefallen und suchen sie auf jede Weise zu vermeiden. Die Arbeit, welche die Kinder veranlassen, und persönliches Unwohlsein werden am häufigsten als Entschuldigungsgrund geltend gemacht für die Abwesenheit der verheirateten Frauen von ihren Stellungen im Arbeiterheere.«

»Ich glaube, daß es selbst für einen Arzt sehr schwierig ist, festzustellen, ob die vorgebrachten Entschuldigungen begründet sind, oder nicht,« bemerkte ich.

»Ganz gewiß. In den meisten Fällen ist es für den Arzt unmöglich, die Frauen zu beschuldigen, daß sie Unwohlsein heucheln und diese Beschuldigung zu erweisen,« fuhr Herr Forest fort. »Diese Schwierigkeiten, welche die verheirateten Frauen veranlassen, und die Thatsache, daß die Sorge für ihre kleinen Kinder Frauen oft jahrelang verhindert, im Arbeiterheer Dienst zu thun, -- diese Umstände werden von den radikalen Kommunisten zur Unterstützung ihrer Forderung geltend gemacht, daß die Familienhaushaltung ganz abgeschafft werden müsse. Die Radikalen behaupten, daß ihr System ein viel gedeihlicheres sein würde, als das unsrige. Es würde viel billiger sein, Hunderte oder Tausende in einem Gebäude unterzubringen und zu beköstigen, als Häuser zu unterhalten, in welchen nur eine, zwei oder drei Familien wohnen können. Sie behaupten ferner, daß nach Beseitigung der Ehe und nach der Einführung der »freien Liebe« als Gesetz zur Regelung des geschlechtlichen Umganges die flüchtigen Verbindungen von Mann und Weib bessere Nachzucht liefern würden, als die Ehe. Diese Kinder würden in großen Kinderbewahranstalten untergebracht werden, so daß die Mütter, von der Kinderpflege befreit, den ganzen Tag dem Dienste des Arbeiterheeres widmen könnten.«

»Wie gemein!« rief ich. »Alle menschlichen Einrichtungen, die Beziehungen beider Geschlechter zu einander, sollen wir nur auf die Berechnung gründen, was sich am besten bezahlt! Und wir sollen die Kinder von der Mutter trennen, nur weil es billiger ist, die jungen »Zweihänder« hundertweise aufzufüttern, obschon bei der Massenaufzucht die Sterblichkeit unter denselben zehn oder zwanzig Prozent größer wäre.«

»Dennoch sind die Radikalen die folgerichtigen Denker unter den Kommunisten,« sagte Forest. »Der Grundstein, auf welchem der Kommunismus ruht, ist die Gleichheit. Sie können die Forderung, daß die Arbeitsergebnisse gleichmäßig geteilt werden sollen, nur mit der Behauptung rechtfertigen, daß wir alle gleich sind, und wenn wir es sind, dann liegt kein Grund vor, weshalb wir in Häusern von verschiedener Größe und Bauart leben, weshalb wir uns nicht gleichmäßig kleiden und dieselben Gerichte essen sollen. Wenn wir alle gleich sind, dann hat jedermann ein ebenso gutes Recht auf die Liebe eines Mädchens, als jeder andere Mann und eben so hat jedwedes Mädchen einen ebenso guten Anspruch auf die Liebe eines Mannes, als das andere. Und es giebt keinen Grund, weshalb in einem kommunistischen Staatswesen das eine Kind mehr Abwartung haben sollte, als das andere, und weshalb die eine Mutter mehr Zeit bei ihrem Kinde verbringen sollte, als die andere, -- dadurch kostbare Augenblicke vertrödelnd, welche der Gesamtheit gehören und zum Kartoffelschälen nützlich verwendet werden könnten. -- Die Radikalen sind die allein waschechten Kommunisten.«

»Es kann doch nicht wohl jedes Mädchen alle Männer lieben und heiraten; ebenso wenig wie jeder Mann alle Mädchen lieben und heiraten kann,« warf ich ein, etwas belustigt durch den grimmigen Hohn Forests, obschon ein tiefempfundener Widerwille gegen die von den Radikalen gepredigten scheußlichen Grundsätze meine Heiterkeit nicht recht aufkommen ließ.

»Unsere radikalen Weltbeglücker sind bis jetzt nicht imstande gewesen, es mir ganz klar zu machen, wie sie die »freie Liebe« regeln wollen, falls von einer Regelung derselben überhaupt die Rede sein kann,« antwortete Herr Forest. »Wahrscheinlich wird die Schwierigkeit, diese Frage völlig zu beleuchten, durch den Umstand erklärt, daß die Weltbeglücker untereinander noch nicht klar darüber sind, wie frei die »freie Liebe« sein soll. Einige Radikale scheinen geneigt zu sein, ein Zusammenleben zweier Personen beiderlei Geschlechts so lange zu dulden, wie die Neigung der beiden füreinander währt. Die wahrhaft aufgeklärten und folgerichtig denkenden Kommunisten können aber eine dauernde Verbindung nicht dulden, da sie in schroffem Widerspruch zu unserem Grundsatze der unbedingten Gleichheit steht. Wahrscheinlich werden sie sich dahin einigen, daß man sich täglich neu begattet und, damit beide Geschlechter gleichgestellt werden, kann man den Frauen das Recht der Auswahl an jedem Montag, Mittwoch und Freitag, den Männern an jedem Dienstag, Donnerstag und Sonnabend geben. Die Sonntage werden vielleicht aus Höflichkeit noch den Damen zugestanden. Und um alle Streitigkeiten für den Fall zu vermeiden, daß eine Anzahl von Menschheitsbeglückern dasselbe Mädchen wählt, oder daß mehrere Jungfrauen und Frauen denselben Zeitgenossen heiraten wollen, kann man Lotterien veranstalten oder die Reihenfolge »auskegeln«. Auch durch Skatspiel oder Würfeln läßt sich die Reihenfolge feststellen. So wird man allen gerecht!«

»Ich kann mir nicht vorstellen,« sagte ich, »wie Männer, welche das freie Denken als ein besonderes Vorrecht in Anspruch nehmen möchten, solche viehische Lebensgrundsätze entwerfen und dieselben als fortschrittlich der Menschheit empfehlen können. Das Schicksal der Frauen würde in der That beklagenswert werden, wenn diese Grundsätze jemals den Sieg erringen sollten. »Freie Liebe« müßte die Stellung der Frauen erniedrigen, weil sie dem Manne der alternden Frau das Recht geben würde, sich von dieser zu trennen. Die Menschheit im allgemeinen aber wäre zu beklagen, wenn die Pflege der Kinder den Müttern entrissen und andern Menschen anvertraut werden sollte.«

»Ich würde es als den furchtbarsten Schlag ansehen, der jemals gegen die Menschheit geführt wurde,« entgegnete Forest, »wenn die Pflege und die erste Erziehung der Kinder ihren Müttern entrissen werden sollte. Keine Frau, kein Mann, wie gut und edel sie auch sein mögen, können für ein fremdes Kind die unendliche Liebe und Geduld hegen, welche das Elternherz erfüllen. Die Gefühle, welche Mann und Frau, sowie die Familie verbinden, sind selbst von den kommunistischen Gesetzgebern bisher geachtet worden. Die Menschheit wird in Barbarei zurückfallen an dem Tage, an welchem die Familie zerstört, die Mutter vom Kinde und der Mann von der Frau getrennt wird. Man raube der Ehe den veredelnden Einfluß, welchen das gemeinschaftliche Tragen von Freud und Leid, der beständige Austausch aller Gedanken und Gefühle den Beziehungen beider Geschlechter zu einander verleiht, und man wird den Verkehr von Mann und Frau zu einem wesentlich tierischen erniedrigen. Viele der besten Eigenschaften aller Menschen können wir zurückverfolgen zu ihrer Quelle: der unendlichen Liebe und Geduld unserer Mütter in ihrem Bestreben, die geliebten Kinder zu guten und tüchtigen Menschen zu erziehen. Fast alle großen Männer hatten gute Mütter. Nichts auf Erden kann dem Kinde den Verlust der Mutter ersetzen; nichts könnte die Menschheit für den wohlthätigen Einfluß entschädigen, welchen die Mütter auf die heranwachsenden Geschlechter ausüben.«

»Glauben Sie, daß Ihre Radikalen jemals Macht genug erlangen werden, um die Mütter entthronen und die Ehe abschaffen zu können?« fragte ich mit einiger Neugierde.

Forests Antwort lautete freudiger und zuversichtlicher als irgend eine Äußerung, welche ich bisher von ihm gehört hatte.

»Die Radikalen mögen sich erheben und die jetzige Regierung niederwerfen; sie mögen mancherlei vollbringen, ohne viel Widerstand bei den Massen zu finden, welche das jetzige System nur eben dulden und für dessen Verteidigung keine großen Anstrengungen machen werden. Aber unsere radikalen Weltverbesserer würden sehr unangenehme Überraschungen erleben, wenn sie es versuchen wollten, den Mann von seinem Weibe, die Mutter von ihrem Kinde zu trennen. Fast jede Mutter wird wie eine Löwin um ihre Kleinen kämpfen, und ich kenne einen Mann, der keinen Strohhalm opfern möchte, um die Niederlage der jetzigen Regierung zu hindern, der aber bis zum Tode kämpfen würde, ehe er sich von dem Weibe seines Herzens trennen ließe. Denn ein gutes, liebendes Weib ist das Höchste, was Gott dem Manne gewähren kann, und kein Mann von Mut und Ehre wird sich sein Weib rauben lassen, so lange noch ein Tropfen Blut warm durch seine Adern rollt.«

Sechstes Kapitel.

»Nun, Herr Forest,« sagte ich, als ich wiederum mit meinem Vorgänger in der Professur zusammentraf, »teilen Sie mir doch freundlichst mit, wie groß das Jahreseinkommen jedes Bewohners der Ver. Staaten von Amerika ist.«

»Das Einkommen wurde letztes Jahr auf 204 Dollars berechnet,« antwortete Forest.

»Zweihundertundvier Dollars sagen Sie?« rief ich erstaunt. »Ist das Alles? Nach den Angaben des Dr. Leete und nach seiner Lebensweise hatte ich angenommen, daß der Betrag mindestens dreimal so groß sein müßte.«

Forest lächelte. »Wie hoch war das durchschnittliche Jahreseinkommen der Bewohner der Ver. Staaten zu Ihrer Zeit?« fragte er.

Ich mußte gestehen, daß ich keine Vorstellung davon hatte.

»Es betrug 165 Dollars,« sagte Herr Forest, »doppelt so viel, wie das Durchschnittseinkommen der Bewohner Deutschlands und Frankreichs.«

Ich wurde durch diese Zahlenangaben ganz verwirrt. Ich hatte mich niemals mit volkswirtschaftlichen Übersichten beschäftigt und jährlich wohl zwanzigmal 165 Dollars verausgabt. Ich erinnerte mich nur, einmal in den Zeitungen gelesen zu haben, daß der Jahresverdienst aller arbeitenden Männer, Frauen und Kinder sich auf mehr als vierhundert Dollars beliefe und ich hatte eine dunkle Vorstellung, daß das Jahreseinkommen der Männer durchschnittlich etwa 600 Dollars war. Ich teilte dies Herrn Forest mit.

»Sie haben bei Ihrer Berechnung die Frauen und Kinder nicht berücksichtigt, welche nichts verdienten, sondern von dem Einkommen ihrer Gatten, Väter oder Brüder lebten,« erklärte Forest. »Ein Jahreseinkommen von 204 Dollars für alle Männer, Frauen und Kinder würde demnach eine erhebliche Zunahme des Volksreichtums anzeigen, wenn die Zahl richtig berechnet wäre. Das ist aber nicht der Fall. Um den Volkswohlstand recht groß erscheinen zu lassen, wird der Wert aller Arbeitserzeugnisse viel höher angegeben, als in Ihren Tagen. Die natürliche Folge ist, daß die Kaufkraft des Dollars auf unseren Guthabensscheinen geringer ist, als der des Dollars zu Ihren Zeiten. Ich habe die Preise aller Lebensbedürfnisse und Luxusgegenstände in den Jahren 1900 und 2000 miteinander verglichen und gefunden, daß die Preissteigerung sich auf nahezu 95 Prozent beziffert. Das wirkliche Jahreseinkommen unserer Bevölkerung beläuft sich demnach nur auf etwa 112 Dollars; es hat also nicht um 24 Prozent zugenommen, sondern ist um 33 Prozent geringer geworden.«

»Wie erklären Sie diese auffälligen Angaben?« fragte ich.

»Diese Frage ist leichter gestellt, als beantwortet,« meinte Forest.

»Ich bin sehr gespannt auf Ihre Erklärung,« bemerkte ich. »Dr. Leete hat so viele annehmbare Gründe gegeben für die »Armut, welche die Folge unseres absonderlichen Wirtsschaftssystems war,«[29] daß ich von dem größeren Reichtum Ihres Volkes ganz überzeugt wurde. Er erwähnte die häufigen »verfehlten Unternehmungen« im neunzehnten Jahrhundert, den »Verlust durch Konkurrenz«, die »periodische Überproduktion« von Werten aller Art, mit darauffolgenden Arbeitsstockungen, den Verlust, »den die Nichtbeschäftigung von Kapital und von Arbeitskraft zu allen Zeiten verursacht«[30] und er hob besonders hervor, daß von fünf Unternehmungen im neunzehnten Jahrhundert vier fehlschlugen, »ehe eine erfolgreiche kam.«[31]

»Ja! Ich kenne die Ansichten und Gründe, welche Dr. Leete geltend macht, aus seinen gelegentlichen Reden, sowie aus den Aufsätzen, die er zuweilen für Regierungszeitungen liefert,« entgegnete Forest. »Und er hat unzweifelhaft noch andere Ursachen geltend gemacht, welche die Arbeit Ihrer Zeit schädigten. Wahrscheinlich hat er Sie auch aufmerksam gemacht auf die Kosten, welche das Heer und die Flotte veranlaßten, sowie die Zoll- und Steuerbeamten, die Steuereinschätzer und Einnehmer, die vielen Richter und andere Beamte, welche Sie brauchten. Er wird auf die viele Arbeit verwiesen haben, welche das Waschen und Kochen in den einzelnen Haushaltungen verursachte, sowie auf die große Anzahl von Zwischenhändlern, welche die Waren durch ihre Hände gehen ließen, ehe die Arbeitserzeugnisse von den Arbeitern zu denjenigen gelangten, welche sie gebrauchten. Und Dr. Leete wird auch die Rechtsanwälte, Bankiers, sowie deren Gehilfen erwähnt haben, welche zwar in ihrer Art arbeiteten, aber keine Werte hervorbrachten. Alle die Arbeitskräfte, welche in jenen Berufszweigen beschäftigt waren, sind jetzt dem Arbeiterheere einverleibt worden.«

»In der That,« sagte ich, »Dr. Leete hat die meisten Ursachen für die Armut unseres Zeitalters, welche Sie da namhaft machten, mir aufgezählt. Und da jene Übel jetzt wegfallen, erscheint es mir ganz natürlich, daß unter Ihrem Arbeitssystem das durchschnittliche Jahreseinkommen des Volkes ein größeres sein muß, und es wundert mich nur, daß die Zunahme des Wohlstandes nicht noch größer ist.«

»Ich werde keine Zeit damit verschwenden,« begann Forest wieder, »eine eingehende Untersuchung darüber anzustellen, wie groß der Verlust war, welcher aus all' jenen Ursachen für die Arbeit des neunzehnten Jahrhunderts entstand. Es scheint mir aber, daß Sie die Wirkung derselben überschätzen. Unglückliche Spekulationen schädigten beispielsweise allerdings die Unternehmer, aber in den meisten Fällen erzeugten sie doch Werte, welche den Volksreichtum vermehrten und schließlich anderen zu gute kamen. Der »wahnsinnige Wettbewerb« dagegen machte die Waren billiger, vermehrte dadurch deren Verbrauch und dadurch wieder deren Herstellung und gereichte somit der Menschheit doch auch wieder zum Nutzen. Die Behauptung, daß vier Unternehmungen im neunzehnten Jahrhundert fehlschlugen, ehe eine Erfolg hatte, ist eine jener Angaben des Dr. Leete, welche der vereinte Glaube von zehn der stärksten Männer nicht verdauen könnte. Sie müssen selbst am besten beurteilen können, daß das eine unsinnige Übertreibung ist.«

»Die Ersparnisse, welche aus dem gemeinschaftlichen Kochen entstehen, haben wir bereits untersucht,« fuhr Forest fort. »Wenn in der That ein Vorteil daraus entsteht, so ist er in den Städten gering, auf dem Lande noch geringer und keinenfalls bietet er Entschädigung für den Verlust an häuslichem Behagen, welcher daraus entsteht. Ferner müssen wir berücksichtigen, daß viele Richter, Rechtsanwälte, Bankiers, Beamte und Zwischenhändler, sowie deren Gehilfen Männer waren, welche das einundzwanzigste Lebensjahr noch nicht erreicht, oder das fünfundvierzigste Lebensjahr bereits zurückgelegt hatten. Diese Leute, welche außerhalb des Dienstalters des Arbeiterheeres standen, sind also abzurechnen von denjenigen, deren unproduktive Thätigkeit als ein Verlust angesehen werden muß.«

»Dennoch müssen die Verluste, welche aus schlecht angelegtem Kapital und schlecht geleisteter Arbeit, sowie aus vielen andern Ursachen entstanden, ganz ungeheuer gewesen sein,« sagte ich. »Und diese Verluste machen die große Armut des Volkes am Ende des vorigen Jahrhunderts sehr erklärlich.«

»Unzweifelhaft würde dem so sein,« meinte Forest, »wenn nicht andere Ursachen für eine Abnahme unserer Leistungsfähigkeit wirksam wären. Aber solcher Ursachen giebt es mehrere und Sie werden deren Tragweite wohl erkennen, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache. Die Hauptursache, welche den beständigen Rückgang in der Menge, wie in der Güte unserer Arbeitserzeugnisse verschuldet, liegt in der Beseitigung des Wettbewerbes. Diese Riesenkraft war es, welche während der ersten neunzehn Jahrhunderte christlicher Civilisation jedermann antrieb, seine besten Geistes- und Körperkräfte einzusetzen. Seit aber der Kommunismus eingeführt worden ist, seitdem der faulste Arbeiter ebenso viel erhält, wie der fleißigste, d. h. seitdem der Fleißige zu Gunsten des Faulen um einen Teil seiner Arbeitsergebnisse beraubt wird, seitdem jedermann sicher ist, einen gleichen Anteil von den Arbeitsergebnissen zu erhalten, gleichviel ob er viele und gute, oder wenige und schlechte Arbeit geliefert hat, -- seitdem werden die Massen des Volks von Jahr zu Jahr gleichgültiger und träger. Sie setzen nicht mehr ihre besten Kräfte ein, um gute und viele Arbeit zu liefern. Sie machen sich das Leben bequem. Die geistigen wie die körperlichen Fähigkeiten sind in beständiger Abnahme begriffen. Das Volk der Ver. Staaten, einst berühmt wegen seiner Findigkeit und Thatkraft, entartet. Die Beförderung der Tüchtigsten hätte vielleicht als Sporn dienen können, hätte nicht die Günstlingswirtschaft der Politiker alle guten Stellungen für die Verwandten jener Wahlzutreiber in Anspruch genommen, welche die Helfershelfer der Regierung sind.«

»Ein anderer Grund für die Abnahme des Volkswohlstandes ist die Verkürzung der Arbeitszeit, sowohl der Jahre, wie der täglichen Arbeitsstunden. Es ist sehr schwierig festzustellen, wie viele Menschen beiderlei Geschlechts in den verschiedenen Lebensaltern zu Ihrer Zeit in nutzbringender Thätigkeit beschäftigt waren. Die letzte Volkszählung, welche in den Ver. Staaten veranstaltet wurde, ehe Sie in Ihren hundertjährigen Schlaf fielen, fand im Jahre 1880 statt. Der Bericht ist ein sehr ausführlicher sowohl in Bezug auf die Zahl der Leute verschiedenen Lebensalters, sowie auch in Hinsicht auf ihre Abstammung u. s. w. Aber in Bezug auf das Alter der Arbeiter giebt der Bericht nur drei Abteilungen. Die erste umfaßt alle Leute unter 15 Jahre, die zweite alle Menschen zwischen 16 und 59 und die dritte alle Arbeiter über 60 Jahre. Von Mädchen und Knaben unter 15 Jahren wurden 1 118 356 beschäftigt; im Alter von mehr als 60 Jahren 1 004 517 Leute, von welchen 70 873 Frauen waren. Von 50 155 783 Bewohnern der Ver. Staaten gehörten nicht weniger als 17 392 099 dem Arbeiterheere an, wovon 2 647 157 weiblichen Geschlechts waren, die Dienstmädchen eingerechnet.«

»Ich erinnere mich, diese Zahlen gelesen zu haben,« bemerkte ich.

»Der Census von 1880 zeigt also, daß über 12 Prozent der Bevölkerung in den Ver. Staaten, welche zur Arbeiterarmee gehörten, unter 15 oder über 60 Jahre alt waren,« rechnete Forest weiter. »Das ist allerdings ein recht trübseliger Ausweis. Mädchen und Knaben unter 15 Jahren sollten noch Schulen besuchen und Leute, welche das sechzigste Lebensjahr zurückgelegt haben, sollten ein genügendes Auskommen besitzen und nicht mehr zur Arbeit gezwungen sein. Darüber kann aber kein Zweifel bestehen, daß am Ende des letzten Jahrhunderts das Arbeiterheer verhältnismäßig viel stärker war, als es heute ist. Denn nach der Zählung von 1880 lebten in den Ver. Staaten 15 527 215 Menschen im Alter von 21 bis 45 Jahren, das Arbeiterheer zählte aber 17 392 099 Menschen; mithin beschäftigten Sie 2 173 184 Leute mehr, als sich in dem Alter befanden, welches wir zum dienstpflichtigen gemacht haben. Dabei wäre denn angenommen, daß alle Leute, welche sich bei uns im dienstpflichtigen Alter befinden, auch wirklich Dienst thun; was aber bekanntlich nicht der Fall ist. Denn die Kranken, die Blödsinnigen, die Krüppel, die Mütter kleiner Kinder und andere verrichten keine Arbeit im Heere. Sie werden hiernach zugestehen müssen, daß Ihre Zeitgenossen eine verhältnismäßig viel größere Arbeiterarmee aufstellten, als wir dies thun.«

»Das scheint mir unbestreitbar zu sein,« antwortete ich.