Ein Blick in die Zukunft Eine Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy
Part 5
»Eine Besserung in der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten ist nicht in Abrede zu stellen; aber diese Besserung ist nicht sehr wesentlich. Es hat in Wirklichkeit nur ein Wechsel der Beamten, nicht aber eine Änderung des Systems stattgefunden. Günstlingswirtschaft, Bestechlichkeit und Sittenverderbnis haben etwas abgenommen; aber sie sind nicht ausgerottet worden. Sie wuchern im Gegenteile noch immer viel zu üppig. -- Gerade diejenigen Leute, welche sich vor zwölf Jahren im Kampfe besonders hervorthaten, mit Begeisterung die Erwählung der jetzigen Parteiführer betrieben, weil sie von denselben die Reinigung unseres öffentlichen Lebens und die Abstellung aller Übelstände erhofften; gerade diese Leute haben jetzt alle Hoffnung aufgegeben, daß unter dem Kommunismus eine gerechte und ehrliche Regierung überhaupt bestehen könnte. Jener Wahlsieg hat also, eben weil er im wesentlichen nur auf einen Personenwechsel hinauslief, das Vertrauen des Volkes auf eine Besserung der Zustände unter dem jetzigen System vernichtet. Mithin hat der Sieg mehr geschadet, als genützt. Der stärkste und verläßlichste Bestandteil unserer Bevölkerung in einem Kampfe für vernünftige Regierungsgrundsätze würden unsere Bauern sein; aber trotz ihrer großen Zahlen bilden sie nur eine Zunft. Sie haben nur einen General und einen Abteilungsvorsteher stets in der Minderheit. Und weil sie Gegner der jetzigen Regierung sind, werden sie nicht so gut behandelt, wie die Mitglieder der anderen Zünfte.«
»Erhalten die Bauern nicht dieselben Guthabensscheine wie alle anderen Bürger?«
»Allerdings; aber sie beklagen sich, daß sie die schlechtesten Waren erhalten und nicht den vollen Anteil an öffentlichen Einrichtungen oder Verbesserungen. Sie behaupten, daß sie beständig zurückgesetzt werden. -- Die Bauern würden die verläßlichsten Kämpfer gegen die Radikalen sein; aber die Behandlung, welche ihnen von seiten der Regierung zu teil geworden ist, hat sie so mißvergnügt gemacht, daß bei einem Kampfe für die Aufrechterhaltung der jetzigen Regierung, oder auch nur des jetzigen Systems, durchaus nicht auf sie zu rechnen ist. Besonders klagen die Bauern darüber, daß die Städter bei Anlage von Theatern, Musikhallen und anderen Vergnügung- und Erholungsplätzen entschieden bevorzugt würden. Es ist natürlich unmöglich, an jedem Kreuzwege im Lande ein Theater oder eine Konzerthalle zu bauen: aber wenn die Bevölkerungszahl in Stadt und Land in Betracht gezogen wird, so muß zugegeben werden, daß die Bauern im Verhältnis zu ihrer Zahl recht kümmerlich bedacht werden. Die Regierung rechnet auf die Unterstützung der Stadtleute und solcher Zünfte, welche hauptsächlich aus Städtern gebildet werden; deshalb werden die Städter auf Kosten der Bauern bevorzugt. Eine andere Klage der Bauern geht dahin, daß sie bei der Austeilung der Waren übervorteilt worden. Infolge des wechselnden Geschmacks, des jahreszeitwidrigen Wetters und verschiedener anderer Ursachen bleiben in den Warenhäusern oft Reste liegen, welche »mit Verlust verkauft« werden müssen.[24] Diese Waren kann die Regierung verkaufen, wann sie will, d. h. wann sie meint, die besten Preise dafür erhalten zu können. Die Regierung kann aber auch allein darüber bestimmen, welche Waren zu herabgesetzten Preisen verkauft werden sollen. Nun behaupten die Bauern, daß verlegene, unmoderne und schlechte Waren den Landbewohnern als neu aufgeschwindelt werden; während Begünstigte Waren zu herabgesetzten Preisen erhalten, die ganz neu und fehlerlos sind. -- Ich will durchaus nicht behaupten, daß alle Klagen unserer Bauern begründet sind. Teilweise mag dies nicht der Fall sein. Aber die Klagen an sich sind ein Beweis der Unzufriedenheit und sie sind nur möglich, weil unsere Regierung mit einer Machtvollkommenheit bekleidet ist, welche in der Geschichte der Menschheit unerreicht dasteht. Es ist das System, welches alle diese Übelstände erzeugt.«
»Bestehen außer der radikalen und der Regierungspartei noch andere Organisationen, welche nach der Leitung der Staatsangelegenheiten streben?«
»Wir haben eine Temperenzpartei, welche sehr thätig und gut organisiert ist; aber dieselbe sucht nur innerhalb der Regierungspartei und durch diese zur Macht zu gelangen. Die Regierung zeigt keine Feindseligkeit gegen die Mitglieder dieser Fraktion, sondern läßt sie gewähren. Bisher haben sie keine nennenswerten Erfolge errungen.«
»Ich sehe wohl, daß Sie der jetzigen Gesellschaftsordnung nicht viel Anerkennung zu teil werden lassen für irgend etwas, was unter ihr geschehen ist. Aber glauben Sie denn nicht, daß die Beseitigung der Armut, die Erhebung aller Menschen auf den Standpunkt annähernder Gleichheit große und unschätzbare Errungenschaften des Menschengeschlechtes darstellen? Ich entsinne mich nur zu wohl der unsagbaren Leiden, welche die Armen meiner Zeit zu erdulden hatten. Ich bin nicht genügend mit der jetzigen Ordnung der Dinge vertraut, um alle Ihre Mitteilungen und Ansichten gutheißen oder ihnen widersprechen zu können. Aber ich betrachte die gänzliche Beseitigung der Armut als eine so großartige Errungenschaft, daß ich trotz Ihrer Verdammung des jetzigen Systems die Hoffnung nicht aufgebe, es werde der jetzigen Gesellschaft gelingen, die Unzulänglichkeiten zu überwältigen, welche von allen menschlichen Anstrengungen und Einrichtungen unzertrennlich sind.«
»Mein verehrter Herr West, es freut mich außerordentlich wahrzunehmen, daß Sie in Ihren letzten Äußerungen zur Verteidigung des Kommunismus dieselben Gründe vorführen, welche zu Ihrer Zeit die Verteidiger Ihrer Gesellschaftsform gegen die Kommunisten geltend machten. Es beweist das einfach zweierlei: Erstens, daß uns unter Gottes Sonne auf der Erde nichts vollkommen ist und zweitens, daß auch jede Regierung das zugestehn muß. Die Abschaffung der wirklichen Armut hätte, wie ich später über jeden Zweifel hinaus beweisen werde, auch ohne den Rückfall in den Kommunismus durchgeführt werden können. Dadurch wären uns die schauderhaften Folgen dieser elenden Gesellschaftsform erspart worden. Die Thatsache, daß die Regierungsbeamten die im Arbeiterheere stehenden Freunde ihrer Gegner wie Sklaven behandeln können und daß selbst solche Freunde von Gegnern der Regierung, die sich durch Tüchtigkeit bereits emporgearbeitet hatten, bei der jährlichen Neueinteilung in die zweite Abteilung des dritten Grades zurückversetzt werden können, die Günstlingswirtschaft, welche die Regierung eingeführt hat, haben eine unerhörte Schmeichelei, Knechtschaffenheit, Verläumdungssucht und Verderbtheit großgezogen. Nie hat es in der Geschichte der Amerikaner eine Zeit gegeben, in welcher im öffentlichen wie im geschäftlichen Leben so wenig Unabhängigkeitssinn und Mannhaftigkeit zu Tage traten. Als vor zweihundertunddreißig Jahren England den Versuch machte, eine Theesteuer einzuführen, da erhoben sich die Amerikaner in Waffen, weil sie nicht gesonnen waren, der Regierung die Auferlegung einer Steuer zu gestatten, so lange die Amerikaner keine Vertretung in dem Parlamente hatten, welches diese Steuer ausschrieb. Heute verfügt die Regierung über die Arbeit aller Männer und Frauen während vierundzwanzig langer Jahre, ohne daß der Blüte des amerikanischen Volks auch nur eine Gelegenheit gegeben würde, darüber abzustimmen, wie die Regierung die Arbeit derjenigen leiten soll, welche alles das erzeugen, wovon das ganze Volk lebt! Diese elende Sklaverei, welche nie zuvor unter #civilisierten# Völkern bestanden hat, kann nicht lange mehr dauern. Sie wird in einem Meere von Blut untergehen. Denn wahr ist das Wort Schillers:
Vor dem Sklaven, wenn er die Ketten zerbricht; Vor dem freien Manne erzittere nicht.
Fünftes Kapitel.
Aus einem Himmel des Friedens und der Freude, aus einem nur von guten Menschen bewohnten Idealstaate, hatte Forest mich hinabgestürzt in das tiefe, dunkle Meer des Zweifels und des Trübsinns.
Dr. Leete und dessen Familie entging natürlich mein gedrücktes, verstörtes Wesen nicht und während der Doctor offenbar darauf wartete, daß ich aufs neue mit ihm soziale Fragen besprechen würde, suchte Edith mich zu trösten. Sie schien zu glauben, daß das Fremdartige meiner Umgebungen und meiner neuen Stellung einen geistigen Druck auf mich ausübe.
Ich vermied indessen eine Erklärung. Ich hatte beschlossen, meine Unterredungen mit Herrn Forest fortzusetzen, mir aber durch Prüfung der Zustände eine eigne, klare Meinung zu bilden. Denn nur durch eigne Anschauung konnte ich zu einem selbständigen Urteil darüber gelangen, wie weit Dr. Leetes und wie weit Forests Darstellung die richtige sei.
Deshalb schlenderte ich, wenn ich nach der Universität ging, oder von dort zurückkehrte, die Straßen entlang und sprach mit allen Leuten, die ich kennen lernte. Es erschien mir höchst befremdend, daß alle sehr zurückhaltend wurden, ja ängstlich und mißtrauisch erschienen, sobald ich an sie Fragen stellte über die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten, über die Grundsätze, auf welchen unser Staatswesen ruht, über das Benehmen der Offiziere, über die Verwaltung der Warenlager, sowie darüber, ob das Volk sich glücklich fühle oder nicht.
Selten wurde mir eine entschiedene Antwort zu teil, aus welcher ich auf freudige Zufriedenheit oder auf grollende Unzufriedenheit schließen konnte. Nur einige Radikale sprachen sich in den allerstärksten Ausdrücken gegen die jetzige Ordnung der Dinge aus, sowie gegen die höchsten Beamten des Landes, und einige Frauen wurden so weit mitteilsam, daß sie erklärten, sie fänden an der Arbeit in den Fabriken gar keinen Gefallen.
Aber obschon die Leute im allgemeinen sehr zurückhaltend in dem Kundgeben ihrer Stimmungen und Meinungen waren, so wurde es mir doch klar, daß Zufriedenheit in dem Garten des Kommunismus eine ebenso seltene Pflanze ist, wie sie es vor 113 Jahren in den Ver. Staaten war. Das rohe Schelten der Radikalen gegen die höchsten Beamten des Landes konnte mich natürlich nicht überzeugen, daß die erhobenen Beschuldigungen begründet wären. Bemerkenswert erschien es mir aber, daß die Frauen und Männer des Arbeiterheeres, mit welchen ich über jene Anklagen sprach, sich auf keine Verteidigung der Angegriffenen einließen. Sie wollten es offenbar vermeiden, irgendwo anzustoßen, so lange sie nicht von ihren Vorgesetzten aufgefordert wurden, für die Regierung einzutreten.
So drängte sich mir die Überzeugung auf, daß auch die Gütergemeinschaft nicht die allgemeine Glückseligkeit und Zufriedenheit geschaffen hatte, welche ich nach den Schilderungen des Dr. Leete zu finden hoffte. Aber ich war zu der Annahme geneigt, daß die Leute im allgemeinen recht angenehm lebten, ohne große Sorgen, nicht gerade besonders zufrieden mit ihrem Lose, aber auch nicht entschlossen, den Stand der Dinge zu ändern. Es schien mir ferner, als ob die Masse des Volkes geistig träge und schwerfällig wäre, als ob nur wenige an irgendwelchen Dingen regen Anteil nähmen.
Eines Tages, als ich nach einem Spaziergange durch die Straßen Bostons nach Dr. Leetes Haus zurückgekehrt war und den Hausflur betreten hatte, hörte ich aus einem anstoßenden Zimmer, dessen Thür offen stand, eine in sehr lautem Tone geführte Unterhaltung. Schon die ersten Worte fesselten unwillkürlich meine Aufmerksamkeit. Sie wurden von einer tiefen, vor Erregung zitternden Stimme gesprochen und lauteten:
»Fräulein Edith hat mich zur Fortsetzung meiner Besuche ermutigt.«
»Wir alle sind immer erfreut, Sie bei uns zu sehen, Herr Fest,« antwortete Dr. Leete. »Wir alle haben Sie eingeladen, Ihre Besuche zu wiederholen.«
»Allerdings haben Sie das gethan; aber Sie verstehen wohl, was ich meine,« fuhr die Stimme fort. »Ich bin so oft in Ihr Haus gekommen und habe heut Fräulein Edith gefragt, ob sie mein Weib werden will, weil Ihre Tochter meine Hoffnung, ihre Liebe zu gewinnen, ermutigt hat. Jetzt aber wird mir in kühler Weise eröffnet, daß ich mich irrigen Hoffnungen hingegeben habe und ich sehe meinen Verdacht bestätigt, daß der Bostoner des neunzehnten Jahrhunderts, den Sie aus einem Keller in Ihrem Garten ausgraben ließen, der Mann ist, den Fräulein Edith allen andern vorzieht -- selbst demjenigen, den sie bis vor einigen Tagen ermutigte.«
»Herr Fest, ich wünsche, daß Sie die Bildung und Gesittung des zwanzigsten Jahrhunderts mit mehr Anstand vertreten, wenn Sie von meiner Tochter und von meinem Gaste sprechen,« sagte Dr. Leete etwas erregt.
»Natürlich muß ich vor allen Dingen den Anstand bewahren, nachdem ich durch herzlose Koketterie ein Jahr lang genarrt worden bin und nun die Entdeckung mache, daß das Mädchen, welches ich liebe, mir ein 143 Jahr altes Menschenkind vorzieht,« sagte Fest bitter und höhnisch.
»Wie können Sie nur so beleidigende, unwahre Reden führen!« rief Edith in zorniger Aufregung. »Niemals während unserer zehnjährigen Freundschaft ist mir der Gedanke gekommen, daß Sie andere Gefühle für mich hegen, als die eines Bruders.«
»Es ist an der Zeit, dieser Unterredung ein Ende zu machen,« erklärte jetzt Dr. Leete. »Nach den stattgehabten Erklärungen wird Herrn Fest ohne Zweifel sein Gefühl sagen, daß die bisherigen Beziehungen nicht fortgesetzt werden können.«
»Natürlich können unsere Beziehungen nicht fortgesetzt werden,« schrie Fest im höchsten Zorne. »Ich verlasse Sie jetzt und erkläre Ihnen hiermit, daß ich Ihr Haus nicht wieder in freundlicher Absicht betreten werde. Sollte ich je zurückkehren, so werde ich als Feind kommen, um Rache zu suchen für die Zerstörung meines Lebensglückes und Herzensfriedens. Hüten Sie sich vor jenem Tage!«
Die Sprache, welche dieser Mensch gegen Edith und deren Vater führte, empörte mich und, in das Zimmer tretend, sagte ich: »Bitte, sparen Sie Ihre hochtönenden Redensarten auf, bis Sie vielleicht einmal auf einem Liebhabertheater einen Bösewicht spielen und verlassen Sie sofort das Zimmer.«
Der Mann vor mir war sechs Fuß und drei Zoll hoch, hatte breite Schultern und gewaltige Fäuste. Er blickte spöttisch auf mich nieder und sagte: »Siehe da! Der ausgegrabene Greis. Diesmal will ich Sie noch schonen, altes Männchen; aber wenn Sie mir noch einmal mit unverschämten Redensarten in den Weg treten, dann stecke ich Sie in einen Sack und werfe Sie in die Massachusetts-Bay.«
Ehe ich auf diese Drohung antworten konnte, hatte Fest die Stube und das Haus verlassen.
»Wer ist der Mann?« fragte ich, mich an Dr. Leete wendend, ohne daß ich versucht hätte, mein Mißvergnügen zu verbergen.
»Er ist ein Maschinenbauer, ein sehr tüchtiger Mann in seinem Gewerbe und Hauptmann im Arbeiterheere,« erklärte der Doktor. »Seine Eltern lebten im nächsten Hause und als er ein Knabe war, pflegte er mit Edith zu spielen.«
»Wenn ich die Bildung, sowie die Umgangsformen der Offiziere des Arbeiterheeres nach den Erfahrungen dieser Stunde beurteilen wollte, dann müßte ich sagen, daß die Gesittung eher Rückschritte als Fortschritte gemacht hat,« bemerkte ich.
»Es ist ein außerordentlicher Fall von Atavismus,« erklärte Dr. Leete. »Solche Hitzköpfigkeit ist in unserem Zeitalter sehr selten und nur durch Vererbung erklärlich.«
Ich mochte diese Unterhaltung, die ein sehr unerfreuliches Ende nehmen konnte, jetzt nicht fortsetzen. Ich konnte die Betrachtung nicht unterdrücken, daß die Sitten und Umgangsformen vor 113 Jahren zwischen beiden Geschlechtern eine Linie zogen, die zwar unsichtbar, aber von jedermann anerkannt war, der eine Ahnung von Schicklichkeitsgefühl hatte und daß zu meiner Zeit kaum ein Mann den Eindruck haben konnte, daß ein Mädchen ihn ermutigt hatte, wenn dies nicht der Fall war. Ich hegte nicht den geringsten Zweifel, daß Edith sich in dieser Angelegenheit so gut benommen hatte, wie das beste Mädchen ihrer Tage. Dieser peinliche Auftritt war auch eine Folge der Gleichmacherei, welche allüberall bemerklich ist und welche wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grade die feine Scheidelinie verwischt hatte, welche vor 113 Jahren die sittlich erzogenen Mitglieder beider Geschlechter trennte. Ich erinnerte mich der Frage, welche ich einst an Dr. Leete stellte:
»Und so erklären also die Mädchen des zwanzigsten Jahrhunderts ihre Liebe?«
Worauf Dr. Leete antwortete:
»Wenn es ihnen gefällt. Sie haben nicht mehr Grund als die sie liebenden Männer ihre Gefühle zu verbergen.«[25]
Ja freilich! Wenn die Mädchen ihre Liebe ebenso erklären, wie die Männer das thun, dann muß freilich die feine Scheidelinie zwischen den beiden Geschlechtern verwischt werden.
Ein Gefühl der Unruhe, ja des Widerwillens überkam mich.
»Vielleicht wäre es doch zweckmäßig, Herrn Fest wenigstens auf einige Monate unter ärztliche Behandlung zu stellen,« sagte Dr. Leete nachdenklich. »Er befindet sich ohne Zweifel in einer hochgradigen Aufregung und es ist nicht unmöglich, daß er eine unüberlegte Handlung begeht, welche er später bereuen würde.«
»Vor hundert und dreizehn Jahren würden wir solch einen Menschen einfach unter Friedensbürgschaft gestellt haben,« sagte ich, da mir der Gedanke Entsetzen einflößte, daß ein Mann lediglich deshalb in ein Tollhaus gesperrt werden sollte, weil er im Zorne einige Drohungen ausgestoßen hatte.
»Was thaten Sie aber mit einem Manne, der trotz seiner Bürgschaft den Frieden brach?« fragte der Doktor.
»Wir bestraften ihn nach den Gesetzen, welche auf den Fall Bezug hatten; entweder mit einer Geldstrafe, mit Gefängnishaft, oder, im Falle eines Mordes, mit Tötung.«
»Wir bringen einen Mann, in welchem der Atavismus zum Durchbruch kommt, in ein Hospital, wo tüchtige Ärzte ihn so lange in Behandlung nehmen, bis sie ihn für genügend hergestellt erachten und seine Entlassung verfügen,« sagte Dr. Leete mit dem Ausdruck großer Selbstzufriedenheit und Güte, während er eine frische Havannacigarre anzündete.
»Ich glaube nicht, daß du viel wagst, Papa,« sagte Edith, »wenn du dem Manne erlaubst, seiner Berufsthätigkeit nachzugehen. Er braust schnell auf; aber er wird sich auch bald wieder beruhigen.«
»Dessen bin ich nicht so sicher,« antwortete Dr. Leete nachdenklich. »So weit ich ihn kenne, sind seine Gefühle, wenn einmal erregt, tief und nachhaltig. Vielleicht beruhigt er sich; vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist es gefährlich, den Stimmungen eines solchen Menschen ausgesetzt zu sein.«
Widerstreitende Gefühle und Gedanken füllten mir Herz und Hirn. Ich war überzeugt, daß eine Fortsetzung der Unterredung zu einem ernstlichen Streit mit Dr. Leete führen könnte und ich war nicht in der Stimmung, eine längere Erörterung mit ihm zu führen. So schützte ich denn starkes Kopfweh vor und trat einen Spaziergang an.
Die Erfahrungen der letzten Stunde schmeckten durchaus nicht nach dem tausendjährigen Reiche menschlicher Glückseligkeit, von welchem Dr. Leete wiederholt gesprochen hatte. Ein Mann, welcher eine Offiziersstelle in dem Arbeiterheere bekleidet, beschuldigt Edith in der rohesten Weise der Koketterie. Sein Betragen entsprach sicher nicht dem hohen Lobe, welches Dr. Leete der Bildung und Erziehung junger Leute im zwanzigsten Jahrhundert zollte. Jedenfalls bewies dieser Streit zwischen Fest und der Familie des Dr. Leete, daß die Zufriedenstellung der Menschheit durch die Einführung des Kommunismus, d. h. durch genügende Beherbergung, Kleidung und Abfütterung aller Leute, auch nicht erreicht wird. Haß und Eifersucht bedrohten meine Liebe und Fest schien mir ganz der Mann zu sein, um mir sein Mißbehagen klar zu machen. Das Mittel, durch welches Dr. Leete eine Gewaltthat des enttäuschten Liebhabers verhindern wollte, erschien mir noch viel widerwärtiger, als die Aussicht auf einen Kampf mit Fest. Und wieder stieg die Frage in mir auf, ob wohl Edith Bartlett, meine Verlobte im Jahre 1887, einem Manne auch nur die Möglichkeit der Klage offen gelassen hätte, daß sie mit ihm kokettiert oder ihn zu einer Liebeserklärung ermutigt hätte.
Als ich Herrn Forest nach meiner nächsten Vorlesung traf, warf ich die Frage hin: »Wenn ich recht unterrichtet bin, so haben sich viele Mädchen des zwanzigsten Jahrhunderts zu dem entwickelt, was wir emancipierte Damen zu nennen pflegten?«
Forest warf einen schnellen, prüfenden Blick auf mein blasses Gesicht, welches von einer schlaflos verbrachten Nacht zeugte und entgegnete dann: »Der blödsinnige Versuch, die in der Natur begründete Verschiedenheit durch Gleichmachereibestrebungen zu verwischen, hat auch die Beziehungen zwischen Frauen und Männern nicht verschont. Beide Geschlechter gehören dem Arbeiterheere an, beide haben ihre Offiziere und Richter, beide erhalten die gleiche Bezahlung. Die Königin Ihres altväterlichen Haushaltes ist entthront worden. Wir nehmen unsere Mahlzeiten in großartigen Dampfabfütterungsanstalten ein und wenn unsere Radikalen (die wahrhaft folgerichtig denkenden Kommunisten) einmal siegen sollten, dann werden wir alle in großen Kasernen leben, welche Tausende von Menschen beherbergen können. Die Ehe und das Familienleben werden abgeschafft sein, ebenso wie Religion und persönliches Eigentum; freie Liebe wird das Losungswort sein und wir werden ein Dasein führen wie eine Kaninchenherde. -- Das natürliche Schicklichkeitsgefühl, welches eine hervorragende Eigenschaft des zarteren Geschlechts ist, hat es glücklicherweise verhindert, daß die Mehrzahl unserer Frauen und Mädchen den gemeinen und erniedrigenden Lehren des Kommunismus zum Opfer gefallen ist. Aber das echte Mädchen unserer Zeit ist ein sehr merkwürdiges, wenn auch nichts weniger als angenehmes Geschöpf. Haben Sie schon Fräulein Cora Delong, eine Base des Fräulein Leete, kennen gelernt?«
»Bisher ist mir das Vergnügen versagt gewesen.«
»Sie werden ihr nicht entgehen,« weissagte Forest mit einem heiteren Lachen. »Fräulein Cora ist eine begeisterte Vorkämpferin für die unbedingte Gleichheit von Weib und Mann. Und da manche junge Männer den jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft den Hof machen, so hält es Fräulein Cora für recht und billig, daß sie den jungen Männern die Cour schneidet. Sie nimmt keinen Anstand, ihnen zu sagen, daß sie deren Schönheit bewundert, daß sie sie liebt, ja anbetet; sie sucht ihnen Küsse zu rauben und ladet sie zu einem Schnaps ein; so etwa, wie junge Männer die Damen ihrer Bekanntschaft zu einer Schale Eiskreme einladen. Sie raucht Cigarren und spielt mit ihren jungen Freunden Billard, kurz, sie thut alles, den Unterschied des Geschlechts zu verwischen. Und bitter beklagen sich Cora Delong und Mädchen ihresgleichen, daß sie nicht alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen beseitigen können.«
»Ich brenne durchaus nicht vor Verlangen, die Bekanntschaft des Fräulein Delong zu machen,« gestand ich. »Und auf Grund meiner persönlichen Erfahrung muß ich sagen, daß mir die frühere Art des Haushaltens viel angenehmer erscheint. Führen aber die Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht ein viel bequemeres Leben als selbst die reichen Frauen meiner Zeit? Und wirtschaften Sie nicht mehr Arbeit aus Ihren Frauen heraus als wir? Dr. Leete sagte mir das.«[26]
»Dr. Leete ist ein großer Optimist; wenn immer es gilt dem Kommunismus das Wort zu reden,« antwortete Forest »Es ist einfach unmöglich, mit einiger Sicherheit festzustellen, welchen Wert die Arbeit aller Mädchen und Frauen im Jahre 1887 hatte. Aber ich bezweifle die Richtigkeit der Angaben Ihres Gastfreundes, »daß wir mehr Arbeit aus den Frauen herauswirtschaften« (wie Dr. Leete sich ausdrückt) als Sie aus den Frauen Ihrer Zeit.«
»Das besondere Kochen, Waschen und Plätten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts muß doch entschieden bedeutend mehr Arbeit verursacht haben als die Art und Weise, in welcher diese Verrichtungen heute besorgt werden,« bemerkte ich. »Dazu kommt, daß, wie Dr. Leete versichert, es heute keine Hausarbeit mehr giebt.«[27]