Ein Blick in die Zukunft Eine Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy

Part 4

Chapter 43,306 wordsPublic domain

»Angesichts unserer großen und beständig wachsenden Bevölkerung ist das, wie Sie wohl einsehen werden, eine Riesenarbeit. Sie wissen ja, daß das nordamerikanische Gebiet, welches früher unter englischer Regierung stand, mit den Vereinigten Staaten vereinigt wurde und daß unsere Bevölkerung sich nach der Zählung von 1990 auf 414 000 000 belief. Sie wird jetzt auf 500 000 000 Menschen geschätzt.«[21]

»Die ungeheuer umständliche Buchführung, welche durch den Kommunismus notwendig gemacht wird und die Kürze der Arbeitszeit, welche die Buchhalterinnen und Buchhalter als Günstlinge der Parteiführer genießen, machen es notwendig, daß für je fünfzig Menschen ein Buchhalter angestellt wird. Unter der letzten Regierung hatten wir sogar für je zweiundvierzig Einwohner einen Rechenkünstler. Dies giebt der Regierung Gelegenheit, nach eigener Willkür 10 Millionen Frauen und Männern reinliche und bequeme Arbeit zuzuerteilen. Zu diesen 10 Millionen guten Stellungen müssen Sie noch etwa eben so viele Offiziersposten im Arbeiterheere und die Stellungen in den Warenniederlagen der Regierung rechnen; von andern begehrenswerten Anstellungen gar nicht zu reden. Hiernach können Sie ohne weitere Erklärung die außerordentliche Macht ermessen, welche die Regierung durch die Anstellungsgewalt allein ausübt und welche Versuchung die Ausübung dieser unerhörten Macht im Gefolge hat.«

»Ist es denn nicht notwendig,« fragte ich, »daß diejenigen, welche sich um eine an Verantwortlichkeit reiche Stellung, wie die eines Buchhalters, bewerben, die nötigen Studien machen und eine Prüfung ablegen müssen, ehe sie so wichtige Pflichten übernehmen?«

»Das Buchhalten bildet einen Teil des Lehrplans in unsern Schulen,« antwortete Forest. »Übrigens wird die Buchhalterei bei uns nicht sehr gewissenhaft besorgt. Deshalb lastet die Verantwortlichkeit nicht allzu schwer auf den Schultern der Günstlinge unserer Regierung, und ich glaube nicht, daß einer der Bevorzugten sich dieserhalb Sorgen macht. Es ist natürlich für jemanden, der außerhalb des Regierungskreises steht, nicht möglich, mit Bestimmtheit zu sagen, wie schlecht die Bücher geführt werden. Als indes die letzte Regierung vor zwölf Jahren aus dem Amte schied, wurde ein schier unergründlicher Pfuhl von Verderbnis und Betrügereien aufgedeckt. Der Wert aller vorhandenen Warenbestände wurde festgestellt und es wurde ermittelt, daß Güter im Werte von 432 000 000 Dollar fehlten. Die Mitglieder der abgesetzten Regierung erklärten allerdings, daß diese Angaben falsch und nichts als böswillige Verleumdungen seien, daß die neue Regierung Buchhalter eigens zu dem Zwecke angestellt habe, einen Diebstahl von mehr als vierhundert Millionen Dollars herauszurechnen, nur damit die Mitglieder der früheren Verwaltung als Schurken politisch tot gemacht würden. Die abgegangenen Beamten gaben zu, daß Waren fehlen könnten, weil die Angestellten in den Warenhäusern stets reichliches Maß und Gewicht gegeben hätten; doch könnte dieser Fehlbetrag nicht als ein Beweis der Unehrenhaftigkeit der letzten Regierung gelten und nimmermehr die Riesensumme von 432 000 000 Dollar erreichen. Andererseits bestanden aber die neuen Beamten auf ihren Angaben und schrieben den Fehlbetrag der Korruption unter der letzten Regierung zu, deren Mitglieder mehr Waren entnommen hätten, als ihnen zukam, ohne daß aus ihren Anteilscheinen der entsprechende Betrag herausgestochen wurde.«

Ich fragte Forest, was er von diesen Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen halte.

»Ich glaube, sie sind bis zu einem gewissen Grade nur zu wohl begründet,« sagte mein Amtsvorgänger. »Die Versuchung unter unserem elenden System ist eben für viele Menschen zu groß. Daß die Führer der Regierungspartei ihren Verwandten und Freunden die besten Stellungen geben, würde ich durchaus nicht tadelnswert finden, wenn die Angestellten die ihnen übertragenen Ämter gut verwalten könnten. Aber die 20 000 000 besten Stellungen im Lande sind durchaus nicht mit den besten und tüchtigsten Frauen und Männern besetzt. So weit diese Ämter und Stellen nicht den Verwandten und nächsten Freunden der höchsten Beamten verliehen sind, werden sie an die Angehörigen der eifrigsten und einflußreichsten Anhänger der Regierung vergeben. Und selbst das würde erträglich sein, wenn die Günstlingswirtschaft da ein Ende erreichte, an der Grenze der Verderbtheit und drückenden Willkür. Aber sie geht noch viel weiter.«

»Klagen Sie die jetzige Regierung und deren Freunde der Korruption und Tyrannei an?« fragte ich, entschlossen, meinen weiteren Unterredungen mit Herrn Forest ein Ende zu machen, falls dieser entehrende Anklagen gegen meinen Gastfreund vorbringen sollte.

»Ich spreche von dem jetzigen Regierungssystem und erwähne nur Thatsachen, oder Handlungen, welche ich nachweisen kann,« antwortete Forest. »Ich klage niemanden an lediglich weil ich daran Vergnügen finde. Ich fühle, daß Ihre Frage auf Dr. Leete Bezug hat und obschon sie nicht unmittelbar gestellt wurde, werde ich sie doch offen beantworten. Ich halte Dr. Leete für einen der besten und ehrenhaftesten unter unseren Parteiführern, aber auch er macht von den Vorteilen Gebrauch, welche unter unserem System den Machthabern so leicht zugänglich sind.«

»Wollen Sie die Güte haben, Ihre Behauptung zu beweisen,« sagte ich ruhig, aber bestimmt.

»Ich werde es Ihrem Urteil überlassen, zu entscheiden, ob ich in meinen Behauptungen zu weit gegangen bin,« fuhr Forest fort. »Hat Dr. Leete Ihnen nicht mitgeteilt, daß er schon »seit langen Jahren vorhatte in dem großen Garten neben diesem Hause ein Laboratorium für chemische Zwecke zu bauen?«[22] Und hat er Ihnen nicht erzählt, daß er Arbeiter kommen ließ, und daß diese das Gewölbe ausgruben, in welchem Sie schliefen?«[23]

»In der That! Dr. Leete sagte, daß er ein chemisches Laboratorium zu bauen beabsichtigte,« gab ich zu. »Gestattet ihm aber sein Guthabensschein nicht eine solche Ausgabe?«

Forest sah etwas erheitert aus, als er mich fragte, ob ich jemals gesehen hätte, wie groß der Gesamtbetrag des Jahresguthabens wäre. Ich gestand, daß ich dies nicht wüßte. Die Lebensweise des Dr. Leete zeugte von Überfluß und erschien mir gut genug für selbst hochgestellte Ansprüche. Ich hatte mir deshalb noch nie die Frage nach dem genauen Betrage seiner Einnahmen vorgelegt.

»Wenn es Ihnen genehm ist,« sagte Forest, »wollen wir über den Volkswohlstand zu einer anderen Zeit sprechen. Heut wollen wir uns darauf beschränken, die Neigung des Kommunismus zur Erzeugung von Günstlingswirtschaft, Bestechlichkeit, Knechtssinn und Tyrannei zu untersuchen. -- In Bezug auf Dr. Leete steht fest, daß er sich ein chemisches Laboratorium bauen läßt, trotzdem dies Unternehmen in offenbarem Widerspruch steht zu den Zwecken und dem Geist unserer Einrichtungen. In dem Erdgeschosse dieser Universität befindet sich ein sehr gutes derartiges Laboratorium und Dr. Leete hätte sicherlich nach Gefallen in demselben experimentieren können, wenn er um die Erlaubnis hierzu nachgesucht hätte. Schon sein Einfluß würde ihm diese verschafft haben. Aber seine Eitelkeit veranlaßt ihn, ein überflüssiges Gebäude errichten zu lassen, welches den Radikalen als ein neuer und sichtbarer Beweis für ihre Anklagen gegen die herrschende Parteisippe dienen wird.«

»Von welchen Radikalen sprechen Sie?« fragte ich.

»Ich rede von den radikalen Kommunisten, welche die jetzige Regierung bekämpfen, weil sie alle religiösen Gebräuche, die Ehe und das wenige persönliche Eigentum abschaffen wollen, dessen Besitz jetzt noch gestattet wird. Von unseren politischen Parteien und von deren Grundsätzen werden wir später sprechen. Ich wollte Sie nur von der Thatsache überzeugen, daß Dr. Leete zu seinem eigenen Gebrauche und in offenbarem Widerspruch mit den kommunistischen Grundsätzen ein chemisches Laboratorium errichtet, eine sehr kostspielige Anstalt, welche mit den Guthabensscheinen von zehn Leuten nicht hergestellt werden könnte und daß er auf diese Weise den Tadel aller Regierungsgegner herausfordert.«

»Kann Dr. Leete nicht eine angemessene Miete für das Laboratorium bezahlen?« fragte ich. »Ich sollte meinen, daß der vorhandene Überschuß der Arbeitskräfte nicht besser benutzt werden könnte, als zur Errichtung von Gebäuden, deren Miete alsdann das Staatseinkommen erhöht.«

»Wir haben aber keinen Überschuß von Arbeitskräften, wie Sie alsbald erfahren werden,« sagte Forest. »Und stellen Sie sich nebenher einmal vor, was geschehen würde, wenn jeder Bürger einen ähnlichen Aufwand für Bauarbeiten und für die Anschaffung von Instrumenten beanspruchen würde. Sie werden einsehen müssen, daß Dr. Leete eine Ausnahmestellung beansprucht, was nach Anmaßung und Günstlingswirtschaft aussieht. Er mißbraucht die Macht seiner Stellung und erregt dadurch böses Blut.«

Ich konnte gegen diese Auseinandersetzungen Forests nichts Haltbares vorbringen und schwieg deshalb.

»Aber Günstlingswirtschaft und gelegentlicher Mißbrauch der Regierungsgewalt zu Gunsten von Leuten wie Dr. Leete sind noch nicht die schlimmsten Erscheinungen in unserem öffentlichen Leben,« sagte Forest weiter. »Auch die Thatsache, daß einflußreiche Männer häufig Geschenke von Seide, Pelzen und goldenen Schmucksachen für ihre Frauen und Töchter, sowie von Wein und Cigarren für sich selbst seitens solcher Leute erhalten, welche die Fürsprache der Einflußreichen brauchen, könnte ertragen werden, obschon solche Vorkommnisse ein offenbarer Beweis für eine gewisse Verderbtheit im öffentlichen Leben sind. Die schlimmsten Folgen dieses verdammenswerten Kommunismus sind die Tyrannei und rücksichtslose Verfolgung aller Gegner der Regierung auf der einen Seite, und der Knechtssinn, die Schmeichelei und Verleumdungssucht auf der anderen Seite. Jeder Mann und jede Partei, welche eine erstrebte Stellung erreicht haben, werden sich in derselben gegen alle Angriffe ihrer Gegner zu behaupten suchen. Sie werden die Freunde belohnen, von welchen sie unterstützt werden und ihre Gegner zurückzudrängen suchen. Deshalb ist es sehr gefährlich, eine große Regierung mit einer Gewalt zu bekleiden, welche die Herrschenden in den Stand setzt, das Volk in seiner täglichen Erwerbsthätigkeit sein Lebenlang in Abhängigkeit von der Gunst seiner Beamten zu erhalten.«

»Nach Ihrer Beschreibung erscheint die gegenwärtige Ordnung der Dinge unerträglich,« sagte ich.

»Wenn Sie unter den Mitgliedern der verschiedenen Zünfte, besonders unter den Ackerbauern, Nachfrage halten,« entgegnete Forest, »so werden Sie finden, daß ich die Zustände genau so schildere, wie sie sind. Jedes Mitglied des Arbeiterheeres weiß, daß Befähigung und Fleiß allein nur in Ausnahmefällen genügen, um jemanden zu einer erstrebten Stellung zu verhelfen. Politischer Einfluß ist der allmächtige Hebel, der allein uns zu höheren Stellungen hinaufbefördern kann und um diesen Einfluß zu erlangen, muß der Arbeiter zum Kriecher, zum Schleicher, zum Angeber seiner Kameraden und zum Bestecher seiner Vorgesetzten werden; ja er muß auch alle stimmfähigen Verwandten und Freunde beschwören, sich ihrer Selbständigkeit zu entäußern und alle Maßregeln, sowie alle Mitglieder der Regierung zu unterstützen.

»Wenn die Mitglieder des Arbeiterheeres ihre Offiziere oder Aufseher wählen könnten,« fuhr Herr Forest in seinen Auseinandersetzungen fort, »dann würde voraussichtlich die Disciplin in der »industriellen Armee« nicht so strikt sein; aber selbst eine gelegentliche Auflehnung der Leute gegen die Beamten würde dem jetzigen Stande der Dinge vorzuziehen sein, unter welchem Alle, die sich den Groll ihrer Vorgesetzten zugezogen haben, ein entsetzliches Dasein führen. Die Selbstmorde werden deshalb alljährlich zahlreicher und die Zahl derjenigen, welche ihrem Leben ein Ende machen, ist jetzt viermal so groß, wie zu Ihrer Zeit.«

»Vor 113 Jahren wurde auf die große Zahl der Selbstmörder in den europäischen Heeren aufmerksam gemacht,« bemerkte ich nachdenklich. »Diese Leute töteten sich, obschon sie in Bezug auf Kleidung, Nahrung und Wohnung keinen Mangel litten.«

»Allerdings,« bestätigte Forest. »Die notwendigen Lebensmittel ohne Freiheit haben nur geringen Wert. Viele Soldaten Ihrer Tage machten ihrem Leben ein Ende, weil sie ein Dasein ohne Freiheit nicht führen mochten. Sie warfen das Leben von sich, trotzdem ihre Dienstzeit nur zwei, drei oder fünf Jahre dauerte und sie in Friedenszeiten einen verhältnismäßig leichten Dienst hatten. Der Dienst in unserem Arbeiterheere dauert die besten 24 Jahre unseres Lebens. Die Männer und Frauen sind während dieser langen Zeit der Willkür ihrer Vorgesetzten preisgegeben und sie können, wie ich schon hervorhob, gegen jahrelange Mißhandlung durch den einen Angestellten der Regierung nur bei einem andern Angestellten der Regierung Klage führen. Und diese sogenannten »Richter« entscheiden solche Fälle endgültig meist dadurch, daß sie die Kläger auffordern, wieder an ihre Arbeit zu gehen und sich mit der Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten die Aussicht auf Beförderung zu erwerben.«

»Sie sprachen von Politikern, Herr Forest,« fragte ich. »Nehmen viele Männer thätigen Anteil am politischen Leben?«

»Das will ich meinen,« rief Forest; »obschon allerdings in ihrer eigenen Weise. Viele Männer und viele Frauen, welche das fünfundvierzigste Lebensjahr zurückgelegt haben, thun nichts weiter, als daß sie sich mit Politik beschäftigen. Mit ihrem Guthabensscheine können sie leben, wo sie wollen und viele ziehen es vor, ihre Zeit in Washington zu verbringen, wo sie eifrig und geschäftig sind, für ihre Freunde und Schützlinge Gunstbezeugungen zu erjagen, sowie für solche Leute, welche sich der Dienste dieser Politikanten versichert haben. Die »Lobby«, welche zu Ihrer Zeit in den Hallen des Kongresses ihr Unwesen trieb, wird als eine böse Gesellschaft raubsüchtiger, gewissenloser Abenteurer beschrieben, welche sich gegen gute Bezahlung dazu gebrauchen ließen, die Kongreßmitglieder zum Erlaß von Gesetzen zu Gunsten einzelner Personen und Körperschaften zu verleiten. Wenn man aber jene nicht sehr zahlreiche und im äußeren Auftreten immerhin einigermaßen anständige Lobby mit den Washingtoner Wahlmachern unserer Tage vergleichen wollte, so würde das etwa dasselbe sein, als wenn man eine Sonntagsschule mit einer Reformschule vergliche, wie solche zur Besserung junger Taugenichtse in Ihren Tagen unterhalten wurden. Millionen von Leuten, welche bessere Arbeit, oder Beförderung wünschen und sich von dem Einfluß, den sie daheim geltend machen können, keine Wirkung versprechen, wenden sich an die Politikanten in Washington und sichern sich deren Dienste.«

»Aber was kann derjenige, welcher Vergünstigungen sucht, denjenigen bieten, welche in Washington wohnen, um diese zur Aufbietung ihres etwaigen Einflusses zu veranlassen,« fragte ich; »heutigen Tages sammelt doch niemand Schätze?«

»Das thut allerdings niemand,« antwortete Forest lächelnd. »Aber manche Leute wollen sich von Zeit zu Zeit »vergnügte Tage« machen und zu diesem Zwecke brauchen sie vielleicht alljährlich den fünf- oder zehnfachen Betrag ihres Guthabensscheines. Manche unserer politischen Lichter führen das, was man ein »großes Haus« nennt. Sie empfangen viele Gäste, bewirten dieselben mit feinen Speisen und guten Weinen und manche unserer hervorragenden Lobbyisten thun dasselbe. Wer von diesen Leuten eine Begünstigung verlangt, muß einen namhaften Teil seines Guthabensscheines abgeben und er mag sich, wenn er befördert wird, an seine künftigen Untergebenen wegen eines reichen Ersatzes für das nach Washington Abgegebene halten.«

»Weshalb sind aber die Leute mit ihrem gesetzlichen Einkommen nicht zufrieden?« fragte ich, schmerzlich überrascht davon, daß jetzt die Wahlmacherei und die Verderbtheit noch üppiger zu wuchern schienen, als vor 113 Jahren. »Ist nicht das Einkommen, welches ein Guthabensschein gewährt, genügend zum Lebensunterhalte des Volks?«

»Sie können die Menschen niemals zufriedenstellen,« sagte Forest. »Heutzutage wird der tüchtige und fleißige Teil des Volks zu Gunsten der Faulen und Dummen beraubt. Selbst die Begünstigten müssen sich die Unverschämtheiten, die Erpressungen und Erniedrigung seitens ihrer Vorgesetzten gefallen lassen.«

»Und selbst die Männer und Frauen von den allergeringsten Fähigkeiten, welche aus der gleichmäßigen Verteilung der Arbeitsergebnisse den meisten Vorteil ziehen, sind nicht einmal sämtlich zufriedengestellt. Manche derselben fordern die Abschaffung alles persönlichen Eigentums und abgesonderter Haushaltungen. In der That ist nur ein kleiner Teil unserer Bevölkerung wirklich zufrieden. -- Zur Bestreitung größeren Aufwandes für feine Speisen, kostbare Mahlzeiten, teure Weine und Havannacigarren reichen die Guthabensscheine nicht aus und Leute, welche dergleichen regelmäßig genießen möchten, müssen sich nach Menschen umsehen, welche unter Umständen bereit sind, dafür zu bezahlen. -- In Washington leben aber nicht nur sogenannte »Lebemänner«, sondern auch viele Mädchen und junge Frauen, welche Liebeleien, üppige Mahlzeiten, feine Kleider und Juwelen, sowie den Strudel eines wilden, lüderlichen Lebens der regelmäßigen Thätigkeit im Arbeiterheere oder in der Haushaltung vorziehen.«

»Die Prostitution wuchert also in Washington nach wie vor?« fragte ich erstaunt.

»Leider ist dem so,« entgegnete Forest. »Natürlich bekleiden jene Mädchen Schreiber- oder Buchhalterstellen in den verschiedenen Regierungsabteilungen; aber diese Posten sind nur Sinekuren. Von Freunden, welche aus eigner Anschauung diese Geheimnisse des Washingtoner Lebens kennen lernten (und man kann da eigentlich kaum noch von Geheimnissen reden, da dieses Treiben allgemein bekannt ist), habe ich die Ansicht aussprechen hören, daß manche der höheren Beamten den fünfzigfachen Betrag ihrer Guthabensscheine mit leichtfertigen Frauenzimmern verausgaben. Dieses Geld erlangen sie teilweise dadurch, daß sie den Leuten, welche Begünstigungen suchen, einen Betrag ihres Guthabenscheines abnehmen. Ein anderer Teil der vergeudeten Summen kommt aus den Warenlagern der Regierung, wo nur ein kleiner Betrag dessen, was diese hohen Beamten entnehmen, aus deren Guthabensscheinen herausgestochen wird. Denn die in den Warenlagern Angestellten wissen, daß sie sehr bald ihre Stellungen verlieren und in die zweiten Abteilungen des dritten Grades einer Zunft versetzt werden würden, falls sie sich beikommen ließen, die politischen Größen der Regierung, welche Waren entnehmen, wie gewöhnliche Leute zu behandeln. Der Reiz, welchen dieses üppige Leben auf viele Männer und Frauen ausübt, hat, wie ich schon erwähnt, die Bevölkerung Washingtons außerordentlich vermehrt und es ist demzufolge die volkreichste Stadt im Lande.«

»Ich kann nicht begreifen, wie das Volk eine so verderbte und willkürliche Regierung wie die von Ihnen geschilderte dulden kann,« sagte ich; »und ich bin überzeugt, daß Ihre zur Schwarzseherei neigende Lebensauffassung Ihr Urteil getrübt hat.«

»Es liegt nur an Ihnen, wenn Sie in Zweifel darüber bleiben, ob meine Angaben richtig sind, oder nicht,« antwortete Forest. »Wenn Sie um Urlaub zu dem Zwecke nachsuchen, unsern Herrschern in Washington einen Ihrer begeisterten Vorträge über die Vorzüge der jetzigen Gesellschaftsordnung zu halten, so wird man Ihnen hier mit Vergnügen gestatten, Ihre Vorlesungen eine Zeitlang auszusetzen und in Washington wird man Sie glänzend empfangen. Denn die Begeisterung, mit welcher Sie unsere Einrichtungen gegenüber denen des neunzehnten Jahrhunderts preisen, gießt ja Wasser auf die Mühlenräder der Regierung. Sie werden dann den Stand der Dinge genau so finden, wie ich ihn geschildert habe und wenn Sie mit den Mitgliedern des Arbeiterheeres, sowie mit deren Freunden sprechen, welche die Regierung unterstützen, dann werden Sie erfahren, daß dies lediglich deshalb geschieht, weil sie an der Möglichkeit einer Besserung unter dem jetzigen System verzweifeln und nur eine Verschlimmerung für den Fall fürchten, daß die Radikalen ans Ruder kommen.«

»Wie könnten die öffentlichen Angelegenheiten sich noch schlimmer gestalten, als sie Ihrer Schilderung nach schon sind?« rief ich aus.

»Viele Leute fürchten, daß die Radikalen die Ehe beseitigen und »freie Liebe« mit allen ihren Folgen dem Volke aufdrängen würden,« erklärte Forest. »In der That fordern die radikalen Zeitungen -- die einzigen Blätter, welche eine rücksichtslose Sprache gegen die Regierung führen, und diese scharf angreifen -- Verbot aller religiösen Gebräuche, Abschaffung der Ehe, Aufhebung der Familie, der besonderen Haushaltungen und Abschaffung des geringen persönlichen Eigentums, welches zu besitzen, den Leuten heute noch gestattet ist.«

»Aber wie lassen sich solche Äußerungen und Forderungen der radikalen Zeitungen in Einklang bringen mit dem, was Sie über die Behandlung von Gegnern der Regierung erzählten?« fragte ich. »Wenn es gebräuchlich ist, die Gegner der Regierung in Irrenhäuser zu sperren, so begreife ich nicht, wie den radikalen Zeitungen gestattet werden kann, so scheußliche Grundsätze zu predigen.«

Forest lachte, als er entgegnete: »Die radikalen Redakteure werden begünstigt und nehmen eine Ausnahmestellung ein; denn sie leisten der Regierung wertvolle Dienste, indem sie die Masse des Volkes in Unterwürfigkeit gegenüber der Regierung hineinängstigen. Jedesmal, wenn eine Wahl der Zunftgenerale bevorsteht, dürfen die Redakteure der Radikalen Zeitungen ihre volle Leistungsfähigkeit im Schimpfen und in der Stellung wahnsinniger Forderungen entwickeln. Einige Tage vor der Wahl drucken dann die Regierungszeitungen Auszüge aus jenen unflätigen Angriffen auf Religion, Ehe und Familienleben nach und fragen das Volk, ob es solche Änderungen wünsche. Dann wird das Volk aufgefordert, die Regierung zu unterstützen, welche zwar nicht alle Leute zufriedenstellen könne, immerhin aber die beste sei, welche auf Erden jemals bestanden habe -- und so weiter mit Grazie bis ins Unendliche.«

»Die radikalen Redakteure werden also einfach als Popanze geduldet, welche das Volk einschüchtern müssen, während es den gemäßigten Schriftstellern nicht gestattet wird, gegen die jetzige Gesellschaftsordnung oder gegen die Regierung einen Tadel auszusprechen?«

»So ist es,« bestätigte Forest. »Ich fürchte indes, daß die Regierung ein sehr gewagtes Spiel spielt. Die Radikalen gewinnen unzweifelhaft Boden und es giebt unter ihnen sehr viele verzweifelte Burschen, welche zu jeder Zeit bereit sind, die schwarze Fahne der Zerstörung zu entfalten. Wäre das Volk frei und unabhängig, so wäre die Gefahr nicht so groß. Dann würden alle freien Männer sich zur Verteidigung der von ihnen geschätzten staatlichen Einrichtungen sammeln. Wie aber die Dinge jetzt stehen, sind die Massen gewöhnt, sich unter die Herrschaft einer Minderheit zu beugen. Der Aufstand eines Haufens zu Allem entschlossener Männer würde deshalb vergleichsweise geringen Widerstand von seiten der Bürger finden, die bereit wären für die Aufrechterhaltung der jetzigen Ordnung der Dinge zu kämpfen. Und es wird ein verhängnisvoller Tag für die Menschheit werden, an welchem die Radikalen die Herrschaft gewinnen.«

»Haben Sie mir nicht mitgeteilt, daß vor zwölf Jahren die damalige Regierung die Wahl verlor und dadurch gestürzt ward?« warf ich ein. »Und beweist das nicht, daß selbst eine Regierung mit einer Machtvollkommenheit wie die Ihrige schließlich doch geschlagen werden kann? Und sagten Sie nicht ferner, daß die jetzigen Oberbeamten tüchtigere, bessere Leute seien, als diejenigen, welche die letzte Regierung bildeten?«