Ein Blick in die Zukunft Eine Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy
Part 2
Frei von allen Sorgen, in völliger Übereinstimmung mit den Nebenmenschen, ohne den störenden Einfluß politischer Parteien, im Besitz eines Reichtums, wie er in der Geschichte der Völker niemals erhört wurde, könnten wir in der That sagen: »Der lange, traurige Winter der Gattung ist vorüber. Ihr Sommer hat begonnen. Die Menschheit hat ihre Puppenhülle durchbrochen. Der Himmel liegt vor ihr.«[5]
Ich hatte mit Begeisterung, ja, mit tiefer Bewegung gesprochen und erwartete eine mindestens beifällige Aufnahme meiner Rede. Aber nur vereinzelte und kühle Beifallsbezeugungen ließen sich hören, als ich meinen Vortrag beendet hatte. Kaum der vierte Teil der im Saale befindlichen Studenten hatte es der Mühe wert gefunden, Übereinstimmung mit den von mir entwickelten Ansichten auszudrücken und auch diese Wenigen schienen mehr aus Höflichkeit, als aus herzensfreudiger Übereinstimmung ihren Beifall kund gegeben zu haben. Diese frostige Aufnahme war für mich eine solche Enttäuschung, daß ich nicht Mut genug sammeln konnte, mein Katheder zu verlassen und durch die Studenten zu schreiten, während diese den Saal verließen.
Ich machte mir daher an meinem kleinen Pulte zu schaffen, bis jedermann die Halle geräumt hatte, mit Ausnahme des Herrn, welcher bei meinem Eintritt meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er blieb an der Thür stehen, offenbar meinen Weggang erwartend.
»Sie gehören zur Universität,« fragte ich, um meine Befangenheit zu verbergen.
»Allerdings,« antwortete er mit einem leichten Lächeln, welches zu weiteren Fragen herausforderte.
»Vermutlich habe ich das Vergnügen, einen meiner Herren Kollegen kennen zu lernen,« fuhr ich fort. »Mein Name ist West.«
»Bis vor einem Monate war ich Professor Forest, Ihr Vorgänger als Lehrer der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Heut bin ich einer der Pedelle und mein Vorgesetzter ist so freundlich gewesen, meiner Sorgfalt gerade diesen Saal zu empfehlen.«
Ich hatte während der letzten Tage so vieles Neue und Überraschende gesehen, daß ich nicht so leicht in Erstaunen versetzt werden konnte.
Aber die Mitteilung, daß ein Universitätsprofessor mit der Reinhaltung desselben Saales beauftragt werden könnte, in welchem er vorher gelehrt, klang so unglaublich und eröffnete mir selbst für meine weitere Laufbahn eine so unerfreuliche Aussicht, daß ich meine Bestürzung nicht verbergen konnte.
»Und was hat diesen sonderbaren Stellungswechsel veranlaßt?« fragte ich.
»In meinen Vergleichen betreffs der Civilisation und der Lage der Menschheit im Jahre 1900 und im Jahre 2000 kam ich zu andern Schlüssen, als Sie,« antwortete Forest.
»Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß die Menschen am Ende des vorigen Jahrhunderts besser gestellt waren, als das jetzige Geschlecht,« fragte ich, gleichzeitig überrascht und neugierig.
»Das ist in der That meine Ansicht,« sagte Forest.
»Diese sonderbare Anschauung kann ich mir nur dadurch erklären, daß Sie persönlich keine Kenntnis von den Zuständen haben, welche Ihnen so schätzenswert erscheinen,« rief ich aus.
»Ich muß natürlich zugeben, daß ich meine Belehrung aus unserer Bücherei geschöpft habe und daß Sie zur Unterstützung Ihrer Ansichten über die Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts Ihre persönliche Erfahrung geltend machen können,« antwortete Forest. »Dagegen sind Sie wohl nicht so gut vertraut mit dem gegenwärtigen Stande der Dinge. Die Quelle Ihrer Kenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts ist #ein# Mann: Dr. Leete. Ich darf deshalb wohl behaupten, daß meine Nachrichten über die Civilisation Ihrer Tage besser sind, als Ihre Kenntnis unserer Zustände, weil ich mich auf mehr Zeugen berufen kann, als Sie.«
»Dann werden Sie auch die Ansichten mißbilligen, welche ich in meinem Vortrage entwickelte.«
»Ihre Vorlesung wird unzweifelhaft in allen Regierungs-Zeitungen veröffentlicht werden, also in fast jeder Zeitung des Landes,« entgegnete Forest, eine unmittelbare Antwort auf meine Frage vermeidend.
»Sie sprechen von Regierungszeitungen,« fragte ich erstaunt. »Hat die Regierung Zeitungen und braucht sie Organe?«
»Freilich hat die Regierung Zeitungen. Und es ist ebenso schwierig wie unangenehm, eine Zeitung herauszugeben, welche die Regierung tadelt oder bekämpft. Wir haben deshalb nur sehr wenige solcher Zeitungen.«
»Aber Dr. Leete sagte mir doch: »Wir haben keine Parteien oder Politiker, und was das Demagogentum und die Bestechlichkeit anbetrifft, so sind das Worte, die nur noch eine historische Bedeutung haben.«[6] Und nun sprechen Sie von Gegnern der Regierung sowie von Zeitungen der letzteren?« Ich sagte dies mit dem Ausdruck des Zweifels in Stimme und Blick, aber Herr Forest wurde dadurch nicht beirrt.
Er brach in ein lautes Gelächter aus und sagte dann: »Entschuldigen Sie, bitte, meine Heiterkeit! aber Dr. Leete ist ein großer Spaßmacher und er ist immer sicher, durch seine Scherze eine Versammlung zum Lachen zu zwingen! In der That! Das ist zu gut! Ich wünsche, ich hätte sein Gesicht sehen können, als er Ihnen diese Offenbarungen zu teil werden ließ.«
Und Forest lachte von neuem, daß ihm die Thränen in die Augen traten.
»Ich bitte um Verzeihung, Herr West,« fuhr Herr Forest fort, als ich seiner Heiterkeit mit Schweigen begegnete. »Aber Sie würden mich entschuldigen und wahrscheinlich in mein Gelächter einstimmen, wenn Sie Herrn Dr. Leete so gut kennen würden, wie ich und dann hörten, daß er von einem Mangel an Politikern gesprochen hat. Doch ich will gleich hier erklären,« fügte Herr Forest in ruhigerem Tone hinzu, »daß ich keine geringe Meinung von Dr. Leete habe. Er ist ein etwas rücksichtsloser Spaßvogel und ein geriebener Politiker; im übrigen aber ein so guter Mann, wie unsere Zeit ihn nur hervorbringen kann.«
»Dr. Leete ist ein Politiker?« fragte ich mit neuem Erstaunen.
»Allerdings. Dr. Leete ist der einflußreichste Führer der Regierungspartei in Boston. Seinem Einflusse bin ich es schuldig, daß ich immer noch mit der Universität in Verbindung stehe.«
Forest nahm wahr, daß ich nicht wußte, wie ich diese Erklärung deuten solle und fügte daher hinzu: »Als ich beim Vergleich der Civilisation der zwei Jahrhunderte zu dem Schluß gelangte, daß der Kommunismus sich als ein Fehlschlag erwiesen habe, wurde ich als Verführer und Verderber der studierenden Jugend in Anklagestand versetzt. Das in solchen Fällen übliche Urteil: »Einsperrung in ein Irrenhaus« wurde gefällt. Denn nach Ansicht unserer Machthaber kann nur ein Irrsinniger sich gegen die beste gesellschaftliche Ordnung auflehnen, welche die Menschheit jemals hatte. Dr. Leete erklärte indes, mein Irrsinn sei ein so harmloser, daß meine Einsperrung in ein Tollhaus überflüssig erscheine, zumal sie auch zu kostspielig sei. Ich könnte immer noch meinen Lebensunterhalt verdienen, indem ich im Universitätsgebäude leichte Arbeit verrichte. Dadurch würde ich den Professoren und Studenten als lebendige Warnung dienen, in ihren Äußerungen und Lehren vorsichtig zu sein.«
»Die Studenten scheinen Ihre Ansichten zu teilen; denn sie nahmen meine Auseinandersetzungen recht kühl auf,« bemerkte ich, um der Unterredung eine andere Wendung zu geben und einer weiteren Besprechung der Eigenschaften meines Gastfreundes vorzubeugen.
Forests durchdringende graue Augen blickten einen Augenblick forschend in die meinigen. Dann sagte er freundlich:
»Ich glaube, daß Sie Ihrer Überzeugung gemäß gesprochen haben, Herr West. Haben Sie aber nicht das Gefühl gehabt, daß Sie Ihrer Zeit und Ihren Zeitgenossen keine Gerechtigkeit widerfahren ließen? Machte es der Wettbewerb, die Konkurrenz denn wirklich nötig, daß jedermann seinen Nachbar betrog, seine Arbeiter auspreßte, seinen Schuldnern die Kehle zuschnürte und anderen Leuten das Brot vom Munde wegriß? Waren denn wirklich die meisten Menschen Ihres Zeitalters Betrüger und Blutsauger? Waren die Arbeiter sämtlich Sklaven, welche tagtäglich arbeiteten, bis sie gänzlich erschöpft waren? Ich weiß aus Zeitschriften und Geschichtswerken recht wohl, daß die Mitglieder großer Gewerkschaften in ihren Tagen oft die Arbeit einstellten, weil sie acht Stunden als ein Tagewerk ansahen und daß sie sich weigerten, gegen gute Bezahlung neun oder zehn Stunden zu arbeiten. Danach hatten sie einen kräftigen, stolzen und unabhängigen Arbeiterstand, und es erscheint fast wie eine Beleidigung, diese Leute als Sklaven zu bezeichnen. Und was die Mädchen anbelangt, so habe ich Klagen darüber gelesen, daß Hilfe für Hausfrauen zu Ihrer Zeit nur schwer zu erlangen war und daß Köchinnen und Stubenmädchen je nach ihrer Leistungsfähigkeit von 2 bis 5 Dollar wöchentlich und Kost erhielten. Es lag also für ein anständiges Mädchen keine Entschuldigung vor, wenn sie sich »für Brot verkaufte.« Allerdings war die Civilisation Ihrer Tage weit davon entfernt fehlerlos zu sein. In der That ist nichts auf Erden vollkommen. Aber Ihre Schilderung der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts war in so düsteren Farben gehalten, daß unsere Studenten, welche mit der Geschichte jener Tage nicht ganz unbekannt sind, sich von Ihrer Vorlesung unmöglich konnten begeistern lassen. Dies wäre auch schon deshalb schwierig gewesen, weil viele dieser jungen Leute unsere jetzigen Einrichtungen durchaus nicht so unbedingt bewundern, wie Sie. Ich spreche ganz offen, Herr West, und ich hoffe, daß Sie meinen Freimut entschuldigen werden. Ich möchte Ihnen einen Dienst leisten, indem ich Ihnen unsere Zustände, Einrichtungen und Menschen genau so schildere, wie sie sind.«
Der warme Ton seiner Stimme und der freundliche Blick seiner Augen veranlaßten mich beim Weggehen Forests Hand zu drücken; obschon alles, was er sagte, gegen meine Freunde und gegen meine eigenen Ansichten gerichtet war und mich daher sehr peinlich berührte. Ich ging in gedrückter Stimmung nach Hause, in meinen Gedanken die Einwendungen erwägend, welche Forest gegen meine Vorlesung erhoben hatte.
Ich traf Dr. Leete und die Damen beisammen. Edith fragte mich, ob mein erstes Auftreten als Professor sich meinen Erwartungen gemäß gestaltet habe.
Es war immer mein Grundsatz offen und ehrlich zu sein. Ich teilte daher den Freunden meine Erlebnisse, den wesentlichen Inhalt meiner Vorlesung, deren kühle Aufnahme und meine Enttäuschung mit. Ich erwähnte auch Herrn Forests kritische Besprechung meiner Rede und gestand, daß sein abfälliges Urteil in so fern berechtigt gewesen wäre, als ich die Auswüchse, welche der Wettbewerb bei einzelnen Leuten meiner Zeit erzeugt hatte, der gesamten Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts zuschrieb. Die Bemerkungen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, erwähnte ich natürlich nicht.
Mein Bericht machte offenbar auf Dr. Leete keinen unbedingt angenehmen Eindruck. Nach einer kurzen Pause sagte er: »Ich meine, daß die rücksichtslose Konkurrenz im letzten Teile des neunzehnten Jahrhunderts notwendiger Weise das ganze Volk mehr oder weniger verderben mußte, -- in den meisten Fällen mehr. Deshalb halte ich Ihre Vorlesung für eine ausgezeichnete Darlegung leitender Grundsätze und ich glaube nicht, daß Sie Veranlassung haben, auch nur einen Zoll breit von dem Standpunkte zurückzuweichen, den Sie eingenommen haben. Die kühle Aufnahme, welche Ihnen wurde, darf Sie nicht beirren. Sie ist eine Folge der Forestschen Lehrthätigkeit. Er hat seine irrigen Ansichten in die Köpfe unserer Studenten gesäet, seine blinde Verehrung für den Wettbewerb und seine Abneigung gegen die jetzige Ordnung der Dinge. Es ist jetzt Ihre Aufgabe, die jungen Leute über den vergleichsweisen Wert der beiden Gesellschaftsordnungen aufzuklären. Herr Forest legt durch seine unablässigen Versuche, die Studenten zu verleiten, unserer Geduld schwere Proben auf. -- Hat er Ihnen gegenüber den Umstand nicht erwähnt, daß er Ihr Vorgänger war?«
»Er that es, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er ein Mitglied des Lehrerpersonals sei. Er sagte, daß er wegen »Ketzerei« entlassen wurde und daß er seine verhältnismäßig milde Behandlung Ihrer Verwendung verdanke.«
»Es ist nicht Forests Art, mit seinem Urteil zurückzuhalten und ich darf demnach annehmen, daß er Ihnen eine nette Schilderung von Dr. Leete entworfen hat,« sagte mein Gastfreund lächelnd.
Unter den obwaltenden Umständen schien es mir am zweckmäßigsten, die Äußerungen zu wiederholen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, zumal dieselben nicht bösartig, sondern eher schmeichelhaft für meinen Gastfreund waren. Ich kann wohl hinzufügen, daß ich einigermaßen neugierig war zu sehen, was Dr. Leete zu der Behauptung des Herrn Forest sagen würde, daß er ein Politiker und Führer der Regierungspartei wäre.
So sagte ich denn: »Herr Forest lachte herzlich, als ich Ihre Äußerung wiederholte, daß Sie weder Parteien noch Politiker hätten. Er nannte Sie einen Spaßmacher, einen geriebenen Politiker, den Führer der Regierungspartei und einen braven Mann.«
Über Dr. Leetes Zügen flog ein etwas grimmiges Lächeln, als er antwortete: »Das ist ein Charakterzeugnis, auf welches ich eigentlich stolz sein sollte, da es von einem zum Krittler gewordenen Kritiker herrührt. Was Forests Behauptung betrifft, daß ich ein Politiker sei, so habe ich darauf nur zu entgegnen, daß ich noch nie ein Amt bekleidete; und daß die Regierung mich in einzelnen Fällen zu Rate zog, macht mich noch nicht zum Führer der Regierungspartei, denn diese Auszeichnung wurde auch andern Bürgern häufig zu teil. Politische Parteien haben wir nicht. Es giebt natürlich einige unverbesserliche Tadler, die, wie Forest, nie zufriedengestellt werden können, und einige radikale Krakehler. Ihnen wird aber wenig Beachtung geschenkt, so lange sie nicht den Frieden des Volkes stören. Thun sie dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.«
Obschon auch die letzten Worte im Tone leichter Unterhaltung gesprochen wurden, machten sie doch einen tiefen Eindruck auf mich. »Thun sie dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.« Bestätigte das nicht Forests Behauptung, daß die Urteile, welche über Gegner des Kommunismus gefällt würden, fast immer auf Einsperrung in eine Irrenanstalt lauteten?
Meine unangenehmen Gedanken wurden durch Ediths weiche Stimme unterbrochen: »Ich denke, lieber Vater,« sagte sie, »Herr Forest ist ein eben so ehrenhafter wie wohlmeinender Mann und man sollte ihm gestatten, seine Meinungen zu äußern, selbst wenn diese irrig oder gar sonderbar sind. Die Studenten werden am Ende ohne Zweifel davon überzeugt werden, daß unsere Gesellschaftsordnung so gut ist, wie sie nur gestaltet werden kann. Außerdem ist es auch so unterhaltend, gelegentlich einmal eine andere Ansicht zu hören.«
Mit dem Ausdruck väterlicher Liebe legte Dr. Leete seine rechte Hand auf Ediths reiches Haar und sagte: »Die Damen am Hofe Ludwigs XVI. von Frankreich fanden auch die Ansichten sehr unterhaltsam, welche die Revolution veranlaßten und vielen der »unterhaltenen« Damen und Herren ihre Köpfe unter der Guillotine kosteten. -- Gedanken sind Feuerfunken, die leicht eine Feuersbrunst veranlassen können, wenn sie nicht überwacht werden.«
Drittes Kapitel.
Ich hatte mich niemals viel mit Volkswirtschaft befaßt und es war mir demgemäß auch nie in den Sinn gekommen, wirtschaftliche Grundsätze auf ihren Wert zu prüfen. Ob Wettbewerb oder Gütergemeinschaft der Menschheit zuträglicher sei -- diese Frage war mir noch nie in den Sinn gekommen. Als daher Dr. Leete in seiner ebenso bestimmten wie ansprechenden Weise erklärte, wie die Gesellschaft nach Beseitigung des Wettbewerbes geordnet wurde, hatte ich nicht einmal erkannt, daß diese Ordnung auf kommunistischen Grundsätzen ruhte. Ich meinte, die Menschheit hätte das tausendjährige Reich errungen und als Dr. Leete mir sagte, daß seine bequeme, ja von Überfluß zeugende Lebensweise die des gesamten Volkes im letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sei, da zweifelte ich nicht, daß jedermann mit der neuen Gesellschaftsordnung zufrieden sein müsse.
Meine kühle Aufnahme seitens der Studenten und meine Unterredung mit Herrn Forest hatten mich aber belehrt, daß nicht alle Bewohner der Vereinigten Staaten im zweitausendsten Jahre des Herrn die jetzige Gesellschaftsordnung für das tausendjährige Reich hielten und ich muß bekennen, daß mich diese Wahrnehmung sehr schmerzlich berührte. Denn ein süßer Friede, eine nie vorher empfundene Ruhe waren in mein Herz gezogen, als Dr. Leete von der grenzenlosen Glückseligkeit erzählte, deren sich die Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert erfreute.
Meine neue Stellung legte mir nun die Pflicht auf, mich eingehend mit volkswirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Allerdings hätte ich einfach die gesellschaftlichen und politischen Zustände in den Vereinigten Staaten am Schlusse des vorigen Jahrhunderts schildern und vor jenem Hintergrunde die neue Ordnung der Dinge loben können; aber das würde mir selbst nicht genügt haben. Ich wollte selbst durch eingehende vergleichende Prüfung erforschen, welche von beiden wirtschaftlichen Richtungen den Vorzug verdiene. Deshalb pflegte ich meine Bekanntschaft mit Herrn Forest, um dessen Gründe gegen die von Dr. Leete vertretenen Lehren kennen zu lernen. Dieser Umgang mit Herrn Forest war insofern für mich kein angenehmer, als mich stets das Gefühl des Unbehagens bei dem Gedanken überkam, daß Forests Anschauungen und Grundsätze sich als die richtigeren erweisen könnten. Denn ein Sieg der von Forest vertretenen Ansichten kam einer Umkehr zu einem Stande der Dinge gleich, welcher mir so gründlich zuwieder war, wegen der Sorgen und Unbequemlichkeiten, die er im Gefolge hatte. Mir erschien Dr. Leetes Staatswesen als ein Paradies, aus dem Forest mich vertreiben wollte.
In meinen nächsten Vorlesungen beschränkte ich mich auf eine genaue Schilderung des »Arbeitsmarktes« in Boston im Jahre 1887. Alle Übertreibungen sorgfältig vermeidend, zog ich aus den vorliegenden Thatsachen nur unbestreitbare Schlußfolgerungen. Ich zeigte, wie Kapital und Arbeit gleichmäßig unter den zahlreichen Arbeitseinstellungen jener Tage gelitten hatten und pries die jetzige Ordnung der Dinge, weil sie solche unsinnige wirtschaftliche Kämpfe unmöglich mache.
Nach Beendigung meiner Vorlesungen unterhielt ich mich stets mit Herrn Forest, welcher ebenso bereitwillig war, über die neue Gesellschaftsordnung zu sprechen, wie Dr. Leete.
»Die Freunde der Regierung nennen mich einen unverbesserlichen Krittler«, sagte Forest, »und sie haben recht, obschon sie ihr Urteil in etwas höflichere Worte kleiden und sagen könnten, daß ich zur Prüfung aller Dinge geneigt bin. Ich würde jede Regierung, unter der zu leben mein Schicksal wäre, prüfen und mein Urteil aussprechen; gleichviel, wie gut, oder wie schlecht die Regierung auch wäre. Ich hege keinen Groll gegen die Männer, welche die Vereinigten Staaten heut regieren. Ich gebe sogar zu, daß sie etwas mehr Klugheit, Thatkraft und Duldsamkeit zeigen, als die Mitglieder der Verwaltung, welche vor zwölf Jahren aus dem Amte schied. Es sind eben die leitenden Grundsätze, welche falsch sind und demgemäß müssen auch die Folgen schlecht sein, was immer die Regierung thun mag, die üblen Folgen eines schlechten Systems zu verkleistern.«
»Sie meinen demnach, daß das jetzige System durchaus falsch ist?« fragte ich.
»Können Sie daran zweifeln?« antwortete Forest. »Blicken Sie um sich! Ist der leitende Grundsatz in der Schöpfung Gleichheit oder Verschiedenheit? Sie finden oft Ähnlichkeit, nie Gleichheit. Pflanzenkundige haben Tausende von Blättern gesammelt, die auf den ersten Blick ganz gleich erschienen; aber bei sorgfältiger Prüfung fanden sie ganz bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Ungleichheit ist Naturgesetz und jeder Versuch, unbedingte Gleichheit herzustellen, ist demnach naturwidrig und unsinnig. Es haben deshalb auch alle derartigen Versuche sich als Fehlschläge erwiesen. Selbst als einige der ersten Christen, von Nächstenliebe geleitet, die Gütergemeinschaft unter sich einführten, war das naturwidrige Unternehmen nicht von Bestand. Selbst der selige Prokrustes konnte mit einer Bettstelle für alle sein Geschäft nicht betreiben; er brauchte deren zwei, für die langen und für die kurzen Opfer, welche ihm in die Hände fielen. Wir könnten eben so wohl anordnen, daß künftighin alle Männer sechs Fuß lang sein, zweiundvierzig Zoll um die Brust messen, eine griechische Nase, blaue Augen, blonde Haare und eine Tenorstimme haben müssen, wie wir versuchen können, alles Leben in einem kommunistischen Gemeinwesen in eine Gleichheitszwangsjacke zu stecken, in der Erwartung, daß die Menschheit sich da wohl fühlen solle. -- Berücksichtigen wir doch nur in Verbindung mit der Verschiedenartigkeit der geistigen und körperlichen Anlagen die Verschiedenheit der Neigung und des Geschmackes, die Mannigfaltigkeit der Berufsthätigkeit und beantworten wir uns dann die Frage, ob die Begründung einer Gesellschaftsordnung auf der Grundlage unbedingter Gleichheit dauern kann.«
»Wenn ich mir eine richtige Ansicht von der Gliederung Ihrer Gesellschaft gebildet habe,« wandte ich hier ein, »so haben Sie das Anrecht aller Menschen auf einen Lebensunterhalt anerkannt, indem Sie jedermann einen gleichen Anteil an den Arbeitserzeugnissen zugestanden; aber Sie haben auch jedermann die Gelegenheit geboten, einen ihm zusagenden Beruf zu wählen. Sie haben ferner die zu einer Zunft gehörigen Arbeiter in Abteilungen und Grade geteilt, um den Ehrgeiz der Arbeiter nach Erreichung eines höheren Grades anzuregen und Sie haben so eine Verschiedenartigkeit der Stellungen geschaffen, welche der Ungleichheit der Menschen entspricht, die Sie vorhin hervorgehoben.«
»So ist es,« sagte Forest. »Wir haben zuerst den Grundsatz der Gleichheit festgestellt und alsdann unsere Gesellschaft auf der Grundlage der Ungleichheit gegliedert, wodurch wir die ausdrückliche Anerkennung der Thatsache vermieden, daß die neue Gesellschaftsordnung in der Lehre wie in der Wirklichkeit eine Fehlgeburt ist. Die Frage, welche uns vorliegt, ist eine sehr einfache: »#Sind wir alle einander gleich?#« Wenn wir es sind, dann ist der Kommunismus die allein richtige Gesellschaftsform und jedermann sollte alsdann einen gleichen Anteil von den Erzeugnissen der gemeinschaftlichen Arbeit erhalten. Sind wir nicht alle einander gleich, sind wir verschieden voneinander an geistigen und körperlichen Fähigkeiten, sind die Arbeitsergebnisse ungleich, dann liegt auch kein vernünftiger Grund vor, weshalb die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilt werden sollten. Wir aber verkündigen erst den Grundsatz der Gleichheit und behaupten, daß wir besagter Gleichheit wegen die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilen; -- und dann teilen wir die sämtlichen »Arbeiter, je nach ihrer Fähigkeit, in solche ersten, zweiten und dritten Grades..... Und in vielen Fällen sind diese Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse geteilt.«[7] Hier sehen wir also, daß die Arbeiter in sechs Abteilungen gegliedert werden und zwar aus dem ausdrücklich angeführten Grunde: weil ihre Befähigung eine #verschiedene# ist. Daß ihr Fleiß ebenfalls ungleich ist, wird nicht ausdrücklich zugestanden, ist aber nichtsdestoweniger eine Thatsache. Die #Ungleichheit# der Menschen wird also #ausdrücklich# anerkannt; aber die Arbeitsergebnisse werden im Namen der #Gleichheit gleichmäßig verteilt#!«