Ehstnische Märchen

Chapter 4

Chapter 43,794 wordsPublic domain

Eines Tages nun trat _Flinkhand_ in des Königs Schloß und wünschte den König zu sprechen. Dann sagte er: »Geehrter König! ich höre von den Leuten, daß ihr sehr eilige Arbeiten braucht. Ich bin ein weitgereister Meister und kann vielleicht die Arbeiten übernehmen, wenn wir Handels einig werden und ihr mir die Frist nennt, binnen welcher sie fertig sein müssen.« Als der König die Frist genannt hatte, sagte _Flinkhand_: »Lasset alle Meister der Stadt zusammenrufen und befragt sie, ob sie bis zu dem genannten Tage mit den Arbeiten fertig werden können, wenn das nicht der Fall ist, so übernehme ich Alles, aber den Arbeitslohn habt ihr dann mir allein zu zahlen.« -- »Das wäre schon recht,« erwiederte der König, »wenn ihr so viele Gesellen bekommen könntet, aber das ist ja eben, was unsern städtischen Meistern fehlt, sie finden nicht genug Arbeiter.« -- »Das sei meine Sorge,« erwiederte _Flinkhand_. Den andern Tag wurden alle Meister der Stadt in das Schloß gerufen und gefragt, wann Jeder mit seiner Arbeit fertig zu werden glaube, worauf einige vier und fünf Monate, andere noch mehr Zeit verlangten. »Nun,« sagte _Flinkhand_ zum Könige, »wenn ihr mir für drei Monate den doppelten Lohn versprecht, so will ich allein all' die Arbeit übernehmen, mit der die Andern wohl erst in einem halben Jahre zu Stande kämen.« Das schien indeß dem Könige so wunderbar und so unglaublich, daß er besorgte, man wolle ihm einen Possen spielen und deßhalb fragte: »Was für eine Bürgschaft kannst du mir geben, daß du deine Versprechungen erfüllen wirst?« _Flinkhand_ erwiederte: »Geld und Kostbarkeiten, die ich als Schadenersatz bieten könnte, habe ich freilich nicht, aber wenn ihr mein Leben zum Pfande wollt, so ist unser Handel bald geschlossen. Damit ihr aber auch nicht die Katze im Sack zu kaufen braucht, will ich euch morgen eine Probearbeit bringen.« Das war der König zufrieden. Die Gesellen aber meinten untereinander, wenn er doppelte Zahlung erhält, so muß er uns auch doppelten Arbeitslohn geben, sonst werden wir ihm nicht helfen. Als der König am folgenden Tage die Probearbeit gesehen hatte, war er sehr zufrieden damit, und obwohl alle übrigen Meister vor Neid bersten wollten, konnte doch keiner die Arbeit tadeln. Jetzt machte sich _Flinkhand_ wie ein Mann an's Werk. War ihm auch früher schon alle Arbeit von der Hand geflogen, so war doch die Hurtigkeit, die er jetzt von früh bis spät entfaltete, mehr als wunderbar; kaum nahm er sich soviel Zeit, um zu essen und in der Nacht ein wenig, wie ein Vogel auf dem Ast, zu ruhen. Zwei Wochen vor der bedungenen Frist war aller Bedarf für die Soldaten fertig und dem Könige abgeliefert. Der König zahlte den für drei Monate bedungenen Preis doppelt, und fügte fast eben soviel noch als Geschenk hinzu. Dann sagte er: »Lieber kluger Meister! ich möchte mich von dir nicht so schnell trennen. Hast du nicht Lust mit dem Heere gegen die Feinde zu ziehen? Wer so geschickt alle Arbeiten anzufertigen weiß, aus dem kann sicher auch der allerbeste Kriegsmann werden.« _Flinkhand_ erwiederte: »Vielleicht verhält sich die Sache so, wie ihr, geehrter König, meint, aber aufrichtig gesagt: ich habe, so lang ich lebe, das Kriegshandwerk noch nicht versucht, sondern bis jetzt nur unblutige Arbeit gethan. Ueberdieß rückt auch die Zeit heran, wo die Eltern mich zu Hause erwarten; nehmt es darum nicht übel, wenn ich eurem Verlangen diesmal nicht entsprechen kann.« So schied er von der Königsstadt, wo er in kurzer Zeit zum reichen Manne geworden war. Er hatte noch über ein halbes Jahr bis zur Heimreise, darum streifte er von einem Orte zum andern und wenn er sich irgendwo länger aufhielt, so arbeitete er, um das Reisegeld zusammenzubringen, denn er wollte sein angesammeltes Vermögen nicht angreifen.

Der dritte Bruder, _Scharfauge_, der seinen Weg gen Abend genommen hatte, schweifte lange von einem Orte zum andern, ohne einen passenden und lohnenden Dienst zu finden. Als geschickter Schütze konnte er zwar allenthalben soviel erwerben, um seinen täglichen Unterhalt zu bestreiten, aber was hatte er dann bei der Heimkehr mit nach Hause zu bringen? Mit der Zeit war er auf seiner Wanderung in eine große Stadt gerathen, wo man nur von dem Unglück sprach, das den König schon drei Mal getroffen hatte, und das Niemand zu begreifen, geschweige zu verhüten vermochte. Die Sache verhielt sich so. Der König hatte in seinem Garten einen kostbaren Baum, der wie ein Apfelbaum aussah, aber goldene Aepfel trug, von denen manche so groß waren wie ein großes Knäuel Garn, und viele tausend Rubel werth sein mochten. Es läßt sich denken, daß ein solches Obst nicht ungezählt blieb, und daß Nacht und Tag Wachen rings umher standen, um jeden Diebstahl zu verhüten. Trotzdem war schon drei Nächte hintereinander immer einer der größeren Aepfel gestohlen worden; man schätzte den Werth eines solchen auf sechstausend Rubel. Die Wachen hatten weder den Dieb gesehen noch seine Spur gefunden. _Scharfauge_ dachte sich gleich, daß hier eine ganz besondere List obwalte, die er mit seinem durchdringenden Blick wohl herausbringen könnte. Er meinte, wenn der Dieb nicht körperlos und unsichtbar zum Baume kommt, so wird er meinem scharfen Auge nicht entgehen. Er bat deßhalb den König um die Erlaubniß, sich in den Garten begeben zu dürfen, um ohne Vorwissen der Wächter seine Beobachtungen anzustellen. Als er die Erlaubniß erhalten hatte, machte er sich im Wipfel eines hohen Baumes, der nicht weit von dem Goldapfelbaume stand, ein Versteck zurecht, wo Niemand ihn gewahr werden konnte, während sein scharfes Auge überall hin reichte und Alles, was vorging, sehen konnte. -- Brotsack und Milchfäßchen nahm er mit sich, damit er nicht genöthigt wäre seinen Schlupfwinkel zu verlassen, falls das Wachen sich in die Länge zöge. Den Goldapfelbaum und was rings um denselben vorging, behielt er nun unausgesetzt im Auge. Die Wachtsoldaten hatten um den Baum herum drei so dichte Kreise geschlossen, daß kein Mäuslein unbemerkt hätte durchschlüpfen können. Wenn der Dieb nicht etwa Flügel hatte, auf dem Boden konnte er nicht an den Baum gelangen. Den ganzen Tag über bemerkte Scharfauge nichts, was einem Diebe ähnlich gesehen hätte. Bei Sonnenuntergang flatterte ein kleiner gelber Schmetterling um den Apfelbaum herum, bis er sich endlich auf einen seiner Zweige niederließ, an welchem gerade ein sehr schöner Apfel hing. Daß ein kleiner Schmetterling keinen goldenen Apfel vom Baume fortbringen konnte, begreift Jeder so gut wie _Scharfauge_, allein da dieser nichts Größeres gewahr wurde, so verwandte er kein Auge von dem gelben Schmetterling. Die Sonne war längst untergegangen und auch die Abendröthe verschwand allmählich vom Horizont, aber die um den Baum herum aufgestellten Laternen gaben so viel Licht, daß man Alles sehen konnte. Der gelbe Schmetterling saß immer noch unbeweglich auf seinem Zweige. Es mochte um Mitternacht sein, als dem Wächter auf dem Baume die Augen ein wenig zufielen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, als aber seine Augen wieder auf den Apfelbaum fielen, sah er, daß der gelbe Schmetterling nicht mehr auf dem Zweige saß, -- noch mehr erschrak er, als er entdeckte, daß auch der herrliche Goldapfel von diesem Zweige verschwunden war. Ein Diebstahl war geschehen, daran war nicht zu zweifeln, allein wenn der geheime Wächter die Sache erzählt hätte, so würden die Leute ihn für verrückt gehalten haben, denn soviel konnte ein Kind einsehen, daß ein Schmetterling nicht im Stande war, den Goldapfel weg zu tragen. Am Morgen gab es wieder großen Lärm, als man fand, daß ein Apfel fehle, ohne daß einer der Wächter eine Spur vom Diebe gesehen hätte. Da trat _Scharfauge_ abermals vor den König und sagte: »Ich habe zwar den Apfeldieb ebensowenig gesehen wie eure Wachen, aber wenn ihr in der Stadt oder in der Nähe derselben einen zauberkundigen Mann habt, so weiset mich zu ihm, mit seiner Hülfe hoffe ich künftige Nacht des Diebes habhaft zu werden.« Als er erfahren hatte, wo der Zauberer zu finden sei, ging er unverzüglich zu ihm. Die Männer rathschlagten dann, wie sie die Sache wohl am besten anfangen könnten. Nach einiger Zeit rief _Scharfauge_ »Ich habe einen Plan! kannst du durch Zauber einem Spinngewebe solche Festigkeit geben, daß die Fäden auch das stärkste Geschöpf festhalten, dann legen wir den Dieb in Fesseln, so daß er uns nicht wieder entrinnt.« Der Zauberer sagte, das sei möglich; nahm drei große Kreuzspinnen, machte sie durch Hexenkraft so stark, daß kein Geschöpf sich aus ihrem Gewebe losmachen konnte, that sie in ein Schächtelchen und gab sie dem _Scharfauge_. »Setze diese Spinnen, wohin du willst, und zeige ihnen mit dem Finger an, wie sie ihr Netz ziehen sollen, so spinnen sie alsbald einen Käfig um den Gefangenen, aus welchem nur Mana's[15] Weisheit erlösen kann; übrigens eile ich dir zu Hülfe, wenn es dessen bedarf.«

_Scharfauge_ schlüpfte mit dem Schächtelchen im Busen wieder auf seinen Baum, um den Verlauf der Sache zu überwachen. Zu derselben Zeit wie gestern sah er den gelben Falter wieder um den Apfelbaum her schweben, aber es dauerte heute viel länger als gestern, ehe sich der Schmetterling auf einen Zweig setzte, an welchem ein großer Goldapfel hing. Sofort ließ sich Scharfauge von seinem Baume herunter, näherte sich dem Goldapfelbaum, ließ eine Leiter anlegen, kletterte sachte hinauf, um den Schmetterling nicht zu scheuchen, und setzte seine kleinen Weber je auf drei Zweige. Eine Spinne kam so einige Spannen über dem Schmetterling, die andere zu seiner Rechten, die dritte zu seiner Linken zu sitzen; dann beschrieb Scharfauge mit dem Finger eine Linie in die Kreuz und die Quer um den Schmetterling herum. Dieser saß mit aufgerichteten Flügeln unbeweglich da. Mit Sonnenuntergang war der Wächter wieder in seinem Baumversteck. Von da aus sah er zu seiner Freude, wie die drei Gesellen um den Schmetterling her von allen Seiten ein Gehege machten, aus welchem das Männlein nicht hoffen durfte zu entkommen, wenn anders die Kraft, deren der Zauberer sich gerühmt hatte, sich bewähren würde. Wohl suchte unser Mann auf seinem Baume sich vor dem Einschlummern zu hüten, aber dennoch waren ihm mit einem Male die Augen zugefallen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, aber ein großer Lärm hatte ihn plötzlich aufgeweckt. Als er hinsah, nahm er wahr, daß die Wachtsoldaten wie die Ameisen um den Goldapfelbaum herum liefen und tobten; auf dem Baume aber saß ein alter graubärtiger Mann, einen Goldapfel in der Faust, in einem eisernen Netze. Hurtig stieg _Scharfauge_ von seinem Wipfel herunter, aber ehe er den Goldapfelbaum erreicht hatte, war auch schon der König da, der bei dem Lärm der Wachen aus dem Bette gesprungen und herbeigeeilt war, um zu sehen, was sich Unerwartetes in seinem Garten zutrug. Da saß nun der Dieb im Eisenkäfig und konnte nirgends hin »Geehrter König,« sagte dann _Scharfauge_: »jetzt könnt ihr euch ruhig niederlegen und bis zum hellen Morgen schlafen, der Dieb entkommt uns nicht mehr. Wäre er auch noch so stark, so kann er doch die durch Hexenkraft entstandenen Maschen seines Käfigs nicht zerreißen.« Der König dankte und befahl dem Haupthaufen der Wachtsoldaten ebenfalls schlafen zu gehen, so daß nur noch einige unter dem Baume auf Wache blieben; _Scharfauge_, der zwei Nächte und zwei Tage gewacht hatte, ging ebenfalls um auszuschlafen.

Am andern Morgen ging er mit dem Zauberer in des Königs Schloß. Der Zauberer war froh, als er den Dieb im Käfig fand und wollte ihn auch nicht eher herauslassen, als bis das Männlein seine wahre Gestalt gezeigt haben würde. Zu dem Ende schnitt er ihm den halben Bart unter dem Kinne ab, ließ Feuer bringen und fing an die Barthaare zu sengen. O der Pein und Qual, welche der Vogel im Eisenkäfig jetzt auszustehen hatte![16] Er schrie jämmerlich und überschlug sich vor Schmerz, aber der Zauberer ließ nicht ab, sondern sengte immer mehr Haare, um den Dieb mürber zu machen. Dann rief er: »Bekenne, wer du bist?« Das Männlein antwortete: »Ich bin des Hexenmeisters _Piirisilla_ Knecht, den sein Herr ausgeschickt hat zu stehlen.« Der Zauberer begann wieder die Barthaare zu sengen. »Au, au!« schrie der Hexenmeister, »laßt mir Zeit, ich will bekennen! Ich bin nicht der Knecht, ich bin des Hexenmeisters Sohn.« Abermals wurden Haare gesengt, da rief der Gefangene heulend: »Ich bin der Hexenmeister Piirisilla selbst.« »Zeige uns deine natürliche Gestalt -- oder ich senge wiederum,« befahl der mächtige Zauberer. Da begann das Männlein im Käfig sich zu strecken und auszudehnen, und war in wenig Augenblicken zu einem gewöhnlichen Manne angewachsen, der die Entwendung der Goldäpfel ohne Umschweife eingestand. Jetzt wurde er sammt dem Käfige vom Baume heruntergenommen und gefragt, wo das Gestohlene versteckt sei? Er versprach die Stelle selbst zu zeigen, aber _Scharfauge_ bat den König, den Dieb ja nicht aus dem Käfig zu lassen, denn sonst könnte er sich wieder in einen Schmetterling verwandeln und ihnen entkommen. Ehe er aber alle Diebslöcher angab, mußte er noch manches Mal gesengt werden, und als endlich alle Goldäpfel herbeigeschafft waren, wurde der böse Dieb im Käfig verbrannt und seine Asche in die Luft gestreut.

Als der König seinen Schatz wieder hatte, zahlte er dem _Scharfauge_ einen sehr großen Lohn, so daß er auf ein Mal wohl noch reicher ward als seine beiden Brüder. Der König hätte ihn gern in seine Dienste genommen, aber _Scharfauge_ sagte: »Ich kann jetzt keinen Dienst mehr annehmen, sondern muß nach Hause, um meine Eltern zu sehen.« Darauf schenkte ihm der König Pferde, Wagen und Diener, welche ihm seine Reichthümer nach Hause brachten.

Als nun die Brüder im elterlichen Hause wieder beisammen waren, fanden sie sich so reich, daß sie mehr als ein halbes Königreich hätten kaufen können. Die Mutter erinnerte sich jetzt, wie der glückbringende Zwerg das Alles zu Wege gebracht hatte, aber sie verschwieg den wunderbaren Vorfall. Reichthum war jetzt in solchem Maße vorhanden, daß die Söhne gewiß nicht nöthig gehabt hätten sich einen neuen Dienst zu suchen; aber wo fände man wohl auf der Welt den Reichen, der mit seiner Habe zufrieden wäre und dieselbe nicht immer noch zu mehren suchte? Als die Brüder später erfuhren, daß eines überaus reichen Königs Tochter im Nordlande demjenigen zu Theil werden sollte, der drei besonders schwierige Dinge ausführen könnte, die bis dahin noch keinem möglich gewesen waren -- beschlossen sie einmüthig, die Sache zu versuchen. Es waren schon Leute genug von weit und breit erschienen, um sich daran zu versuchen, aber Keiner war im Stande gewesen die Aufgaben zu lösen, denen ihre Kräfte nicht gewachsen waren. Einem Einzelnen zumal war es ganz unmöglich das Verlangte zu vollbringen. Als die Brüder den Entschluß gefaßt hatten, machten sie sich selbdritt auf den Weg, und damit sie rascher vorwärts kämen, trug _Schnellfuß_ die beiden Andern von Zeit zu Zeit auf seinem Rücken weiter. Weil nun aber die Arbeit von _einem_ Manne gethan werden sollte, so konnten sie nicht alle drei zugleich vor den König treten. _Schnellfuß_ wurde ausgesandt, Erkundigungen einzuziehen. Die drei Probestücke, welche der künftige Schwiegersohn des Königs ausführen sollte, waren folgende: Erstens sollte er einen Tag mit einer großen Rennthierkuh auf die Weide gehen und Sorge tragen, daß ihm das windschnelle Thier nicht davon laufe; Abends mit Sonnenuntergang sollte er es wieder in den Stall bringen. Zweitens sollte er Abends das Schloßthor verschließen. Das dritte Probestück erschien als das schwerste. Er sollte nämlich mit seinem Bogen einen Apfel wegschießen, dessen Stiel ein Mann auf einem hohen Berge im Munde hielt, ohne daß der Mann Schaden nähme, und so, daß der Pfeil mitten durch den Apfel ginge. Die beiden ersten Arbeiten schienen wohl nicht so schwer, doch hatte Niemand sie bisher ausführen können, und zwar deßhalb, weil es nicht mit rechten Dingen zuging. Die Rennthierkuh besaß nämlich eine so wunderbare Schnelligkeit, daß sie in einem Tage von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die ganze Welt hätte laufen können. Wie konnte ein Mensch mit ihr aushalten? Bei dem zweiten Probestück war Hexerei im Spiel. Eine Hexe hatte sich in den eisernen Pfortenriegel verwandelt, und wenn der Mann die Leiter hinanstieg, um den Riegel anzufassen, so packte sie mit höllischer Kraft die Hand des Unglücklichen, und keine Gewalt konnte sie befreien, bis die Hexe selber los ließ. Das war aber noch nicht Alles -- in demselben Augenblicke, wo die Hand festgeklemmt war, fing der Pfortenflügel an, wie vom Winde geschüttelt hin und her zu tanzen. So mußte der an der Hand festgehaltene Mann bis zum Morgen wie ein Glockenschwengel hin und her baumeln, und wenn er endlich losgelassen wurde, war er mehr todt als lebendig. Obendrein lachten der König und die Leute über sein Unglück und er mußte mit Schande abziehen; auch hatten sich Viele die Schultern so verrenkt, daß sie zeitlebens nicht mehr arbeiten konnten. Die dritte Aufgabe konnte nur einem geschickten Schützen gelingen, dessen Hand und Auge gleich fest und sicher waren. Als Schnellfuß dies Alles erfahren hatte, ging er nicht gleich zum Könige, sondern suchte erst seine Brüder wieder auf, die ihn vor der Stadt erwarteten. Nachdem sich die Männer berathen hatten, fanden sie, daß sie zu Dreien diese Dinge wohl zu Stande bringen könnten, das Verdrießliche war nur, daß sie in den Augen des Königs als Einer erscheinen mußten, wenn sie den versprochenen Kampflohn erringen wollten. Die schlauen[17] Brüder beschnitten also ihre Bärte auf gleiche Weise, so daß keinem weder auf der Oberlippe noch unter dem Kinn die Haare dichter standen als dem andern; und da sie als Söhne einer Mutter und als Drillinge an Körperbildnug und Geberde wenig verschieden waren, so konnte ein fremdes Auge den Betrug nicht herausfinden. Sie ließen sich dann einen gar prächtigen fürstlichen Anzug machen, der aus Seide und dem kostbarsten Sammet bestand und mit Gold und blitzenden Edelsteinen verziert war, so daß Alles glänzte und schimmerte, wie der Sternenhimmel in einer klaren Winternacht. Ehe sie sich anschickten, die Probearbeiten zu unternehmen, gelobten sich die Brüder mit einem Eide, daß nur das Loos entscheiden solle, wer von ihnen des Königs Schwiegersohn werden sollte. Da nun die starken Brüder auf diese Weise allen künftigen Mißhelligkeiten vorgebeugt hatten, schmückten sie eines Tages _Schnellfuß_ mit den prächtigen Kleidern und schickten ihn zum Könige, damit er die Rennthierkuh auf die Weide führe. Ging die Sache nach Wunsch, so war der erste große Stein hinweggewälzt, der bis jetzt alle dreier verhindert hatte, die Brautkammer zu betreten.

_Schnellfuß_ trat so stolz vor den König hin, als wäre er ein geborener Königssohn, grüßte mit Anstand und bat um Erlaubniß, das Probestück am andern Morgen zu versuchen. Der König gab sie, fügte aber hinzu: »Gut wäre es, wenn ihr schlechtere Kleider anzöget, denn unsere Rennthierkuh läuft unbekümmert durch Sumpf und Moor, immer gerade aus, da könntet ihr die theuren Kleider verderben.« _Schnellfuß_ erwiederte: »Wer eure Tochter freien will, was macht sich der aus Kleidern?« und ging dann zur Ruhe, um den andern Tag desto munterer zu sein. Des Königs Tochter, die heimlich durch eine Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht hatte, sagte seufzend: »Wenn ich doch dem Rennthier Fußfesseln anlegen könnte, ich thäte es, um diesen Mann zum Gemahle zu erhalten.«

Als den andern Morgen die Sonne aufgegangen war, band _Schnellfuß_ der Rennthierkuh einen Halfterstrang[18] um den Hals und nahm das andere Ende in die Faust, damit die Kuh sich nicht zu weit entfernen könnte. Als die Stallthür geöffnet wurde, schoß die Kuh wie der Wind davon, der Hirte aber lief den Halfter festhaltend neben ihr her, und blieb keinen Schritt zurück. Der König und die Zuschauer aus der Stadt erstaunten über die wunderbare Schnelligkeit des Mannes, denn bis hierzu hatte noch Keiner auch nur ein paar hundert Schritt weit neben der Kuh herlaufen können. Wiewohl _Schnellfuß_ sobald keine Ermüdung zu fürchten hatte, so hielt er es doch für gerathen, die Kuh zu besteigen, sobald er den Leuten aus den Augen war. Er sprang auf den Rücken des Thieres, hielt sich am Halfter fest und ließ sich weiter tragen. Es war noch früh am Morgen, als die Rennthierkuh schon merkte, daß von diesem Hirten nicht loszukommen sei; sie hielt den Schritt an und rupfte das Gras vom Boden. _Schnellfuß_ sprang ab und warf sich unter einen Busch, um auszuruhen, hielt aber den Halfter fest, damit die Kuh nicht davon liefe. Als die Sonne um Mittag brannte, legte sich auch die Kuh neben ihn in den Schatten und fing an wiederzukäuen. Nach Mittag versuchte das Thier noch einige Mal die Schnelligkeit seiner Beine, um dem Hirten zu entkommen, aber dieser war wie der Wind wieder auf dem Rücken der Kuh, so daß er seine Beine nicht anzustrengen brauchte. Sehr groß war das Erstaunen des Königs und der Leute, als sie bei Sonnenuntergang sahen, wie die störrige Rennthierkuh gleich dem frömmsten Lamme mit ihrem Hirten heim kehrte. _Schnellfuß_ führte sie in den Stall, verschloß die Thür und speiste dann auf Einladung des Königs an dessen Tafel. Nach dem Abendessen verabschiedete er sich, indem er sagte, er wollte zeitig zur Ruhe gehen, um die Ermüdung des Tages los zu werden.

Allein er ging nicht zur Ruhe, sondern begab sich zu seinen Brüdern, die seiner im Walde harrten. Den anderen Tag sollte _Flinkhand_ die prächtigen Kleider anziehen und zum Könige gehen, um das zweite Probestück auszuführen. Der König, welcher ihn für den Mann von gestern hielt, lobte seine Hirtenarbeit und wünschte ihm Glück zu seiner heutigen Aufgabe, nämlich am Abend die Pforte zu verschließen. Des Königs Tochter hatte wieder durch die Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht und sagte seufzend: »Wenn ich könnte, ich schaffte die böse Hexe von der Pforte fort, damit diesem theuren Jünglinge kein Leid geschähe, den ich mir zum Gemahl wünsche.«

_Flinkhand_, der genau wußte, wie es sich mit dem Pfortenriegel verhielt, ging vom Könige gerades Wegs zum Schmied und ließ sich eine starke eiserne Hand machen. Als am Abend alle Welt im Schlosse zur Ruhe gegangen war, machte er Feuer an und ließ darin die Eisenhand rothglühend werden. Darauf stellte er eine Leiter gegen die Pforte, denn seine Körperlänge reichte nicht hinan. Von der Leiter aus legte er die glühende Eisenhand an den Riegel, und in demselben Augenblick hatte die Hexe, die darin steckte, zugepackt und die Hand ergriffen, welche sie für eine natürliche hielt. Als sie aber den brennenden Schmerz fühlte, fing sie so an zu brüllen, daß alle Wände bebten und viele Schläfer im Schloß durch den Lärm aufgeweckt wurden. Aber _Flinkhand_ hatte in demselben Augenblick, wo die Eisenhand ihn selbst vor dem Griffe der Hexe geschützt hatte, den Riegel vorgeschoben, so daß die Pforte verschlossen war. Gleichwohl blieb er wach, bis der König am Morgen aufstand und die Sache selbst in Augenschein nahm. Die Pforte war noch verriegelt. Der König lobte die Geschicklichkeit des Jünglings, der schon zwei schwierige Arbeiten ausgeführt hatte und lud ihn zu Mittag zu Gaste. _Flinkhand_ aß sich an des Königs Tafel satt und wußte sich auch angenehm zu unterhalten, bis er endlich um Erlaubniß bat, nach Hause zu gehen, und auszuruhen, da er die ganze vorige Nacht kein Auge zugethan, auch noch mancherlei Vorbereitungen für den kommenden Tag zu treffen habe. Er ging dann in den Wald, wo die Brüder ihn längst erwarteten und wissen wollten, wie das Probestück abgelaufen wäre. Da nun die starken Brüder sich einander nicht beneideten und keiner voraus wissen konnte, wen endlich das Glück treffen würde, Schwiegersohn des Königs zu werden, so freuten sie sich gemeinschaftlich des gelungenen Werkes.