Chapter 3
Es lebte einmal ein Jüngling, der nirgends Ruhe hatte, sondern sich abmühte, alle verborgenen Dinge zu erforschen, die andern Leuten unbekannt geblieben waren. Als er die Vogelsprache und andere geheime Weisheit genugsam erlernt hatte, hörte er zufällig, daß unter der Decke der Nacht sich Manches zutragen solle, was den Augen Sterblicher zu schauen verwehrt sei. Jetzt sehnte er sich darnach, solche Heimlichkeiten der Nacht zu ergründen, und mochte sich nicht eher zufrieden geben, als bis ihm diese verborgene Kunde geworden wäre. Wohl ging er eine Zeit lang von einem Zauberer zum andern, und lag ihnen an, ihm zu seinem Zwecke die Augen zu schärfen, aber keiner konnte helfen. Da kam er durch einen glücklichen Zufall endlich mit einem Mana-Zauberer[10] aus Finnland zusammen, der über diese verborgenen Dinge Auskunft zu geben wußte. Als er diesem seinen Wunsch kund gethan hatte, sagte der Zauberer warnend: »Söhnlein! jage nicht allerlei leerer Weisheit nach, welche dir kein Glück bringen kann, wohl aber Unglück. Manches ist den Augen der Menschen verhüllt, weil es dem Frieden des Herzens ein Ende machen müßte, wenn es erkannt würde. Wer alle geheimen Dinge schauen lernt, der findet keine Freude mehr an dem, was ihm die Alltagswelt vor Augen bringt. Dies bedenke, ehe du später bereuest. --Dennoch will ich, falls du meiner Abmahnung nicht achtest und dein Unglück wünschest, dich unterweisen, wie du die unter der Decke der Nacht geschehenden Dinge gewahr werden kannst. Aber du mußt mehr als Mannesmuth haben, sonst kannst du nie geheimer Weisheit inne werden.« Darauf gab ihm der Zauberer aus Finnland einen Ort an und nannte ihm die, zum Glück nahe bevorstehende Nacht,[11] wo der Schlangenkönig immer nach sieben Jahren mit seinem Hofstaat zusammenkommt, um ein großes Festgelage zu halten. »Der Schlangenkönig hat ein Goldschüsselchen mit Himmelsziegenmilch vor sich; wenn es dir nur gelingt, ein Stückchen Brot in diese Milch zu tunken und den eingetunkten Bissen in den Mund zu stecken, ehe du dich wieder auf die Flucht begiebst, so kannst du alles Geheime schauen, was unter der Decke der Nacht geschieht, ohne daß die Menschen Kunde davon haben. Als einen glücklichen Zufall kannst du es ansehen, daß des Schlangenkönigs Fest gerade in dieses Jahr fällt, sonst hättest du sieben Jahre auf die Wiederkehr desselben warten müssen. Sei aber dreist, beherzt und rasch, sonst geht die Sache schief.« -- Der Jüngling dankte für diese Belehrung und ging mit dem festen Vorsatz, derselben nachzukommen, und müßte er auch dabei sein Leben einbüßen. Als nun die bezeichnete Nacht herangekommen war, ging er Abends auf ein großes Moor, wo der Schlangenkönig mit seinen Unterthanen zusammenkommen sollte, um das Fest zu feiern. Obwohl aber der Jüngling seine Augen nach allen Seiten scharf umhergehen ließ, so sah er doch im Mondenschein nichts weiter, als eine Anzahl Rasenhügel, die unbeweglich da lagen. Schon wurde ihm die Zeit lang, Mitternacht konnte nicht mehr fern sein, als plötzlich mitten auf dem Moor ein heller Feuerschein aufstieg, etwa wie wenn ein Stern des Himmels auf einem der Rasenhügel schimmerte. In demselben Augenblicke, wo der Feuerschein aufglänzte, fingen sämmtliche Rasenhügelchen an zu krimmeln und zu wimmeln, und von jedem derselben kamen Hunderte von Schlangen herunter und krochen alle auf den Feuerschein zu -- und jetzt war nur noch flaches Moor vorhanden. Die vermeintlichen Hügelchen waren nichts weiter als Haufen lebendiger Schlangen gewesen, die hier ihren König erwartet hatten. Als nun sämmtliche Schlangen sich an der Stelle, wo der Feuerschein glänzte, versammelt und sich dort zu _einem_ Haufen zusammengeknäult hatten, war dieser so hoch und breit wie ein kleiner Heuschober geworden, und auf der Spitze desselben hielt sich der helle Feuerschein. Das Gewirre und Geschwirre in dem Schlangenhaufen war so groß, daß der Jüngling vor Furcht keinen Schritt näher zu treten wagte, sondern lange von weitem stehen blieb, und das Wunder betrachtete. Allmählich aber faßte er sich ein Herz, und ging fein sachte Schritt vor Schritt auf den Zehen vorwärts. Was er da sah, war gräulicher als gräulich, und ging über alle Begriffe. Tausende von Schlangen, groß und klein, von allen Farben, waren hier wie in einem Traubenbündel um eine große Schlange gelagert, deren Körper die Dicke eines tüchtigen Balkens zu haben schien, und die auf dem Kopfe eine prächtige goldene Krone[12] trug, von welcher jener Glanz ausstrahlte. Hunderte und Tausende von Schlangenhäuptern, die aus dem Haufen hervorragten, züngelten und zischten wie böse Gänse und machten ein so arges Geräusch, daß es zum Taubwerden war. Der Jüngling hatte lange nicht das Herz, an den Schlangenhaufen heranzugehen, wo jeder Augenblick ihm Tod drohte; als er aber plötzlich das Goldschüsselchen, von dem er gehört hatte, vor dem Schlangenkönig erblickte und an den daran geknüpften Gewinn dachte, durfte er nicht länger zaudern. Obwohl ihm die Haare zu Berge standen und das Blut im Herzen erstarrte, so stachelte ihn doch sein Verlangen und trieb ihn vorwärts. -- O was für ein Gewirr und Geschwirr sich jetzt in dem Schlangenhaufen erhob! Alle die Tausend Köpfe sperrten die Mäuler weit auf und suchten den Mann zu stechen, aber zum Glück konnten sie ihre Leiber nicht so schnell aus dem Knäuel los wickeln. Der Jüngling hatte mit Blitzesschnelle einen Bissen Brot in das Goldschüsselchen getunkt, ihn in den Mund gesteckt und dann Fersengeld gegeben, als ob Feuer hinter ihm drein jagte. Aber der Verfolger war schlimmer als Feuer, darum ließ er sich nicht Zeit, hinter sich zu blicken, obgleich ihm war, als ob Tausende von Feinden ihm auf der Ferse wären und er stets das Geräusch derselben zu hören glaubte. Endlich stockte ihm der Athem und seine Kraft erlahmte; er fiel ohne Bewußtsein auf den Rasen und blieb starr wie ein Todter liegen. Wohl war er in Schlaf gefallen, aber schreckliche Traumbilder ließen die Gefahr noch viel größer erscheinen. So träumte ihm, als wäre der Schlangenkönig mit der funkelnden Goldkrone auf ihn gefallen und wollte ihn verschlingen. Mit lautem Geschrei sprang er auf und zur Seite, um dem Feinde zu entkommen und sah, daß der Strahl der aufgehenden Sonne ihn geweckt hatte. Er riß die Augen weit auf, sah aber nirgends die nächtlichen Feinde, und das Moor, wo er in so großer Gefahr gewesen, mußte zum mindesten eine Meile weit entfernt sein. Sicherlich hatte die Himmelsziegenmilch seine Kraft gestählt, daß er so weit hatte laufen können. Als er dann seine Gliedmaßen prüfte, fand er sie unversehrt; und nun war seine Freude groß, daß er mit heiler Haut davon gekommen war.
Nach Mittag ruhte er mehrere Stunden vom Schrecken und der Ermüdung der vergangenen Nacht aus, dann beschloß er, noch in dieser Nacht in den Wald zu gehen, um den Nutzen der Himmelsziegenmilch zu erproben, ob ihm nun wirklich verborgene Dinge offenbar werden würden. Im Walde sah er alsbald, was noch kein sterbliches Auge gesehen hatte und auch gewiß nicht wieder sehen wird. Unter den Baumwipfeln zeigten sich goldene, röthlich schimmernde Badebänke, silberne Quäste und silberne Eimer fehlten nicht, aber nirgends waren lebende Wesen sichtbar, welche hätten baden wollen. Der Vollmond glänzte und gab so viel Licht, daß der Mann Alles deutlich sehen konnte. Nach einiger Zeit hörte er ein Geräusch im Laube, als ob ein Wind sich erhoben hätte, dann kamen von allen Seiten nackte Jungfrauen, viel schöner und stattlicher anzuschauen, als sie irgendwo in unsern Dörfern aufwachsen. Sie waren alle des Waldelfen und der Rasenmutter[13] Töchter und kamen, um zu baden. Der hinter dem Gebüsch spähende Jüngling hätte sich diese Nacht hundert Augen gewünscht, denn seine zwei konnten all' die Schönheit nicht erschauen. Endlich, als es schon gegen Morgen ging, verlor der Schauende Badegerüste und badende Jungfrauen aus dem Gesichte, als wären sie in Nebel verschwommen. Er blieb noch, bis die Sonne aufging; dann erst ging er wieder heim. Wohl dehnte sich seinem Sehnen der Tag länger als ein Jahr, bis wieder Abend und Nacht hereinbrachen, wo er hoffte, der im Mondschein badenden Jungfrauen abermals ansichtig zu werden; doch endlich war auch diese Zeit des Sehnens verstrichen. Aber im Walde fand er nichts mehr, weder Badegerüst noch Jungfrauen. Dennoch wurde er nicht müde, Nacht für Nacht hinzugehen, aber jeder Gang war vergeblich. Jetzt nagte der Kummer an ihm, es gab nichts mehr auf der Welt, was ihm hätte Freude machen können; er nahm weder Speise noch Trank zu sich, sondern verzehrte sich vor Sehnsucht. Gewiß ist es für den Menschen ein Glück, wenn er dergleichen Geheimnisse nimmer schaut.
[Fußnote 10: Mana ist in der finnischen Mythologie gleich Hades-Pluto; er wird als ein alter Mann mit drei Fingern und einem auf die Schulter herabhängenden Hute geschildert. In einer ehstnischen Gebetsformel aus dem Heidenthum ist von »Manas wahrem Bekenntnisse« die Rede. S. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 8. Die Mana-Zauberer kommen auch im _Kalewipoëg_ vor: =XVI=, 284. Der Kalewsohn nimmt sie mit, als er auf seinem Schiffe Lennok das Weltende aufsuchen will. -- Der Mana-Zauberer ist der stärkste, und stärker als Spruch- und Wind-Zauberer -- nur durch den Manazauber gelingt es dem Entführer der Linda, das Schwert von der Seite des Kalewsohnes hinwegzulocken. _Kalewipoëg_, =XI=, 334. Mana's Hand hält den nach dem Tode zum Höllenwächter bestellten, auf weißem Roß sitzenden Kalewsohn fest, so daß dieser seine im Felsen steckende Rechte nicht losreißen und davon reiten kann. S. den Schluß des Kalewipoëg. -- Die Mana-Zauberer heißen ehstnisch =Mana targad=; das Wort =tark=, pl. =targad=, bedeutet eigentlich den Klugen, Weisen und zugleich den Heil-und Zauberkundigen. L.]
[Fußnote 11: Nach dem estnischen Volksglauben findet immer in der Nacht des 25. April (des St. Markustages) ein allgemeiner Schlangenconvent statt: als die Localität wird der =sirtsosoo= (Heimchenmoor) westlich vom Peipussee genannt. S. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Mythische u. mag. Lieder der Ehsten, S. 77. L.]
[Fußnote 12: Diese Krone ist von den unterirdischen Zwergen geschmiedet. S. die Anm. zu Märchen 17. L.]
[Fußnote 13: S. die betreffende Nota zu dem Märchen 8 vom Schlaukopf. L.]
3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge.
Es lebte einmal ein wohlhabender Bauerwirth mit seinem Weibe; es mangelte ihnen an Nichts, vielmehr hatte Gott sie mit Allem reichlich gesegnet, so daß sie in den Augen der Menschen als glücklich galten. Aber eins fehlte ihnen doch, was kein Reichthum geben konnte, sie waren kinderlos, wiewohl ihre Ehe schon über zehn Jahre dauerte.
Da geschah es eines Abends, als der Mann von Hause gegangen war und die Frau allein im Zimmer saß, daß ihr die Zeit lang wurde und Unmuth sie überfiel. »Da sind doch die Nachbarweiber viel glücklicher als ich,« dachte die Frau. »Sie haben das Zimmer voll Kinder, um sich die Zeit zu vertreiben; ist auch der Mann einmal von Hause, so brauchen sie doch nicht allein zu sitzen. Ich aber habe Niemand weiter, den ich mein nenne, wie ein verdorrter Baumstamm muß ich allein im leeren Gemache hausen.« Während sie so dachte, traten ihr die Thränen in die Augen, und ich weiß nicht, wie lange die Frau schon so kummervoll da gesessen hatte, ohne zu bemerken, daß ein unerwarteter Gast in's Zimmer getreten war. Plötzlich fühlte sie, daß etwas ihre Fußknöchel kitzele und meinte, es sei die Katze, als sie aber die Augen an den Boden heftete, sah sie einen zierlichen Zwerg zu ihren Füßen. »Ach!« rief sie erschreckt und wollte aufspringen und fliehen, aber des Zwergleins Hände hielten sie fest wie mit eisernen Zangen, so daß sie nicht von der Stelle konnte. »Erschrick nicht, liebes junges Weib!« sagte der Zwerg freundlich -- »daß ich ungerufen kam deinen Sinn zu erheitern und deinen Gram zu stillen; du bist allein, der lange Abend schleicht dem Menschen so träge hin, dein Mann ist verreist und kommt erst nach einigen Tagen zurück. Liebes junges Weib.« -- Die Frau unterbrach ihn unwillig: »Spotte nur nicht, die Haube, welche ich bei der Hochzeit trug, schimmelt schon über zehn Jahre in der Truhe und beweint, verwaist, die frühere bessere Zeit.«[14] »Was thut's,« erwiederte der Zwerg, »Wenn die Frau noch keinen Schweif hinter sich hat, und noch jugendlich und frisch ist wie du, dann ist sie immer noch »junges Weib«, und du hast ja bis jetzt keine Kinder gehabt, darfst dich also auch so nennen lassen.« »Ja,« sagte die Frau, »das ist es eben, was mich oft so bekümmert, daß mein Mann mich schon längst gering achtet, da er mich fruchtlos umarmt wie einen dürren Stamm, der keine Zweige mehr treibt.« Der Zwerg aber sagte tröstend: »Sorge nicht, du stehst noch nicht am Abend deiner Tage, und ehe du ein Jahr älter geworden bist, werden deinem Stamm, den du für vertrocknet hältst, drei Zweige entsprießen und den Eltern zur Freude aufwachsen. Du mußt nun aber Alles so machen, wie ich dir jetzt anzeigen werde. Wenn dein Mann wieder nach Hause kommt, so mußt du ihm drei Eier von einer schwarzen Henne sieden und Abends zu essen geben. Wenn er dann schlafen geht, so mache dir etwas auf dem Hofe zu schaffen und verweile dort einige Zeit, bevor du an die Seite deines Mannes ins Bette schlüpfst. Wenn die Zeit da ist, daß meine Worte in Erfüllung gehen, so komme ich wieder. Bis dahin bleibe mein heutiger Besuch Allen ein Geheimniß. Leb' wohl, liebes junges Weib, bis ich wiederkehre und: Mutter! sage.« Darauf entschwand der Zwerg den Blicken der Frau, als wäre er in die Erde gesunken. Das junge Weib -- ihr war der Name kränkend -- rieb sich lange die Augen, als ob sie hinter die Wahrheit kommen und sehen wollte, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen sei. Wonach der Mensch sich sehnt, das hält er meist für wahr, und so war es auch mit der Frau. Der seltsame Vorfall mit dem Zwerge kam ihr nicht mehr aus dem Sinn, und als der Mann nach einigen Tagen heimkehrte, sott die Frau drei Eier von einer schwarzen Henne gab sie ihm am Abend zu essen und that sonst, wie ihr vorgeschrieben war.
Nach einigen Wochen traf ein, was der Zwerg vorausgesagt hatte. Mann und Frau waren froh und konnten zuletzt kaum die lange Frist abwarten, binnen welcher sich ihr Verlangen erfüllen sollte. Zur rechten Zeit kam die Frau in die Wochen und brachte Drillinge zur Welt, lauter Knaben, schön und gesund. Als die Wöchnerin schon wieder in der Genesung und der Mann eines Tages von Hause gegangen war, um Taufgäste und Gevattern zusammen zu bitten, kam der glückbringende Zwerg, die Wöchnerin zu besuchen. »Guten Tag, Goldmutter!« rief der Zwerg in's Zimmer tretend. »Siehst du jetzt, wie Gott deinen Herzenswunsch mit einem Male erfüllt hat? Du bist Mutter dreier Knaben geworden. Da siehst du, daß meine Prophezeiung keine leere war, und du kannst jetzt um so leichter glauben, was ich dir heute sagen werde. Deine Söhne werden weltberühmte Männer werden und werden dir noch viele Freude machen vor deinem Tode. Zeige mir doch deine Bübchen!« Mit diesen Worten war er wie eine Katze auf den Rand der Wiege geklettert, nahm ein Knäulchen rothen Garns aus der Tasche und band dem einen Knaben einen Faden um beide Fußknöchel, dem andern wieder um die Handgelenke und dem dritten über die Augenlieder um die Schläfen herum. »Diese Fäden,« so lautete des Zwerges Vorschrift, mußt du so lange an ihrer Stelle belassen, bis die Kinder zur Taufe geführt werden; dann verbrenne die Fäden, sammle die Asche in einem kleinen Löffel und netze sie, wenn die Kinder nach Hause gebracht werden, mit etwas Milch aus deiner Brust. Von dieser stärkenden Aschenmilch mußt du jedem Knaben ein Paar Tropfen auf die Zunge gießen, ehe du ihm die Brust reichst. Dadurch wird jeder von ihnen da stark werden, wo der Faden haftete, der eine an den Füßen, der andere an den Händen und der dritte an den Augen, so daß ihres Gleichen nicht sein wird auf der Welt. Jeder wird schon mit seiner eigenen Glücksgabe Ehre und Reichthum finden, wenn sie aber selbdritt etwas unternehmen, so können sie Dinge ausrichten, die man nicht für möglich halten würde, wenn man sie nicht vor Augen sähe. Mich wirst du nicht mehr wiedersehen, aber du wirst dich wohl noch manches Mal dankbar meiner erinnern, wenn deine Knäblein zu Männern herangewachsen sind und dir Freude machen werden. Und jetzt sage ich dir zum letzten Male Lebewohl, liebe junge Mutter! -- Mit diesen Worten war der Zwerg wieder, wie das erste Mal, plötzlich verschwunden.
Die Wöchnerin that sorgfältig Alles, was ihr in Betreff der Kinder vorgeschrieben war. Sie verbrannte am Tauftage die rothen Fäden zu Asche, ließ, als die Kinder aus der Kirche nach Hause gebracht wurden, Milch aus ihrer Brust auf die Asche fließen und goß von dieser Kraftmilch jedem Kinde ein Paar Tropfen auf die Zunge, ehe sie ihm die Brust reichte. Doch sagte sie Anfangs weder ihrem Manne noch sonst jemanden ein Wort von den wunderbaren Dingen, die ihr mit dem Zwerge begegnet waren.
Die Kinder wuchsen alle drei blühend heran und gaben, als sie fest auf ihren Füßen standen, Proben großer Klugheit. Doch zeigte sich schon von früh auf, daß bei jedem die durch den Wunderfaden gekräftigten Glieder am tüchtigsten waren: bei dem einen die Augen, bei dem andern die Hände und bei'm dritten die Füße. Deßhalb nannten die Eltern sie später je nach ihrer Hauptstärke, den ersten _Scharfauge_, den zweiten _Flinkhand_ und den dritten _Schnellfuß_. Als nach einigen Jahren die Brüder in's Jünglingsalter getreten waren, beschlossen sie, im Einvernehmen mit ihren Eltern, in die Fremde zu ziehen, wo jeder durch seine Stärke und Geschicklichkeit Dienste und Lohn zu finden hoffte. Und zwar wollte jeder der Brüder für sich allein den Weg zum Glücke antreten, der eine gen Morgen, der andere gen Mittag und der dritte gen Abend; nach drei Jahren aber wollten sie alle drei wieder zu den Eltern zurückkommen und melden, wie es ihnen in fremden Landen ergangen sei.
_Schnellfuß_ nahm den Weg gen Morgen, von ihm müssen wir nun zuerst erzählen. Daß er mit seinen mächtigen Schritten viel rascher vorwärts kam als seine Brüder, das kann Jeder leicht ermessen, denn wo die Meilen einem Manne unter den Füßen schwinden, ohne daß diese ermüden, da wird ihm das Wandern nicht beschwerlich. Gleichwohl sollte er die Erfahrung machen, daß flinke Beine wohl überall einen Menschen aus einer Gefahr befreien können, aber nicht so leicht zu Amt und Brod verhelfen: denn Hände sind aller Orten nöthiger als Füße. _Schnellfuß_ fand erst nach geraumer Zeit bei einem Könige in Ostland einen festen Dienst. Der König besaß große Roßherden, unter denen viele stätische Renner waren, die kein Mensch fangen konnte, auch nicht einmal zu Roß. Aber mit _Schnellfuß_ konnte kein Pferd Schritt halten, der Mann war immer schneller als das Roß. Was früher funfzig Pferdehirten zusammen nicht ausrichten konnten, das besorgte er ganz allein und ließ nie ein Pferd von der Herde wegkommen. Darum zahlte ihm der König unweigerlich den Lohn von funfzig Hirten, und machte ihm außerdem noch Geschenke. Die flüchtigen Schritte des neuen Roßhirten hatten Windesschnelle, und wenn er vom Abend bis zum Morgen die ganze Nacht durch oder vom Morgen bis zum Abend den Tag über gelaufen war, ohne auszuruhen, so war er doch nicht müde, sondern konnte am andern und am dritten Tage wieder eben so viel laufen. Es geschah oft, daß die Rosse, bei heißem Wetter von Bremsen gestochen, nach allen Seiten hin auseinander fuhren und viele Meilen weit rannten: aber dennoch war am Abend die ganze Herde wieder beisammen. Da gab einst der König ein großes Gastmahl, zu welchem viele vornehme Herren und Fürsten geladen waren. Während des Festes hatte der König seinen Gästen viel von seinem schnellfüßigen Roßhirten erzählt, so daß alle den Wundermann zu sehen begehrten. Manche meinten, es dürfe wohl nicht Wunder nehmen, wenn die in der Herde aufgezogenen und an den Hirten gewöhnten Rosse sich einfangen ließen; das allerstörrigste Pferd höre auf des Herrn Wort und komme auf dessen Ruf. Aber gebt ihm einmal ein Pferd aus einem fremden Stalle, das ihn nicht kennt, dann werden wir sehen, wie weit die Schnelligkeit des Mannes gegen die des Rosses kommt. Da ließen einige fremde Herren die bestgefütterten und feurigsten Rosse aus ihren Ställen herführen und dann ins Freie treiben, auf daß _Schnellfuß_ sie einfange. Das war dem Hirten mit den beflügelten Füßen eine Kleinigkeit, denn auch ein gestandennes, wohlgenährtes Pferd kann doch nicht mit Einem um die Wette laufen, der wie ein Vogel des Waldes gewohnt ist, Nacht und Tag sich zu rühren. Die fremden Herrschaften priesen die Schnellfüßigkeit des Mannes und schenkten ihm viel goldene und silberne Münzen, versprachen auch daheim von ihm zu reden, damit man erfahre, wo solch' ein Mann zu finden sei. Bald darauf war im ganzen Ostlande der Name _Schnellfuß_ berühmt geworden, und wenn irgend ein König einmal einen schnellen Boten brauchte, so wurde _Schnellfuß_ gemiethet, der dann reichen Lohn und außerdem noch Geschenke erhielt, damit er sich ein anderes Mal wieder willig finden ließe. Als er nach drei Jahren sich aufmachte um in die Heimath zurückzukehren, hatte er soviel Geld und Schätze gesammelt, daß er zwanzig Pferde damit beladen konnte, welche ihm der König geschenkt hatte.
Der zweite Bruder, _Flinkhand_, der gen Mittag gezogen war, fand aller Orten lohnenden Dienst; alle Meister brauchten seine Arbeit, weil kein anderer Gesell so geschickt war und so viel fertig machte wie er. Obwohl er nicht in einer Zunft ein bestimmtes Handwerk erlernt hatte, so gerieth in seiner geschickten Hand doch jegliche Arbeit; er war Schneider, Schuster, Tischler, Drechsler, Gold- und Grobschmied, oder was sonst dergleichen, und es war auf der Welt kein Meister zu finden, dem er nicht zum Gesellen getaugt hätte. Einmal war er bei einem Schneidermeister auf Stücklohn in Arbeit und nähte in einem Tage zwanzig Paar Hosen, ein anderes Mal machte er für einen Schuster in eben der Zeit ebensoviel Paar Stiefel fertig. Dabei war Alles, was er machte, so vollkommen, daß, wer einmal seine Arbeit kennen gelernt hatte, von derjenigen anderer Meister und Gesellen nichts mehr wissen wollte. _Flinkhand_ hätte bei jedem Handwerk ein reicher Mann werden können, wenn er irgendwo längere Zeit hätte aushalten können, allein er sehnte sich darnach, die weite Welt zu sehen und streifte deßhalb gewöhnlich von einem Ort zum andern. So kam er auch einmal in eine Königsstadt, wo er Alles in großer Bewegung fand. Es sollten Truppen gegen den Feind ausgesandt werden, aber es mangelte an Kleidern, an Fuß- und Kopfbedeckung und auch an Waffen. Und obgleich überall Meister und Gesellen von früh Morgens bis Mitternacht eifrig arbeiteten und sogar Sonntags und Montags nicht feierten, so konnten sie doch in der kurzen Zeit nicht soviel anfertigen, wie der König wollte. Zwar wurde nah und fern nach Gesellen gesucht, die helfen sollten, aber des Fehlenden war so viel, daß all' die Arbeit nicht hinreichend schien, es herzustellen.