Ehstnische Märchen

Chapter 22

Chapter 223,175 wordsPublic domain

Jetzt wurde im Königsschloß ein prächtiges Freudenfest hergerichtet, welches zwei Wochen dauern sollte, damit der König Zeit hätte, die Jungfrauen zu mustern, ob eine derselben den Vorzug vor der Gärtnerstochter verdiene. Alle fürstlichen Frauen der Umgegend waren mit ihren Töchtern zum Feste gebeten, und da der Zweck der Einladung allgemein bekannt war, hoffte jedes Mädchen, daß ihr das Glücksloos zufallen werde. Schon näherte sich das Fest seinem Ende, aber noch immer hatte der junge König Keine gefunden, die nach seinem Sinne war. Am letzten Tage des Festes erschienen in der Frühe die höchsten Räthe des Reichs wieder vor dem Könige und sagten --auf Eingebung der Königin-Wittwe -- wenn der König nicht bis zum Abend eine Wahl getroffen habe, so könne ein Aufstand ausbrechen, weil alle Unterthanen wünschten, daß der König sich vermähle. Der König erwiederte: »Ich werde dem Wunsche meiner Unterthanen nachkommen und mich heute Abend erklären.« Dann schickte er ohne Vorwissen der Andern einen zuverlässigen Diener zur Gärtnerstochter, mit dem Auftrage, sie heimlich herzubringen, und hier bis zum Abend versteckt zu halten. Als nun am Abend des Königs Schloß von Lichtern strahlte, und alle fürstlichen Jungfrauen in ihrem Feststaat den Augenblick erwarteten, der ihnen Glück oder Unglück bringen sollte, trat der König mit einer jungen Dame in den Saal, deren Antlitz so verhüllt war, daß kaum die Nasenspitze heraus sah. Was Allen aber gleich auffiel, war der schlichte Anzug der Fremden: sie war in weißes feines Leinen gekleidet, und weder Seide, noch Sammet, noch Gold war an ihr zu finden, während alle Andern von Kopf bis zu Fuß in Sammet und Seide gehüllt waren. Einige verzogen spöttisch den Mund, andere rümpften unwillig die Nase, der König aber that, als bemerkte er es nicht, löste die Kopfhülle der Jungfrau, trat dann mit ihr vor die verwittwete Königin und sagte: »Hier ist meine erwählte Braut, die ich zur Gemahlin nehmen will, und ich lade euch und Alle, die hier versammelt sind, zu meiner Hochzeit ein.« Die verwittwete Königin rief zornig aus: »Was kann man auch Besseres erwarten von einem Manne, der bei der Herde aufgewachsen ist! Wenn ihr da wieder hin wollt, dann nehmt die Magd nur mit, die wohl verstehen mag, Schweine zu füttern, sich aber nicht zur Gemahlin eines Königs eignet -- eine solche Bauerdirne kann den Thron eines Königs nur verunehren!« Diese Worte weckten des Königs Zorn, und streng entgegnete er: »Ich bin König und kann thun, was ich will; aber wehe euch, daß ihr mir jetzt meinen früheren Hirtenstand in's Gedächtniß zurückriefet; damit habt ihr mich zugleich daran erinnert, wer mich in diesen Stand verstoßen. Indeß, da kein vernünftiger Mensch die Katze im Sacke kauft, will ich noch vor meiner Trauung Allen deutlich machen, daß ich nirgends eine bessere Gemahlin hätte finden können, als gerade dieses Mädchen, das fromm und rein ist wie ein Engel vom Himmel.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und kam bald darauf mit eben dem Alten zurück, den er von seinem Hirtenstande her kannte, und der den König später auf die Spur seines Sohnes gebracht hatte. Dieser Alte war ein berühmter Zauberer Finnlands, der sich auf viele geheime Künste verstand. Der König sprach zu ihm: »Liebster Zauberer! offenbaret uns durch eure Kunst das innere Wesen der hier anwesenden Jungfrauen, damit wir erkennen, welche unter ihnen die würdigste ist, meine Gemahlin zu werden.« Der Zauberer nahm eine Flasche mit Wein, besprach ihn, bat die Jungfrauen, in der Mitte des Saales zusammenzutreten, und besprengte dann den Kopf einer Jeden mit ein paar Tropfen des Zauberweins, worauf sie Alle stehenden Fußes einschliefen. O über das Wunder, welches sich jetzt aufthat! Nach kurzer Zeit sah man sie sämmtlich verwandelt, so daß keine mehr ihre menschliche Gestalt hatte, sondern statt ihrer allerlei wilde und gezähmte Thiere erschienen, einige waren in Schlangen, Wölfe, Baren, Kröten, Schweine, Katzen, andere wieder in Habichte und sonstige Raubvögel verwandelt. Mitten unter allen diesen Thiergestalten aber war ein herrlicher Rosenstock gewachsen, der mit Blüthen bedeckt war, und auf dessen Zweigen zwei Tauben saßen. Das war die vom Könige zur Gemahlin erwählte Gärtnerstochter. Darauf sagte der König: »Jetzt haben wir einer Jeglichen Kern gesehen, und ich lasse mich nicht durch die glänzende Schale blenden!« Die Königin-Wittwe wollte vor Zorn bersten, aber was konnte es ihr helfen, da die Sache so klar da lag. Darauf räucherte der Zauberer mit Zauberkräutern, bis alle Jungfrauen aus dem Schlafe erwachten, und wieder Menschengestalt erhielten. Der König erfaßte die aus dem Rosenstrauche hervorgegangene Geliebte, und fragte nach ihrem halben Ringe, und als die Jungfrau ihn aus dem Busen nahm, zog auch er seinen halben Ring hervor, und legte beide Hälften auf seine Handfläche; augenblicklich verschmolzen sie mit einander, so daß kein Auge einen Riß oder irgend ein Merkmal der Stellen entdeckte, wo die Schneide des Schwertes den Ring einst getrennt hatte. »Jetzt ist auch meines heimgegangenen Vaters Wille in Erfüllung gegangen!« sagte der junge König, und ließ sich noch an demselben Abend mit der Gärtnerstochter trauen. Dann lud er alle Anwesende zum Hochzeitsschmaus, aber die fürstlichen Jungfrauen hatten erfahren, welches Wunder sich während ihres Schlafes mit ihnen begeben, und gingen voller Scham nach Hause. Um so größer war der Unterthanen Freude, daß ihre Königin von Innen und von Außen ein untadelhaftes Menschenbild war.

Als das Hochzeitsfest zu Ende war, ließ der junge König eines Tages sämmtliche Oberrichter des Reiches versammeln und fragte sie, welche Strafe ein Frevler verdiene, der einen Königssohn heimlich habe wegstehlen, und in einem Bauerhofe als Hüterknaben aufziehen lassen, und der außerdem noch den Jüngling schnöde gelästert habe, nachdem ihn das Glück seinem früheren Stande zurückgegeben. Sämmtliche Richter erwiederten wie aus einem Munde: »Ein solcher Frevler muß den Tod am Galgen erleiden.« Darauf sagte der König: »Nun wohl! Rufet die verwittwete Königin vor Gericht!« Die Königin-Wittwe wurde gerufen und das gefällte Urtheil ihr verkündet. Als sie es hörte, wurde sie bleich wie eine getünchte Wand, warf sich vor dem jungen Könige auf die Knie und bat um Gnade. Der König sagte: »Ich schenke euch das Leben, und hätte euch niemals vor Gericht gestellt, wenn es euch nicht eingefallen wäre, mich noch hinterher mit eben dem Leiden zu schmähen, welches ich durch euren Frevel habe erdulden müssen; in meinem Königreiche aber ist eures Bleibens nicht mehr. Packet noch heute eure Sachen zusammen, um vor Sonnenuntergang meine Stadt zu verlassen. Diener werden euch bis über die Grenze begleiten. Hütet euch, jemals wieder den Fuß auf mein Gebiet zu setzen, da es Jedermann, auch dem Geringsten, frei steht, euch wie einen tollen Hund todt zu schlagen. Eure Töchter, die auch meines heimgegangenen Vaters Töchter sind, dürfen hier bleiben, weil ihre Seele rein ist von dem Frevel, den ihr an mir verübt habt.«

Als die verwittwete Königin fortgebracht war, ließ der junge König in der Nähe seiner Stadt zwei hübsche Wohnhäuser aufbauen, von denen das eine den Eltern seiner Frau, und das andere dem Wirthe des Bauerhofs geschenkt wurde, der den hülflosen Königssohn liebevoll aufgezogen hatte. Der als Hüterknabe aufgewachsene Königssohn und seine aus niederem Geschlecht entsprossene Gemahlin lebten dann glücklich bis an ihr Ende, und regierten ihre Unterthanen so liebevoll wie Eltern ihre Kinder.

23. Dudelsack-Tiidu.

Es lebte einmal ein armer Käthner, den Gott mit Kindern reichlicher gesegnet hatte, als mit Brot. Töchter und Söhne wuchsen den Eltern zur Freude auf, und verdienten sich meist schon ihr Stück Brot bei Fremden --nur aus einem Sohne wollte nichts Rechtes werden. Ob der Bursche von Natur einfältig war, oder ob sonst ein Gebreste ihn drückte, oder ob er träges Blut unter den Nägeln hatte, das konnte Niemand mit Sicherheit sagen. Aber daß er faul und lotterig war und zu keinerlei Geschäft taugte, das mußten seine Eltern sowohl wie das ganze Dorf eingestehen. Es halfen auch weder gute Worte noch Ruthenstreiche, vielmehr wuchs die Faulheit des Burschen, je älter er wurde. Im Winter hinter dem Ofen liegen und im Sommer unter einem Busche schlafen, war sein Haupt-Tagewerk, dazwischen pfiff er oder blies die Weidenflöte, daß es eine Lust war anzuhören. So saß er eines Tages wieder hinter einem Busche und blies mit den Vögeln um die Wette, als ein fremder alter Mann des Weges daher kam. Er fragte mit freundlicher Stimme: »Sage mir, Söhnchen! was für ein Gewerbe möchtest du denn einst treiben?« Der Bursche erwiderte: »Das Gewerbe wäre meine geringste Sorge, könnte ich nur ein reicher Mann werden, daß ich nicht nöthig hätte zu arbeiten, und unter anderer Leute Zuchtruthe zu stehen.« Der alte Mann lachte und sagte: »Der Plan wäre gar nicht übel, aber ich sehe nicht ein, woher dir Reichthum kommen soll, wenn du gar nicht arbeiten willst? Läuft doch die Maus einer schlafenden Katze nicht in den Rachen. Wer Geld und Gut erwerben will, der muß seine Glieder rühren, arbeiten und sich Mühe geben, sonst« -- Der Bursche fiel ihm in die Rede und bat: »Lassen wir diese Reden! das habe ich schon viele hundert Mal gehört, und es kommt mir vor, wie wenn man Wasser auf die Gans gießen wollte, denn aus mir kann doch nimmer ein Arbeiter werden.« Der alte Mann erwiederte milde: »Der Schöpfer hat dir eine Gabe verliehen, mit welcher du leicht das tägliche Brot und noch ein Stück Geld dazu verdienen könntest, wenn du dich auf's Dudelsackpfeifen legen würdest. Verschaffe dir einen guten Dudelsack, blase ihn eben so geschickt wie jetzt die Weidenflöte, und du findest Brot und Geld überall, wo fröhliche Menschen wohnen.« »Aber woher soll ich den Dudelsack nehmen?« fragte der junge Bursche. Der Alte erwiederte: »Verdiene dir Geld und kaufe dir dann einen Dudelsack. Für den Anfang kannst du die Weidenflöte blasen und auf dem Blatte pfeifen, auf beiden bist du schon ein kleiner Meister! Ich hoffe auch künftig noch mit dir zusammen zu treffen, dann wollen wir sehen, ob du meinen Rath benutzt hast, und welcher Gewinn dir aus meiner Belehrung erwachsen ist.« Damit trennte er sich von dem Burschen und ging seines Weges. _Tiidu_ -- so hieß der Bursche -- begann über des alten Mannes Rede nachzudenken, und je länger er sann, desto mehr mußte er dem Alten Recht geben. Er entschloß sich, den von dem Alten angegebenen Weg zum Glücke einzuschlagen; allein er verrieth Niemanden ein Wort von seinem Vorhaben, sondern ging eines Morgens vom Hause und -- kam nicht wieder. Den Eltern machte sein Scheiden keinen Kummer, der Vater dankte noch seinem Geschicke, daß er den faulen Sohn los geworden war, und hoffte, daß die Welt mit der Zeit dem Tiidu die faule Haut abstreifen und die Noth ihn zum ordentlichen Menschen erziehen würde.

Tiidu strich einige Wochen von Dorf zu Dorf und von Gut zu Gut umher; überall nahmen die Leute ihn freundlich auf, und hörten gern zu, wenn er seine Weidenflöte blies, gaben ihm zu essen, und schenkten ihm auch manchmal einige Kopeken. Diese Kopeken sammelte der Bursche sorgfältig, bis er endlich soviel beisammen hatte, um sich einen guten Dudelsack kaufen zu können. Jetzt fing sein Glück an zu blühen, denn weit und breit war kein Dudelsackpfeifer zu finden, der so kunstgerecht und so taktmäßig zu blasen verstand. Tiidu's Dudelsack setzte alle Beine in Bewegung. Wo nur eine Hochzeit, ein Ernteschmaus, oder eine andere Lustbarkeit begangen wurde, da durfte der _Dudelsack-Tiidu_ nicht mehr fehlen. Nach einigen Jahren war er ein so berühmter Dudelsackpfeifer geworden, daß man ihn wie einen Zauberkundigen von einem Orte zum andern, oft viele Meilen weit, kommen ließ. So blies er einst auf einem Gute beim Ernteschmaus, wozu auch viele Gutsherren aus der Umgegend gekommen waren, um die Belustigung des Volkes mit anzusehen. Alle mußten einmüthig bekennen, daß ihnen in ihrem Leben noch kein geschickterer Dudelsackpfeifer vorgekommen war. Ein Gutsherr nach dem andern lud den Dudelsack-Tiidu zu sich, dann mußte er die Herrschaft durch sein Spiel ergötzen und erhielt dafür gute Kost und gutes Getränk, dazu noch Geld und mancherlei Geschenke. Einer der reichen Herren ließ ihn von Kopf zu Fuß neu kleiden, ein anderer schenkte ihm einen schönen Dudelsack mit messingener Röhre. Die Fräulein banden ihm seidene Bänder an den Hut, und die Frauen strickten ihm bunte Handschuhe. Jeder Andere wäre an Tiidu's Stelle mit diesem Glücke sehr zufrieden gewesen, aber seine Sehnsucht nach Reichthum ließ ihm keine Ruhe, sondern trieb ihn wie mit einer Feuergeißel immer weiter. Je mehr er einsah, daß der Dudelsack allein ihn nicht zum reichen Manne machen könne, desto stärker wurde seine Geldgier. Erzählungen, die im Munde des Volkes lebten, wußten viel zu berichten von dem Reichthume des Landes Kungla,[85] und Tiidu konnte das Tag und Nacht nicht aus dem Kopfe bringen. Wenn ich nur hinkommen könnte, dachte er, so würde ich schon den Weg zum Reichthum finden. Er wanderte nun am Strande hin, um vielleicht durch einen glücklichen Zufall ein Schiff oder ein Segelboot zu finden, das ihn über die See brächte. Endlich kam er in die Stadt Narwa, wo gerade viele fremde Kauffahrer im Hafen lagen. Einer derselben sollte nach einigen Tagen nach Land Kungla absegeln, und Tiidu suchte den Schiffer auf. Dieser wollte ihn mitnehmen, aber der geforderte Preis war dem kargen Dudelsackpfeifer zu hoch. Er suchte sich nun durch seinen Dudelsack bei dem Schiffsvolke einzuschmeicheln, und hoffte dadurch die Kosten der Fahrt zu verringern. Das Glück wollte, daß er einen jungen Matrosen fand, der ihm versprach, ihn heimlich hinter dem Rücken des Schiffers auf's Schiff zu bringen. In der letzten Nacht vor dem Abgange des Schiffes brachte der Matrose wirklich den Tiidu auf's Schiff und versteckte ihn in einem dunkeln Winkel zwischen Fässern, brachte ihm auch, ohne daß die Andern es merkten, Speise und Trank dahin, damit er in seinem Schlupfwinkel nicht Hunger leide. In der folgenden Nacht, als das Schiff schon auf hoher See war, und Tiidu's Freund auf dem Verdeck allein Wache hielt, holte er ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor, band ihm ein Tau um den Leib, befestigte das andere Ende des Taues am Schiffe und sagte: »Ich werde dich jetzt an dem Taue in's Meer lassen, und wenn man dir zu Hülfe eilt, so mußt du das Tau von deinem Leibe losschneiden und ihnen weiß machen, du seiest vom Hafen her dem Schiffe nachgeschwommen.« Obwohl dem Tiidu ein wenig bange wurde, hoffte er doch mit Hülfe des Taues sich eine Zeit lang über Wasser zu halten, da er ein guter Schwimmer war. Sobald er in's Wasser gelassen worden, weckte sein Freund die anderen Matrosen und zeigte ihnen die menschliche Gestalt, die schwimmend dem Schiffe folgte. Die Leute sperrten Mund und Augen auf, als sie das seltsame Abenteuer erblickten, und weckten auch den Schiffer, damit er sich die Sache ansehe. Dieser schlug dreimal das Kreuz und fragte dann den Schwimmer: »Bekenne wahrhaft, wer du bist, ein Geist oder ein sterblicher Mensch?« Der Schwimmer antwortete: »Ein armer sterblicher Mensch, dessen Kraft bald erschöpft sein wird, wenn ihr euch seiner nicht erbarmt.« Der Schiffer ließ nun ein Tau in's Meer werfen, um den Schwimmenden daran heraufzuziehen. Als Tiidu das Ende des Taues gefaßt hatte, schnitt er erst mit einem Messer das um seinen Leib geschlungene Tau entzwei und bat sodann, man möge ihn heraufziehen. Als es geschehen war, fragte ihn der Schiffer: »Sage, woher du kommst und wie du bis hierher gelangtest.« Dudelsack-Tiidu erwiederte: »Ich schwamm eurem Schiffe nach, als ihr aus dem Hafen abfuhrt, und hielt mich von Zeit zu Zeit, wenn die Kraft mir auszugehen drohte, am Steuer fest. So hoffte ich nach Land Kungla zu kommen, weil ich nicht so viel Geld hatte, als ihr für die Ueberfahrt verlangtet.« Des Jünglings wunderbare Kühnheit rührte des Schiffer's Herz, und freundlich sagte er: »Danke dem himmlischen Vater, der dein Leben so wunderbar beschützt hat! Ich will dich unentgeltlich nach Kungla bringen.« Dann befahl er, dem Tiidu trockene Kleider anzuziehen, und ihn in der Schiffskajüte zu betten, damit er sich von der Anstrengung der langen Schwimmfahrt erhole. Tiidu aber und sein Freund waren froh, daß ihre List so glücklich abgelaufen war.

Am andern Morgen sah das Schiffsvolk auf den Tiidu wie auf ein Wunder, da er eine Strecke geschwommen war, wie es Keiner für möglich gehalten. Weiterhin machte ihnen sein schönes Dudelsackspiel große Freude, und der Schiffer gestand mehr als einmal, daß er noch nie einen so herrlichen Dudelsack gehört habe. Als das Schiff nach einigen Tagen in Land Kungla vor Anker gegangen war, verbreitete sich durch der Schiffsleute Mund mit Windesschnelle die Kunde von dem melodischen Fisch, den sie im Meere gefangen, und der Nacht und Tag dem Schiffe nachgeschwommen wäre. Natürlich durften Tiidu und sein Freund dieser Erzählung nicht widersprechen, da sie sich sonst selber in Gefahr gebracht hätten. Die wunderbare Mär verschaffte dem Tiidu an der fremden Küste viele Freunde, weil Jeder die wunderbare Schwimmfahrt aus seinem eigenen Munde hören wollte. Da mußte denn der Bursche aus der Noth eine Tugend machen, und den Leuten vorlügen, daß es puffte. Es wurde ihm mehr als ein Dienst angeboten, allein er lehnte alle ab, weil er fürchtete, als Lügner dazustehen, sobald sein Herr eine Probe seiner Schwimmkunst zu sehen wünschte. Lieber wollte er gerades Wegs in die Königsstadt gehen, wo weder er noch seine Schwimmkraft bekannt war, dort hoffte er am leichtesten einen Dienst zu finden, der ihn zum reichen Manne machte. Als er nach einigen Tagen ankam, schwindelte ihm der Kopf bei dem Anblicke der Pracht und Herrlichkeit, die überall verbreitet waren. Für zwei Augen war es schlechterdings unmöglich, das Alles ordentlich zu betrachten, dazu hätte er einiger Dutzend Augen bedurft. Je mehr er sich in die Anschauung dieses Glanzes und Reichthums vertiefte, desto kläglicher kam ihm seine eigene Armuth vor. Noch unerträglicher war es ihm, daß keiner von den stolzen Leuten seiner achtete, sondern daß man ihn wie einen Lump aus dem Wege stieß, als hätte er gar nicht das Recht, sich in den Strahlen von Gottes Sonne zu wärmen. -- Seinen Dudelsack wagte er gar nicht sehen zu lassen, denn er dachte mit Zagen: wer von diesen stolzen Leuten wird auf meinen armen Dudelsack hören! -- So irrte er viele Tage in den Straßen der Stadt umher und trachtete nach einem Dienste, fand aber keinen, bei dem er hoffen konnte, in kurzer Zeit reich zu werden. Endlich, als er schon die Flügel hängen ließ, fand er einen Dienst im Hause eines reichen Kaufmannes, dessen Koch gerade einen Küchenjungen brauchte. Hier konnte nun Tiidu den Reichthum von Land Kungla gründlich kennen lernen, der in der That größer war, als man sich vorstellen konnte. Alle Geräthe für's tägliche Leben, die bei uns zu Lande aus Eisen, Kupfer, Zinn, Holz oder Lehm verfertigt werden, waren hier von reinem Silber oder Gold; in silbernen Grapen wurden die Speisen gekocht, in silbernen Pfannen wurden die Kuchen gebacken, und in goldenen Schalen und goldenen Schüsseln wurde aufgetragen. Selbst die Schweine fraßen nicht aus Trögen, sondern aus silbernen Kübeln. Man kann sich hiernach leicht denken, daß es dem Tiidu an nichts gebrach, er führte als Küchenjunge ein Herrenleben; aber sein habsüchtiges Gemüth hatte doch keine Ruhe. Unaufhörlich quälte ihn der eine Gedanke: was hilft mir all' der Reichthum, den ich vor Augen habe, wenn die Schätze nicht mein sind; mein Dienst als Küchenjunge kann mich doch niemals zum reichen Manne machen. Und doch betrug sein Monatslohn mehr als bei uns ein Jahreslohn, so daß er durch Ansammlung desselben nach Jahren, wenn nicht reich, doch wohlhabend geworden wäre.