Chapter 2
Der Königssohn stieg vom Pferde und spähte nach allen Seiten, ob nicht Jemand unter der Brücke versteckt sei, aber soweit sein Auge reichte, war nirgends ein Sänger zu sehen. Auf der Wasserfläche schaukelte zwischen breiten Blättern ein Teichröschen, das war der einzige Gegenstand, den er erblickte. Aber ein schaukelndes Blümchen konnte doch nicht singen, dahinter mußte irgend ein wunderbares Geheimniß stecken. Er band sein Pferd am Ufer an einen Baumstumpf, setzte sich auf die Brücke und lauschte, ob Auge oder Ohr nähere Auskunft geben würden. Eine Zeitlang blieb Alles still, dann sang wieder der unsichtbare Sänger:
»Durch der Mutter Fluch beschworen Nahm das Wasser die Unsel'ge, Barg das Wellengrab die Kleine, Deckte Ahti's Fluth das Liebchen.«
Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der Königssohn dachte: wenn ich ungesäumt zur Waldhütte reite, wer weiß, ob mir nicht die Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten können. So stieg er zu Pferde und schlug den Weg zum Walde ein. An den früheren Zeichen hoffte er sich leicht zurecht zu finden, allein der Wald war gewachsen und er hatte über einen Tag lang zu suchen, ehe er auf den Fußsteig gelangte. In der Nähe der Hütte hielt er an, um zu warten, ob eine der Jungfrauen herauskommen würde. Früh Morgens kam die älteste Schwester zur Quelle, um sich das Gesicht zu waschen. Der Jüngling trat näher, erzählte das Unglück, welches sich voriges Jahr auf der Brücke zugetragen, und was für einen Gesang er vor einigen Tagen dort gehört habe. Die alte Mutter war glücklicher Weise gerade nicht daheim, deßwegen lud die Jungfrau den Königssohn in's Haus. Als die Mädchen die ausführliche Erzählung angehört hatten, begriffen sie ohne Weiteres, daß das Unglück des vorigen Jahres durch ein Hexenknäuel der Mutter entstanden war, und daß die Schwester jetzt noch nicht gestorben sei, sondern in Zauberbanden liege. Die älteste Schwester fragte: »Ist euren Blicken auf dem Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang hätte können ertönen lassen?« »Nichts,« erwiederte der Königssohn. »So weit mein Auge reichte, war auf dem Wasserspiegel nichts weiter zu sehen, als ein gelbes Teichröschen zwischen breiten Blättern, aber Blümchen und Blätter können doch nicht singen.« Die Töchter muthmaßten sogleich, daß das Teichröschen nichts Anderes sein könne, als ihre in den Wellen versunkene und durch Hexenkunst in ein Blümchen verwandelte Schwester. Sie wußten, wie die alte Mutter das fluchbehaftete Hexenknäuel hatte fliegen lassen, welches die Schwester, wenn es sie nicht tödtete, in jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermuthung sagten sie indeß dem Königssohne nichts, denn so lange sie noch nicht Rath wußten zu ihrer Befreiung, wollten sie keine eitle Hoffnung erwecken. Da die Rückkehr der Mutter erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie Zeit sich zu berathen.
Die älteste Schwester holte nun am Abend eine Handvoll gehörig gemischter Zauberkräuter vom Boden herunter, zerrieb sie, machte daraus mit Mehl einen Teig, buck einen Kuchen und gab ihn dem Jüngling zu essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. Der Königssohn hatte in der Nacht einen wunderbaren Traum, als ob er im Walde unter den Vögeln lebte und die einem jeden derselben eigene Sprache verstünde. Als er am Morgen seinen Traum den Jungfrauen erzähle, sagte die älteste Schwester: »Zur guten Stunde habt ihr euch zu uns aufgemacht, zur guten Stunde habt ihr den Traum gehabt, der euch auf eurem Heimwege zur Wirklichkeit werden wird. Mein Schweinefleischkuchen von gestern, den ich euch zum Frommen buck und zu essen gab, war mit Zauberkräutern gefüllt, welche euch in den Stand setzen, Alles zu verstehen, was die klugen Vögel unter einander reden. In diesen Männlein im Federkleide steckt viel verborgene Weisheit, die den Menschen unbekannt ist, deßhalb gebt scharf Acht, was die Vögelschnäbel verkünden. Und wenn dann eure Leidenszeit vorüber ist, so denkt auch an uns arme Kinder, die wir hier wie in einem ewigen Kerker am Rocken sitzen.«
Der Königssohn dankte den Mädchen für ihre gute Gesinnung und versprach, sie später aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es für ein Lösegeld oder mit Gewalt; nahm Abschied und trat eilig die Rückreise an. Die Mädchen freuten sich, als sie sahen, daß ihnen der Faden nicht gerissen und der Goldglanz nicht verblichen sei; die alte Mutter konnte, wenn sie heim kam, ihnen nichts vorwerfen.
Um so spaßhafter ging die Sache mit dem Königssohne, der im Walde wie mitten in zahlreicher Gesellschaft dahin ritt, weil der Gesang und das Gezwitscher der Vögel ganz verständlich wie Worte an sein Ohr schlugen. Hier sah er voll Verwunderung, wie viel Weisheit dem Menschen dadurch unbekannt bleibt, daß er die Vogelsprache nicht versteht. Von dem, was das Federvolk anfangs redete, konnte der Wanderer das Meiste nicht recht fassen; es wurde über vielerlei Menschen dies und jenes ausgeplaudert, aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er plötzlich auf einem hohen Föhrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren Unterhaltung auf ihn gemünzt war.
»Die Dummheit der Menschen ist groß,« sagte die Drossel. »Sie wissen auch die geringfügigsten Dinge nicht recht anzufassen. Dort sitzt neben der Brücke in Gestalt einer Teichrose des alten lahmen Weibes Pflegekind schon ein ganzes Jahr, klagt singend den Vorübergehenden ihre Noth, aber Niemand kommt sie zu erlösen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger Bräutigam über die Brücke, und hörte den sehnsüchtigen Gesang der Jungfrau, war aber auch nicht klüger als die Andern.« Die Elster erwiederte: »Und gleichwohl muß das Mädchen um seinetwillen von der Mutter die Strafe erdulden. Wenn ihm keine größere Weisheit zu Theil wird, als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt das Mädchen ewig ein Blümlein.« »Des Mädchens Befreiung würde eine Kleinigkeit sein,« sagte die Drossel, »wenn die Sache dem alten Zauberer von Finnland gründlich dargelegt würde. Er könnte die Jungfrau leicht aus ihrem nassen Kerker und ihrem Blumenzwang befreien.«
Dieses Gespräch machte den Jüngling nachdenklich; indem er weiter ritt, ging er mit sich zu Rathe, wo er wohl einen Boten hernähme, den er nach Finnland schicken könnte. Da hörte er über seinem Haupte, wie eine Schwalbe zur andern sagte: »Komm, laß uns nach Finnland ziehen, dort ist besser nisten als hier!«
»Haltet, Freunde!« rief der Königssohn in der Vogelsprache. »Bringt dem alten Zauberer in Finnland tausend Grüße von mir und bittet ihn um Bescheid, wie es wohl möglich wäre, eine in eine Teichrose verwandelte Jungfrau wieder zu einem Menschenbilde zu machen.« Die Schwalben versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon.
Als er an's Ufer des Flusses kam, ließ er sein Pferd verschnaufen und blieb auf der Brücke stehen, um zu horchen, ob nicht der Gesang sich wieder hören lasse. Aber Schweigen herrschte ringsum und es war nichts zu hören, als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes. Unmuthig setzte sich der Jüngling wieder zu Pferde, und ritt heim, sagte aber Niemanden ein Wort von dieser Wanderung und ihrem Abenteuer.
Eine Woche später saß er eines Tages im Garten, und dachte, die Schwalben müßten seine Botschaft wohl vergessen haben, als ein großer Adler hoch in den Lüften über seinem Haupte kreiste. Allmählich stieg der Vogel immer tiefer herunter, bis er sich endlich auf einem Lindenast in der Nähe des Königssohnes niederließ. »Der alte Zauberer in Finnland,« so ließ der Adler sich vernehmen, »sendet euch viele Grüße, und bittet es ihm nicht zu verübeln, daß er nicht früher Antwort ertheilt hat. Es war gerade Niemand zu finden, der hierher wollte. Um die Jungfrau aus ihrem Blumenzustande zu erlösen, ist nur dies nöthig: Gehet an das Ufer des Flusses, werfet eure Kleider ab und schmiert euch den Körper über und über mit Schlamm ein, so daß kein weißer Fleck bleibt; dann nehmt die Nasenspitze zwischen die Finger und rufet: »»Aus dem Mann ein Krebs!«« Augenblicklich werdet ihr zum Krebs, dann geht in die Tiefe des Flusses; Ertrinken habt ihr nicht zu befürchten. Drängt euch dreist unter die Wurzeln des Teichröschens, und löset sie von Schlamm und Schilf, so daß sie nirgends mehr fest sitzen. Hängt euch dann mit euren Scheeren an ein Zweiglein der Wurzel an, so wird euch das Wasser sammt dem Blümchen auf die Oberfläche heben. Dann treibet mit dem Strom so lange fort, bis euch links am Ufer eine Eberesche mit beblätterten Zweigen zu Gesicht kommt. Nicht weit von der Eberesche steht ein Stein von der Höhe einer kleinen Badstube. Beim Steine müßt ihr die Worte ausstoßen: »»Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebs der Mann!«« In demselben Augenblick wird es so geschehen.« Als der Adler geendigt hatte, hob er die Fittige und flog davon. Der Jüngling sah ihm eine Weile nach und wußte nicht, was er davon halten sollte.
Unter zweifelnden Gedanken verstrich ihm über eine Woche; er hatte weder Muth noch Vertrauen genug, die Befreiung in dieser Weise zu versuchen. Da hörte er eines Tages aus dem Munde einer Krähe: »Was zögerst du, der Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Zauberer hat noch nie falschen Bescheid geschickt, und auch die Vogelsprache hat noch nie getrogen. Eile an das Ufer des Flusses und trockne die Sehnsuchtsthränen der Jungfrau.« Die Rede der Krähe machte dem Jünglinge Muth; er dachte: Größeres Unglück kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber leichter ist der Tod als unaufhörliches Trauern. Er setzte sich zu Pferde und ritt den bekannten Weg zum Ufer des Flusses. Als er an die Brücke kam, hörte er den Gesang:
»Durch der Mutter Fluch beschworen Muß ich hier im Schlummer liegen, Muß das junge Kind verwelken, In der Wellen Schoos hinsiechen. Feucht und kalt das tiefe Bette Decket jetzt die zarte Jungfrau.«
Der Königssohn legte seinem Pferde die Fußfessel an, damit es sich nicht zu weit von der Brücke entfernen könnte, warf die Kleider ab, schmierte den Körper über und über mit Schlamm, so daß nirgends ein weißer Fleck blieb, faßte sich dann an die Nasenspitze und sprang in's Wasser mit dem Rufe: »Aus dem Mann ein Krebs!« Einen Augenblick zischte das Wasser auf, dann war Alles wieder still wie zuvor.
Das in einen Krebs verwandelte Männlein begann die Wurzeln der Teichrose aus dem Flußbette loszumachen, brauchte aber viel Zeit dazu. Die Würzelchen saßen im Schlamm und Schilf fest, so daß der Krebs sieben Tage schwere Arbeit hatte, bis die Sache von Statten ging. Als die Arbeit beendigt war, hakte das Krebsmännlein seine Scheeren in ein Zweiglein der Wurzel ein, und das Wasser hob ihn sammt dem Blümchen auf die Oberfläche des Flusses. Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und Teichrose nur allmählich vorwärts, und wiewohl Bäume und Sträuche genug am Ufer sichtbar wurden, so kam doch immer die Eberesche mit dem großen Stein nicht zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer den Baum mit seinem Laube und den rothen Beerenbüscheln, und etwas weiterhin stand auch der Fels, der die Höhe einer kleinen Badstube hatte. Jetzt stieß das Krebsmännlein die Worte aus: »Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebse der Mann!« -- Augenblicklich schwammen auf dem Wasser zwei Menschenhäupter, ein männliches und ein weibliches, das Wasser trieb sie an's Ufer, aber Beide waren splitternackt, wie Gott sie geschaffen.
Die verschämte Jungfrau bat nun: »Lieber Jüngling, ich habe keine Kleider anzuziehen, darum mag ich nicht aus dem Wasser steigen.« -- Der Jüngling bat dagegen: »Tretet an's Ufer unter die Eberesche, ich mache so lange die Augen zu, bis ihr hinauf klettert und euch unter dem Baume berget. Dann eile ich zur Brücke, wo ich mein Pferd und meine Kleider ließ, als ich in den Fluß sprang.« Die Jungfrau hatte sich unter der Eberesche verborgen, und der Jüngling eilte zur Brücke, wo er Kleider und Pferd gelassen hatte; aber er fand dort weder das Eine noch das Andere. Daß sein Krebszustand so viele Tage gedauert hatte, wußte er nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers gewesen zu sein. Siehe, da kommt ihm am Ufer eine prächtige mit sechs Pferden bespannte Kutsche langsam entgegen. In der Kutsche fand er alles Nöthige, sowohl für sich, wie für die aus dem Wasserkerker erlöste Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche angekommen. Den Diener behielt der Königssohn für sich, das Mädchen schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes Liebchen unter der Eberesche harrte. Es verging über eine Stunde, da kam die hochzeitlich geschmückte Jungfrau in der Kutsche an die Stelle, wo der Königssohn ihrer wartete. Er war gleichfalls prächtig als Bräutigam gekleidet und setzte sich zu ihr in die Kutsche. Sie fuhren gradeswegs zur Stadt und vor die Kirchenthür. Der König und die Königin saßen in Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten über den theuren verlorenen Sohn, den man im Flusse ertrunken glaubte, da man Pferd und Kleider am Ufer gefunden hatte. Groß war der Eltern Freude, als der für todt beweinte Sohn lebend an der Seite einer schönen Jungfrau vor sie trat, beide in Prunkgewändern. Der König führte sie selbst zum Altar und sie wurden getraut. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte.
Im Gange der Zeit ist zwar kein Stillstand und keine Ruhe, dennoch scheinen die Tage der Freude rascher dahin zu fließen als die Stunden der Trübsal. Nach dem Hochzeitsfeste war der Herbst eingetreten, dann kam Frost und Schnee, so daß das junge Paar nicht viel Lust hatte, den Fuß aus dem Hause zu setzen. Als aber der Frühling wiederkehrte und neue Freuden brachte, ging der Königssohn mit seiner jungen Gattin im Garten spazieren. Da hörten sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes herab rief: »O du undankbares Geschöpf, das in den Tagen des Glücks seine hülfreichen Freunde vergessen hat. Sollen die beiden armen Jungfrauen ihr Lebelang Goldgarn spinnen? Die lahme Alte ist nicht die Mutter der Mädchen, sondern eine Zauberhexe, welche die Jungfrauen als Kinder aus fernen Landen gestohlen hat. Der Alten Sünden sind groß, sie verdient keine Barmherzigkeit. Gekochter Schierling wäre für sie das beste Gericht; sonst würde sie wohl das gerettete Kind abermals mit einem Hexenknäuel verfolgen.«
Jetzt fiel es dem Königssohne wieder ein und er bekannte seiner Gattin, wie er zur Waldhütte gegangen sei, die Schwestern um Rath zu fragen, dort die Vogelsprache gelernt und den Jungfrauen versprochen habe, sie aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen. Die Gattin bat mit Thränen in den Augen, den Schwestern zu Hülfe zu eilen. Als sie den andern Morgen erwachte, sagte sie: »Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die alte Mutter war von Hause gegangen und hatte die Töchter allein gelassen; jetzt wäre gewiß die rechte Zeit ihnen zu Hülfe zu kommen.«
Der Königssohn ließ sofort eine Kriegerschaar sich rüsten und zog mit ihnen zur Waldhütte. Am andern Tage langten sie dort an. Die Mädchen waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen mit Freudengeschrei den Errettern entgegen. Einem Kriegsmanne wurde Befehl gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus für die Alte ein Gericht zu kochen, so daß, wenn sie nach Hause käme und sich daran satt äße, ihr die Lust am Essen für immer verginge. Sie blieben zur Nacht in der Waldhütte und machten sich am andern Morgen in der Frühe mit den Mädchen auf den Weg, so daß sie Abends die Stadt erreichten. Der Schwestern Freude war groß, als sie sich hier nach zwei Jahren wieder vereinigt fanden.
Die Alte war in derselben Nacht nach Hause gekommen; sie verzehrte mit großer Gier die Speise, welche sie auf dem Tische fand und kroch dann in's Bett um zu ruhen, wachte aber nicht wieder auf: der Schierling hatte dem Leben des Unholds ein Ende gemacht. Als der Königssohn eine Woche später einen zuverlässigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache anzusehen, fand man die Alte todt. In der heimlichen Kammer wurden funfzig Fuder Goldgarn aufgehäuft gefunden, welche unter die Schwestern vertheilt wurden. Als der Schatz weggeführt war, ließ der Hauptmann den Feuerhahn auf's Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen rothen Kamm zum Rauchloch[9] heraus, als eine große Katze mit glühenden Augen vom Dache her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein Vögelchen gab von einem Baumwipfel herab die Weisung: »Heftet der Katze eine Falle an den Schwanz, dann wird Alles an den Tag kommen!« Die Männer thaten es.
»Peinigt mich nicht, ihr Männer!« bat nun die Katze. »Ich bin ein Mensch wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Hexenzauber in Katzengestalt gebannt bin. Es war der Lohn für meine Schlechtigkeit, daß ich in eine Katze verwandelt wurde. Ich war weit von hier in einem reichen Königsschlosse Haushälterin, und die Alte war der Königin erste Kammerjungfer. Von Habgier getrieben machten wir mit einander den heimlichen Anschlag, des Königs drei Töchter und außerdem einen großen Schatz zu stehlen und dann zu entfliehen. Nachdem wir allmählich alle goldenen Geräthe bei Seite geschafft hatten, welche die Alte in goldenen Flachs verwandelte, nahmen wir die Kinder, deren ältestes drei Jahre, das jüngste sechs Monate alt war. Die Alte fürchtete dann, daß ich bereuen und anderen Sinnes werden möchte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze; zwar wurde mir in ihrer Todesstunde die Zunge gelöst, aber die frühere Gestalt habe ich nicht wieder erhalten.« Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze ausgesprochen hatte: »Du brauchst kein besseres Ende zu nehmen, als die Alte!« und ließ sie in's Feuer werfen.
Die beiden Königstöchter aber bekamen bald, wie ihre jüngste Schwester, Königssöhne zu Männern, und das von ihnen in der Waldhütte gesponnene Goldgarn war ihnen reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern blieben unbekannt. Man erzählt sich, daß das alte Weib noch manches Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben hatte, aber Niemand konnte die Stelle angeben.
[Fußnote 1: Die Goldspinnerinnen erinnern an die Pflegetöchter der Hölle, die dort gefangen gehalten werden, arbeiten und auch spinnen müssen, s. _Kalewipoëg_ (myth. Heldensagen vom Kalew-Sohn) =XIII.= 521 ff. =XIV.= 470 ff. L.]
[Fußnote 2: Donnerstag und Sonnabend galten den Ehsten in vorchristlicher Zeit für heilig. Im _Kalewipoëg_, Gesang =XIII=, V. 423 kocht der Höllenkessel am Donnerstag stärkende Zauberspeise. Nach _Rußwurm_, Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1856, S. 20, erhalten die Unterirdischen (vgl. Märchen 17), was am Sonnabend oder am Donnerstag Abend ohne Licht gearbeitet wird. Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_, der Ehsten abergläubische Gebräuche &c. (St. Petersburg 1854) S. 97-104. Wenn der oberste Gott der Ehsten, Taara, sich sachlich und lautlich an den germanischen Thor anschließt, so ist aus der jetzigen ehstnischen Bezeichnung des Thortags, Donnerstags, jede Erinnerung an Taara-Thor getilgt; der Donnerstag heißt ehstnisch einfach =nelja-päew=, d. i. der vierte Tag. (Montag der erste, Dienstag der zweite, Mittwoch der dritte oder auch Mittwoch, Freitag = Reede, corrumpirt aus plattd. Frêdag, Sonnabend = Badetag, Sonntag = heiliger Tag, Feiertag.) L.]
[Fußnote 3: Der Sinn ist: Sie durften nicht für sich arbeiten, um den Kasten zu füllen, aus welchem die Braut am Hochzeitstage Geschenke vertheilt. Vgl. _Boecler_, der Ehsten abergl. Gebräuche, ed. _Kreutzwald_, =p.= 37. _Neus_, Ehstn. Volkslieder, S. 284. L.]
[Fußnote 4: Nicht zu verwechseln mit dem Kalew-_Sohn_ (=Kalewipoëg=), dem Herkules des ehstnischen Festlandes. Auf der Insel Oesel heißt dieser Töll od. Töllus. Vgl. _Rußwurm_, Eibofolke oder die Schweden an den Küsten Ehstland's und auf Runö. Reval 1855. Th. 2, S. 273. _Neus_ in den Beiträgen zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands, ed. Ed. Pabst. Reval 1866. Bd. =I=, Heft =I=, =p.= 111. L.]
[Fußnote 5: wörtlich: fiel in das Ohr das Echo. Das Echo wird bildlich »Schielauge« genannt. S. Kreutzwald zu Boecler, S. 146.]
[Fußnote 6: Vgl. die folgende Anm. und die Nota S. 25 zu 2. »die im Mondschein badenden Jungfrauen.« L.]
[Fußnote 7: Die alte Anschauung der Ehsten unterscheidet feindliche und günstige Winde und schreibt beiden den weitgreifendsten Einfluß zu. Die unaufhörlichen Windströmungen, welche an dem ehstnischen Küstenstrich ihr Spiel treiben und von der größten Bedeutung für das Naturleben sind, erklären dies vollkommen. In unserer Stelle ist die Krankheit nicht »von Gott, sondern vom Winde gekommen« und soll auch wieder (homöopathisch) durch den Wind vertrieben werden. Vergl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_, ehstn. Aberglaube, S. 105 ff. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der Ehsten, S. 13. L.]
[Fußnote 8: Ahti oder Ahto (sprich Achti, Achto) ist in der finnischen Mythologie der über alles Wasser herrschende Gott: ein alter ehrwürdiger Mann mit einem Grasbart und einem Schaumgewand. Er wird, characteristisch genug, als begehrlich nach fremdem Gut geschildert. Im ehstnischen Epos vom _Kalewi-Poëg_ Ges. =XVI.=, V. 72 ist von Ahti's Sohn und seinen (Wasser) Gruben die Rede. L.]
[Fußnote 9: Loch am Giebel des Hauses (zum Hinauslassen des Rauches). L.]
2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen.