Ehstnische Märchen

Chapter 19

Chapter 193,854 wordsPublic domain

Da fühlte er ein so schmerzliches Verlangen, daß ihm das Herz zu brechen drohte, und doch wußte er selber nicht, wonach er sich sehnte. Bittre Thränen rannen ihm von den Wangen, und er klagte: »Was hilft mir Unglücklichem das Glücksei, da mir auf dieser Welt doch kein Glück beschieden ist! Von klein auf fühle ich, daß ich für die Menschen nicht passe, sie verstehen mich nicht, und ich sie nicht: was ihnen Freude macht, das schafft mir Qual, was mich aber glücklich machen könnte, das weiß ich selbst nicht, wie sollten es Andere wissen. Der Reichthum und die Armuth haben beide bei mir zu Gevatter gestanden, darum habe ich auch zu nichts Rechtem kommen können.« Da wurde es plötzlich so hell um ihn her, als ob Linde und Stein von der vollen Sonne beschienen würden, so daß er eine Weile die Augen nicht öffnen konnte, sondern sich erst an die Helligkeit gewöhnen mußte. Da sah er neben sich auf dem Steine ein schönes Frauenbild stehen, in schneeweißen Kleidern, wie wenn ein Engel vom Himmel herunter gestiegen wäre. Aus dem Munde der Jungfrau aber tönte eine Stimme, die ihm süßer klang, als der Gesang der Nachtigall, und die Stimme sprach: »Lieber Jüngling, fürchte dich nicht, sondern erhöre die Bitte eines unglücklichen Mädchens! Ich Arme lebe in einem trübseligen Kerker, und wenn du dich meiner nicht erbarmst, so habe ich nimmer Hoffnung auf Erlösung. O, lieber Jüngling, habe Mitleid mit mir, und weise mich nicht ab. Ich bin eines mächtigen Königs Tochter aus dem Ostlande, unendlich reich an Gold und Schätzen, aber das kann mir nichts helfen, weil ein Zauber mich zwang, in Gestalt einer Schlange hier unter dem Felsen zu leben, wo ich schon viele hundert Jahre weile, ohne je älter zu werden. Obwohl ich noch nie einem Menschenkinde Böses zugefügt habe, so fliehen doch Alle vor meiner Gestalt, so wie sie mich erblicken. Du bist das einzige lebende Wesen, das meine Annäherung nicht scheute; ja, ich durfte zu deinen Füßen spielen, und deine Hand hat mich oftmals freundlich gestreichelt. Darum erwachte in meinem Herzen die Hoffnung, daß du mein Retter werden könntest. Dein Herz ist rein, wie das eines Kindes, in welchem Lug und Trug noch nicht wohnen. Auch trifft bei dir Alles zu, was zu meiner Rettung erforderlich ist: eine vornehme Dame und ein Bettler standen zusammen Gevatter bei dir, und das Glücksei wurde dein Pathengeschenk. Nur einmal nach je fünf und zwanzig Jahren in der Johannisnacht ist es mir vergönnt, in Menschengestalt eine Stunde lang auf der Erde zu wandeln, und wenn dann ein Jüngling reinen Herzens, der diese besonderen Gaben besitzt, kommen und meine Bitte erhören würde, so könnte ich aus meiner langen Gefangenschaft erlöst werden. Rette, o rette mich aus der endlosen Kerkerhaft, ich bitte dich in aller Engel Namen.« So sprechend fiel sie dem Pärtel zu Füßen, umfaßte seine Knie und weinte bitterlich.

Dem Pärtel schmolz das Herz bei diesem Anblick und bei dieser Rede, er bat die Jungfrau aufzustehen und ihm zu sagen, wie die Rettung möglich sei. »Ich würde ja ohne Zögern durch Feuer und Wasser gehen,« sagte er, »wenn dadurch deine Rettung möglich würde, und hätte ich zehn Leben zu verlieren, ich würde sie alle für deine Rettung hingeben! Eine nie gekannte Sehnsucht läßt mir keine Ruhe mehr, aber wonach ich mich sehne, weiß ich selbst nicht.«

Die Jungfrau sagte: »Komm morgen Abend gegen Sonnenuntergang wieder hierher, und wenn ich dir dann als Schlange entgegen komme, und mich wie einen Gürtel um deinen Leib winde, und dich dreimal küsse, so erschrick nicht, und bebe nicht zurück, sonst muß ich wieder weiter seufzen unter dem Fluche der Verzauberung, und wer weiß auf wie viel hundert Jahre.« Mit diesen Worten war die Jungfrau den Blicken des Jünglings entschwunden, und wieder säuselte es aus dem Laube der Linde:

»Zarte Schale hat das Glücksei, Zähen Kernes ist die Trübsal; Zaudre nicht das Glück zu haschen!«

Pärtel war nach Hause gekommen und hatte sich vor Tages Anbruch schlafen gelegt, aber wunderbar bunte Träume, theils freundliche, theils häßliche, scheuchten die Ruhe von seinem Lager. Mit einem Schrei sprang er auf, weil ein Traum ihm vorgespiegelt hatte, daß die weiße Schlange sich um seine Brust schlang und ihn erstickte. Zwar achtete er nicht weiter auf dieses Schreckbild, vielmehr war er fest entschlossen, die Königstochter aus den Banden der Verzauberung zu erlösen, und wenn er selber darüber zu Grunde gehen sollte -- aber dennoch wurde ihm das Herz immer schwerer, je näher die Sonne dem Horizonte kam. Zur festgesetzten Zeit stand er am Steine unter der Linde, und blickte seufzend zum Himmel empor, den er um Muth und Kraft anflehte, damit er nicht vor Schwäche zittere, wenn sich die Schlange um seinen Leib winden und ihn küssen werde. Da fiel ihm plötzlich das Glücksei ein; er zog das Schächtelchen aus der Tasche, wickelte es los, und nahm das kleine Ei, das nicht größer war, als das Ei einer Grasmücke, zwischen die Finger.

In demselben Augenblicke war die schneeweiße Schlange unter dem Steine hervorgeschlüpft, hatte sich um seinen Leib gewunden, und richtete eben ihren Kopf empor, um ihn zu küssen, da -- der Mann wußte selbst nicht wie es geschah -- hatte er der Schlange das Glücksei in den Mund gesteckt. Er stand, ob auch mit frierendem Herzen, ohne zu beben, bis die Schlange ihn dreimal geküßt hatte. Jetzt erfolgte ein Krachen und Leuchten, als hätte der Blitz in den Stein geschlagen, und schwerer Donner machte die Erde erzittern, so daß Pärtel wie todt zu Boden fiel, und nicht mehr wußte, was mit ihm oder um ihn her geschah.

Aber in diesem furchtbaren Augenblicke waren die Bande des Zaubers gebrochen, und die königliche Jungfrau war aus ihrer langen Haft erlöst. Als Pärtel aus seiner schweren Ohnmacht erwachte, fand er sich auf weichen Seidenkissen, in einem prächtigen Glasgemach von himmelblauer Farbe. Das schöne Mädchen kniete vor seinem Bette, streichelte seine Wangen, und rief, als er die Augen aufschlug: »Dank dem himmlischen Vater, der mein Gebet erhört hat! und tausend, tausend Dank auch dir, theurer Jüngling, der du mich aus der langen Verzauberung erlöst hast. Nimm jetzt zum Lohne mein Reich, dieses prachtvolle Königsschloß mit allen seinen Schätzen, und wenn du willst, auch mich als Gemahlin mit in den Kauf. Du sollst fortan hier glücklich leben, wie es dem Herrn des Glücksei's gebührt. Bis heute war dein Loos wie das deines _Taufvaters_, jetzt harrt deiner ein besseres Loos, ein solches, wie es deiner _Taufmutter_ zugefallen war.«

Pärtel's Glück und Freude vermöchte wohl Niemand zu schildern; alle unbegriffene Sehnsucht seines Herzens, die ihn ruhelos immer wieder unter die Linde trieb, war jetzt gestillt. Von der Welt geschieden lebte er mit seiner theuren Gemahlin im Schooße des Glückes bis an sein Ende. -- In dem Dorfe aber und auf dem Bauerhofe, wo er gedient hatte, und wo man ihn um seines frommen Wesens willen lieb hatte, erregte sein Verschwinden große Betrübniß. Darum machten sich Alle auf, ihn zu suchen, und ihr erster Gang war zur Linde, welche Pärtel so häufig zu besuchen pflegte, und wohin man ihn auch Abends zuvor noch hatte gehen sehn. Groß war das Erstaunen der Leute, als sie dort weder den Pärtel, noch die Linde, noch den Stein mehr vorfanden; auch die kleine Quelle in der Nähe war vertrocknet, und keines Menschen Auge hat selbige Dinge jemals wieder erblickt.

[Fußnote 83: Aus Kalewipoëg =XIX=, 140, 141, wo aber der Gehörnte mit diesen Versen den Kalewsohn vor Uebermuth warnt. L.]

20. Der Frauenmörder.

Es lebte einmal ein reicher hochadliger Gutsherr, unter dessen Botmäßigkeit ausgedehnte Gebiete, Landgüter und eine Unzahl von Leuten standen. Seinen Wohnsitz hatte er auf einem einsamen festen Schlosse, das hinter Wäldern und Sümpfen versteckt lag wie eine Bärenhöhle, und rings mit Mauern und Gräben umgeben war, so daß Feinde nicht leicht eindringen konnten. Man meinte, der große Herr habe den einsamen Ort deßwegen zu seinem Wohnsitz gewählt, damit seine unermeßliche Habe den Leuten nicht in die Augen steche und ihre Habsucht reize. Es sollten da nämlich große Felsenkeller mit Gold und Silber angefüllt sein, womit der Besitzer, wenn er gewollt hätte, ganze Königreiche hätte kaufen können. An Geld und Schätzen hatte er also Ueberfluß, aber mit seinen Frauen hatte er kein Glück. Sie starben ihm alle binnen kurzer Frist, eine nach der andern; doch hielt sich der Wittwer nie mit langem Trauern auf, sondern ritt jedesmal ohne Zeitverlust von neuem auf die Freite. Obschon er noch im mittleren Mannesalter stand, sollte er doch schon eilf Frauen auf der Bahre gesehen haben, als er auszog, um die zwölfte zu freien. Man weiß, daß es einem reichen Manne nie schwer wird, zu einer Frau zu kommen, denn mit dem Goldnetze kann man die Mädchen zu Dutzenden fangen. Trotzdem stellten sich unserem reichen Freier, als er jetzt die zwölfte Frau nehmen wollte, Hindernisse in den Weg, so daß er wie ein geringer Mann an mancher Thüre anklopfen mußte, ehe er eine Braut unter die Haube bringen konnte. Das rasche Wegsterben seiner vielen Frauen hatte den jungen Damen der Umgegend Schrecken eingeflößt; es konnte doch wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, daß die jungen blühenden Frauen so rasch dahin welkten. Ein Geheimniß mußte hier obwalten -- aber es blieb Allen ein Räthsel.

Als nun der stolze reiche Freier lange Zeit vergebliche Wege gemacht hatte, beschloß er endlich, sein Glück auf einem Edelhofe zu versuchen, wo ein armer Edelmann mit seinen drei blühenden Töchtern lebte. Sie waren alle drei schön und glichen köstlichen Aepfeln, aber die jüngste überstrahlte die beiden andern, so daß sie recht gut auch die Gemahlin eines Königs hätte werden können. Der vornehme Freier hatte sein Auge alsbald auf das jüngste Fräulein geworfen; zwar schien des Fräuleins Herz anfangs kalt gegen ihn zu sein, aber seine reichen Geschenke, seidene Kleider, goldene Ketten und sonstiger Schmuck, übten eine so erwärmende Wirkung, daß es dem Vater und den beiden Schwestern gelang, das Mädchen zu überreden. Der Vater hoffte an dem reichen Schwiegersohne eine Stütze zu finden, und auch die Töchter erwarteten, daß ihnen der Schwager nützlich sein werde, der schon versprochen hatte, ihnen auf seine Kosten prächtige Hochzeitskleider machen zu lassen. Da die Schwestern sich sehr lieb hatten, so waren die älteren nicht im mindesten neidisch darüber, daß die jüngste zuerst heirathen sollte. Der Bräutigam hatte seinen künftigen Schwiegervater darum gebeten, die Hochzeit nicht auszurichten, da er sie auf seinem Schlosse zu feiern und alle Kosten selbst zu tragen wünsche.

So weit war es mit der Werbung gut gegangen, und der Bräutigam war schon wieder abgereist, um sein Haus für die Hochzeit herzurichten, und hatte auch schon den Tag für die Hochzeit angesetzt. Da ereignete sich ein Vorfall, der dem alten Herrn Verdruß bereitete, und das Herz der Braut mit Betrübniß erfüllte. Auf dem Edelhofe lebte ein armer Knabe, den die Herrschaft nach dem Tode seiner Eltern, als er erst zwei Jahr alt war, zu sich genommen hatte; man hatte ihn später zum Gänsejungen gebraucht, seit länger als einem Jahre aber war er Aufwärter. Die Gutsleute nannten ihn immer noch den Gänse-Tönnis. Er war ein halbes Jahr jünger als das jüngste Fräulein, und hatte als Kind mit ihr gespielt; dadurch war eine Freundschaft zwischen ihnen entstanden, und das Fräulein war immer sehr liebreich gegen den Tönnis gewesen. Tönnis verehrte auf der ganzen Welt kein lebendes Wesen so sehr, wie sein theures Fräulein. Was er dem Fräulein nur an den Augen absehen konnte, das that er ungeheißen, und er wäre ohne Zagen durch Feuer und Wasser gegangen, wenn das Fräulein es befohlen hätte. Als er hörte, daß das Fräulein sich mit einem Wittwer vermählen würde, erschrack er so heftig, daß er verzweifeln wollte; mehrere Tage nahm er keine Nahrung zu sich, noch kam Nachts Schlaf in sein Auge. Er ging umher wie eine wandelnde Leiche, und Alle glaubten, daß er schwer krank sei. Als Tönnis den Bräutigam zum erstenmal gesehen hatte, war ihm dieser Anblick wie ein schneidendes Schwert durchs Herz gegangen. »Mein theures Fräulein rennt in ihr Verderben,« dachte er. Er wartete jetzt immer nur auf einen Augenblick, wo er mit dem Fräulein sprechen könnte. Als sie nun eines Tages in den Gemüsegarten gegangen war, trat ihr Tönnis demüthig entgegen: »Gnädiges theures Fräulein, höret auf meine Bitte! Werdet nicht die Gattin eines Mörders, der euch ebenso umbringen würde, wie die eilf, die ihn vor euch geheirathet haben.« Das Fräulein erschrack, als sie diese Rede hörte, und fragte, woher er denn wissen könne, daß die früheren Frauen dieses Herrn einen gewaltsamen Tod gefunden. Tönnis antwortete: »Mein Herz sagte es mir, als ich den Bräutigam zum erstenmale erblickte, und mein Herz hat mich noch niemals betrogen.« Als das Fräulein ihren Schwestern und ihrem Vater erzählte, was sie vernommen, gerieth der alte Herr in so heftigen Zorn, daß er drohte, den Tönnis halb todt zu schlagen, und dann mit den Hunden vom Hofe jagen zu lassen. Wer weiß, ob er die Drohung nicht ausgeführt hätte, wenn die Fräulein sich nicht mit Bitten dazwischen gelegt und sich bemüht hätten, seinen Zorn zu besänftigen. Die Fräulein sagten: »Der Bursche hat es ja doch nicht böse gemeint, vielmehr wünscht er uns nur Gutes.« Nach einigen Tagen ließ der alte Herr den Tönnis rufen, schalt ihn wegen seines thörichten Geschwätzes und sagte endlich: »Wenn du dem Fräulein noch einmal mit solchem leeren Gerede in den Ohren liegst, so lasse ich dich wie einen tollen Hund niederschießen.« Um seine Töchter zu beruhigen, sagte ihnen der alte Herr, daß der Tönnis durch eine Krankheit schwachsinnig geworden sei. Gleichwohl waren im Herzen des jüngsten Fräuleins Zweifel aufgestiegen, und sie hätte sich gern von ihrem Bräutigam losgemacht, wenn sich nur irgend eine Möglichkeit gezeigt hätte. Aber Vater und Schwestern widersetzten sich diesem Vorhaben einmüthig, indem sie sagten: »Stoße dein Glück nicht leichtsinnig von dir. Du wirst eines reichen Mannes Frau, wirst dort ein Leben haben wie im Himmel, und auch uns helfen können.« Je näher der Hochzeitstag heranrückte, desto schwerer wurde dem Fräulein das Herz, ihr schmeckte kein Essen mehr und kein Schlaf kam Nachts in ihr Auge. Endlich ließ sie eines Tages heimlich den Tönnis rufen, und fragte ihn, was sie thun solle, da der alte Herr von einem Zurücktreten durchaus nichts wissen wolle. Darauf antwortete Tönnis mit der Bitte, ihn mitzunehmen: »So lange ich euch nahe bin,« -- sagte er, -- »soll Niemand es wagen, Hand an euch zu legen.« Darauf bat das Fräulein ihren Vater um Erlaubniß, den Tönnis mitzunehmen. »Meinethalben,« -- sagte der alte Herr, -- »wenn dein Bräutigam nichts dagegen einzuwenden hat.« Der Bräutigam verzog zwar ein wenig das Gesicht, als er den Wunsch seiner Braut vernahm, aber da er die Braut nicht fahren lassen wollte, so mußte er ihrem Begehren willfahren.

Der Hochzeitstag wurde im Hause des Bräutigams mit Jubel und großer Pracht begangen, über eine Woche blieben sämmtliche Hochzeitsgäste, und jeder mußte, als er heimkehrte, bekennen, daß er in seinem Leben noch keine schönere Hochzeit gesehen habe. Der Schwiegervater und die Schwägerinnen blieben noch einige Wochen länger, und führten ein Leben wie im Himmel. Beim Abschiede hatte ihnen der Schwiegersohn noch viele kostbare Geschenke mitgegeben, und das junge Paar war allein auf dem stolzen Edelhofe zurückgeblieben.

Einige Wochen später sagte der Herr zu seiner Gemahlin: »Ich muß nun, mein Herzchen, auf drei Wochen verreisen, um meine entlegeneren Güter und Besitzungen zu besichtigen, deßhalb habe ich eine Botschaft nach dem Hause deines Vaters abgefertigt, um eine deiner Schwestern herzubescheiden, die dir Gesellschaft leisten soll, bis ich wiederkomme. Die Schwester kann heute Abend oder morgen Mittag hier eintreffen. Während meiner Abwesenheit wird hier das Ganze unter deiner Leitung stehen, sorge dafür, daß Alles so fortgeht, wie ich es angeordnet habe. Hier sind meine Schlüssel, vertraue sie Niemanden an; du selbst hast überall Zutritt. Nur in diesem Kästchen hier liegt ein einzelner goldener Schlüssel; in dasjenige Zimmer, welches er aufschließt, darfst du deinen Fuß nicht setzen, noch auch die Thür öffnen, um hineinzusehen. Ich bitte dich, Liebchen, hüte dich vor solchem Vorwitz, denn dein und mein Glück würde zerstört, sobald du mein Verbot übertrittst. Solltest du absichtlich oder von ungefähr die verbotene Kammer betreten -- und mir würde das nicht unbekannt bleiben --, so müßte ich dir mit eigener Hand das Haupt vom Rumpfe abschlagen.« Die Frau weigerte sich, den unheimlichen Schlüssel in Verwahrung zu nehmen, aber der Herr ließ nicht ab, sondern drang so lange in sie, bis sie den goldenen Schlüssel empfing. Beim Abschiede sprach sie noch zum Schloßherrn: »Meinetwegen kannst du unbesorgt sein, ich will deine Geheimnisse nicht sehen, wenn du sie mir nicht selbst zeigen magst.«

Am Tage nach der Abreise des Herrn traf die mittlere Schwester ein, um der jungen Frau die Zeit zu vertreiben. Die Schwestern unterhielten sich, und scherzten mit einander, und manches Mal kam auch die Rede darauf, daß des Tönnis böse Ahnung ihnen ganz unnütze Angst eingeflößt habe. Dennoch wurde die junge Frau wieder unruhiger, als ihr eines Morgens gemeldet wurde, daß Tönnis in der Nacht verschwunden sei, und Niemand wisse, wo er hingekommen. Den Abend zuvor hatte er zur Frau gesagt: »Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich euretwegen in schwerer Sorge bin, es könne euch irgend ein Unglück zustoßen. Jede Nacht träume ich von euch, wie wenn ein böser Mensch hinter euch steht, der euch das Garaus machen will. Und des Morgens weckt mich gewöhnlich ein häßlicher Traum, wo ihr mit blutigem Kopfe vor meinem Bette steht.« Die Frau hatte sich jeder Besorgniß vor diesen Träumen als einer leeren Furcht zu erwehren gesucht, aber als sie des Burschen Verschwinden erfuhr, fiel ihr dessen Rede von gestern Abend doch schwer auf's Herz. Sie schickte Leute nach allen Richtungen aus, um ihn aufzusuchen; die Leute kehrten am Abend zurück, aber keiner von ihnen hatte eine Spur des Verschwundenen gefunden. Der Frau kam es vor, als wäre mit Tönnis ihr bester Beschützer und ihr treuester Freund von ihr geschieden. Wiewohl das Fräulein sich auf alle Weise bemühte, den Kummer der Schwester zu mildern, so fand die arme Frau doch keinen Trost.

Eines Tages wollte sie ihrer Schwester alle Räume und Schatzkammern des Schlosses zeigen, sie gingen von einem Gemach zum andern, musterten Alles, und befriedigten ihre Schaulust. Zuletzt kamen sie auch vor die Thür, welche der goldene Schlüssel öffnete, allein das war die Kammer, welche die Frau nicht betreten durfte --sollte sie doch nicht einmal an der Schwelle nach den Geheimnissen dieser Kammer spähen. Das Fräulein hatte große Lust, sich diese geheimnißvolle Kammer anzusehen, und bat ihre Schwester, die Thür aufzuschließen. Die Frau mochte wohl kein geringeres Verlangen danach empfinden, allein sie rief sich das Verbot ihres Gemahls in's Gedächtniß zurück, und sagte, es sei ihr nicht erlaubt, diese Kammer zu betreten. Die Schwester spottete ihrer Furcht: »Schlüssel und Schloß« -- meinte sie -- »haben keine Zunge, mit der sie dem Herrn verrathen könnten, daß sich Jemand ihrer bedient hat. Was kann hier auch weiter versteckt sein, als allerlei Kostbarkeiten, die er dir, wer weiß aus welcher Laune, nicht zeigen will. Wenn die Männer aus Laune vor ihren Frauen etwas verbergen, so dürfen auch die Frauen aus Laune dem Verbote der Männer zuwider handeln. Wenn du dich fürchtest zu öffnen, so gieb mir den Schlüssel, ich werde dir die Thür aufschließen.« Obwohl die Frau sich mit dem Munde noch gegen das Verlangen der Schwester sträubte, so war sie doch im Herzen schon längst eines Sinnes mit ihr. Sie nahm den Schlüssel aus dem Kästchen und steckte ihn in's Schloß. Noch ehe sie Zeit gehabt hatte, den Schlüssel im Schlosse umzudrehen, sprang die Thür mit großem Geräusch auf, wobei Zauberkünste im Spiele gewesen sein mußten. Aber wer vermöchte das Entsetzen zu beschreiben, welches jetzt die Beiden überfiel, als ihr Blick über die Schwelle in das Innere der geheimnißvollen Kammer drang. In der Mitte derselben stand ein Eichenblock, und auf diesem lag ein breites Beil; der ganze Fußboden war mit geronnenem Blute bedeckt! Was aber das Gräßlichste war, und den letzten Blutstropfen in ihren Herzen erstarren machte: hinten an der Wand standen in einer Reihe auf einem langen Tische die blutigen Köpfe der früheren eilf Frauen! Diese unglücklichen Geschöpfe hatten alle in dieser Mordkammer den Tod gefunden --wahrscheinlich weil auch sie in ihrem Vorwitze des Mannes Verbot übertreten hatten.

Derselbe gräßliche Tod drohte auch jetzt der zwölften Frau, denn sie sagte sich sogleich, daß der teuflische Mann, der die andern umgebracht habe, ihr auch keine Barmherzigkeit schenken werde. Schon sah sie ihren Hals auf dem blutigen Blocke, fühlte die Schneide des Beils in ihrem Nacken, als sie voll Entsetzen über die Schwelle zurückschwankte. Den Schlüssel hatte sie beim Einstecken auf den Boden fallen lassen; als sie ihn jetzt aufhob, fand sie blutige Rostflecken daran, die kein Wischen und kein Scheuern vertilgen konnte. Als sie dann versuchten, die Thür zuzuschließen, fanden sie es unmöglich; die Thür klaffte eine Hand breit auseinander, als ob zwischen Thür und Pfosten ein unsichtbarer Keil sich befände. Jetzt fehlte es nicht an Jammer und Reue, aber was konnte es fruchten? Zum Glück hatten sie noch eine Woche bis zur Rückkehr des Herrn, während dieser Frist wollten sie auf Mittel sinnen, die Sache wo möglich wieder gut zu machen.

Schlaflos verging den Schwestern die Nacht; so oft ihnen die Augen zufielen, stand gleich der blutige Block mit dem Beile wieder vor ihnen, und scheuchte allen Schlummer. Am Morgen trat die Kammerjungfer bei der Frau ein und meldete, der Herr halte schon vor der Pforte. Die Frau erbebte am ganzen Leibe, und war unfähig, sich von ihrem Sitze zu erheben. Kaum war der Herr vom Pferde gestiegen, so fragte er nach der Frau, und ging rasch die Treppe hinauf. Als er in's Zimmer trat, brannten seine Augen wie zwei Feuer; die vor Angst erbleichende Frau wollte aufstehen, sank aber wieder auf ihren Stuhl zurück. Der Herr sah augenblicklich, was hier vorgegangen war, und fragte, wo der goldene Schlüssel sei. Mit zitternder Hand zog die Frau das Kästchen aus ihrer Tasche, und überreichte es dem Herrn, der beim Oeffnen sogleich die Rostflecke am Schlüssel fand. Da schwoll sein Gesicht blauroth an, und seine Augen rollten wie Feuerräder, so daß die Frau ihn nicht ansehen konnte. »Ruchloses Geschöpf!« -- schrie er mit fürchterlicher Stimme -- »du mußt ohne Gnade von meiner Hand sterben, weil du mein Gebot übertreten hast. Gott im Himmel mag dir vergeben, ich kann deinen Vorwitz nicht ungestraft lassen. Hatte ich dir doch das Regiment und alle meine Habe anvertraut, und du hast mich betrogen! Mit den Reichthümern, die ich dir gegeben, konntest du wie eine Königin in Glück und Freude leben! Warum hast du mein Gebot übertreten?! Bereite dich zum Tode, denn deine Tage sind zu Ende!«

Die Frau versuchte einige Worte zu ihrer Entschuldigung vorzubringen, aber der Herr tobte noch ärger: »Bereite dich zum Tode, denn deine Augenblicke sind gezählt!« Die Schwester der Frau hatte sich gleich, als der Lärm begann, geflüchtet, und wagte nicht mehr sich zu zeigen, denn sie war bange, sich ebenfalls den Tod zuzuziehen. Die Frau fiel vor dem Herrn auf die Knie, betete zu Gott, und versuchte dazwischen wieder ihres Gatten Herz zu erweichen.

»Des Geschwätzes ist genug!« schrie der Herr. »Lege deinen Kopf auf den Block!« Als die Frau diesem Befehle nicht gleich Folge leistete, schleppte er sie bei den Haaren an den Block, drückte mit der linken Hand den Kopf nieder und ergriff mit der rechten das Beil, um sie zu tödten.