Chapter 18
Der Jüngling that, als wisse er noch nicht recht Bescheid, und fragte: »An welchen Finger muß ich den Ring stecken, damit mir ein scharfes Werkzeug nicht schaden könne?« -- Worauf die Jungfrau lachend erwiederte: »An den Mittelfinger der linken Hand!« Sie nahm dann selbst das Messer und suchte damit zu stoßen, konnte aber dem Jüngling keinen Schaden thun. Darauf nahm dieser das Messer und versuchte sich selber zu beschädigen, aber es war auch ihm unmöglich. Darauf bat er die Jungfrau, ihm zu zeigen, wie er mit dem Ringe Steine und Felsen spalten könne. Sie führte ihn in den Hof, wo ein klafterhoher Kiesel lag. »Jetzt stecke den Ring« -- so unterwies ihn die Jungfrau -- »an den Daumen deiner linken Hand, und schlage dann mit der Faust auf den Stein, und du wirst sehen, welche Kraft in deiner Hand liegt.« Der Jüngling that es und sah zu seinem Erstaunen, wie der Stein unter dem Schlage seiner Hand in tausend Trümmer barst. Da dachte der Jüngling, wer das Glück nicht bei den Hörnern zu fassen weiß, der ist ein Thor, denn einmal entflohen, kehrt es nicht zurück. Während er noch über die Zertrümmerung des Steines scherzte, steckte er wie spielend den Ring an den Ringfinger seiner linken Hand. Da rief die Jungfrau: »Jetzt bist du für mich so lange unsichtbar, bis du den Ring abziehst.« Aber das zu thun war der Jüngling nicht gesonnen, vielmehr ging er rasch einige Schritte weiter, steckte dann den Ring an den kleinen Finger der linken Hand, und schwang sich in die Höhe wie ein Vogel. Als die Jungfrau ihn davon fliegen sah, hielt sie Anfangs auch diesen Versuch für bloßen Scherz, und rief: »Komm zurück, mein Freund! Jetzt hast du gesehen, daß ich dir die Wahrheit gesagt habe!« Aber wer nicht zurückkam, war der Jüngling; da merkte die Jungfrau den Betrug, und brach in bittere Klagen aus über ihr Unglück.
Der Jüngling hielt seinen Flug nicht eher an, als bis er nach einigen Tagen wieder zu dem berühmten Zauberer gekommen war, bei welchem er die Vogelsprache gelernt hatte. Der Zauberer war außerordentlich froh, daß des Mannes Wanderung so guten Erfolg gehabt hatte. Er machte sich sogleich daran, die geheime Schrift auf dem Ringe zu deuten, er brauchte aber sieben Wochen ehe er damit zu Stande kam. Darauf gab er dem Jünglinge folgende Auskunft, wie der Nordlands-Drache zu vertilgen sei: »Du mußt dir ein eisernes Pferd gießen lassen, das unter jedem Fuße kleine Räder hat, so daß man es vorwärts und rückwärts schieben kann. Dann mußt du aufsitzen und dich mit einem eisernen zwei Klafter langen Speere bewaffnen, den du freilich nur führen kannst, wenn der Wunderring am Daumen deiner linken Hand steckt. Der Speer muß in der Mitte die Dicke einer mäßigen Birke haben und seine beiden Enden müssen gleich scharf sein. In der Mitte des Speeres mußt du zwei starke zehn Klafter lange Ketten befestigen, die stark genug sind, den Drachen zu halten. Sobald der Drache sich in den Speer fest gebissen hat, so daß dieser ihm die Kinnlade durchbohrt, mußt du wie der Wind vom Eisenroß herunter springen, um dem Unthier nicht in den Rachen zu fallen, und mußt die Enden der Ketten mit eisernen Pflöcken dergestalt in die Erde rammen, daß keine Gewalt sie herausziehen kann. Nach drei oder vier Tagen ist die Kraft des Unthiers so weit erschöpft, daß du dich ihm nähern kannst, dann stecke Salomos Kraftring an den Daumen deiner linken Hand, und schlage es vollends todt. Bis du aber herangekommen bist, muß der Ring am Ringfinger deiner linken Hand stecken, damit das Unthier dich nicht sehen kann, sonst würde es dich mit seinem langen Schwanze todt schlagen. Wenn du Alles vollbracht hast, trage Sorge, daß du den Ring nicht verlierst, und daß dir auch Niemand mit List das Kleinod entwende.«
Unser Freund dankte dem Zauberer für die Belehrung und versprach, ihn später für seine Mühe zu belohnen. Aber der Zauberer erwiederte: »Ich habe aus der Entzifferung der Geheimschrift des Ringes so viel Zauberweisheit geschöpft, daß ich keines anderen Gutes weiter bedarf.« So trennten sie sich, und der Jüngling eilte nach Hause, was ihm nicht mehr schwer wurde, da er wie ein Vogel fliegen konnte wohin er wollte.
Als er nach einigen Wochen in der Heimath anlangte, hörte er von den Leuten, daß der gräuliche Nordlands-Drache schon in der Nähe sei, so daß er jeden Tag über die Grenze kommen könne. Der König ließ überall bekannt machen, daß er demjenigen, der dem Unthier das Garaus machen würde, nicht nur einen Theil seines Königreiches schenken, sondern auch seine Tochter zur Frau geben wolle. Nach einigen Tagen trat unser Jüngling vor den König und erklärte, er hoffe das Unthier zu vernichten, wenn der König Alles wolle anfertigen lassen, was dazu erforderlich sei. Der König ging mit Freuden darauf ein. Es wurden nun sämmtliche geschickte Meister aus der Umgegend zusammenberufen, die mußten erst das Eisenpferd gießen, dann den großen Speer schmieden, und endlich auch die eisernen Ketten, deren Ringe zwei Zoll Dicke hatten. Als aber Alles fertig war, fand es sich, daß das eiserne Pferd so schwer war, daß hundert Männer es nicht von der Stelle bringen konnten. Da blieb dem Jüngling nichts übrig, als mit Hülfe seines Kraftringes das Pferd allein fort zu bewegen.
Der Drache war keine Meile mehr entfernt, so daß er mit ein Paar Sprüngen über die Grenze setzen konnte. Der Jüngling überlegte nun, wie er allein mit dem Unthier fertig werden solle, denn da er das schwere Eisenpferd von hinten her schieben mußte, so konnte er sich nicht aufsetzen, wie es der Zauberer vorgeschrieben hatte. Da belehrte ihn unerwartet eines Raben Schnabel: »Setze dich auf das Eisenpferd, und stemme den Speer gegen den Boden, als wolltest du einen Kahn vom Ufer abstoßen.« Der Jüngling machte es so und fand, daß er auf diese Weise vorwärts kommen könne. Das Ungeheuer sperrte schon von Weitem den Rachen auf, um die erwartete Beute zu vertilgen. Noch einige Klafter, so wären Mann und Eisenroß im Rachen des Unthiers gewesen. Der Jüngling bebte vor Entsetzen und das Herz erstarrte ihm zu Eis, allein er ließ sich nicht verwirren, sondern stieß mit aller Kraft zu, so daß der eiserne Speer, den er aufrecht in der Hand hielt, den Rachen des Unthiers durchbohrte. Dann sprang er vom Eisenroß und wandte sich schnell wie der Blitz, als das Unthier die Kinnladen zusammenklappte. Ein gräßliches Gebrüll, das viele Meilen weit erscholl, gab den Beweis, daß der Nordlands-Drache sich festgebissen hatte. Als der Jüngling sich umwandte, sah er eine Spitze des Speers Fuß lang aus der oberen Kinnlade hervorragen, und schloß daraus, daß die andere im Boden fest steckte. Das Eisenroß aber hatte der Drache mit seinen Zähnen zermalmt. Jetzt eilte der Jüngling, die Ketten am Boden zu befestigen, wozu starke Eisenpflöcke von mehreren Klaftern Länge in Bereitschaft gesetzt waren.
Der Todeskampf des Ungeheuers dauerte drei Tage und drei Nächte: wenn es sich bäumte, schlug es so gewaltig mit dem Schwanze gegen den Boden, daß die Erde auf zehn Meilen weit bebte. Als es endlich den Schwanz nicht mehr rühren konnte, hob der Jüngling mit Hülfe des Ringes einen Stein auf, den zwanzig Männer nicht hätten bewegen können, und schlug damit dem Thiere so lange auf den Kopf, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab.
Grenzenlos war überall der Jubel, als die Botschaft kam, daß der schlimme Feind sein Ende gefunden. --Der Sieger wurde in der Königsstadt mit großen Ehrenbezeugungen empfangen, als wäre er der mächtigste König. Der alte König brauchte auch seine Tochter nicht zur Heirath zu zwingen, sondern diese verlangte selber, sich dem starken Manne zu vermählen, der allein ausgerichtet hatte, was die Andern auch mit einer ganzen Armee nicht vermochten. Nach einigen Tagen wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert, welche vier Wochen lang dauerte, und zu welcher alle Könige der Nachbarländer sich versammelt hatten, um dem Manne zu danken, der die Welt von ihrem schlimmsten Feinde befreit hatte. Allein über dem Hochzeitsjubel und der allgemeinen Freude hatte man vergessen, daß des Ungeheuers Leichnam unbegraben liegen geblieben war, und da er jetzt in Verwesung überging, so verbreitete er einen solchen Gestank, daß Niemand sich in die Nähe wagte. Es entstanden Seuchen, welche viele Menschen hinrafften. Deshalb beschloß der Schwiegersohn des Königs, Hülfe bei dem Zauberer im Osten zu suchen, was ihm mit seinem Ringe nicht schwer fiel, weil er auf Vogelschwingen hin fliegen konnte.
Aber das Sprichwort sagt, unrecht Gut gedeiht nicht, und wie gewonnen, so zerronnen. Diese Erfahrung sollte auch des Königs Schwiegersohn mit dem entwendeten Ringe machen. Der Höllenjungfrau ließ es weder Tag noch Nacht Ruhe, ihrem Ringe wieder auf die Spur zu kommen. Als sie mit Hülfe von Zauberkünsten erfahren hatte, daß des Königs Schwiegersohn sich in Vogelgestalt zu dem Zauberer aufmache, verwandelte sie sich in einen Adler, und kreiste so lange in den Lüften, bis ihr der Vogel, auf den sie wartete, zu Gesicht kam -- sie erkannte ihn sogleich an dem Ringe, der ihm an einem Bande um den Hals hing. Da schoß der Adler auf den Vogel nieder und in demselben Augenblick, wo seine Klauen ihn packten, hatte er ihm auch mit dem Schnabel den Ring vom Halse gerissen, ehe noch der Mann in Vogelgestalt etwas dagegen thun konnte. Jetzt ließ der Adler sich mit seiner Beute zur Erde nieder, und beide standen in ihrer früheren Menschengestalt neben einander. »Jetzt bist du in meiner Hand, Frevler!« rief die Höllenjungfrau. -- »Ich nahm dich als meinen Geliebten auf, und du übtest Betrug und Diebstahl: ist das mein Lohn? Du nahmst mir mein kostbarstes Kleinod durch List, und hofftest, als Schwiegersohn des Königs ein glückliches Leben zu führen, aber jetzt hat sich das Blatt gewandt. Du bist in meiner Gewalt und sollst mir für allen Frevel büßen.« »Vergebt, vergebt,« bat des Königs Schwiegersohn, ich weiß wohl, daß ich mich schwer gegen euch vergangen habe, und bereue meine Schuld von ganzem Herren.« Die Jungfrau erwiederte: »Deine Bitten und deine Reue kommen zu spät, und Nichts kann dir mehr helfen. Ich darf dich nicht schonen, das brächte mir Schande und machte mich zum Gespött der Leute. Zwiefach hast du dich an mir versündigt, erst hast du meine Liebe verschmäht, und dann meinen Ring entwendet, dafür mußt du Strafe leiden.« Mit diesen Worten steckte sie den Ring an den Daumen ihrer linken Hand, nahm den Mann wie eine Hedekunkel auf den Arm und ging mit ihm von dannen. Diesmal führte ihr Weg nicht in jene prächtige Behausung, sondern in eine Felsenhöhle, wo Ketten von der Wand herunter hingen. Die Jungfrau ergriff die Enden der Ketten, und fesselte damit dem Manne Hände und Füße, so daß Entkommen unmöglich war; dann sagte sie mit Zorn: »Hier sollst du bis an dein Ende gefangen bleiben. Ich werde dir täglich so viel Nahrung bringen lassen, daß du nicht Hungers sterben kannst, aber auf Befreiung darfst du nimmer hoffen.« Damit verließ sie ihn.
Der König und seine Tochter verlebten eine schwere Zeit des Kummers, als Woche auf Woche verging, und der Schwiegersohn weder zurück kam, noch auch Nachricht von sich gab. Oftmals träumte der Königstochter, daß ihr Gemahl schwere Pein leiden müsse, sie bat deßhalb ihren Vater, von allen Seiten her Zauberer zusammenrufen zu lassen, damit sie vielleicht Auskunft darüber gäben, wo der Verschwundene lebe, und wie er zu befreien sei. Aber sämmtliche Zauberer konnten nichts weiter berichten, als daß er noch lebe und schwere Pein leide, keiner wußte den Ort zu nennen, wo er sich befinde, noch anzugeben, wie man ihn auffinden könne. Endlich wurde ein berühmter Zauberer aus Finnland vor den König geführt, der den weiteren Bescheid ertheilen konnte, daß des Königs Schwiegersohn im Ostlande gefangen gehalten werde, und zwar nicht durch Menschen, sondern durch ein mächtigeres Wesen. Also schickte der König seine Boten in der genannten Richtung aus, um den verlorenen Schwiegersohn aufzusuchen. Glücklicherweise kamen sie zu dem alten Zauberer, der die Schrift auf Salomonis Siegelring gedeutet und daraus eine Weisheit geschöpft hatte, die allen Uebrigen verborgen blieb. Dieser Zauberer fand bald heraus, was er wissen wollte, und sagte: »Den Mann hält man durch Zaubermacht da und da gefangen, aber ohne meine Hülfe könnt ihr ihn nicht befreien, ich muß selbst mit euch gehen.«
Sie machten sich also auf und kamen, von Vögeln geführt, nach einigen Tagen in die Felsenhöhle, wo des Königs Schwiegersohn jetzt schon beinah sieben Jahre die schwere Kerkerhaft erduldet hatte. Er erkannte den Zauberer augenblicklich, dieser aber erkannte ihn nicht, weil er sehr abgemagert war. Der Zauberer löste durch seine Kunst die Ketten, nahm den Befreiten zu sich, und pflegte und heilte ihn, bis er wieder kräftig genug war, um die Reise anzutreten. Er langte an demselben Tage an, wo der alte König gestorben war, und wurde nun zum Könige erhoben. Jetzt kamen nach langen Leidenstagen die Freudentage, welche bis an sein Ende währten; den Wunderring aber erhielt er nicht wieder, -- auch hat ihn nachmals keines Menschen Auge mehr gesehen.
[Fußnote 81: Vgl. Anm. zu Märchen 1, die Goldspinnerinnen, S. 11. L.]
[Fußnote 82: Vgl. Anm. zu S. 110. im Märchen 8. L.]
19. Das Glücksei.
Einmal lebte in einem großen Walde ein armer Mann mit seinem Weibe; Gott hatte ihnen acht Kinder gegeben, von denen die ältesten schon ihr Brod bei fremden Leuten verdienten, und so machte es den Eltern gerade nicht viel Freude, als ihnen im späten Alter noch ein neuntes Söhnlein geboren wurde. Aber Gott hatte es ihnen einmal geschenkt, und so mußten sie es nehmen, und ihm nach Christenbrauch die Taufe geben lassen. Nun wollte aber Niemand zu dem Kinde Gevatter stehen, weil Jeder besorgte: wenn die Eltern sterben, so fällt mir das Kind zur Last. Da dachte der Vater: ich nehme das Kind, und trage es am Sonntag in die Kirche, und sage, daß ich nirgends Gevattern habe finden können, mag dann der Prediger thun, was er will, mag er das Kind taufen oder nicht, auf meine Seele kann keine Sünde fallen. Als er sich am Sonntag aufmachte, fand er nicht weit von seinem Hause einen Bettler am Wege sitzen, der ihn um ein Almosen bat. Der Mann sagte: »Ich habe dir nichts zu geben, Brüderchen, die wenigen Kopeken, die ich in der Tasche habe, muß ich für die Kindtaufe ausgeben; willst du mir aber einen Gefallen thun, so komm und steh bei meinem Kinde Gevatter, nachher gehen wir nach Hause und nehmen vorlieb mit dem, was uns die Hausfrau zum Taufschmaus beschert hat.« Der Bettler, den bis dahin noch niemand zu Gevatter gebeten hatte, erfüllte mit Freuden die Bitte des Mannes, und ging mit ihm zur Kirche. Als sie eben dort angekommen waren, fuhr eine prächtige Kutsche mit vier Pferden vor, und eine junge vornehme Dame stieg aus. Der arme Mann dachte, hier will ich zum letzten Male mein Glück versuchen, trat mit demüthigem Gruße vor die Frau oder das Fräulein, was sie nun sein mochte, und sagte: »Geehrtes Fräulein, oder was ihr sonst sein mögt! würdet ihr euch nicht der Mühe unterziehen, bei meinem Kinde Gevatter zu stehen?« Das Fräulein sagte zu.
Als nun nach der Predigt das Kind zur Taufe gebracht wurde, verwunderten sich Prediger und Gemeinde sehr darüber, daß ein armseliger Bettelmann und eine stolze vornehme Dame zusammen bei dem Kinde Gevatter standen. Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Pärtel. Die reiche Pathe bezahlte das Taufgeld und machte noch ein Pathengeschenk von drei Rubeln, worüber der Vater des Kindes höchlich erfreut war. Der Bettler ging dann mit zum Taufschmause. Ehe er am Abend fortging, nahm er ein in einen kleinen Lappen gewickeltes Schächtelchen aus der Tasche, gab es der Mutter des Kindes, und sagte: »Mein Pathengeschenk ist zwar unbedeutend, aber verschmähet es dennoch nicht, vielleicht erwächst eurem Söhnlein einmal Glück daraus. Ich hatte eine sehr kluge Tante, die sich auf vielerlei Zauberkünste verstand, die gab mir vor ihrem Tode das Vogelei in diesem Schächtelchen, indem sie sagte: »Wenn dir einmal etwas ganz Unerwartetes begegnet, was du niemals ahnden konntest, dann entäußere dich dieses Eies; wenn es demjenigen zu Theil wird, für den es bestimmt ist, so kann es ihm großes Glück bringen. Aber hüte das Ei wie deinen Augapfel, damit es nicht zerbricht, denn die Glücksschale ist zart.« Nun ist mir bis auf den heutigen Tag, obwohl ich nahe an sechzig Jahre alt bin, noch nichts so Unerwartetes begegnet, als daß ich heute morgen zu Gevatter gebeten wurde, und es war gleich mein erster Gedanke: Du mußt dem Kinde das Ei zum Pathengeschenk geben.«
Der kleine Pärtel gedieh vortrefflich, und wuchs seinen Eltern zur Freude auf, bis er im Alter von zehn Jahren in ein anderes Dorf zu einem wohlhabenden Wirthe als Hüterknabe kam. Alle im Hause waren mit dem Hüterknaben sehr zufrieden, da er ein frommer stiller Bursche war, der seiner Brotherrschaft niemals Verdruß machte. Die Mutter hatte ihm beim Abschied das Pathengeschenk in die Tasche gesteckt, und ihm empfohlen, es sorgsamlich zu hüten, wie seinen Augapfel, was Pärtel auch befolgte. Auf dem Weideplatz stand ein alter Lindenbaum, und unter diesem lag ein großer Kieselstein; diesen Ort hatte der Knabe sehr lieb, so daß den Sommer über kein Tag verging, an dem er nicht unter der Linde auf dem Steine gesessen hätte. Auf diesem Steine verzehrte er auch gewöhnlich das Brot, welches ihm alle Morgen mitgegeben wurde, und seinen Durst stillte eine kleine Quelle in der Nähe des Steines. Mit den anderen Hirtenknaben, die viel Muthwillen trieben, hielt Pärtel keine Freundschaft. Wunderbar war es, daß ringsum nirgends so schönes Gras anzutreffen war, als zwischen dem Stein und der Quelle; obwohl die Herde jeden Tag hier weidete, so hatte doch am andern Morgen der Rasen mehr das Ansehen einer geschonten Wiese als das einer Weide.
Wenn Pärtel zuweilen an einem heißen Tage auf dem Steine ein wenig einschlummerte, so erfreuten ihn jedesmal wunderbare Träume, und noch beim Erwachen klangen ihm Spiel und Gesang in den Ohren, so daß er mit offenen Augen weiter träumte. Der Stein war ihm wie ein theurer Freund, von dem er täglich mit schwerem Herzen schied, und zu dem er den andern Morgen voll Sehnsucht zurückeilte. So war Pärtel funfzehn Jahre alt geworden, und sollte nun nicht länger mehr Hüterknabe bleiben. Der Wirth nahm ihn zum Knecht, ohne ihm jedoch schwerere Arbeit aufzulegen, als er zu leisten vermochte. Am Sonntage oder an Sommerabenden, wenn die anderen Bursche mit den Dirnen schäkerten, gesellte sich Pärtel nicht zu ihnen, sondern ging still sinnend auf den Weideplatz an seinen lieben Lindenbaum, unter welchem er nicht selten die halbe Nacht zubrachte. So saß er einmal wieder an einem Sonntag Abend auf dem Steine und schlug die Maultrommel, da kroch eine milchweiße Schlange unter dem Steine hervor, hob den Kopf, als wollte sie zuhören, und blickte den Pärtel mit ihren klaren Augen an, die wie feurige Funken glänzten. Dies wiederholte sich in der Folge, weßhalb Pärtel, sobald er nur freie Zeit hatte, immer nach seinem Steine eilte, um die schöne weiße Schlange zu sehen, die sich zuletzt so an ihn gewöhnt hatte, daß sie sich oftmals um seine Beine wand.
Pärtel war nun in das Jünglingsalter getreten, seine beide Eltern waren gestorben, und seine Brüder und Schwestern lebten alle weit entfernt, so daß sie nicht viel von einander hörten, geschweige denn einander sahen. Aber lieber als Brüder und Schwestern war ihm die weiße Schlange geworden; bei Tage waren seine Gedanken auf sie gerichtet, und fast jede Nacht träumte er von ihr. Deßhalb wurde ihm die Winterzeit sehr lange, wo tiefer Schnee lag und der Boden gefroren war. Als im Frühling die Sonnenstrahlen den Schnee geschmolzen und den Boden aufgethaut hatten, war Pärtels erster Gang wieder zum Steine unter der Linde, obwohl noch kein Blättchen am Baume zu sehen war. O die Freude! Sobald er seine Sehnsucht in den Tönen der Maultrommel ausgehaucht hatte, kroch die weiße Schlange unter dem Stein hervor und spielte zu seinen Füßen, aber dem Pärtel schien es heute, als wenn die Schlange Thränen vergossen hätte, und das that seinem Herzen weh. Er ließ nun keinen Abend mehr hingehen, ohne zum Steine zu kommen, und die Schlange wurde immer dreister, so daß sie sich schon streicheln ließ, aber wenn Pärtel sie festhalten wollte, schlüpfte sie ihm durch die Finger und kroch wieder unter den Stein.
Am Abend des Johannistages, da alle Dorfbewohner, alt und jung, mit einander zum Johannisfeuer gingen, durfte doch auch Pärtel nicht zurückbleiben, obwohl sein Herz ihn auf einen andern Weg lockte. Aber mitten in der Lustbarkeit, als die andern sangen, tanzten und andere Kurzweil trieben, schlich er sich von ihnen fort zum Lindenbaum, denn das war der einzige Ort, wo sein Herz Ruhe fand. Als er näher kam, glänzte ihm vom Steine her ein helles kleines Feuer entgegen, was ihn sehr in Verwunderung setzte, da, so viel er wußte, Menschen sich um diese Zeit dort nicht aufhielten. Als er ankam, war das Feuer erloschen, und hatte weder Asche noch Funken zurückgelassen. Er setzte sich auf den Stein und fing an, wie gewöhnlich, die Maultrommel zu rühren. Mit einem Male tauchte das Feuer wieder auf, und es war nichts anderes als das funkelnde Augenpaar der weißen Schlange. Diese spielte wieder zu seinen Füßen, ließ sich streicheln, und sah ihn so durchdringend an, als wollte sie sprechen. Mitternacht konnte nicht weit sein, als die Schlange unter den Stein in ihr Nest schlüpfte, und auch auf Bartels Spiel nicht wieder zum Vorschein kam. Als er sein Instrument vom Munde nahm, in die Tasche steckte, und sich anschickte, nach Hause zu gehen, da säuselte das Laub der Linde im Hauch des Windes so wunderbar, daß es wie eine Menschenstimme an sein Ohr schlug, und er mehrmals die Worte zu hören glaubte:
»Zarte Schale hat das Glücksei, Zähen Kernes ist die Trübsal;[83] Zaudre nicht das Glück zu haschen.«