Chapter 14
Der Königssohn richtete Alles nach Vorschrift aus, und legte sich schlafen. Als er am folgenden Morgen aufwachte und in der Brauküche nachsah, fand er die Bierkufen in voller Gährung, so daß der Schaum über den Rand floß. Er kostete das Bier, füllte dann eine große Kanne mit dem schäumenden Trank an, und brachte sie dem Wirthe, der sich eben auf seinem Lager aufrichtete. Aber statt des erwarteten Dankes sagte der Wirth ungehalten: »Das kommt nicht aus deinem Kopfe! Ich merke, du hast gute Freunde und Rathgeber gefunden. Schon gut, heut' Abend wollen wir weiter sprechen.«
Am Abend sagte der Alte: »Morgen habe ich dir keine Arbeit aufzutragen, du mußt nur, wenn ich erwache, vor mein Bett treten, und mir zum Gruße die Hand reichen.« Der Königssohn spottete innerlich über des Alten wunderliche Grille, und lachend setzte er das Mädchen davon in Kenntniß. Dieses aber wurde sehr ernst und sagte: »Wahre deine Haut! Der Alte will dich morgen früh auffressen. Nur Eins kann dich retten. Du mußt eine eiserne Schaufel im Ofen rothglühend machen, und ihm statt deiner Hand das glühende Eisen zum Morgengruß darbieten.«[74] Damit eilte sie davon, und der Königssohn ging zu Bette. Am Morgen hatte er die Schaufel schon rothglühend gemacht, ehe noch der alte Bursche aufwachte. Endlich hörte er ihn rufen: »Fauler Knecht, wo bleibst du? komm' und grüße!« Als darauf der Königssohn mit der glühenden Schaufel eintrat, rief der Alte ihm mit kläglicher Stimme zu: »Ich bin heute sehr krank und kann deine Hand nicht fassen. Aber komm' heute Abend wieder, damit ich dir meine Befehle geben kann.«
Der Königssohn schlenderte nun den ganzen Tag umher, und ging dann am Abend zum Wirth, um sich von ihm die Arbeit für den folgenden Tag auftragen zu lassen. Der Wirth war sehr freundlich und sagte schmunzelnd: Ich bin mit dir sehr zufrieden! komm Morgen früh mit dem Mädchen zu mir, ich weiß, daß ihr euch schon längst lieb habt, und will euch als Mann und Frau zusammengeben!«
Der Königssohn hätte vor Freude jauchzen und in die Höhe springen mögen, aber glücklicher Weise fiel ihm noch zu rechter Zeit die strenge Hausordnung ein, deßhalb blieb er ruhig. Als er vor Schlafengehen der Geliebten von seinem Glücke erzählte und von ihr eine gleiche Freude erwartete, sah er zu seinem großen Erstaunen, daß das Mädchen vor Schrecken bleich wurde wie eine getünchte Wand, und ihr die Zunge wie gelähmt war. Als sie sich wieder erholt hatte, sagte sie. »Der alte Bursche ist dahinter gekommen, daß ich deine Rathgeberin gewesen bin, und will uns Beide verderben. Wir müssen noch diese Nacht die Flucht ergreifen, sonst sind wir verloren. Nimm ein Beil, geh' in den Stall und schlage dem weißköpfigen Kalbe mit einem kräftigen Hiebe den Kopf ab, mit einem zweiten Hiebe spalte den Schädel entzwei. Im Hirn des Kalbes findest du ein glänzend rothes Knäulchen, das bringe mir, Alles was sonst nöthig ist, werde ich selbst besorgen. Der Königssohn dachte: »lieber tödte ich ein unschuldiges Kalb, als daß ich mich selbst und das liebe Mädchen umbringen lasse; gelingt uns die Flucht, so sehe ich meine Heimath wieder. Die Erbsen, welche ich ausstreute, müssen jetzt aufgegangen sein, so daß wir den Weg nicht verfehlen werden.«
Darauf ging er in den Stall. Die Kuh lag neben dem Kalbe hingestreckt, und beide schliefen so fest, daß sie ihn nicht kommen hörten. Als er aber dem Kalbe den Kopf abhieb, stöhnte die Kuh so schauerlich, als hätte sie einen schweren Traum. Rasch führte er den zweiten Hieb, der den Schädel spaltete. Siehe! da wurde der Stall plötzlich hell, wie am Tage. Das rothe Knäulchen fiel aus dem Gehirn heraus und leuchtete wie eine kleine Sonne. Der Königssohn wickelte das Knäulchen behutsam in ein Tuch und steckte es in seinen Busen. Es war ein Glück, daß die Kuh nicht aufwachte, sonst hätte sie angefangen zu brüllen, und dadurch hätte auch der Wirth geweckt werden können.
An der Pforte fand der Königssohn das Mädchen schon reisefertig, ein Bündelchen am Arme. »Wo ist dein Knäulchen?« fragte sie. »Hier!« antwortete der Jüngling, und gab es ihr. »Wir müssen schnell fliehen!« sagte sie, und wickelte einen kleinen Theil des Knäulchens aus dem Tuche heraus, damit der leuchtende Schein gleich einer Laterne das nächtliche Dunkel ihres Pfades erhelle. Die Erbsen waren, wie der Königssohn vermuthet hatte, alle aufgegangen, so daß sie sicher waren, den Weg nicht zu verfehlen. Unterwegs erzählte ihm die Jungfrau, daß sie einmal ein Gespräch zwischen dem Alten und seiner Großmutter belauscht und daraus erfahren habe, daß sie eine Königstochter sei, welche der alte Bursche ihren Eltern mit List abgenommen habe. Der Königssohn wußte freilich die Sache besser, schwieg aber und war nur von Herzen froh, daß es ihm gelungen war, das arme Mädchen zu befreien. So mochten die Wanderer eine gute Strecke zurückgelegt haben, als es begann zu tagen.
Der alte Bursche erwachte erst spät am Morgen und rieb sich lange die Augen, bis der Schlaf abfiel, dann weidete er sich im Voraus an dem Gedanken, daß er die Beiden bald verzehren würde. Nachdem er ziemlich lange auf sie gewartet hatte, sagte er für sich: »Sie sind wohl noch nicht mit ihrem Hochzeitsstaat fertig!« Als ihm aber das Warten doch zu lange dauerte, rief er: »Knecht und Magd, he! wo bleibt ihr?« Fluchend und schreiend wiederholte er den Ruf noch einige Mal, aber weder Knecht noch Magd ließen sich sehen. Endlich kletterte er zornig aus dem Bette und ging die Säumigen zu suchen. Aber er fand das Haus menschenleer, und bemerkte auch, daß diese Nacht die Lagerstätten unberührt geblieben waren. Jetzt stürzte er in den Stall ... als er hier das Kalb getödtet und das Zauberknäulchen entwendet fand, begriff er Alles. Er fluchte, daß Alles schwarz wurde, öffnete rasch den dritten Geisterstall und schickte seine Gehülfen aus, die Entflohenen zu suchen. »Bringt sie mir, wie ihr sie findet, ich muß ihrer habhaft werden!« So sprach der alte Bursche und seine Geister stoben wie der Wind davon.
Die Flüchtlinge befanden sich gerade auf einer großen Fläche, als das Mädchen den Schritt anhielt und sagte: »Es ist nicht Alles, wie es sein sollte. Das Knäulchen bewegt sich in meiner Hand, gewiß werden wir verfolgt!« Als sie hinter sich sahen, erblickten sie eine schwarze Wolke, welche mit großer Geschwindigkeit näher kam. Das Mädchen drehte das Knäulchen dreimal in der Hand um und sprach:
»Höre Knäulchen, höre Knäulchen! Würde gern alsbald zum Bächlein, Mein Gefährte auch zum Fischlein!«
Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen floß als Bächlein dahin, und der Königssohn schwamm als Fischlein im Wasser. Die Geister sausten vorüber, kehrten nach einer Weile um, und flogen wieder heim, aber Bächlein und Fischlein ließen sie unangetastet. Sobald die Verfolger fort waren, verwandelte sich das Bächlein wieder in ein Mädchen und machte das Fischlein zum Jüngling, und dann setzten sie in menschlicher Gestalt ihre Reise fort.
Als die Geister müde und mit leeren Händen zurückkehrten, fragte sie der alte Bursche, ob ihnen denn beim Suchen nichts Besonderes aufgefallen wäre? »Gar nichts!« war die Antwort: »nur ein Bächlein floß in der Ebene, und ein einziges Fischlein schwamm darin.« Wüthend brüllte der Alte: »Schafsköpfe. Das waren sie ja, das waren sie ja!« Schnell riß er die Thüren des fünften Stalles auf, ließ die Geister heraus und befahl ihnen, des Bächleins Wasser auszutrinken und das Fischlein zu fangen. Die Geister stoben wie der Wind von dannen.
Unsere Wanderer näherten sich eben dem Saum eines Waldes, da blieb das Mädchen stehen und sagte: »Es ist nicht Alles, wie es sein soll. Das Knäulchen bewegt sich wieder in meiner Hand.« Als sie sich umsahen, erblicken sie abermals eine Wolke am Himmel, dunkler als die erste und mit rothen Rändern. »Das sind unsere Verfolger!« rief die Jungfrau und drehte das Knäulchen dreimal in der Hand um, indem sie sprach:
»Höre Knäulchen, höre Knäulchen! Wandele uns alle Beide: Mich zum wilden Rosenstrauche, Ihn zur Blüthe an dem Strauche.«
Augenblicklich waren sie verwandelt. Aus dem Mädchen ward ein wilder Rosenstrauch, und der Jüngling hing als Rose am Stock. Sausend zogen die Geister über ihnen hin und kehrten erst nach einer guten Weile wieder um; da sie weder Bächlein noch Fischlein gefunden hatten, kümmerten sie sich nicht um den Rosenstrauch. Sobald die Verfolger vorüber waren, verwandelten sich Strauch und Blume wieder in Mädchen und Jüngling, welche nach der kurzen Ruhe rasch weiter eilten.
»Habt ihr sie gefunden?« fragte der Alte, als er seine Gesellen keuchend wiederkehren sah. »Nein,« antwortete der Anführer der Geister. »Wir fanden weder Bächlein noch Fischlein in der Ebene.« »Habt ihr denn sonst nichts Besonderes unterwegs gesehen?« fuhr der Alte auf. Der Anführer antwortete: »Dicht am Saume des Waldes stand ein wilder Rosenstrauch an dem eine Rose hing.« Schafsköpfe!« schrie der Alte, »das waren sie ja, das waren sie ja!« Er schloß darauf den siebenten Stall auf und schickte seine mächtigsten Geister aus, sie zu suchen. »Bringt sie mir, wie ihr sie findet, todt oder lebendig! ich muß ihrer habhaft werden. Reißt den verfluchten Rosenstrauch mit den Wurzeln heraus, und nehmt Alles mit, was euch Befremdliches aufstößt.« Wie der Sturmwind flogen die Geister davon.
Die Flüchtlinge ruhten eben im Schatten eines Waldes aus, und stärkten die ermüdeten Glieder durch Speise und Trank. Plötzlich rief das Mädchen. »Alles ist nicht, wie es sein soll; das Knäulchen will mit Gewalt aus meinem Busen. Gewiß verfolgt man uns wieder, und die Gefahr ist nahe, aber der Wald verbirgt uns unsere Feinde noch.« Dann nahm sie das Knäulchen aus dem Busen, drehte es dreimal in der Hand herum und sprach:
»Höre Knäulchen, höre Knäulchen! Mache mich alsbald zum Lüftchen, Den Gefährten mein zum Mücklein!«
Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen löste sich in Luft aus, der Königssohn aber schwebte darin als Mücklein. Die mächtige Geisterschaar brauste wie ein Sturm über sie hin, und kehrte nach einiger Zeit wieder um, weil sie weder einen Rosenstrauch noch sonst etwas Befremdliches gefunden hatten. Aber kaum waren die Geister vorüber, so verwandelte der Lufthauch sich wieder in das Mädchen, und machte aus der Mücke den Jüngling. »Jetzt müssen wir eilen,« rief das Holdchen, »bevor der Alte selber kommt zu suchen -- der wird uns in jeder Verwandlung erkennen.«
Sie liefen nun eine gute Strecke vorwärts, bis sie den dunklen Gang erreichten, in welchem sie bei dem hellen Schein des Knäulchens ungehindert emporstiegen. Erschöpft und athemlos kamen sie endlich an den großen Stein. Hier wurde das Knäulchen wiederum dreimal gedreht, wobei die kluge Jungfrau sprach:
»Höre Knäulchen, höre Knäulchen! Laß den Stein empor sich heben, Eine Pforte sich bereiten!«
Augenblicklich hob sich der Stein weg, und sie waren glücklich wieder auf der Erde. »Gott sei Dank!« rief das Mädchen aus: »wir sind gerettet. Hier hat der alte Bursche keine Macht mehr über uns, und vor seiner List wollen wir uns hüten. Aber jetzt, Freund, müssen wir uns trennen. Du gehst zu deinen Eltern, und ich will die meinigen aufsuchen.« -- »Mit nichten,« erwiederte der Königssohn: »ich kann mich nicht mehr von dir trennen, du mußt mit mir kommen und mein Weib werden. Du hast Leidenstage mit mir ertragen, darum ist es billig, daß du nun auch Freudentage mit mir theilst.« Zwar sträubte sich das Mädchen Anfangs, aber endlich ging sie doch mit dem Jüngling.
Im Walde trafen sie einen Holzhacker, von dem sie erfuhren, daß im Schlosse, wie im ganzen Lande, große Trauer herrsche über das unbegreifliche Verschwinden des Königssohnes, von dem seit Jahren jede Spur verloren sei. Mit Hülfe des Zauberknäulchens schaffte das Mädchen dem heimkehrenden Sohne seine früheren Kleider wieder, damit er vor seinem Vater erscheinen könne. Sie selbst aber blieb einstweilen in einer Bauernhütte zurück, bis der Königssohn Alles mit seinem Vater besprochen hätte.
Aber der alte König war noch vor dem Eintreffen seines Sohnes dahin geschieden: der Kummer über den Verlust des einzigen Sohnes hatte sein Ende beschleunigt. Noch auf seinem Todbette hatte er sein leichtsinniges Versprechen und seinen Betrug bereut, daß er dem alten Burschen ein armes unschuldiges Mädchen überlieferte, wofür Gott ihn durch den Verlust des Sohnes gezüchtigt habe. Der Königssohn beweinte, wie es einem guten Sohne geziemt, den Tod seines Vaters und ließ ihn mit großen Ehren bestatten. Dann trauerte er drei Tage, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen. Am vierten Morgen aber zeigte er sich dem Volke als neuer Herrscher, versammelte seine Räthe und theilte ihnen mit, was für wunderbare Dinge er in des alten Burschen Behausung gesehen und ertragen habe, vergaß auch nicht zu erzählen, wie die kluge Jungfrau seine Lebensretterin geworden.
Da riefen die Räthe wie aus einem Munde: »Sie muß eure Gemahlin und unsere Herrscherin werden.«
Als der junge König sich nun aufmachte, um seine Braut einzuholen, erstaunte er sehr, als ihm die Jungfrau in königlicher Pracht entgegenkam. Mit Hülfe des Zauberknäulchens hatte sie sich alles Nöthige verschafft, weßhalb auch das ganze Land glaubte, daß sie die Tochter eines unermeßlich reichen Königs und aus fernen Landen gekommen sei. Darauf wurde die Hochzeit ausgerichtet, welche vier Wochen dauerte, und sie lebten darnach glücklich und zufrieden noch manches liebe Jahr.
[Fußnote 69: Ist wohl identisch mit dem mythischen Kungla-Lande. S. d. Anm. 2, S. 102, zum Märchen 8, vom Schlaukopf. L.]
[Fußnote 70: Külimit ist ein Getreidemaß von verschiedener Größe. Das Revalsche Loof von drei Külimit ist etwas weniger als ein viertel Scheffel Preußisch. L.]
[Fußnote 71: Die Grundzüge dieser phantasievollen Schilderung finden sich im Kalewipoëg =X=, 378 ff. vgl. mit =XIII=, 491 ff. Auch dort scheinen auf der Straße zur Wohnung des höllischen Geistes weder Sonne, noch Mond und Sterne -- nur von den Fackeln zu beiden Seiten des Höllenthors geht ein trüber Schimmer aus, der die Ankommenden leitet. L.]
[Fußnote 72: Reminiscenz aus dem Kalewipoëg =XIII=, 401 ff., wo dem Kalewsohn über den in der Eingangshöhle zur Hölle kochenden Kessel Auskunft ertheilt wird. Erst kostet der Gehörnte, dann die alte Mutter, dann kommen Hund und Katze dran, in den Rest theilen sich Köche und Knechte. L.]
[Fußnote 73: Die eine der in der Unterwelt gefangen gehaltenen drei Schwestern erzählt dem Kalewsohn, daß des Gehörnten Base die Höllenhündin, seine Großmutter die weiße Mähre sei. Kalewipoëg =XIV=, 428. -- Auf einem weißen Rosse sitzt der Kalewsohn als Höllenwächter, =ibid.= =XX=, 1005. Vgl. eine von _Rußwurm_ über Kalews Tod mitgetheilte Sage. _Rußwurm_, Sagen aus Hapsal u. s. w. Reval 1861. S. 9-10. L.]
[Fußnote 74: Vgl. das Glühendmachen der künstlichen Hand und das Darreichen derselben an die Hexe im Pfortenriegel, in dem Märchen von Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge, S. 54. L.]
15. Rõugatajas Tochter.
Es lebte einmal vor Zeiten in einer breiten Waldlichtung der alte Rõugataja[75] mit seinem Weibe. Sie hatten auch eine Tochter, die nicht in natürlicher Beschaffenheit zur Welt gekommen war, dennoch bemühte sich die Mutter, sie nach Art der Menschenkinder aufzuziehen, um späterhin einen Schwiegersohn zu bekommen. Es ging die Rede, daß das Mägdlein, so viel davon sichtbar wurde, wohl menschliche Haut hatte, daß aber unter dem Gewande Tannenrinde statt der Haut den Körper deckte. Nichtsdestoweniger hoffte die Mutter, sie mit der Zeit an den Mann zu bringen, und schickte deßhalb das Mädchen überall hin unter die Leute, wo nur in den Dörfern eine Gasterei oder Festlichkeit vorkam. Der Tochter schöne Kleider, vielfach gewundene Perlenschnüre, Halsgeschmeide von vergoldeten Münzen, große Brustspange und Seidenbänder stachen den jungen Burschen wohl in die Augen, aber Freier zogen sie doch nicht in's Haus. Die Burschen lachten und spotteten: oben hübsch und glatt, unterhalb rauh wie Krötenhaut.
Damit nun das Töchterchen nicht zuletzt daheim als alte Jungfer verschimmele, suchte die Mutter bei einer Hexenmutter Hülfe und ließ von ihr einen geheimnißvollen Trank bereiten, der, sobald ein Junggeselle unversehens davon kostete, ihn unfehlbar trieb, dem Mädchen nachzugehen, er mochte nun wollen oder nicht. Die Mutter gab der alten Hexe ein Bündelchen mit Achselhaaren nebst andern Heimlichkeiten von ihrer Tochter, womit die Hexe das Reizmittel für die Burschen bereiten sollte. Als der Wundertrank gekocht war, sagte die Hexe: »Von diesem Naß sieben Tropfen, in Speise oder Trank geträufelt, bethören jeden Burschen, der davon kostet.«
Darnach wurde auf dem Hofe des Rõugataja ein großer Gastschmaus angerichtet, zu welchem von allen Seiten Mengen zusammengebeten wurden, besonders zahlreich aber Junggesellen, damit die Jungfer aus der Schaar derselben einen wählen könnte, der vor allen andern nach ihrem Geschmack wäre. Als das Gelage nun schon zwei Tage im Gange war, zeigte die Tochter ihrer Mutter einen jungen Mann, den sie sich gar sehr zum Ehgemahl ersehnte. Die schlaue Mutter that heimlich sieben Tropfen vom Zaubertrank in einen Kuchen und gab ihn dem Burschen zu essen, worauf der arme Schelm nirgends mehr seines Bleibens fand, sondern, wie das Kätzchen nach dem Strohhalm, der Tochter Rõugataja's nachlaufen mußte, da er sonst weder Tag noch Nacht Ruhe hatte. Bald darauf erschien er als Freier, und sein Branntwein wurde freundlich angenommen. Einige Wochen später wurde ein prächtiges Hochzeitsmahl angerichtet, so daß noch Kinder und Kindeskinder der Pracht und Herrlichkeit gedachten. Aber was half das Alles? Als das junge Paar Abends in die Kammer geführt wurde, um zu Bette zu gehen, fand der Bräutigam unter der Decke so viel Unheimliches, daß ihm das Blut im Herzen gerann; noch in derselben Nacht nahm er die Flucht und ließ die junge Frau als Wittwe zurück. Mutter und Tochter warteten wohl noch eine Zeitlang, daß der Liebestrank der Hexenmutter den jungen Mann wieder herlocken würde; aber wer nicht kam, war der entwichene Bräutigam. Als noch eine Woche verstrichen war, und der Mann gleichwohl ausblieb, regten sich allerdings Zweifel in ihnen. Endlich kam die Nachricht, daß der entwichene Mann eine andere Frau gefreit hatte, und damit nahm denn ihr Harren und Hoffen ein Ende.
Ein Jahr später hörte die alte Frau des Rõugataja, daß ihres vormaligen Schwiegersohnes Frau einen Knaben geboren hatte. Da reizte ein böser Anschlag ihr Herz, daß sie nirgends mehr Ruhe fand, bis mit Hülfe der Hexe des Kindes Mutter in einen Wärwolf verwandelt war. Sodann schaffte sie heimlich ihre Tochter an Stelle der Wöchnerin in's Bett. Da aber die Tochter keine Brust hatte, wie Frauen sie sonst haben, so konnte sie auch das Kind nicht säugen. Wohl goß sie Kuhmilch in die künstlich aus Bork geformte Brust, allein das Kind nahm sie nicht in den Mund, sondern schrie Tag und Nacht vor Hunger, daß der Zeter kein Ende nahm. Es wurden zwar Kindesbaderinnen und Thränenstillerinnen von nah und fern zusammengeholt, allein was konnte es helfen? Das Kind ließ nicht ab zu schreien. Eines Tages rief der Vater in zornigem Muthe: »Tragt den Schreihals aus der Stube, sonst sprengt er mir die Ohren: ich kann sein Geschrei nicht länger aushalten.« Die Wärterin ging mit dem Kinde hinaus, da kam auf dessen Geschrei aus einem Erlenbusch eine Wölfin hervor, entriß der Wärterin das Kind mit Gewalt, that aber weder ihr noch dem Kinde ein Leides, sondern legte fein säuberlich das Kleine sich an die Brust und säugte es. Als das Kind darauf süß eingeschlummert war, brachte die Wärterin es nach Haus und legte es in die Wiege, wo es bis zum andern Tage ganz ruhig lag. Die Wärterin ließ nichts verlauten von dem Vorfall mit der Wölfin, ging aber den folgenden Tag wieder auf's Feld, wo sich Alles ganz so begab, wie Tags zuvor. Dabei war die Wärterin guter Laune, denn sie hatte es jetzt leicht, und auch der Vater des Kindes war seines Lebens wieder froher geworden, weil kein Geschrei mehr im Hause war, wiewohl die Wöchnerin noch immer schwer krank zu Bette lag und vorgab, weder Hand noch Fuß rühren zu können. Als nun am dritten Tage die Wärterin wieder ging, dem Kinde seine Amme zu suchen, sagte die Wölfin. »Ich darf nicht jeden Tag so öffentlich in's Freie kommen, das Kind zu säugen. Wenn du es aber alle Morgen an den Erlenbusch am Ukkofelsen bringst, so will ich es säugen; doch mußt du, so lang' ich es säuge, am Rande des Busches Wache halten, damit nicht Jemand plötzlich dazu komme und sehe, wie ich das Kind säuge. Und auch du selbst darfst nicht eher nach dem Kinde kommen, als bis ich dich rufe.« Die Wärterin that, wie geboten war, und die Sache ging über eine Woche lang vortrefflich; das Kind gedieh zusehends, schlief ruhig ohne Geschrei, und erwachte aus dem Schlafe mit freundlich lächelndem Antlitz.
Eines Tages dünkte der Wärterin das Säugen der Wölfin allzulange zu dauern, und das Verbot übertretend ging sie heimlich zu spähen, was wohl die Amme mit dem Kinde machen möchte. Ein wunderbares Ding war es denn freilich, was sie da erblickte. Am Ukkofels saß eine junge nackte Frau, das Kind auf ihrem Schooße, welches sie zärtlich liebkoste und auf den Armen schaukelte. Endlich nahm sie eine Wolfshaut vom Felsen, schlüpfte hinein und rief dann die Wärterin, daß sie käme, das Kind zu nehmen. Als die Wärterin drei Tage nach der Reihe diese wunderbare Säugung des Kindes beobachtet hatte, konnte sie zu Hause nicht mehr reinen Mund halten, sondern that dem Vater Alles kund, was bisher täglich mit dem Kinde geschehen war, sowohl das Säugen durch die Wölfin, als auch die Gestalt der Frau, die aus der Wolfshaut herausgeschlüpft war. Der Mann schloß sofort, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen könne; er verbot der Wärterin das Geheimniß irgend Jemand weiter zu sagen, und eilte selbst zu einem berühmten weisen Manne, um Rath und Hülfe zu suchen.