Chapter 12
Während nun der Zauberer seinen Glasberg zusammenschmilzt, wollen wir in eine Bauernhütte treten, die nicht weit von der Königsstadt liegt, und wo ein alter Vater mit seinen drei Söhnen wohnt. Die beiden älteren Brüder waren gescheute, gewiegte Bursche, der jüngste aber etwas einfältig. Als der Vater erkrankte und sein Ende herannahen fühlte, ließ er seine Söhne vor sein Lager treten und sprach folgendermaßen: »Ich fühle, daß mein Heimgang herannaht, deßhalb will ich euch meinen letzten Willen kund thun. Ihr, meine lieben älteren Söhne, sollt gemeinschaftlich Haus und Acker bestellen, so lange ihr nicht beide heirathet. Die Herrschaft zweier Herdesköniginnen würde einen Riß in's Hauswesen bringen. Denn ein altes wahres Wort sagt: »Wo sieben unbeweibte Brüder friedlich bei einander leben, da wird es zweien Frauen zu eng; sie müssen sich zausen.« Tritt aber dieser Fall ein, so sollt ihr Haus und Felder unter einander theilen. Euer jüngster Bruder aber, der weder zum Wirth noch zum Knecht taugt, soll bei euch Obdach und Nahrung finden, so lange er lebt. Zu diesem Behufe vermache ich euch beiden meinen Geldkasten. Euer jüngster Bruder ist zwar etwas kurz von Verstande, aber er hat ein gutes Herz, und wird euch eben so willig gehorchen, wie er mir immer gehorcht hat.« Die älteren Brüder versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge des Vaters Willen zu erfüllen, der jüngste sprach kein Wort und weinte bitterlich. »Noch Eins will ich sagen,« fuhr der Vater fort -- »wenn ich todt bin und ihr mich begraben habt, so erweiset mir als letzten kleinen Liebesdienst, daß jeder von euch eine Nacht an meinem Grabe wacht.« Beide älteren Brüder versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge, des Vaters Willen zu erfüllen, der jüngste sagte kein Wort und weinte bitterlich. Bald nach dieser Unterredung hatte der Vater seine Augen auf immer geschlossen.
Die beiden älteren Brüder richteten ein großes Gastmahl an und luden viele Gäste ein, damit der todte Vater mit allen Ehren bestattet werde. Sie selbst waren guter Dinge und aßen und tranken wie auf einer Hochzeit, während ihr dritter Bruder still weinend am Sarge des Vaters stand; als der Sarg dann weggetragen und in's Grab gesenkt wurde, da war dem jüngsten Sohne zu Muthe, als wären nun alle Freuden abgestorben und mit dem Vater begraben.
Spät am Abend, als die letzten Gäste fortgegangen waren, fragte der jüngste Bruder, wer die erste Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die andern sagten: »Wir sind müde von der Besorgung des Begräbnisses, wir können heute Nacht nicht wachen, aber du hast nichts Besseres zu thun, also geh du und halte Wache.«
Der jüngste Bruder ging ohne ein Wort zu sagen zum Grabe des Vaters, wo Alles still war und nur die Grille zirpte. Um nicht einzuschlafen, ging er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte um Mitternacht sein, als es wie von einer klagenden Stimme aus dem Grabe tönte:[65]
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet Groben Kiessand auf die Augen, Schwarze Erde auf die Brauen.«
Der Sohn verstand die Frage und antwortete:
»Das ist ja dein jüngster Knabe, Dessen Schritt ist's, der da schüttet Groben Kiessand auf die Augen, Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte weiter, warum die älteren Brüder nicht zuerst zur Wacht gekommen seien, worauf der jüngste sie entschuldigte, sie hätten, ermüdet von der Beerdigung, heute nicht kommen können.
Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth, darum will ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Es wird bald eine Zeit kommen, wo du dir bessere Kleider wünschen wirst, um in die Gesellschaft vornehmer Leute kommen zu können. Dann tritt an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _erste_ nächtliche Wacht.« Dann wirst du einen Anzug und ein Pferd erhalten. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«
Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter heim, frühstückte etwas, um sich zu stärken, und legte sich dann nieder, um zu ruhen.
Als am Abend die Zeit herankam, fragte er bei den Brüdern an, wer von ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die Brüder antworteten spöttisch: »Nun es wird wohl Niemand kommen, um den Vater aus dem Grabe zu stehlen. Wenn du aber Lust hast, so kannst du ja auch diese Nacht dort wachen. Aber mit all deinem Wachen wirst du den Vater nicht wieder ins Leben zurückrufen.« Der jüngste Bruder wurde über diese lieblose Rede noch betrübter und verließ mit Thränen in den Augen das Gemach.
Auf dem Grabe des Vaters war Alles ruhig, wie gestern Nacht, nur die Grille zirpte im Grase. Damit er nicht einschliefe, ging er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte wohl Mitternacht sein, die Hähne hatten schon zweimal gekräht, als eine klagende Stimme aus dem Grabe sich vernehmen ließ:
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet Groben Kiessand auf die Augen, Schwarze Erde auf die Brauen?«
Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:
»Das ist ja dein jüngster Knabe, Dessen Schritt ist's, der da schüttet Groben Kiessand auf die Augen, Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte weiter, warum keiner der älteren Brüder gekommen sei, und der jüngste entschuldigte sie, sie seien von dem Tagewerk zu ermüdet, um zu wachen.
Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth, darum werde ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit kommen, wo du dir einen noch besseren Anzug wünschen wirst, als den, welchen du dir gestern verdient hast. Dann tritt nur dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _zweite_ nächtliche Wacht!« Sofort wirst du einen prächtigeren Anzug und ein schöneres Pferd erhalten, so daß die Leute ihre Augen nicht von dir wegwenden mögen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«
Mit Tagesanbruch ging er von der Grabeswacht nach Hause, fand die beiden älteren Brüder noch schlafend, frühstückte etwas, um sich zu stärken, streckte sich dann auf die Ofenbank hin und schlief, bis die Sonne schon etwas über Mittag stand.
Als am Abend die Zeit wieder herannahte, fragte er die Brüder, wer von ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde? Sie lachten und antworteten spöttisch: »Wer die wohlfeile Arbeit zwei Nächte gethan hat, der kann sie auch die dritte Nacht thun. Der Vater wird aus seinem Grabe nicht davonlaufen, und noch weniger werden die Leute kommen, ihn zu stehlen. Wäre er noch bei vollem Verstande gewesen, so hätte er einen Wunsch dieser Art gar nicht geäußert.« Der jüngste Bruder war sehr betrübt über ihre lieblose Rede, und ging wieder mit thränenden Augen davon.
Auf dem Grabe des Vaters war Alles still, wie die beiden Nächte zuvor, nur die Grille zirpte im Grase, und die Schnepfe[66] meckerte unter hohem Himmel. Um nicht einzuschlafen, ging der Grabeswächter leisen Schrittes auf und ab. Es mochte Mitternacht sein, die Hähne hatten schon zweimal gekräht, da rief wieder die klagende Stimme aus dem Grabe:
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet Groben Kiessand auf die Augen, Schwarze Erde auf die Brauen?«
Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:
»Das ist ja dein jüngster Knabe, Dessen Schritt ist's, der da schüttet Groben Kiessand auf die Augen, Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte wieder, weßwegen die älteren Brüder nicht gekommen seien, und erhielt dieselbe Antwort wie gestern.
Aber des Vaters Stimme hob wieder an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth, ich will dir den deinigen nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit kommen, wo du an dir selbst erfahren wirst, daß der Mensch, je mehr er hat, desto mehr begehrt. Einem guten Sohne aber, der seinem Vater auch nach dem Tode noch Liebe erwies, müssen alle Wünsche erfüllt werden. Anfangs wollte ich meine verborgenen Schätze unter deine Brüder theilen, jetzt bist du mein einziger Erbe. Wenn dir deine prächtigen Kleider und Pferde, die ich dir für die erste und zweite nächtliche Wacht zum Lohne versprach, nicht mehr gefallen, so tritt dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht!« und augenblicklich wirst du die allerprächtigsten Kleider und die allerkostbarsten Pferde erhalten. Alle Welt wird mit Bewunderung auf dich blicken, deine älteren Brüder werden dich beneiden und ein großer König wird dich zum Schwiegersohne wählen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«
Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter nach Hause und dachte bei sich selbst: so eine Zeit wird für mich Armen wohl niemals kommen. Als er dann ein wenig gefrühstückt hatte, um sich zu stärken, streckte er sich auf die Ofenbank, schlief ein und erwachte erst, als die Sonne schon in den Wipfeln des Waldes stand.
Während er schlief, sprachen die älteren Brüder untereinander: »Dieser Nachtwacher und Tagschläfer wird uns nie zu was nützen, wozu füttern wir ihn? Wir thäten besser, das Futter einem Schweine zu geben, das wir zu Weihnacht schlachten können.« Der älteste Bruder setzte hinzu: »Werfen wir ihn aus dem Hause, er kann vor fremder Leute Thüren sein Brod betteln.« Da meinte aber der andere, das würde doch nicht gut angehen, und würde ihnen selber Schande bringen, wenn sie, als wohlhabende Leute, den Bruder betteln gehen ließen. »Lieber wollen wir ihm die Brosamen von unserm Tische hinwerfen, satt soll er nicht dabei werden, aber auch nicht Hungers sterben.«
Inzwischen hatte der Zauberer seinen Glasberg fertig geschmolzen, und der König hatte überall bekannt machen lassen, daß jeder junge Mann kommen dürfe, sich um seine Tochter zu bewerben, daß aber nur demjenigen die Jungfrau ihre Hand reichen würde, der zu Pferde oder auf eigenen Füßen den Gipfel des Glasberges erklimmen würde.
Der König ließ nun ein großes Gelage anrichten für alle die Gäste, die sich einfinden würden. Das Gelage sollte drei Tage währen; für jeden Tag wurden hundert Ochsen und siebenhundert Schweine geschlachtet, und fünfhundert Fässer Bier gebraut. Die aufgestapelten Würste ragten gleich Wänden, die Hefenbröte[67] und Kuchen bildeten Haufen, so hoch wie die größten Heuschober.
Die schlafende Königstochter wurde in ihrem Glaskasten auf den Gipfel des Glasberges getragen. Von allen Seiten strömten Fremde herbei, theils um das Wagestück zu versuchen, theils um das Wunder mit anzusehen. Der glänzende Berg strahlte wie eine zweite Sonne, so daß man ihn schon viele Meilen weit aus der Ferne erblickte.
Unsere alten Bekannten, die beiden älteren Brüder, hatten sich Festkleider machen lassen und gingen auch zum Gastmahl. Der jüngste mußte zu Hause bleiben, damit er in seinem elenden Aufzuge den schmucken Brüdern keine Schande mache. Aber kaum hatten sich die älteren Brüder auf den Weg gemacht, so ging der jüngste an des Vaters Grab, that, wie die Stimme ihn gelehrt hatte, und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _erste_ nächtliche Wacht!« -- In dem nämlichen Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein ehernes Roß da mit ehernem Zaum, und auf dem Sattel lag die schönste glänzende Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre es auf seinen Leib gemacht.
Um Mittag kam der eherne Mann auf seinem ehernen Pferde an den Glasberg, wo Hunderte und Tausende standen, aber kein Einziger war im Stande, auch nur einige Schritte den glatten Berg hinauf zu kommen. Der eherne Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein Drittel des Berges hinauf, als wäre es geschwendetes Land, kehrte dann um, grüßte den König und verschwand wieder. Manche Zuschauer wollten bemerkt haben, daß die schlafende Königstochter ihre Hand regte, als der eherne Mann hinaufritt.
Beide Brüder konnten am Abend nicht genug von der wunderbaren That des ehernen Mannes und seines ehernen Pferdes erzählen. Der jüngste Bruder hörte ihre Reden schweigend an, ließ sich aber nicht merken, daß er selber der Mann gewesen war.
Am andern Morgen gingen die Brüder mit Sonnenaufgang wieder fort, um die Gasterei nicht zu versäumen. Die Sonne stand in Südost, als der jüngste Bruder an das Grab des Vaters kam; er that nach der Vorschrift und sagte: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _zweite_ nächtliche Wacht!« In dem nämlichen Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein silbernes Pferd da mit silbernem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die prächtigste glänzendste silberne Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre es auf seinen Leib gemacht.
Am Mittag kam der silberne Mann mit seinem Silberpferde an den Glasberg, wo Hunderte und Tausende standen; aber kein Einziger war im Stande, auch nur einige Schritte auf den glatten Berg hinaufzukommen. Der silberne Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein gut Stück über die Hälfte den Glasberg hinauf, der für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein schien, kehrte um, grüßte den König und war gleich darauf wieder verschwunden. Heute hatten die Leute deutlich gesehen, daß die schlafende Königstochter bei der Annäherung des silbernen Mannes ihren Kopf bewegt hatte.
Die Brüder waren am Abend nach Hause gekommen, und konnten nicht genug Rühmens machen von des silbernen Mannes und seines Silberpferdes wunderbarer That, meinten aber doch zuletzt, es könne kein wirklicher Mensch sein, sondern Alles sei nur ein Zauberblendwerk. Der jüngste Bruder hörte ihren Reden still zu, ließ sich aber nichts davon merken, daß er selbst der Mann gewesen war.
Am andern Morgen waren beide älteren Brüder mit Tagesanbruch wieder fortgegangen. An diesem Tage hatte sich noch mehr Volks versammelt, weil heute die sieben Jahre und sieben Tage um waren, nach deren Ablauf die Königstochter aus ihrem langen Schlafe erwachen sollte. Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als der jüngste Bruder an des Vaters Grab ging. Er that nach der Vorschrift und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht.« In demselben Augenblicke, wo diese Bitte über seine Lippen kam, stand ein goldenes Pferd da mit goldenem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die schönste goldene Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre es auf seinen Leib gemacht.
Um Mittag kam der goldene Mann mit seinem Goldpferde an den Glasberg, wo Hunderte und Tausende standen, doch kein Einziger war im Stande, auch nur einige Schritte den glatten Berg hinaufzukommen. Weder der eherne Reiter noch der silberne hatten Spuren auf dem Berge zurückgelassen, der glatt geblieben war wie zuvor. Der goldene Reiter drängte sich durch die Menge, ritt den Berg hinauf bis zum Gipfel, und der Berg schien für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein. Als er oben angekommen war, sprang der Deckel des Kastens von selbst auf, die schlafende Königstochter richtete sich empor, zog einen goldenen Ring von ihrem Finger und gab ihn dem goldenen Reiter. Dieser aber hob die Jungfrau auf sein Goldpferd und ritt mit ihr langsam den Berg hinunter. Dann legte er sie in des Königs Arme, grüßte anmuthig und war im nächsten Augenblick verschwunden, als wäre er in die Erde gesunken.
Des Königs Freude könnt ihr euch leicht vorstellen. Am andern Tage hatte er, dem Rathe des weisen Mannes zufolge, überall bekannt machen lassen, daß der, welcher der Prinzessin goldenen Ring zurückbringen würde, sein Schwiegersohn werden sollte. Von den Gästen waren die meisten zur Nacht dageblieben, um zu sehen, wie die Sache ablaufen werde. Auch unsere alten Freunde, die älteren Brüder, waren darunter und ließen sich die Bewirthung trefflich munden. Aber ihr Erstaunen war nicht gering, als sie sahen, wie ein schlecht gekleideter Mann, in dem sie bald ihren verschmähten Bruder erkannten, an den König herantrat. Dieser Bettler trug in der That den Ring der Königstochter an seiner Hand. Da bereute der König seine Zusage, denn so etwas hatte er nicht ahnden können.
Aber der Zauberer sagte zum Könige: »Der Jüngling, den ihr seines schlechten Auszuges wegen für einen Bettler haltet, ist der Sohn eines mächtigen Königs, dessen Land weit entfernt liegt. Er wurde drei Tage nach seiner Geburt von einer bösen Frau des Rõugutaja[68] mit einem Bauernsohne vertauscht; dieser starb jedoch schon im ersten Monate, während der gestohlene Königssohn in einer Bauernhütte aufwuchs und seinem vermeintlichen Vater immer gehorsam war.«
Der König war durch diese Auskunft zufriedengestellt, und ließ einen großen Hochzeitsschmaus anrichten, der vier Wochen dauerte. Später vererbte er alle seine Reiche auf seinen Schwiegersohn. Sobald dieser nur die Bauernkleider abgelegt hatte, benahm er sich gar nicht mehr einfältig, sondern seinem Stande gemäß und als kluger Herr. Seine Einfalt war ihm ja nicht angeboren, sondern das böse Weib hatte sie ihm angethan. Sonntags zeigte er sich dem Volke in seiner Goldrüstung auf seinem goldenen Roß. Seine vermeintlichen Brüder waren vor Neid und Wuth gestorben.
[Fußnote 65: Die Situation und die Verse erinnern an den Besuch, den Kalews Sohn dem Grabe seines Vaters macht in der Nacht vor dem Tage, der darüber entscheiden sollte, welcher der drei Brüder einen Felsblock am weitesten schleudern und dadurch die Herrschaft über das Land erhalten werde. Kalewipoëg =VII=, 809 ff. L.]
[Fußnote 66: Der Laut, den eine kleine Schnepfenart (Becassine) beim Fliegen hervorbringt, klingt dem ehstnischen Ohr wie das Meckern einer Ziege. L.]
[Fußnote 67: S. Anm. zum Märchen vom Schlaukopf S. 108. L.]
[Fußnote 68: S. unten die Anm. zu dem Märchen 15: Rõugutaja's Tochter. L.]
14. Der dankbare Königssohn.
Einmal hatte sich ein König des Goldlandes[69] im Walde verirrt und konnte, trotz alles Suchens und hin und her Streifens, den Ausweg nicht finden. Da trat ein fremder Mann zu ihm und fragte: »Was suchst du, Brüderchen, hier im dunklen Walde, wo nur wilde Thiere hausen?« Der König erwiederte: »Ich habe mich verirrt und suche den Weg nach Hause.« »Versprecht mir zum Eigenthum, was euch zuerst auf eurem Hofe entgegenkommen wird, so will ich euch den rechten Weg zeigen,« sagte der Fremde.
Der König sann eine Weile nach und erwiederte dann: »Warum soll ich wohl meinen guten Jagdhund einbüßen? Ich finde mich wohl auch noch selbst nach Hause.« Da ging der fremde Mann fort, der König aber irrte noch drei Tage im Walde umher, bis sein Speisevorrath zu Ende ging; dem rechten Wege konnte er nicht auf die Spur kommen. Da kam der Fremde zum zweiten Mal zu ihm und sagte: »Versprecht ihr mir zum Eigenthum, was euch auf eurem Hofe zuerst entgegenkommt?« Da der König aber sehr halsstarrig war, wollte er auch dies Mal noch nichts versprechen. Unmuthig durchstreifte er wieder den Wald in die Kreuz und die Quer, bis er zuletzt erschöpft unter einem Baume niedersank und seine Todesstunde gekommen glaubte. Da erschien der Fremde -- es war kein anderer als der »alte Bursche« selber -- zum dritten Male vor dem Könige und sagte: »Seid doch nur kein Thor! Was kann euch an einem Hunde so viel gelegen sein, daß ihr ihn nicht hingeben mögt, um euer Leben zu retten? Versprecht mir den geforderten Führerlohn, und ihr sollt eurer Noth ledig werden und am Leben bleiben.« »Mein Leben ist mehr werth, als tausend Hunde!« entgegnete der König. »Es hängt daran ein ganzes Reich mit Land und Leuten. Sei es denn, ich will dein Verlangen erfüllen, führe mich nach Hause!« Kaum hatte er das Versprechen über die Zunge gebracht, so befand er sich auch schon am Saum des Waldes und konnte in der Ferne sein Schloß sehen. Er eilte hin und das Erste, was ihm an der Pforte entgegen kam, war die Amme mit dem königlichen Säugling, der dem Vater die Arme entgegenstreckte. Der König erschrack, schalt die Amme und befahl, das Kind eiligst hinweg zu bringen. Darauf kam sein treuer Hund wedelnd angelaufen, wurde aber zum Lohn für seine Anhänglichkeit mit dem Fuße fortgestoßen. So müssen schuldlose Untergebene gar oft ausbaden, was die oberen in tollem Wahne Verkehrtes gethan haben.
Als des Königs Zorn etwas verraucht war, ließ er sein Kind, einen schmucken Knaben, gegen die Tochter eines armen Bauern vertauschen, und so wuchs der Königssohn am Herde armer Leute auf, während des Bauern Tochter in der königlichen Wiege in seidenen Kleidern schlief. Nach Jahresfrist kam der alte Bursche, um seine Forderung einzuziehen und nahm das kleine Mädchen mit sich, welches er für das echte Kind des Königs hielt, weil er von der betrügerischen Vertauschung der Kinder nichts erfahren hatte. Der König aber freute sich seiner gelungenen List, ließ ein großes Freudenmahl anrichten, und den Eltern des geraubten Kindes ansehnliche Geschenke zukommen, damit es seinem Sohne in der Hütte an Nichts fehlen möge. Den Sohn wieder zu sich zu nehmen, getraute er sich nicht, weil er fürchtete, der Betrug könnte dann heraus kommen. Die Bauernfamilie war mit dem Tausche sehr zufrieden; sie hatten einen Esser weniger am Tische und Brot und Geld im Ueberfluß.
Inzwischen war der Königssohn zum Jüngling herangewachsen, und führte im Hause seiner Pflege-Eltern ein herrliches Leben. Aber er konnte dessen doch nicht recht froh werden. Denn als er vernommen hatte, wie es gelungen war, ihn zu befreien, war er sehr unwillig darüber, daß ein armes unschuldiges Mädchen statt seiner büßen mußte, was seines Vaters Leichtsinn verschuldet hatte. Er nahm sich daher fest vor, entweder, wenn irgend möglich, das arme Mädchen frei zu machen, oder mit demselben umzukommen. Auf Kosten einer Jungfrau König zu werden, war ihm zu drückend. Eines Tages legte er heimlich die Tracht eines Bauernknechtes an, lud einen Sack Erbsen auf die Schulter und ging in jenen Wald, wo sein Vater sich vor achtzehn Jahren verirrt hatte.
Im Walde fing er laut an zu jammern. »O ich Armer, wie bin ich irre gegangen! Wer wird mir den Weg aus diesem Walde zeigen? Hier ist ja weit und breit keine Menschenseele zu treffen!« Bald darauf kam ein fremder Mann mit langem grauen Barte und einem Lederbeutel am Gürtel, wie ein Tatar, grüßte freundlich und sagte: »Mir ist die Gegend hier bekannt, und ich kann euch dahin führen, wohin euch verlangt, wenn ihr mir eine gute Belohnung versprecht.« »Was kann ich armer Schlucker euch wohl versprechen,« erwiederte der schlaue Königssohn, »ich habe nichts weiter als mein junges Leben, sogar der Rock auf meinem Leibe gehört meinem Brotherrn, dem ich für Nahrung und Kleidung dienen muß.« Der Fremde bemerkte den Erbsensack auf der Schulter des Andern und sagte: »Ohne alle Habe müßt ihr doch nicht sein, ihr tragt ja da einen Sack, der recht schwer zu sein scheint.« »In dem Sacke sind Erbsen,« war die Antwort. »Meine alte Tante ist vergangene Nacht gestorben und hat nicht so viel hinterlassen, daß man den Todtenwächtern nach Landesbrauch gequollene Erbsen vorsetzen kann. Ich habe mir die Erbsen von meinem Wirthe um Gottes Lohn ausgebeten, und wollte sie eben hinbringen; um den Weg abzukürzen, schlug ich einen Waldpfad ein, der mich nun, wie ihr seht, irre geführt hat.« »Also bist du, aus deinen Reden zu schließen, eine Waise,« sagte der Fremde grinsend. »Möchtest du nicht in meinen Dienst treten, ich suche gerade einen flinken Knecht für mein kleines Hauswesen, und du gefällst mir.« »Warum nicht, wenn wir Handels einig werden,« antwortete der Königssohn. Zum Knecht bin ich geboren, fremdes Brot schmeckt überall bitter, da ist es mir denn ziemlich einerlei, welchem Wirth ich gehorchen muß. Welchen Jahreslohn versprecht ihr mir?« »Nun,« sagte der Fremde, »alle Tage frisches Essen, zwei Mal wöchentlich Fleisch, wenn außer Hause gearbeitet wird, Butter oder Strömlinge als Zukost, vollständige Sommer- und Winterkleidung, und außerdem noch zwei Külimit[70]-Theil Land zu eigener Nutznießung.« »Damit bin ich zufrieden,« sagte der schlaue Königssohn. »Die Tante können auch Andere in die Erde bringen, ich gehe mit euch.«