Eheglück: Roman

Part 7

Chapter 73,703 wordsPublic domain

Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde vorüber und er von seinen Abscessen und Magengeschwüren in die kleine Welt neben sich zurückkehrte, da er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen lächeln sah, daß neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre Pulse höher schlagen lasse. Er klopfte sie auf die Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale gefunden habe.

Da lachte sie hell, laut -- aus _ihrer_ intelligiblen Welt heraus.

* * * * *

Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem Tagewerk noch gegen Abend ein Stück spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage, da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe Glut gemildert ist, da es noch blüht und duftet, aber um Busch und Baum die Dämmerung schon frühe Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem Atem der Verwesung zu mischen beginnen, da die Sommerfäden zarten Silberhauch von Stamm zu Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte kühl sind und die Winde nicht mehr so warm.

Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch keine Palmengruppen und Springbrunnen, keine Festons von wildem Weine und keine Teppichbeete. Nichts von Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten Bastionen, nichts von Konzert- und Biergärten füllte ihre schattenreichen Gänge mit Lärm und übeln Dünsten. Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp von spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles ungepflegt und unverschnitten, versteckte Wandelgänge einfaßten, wo das Gras in die Wege hineinwucherte und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten, während unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen der Oder brausend einem Wehr entstürzten.

Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin und her gerissen, eilte fliegenden Schrittes den Stadtgraben entlang, nach dichterischem Ausdruck ringend, der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des inneren Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht eher befreien konnte, als bis sie diese Qual so hoch in sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft und Präzision geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr entgegen, ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig flatternde Wolken über die Sonne spannte und sie wieder mit fortführte, mit zitterndem Flügel ihre Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen Klagetönen sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten Genossen ihres Weges gab ihr doppelten Schwung der Empfindung und das wundervolle Gefühl des Zusammenhanges mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften, breitete Arme nach dem Himmel und kehrte wieder zurück nach ihrem Herzen, alles in ihr löste sich in ungestümes Verlangen nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück, morgen heißester Schmerz, der Seele Flügel löst und sie zu sich emporreißt in einem Rausch, der zugleich Wunsch und Erfüllung ist.

Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen? Da! -- wo die Sonne goldigen Flor zwischen die Stämme wob -- regte sich's dort nicht? Raschelte nicht ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige?

Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und loderte vor ihr auf, ihre Brauen versengend? Zitterte nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr Herz?

Und lag sie -- jetzt -- wirklich jubelnd, schluchzend an einem andern Herzen?

Elftes Kapitel.

Die Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Anfang Dezember machte Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt von sich reden. Es hieß, er müsse wegen politischer Umtriebe fliehen, wenn er nicht den Kopf verlieren wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein Mensch wußte wohin.

Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war Madame Gernoth zu Rhodes geeilt, wo sie das gleiche Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei lange zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und unerfreuliche Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich anderen Dingen zugekehrt, Rhode hatte lebhaft politisiert; die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch und regten die Gemüter gewaltig auf. Madame Gernoth war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda machte nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich unglaublich unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen, von einer krankhaften, krampfhaften Ausgelassenheit. Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl: Wandas Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich vor und verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts mehr galt. Ihre Tochter machte ihr überhaupt schweren Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit Kreowski begegnet und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt. Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen gehabt hätte! Später hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda hatte erst geleugnet, dann alles zugegeben. Dabei war dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur Sprache gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz erfahren, der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen waren die schlaflosen Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge ihr kostete. So, _so_ hatte sich eine Ehe gestaltet, auf die sie die frohesten Erwartungen gesetzt! _So_ suchte sich ihre Tochter zu helfen, zu trösten! _Das_ war das Resultat ihres harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des Vaters zu entziehen, daß sie nun neben einem andern Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete.

Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm, konnte sie deshalb noch keine für Rhode nehmen.

Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen aus der Mädchenzeit einer Frau, mühsam mit Stickereien beim Talglicht erworben, anzugreifen -- pfui! Sie den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen, sie gerade in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen Rechtschaffenheit, dem haushälterischen Sinn zu treffen -- thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und wenn sie hier auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von jener unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen Triebes, um so sicherer erkannte sie die Unwahrheit eines Solidaritätsgefühles, das einseitige Interessen solidarische nannte.

Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal im Leben seine Schleier über Abgründe breitet! Unter ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern und Scherzen -- wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge!

So auch hier.

Man saß zusammen, mutmaßte und folgerte, lachte und lächelte, und in der hellen Sonne, im traulichen Lampenschein, saßen zwischen den drei sich so nahe Stehenden Gespenster, die der eine nicht sah und die beiden andern ignorierten. Frau Florentine hatte plötzlich den Eindruck, als ob Wanda auch ihr etwas verheimliche, als ob eine Unruhe sie foltere, eine Niedergeschlagenheit sie drücke, die sich weder auf ihr Verhältnis zu dem Doktor noch auf diese unselige Liebelei bezöge. Diese jungen Frauen -- ob am Ende -- Jesus, das fehlte nun grade noch!

Gegen sieben wollte Madame Gernoth gehen, blieb aber und ließ sich von Rhode ein paar gelehrte Geschichten vormachen, Experimente, die damals neu waren, während Wanda sehr eilfertig das Abendbrot rüstete. Dann aßen sie zusammen und schließlich bat die Großmutter, Clärchen zu Bett bringen zu dürfen.

Es war erst halb acht, da man von Tische aufstand.

»Es ist mir sehr lieb, Mutter, wenn Du mir Clärchen abnimmst,« sagte Wanda hastig, »ich muß schnell noch mal zur Kleideranprobe.«

»Jetzt?«

»Ja.

Die Mädchen nah'n im Flittertand Mit bunter Bänder Wallen, Ach! wer giebt ein Festgewand, Dem Liebsten zu gefallen!

-- oder auch:

Und den goldgestickten Schleier Legt sie an, das Glanzgeschmeide, Zu des Tages hoher Feier Rauscht ihr Gang von stolzer Seide.

-- kurz gesagt: ich habe kaum mehr meine Blöße zu decken, und also addio! -- Kuß das Kind? Ja, mein Clärchen, mein kleines artiges Mädelchen.« Sie küßte das Kind mit der Heftigkeit irgend einer seltsamen Erregung.

Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken nicht gehen lassen, aber da kam es heraus, daß sie oft des Abends kleine Besorgungen mache oder ein Stück an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der Doktor in seinem Klub sei, und daß ihr noch niemals eine Unannehmlichkeit widerfahren.

Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel angelegt, küßte das Kind nochmals, sagte den andern: »In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und eilte fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes weg, der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte die Absicht gehabt, noch in eine politische Versammlung zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß er bisweilen abends zu Hause sei.

In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare Unruhe, er ging wieder in die Wohnstube, öffnete das Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen. Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen Schatten, die ein paar Öllämpchen auf den Schnee draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen. So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des Abends zu Hause zu bleiben. Er hatte sie am Flügel und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr gut aufgehoben geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein, einen Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt war. Jetzt machte er sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit sie noch oft spät auf die Straßen trieb, um irgend welche Lappalien einzukaufen.

Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das schon auf ihrem Arme eingeschlafen war, in das Schlafkabinett, in dem eine schmauchende Nachtlampe an Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen und zugleich monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach, mit der man übermüdetes kleines Volk zur Ruhe bringt, und sah dabei in Gedanken immerfort ihre Tochter mit schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne Ziel und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals die Kissen, deckte es zu und faltete die Hände, aber das Bild vor ihren Augen wich nicht.

»Beten, mein Clärchen!«

Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den Augen blinzelte, den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte. Doch die Großmutter, der Pünktlichkeit und Ordnung auch der höchsten Instanz gegenüber über alles ging, richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr die Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein.

»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit ganz verwirrt, schlug die Augen weit auf, legte die Fingerchen ineinander und sagte dann feierlich:

»Mein dunkles Herze lieb' Dich, Es lieb' Dich und es bicht --«

»Schon gut, schon gut!«

»Amen, gute Nacht, Großel.«

Und da schlief sie auch schon.

»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau und sah gramerfüllt auf das kleine Ding nieder. »Rechne es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie, mein Gott, behüte sie vor -- vor --«

Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt, nicht einmal vor Gott.

Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie stand auf, ließ das trübe Nachtlichtchen etwas höher aufflammen und wollte sich eben mit einem Strickzeug wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte sie zu schließen, öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und sah das Kleid, zu dessen Anprobe Wanda gegangen, fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb.

Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst nicht zu ihren Fehlern, sie war sogar wahrhafter und offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn sie hier die Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben: sie war gegangen, ihren Liebhaber zu treffen.

Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in den Stuhl und starrte vor sich hin. Ihr sonst noch regelmäßig schönes und keineswegs ältliches Gesicht sah aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes.

Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern, den Stuhl rücken, auf- und abgehen und endlich mit seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher Geruch verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin gezeigt und sie belehrt, wie man in einem Augenblicke den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft: in der Tiefe seines Herzens war ein Strom von Liebe für ihre Tochter -- aber der Mann verstand es nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben und diesem Strome herzustellen. Der Thor!

Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine Binde um seine Augen legte, seine Hände fesselte, seinen Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen Strom herzustellen. Ach -- sie wußte recht gut, was das war, sie hatte es selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster Achtung, den der Mann der Frau als einer ihm nicht Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche Dämon ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme der Liebe versiegen und die Funken lebendigen Lebens verlöschen läßt. Wenigstens war das die Meinung von Madame Gernoth. --

Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn beschwor, ihm alles rückhaltlos mitteilte?

Sie stand auf, zögerte -- und ließ es.

Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden, scheltenden Schwiegermutter.

Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam er, so kam er früh genug. Warum ihr Kind anklagen vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht war, auch wenn ihn tausend Gesetze ein Recht nannten? So wenigstens empfand sie.

Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit seiner Wünsche vor Augen zu halten, aber ihr Herz schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es verurteilte, zu verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten, wo ihr Schutz verheißen worden war.

Die Hälfte der Schuld lag auf ihm -- mochte er ihren Fluch tragen.

Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte sie sich, daß es so kalt geworden war. Es war zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber die Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen lag ein dünner, trockener Schnee, der im Mondschein schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und Laternenpfähle, Bäume und Sträucher, alle von buntem Rauhreif überzogen. Doch es sollte noch schöner kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen, das sich von der Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke den Strom entlang hinzieht. Dort, in geringer Entfernung von der Brücke, erhob sich ein anderer vom Festungswall stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm war die Begegnung verabredet.

Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter Weg, doch bei Vollmond sehr gut passierbar und verklärt von zauberhafter Schönheit. Unwillkürlich verlangsamten sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften, bleichen, doch alles zuckt in millionenfachem, buntem Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen Platanen, die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer die großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten wie glänzende Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume und traulichen Linden, die stämmigen Kastanien und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut wie die Flieder- und Goldregenhecken, wie die Reste dürftigen Grases und das niedrige Fichtengesträuch am Wege, wie Weg und Steg selber.

Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen und doch bunt überflimmerten Decke zogen ein paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven.

Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein Sommertag mit goldigen Lüften und prangendem Grün sich damit vergleichen ließe, so fremdartig, so märchenhaft schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre Liebe war, mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt.

Und da kam der Erwartete auch schon! In einen weiten, faltenreichen Burnuß gewickelt, die viereckige Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand, kam er ihr entgegen.

»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie in die Arme. Wie poetisch und romantisch das war, im Mondenschein über knisternde Stege durch den knirschenden, leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man geliebt werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß jeder Gedanke eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede Empfindung einem gehören, und versichern zu dürfen, wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie sie das Glück und der Glanz des Lebens sei.

Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus dem grellen Mondlicht in den Schatten der ehrwürdigen Alma Mater zu ducken, die fromme Jesuitenpatres erbaut, um verbotener Liebe Schirm zu gewähren.

»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er.

»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen gespielt, nach dem Himmel gesehen und immer an Dich gedacht. Und was Du?«

»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung abgehalten, ein Stück spazieren gegangen und mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an mich zu denken?«

»Über alles glücklich! Ewald hegt irgend einen großen Plan, ich glaube, er bildet sich ein, man könne Leute mit elektrischen Funken gesund machen -- das macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich oder macht mich zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er sieht mich, scheint es, überhaupt nicht mehr. Aber freilich, ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich, immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.«

»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich doch neue, süße, hohe Namen erfinden könnte. Dich zu ehren -- aber nun ist meine Phantasie zu arm. Viel, viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln, was andere vor mir gestammelt. Du über alles Geliebte.«

»Das ist das liebste, was ich höre.«

Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde die Unterhaltung schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch. Es war so langweilig, an diesen einsamen langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu singen. Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit, englische Gedichte zu übersetzen. Das war eine anmutige kleine Anstrengung, die sie unterhielt und davor bewahrte, zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu leicht von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen sie noch nicht kritisch genug war, so daß die Arbeit daran das Gefährliche, Gefühlen starke Wendungen zu suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der schwankenden Unruhe ihres Inneren abzog. Sie trug dem sanften und verständnisvollen Witold daher gern Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie ihre kleinen Diskussionen über ihren und den Urtext, die sehr ernsthaft und lebhaft geführt wurden und von denen man dann zu musikalischen überging.

Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine Melodie, die sie zu summen anfing, aus einer Mozart'schen Symphonie sei, Kreowski schwur auf Beethoven.

»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund wärest,« sagte er scherzend, -- »wir sind keine fünfzig Schritte mehr von meinem Hause -- wie hübsch, wenn ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den Klavierauszug oben -- und Du wärest geschlagen.«

Sie lächelte, und still gingen sie weiter. Leise sang sie die Stelle wieder. »Es ist nicht einmal ganz richtig so, es ist so: la -- la -- la -- lalala, lala.«

Da standen sie vor seinem Hause.

Sie zuckte an seinem Arm:

»Zeig mir den Klavierauszug.«

»Wirklich?«

»Was ist da auch Schlimmes!«

»Wanda --«

»Du willst wohl nicht?«

Er lächelte seltsam, sah sie an und flüsterte endlich:

»Ein Mann -- sagt da nicht nein.«

Sie zögerte einen Augenblick. »Ich komme bloß als guter Freund.«

»Hm, -- Du bist es aber nicht. Willst Du wirklich?«

»Ja.« Er gab ihr den Arm, an den sie sich leise lachend hing. »Ich glaube, das ist ein Abenteuer, wie?«

»Ja, es ist eins.«

»Ist das drollig. Weißt Du: ich habe mir immer schon gewünscht, einmal ein kleines Abenteuer zu erleben.«

Er drückte ihren Arm: »Leise, ganz leise. Und vorsichtig! Flur und Treppen sind finster --«

»Das seh ich wohl.«

»Halte Dich ganz fest an mich.«

»Ganz fest.« So stiegen sie hinauf, zwei sich wendende Treppen, auf die die Mondhelle des Himmels ein leises Dämmerlicht fallen ließ. Dann schloß er eine Thür auf. Als sie in dem dunkeln kleinen Vorzimmer standen, drückte er sie an sich und küßte sie heftig.

Es wurde ihr ein wenig schwül und, sich losmachend, sagte sie eifrig: »Mache Licht.«

Er zündete eine Kerze an und dann eine schlechtgeputzte messingene Öllampe; und er that es mit zitternden Händen, fahrig, unsicher.

Wanda merkte es nicht. Das Herz klopfte ihr ein wenig, denn was sie that, war nicht in der Ordnung, aber sie war mehr belustigt von ihrer Keckheit, als fassungslos. Mit der Harmlosigkeit eines genialen Kindes, das sie war, stand sie in der Stube des Mannes, den sie liebte und der sie liebte, und betrachtete das sehr einfache Möblement, die nicht sehr sauberen Gardinen, die Musikinstrumente und Lithographien, die an den Wänden hingen: eine Guitarre, ein Waldhorn, eine Geige in grünem Flanellbeutel, ein Tod Kosziuskos und Sobieskis Sieg über die Türken.

Indessen blätterte und suchte er in einem Noten-Folianten und schien nicht finden zu können, was er suchte. »Endlich! Da!« Er drehte sich nach ihr um und sah sie mit einem seltsamen Lächeln an, die, da es heiß im Zimmer war, eben den Mantel aufknöpfte. Er sprang hinzu und nahm ihn ihr ab. »Du bist so blaß,« sagte sie.

»Ja, mein Gott« -- und immer wieder mußte er eine rebellische Locke aus dem Gesicht schieben, die zu tief hineinfiel. »Ich -- ja -- ich werde das jetzt spielen. Siehst Du: Beethoven.«

»Ich bin geschlagen.«

»Soll ich spielen?«

»Aber natürlich.«

Er schlug den Deckel des kleinen Pianos auf, das in einem Winkel stand, stellte Notenbuch und Lampe darauf: »Ich kann es auswendig, aber -- damit Du Dich überzeugst,« sagte er heiser.

»Ja. Ach, Deine Lampe! Die muß Dir die Wirtin einmal blank putzen.«

»So?«

»Und dieser Staub hier! Du, Du, weißt Du, wie man das nennt: polnische Wirtschaft.« Sie lachte leise.

Er lächelte mit schmerzlicher Ironie.

»Man muß heiraten -- nicht wahr? -- man sollte -- -- hier ist die Stelle!«

»Fang nur an.« Und da spielte er, schlecht zuerst, mit klammen, zitternden Fingern danebengreifend, ausdruckslos; dann wunderschön, singend, schwellend, jubelnd, groß und edel.

Wanda Rhode hatte in einem Rohrlehnstuhl Platz genommen und hörte ganz verloren zu. Ihr kleines Abenteuer war beinahe feierlich, ja wirklich, es war feierlich, die Thränen traten ihr in die Augen, während sie auf die grün schablonierte Wand und den Sieg Sobieskis starrte. Als er aufschaute, war eine Pause zwischen ihnen.

»Spiel' jetzt was Lustiges,« sagte sie; »ich bin ganz traurig geworden, ganz traurig. Spiel' einen Krakowiak.«

»Gewiß.« Und er spielte. Er spielte glühend, er spielte seine ganze Leidenschaft in die Wirbel eines Nationaltanzes, sein ganzes heißes Mannesbegehren, das ihr harmlos-kecker Besuch heraufbeschworen.

Es zuckte Wanda durch alle Glieder, sie bewegte den Kopf nach der Melodie, fing an, sie mitzusingen und endlich mit den Füßen leicht den Takt dazu zu treten. Mit einem Mal brach er ab und sprang auf, auch Wanda erhob sich, Zärtlichkeit, Lust und Übermut sprühte aus ihren Augen. »Ich danke Dir sehr, es war schön. Und nun geh' ich wieder,« sagte sie.

Der Pole aber stürzte vor ihr nieder, umklammerte ihre Kniee und drückte den Kopf in die Falten ihres Kleides. »Du -- bist zu mir gekommen -- Du --«

»Steh' doch auf, Witold,« bat sie ängstlich.

Da stand er auf. »Liebst Du mich aber? Sehr!? Sehr?«

»Ich lieb' Dich sehr.«

Aber während sie sich an ihn lehnte, überkam sie ein Angstgefühl und eine heiße Unruhe, und sie suchte sich wieder los zu machen. »Laß mich, Witold.«