Part 5
Er zweifelte nicht im mindesten daran, daß sie alles aufbieten würde, ihm zu helfen, wenn sie könnte, zweifelte nicht, daß ihre Anhänglichkeit für ihn im Grunde genommen dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug. Ach! dieser kluge und geistvolle Mann täuschte sich bitter über ihre Empfindung, über ihre ganze Lebensstimmung. Er hatte keine Ahnung davon, daß Wanda zu den Naturen gehörte, die ermüdend und erlahmend in dem traurigen Einerlei eines ärmlichen Lebens, beständig umworben und neuerobert werden wollen, um wirklich besessen zu werden, die etwas von dem Idealismus anbetender Zärtlichkeit verlangen für die Hingabe ihrer Person und ihrer Ideale. Er nahm an, daß für Wanda eheliche Liebe Identitäts- und Solidaritätsgefühl sein müsse, wie er sich einredete, daß sie es für ihn war, für ihn, der ihr nichts von seiner Persönlichkeit geopfert und der immer nur genommen, wo sie gegeben hatte. Er ahnte nichts davon, daß sie sich in der letzten Tiefe ihrer Seelen fremd waren, daß Wanda nicht einen Funken mehr Verständnis oder Ergebenheit hatte für das, was ihn erfüllte, als er für ihre Interessen, ja daß in dieser Tiefe sogar ein unversöhnlicher, wenn auch ganz abstrakter Gegensatz lebte: Der zwischen Begreifen und Empfinden, zwischen Wissenschaft und Poesie.
Er glaubte einfach, daß sie ihn liebte und bereit sein müsse, alles für ihn zu opfern. Es war sein Unglück, daß er so oft etwas glaubte, was nicht war, daß er, die Schärfe seines Verstandes in einseitiger Richtung zuspitzend, in manchen moralischen Dingen so konventionell dachte, so auf der glatten Oberfläche blieb.
Die Naturwissenschaft war in den vierziger Jahren noch nicht das, was sie später wurde. Sie war noch eine tastende, schüchterne Disciplin, die noch keinen Einfluß auf das allgemeine Denken gewonnen, der Menschheit noch nichts von dem großen Positivismus geraubt hatte, der so bequem war. Man hielt noch auf »Systeme.« War es doch so verführerisch, die Welt sich wohlgeordnet und gut zusammengeklappt in die Tasche zu schieben und seiner Wege zu gehn. Freilich war es auch gefährlich; etwa, als wenn sich einer eine wohlverschraubte Granate in die Tasche steckt. Es giebt Momente, wo die schönsten Begriffe krepieren.
Zu den unerschütterlichen Voraussetzungen, die der Doktor hegte, gehörten seine Anschauungen über »das Weib.« Dieser Periode war das Weib etwas an sich, ein Typus, eine Summe von einigen Eigenschaften, die es dem Mann bequem und angenehm machten, und einigen andern, die als das Rätselvolle oder Launenhafte oder Unergründliche in Bausch und Bogen hingenommen wurden. Die Mühe, die Gesetze von Ursache und Wirkung, die man anfing auf Natur und Geschichte anzuwenden, auf das Weib auszudehnen, gab sich kein Mensch. Das Weib war eben reizend und tugendhaft und verständig oder es war das alles nicht. In jedem Falle war es ein der Leitung so dringend bedürftiges Geschöpf, daß es durchaus unter die Vormundschaft des Mannes gestellt und diesem die Verfügung über Besitz und Erwerb der Frau zuerkannt blieb. Das Weib war Mittel zum Zwecke »Mann« und an sich -- das Urbild der Schwäche.
Doktor Rhode hing mit Zärtlichkeit an seiner Frau und war sogar durchaus das, was man einen Gemütsmenschen nennt. Aber wir haben unsere stärksten, zartesten und wärmsten Empfindungen doch immer nur auf dem Boden unserer allgemeinen Anschauungen. Und so sehr Rhode seine junge Frau liebte, -- daß sie eine Person war, auf die er _alle Rechte_ habe, physische, seelische, materielle, moralische, das war ihm doch über allen Zweifel erhaben. Und weil es ihm nebenher durchaus zweifellos war, daß sie eine ebenso tugendhafte als schöne und begabte Frau sei, und daß eine tugendhafte Frau für ihren Mann alles thue, ihm alles hingebe, weder Geheimnisse, noch Besitztitel, noch irgend etwas neben ihm habe noch haben wolle -- begriff er auf einmal nicht, wie er so lange hatte zögern können, nach einer Hilfe zu greifen, die äußere, gesetzliche Mittel ihm ohnedies zuwiesen.
Und da mit einem Male holte er seinen Schlüsselbund und ein Brecheisen und ging völlig mit der heiteren Miene des guten Rechtes daran, die Klappe des Sekretärs zu öffnen. Es gelang mühelos, und ebenso leicht gaben das Schloß des Mittelverließes und das Vorhängeschlößchen an der Sparbüchse nach, aus der er mit einem Laut der Befreiung eine Handvoll Geld in die daneben stehende kleine Korbschwinge schüttete. Es waren übrigens zwei Dukaten und dreiunddreißig Thaler Silbergeld.
Eine Stunde später war das ersehnte Mikroskop in seinem Besitz.
Achtes Kapitel.
Den folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief von ihrem Gatten, der sich von den bisherigen auffallend unterschied.
Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht, wie es ihm ging, was für Krankheitsfälle er behandle, ob er gute oder schlechte Resultate bei seinen Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen in der Bekanntschaft, die sie etwa interessieren konnten, Fragen nach dem Befinden der Frauen und des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich und humorvoll.
_Dieser_ Brief hatte einen anderen Charakter. Er war von einer unruhevollen Zärtlichkeit, von Sehnsucht nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange und zu sehr entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen, frohen Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim auch wieder gefallen werde. Er enthielt außerdem eine tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der ehelichen Interessen, ja über den sakramentalen Charakter der Ehe, der das Gebundensein der Geister und Herzen heilige und alles, was sonst unerlaubt oder verletzend sei, in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet mache; eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern sogar von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete etwas Gedrücktes und Leidenschaftliches zugleich aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte ihm durchaus.
Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das stärkste bewegt war, noch mehr. Ihr Herz wurde von dem heftigsten Zwiespalt gefoltert. Pflichtgefühl und warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer starken jungen Empfindung nach der andern. Abwechselnd warf sie sich bald dem einen, bald dem andern Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit nicht mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend hätten wirken können, sondern noch verschärfend mit der Kraft leidenschaftlicher und phantasievoller Naturen, jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen. Denn es war ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie _einmal_ das Glück dichterischen Ausdrucks ihres Empfindens genossen, die Wallungen ihres Herzens in Versen auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und Lenau, sondern irgend einer Kraft in sich selber verdankte. Und obschon sie die merkwürdige, ihr zuerst geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft für den Ausdruck so groß sein kann, daß dieser die eigenen Empfindungen derartig übertreibt, daß er anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges, so kam es ihr doch gar nicht in den Sinn, Wendungen dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das dichterische Gesetz und verfuhr darnach.
Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur Verräterin werden. Madame Gernoth kam von einem Ausgange heim, als Wanda eben den Klang einiger Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und ab, wiederholte eine Zeile mit einer kleinen Abänderung, kehrte zur ersten Form zurück und trug das Gereimte schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden vor:
Klingende Weisen, tönet Über mir! Duftet, o Rosen! Schatten der Dämm'rung, versöhnet Grelle des Tags! Mit losen Duftigen Schleiern decket Angst und lastende Plage, All was die Seele schrecket: Not und ringende Klage. Ganz mit duftigem Schleier, Wallend in seliger Fülle, Mir zur einsamen Feier Holden Abends umhülle Dämmerung den grämlichen Tag!
Höher als strebende Mühen, Höher als alles Vollbringen, Stolz in der Tugend Erglühen, Höher als Kraft und Gelingen, Froher als heitere Feste, Jubelnder als das Entzücken Fröhlich gescharter Gäste, Glänzend in all ihrem süßen Elende wandelt in Wonne, Wandelt auf seligen Füßen, Leuchtender noch, als die Sonne, Liebe den blumigen Pfad.
Klingende Weisen, tönet Über mir! Duftet, o Rosen! Schatten der Dämmerung, versöhnet Grelle des Tags mit losen Duftigen Schleiern, denn selig Öffnen sich schimmernde Pfade! Über mir unwiderstehlich Himmlisches Wolkengestade! Und meine Seele, der Sonne Gleich, der einsam beglückten, Wandelt in jauchzender Wonne Wolkenhin, wo Entzückten Liebe schmücket den Pfad.
Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene voll von Zorn, Vorwürfen, Klagen und Leidenschaftsausbrüchen, deren Resultat aber doch war, daß Wanda versprach, dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben, in dem sie ihn endgültig verabschiedete.
Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse Stunden, schließlich bereitete er Wanda aber sogar eine gewisse Genugthuung und zwar nicht nur wegen des tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern -- wie sie nun einmal war -- wegen der geistreichen schriftstellerischen Leistung, die er nebenher bedeutete.
Und eine zugleich moralische und briefschreiberische Leistung war auch die Antwort, die sie ihrem Manne zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen, verschwieg der Brief alles, was zu verschweigen gut that, beantwortete das ethische Pathos des Doktors mit einigen passenden Wendungen ernsten Stiles, die mehr beistimmender als eingehender Natur waren, und gab launige Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über das Kind, die dem Doktor Freude machen mußten.
Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich selbst und die Klugheit ihrer Briefe, die sie sogar Frau Gernoth unterbreitete.
Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte und in korrekter Pflichterfüllung zufriedene Dame über das Verhalten ihrer Tochter empfand, war es ihr nicht ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe, in einem beständigen Stimmungswechsel zubrachte, in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau Florentine endlich die Abreise beschleunigen ließ.
Neuntes Kapitel.
Eine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein Vergnügen. Die Bediensteten, selbst von oben her schlecht behandelt, waren von der Kulanz mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen »Coupees« mit Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation wurde durch zugige Fenster besorgt; sich vor dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den Strahlen der die Wagen durchglühenden Sonne zu finden ebenso; Wartestuben und Perrons waren finster und zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das Reisen war kein Vergnügen, und es war außerdem eine Fährlichkeit. Die Notizen über umgeworfene Postwagen und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf die die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel Sicherheit rechnen konnten, wie heute auf gestrandete Fahrräder und abstürzende Alpenfexe.
Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen überhaupt endlich wieder zu haben, er atmete auch auf, sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen. In dem flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit des Perrons ein paar unsichere helle Streifen sandten, und durchrüttelt von einer Postfahrt von zwei und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das Resultat ihr Badekur gelten konnten, nicht viel zu merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere Augen und frischere Lippen und war -- ach! so unglaublich schön, schöner als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen.
Auch der Schwiegermama war der Aufenthalt bestens bekommen. »Potztausend,« rief er ihr zu, »Sie sind wieder jung geworden, Großel!« Nun, Madame Gernoth war achtundvierzig Jahr, man hört so etwas auch dann noch gern. Und damit nahm er ihr das sorgsam in Tücher gehüllte, schlafende Etwas ab, das sie auf dem Arm trug, während ein mürrischer Packträger sich des Handgepäcks bemächtigte, das die junge Frau hinauslangte.
»Gott sei dank, daß ich Euch wieder hab, ich hab es schon kaum mehr ausgehalten!« Und abwechselnd preßte er das schlafende Packet an sich, die junge Frau und ein klein wenig Madame Gernoth.
»Nun, was Sie anbetrifft, lieber Rhode,« sagte diese, »so sehen Sie nicht besonders gut aus.«
»Es war so heiß in der Stadt und ich habe viel gearbeitet.« Inzwischen wurde es in dem Tuche lebendig. »Mein Klärchen, bist Du denn munter, mein geliebtes kleines Mädel?«
Das Kind richtete sich auf und sah den Mann, der es trug, erschreckt an. »Kennt mich mein Klärchen nicht mehr?«
»Wenn wir nur erst aus dem Gedränge wären!«
Inzwischen schien sich die Kleine völlig ermuntert und besonnen zu haben.
»Der Papa!« sagte sie und legte die Ärmchen um seinen Hals.
»Sag' doch Papa das Verschen, das Du gelernt hast, das hübsche Willkommenverschen für Papa. ›Wir haben sieben, Klärchen, sieben echte.‹«
»Ach, laß sie doch,« bat Madame Gernoth. Aber Rhode sah das Kind zärtlich aufmunternd an.
Da versteckte es das Köpfchen an den Hals des Vaters, und ganz leise und verschämt, als mache es ihm eine Liebeserklärung, stammelte es:
»Wir haben sieben echte Rippen und fünf falße, und vierundzwanzig Wurbel.«
Dem Doktor traten die Thränen in die Augen vor Entzücken über diese Leistung und über die originelle Aufmerksamkeit seiner Frau, indes Wanda in ein helles Lachen ausbrach und Madame Gernoth mit einer Miene, die zugleich Mißbilligung und Stolz war, räsonnierte:
»Was sie dem Wurme alles beibringt, Rhode, das müssen Sie gar nicht leiden.«
Nachdem er die Schwiegermama mit ihrem Gepäck in eine und Frau und Kind in eine andere Droschke untergebracht hatte, war dem Doktor erst wohl. Er hielt das Kind auf seinem linken Knie und die Frau mit dem rechten Arm umschlungen, küßte beide abwechselnd und fragte wohl zehnmal, ob sie ihn noch lieb habe und ob sie gern wiedergekommen sei. Sie sagte immer ja und rührte sich nicht, halb froh und halb beklommen, wie sie war.
Zu Hause fand sie alles freundlich gesäubert, Gardinen und Decken blühend weiß, Rosen auf dem Tisch inmitten einiger appetitlichen kalten Schüsseln und ein Paar niedliche Hausschuhe als Willkommensgabe. Sie betrachtete alles mit den forschenden interessierten Blicken, mit denen wir uns, von einer Reise zurückkehrend, wieder heimisch machen, allerlei Dinge, die ein Teil von uns und uns halbfremd geworden sind, wieder in Besitz nehmend. Es war alles dürftig, aber es war ihr eigen und das kleine Königreich, in dem sie herrschte, und sie liebte jedes Stück daran, jede dieser bescheidenen Provinzen, die es ausmachten.
Mit einer Art Neugier lief sie in den beiden Vorderstuben hin und her, fing an von Salzbrunn zu erzählen, lachte und scherzte, schwatzte von den Wirtsleuten und ihrem dummen Jungen, der noch keine zwei Worte reden könne, von der Kaufmannsfrau aus Grünberg, die wie ein gemästeter Frosch aussähe, und einem Domherrn aus Brünn, den sie immer den Dompfaff oder Gimpel und seinen Rheumatismus den Gimpelschmerz genannt hätten:
»Du bist ja hold den Gimpeln Und heilest Gimpelschmerz,«
-- von den zwanzig Toiletten der Baronesse Neudorf, die eine so steife, langweilige Person gewesen sei, daß sie ihr den Spitznamen die Säule gegeben, und die wohl Goethe noch gekannt haben müsse:
»Kleid eine Säule -- Sie steht wie ein Fräule.«
Aber eigentlich brauchte man nicht Goethe gewesen zu sein, um einen solchen Vers zu dichten.
Dann machte sie sich über das Abendbrot her, behauptete, der Schinken, der nicht scharf genug gepökelt war, rühre seiner Blässe halber von einem Eisbären her, der sich ihn mürbe gedrückt, als er auf einer Eisscholle um den Nordpol Karussell gefahren, sprang dann auf und zeigte, wie die Polen den Mazurek tanzten und wie die Kolmeika.
»Die Kolmeika?« fragte er.
»O das ist auch so'n polnischer Tanz. Paß mal auf!
Die Kolmeika tanz ich gern Mit dem gewissen jungen Herrn, Doch am liebsten ist es mir Mit dem schönen Gard'off'zier.«
»Eine prachtvolle Hopserei und ein geistreicher Text,« sagte er lachend.
»Ach, da war ein Graf Borinski -- der tanzte das zum Küssen. Ein netter Mensch, der sich fürchterlich in mich verliebte. Als ich sagte, daß ich Frau Doktor Rhode wäre, wurde er ganz blaß und hat noch acht Tage lang vor unsern Fenstern getoggenburgert.
Und so saß er, eine Leiche, Eines Morgens da, juchhe!«
Sie lachte hell auf. Aber es war kein ganz freies, es war ein nervöses, fieberiges Lachen.
»Ach, fast hätte ich mein Mitbringsel vergessen!« Sie sprang wieder auf, suchte da und dort: »Die Tasche?«
»Die legt' ich ins Schlafkabinett« --
»Ach dort!« und rannte hinaus.
Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers kam, das von einer kleinen Nachtlampe weniger erhellt als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt war, blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie auf einmal die Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden ihres Lebens. Hier waren ihre drei Kinder geboren worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und Zuckungen wieder gestorben.
Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der Ekel, all die Pein dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit auf. Wie gräßlich der langsame Verfall, das wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes, das eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen Greise als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie gräßlich diese wächsernen, spinnenartigen Glieder, die sich in Krämpfen wanden, bis der Tod sie grauenvoll streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in der sie dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung gerungen. Und im nächsten Jahre eine dritte, diesmal eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft und Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der Tod dieses jungen Lebens, jäh, unerwartet, unter Zuckungen der blühende kleine Körper hingemordet von dem scheußlichen Würgengel Cholera.
Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser Schwelle erinnerte! Wie deutlich der Dunst von Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven verletzenden Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte und sich mit der Erinnerung an gellendes Geschrei, Stöhnen und Wimmern vermischte. Wie deutlich das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den Dämmer der schmauchenden Lampe fiel und die Bilder des Todes beleuchtete, indessen ihr eine krasse Kälte die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl war, als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht und zerrissen.
Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder streckte Natur ihre Hände nach ihr aus, verführerische, trügerische Hände der Zärtlichkeit und des Verlangens, um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen Körper schüttelte.
Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den Frauen zu gehören, deren Nerven ein zu gutes Gedächtnis haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern zu qualifizieren.
Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so -- dieses Glas, das sie Ewald mitgebracht -- und für das die Sparbüchse die Groschen erst noch hergeben sollte, die Frau Gernoth ausgelegt -- dieses Glas -- -- da in der Handtasche! So!
Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der Nachtlampe einen Augenblick hineinfallen. Es war ein schönes Krystallglas, das den gelblichen Schein dort glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben brach. Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in unserer Seele, die so schwach und zugleich so mächtig sind, fielen ihr die Zeilen ein:
»-- und Glanz und Wonne Umfluten strömend mich, Ich habe Dich gefunden, Und jauchzend lieb' ich Dich.«
Was mochte ihr Dichter jetzt eben treiben, wo weilen, wie ihrer denken? Vielleicht über seinen Kompositionen ihrer vergessen! Immerhin Glück genug -- indes sie ihn vergessen mußte über diesen »ehelichen Pflichten.«
Inzwischen saß Rhode mit glücklichem Lächeln am Tische. So, ganz so war sie als junges Mädchen gewesen: so sprudelnd, so übermütig und von dieser sieghaften, leuchtenden Schönheit, mit der sie ungezählten Herzen gefährlich geworden, mit der sie das seine entzündet und es eben von neuem in hellste Flammen gesetzt, so daß nur noch eins in ihm war: Zärtlichkeit und Verlangen nach ihr.
Wo blieb sie nur?!
»Wanda?«
»Ja.«
Blaß, niedergeschlagen, mit einem seltsamen Ausdruck auf den Lippen, trat sie herein, setzte das Glas vor ihn hin, sank auf einen Stuhl und brach in heftiges Schluchzen aus.
»Herr mein Gott, was ist Dir denn geschehen?«
»Nichts.«
»Nichts?! Du mußt doch einen Grund haben, sprich doch, rede doch!« drängte er zärtlich.
Da hielt sie nicht länger zurück.
Er legte die Hände auf den Rücken, trat ans Fenster und rang mit unsäglicher Qual und Bitterkeit.
»Ich will fort,« schrie sie. »Ich will wieder fort, ich will das nicht wieder!«
Welcher Fluch, einer heißgeliebten Frau mit seiner Liebe selbst zum Gegenstande der Furcht und des Grauens zu werden! Und was sollte er sagen? Als ob es sich nicht um Unabänderliches gehandelt hätte, nicht um etwas, in dem er machtlos war, in dem geknickter Mannesstolz, Mitleid, Wunsch, ihr alles zu Liebe zu thun, _nichts_ waren -- gegen den Willen der Natur! Was sollte er überhaupt nur sagen? Vielleicht, wenn sein Gemüt nicht belastet gewesen wäre mit diesem Eingriff in ihren kleinen Besitz -- so gern er diese Last wegräsonniert hätte mit der Wendung von der ehelichen Solidarität, sie war dennoch da und drückte ihn -- vielleicht, daß er dann gute, treue, würdige Worte zum mindesten gefunden hätte, die ihr das Unabänderliche erleichtert hätten!
Aber so fand er sie nicht.
Wanda schluchzte weiter.
»Fort! wieder fort möcht' ich!«
»Aber wenn ein Mädchen heiratet, weiß sie doch --«
»Nichts weiß sie. Nichts!«
Fort! Und ihre Gedanken kehrten zurück unter die grünen Laubgänge, durch die die Sonne golden leuchtete, ein sanfter Wind tausend Blütendüfte hauchte, das Rauschen und Murmeln plätschernder Quellen klang und die Liebe auf sie wartete, eine Liebe, an der alles Zartheit, unterdrückte Glut, alles Langen und Bangen, ein stilles frohes Miteinander der Seelen, ein lautloses Verstehen und süßes Begreifen war.
Als ob irgend eine Liebe der Welt ewig das alles bleiben könnte! Als ob Liebe nicht auf unser aller Wege in leuchtenden Feierkleidern träte, blumengeschmückt und die Hände voll seliger Gaben und, sobald wir sie nur an unser Herz genommen, Werkeltagsgewänder anlegte und Opfer über Opfer von uns verlangte für jedes überirdische Glück, das sie wie zum Geschenke uns gereicht!
Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke.
Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang, Sonnenschein und junge Liebe vor ihr aufleben ließ, tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten Menschen diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten Augen und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken auf, mit den festgeschlossenen Lippen, die sich gewöhnen müssen, die Enttäuschung, den Harm und die Sehnsucht zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen« begegnete.
Ehelos durch das Leben gehen -- nein, das war das Entsetzlichste. Das war noch entsetzlicher als Kinder gebären und wieder begraben. Das dünkte ihr so schrecklich, daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele dem unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte. Welcher Mann wäre nicht aus dem Geliebten endlich der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf der Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört, die verdirbt, um zu schaffen, und den sonderbare Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten und barmherzigen Gottes nennen!
Gleichviel: es war so.
»Ewald!«
»Wanda.«